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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

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ZElTSClllMlT 



FÜR 



DEUTSCHE PHILOLOGIE 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



Dr. ernst HÖPFNER und Dr. JUUUSi ZACHER 

TROVINZIALSCHULUAT IN KOBLENZ PROF. A. D. UNrV'EßSiTÄT ZU lliU.LE 



5' 



ACHTER BAND 



HALLE, 

VEELAG DEK BUCHHANDLUNG DES \VAiM;^H^\l;b±.t 

187 7. 



Pf 

Sc/, s 



YERZEICIINIS DER BISHERIGEN MITAEBEITEE. 



Prof. dr. Arthur Arne hing in 

Freiburg, f 
Prof. dr. (Je. Andresen in Bonn. 
Prof. dr. Aug. Ans chütz in Halle. f 
Gymnasiall. dr. 0. Ap elt in Weimar. 
Oberl. dr. A. A r n d t in Frankfurt a. 0. 
Director prof. dr. J. Amol dt in 

Gumbinnen. 
Gymnasiallehrer dr. Richard Ar- 

noldt in Elbing. 
Professor Bauer in Freiburg i. B. 
Professor dr. F. Bech in Zeitz. 
Professor dr. E. Bernhardt in 

Erfurt. 
Schulrat dr. H. E. Bezzenber- 

o^er in Merseburg. 
Dr. A. Bezzenberger, privat- 

docent in Göttingen. 
Prof. dr. A. Boretius in Halle. 
Director dr. Ludw. Bossler in 

Bischweiler. 
Dr. Boxb erger in Strehlen bei 

Dresden. 
Dr. J. Brakelmann in Paris, f 
Prof. dr. H. Brandes in Leipzig. 
Franz Branky in Wien. 
Prof. dr. W. Braune in Leipzig. 
Prof. dr. Sophus Bu gge in Chri- 

stiania. 
Prof.dr. W. C r e c e 1 i u s in Elberfeld. 
Prof. dr. Berthold Delbrück 

in Jena. 
Gymnasiallehrer Dr. Dittmar in 

Magdeburg. 
Gymnasiall. dr. B. Döring in Leip- 
zig. 
Oberlehrer Friedr. Drosihn in 

Neustettin, f 
Gymnasiallehrer dr. Osk. Erd- 
mann in Königsberg. 
Geh. Staats -Archivar dr. E. FrieÄ^- 

länder in Berlin. 
Dr. Hugo Gering, privatdocent 

in Halle. 
Professor dr. Ge. Gerland in 

Strassburg. 
Oberlehrer dr. G om b e r t in Gross- 

Strehlitz. 



Gymnasiallehrer dr. R. G o 1 1 s c h i c k 

in Charlottenburg. 
Redacteur H. Gradl in Eger. 
Dr. Justus Grion, director des 

lyceums in Verona. 
Oberlehrer dr. Haag in Berlin. 
Pfarrer dr. Th. Hansen in Lun- 

den i. Dithmarschen. 
Gymnasiallehrer Dr. Ignaz Har- 

czyk in Breslau. 
Director prof. dr. W. Hertzberg' 

in Bremen. 
Prof. dr. Moriz Heyne in Basel. 
Dr. Karl Hildebrand, privat- 
docent in Halle, f 
Prof. dr. Eud. Hildebrand in 

Leipzig. 
Prof. Val. Hintner in Wien. 
Dr. S. Hirzel, buchhändler in 

Leipzig, f 
Schulrat dr. Ernst Höpfner in 

Koblenz. 
Dr. R. Holt heuer in Delitzsch. 

Prof. dr. A. Hueber in Innsbruck. 

Oberlehrer dr. Oskar Ja nicke 
in Berlin, f 

Dr. E. Jacobs, archivar u. biblio- 
thekar in Wernigerode. 

Dr. E. Jessen in Kopenhagen. 

Dr. F. Jonas in Arolsen. 

Dr. Friedr. K ei nz, k. Staatsbi- 
bliothek - secretär in München. 

Prof. dr. Ad albert von Keller 

in Tübingen. 
Buchhändler Alb. Kirchhoff in 

Leipzig. 
Gymn asiallehr er dr . Karl K i n z e 1 

in Berlin. 
Dr. H. Klinghardt in Gumperda 

bei Kahla. 
Prof. dr. C. Fr. Koch in Eisenach.f 

Gymnasiallehrer dr. A r t u r K ö h - 
1er in Dresden, f 

Bibliothekar dr. R e i n h o 1 d Köh- 
ler in Weimar. 

Dr. Eugen Kölbiug, privatdo- 
cent in Breslau. 



VI INHALT 

Vermischtes. 

Seile 

Bericlit über die tätigkeit der deutsch -romanischen abteilung der XXXI. phi- 

lologenversamlung zu Tübingen. Von A. v Keller 243 

Zu Ecbasis v. G9 ff. Von J. Zacher 374 

Pri'isaufgabe der historisch -philologischen klasse der königl. dänischen akade- 
mie der Wissenschaften für 1877 493 



Litteratur. 

Altdeutsches Wörterbuch von Oskar Schade, angez. von K. Zacher 110 

August Lehmann, Forschungen über Lessings Sprache, angez. von 0. Apelt 118 
Baumstark, Urdeutsche Staatsalterthümer. Derselbe, Ausfüteliche Erläu- 
terung des allgemeinen Teils der Germania des Tacitus. Taciti Germania 

herausg. von Demselben, angez. von J. Mähly 248 

Ulrich von Eschenbach, Wilhelm von Wenden, herausg. von W. Toischer, 

angez. von K. Kinzel 349 

0. Lücke, absolute participia im gotischen, angez. von E. Bernhardt 352 

Quellen und Forschungen herausg. von B. Ten Brink, W. Scher er, E. Stein- 

mej^er. Heft 1 — 12. Angez. von Fr, Seiler 354 

Seb. Francks erste namenlose sprichwörtersamlung , herausg. von Fr. Laten- 

dorf , angez. von A. Lübb en 375 

Die lieder der älteren Edda, herausg. von Karl Hildebrand, angez. von 

H. Gering 483 

W. Wilmanns, Beiträge zur erklärung und geschichte des Nibelungenliedes, 
angez. von E. v. Muth 485 



Register von K. Zacher 494 



DER GOTISCHE OPTATIV. 

Dass der in der Überschrift bezeichnete gegenständ für das Ver- 
ständnis der gotischen bruchstücke und für die geschichte der deut- 
schen spräche fiberliaupt von besonderer Wichtigkeit ist, wird niemand 
leugnen. Au einer ausreichenden darstellung desselben hat es bisher 
gefehlt, denn selbst die eingehendste der vorhandenen, die von A. Köh- 
ler in Bartsch, Germanistische Studien I. Wien 1872, hat manch 
durchgreifendes gesetz übersehen und ist wegen ihrer wenig übersicht- 
lichen anordnung schwer zu gebrauchen. Somit halte ich es für gerecht- 
fertigt, wenn ich mit einem solchen versuche hervortrete; zugleicli 
möge derselbe als probe einer gotischen grammatik dienen, welche ich 
im anschluss au meine kürzlich erschienene ausgäbe Vullilas zu bear- 
beiten denke; natürlich wird in der grammatik manches in gedrängte- 
rer form zu geben sein. 

Gerade diesen teil der syntax vorweg zu nehmen bin ich durch 
die dankenswerten Untersuchungen Erdmanns über die syntax 'Otfrieds 
angeregt Avorden. Die hauptergebnisse standen mir schon seit langer 
zeit fest; ich habe sie mit freude durch Erdmanus beobachtungen an 
Otfried bestätigt gesehen. 

Meine darstellung beschränkt sich auf den gotischen gebrauch des 
Optativs und den vergleich desselben mit dem althochdeutschen. Das 
Verhältnis zu der griechischen vorläge ist durchweg berücksichtigt, wie 
dies bei allen grammatischen Untersuchungen über das Gotische gesche- 
hen muss; jedoch wird sich zeigen, dass der einfluss des griechischen 
gebrauchs auf die wähl des modus im Gotischen gering gewesen ist. 
Somit wird sich auch hier wider ergeben, dass die gotische spräche 
schon zu festem s^mtaktischem baue gelangt war, als Vulfila sein 
werk unternahm. 

Der gotische optativ ^ hat zu den ursprünglichen functionen des 
Optativs noch die des conjunctivs übernehmen müssen. Wollen wir für 
seine verschiedenen anwendungen einen gemeinsamen ausdruck finden, 
so wird dies nur der sein können, dass der optativ die aussage als 

1) Diese bezeichnuug — nicht conjunctiv — ziehe ich aus mehrfachen grün- 
den jezt vor, namentUch weil aus dem optativ der indogermanisclien Ursprache der 
gotische modus der form nach hervorgegangen ist. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. \^^. 1 



BERNHARDT 



behaftet mit einem „raaugel an objectiver tatsächlichkeit" hinstellt; es 
findet ein siibjectiver auteil des redenden von grösserer oder geringerer 
stärke statt, durch welchen sich die aussage als wünsch, geheiss, Ver- 
mutung , oder annalime darstellt. Der optativ der nebensätze lässt sich 
nicht immer mit Sicherheit auf eine dieser kategorien zAirückfiihren und 
wird nicht selten eben durcli die grammatische abhängigkeit vom haupt- 
satze bedingt. Schon deshalb empfiehlt sich, die anwendung des Opta- 
tivs in nebensätzen von der im hauptsatze gesondert zu betrachten. 

A. Der oi)tatiy im liaui)tsatze. 

I. Der wünschende optativ. 

• 

Diese, wie es scheint, ursprüngliche anwendung des optativs 
findet sich im Gotischen an folgenden stellen, wo im Griechischen meist 
der optativ des aorist steht: 

Köm. XY, 5 giip gihai {Scinj) isvis pata sarno fraßjan; 13 gup 
fulljai {Tch]QV)oai) isvis allaizos faliedais ; I. Th. III, 11 süha gup jali — 
lesus garaihfjai {zaTevS-vrat) vig unsarana du isvis. Vgl. ferner 12. 
V, 23. II. Th. II, 16. 17. III, 5. IG. IL Tim. I, 16. 18. Pliilem. 20. 
Ebenso ist auch Lei, 38 sai pivi franjins , vairpai (yevoiTo) mis hi 
vaurda peinamma zu verstehen , jedoch mit etwas abgeschwächter kraft 
des Wunsches; der optativ bezeichnet ,,ein sich gefallen lassen/' vgl. 
Krüger Gr. Spr. § 54, 3 a. 2. Einmal hat dieser optativ die rätselhafte 
wuuschpartikel vainei bei sich: Gal. V, 12 vainei jali usmaitaindau pai 
droljjandans isvis (ocpelov y,cd aTcov.oxpovTaL). Mit der negation ist der 
optativ des Wunsches in der häufigen formel ni (nis) sijai (inrj yevoLTo) 
verbunden Lc. XX, 16. Rom. VII, 7. 13. IX, 14. XI, 1. 11. GaL 
II, 17, vergleiche auch Gal. VI, 14 mis ni sijai livopan (efj.ol /iirj 
yevoLTo yMvyäo&ai). So auch in der Verwünschung Mc. XI, 14 ni 
panaseipjs us Jms aiv manna ahran matjai (cpayoi). 

Ist der wünsch mit dem bestirnten gefühl verbunden, dass seine 
Verwirklichung nicht zu erwarten sei, so tritt der optativ des Präteri- 
tum ein, worin die bedeutung der Vergangenheit erloschen und nur der 
gegensatz zur gegenwart und Wirklichkeit festgehalten ist; hierüber 
wird unten bei den bedingungssätzen nochmals zu handeln sein. Hier- 
für finden sich zwei beispiele, beide mit vainei: I. C. IV, 8 ju sadai 
sijujj ; ju gahigai vaurjnip; inu uns piudanodedup ; jah vainei piudano- 
dedeiPy ei jah veis isvis mipjpiiidanoma (pcpeXov sßaGilevaaTe) ; IL C. 
XI, 1 vainei usjmlaidedeip meinaisos leitil hva unfrodeins; ahei jali 
uspndaip mih (ocfelov avar/eod-e); hier ist die form der nichtwirklich- 
keit ausdruck der bescheidenheit. 



D^R GOTISCHE OPTATIV 3 

TL Adhortativus. 
a. Griechischem imperativ (conjunctiv) entsprechend. 

Der adhortative optativ des Gotischen vereinigt, wie es scheint, 
in sich functi(.uien des iirsprüngliclien conjunctivs (vgl. griechisch Ttoiri- 
oiouev, /in) ;ron]ot]g) und Optativs, welcher leztere nach Jolly (Ein Kapi- 
tel vergleichender Syntax s. 49) z. b. im Zend vom wünsche zur bitte 
und zum allgemeinen geböte sich erweitert zeigt. Wenn im Goti- 
schen und Ahd. die präteiitopräsentia und visan des Imperativs ganz 
entbeliren , weil erstere ihrer ableitung nach einen vollendeten zustand 
ausdrücken, auf welchen das eigne bestreben ihres trägers keine ein- 
Avirkung mehr übt, lezteres etwas zuständliches bezeichnet, so kann 
die aufforderung nur die gestalt eines Wunsches annehmen (Erdmann 
s. 14); sijais, Imnneip, nmneij>, (jamoteima sind also im gründe wün- 
schende Optative. Eine ausnähme bildet ogs, das jedoch aus ogcis ent- 
standen zu sein scheint, vgl. Grimm Gr. I s. 853 ; jedenfalls hatte es 
zu VulHlas zeit imperativische bedeutung, da ogeis (vileis ei ni ogeis 
valilufni Rom. XIII, 3) daneben bestand. Der plural lautet ogeip 
(Mt. X, 28. 31. Lc. II, 10). 

Während sich im Ahd. der adhortativus auf die dritte person und 
die zweite des v erb um sin und der präteritopräsentia beschränkt (Erd- 
mann s. 13 fgg.), hat er im Gotischen ein viel weiteres feld. Der impe- 
rativ ist zu jedem befehle geeignet, sowol dem sofort auszuführenden 
und an eine bestimte person gerichteten, als zu dem sich auf die 
Zukunft beziehenden und der dauernden allgemeinen Vorschrift ; aber auf 
lezterem gebiete macht ihm der adhortativus eine siegreiche concurrenz. 
Somit entspricht, wie schon Lobe Grammatik § 186 richtig angibt, 
griechischem imperativ des aorist gotischer imperativ, griechischem 
imperativ präsentis gotischer adhortativ; auch die doppelten lateinischen 
formen ania-amato, amate-amatote lassen sich vergleichen. Das gesagte 
gilt jedoch nur für die zweite person des nicht verneinten imperativs; 
in der dritten person überwiegt, obwol die Imperativformen noch vor- 
handen sind, bei weitem der adhortativus, auch in Verbindung mit der 
negation ist der adhortativus viel häufiger als der imperativ. Über die 
erste person des plurals s. unten. 

1. Zweite person im gebot. 

Den adhortativus unterscheidet vom imperativus zunächst, dass 
jener eine erst künftig , nach dem eintritt von Voraussetzungen zu voll- 
ziehende handlung, dieser, wenigstens, wenn er zum adhortativus in 
gegensatz tritt, das früher auszuführende bezeichnet. Lc. IX, 4 in 

1* 



BERNHARDT 



panci yard gaggaip, par saljij) (inh'aTe), jah papro usgaggaip (i^^Q- 
XaoÜt); XVII, 3 jahai fravaiirJcJai hropar Jjchis , gasaJc (eTTLiiLir^oov) 
imma , jah pan, jahai idrclgo siJc, fraletais (ciq>€g) imma; Mc. VII, 14 
hauseip (cr/.oioara) mis aUai jah fraj)jaij) (oursTe); XI, 2. 3 gaggats 
(vTTciyeTs) in haiui — Jah higitats fulan — ina attiuhats (cr/dysTe), 
jah jahai Inas iggciis (2ip(ii — (jipaifs {eiiTcae), vgl. auch XIY, 13 — 15; 
IC. XVI, 10 jahai qimai at isvis Teimanjjaius , saihvip>, ei unaganäs 
sijai at izris — 11 — insandjaip (TrQOjrejml'aTe) ina in gavairpi. 

Ohne solchen gegensatz zum imperativ kann der adhortativus 
stehen , wenn die Vollziehung der aufforderung von bedingungen abhän- 
gig gemacht ist: Lc. IX, 5 (Mc. VI, 11) sva managai sve ni andni- 
maina izvis, usgaggandans us Jnsai haurg jainai , jah midda af fotum 
izvaraim aflirisjaip (r/.Tti'a^ars) , vgl. X, 10; Col. IV, IQ pan iissigg- 
vaidau af izvis so aipistatdej faiijaip {jianqoaTe) ei jah in Laudehaion 
ail'klcsjon iissiggvaidau, jah poei ist us Laudeikaion, jus ussiggvaid 
{avayviOTa) jah qijjaij) (aYrrare) Arläppau. 

Aus der bedeutung des bedingten und zukünftigen entwickelte sich 
sodann die der für alle fälle geltenden, der dauernden Vorschrift. Hier- 
für ist bezeichnend I. C. XI , 24 qap: nimip matjip {laßere qdyeTa) — 
pafa vaurhjaip (Ttoielva) du meinai gamundai, also in Übereinstim- 
mung mit dem Griechischen. Oft aber stand im Griechischen der impe- 
rativ des aorist, wie Rö. XIV, 13 ni panamais nu uns misso stojaima, 
ak pata stojaip (/.giiaze) mais; Lc. III, 8 vaurkjaip (7xou]Gcaa) nu 
akran vairpata idreigos; XVI, 9 taujaij) (TtoLriGaze) izvis frijonds us 
faihupraihna invindipos; Jh. VII, 24 ni stojaip hi sinnai, ak po 
garaihfon staua stojaipj (y.QivaTs); Mt. V, 42 pamma hidjandin pjuk 
gihais {dog), vgl. VII, 13. X, 27 u. s. w. Freilich sind auch die stel- 
len nicht gerade selten, wo gotischer imperativ, der eben jeden befehl 
auszudrücken dienen kann, eine dauernde Vorschrift bezeichnet, wie 
Lc. VI, 29. 30 pamma staufandin puk hi kinnu galevei {rcuQaxe) imma 
jah anpara; 30 hvammeh pan hidjandane puk gif (öidov), während 27 
vaila taujaid (yMlojg noieiro), 28 piujjjaip (evloyelze), hidjaid {jiQooev- 
, xaod-e), 31 taujaid (rroialTa) der regel entsprechen, vgl. X, 9. So 
steht auch Lc. XVIII, 20. Mc. X, 19 sverai (zif^ia) attan peinana , wo- 
bei das zweideutige sverais vermieden werden solte. 

Oft steht im Griechischen ein imperativus präsentis von einer ein- 
maligen, sogleicli auszuführenden handlung, wo dann Vulfila sinngemäss 
nicht den Optativ, sondern den imperativ eintreten liess. So besonders 
bei dem häufigen vrtaya gagg, d/.o'Kov^ai jhol laistei afar mis und ande- 
ren Verben der beweguug; dagegen Mt. V, 41 jahai hvas puk ana- 
naujjjai rasta aiwx, gaggais (vnaya) mip imma tvos; Eph. V, 2. 8. 



DER GOTISCHE OPTATIV 



Col. IV, 5 gcuKialJ) (negi^taTUTe), vom lebenswandel , also in dauenuler 
Vorschrift.^ Eheuso heisst es stets prüfst ci Jmk (d^agasi), fag'ino (xalge). 
J3cmorkeiiswert ist, dass saihvan, gasaiJwan und (itsaihvan (ogars, 
ßlineit) nie im adliortativus stehen; nur I. C. XVT, lo \\^t\\ saihvaijt, 
A aher das walirscheinlieli richtige saihvip. Die momentane liandhing 
des seliens schien vielleiclit die dauer auszuschliessen , und so mochte 
der sprachgebraucli nur den imperativ gestatten. Nacli der Itala sclieint 
Lc. II, 29 geändert zu sein: nu fndetais {ctTtolveig , al)er 1) dhnitte, 
andere dimittas) sJcalJc peinana — in gavairpja. 

Die ül)ereinstimnuing mit dem Griechischen ist zwar überwiegend, 
aber, wie sich sclion aus den angeführten stellen ergeben hat, nicht 
durchgängig. Im Lucas z. b. steht der regel nach got. imper. für griech. 
iui}>er. aor. 77 mal, got. opt. für griech. imper. präs. 13 mal, daneben 
got. imper. für griech. imper. präs. 27 mal, got. opt. für griech. imper. 
aor. Gmal. Im Marcus, dessen fehlerhaftes Griechisch den unterschied 
der beiden imperative wenig beobachtet, steht 40 mal got. imper. für 
griecli. imper. aor., ziemlich ebenso oft got. imper. für griech. imper. 
präs., 4mal got. opt. für griech. imper. präs. und ebenso oft für den 
des aorist. In den beiden ersten episteln steht 12 mal got. imper. für 
griech. imper. aor., 5 mal für den des präseus, 21 mal got. opt. für 
griech. imper. präs. , 1 mal für den des aorist. Eigentümlicher weise ist 
in I. II. Tim. Tit. Vulfilas Sprachgebrauch nicht beibehalten; der adhor- 
tativus erscheint hier äusserst selten , meines wissens nur I. Tim. V, 
22. 23. VI, 11, und zwar an ersterer stelle nach vorausgeliendem ni 
mit Optativ, dagegen über 20 mal gotischer imperativ für g-riecliisclien 
imperativ des präsens in dauernder Vorschrift. Dies hat micli auf die 
Vermutung geführt, dass die pastoralbriefe nicht von Vullihi übersezt 
seien , wofür sich auch noch manche andere beweise anführen lassen. 

2. Zweite person im verbot. 

Das verbot (griech. fu] mit conj. aor. oder mit imper. präs.) wird 
im Gotischen in der grossen mehrzahl der fälle durch 7ii mit dem Opta- 
tiv gegeben, und zwar stellt dasselbe 20 mal für jtn'] mit conj. aor., 
37mal für ur> mit imper. präs. (Schulze Glossar ,s. 248). Dies erklärt 
sich daraus , dass durch den zusatz der negation die handlung von der 
Verwirklichung abgeschnitten und in das gebiet des gedachten versezt 
erscheint. Die stellen, wo der imperativ mit nl steht, sind wenig 

1) Auffallend ist Mt. IX, 13 gcKjQaip ganiuüp {nooei-.'/erTeg ud'HTt) Jivasijai: 
annahüirfißa vUjau jah ni hiuisl ; ganimiß .bezeichnet etwas sofort auszuführendes, 
gaggaip den danach einzurichtenden wandel : ..wandelt in der erkentnis." 



BEKNHAEDT 



zahlreich und entsprechen mit einer ausnähme griechischem imper. präs. 
Es konte nämlich die negation mit dem verbum zu einem begriffe 
zusammen gefasst und das eintreten der so bezeichneten handlung gefor- 
dert werden: Jh. X, 37 niha iaujau vaurstva aftins meinis, ni galcm- 
heip (in) ^iGTeiere) mis; ip jabai iaujau — paim vaurstvam galauh- 
jaip iTtoreiocae) ; ni galauheip = „seid immerhin ungläubig"; galauh- 
jaip, und nicht galauheip, steht Avegen der vorangehenden bedingung. 
Gewöhnlich enthält daher der imperativ mit ni die aufforderung eine 
schon begonnene tätigkeit aufliören zu lassen; vgl. Mc. XVI, 5. 6 atgag- 
gandeins in Jjafa lilaiv gasehvun juggalatip sitanäan — jah usgeis- 
nodcäun. jKWuh qap du im: ni faurliteip izvis; Lc. IX, 49. 50 
(Mc. IX, 39) Johannes qap: ialzjand, gaselivtim sumana ana J)eina)nma 
namin usdreihandan unhulpons jah varidedum imma — jali qap du 
im Jesus : ni varjip , ebenso in der erzählung von den kindlein Lc. XVIII, 
16. Mc. X, 14. Ebenso deutlich ist Lc. VIII, 52 gaigrotun pan 
allai jah faiflokun po. paruli qap: ni gretip. Dieselbe nebenbeziehung 
findet statt Jh. vf, 43. Lc. VII, 6. VIII, 49. 50. (Mc. V, 36). 
ßö. XL 18. 20. XIV, 20. wol auch L C. VII, 27. Dagegen Lc. VI, 30 
hvammuh pan hidjandane puk gif, jah af pamma nimandin pein ni 
lausei (in) an-afvei) und 37 7ii stojid (jLirj y.qIv£T£), ei ni stojaindau ist 
sie nicht erkenbar. Für (.u] mit conj. aor. steht nur einmal ni mit 
imperativ: II. Tim. I, 8 7U nimu shamai puJc veitvodipos fraujins unsa- 
ris {^irj eTTaioyvv&lq), wo die form sJcamai anstatt sJcamais gewählt 
scheint, um die Verwechslung mit dem indicativ zu verhüten. 

3. Dritte person. 

Die dritte person des gotischen Imperativs , von Uppström erkant, 
erscheint nur viermal und entspricht stets griechischem imper. aor.: 
Mt. XXVII , 32 (Mc. XV, 52) atsteigadau (^/.caaßuTco) nu af pamma 
gdlgin; 43 trauaida du gupa , lausjadau {qvodod^oj) nu ina, jabai vili 
ina; I. C. VII, 9 jahai ni galiahaina siJc^ liugandau (ya/tir^GaTcoGav). 
Offenbar sind diese formen im aussterben begriffen; in allen übrigen 
fallen ist der optativ dafür eingetreten; der an eine dritte person gerich- 
tete befehl schien offenbar weniger geeignet eine unmittelbare erfülluug 
hervorzurufen. 

4. Erste person des plurals. 

Hier sind die Imperativformen auf am überwiegend, nur in den 
zehn ersten kapiteln des Lucas und in den episteln tritt daneben der 
optativ ein. Einmal erscheinen beide formen neben einander : Rom. XIU, 
12 usvairpam (dTtoßahoi-ie^a) nu vaurstvam riqisis, ip ganasjam (ivöv- 



DER GOTISCHE OPTATIV 



G(6fiie&a) sarvam liiihadis. sve in daga (jaredaha gafiyaima (;r€Qi7TaTrj- 
aiofuv). Die lezte haiuüung soll wol als eine entferntere, durch die 
ersten bedingte hingestellt werden. Sonst ist noch der unterschied 
zwischen beiden formen wahrzunehmen, dass mit ni nur der optativ 
erseheint (Gal. V. 2G. VI, i). 1. Tli. V, G. Köm. XIV, 13). 

Der gotische imperativ auf -am vertritt griechischen conjunctiv 
aoristi Lc. XV, 23. XX, 14. Mc. IV, 35. XII, 7. Köm. XIII, 12. 
I. C. XV, 32. II. Co. VII, 1; griechischen conjunctiv präsentis Jh. XI, 
7. 11. 15. 16. XIV, 31. Mc. I, 38. XIV, 42 (überall ayco/^iav); I. C. 
V, 8. Gal. V, 25. VI, 10. 

Der gotische optativ auf -aima vertritt griechischen conjunctiv 
präsentis Köm. XIV, 13 (yiQircofiev). 19. II. C. III, 12. Gal. VI, 9. 
Phil. III, 15. I. Th. V, 6. 8; griechischen conjunctiv aoristi Lc. II, 15. 
IX, 33. I. C. XV, 49. U. C. VII, 2. Gal. V, 26. 

b. Gotischer optativus . adhortativus griechischem futurum 

entsprechend. 

Bekantlich drückt das Griechische den befehl häufig durch das 
futurum aus; diesem entspricht regelmässig im Gotischen der optativ.^ 
So zunächst in allgemeinen geboten: Lc. X, 27 (Mc. XII, 30) frijos 
(ayam]06ig) franjan guj) peinmia us allamma liairtin peinamma; Köm. 
XIII, 9 frijos (dyayi/jOaig) neJivundjan peinana sve piiJc silhan, vgl. 
Gal. V, 14. Mt. V, 48. Lc. IV, 8. XVII, 4. So ist auch Mc. X, 7. 8 
von Vulfila als gebot verstanden worden : imih pis lileipai (y.azcdeiii'ei) 
manna attin seinamma jah aipein seinaiy jah sijaina (loorrai) po tva 
du leika samin. Dem imperativ stelt der optativ die entferntere hand- 
lung gegenüber Lc. VI, 42 liuta, usvairp (l'y.ßcde) faiüpns pamma anza 
US augin peinamma, jah pan gaumjais (Siaß'/Jipa^g) usvanx^an gram- 
st a Jjamma in augin hroprs peinis. 

Ebenso im verböte: Mt. V, 27 ni horinos {oi fior/daeig) , 33 ni 
ufarsvarais (ovy. e7riOQy.t]o6ig), ip usgihais (aTTOÖcooeig) fraujin aipans 
pcinans. VgL Mt. VI, 5. Lc. IV, 12. Köm. VII, 7. 

Die aufforderung kann auch an eine bestimte persou gerichtet 
sein : Mt. XXVII , 4 liva Jcara unsis ? pu viteis (ov oipij) „ das mögest 
du wissen''; Lei, 13 qens [jeina gahairid (yavvt'^oei) sumi jah haitais 
(y.cdeoeig) namo is lohaniicn; 31 ganimis (ffrn?;//t/7;) in hilpein jah 
gahairis (je'^t^) sunu jah haitais (y.cdiaetg) namo is lesu. Vgl. Jh. IX, 21. 
Lc. I, 20. 60. XIX, 31. 

1) Sonst steht der optativ für griechisches fiitur noch zuweilen in der frage, 
selten als potentialis von künftigen ereignissen. 



BERNHARDT 



Mehr concessiv steht der Optativ Mc. III, 27 nl manna mag kasa 
svhijjts — vilvan, niha fauyj)is pana svlnpan gabindip; jali pan pana 
gard is disvUvai (diagnccGai) „dann mag er berauben"; docli ist auch 
der potentialis hier denkbar. Lc. XVII, 8 manvei hva du naht matjau, 
jah higaurdans andhalitcl mis, untc m.afja jali driglca, jali hil)e gamat- 
Jis jah gadrigluiis pu (cfdyeGca /mI 7rieoat); hier fasste ich in meiner 
ausgäbe (zu Mt. V, 29) gadrigkais als potentialis; ich glaube jezt eher, 
dass zu übersetzen ist: „dann wirst du essen und magst auch trinken." 

lU. Optativus potentialis. 

Der potentialis hat im Gotischen ein ziemlich weites feld, das 
ohne zweifei noch ausgedehnter sein würde, weim die dem classischen 
Griechisch so geläufige fügung des Optativs mit av nicht dem N. T. so 
gut wie fremd wäre. Im Ahd. ist seine anwendung schon beschränk- 
ter, aber nicht erloschen (Erdmann § 36), während im Nhd. meist 
hülfsverba des modus eintreten. 

Der potentialis steht dem indicativ gegenüber, wie der adhortafciv 
dem imperativ. Potentialis und adhortativ, sowie der optativ des Wun- 
sches bezeichnen eine subjective erregung und eine teilnähme des reden- 
den am Inhalte des satzes: während dieselbe beim adhortativ und beim 
wünsche im begehren nach Verwirklichung besteht, ist sie beim poten- 
tialis zur reflexion über die Wirklichkeit abgeschwächt, die sich wider 
in verschiedene Unterarten gliedert : der Inhalt des satzes kann erschei- 
nen als wahrscheinlich, als möglich, als zweifelhaft, als rein gedacht 
und im gegensatze zur Wirklichkeit stehend. 

1. Der potentialis im einfachen (nicht fragenden) satze. 

Hier ist zunächst des Zeitworts viljan zu gedenken, das des indi- 
cativs im präsens ganz entbehrt; viljati heisst „ich möchte wählen" 
(Leo Meyer, Die got. Spr. s. 504, Heyne, Ulfila 5. aufl. s. 512). Das 
so häufig gebrauchte lateinische velim lässt sich vergleichen. Von ande- 
ren beispielen habe ich, abgesehen von den erwähnten zweifelhaften 
stellen Mc. IH, 27. Lc. XVII, 8, H. C. IX, 10 anzuführen: sa and- 
staldands fraiva J)ana saiandan jali Jdaiha du mata andstaldip jah 
mawxgjai fraiv izvar jah vahsjan gataujai aJcrana ustauhtais izvarai- 
sos; hier haben Sin 13CD it vg yoQrf/rjGei^ 7clrjdvvel, av^tjast , die 
übrigen yootj'/rjGca , Ttlrj^vvai, av^rjoai. Dass Vulfila erstere lesart vor- 
fand, beweist andstaldip; die folgenden optative managjai und gatau- 
jai sind also potential: „Gott, der den säemann mit samen versieht, 
wird auch brot zur speise geben; er dürfte auch wol euren samen ver- 



DER GOTISCHE OPTATIV 9 

mehreu und die fruchte eurer gereclitigkeit wiicliseii lassen." Phil. IV, 
pata taujaip , jah (jap (java'wjms sijai (lorai) mip izvis „wird gewis 
mit euch sein"; als wünsch darf man siJai wegen des griechischen 
futurs nielit erklären. Ferner gehören hierher einige ])edingungs- und 
relativsätze, in welchen auf den indicativ im ZAveiten gliede zur bezeich- 
nung einer entfernteren handluiig der Optativ folgt, wie I. C. XI, 27 
hcazuh sacl niafjij) pana hlaif aipjjau dri()kai (og llv iaO^ii] — /; 7iivfj) 
pana st'ild fraiijins nnvahpaha , fraujins skida vdirjji/) Icllcis jah hlo- 
pis fraujins, von denen unten zu handeln sein wird. Über den eben- 
falls Potentialen optativ im hauptsatze der bedingungssätze wird gleich- 
falls unten gesprochen werden. 

2. Der poteutialis in der frage. 

Sehr liäufig steht der poteutialis in der frage, griechischem prä- 
sens oder futurum entsprechend. Über das Ahd. vgl. Erdmann i;? lo. 
Jh. VII , 35 hvadrc sa sJcnli {aülei) (jaggan^ pci veis ni b'igitaima hia? 
■n'ihal in distalicin piudo skidi gaggan (firj-^iellei), „wohin mag die- 
sem wol zu gehen bestimt sein? solte ihm nicht etwa bestirnt sein"; 
VII, 3() hva sijai {eozlv) J)ata vaurd? „was mag wol bedeuten," vgl. 
•XVI, 18; Lc. VII, 31 hve nu galeiko payis maus Jns Jcunjis jah hvc 
sijaina (aloiv) galeiJcai; VIII, 25 hvas siai sa (rig aga ovvog ioriv), ei 
Jah vindam faurhiudip jah vatnam; vgl. Mc. I, 27. IV, 41. 1. C. X, 30. 

Griechischem futurum entspricht der potentialis in folgenden fiil- 
len : Jh. V, 47 pande nu jainis melam ni galauheip, hvaiva meinaim 
vaiirdam gaJauhjaip {itioraiGeTe); Lc. I, 34 hvaiva sijai (lorca) pata, 
pande ahan ni kann; vgl. Jh. MI. 31. VIII, 22. Lc. I, 66, wo 
ebenfalls das griechische ciga im optativ mit ausgedrückt ist, XVIII, 
7. 8. 18. XX, 15 (Mc. XII, 9). Mc. IV, 13, XVI, 3. Kö. VIU, 35. 
Doch wird nicht immer das futurum der frage durch den optativ gege- 
ben, vgl. Rom. VII, 24 hvas mik lauseip {qioexai) us pximma hika 
daupaiis pis; X, 14. 

Eine frage dieser art kann sich auch auf die Vergangenheit bezie- 
hen, wie .Jh. VII, 48 sai jan ainshtm pize reike galaidjidedi imma 
(iti'jTig — iTrioTaiotv), „solte wirklich einer der mächtigen ihm geglaubt 
haben." 

Besonders bemerkenswert sind die zw^eigliedrigen fragen , bei denen 
das zweite glied eine entferntere, vom ersten gliede bedingte handlung 
ausdrückt und im optativ steht: Jh. III, 4 Hai mag in vamha aipeins 
seinaizos aftra galeifjan jag gahairaidau (yavvijO^rjvai) „und würde somit 
geboren"; Rom. XI, 35 hvrrs imma fruma gaf jah fragildaidau (dvru- 



10 BERNmVRDT 

Tiodod-r^oezai) imma „wer gab ihm zuerst und erhielte somit widerver- 
geltimg"; L C. IX, 7 livas satjip veinatriva jah ahran pize ni matjai 
(eod-iei)? hvas lialdip avcpi jah milnJiS pis avepjis ni matjai (ioSiet); 
n. Co. I, 17 patup pan mifonds ihai anfto Jcihüs hruJita aippau patcl 
mifo hl Jcil'a paglcjau (iorAfi'o/m/); II. Co. XI, 29 Jivas siitJcip jah ni 
siitlau (dod-erw)? hvas afmarzjaäa jah ik ni tundnau {niqov(.iai). Die 
frage steht im präteritmii: Mi XXV, 44 hvan pnJc sehvum gredagana ~ 
Jan ni andbahtidedcima (du]Y,ort]oajii£i') Jms; I. C. I, 13 ihai Pavlus 
Kshramips va)p in izvara aipjjau in namin Pavians danpidai veseip 

3. Der optativus deliberativus oder dubitativus. 

Den Optativ der zweifeliideu frage (hva qij)au, tl eltcio, was soll 
ich sagen) könte man versucht sein aus dem adhortativus herzuleiten, 
indem man annnähme , er sei bestimt gewesen den angeredeten zu einer 
aufforderung anzuregen (qipais du solst sagen — hva qipan was soll 
ich sagen); man würde sich dabei auf den conjunctiv im Griechischen 
sowie im Persischen (Jolly 1. 1. s. 57) stützen; allein für das Gotische 
wird diese ableituug durch unzweifelhafte tatsachen ausgeschlossen, 
indem der zweifelnde optativ nicht nur unter gleichen logischen Ver- 
hältnissen , sondern auch im nämlichen satze mit dem indicativ in futur- 
bedeutung abwechselt. So steht jenem hva qipau xi ei'fcw (Jh. XII, 27. 
I.e. XI, 22), nicht ohne einfluss des Griechischen, aber gleichbedeu- 
tend, gegenüber hva nu qipam tL oh hool-^iev Rom. VII, 7. IX, 14. 30. 
I. C. X. 19, vgl. Jh. VI, 5 hvapro hugjam {dyoQccoo/iiEv) hlaihans, wäh- 
rend an anderen stellen der optativ das griechische futur vertritt, wie 
Lc. IX, 41 (Mc. IX, 19) und hva siau (eGoinat) at isvis jah pidau 
(dve^ojiiai) izvis^ Jh. VI, 68 frauja, du hvamma galeipaima (aTteXav- 
aoLied-a), bisweilen auch indicativ in futurbedeutung griechischem con- 
junctiv entspricht, wie Mc. IV, 30 hve galeiJcom {o(.ioiwoioi.iev) piudan- 
gardja gups jah in hvdeiJcai gajukon gahairam {■d-ojf.av) po. Im näm- 
lichen satze stehen beide modi neben einander Mt. VI, 31 ni maur- 
naip nu qijjandans: hva matjam ((payco/tiev) aippau hva drigham (Ttlco- 
luv) aippau hve vasjaima (Tregißahüjue^a). Aus dieser gleichstellung 
mit dem indicativ geht aber hervor, dass für das Sprachgefühl Vulfilas 
diese fragen den potentialis enthielten und dass ihm also hva qipau 
bedeutete: „was könte ich etwa sagen," tl av cI'tioijlu) vgl. auch 
Lc. \1^ 1 1 rodidedun du sis misso hva tavidedeina pjamma lesua (tl 
av 7roLi]OcLav). Die übrigen stellen, wo dieser optativus deliberativus 
erscheint, sind folgende: Mt. XI, 3 (Lc. VII, 19. 20) pu is sa qimanda 
pau anparisuh heidaima (rrooodo/.ojfitv) ; Jli. VI , 28 hva taujaima (rl 



DER GOTISCHE OPTATIV H 

Ttotwfiep); Jb. XYIII, 11 stiJd panci (jaf mis atfa, riiii drujJcau (ov jurj 
Ttuo) pana; Lc. 111, 10 an hva taujaima (/roirjoiuiiuv), vgl. 12. 14; 
Xyi, 3. XX, 13 hva taujau (^Jionrjaio) ; Mc. VI, 24 hvis hkljaii (r/ cthi]- 
aojuai); X, 17 hva taujau (jtoi/^gio)^ ei llhainais aivchw)is arhja vair- 
pau; XII, 11 :^/ci(hJi( ist Jcaisaragild yihan Kaisara, pau niu yihaima 
(dcüiiet') ; I. C. XI, 22 hva qlpau (a/rw) izvis? hazjuu {tTcaiitow) izvis. 
Über die lilUe , wo dieser optativ iu abhängiger frage steht, 
s. unten. 

B. Der optativ im iiol^oiisatzc. 

Wenn, wie es unzweifelhaft der fall ist, der nebensatz auf einer 
gewissen spraehstufe noch nicht vorhanden war und alle Unterordnung 
aus ursprünglicher beiordnuug hervorgegangen ist, so müssen sich die 
Optative des nebeusatzes auf die verschiedenen auwendungen desselben 
im hauptsatze zurückfüliren lassen. Soll indess eine solche gliederung 
die vorhandenen erscheinungen wirklich erklären, so darf sie nicht auf 
grund der betrachtuug einer einzelnen spräche erfolgen , sondern die 
Sprachvergleichung und die Sprachgeschichte müssen zu hülfe genom- 
men, ja vorgeschichtliche zustände müssen zum teil erschlossen werden. 
Somit durfte und muste hier, wo es sich um das Gotische handelt, also 
um eine einzelne spräche auf einer bestirnten stufe ihrer entwicklung, 
der optativ der nebensätze von dem des hauptsatzes getrent werden. 

Das Gotische zeigt sich in beziehung auf seinen satzbau fertiger 
und abgeschlossener als die spräche Otfrids, wobei freilich in anschlag 
zu bringen ist, dass dem gotischen Übersetzer durch die vollkommen 
ausgebildete syntax seiner vorläge die bände gebunden waren. Von 
der ursprünglichen parataxis zeigen sich nur geringe spuren; nament- 
lich ist der gebrauch der conjunctionen und des relativs fest geregelt 
und die Verbindung des nebeusatzes mit dem hauptsatze ohne bindewort, 
die im Ahd. so häufig ist, auf wenige fälle beschränkt. 

In der einteiluug der nebensätze habe ich mich im wesentlichen 
nach Curtius griechischer schulgrammatik gerichtet. Wir betrachten 
die anwendung des optativs 1) in abhängigen aussage- und fragesätzen; 
2) in absichtssätzen ; 3) in bedingungssätzen; 4) in relativsätzen; 5) in 
temporalsätzen ; Gj in vergleichungssätzen. AVas über die folgesätze zu 
sagen war, ist an die absichtssätze angeschlossen; die concessivsätze 
sind unter 3 mit abgehandelt. 

I. Der optativ in den abhängigen aussage- und fragesätzen. 

Diese sätze werden entweder durch ei, patei , pei, unte oder 
durch ein fragwort eingeleitet; nur einmal (Mc. XV, 44j entbehrt die 



12 BERNHARDT 

abhängige frage des fragwoits, wenn die lesart richtig ist. Im Ahd. 
schliesseii sich aussagesätze sehr oft, sowol im iudicativ, als aueli im 
Optativ, ohne bindewort an den hauptsatz an. aber nie fragesätze (Erd- 
mann § 297. 298 fg.). Diese sätze mit scheinbar ausgelassenem „dass" 
sind bekautlich noch im Xhd. liäufig; sie würden im Gotischen wahr- 
scheinlich auch zu finden sein, wenn dies der getreue anscliluss an die 
griechische vorläge gestattet hätte, den Yulfila namentlich auch durch 
widergabe aller griechischen w^orte zu erreiclien sucht. Ein recht auf- 
lallendes beispiel hierfür bietet bekautlich die nachahmung des grie- 
chischen gebrauchs die directe rede durch patci, ei, unte einzuleiten; 
so steht ei Jh. XV, 25. XVIII, 9; tmie Mc. YIII, 16. IX, 11. Köm. IX, 
17; [jafci sehr häufig. 

Optativ in aussagesätzen. 

Der Optativ in sätzen mit ei, patei, pei — bei zintc komt er nicht 
vor — ist eine Unterart des potentialis. Der redende will damit den 
Inhalt des satzes als ungewiss (so namentlich nach venjan) oder, wenn 
derselbe die aussage oder meinung eines andern enthält, als irrig 
bezeichnen. Xur in wenigen fällen hat die grammatische abhängigkeit, 
also hier der umstand, dass überhaupt eine fremde rede, ansieht, Wahr- 
nehmung berichtet wird, abgesehen von ihrer richtigkeit, die wähl des 
Optativs bestirnt. Steht im abhängigen satze das Präteritum, so kann 
dies entweder durch das tempus des regierenden verbs bestimt, also 
die handlung mit diesem gleichzeitig sein (Jh. XI, 13 jainai hugidedun 
patei is hi sie}) qepi ort — /Jyei), oder es soll eine im vergleich mit 
dem hauptsatze vergangene handlung bezeichnet werden (Mt. V, 17 ni 
hugjaip ei qemjau ort r.ld^ov). Fälle , wo auf ein Präteritum des haupt- 
satzes Optativ des präseus folgte, finden sich nicht. 

Das Griechische ist bei der wähl des modus fast nie bestimmend 
gewesen; es beweisen also solche sätze, wie sorgsam Vulfila bei seiner 
Übersetzung sich den Zusammenhang gegenwärtig liielt. 

Der Optativ drückt, meist griechischem futur entsprechend, wde 
der potentialis des hauptsatzes, etwas zweifelhaftes, nur gehofftes aus: 
Eöm. VIII , 38 gatrana auh patei ni daupus ni lihains — mar/i (dwrj- 
(rezcu) uns afsJcaidan af friapvai giips „d. h. im stände sein dürfte." 
Philem. 22 venja auh ei Jjairh hidos isvaros frayihaidau izvis (yoQi- 
o&r^aouai); 11. C. XIII, 6 venja Jjatei Icunneip) (yvcuGtoO^e) ei veis ni sium 
ungaJcusanai : Mt. IX, 28 ga-u-Iauhjats patei magjau {övvauca) pata 
taujan. So auch I. C. VII, 16 hva mdc haint^ qino, ei ahan ganasjis? 
aippau hva Icannt, guma, pjatei qen Jjcina ganasjais {el — ocooeig), 
wo auch die abwechslung im modus bemerkenswert ist , vgl. die einlei- 



DER GOTISCHE OPTATIV 13 

tung zu meiner ausgäbe s. XXXIV.^ Auch IL C. 1, 13 {vcnja ei nnd 
andi ufhinnaip tmyvcooao'H) wird ufkuniiaip Optativ sein. 

In den meisten fällen jedoch dient der optiitiv eine fremde ansieht 
oder aussage als irrig zu bezeichnen. Dies geschieht entweder durch 
den als redend eingeführten , oder durcli den Verfasser resp. brietschrei- 
ber. Ersteres ist der fall Mt. V, 17 ni hmjjaip ei qemjau {oxi lld^oi) 
gatairan vitoj»; VI, 7 piiglceip im ei in fduvaurdein seinai andhausjain- 
dau (£iacr/.nvod^/]Goy€ai); X, 34 inh alijaip J)atei qemjau (oti rj).d^ov) 
lagjan gavairpi ana airpa; Jh. XVI, 26 ni qipa izvis pei ik bidjau 
(ort tQVJTi]oLo) attan hl isvis; Jh. VUI, 51 qipa izvis, jabai Jivas Diein 
vaurd fastaip , daupu ni gasaihvip aiva dage. 52 paniüi qcjjun da 
imma pai ludaieis: nu uflcunpcdum patei iinhidjjon hahais. Abraham 
gadaupnoda Jah praufetcis, jah Jm qipis: jabai hvas mein vaurd fa- 
staij ni kaiisjai daicpu aiva dage (idv rig — Tr^grjat]^ d^avazov ov /<?} 
d-ecüQt'-otj — Gv ?Jy£ig' Ectv tig — zr^QifjG)]^ ov /nrj yeiGr^zai d^avchov), wo 
freilich folgerichtig /^em für mein hätte gesezt werden müssen; Jh. IX, 
18 7ii galanbidedun pan ludaieis bi ina patei is blinds vesi jah ussehvl 
(rvcpldg t.v /.cd c(reß?.6ipev), unte afvopidedun pans fadrein is — 19 jah 
frehun ins qipandans: sau ist sa sunus izvar Jmnei jus qipip Jmtei 
blinds gabaurans vaurjri {lyevvrjd^r^; hvaiva nu ussaihvip? vgl. 20 vitum 
patei sa ist sa sunus uusar jah J)atei blinds gahaurans varj) (eyevrrjd-t^) ; 
Mo. IX, 11 frehun ina qipandans unte qipandjmi bokarjos patei Helias 
shdi (dal) qiman faurpis. Aus höflichkeit wird das vom redenden 
behauptete als zweifelhaft bezeichnet, während das vom angeredeten 
behauptete im indicativ steht: Jh. XII, 34 veis hausidedum patei Xri- 
stus sijai (iiivec) du aiva, jah hvaiva pu qijns patei skulds ist {öü) 
usJiauhjan sa sunus mans, vgl. VI, 42. 

Der Verfasser resp. briefschreiber bezeichnet eine aussage oder 
ansieht als irrig: Jh. XI, 13 qapuh pan lesus bi daupu is, ip jainai 
hugidedun patei is bi slep qepi (edo^av ort — ^-tyei); XIII, 29 sumai 
mundedun — fjatei qepi (?Jyet) imma lesus ; Lc. XVIII, 9 qap ]mn du 
sumaim paiei silbans trauaidedun sis ei veseina (pvi ugiv) garaihtai; 
Lc. "XIX, 11 puhta im ei suns skulda vesi {(.illlsi) ßiudangardi gnps 
gasvikunjyjan; Lc. XX, 7 andhofun ei ni vissedeina (jurj eiötvca) hvapro; 
I. C. I, 15 ei hvas ni qip)ai fmtei in meinamma namin daupidedjau 
(oTL — ißccTTTiGa); 16 pata anpar ni vait ei ainnohun daux)idedjau 
{d — IßciTriiGct); X, 19 hva nu qipam? patei J)0 galiugaguda hva 
sijaina, aij)pau patei galiugam saljada^ hva sijai (otl — Igziv); 

1) Wo ei = griech. d, bat es stets seine eigentliche bedeutnng „dass" 
bewahrt, oder es steht final, wie Mc. XI, 13. Rom. XI, 14. Phil. IIL 11. 



14 BERNHARDT 

n. C. XII, 19 aftra JmgJceip izvis ei sunjoma uns vipra isvis (ort ajto- 
loyoit-ie^ct). Vgl. Skeir. YHI c. 

Nicht immer freilich wird die irrige fremde ansieht durch den 
Optativ bezeichnet: Mc. IX, 26 varj) svc daups svasve managai qcjmn 
patei gasvaJt {ort ajred-ai'sv); man kann gasvalt jedoch als directe rede 
auffassen. 

Ein anfang weiterer ausdehnung dieses Optativs ist darin zu erken- 
nen, dass das berichtete an einigen wenigen stellen tatsächlich richtig 
ist: Jh. XII, 18 iddjcdun gamotjan imma managei, unte hausidedun ei 
gatan'dcdi (cazdi' TceTtouf/.evai) J)o taihi; Mc. VI, 55 dugunmm ana 
hadjam paus uhil liabandans hairan padei hausidedun ei is vesi (otl 
ioTii'); Lc. XVI, 1 manne sums vas gaheigs, saei aihta fauragaggjan, 
jah sa fravrolilJ)S varp du imma ei distahidedi aigin is (log ÖLaoy.OQ- 

7ttU0l'). 

Xoch ist das elliptische ni J)atei , ni peei , ni ei hier zu erwähnen, 
durch welches eine meiuung als falsch abgelehnt wird, und auf wel- 
ches natürlich stets der optativ folgt. Wenn nun auch patei bisweilen 
(s. meine anraerkung zu Jh. VI, 26) im Johannes causal steht, so ist 
doch Lobes erklärung, der diese sätze als causal auffasst (Gr. § 278, 4), 
abzuweisen ; man mag sich dieselben durch qijta (ni qij)a patei) oder 
skal alijan (ni skal alijan patei) vervollständigt denken. Im Griechi- 
schen steht überall der indicativ. 

m patei: Jh. VI, 46. VII, 22. IL C. I, 24. ÜI, 5. Phil. IH, 12. 
IV, 11. 17. Skeir. IV, 6. Mit einem vom Griechischen abweichenden 
tempus, wahrscheinlich nach dem Latein, IL Th. III, 9. 

ni peei: Jh. XII, 6. 

ni ei: IL C. V, 12, abweichend vom Griechischen, worüber meine 
anmerkung zu vergleichen. 

Dies sind die wenig zahlreichen aussagesätze, die nach ei, patei 
den Optativ folgen lassen. Im Ahd. hat dieser optativ der abhängigen 
rede weit mehr um sich gegriffen und sich namentlich an gewisse 
regierende verba geheftet, vgl. Erdmann § 297 fg. 

Optativ in abhängiger frage. 

Zunächst sind hier die abhängigen deliberativen fragen anzufüh- 
ren, welche stets im optativ stehen: Mt. VI, 25 ni maurnaip saivalai 
izvarai liva matjaip (zi quyrjze); YIIL, 20 sunus mans ni hahaip Jivar 
liaidAp sein anahnaivjai (jiov — yJ.lvrj), vgl. Lc. IX, 58; Lc. XVI, 4 
andpaMa mis liva taujaii (eyvojv tL noLrjOo)); XVII, 8 manvei liva du 
naht matjau (xi ÖBiTtvrjOV)); Mc. VIII, 2 ni liahand hva matjaina (rt 



DER GOTISCHE OPTATIV 15 

(fdycüoiv); Phil. I, 22 hvajtar valjau ni Icann (zi cägii^öo^icu). Lc. V, 18 
sokidedun hvaiva Ina innathcrcina Juli yalayidcdeina (eZi]TOvv aviov 
Lioeveyy.Eiv v.al O-elvai); VJ ni bigitandans hvaiva ina immthereina 
{/toi ctg — elaertyy.oHJiv) ; VI. 11 rodidedun du sis niisso Jtva tavide- 
dcina Jtamuia Icsua (ri av nottjofiav); VlI, 12 ni h(dj(üula))i Jküi hra- 
pro 7(sgcheiii(i (ce/roöcirat , aber it vg mide redderent) haim fragaf; 
XIX, 48 nf higdun hua tavidcdeina (xi nou]oioaiv); Mc. VIIJ, 1 at fdu 
managai managein visandein jah ni hahandam hva mafidcdeina {il 
(fay(üGiv); XI, 18 sohidcdun hvaiva imma usqistidedeina {Tvwg a7io)J- 
oiooiv); XIV, 11 soJcida hvaiva gatilaha ina galevidedi (7t(og — Ttaga- 
öw); Mc. XV, 24 disdaüjand vastjos is , vairjmndans hiaida ana Jtos 
hvarjizuh hva ncmi (rig xL ctqrj); hiorlier gehört auch Mc. IX, 6 ni auk 
vissa hva rodidcdi (ri )xih]oi]) „was er reden solte/' vgl. dagegen 
Lc. IX, 33 ni vitands hva qijnp. 

Aus obigem Verzeichnis ergibt sich, dass das tempus des neben- 
satzes sich nach dem des hauptsatzes richtet, wovon nur Lc. XVI, 4 
andjmhta mis hva taujau „ich weiss, was ich zu tun hab('" eine 
scheinbare ausnähme bildet. 

Was nun die übrigen abhängigen fragen ])etrift't, so entspriclit 
dem potentialis der directen frage (hva sijaipafa vaurd) derselbe modus 
der indirecten: Lei, 21 sildalcihidedim hva latidedi ina in Jnzai alh 
(ev nji xQovi'QeLv) „was wol zurückhalten könte." Auch hier zeigt sich 
ein befestigter Sprachgebrauch; dieser optativ steht, wenn die frage von 
einem verbum des forsch ens, zweifelns, fragens abhängig ist. So nacli 
saihvan, gasaihvan: Lc. XIX, 3 sohida gasaihvan lestis hvas vesi (zig 
loni'); Mc. V, 14 qemiin saihvan hva vesi pata vaurJ)ano (zl Igtlv); 
Äle. XV, 47 Marja — jah Marja — sehvun hvar gdlagips vesi {uov 
zed^eizai); Mt. XXVII, 49 let ei saihvam qimaiu Helias nasjan ina 
(d l'oyEzai), ebenso Mc. XV, 36. Doch findet sich auch der indicativ: 
Lc. VIII, 18 saihvip) nu hvaiva hauseip)^ vgl. Mc. IV, 24. Leicht erklär- 
lich ist derselbe IL C. VII, 11 saihv aide P)afa silbo hi guP) saurgan 
izvis hvelauda gafavida isvis usdaudein; Phil. II, 23 hipe gasaihva hva 
hi miJc ist (rä fregl s/ne). 

Regelmässig steht ferner der optativ nach fraihnan : Jh. XIII, 2'4 
handviduh p>an pyamma Seimon Paitrus du frailinän hvas vesi (zig aV 
6iVy) hi panei qap; Jh. XVIII, 21 fraihn P)ans haiisjandans hva rodided- 
jau (zi l).ah]öci): Lc. VIII, 9 frehun p>an iyia pai sijoonjos is qipan- 
dans hva sijai so gajulco (zig uif); XV, 26 frahuh hva vesi pata (zi 
sl'rf) , ebenso XVIII, 36. Mc. XV, 44 Peilatus — athaitands pana hun- 
dafaP) frah ina ßiputn gadaupnodcdi (ei i^dtj ccniO^avtv), welche stelle 
wegen des fehlenden fragworts merkwürdig, ist; Mc. VIII, 23 frah ina 



16 BERNHARDT 

(ja-u-hva-selwi {ei rt ßlinei); X, 2 Fareisaieis freJmn ina skuldii 
sijai. Ebenso schwebt der begriff des frageiis vor Lc. I, 62 gaband- 
vidcdun pan attm is pafa hi'ai'ra vildedi haitan ina (rö tl av ^iloi 
■/.aluod^cu «rror). Nur einmal steht nach fraihnan der indicativ: 
Jh. IX, 15 aftra pan frchun ina jah Jmi Fareisaieis livaiva ussaliv 
(TTiog dreßleU'ev), weil die tatsache des sehend werdens fest stand. 

^ach tifkunna)i , gahmnan folgt der Optativ IL C. U, 9 ei uflcmi- 
nau Icustu izvarana sijaidu in allamnia ufhausjandans {u — eoTe). 
Vgl. Lc. XIX, lö. Jh. VII, 51. Inconsequent stellt Jh. VII, 17 im 
zweiten gliede der doppelfrage indicativ. Leicht erklärlicli ist derselbe 
Mt. VI, 28 galiiinnatp hlomans haijijos, livaiva vahsjand. 

Xach paghjan (sis): Jh. XIII, 22 sehvim du sis misso Juii siponjos^ 
J)agkjandans hi hvarjana qejyi (yvegt Ttrog leyei); Lc. I, 29 paJita sis 
hveleika vesi so goleins {jTOtajTog uif). Vgl. III, 15. XIV, 31. 

Nach vifan: Lc. VI, 7 mtaidedunuh pan ]u.d hoharjos .— jau in 
sahhat daga Ichinodedi (el — OeodTrevei), ebenso Mc. III, 2. 

Nach gakiiisan: Rom. XII, 2 inmaidjaij) ananiujijKii frajtjis 
isvaris du gakiusan hva sijai vilja gups (ti to d^ehif.ia). 

Nach ganiman (lernen, erforschen): Mt. IX, 13 ganimip hva sijai 
(fidd^ara zi eovii'), armahairtipa viljau jah ni hunsl. 

Nach mitons: Lc. IX, 46 galaip pan mitons in ins, Jmta hvarjis 
paii ise maists vesi (to rig av eh]). 

Nach andrinnan : Mc. IX , 34 dit sis misso andrunmm hvarjis 
maists vesi (rig /heIlcov). 

Nach rahnjan: Lc. XIV, 28 niu — rahneip manvipo hahaiu du 
ustiuhan (ßi eyti). 

Nach fraisan: IL C. XIII, 5 izvis silhans fraisip (B fragij)) 
sijaidu in galauheinai (el loxe). 

Nur einmal (Mc. IX, 10) erscheint nach einem solchen verbum, 
sokjan, der indicativ in genauem anschluss an das Griechische: pata 
vaurd hahaidedun du sis misso sokjandans hva ist (ri eotiv) Jxita us 
daupjaim usstandan; vielleicht ist hier unabhängige frage anzunehmen. 

In freierer satzfügung erscheint der Optativ IL Tim. II, 25 in 
qairrein talzjands Jjans andstandandans , niu hvan gihai im gup idreiga 
(ui]noze dfüj]) „zu versuchen, ob nicht etwa," und I. Tim. V, 10 viduvo 
gavaljaidau — in vaurstvam godaim veitvodiJ)a hahandei, jau harna 
fodidedi (el izey.voTooqr^oev) d. li. „wobei in frage komt, ob sie etwa 
kinder erzogen hat." 

Überhaupt folgt nach dem fragenden -ti und seinen Zusammen- 
setzungen wj.( , jau im abhängigen satze stets optativ. 



DER GOTISCnE OPTATIV 17 

Bisweilen sclieint der optativ des abliilni,ngeii satzes durcli den 
Optativ des übergeordneten veranlasst: Col. IV, G vaurd izvar salta 
gasupoj) sijai f ei viteip hvaiva skuleip ainhvarjammch (uiiUiafjan (nrwg 
Sei); Eph. IH, 18. V, 17. 

Diesen stellen mit dem potentialen Optativ, etwa vierzig, steht 
eine grössere zahl, über sechzig, mit dem indieativ gegenüber. So 
besonders nach vitan (wissen), auch wenn es von nl begleitet (Mt. 
VI, 3. XXVI, 70. Jli. VIll, 14. XII, 35. XIII, 28. XIV, 5. XV, 15. 
XVI, 18. Lc. IX, 33. Mc. X, 38), oder tragend ist (Jh. XIII, 12. 
Lc. IX, 55) oder selbst im optativ steht (Eph. I, 18. VI, 21, vgl. 
I. Tim. IV, 15); ferner nach Icunnan (Eph. VI, 22), ussiggvau Mc. II, 
25. Lc. VI, 4), nach qlpan (Lc. XX, 8. Mc. XI, 29. 33), nach haus- 
jan Lc. XVIII, 6. Mc. III, 8. Mt. XXVII, 13), nach sai (Gal. VI, 11. 
Jh. XI, 36. Mc. X, 23. XV, 4) usw. Es ergibt sich also, dass auch 
hier überwiegend nicht das grammatische Verhältnis der Unterordnung 
an sich, sondern der sinn des regierenden verbums und die damit zu- 
sammenhängende grössere oder geringere gewisheit des nebensatzes die 
wähl des modus bestirnt hat. Auch bei Otfried folgt auf oha in abhän- 
giger frage fast immer der optativ (Erdmann § 309). Über den ganz 
ähnlicdien einfluss des regierenden Zeitworts vgl. § 302. 

In betreft' der wähl des tempus im abhängigen satze ergibt sich, 
dass das präteritum entweder eine im Verhältnis zum hauptsatze ver- 
gangene handlung bezeichnet, wie Jh. XVIII, 21 fraihn paus hausjan- 
dans hva rodidecljau (tl elah]Ga)j oder eine mit dem präteritum des 
hauptsatzes gleichzeitige, wie Lc. XIX, 3 soJcida gasaihvan lestis, hvas 
vesi (vlg iariv). Auf präteritum des hauptsatzes folgt imr zweimal 
optativ präsentis: Lc. VIII, 9 frehun pan ina pai siponjos, hva sijai 
so gajiüw (rig urj); Mc. X, 2 Fareisaieis freJmn ina sJciddu sijai (ti 
y^OTiv). Stellt hingegen die abhängige frage im indieativ, so wird das 
griechische tempus beibehalten: Job. VI, 64 vissuh pan tis frumistja 
lesus hvarjai sind pai ni galaidjjandans (tiveg elaiv), vgl. Mc. IX, 10. 
Lc. IX, 33. 

Es bleibt uns nun noch die partikel ihai zu erörtern, die dem 
griechischen ///^ entsprechend ursprünglich die frage ausdrückt, welche 
der fragende verneint zu hören erwartet oder wünscht. Die unabjjängige 
frage steht auch mit ihai im indieativ, wie Mt. IX, 15 ihai magun 
sunJHS hruj)fadis qainon, tmd pata Jiveilos pei mip im ist hrupfaps {(.irj 
dvvavTca). Die abhängige frage steht immer im optativ und schliesst 
sich an die verba des fürchtens und verhütens an ; nach ogan : II. C. 
XII, 20 unte og ihai aiifto qimands ni simsve viljau higitau isvis (larj- 
TTwg evQco), ich bin besorgt, ob nicht etwa, vgl. XI, 3. Gal. IV, 11. 

ZEITSCHR. P. DEUTSCHE PHILOL. BD. VITI 2 



18 BERNHARDT 

Auf hivandjan folgt ihai ü. C. YIII, 20, auf saihvan Gal. V, 15. 
I. Th. V, 15. 

Aber wie im Griechischen oft ein indirecter fragesatz, bei dem 
ein begriff wie Tteigcüjuevog vorschwebt , das ziel eines strebens bezeich- 
net (Vjlv&ov et Tiva iioi '/.Iv^rßova TrazQog iviGTrotg, s. Krüger Gr. Spr. 
§ 65, 1 A. 10), so auch im Gotischen; so in der oben besprochenen 
stelle II. Tim. 11, 25 in qairrein talsjands Jmns andstanäandans , niu 
hvan gihai im gup idreiga (larj ttoxe San]). In solcher ftigang bezeich- 
net ihai eine negative absieht, etwas zu verhütendes: Lc. XVIII, 5 in 
pisei uspriiitip mik so viduvo, fraveita J)Oj ihai und andi qimandei 
usagljai mis (Iva jtu] — vthottlcxZi-j), vgl. Mt. V, 25. XXVII, 64. Lc. 
XIV, 12. 29. Mc. n, 21. 22. I. C. IX, 27. II. Co. II, 7. IX, 4. 
XII, 6. Gal. II, 2. VI, I. I. Th. 111,5. L Tim. m, 6. Im Grie- 
chischen steht {.irj^ i^irjTtcog, fD^jrove, auch 'iva jLirJTtoze (Lc. XIV, 29). 

Somit greift ihai auf das finale gebiet über, und diese davon 
abhängigen Optative kann man also ebenso gut dem wünschenden, wie 
dem Potentialen optativ unterordnen. Dem entsprechend steht es, wie 
ei, worüber unten, zuweilen in dringlicher warnung, ohne von einem 
Zeitwort abzuhängen: Gal. V, 13 jus auk du freihalsa lapodai sijiip, 
hroprjus; patainei ihai pana freihals du leva leiJcis taujaip (jut] — 
öcüze); II. Co. XI, 16 aftra qipa, ihai hvas mik muni unfrodana (liirj 
Tig — ö6^)]). 

IL Der optativ nach ei (pei, peei) = liva, o/tcog. 

(Finalsätze und verwantes.) 

Die ei mit optativ enthaltenden uebensätze sind, abgesehen von 
der abhängigen rede, der grossen mehrzahl nach finalsätze, und zwar 
von zweierlei art. Entweder soll die absieht „durch die ganze hand- 
luug des hauptsatzes erzielt werden , ohne dass der hauptsatz eine 
andeutung der absieht enthielte" (nhd. damit), z. b. varp ludaium sve 
ludaius, ei ludaiuns gageigaidedjau ; oder „der nebensatz führt den 
Inhalt des im hauptsatze enthaltenen verbums aus, das eine andeutung 
der absieht enthält , die sich als streben , wollen , befehlen des regieren- 
den subjects kund tut (nhd. dass oder infin. mit zu)," z. b. gaqeptm 
sis ludaieis, ei, jahai hvas ina andhaihaiti Xristu, utana synagogais 
vairpai. Yg\. Erdmann § 277. Zwischen beiden arten ist nicht immer 
genau zu scheiden. 

Das Griechische des N. T. hat den absichtssätzen mit 'Iva bekant- 
lich ein viel weiteres gebiet eingeräumt, als das classische Griechisch, 
das die zweite art derselben durch den infinitiv gab. Vulfila gieng in 



DER GOTTSCHE OPTATIV 19 

der anwendung seines ei mit optativ noch weiter, indem eine anzalil 
noch übriger finaler infinitive durcli dasselbe übersezt ward, vgl. Schulze 
Glossar s. 73, z. b. hidja du (jupa, ei ni vaiht uhllis faujaip evxofiai — 
firj 7tou:oaL Lfiiag. Ein relativsatz hat Eph. III, 3. 4 finale gestalt 
bekommen. 

Aber wie das na des N. T. steht et nicht selten auch consecu- 
tiv: Mt. VIII, 8 m iin vairps ei uf hrof mein inngaggais {^iva — dotl- 
d'i]g), vgl. Lc. VII, 6. So mit indicativ Jh. IX, 2 livas fravaurhta, sau 
pau fadrein is, ei blinds gabaurans varp iva — yewrj^j]. Gal. V, 17 
leiJc gairneip vipra aliman, ip aJima vipra leih; J)0 nu sis fnisso and- 
standand, ei ni Jnsltvah patei vileip J)afa taujip (ji'va fuj — jroirJTe); 
Mc. XI, 28 hvas JmJc pata valdufni gaf, ei Inda taicjis (Iva — Tcoifjg). 
Nach verbis des bewirkens steht ei c. opt. = 'iva Jh. XI, 37. Col. IV, 
16. Den griechischen infiuitiv ersezt es in solchem sinne Lc. XV, 19 
ni im vairps ei liaitaidau sunus peins (x?.rjO-T]vai) , vgl. 21. Mt. III, 11. 
Für ein particip trat ei ein Rom. IX, 20 pu hvas is, ei andvaurdjais 
gupa (o avTairoy.QivoLievog). Für otl steht es mit veränderter, conse- 
cutiver wendung des gedankens: Jh. XIV, 22 hva varp ei unsis miinais 
gahairldjan J)uk silhan (oti — /tte/leig); Lc. VIII, 25 hvas siai sa, ei 
jah vindam fanrhiudijt jah vafnam (om — sniraaosL). Für wcrrc steht 
ei (mit opt.) nur Mt. XXVH, 1. 

Endlich dienen beide conjunctioneu, 'iva und eij auch in sogenan- 
ten Substantivsätzen zur Umschreibung des subjects oder objects; so 
I. C. IV, 3 mis in minnistin is , ei fr am izvis ussokjaidau %va — ava- 
y.QiO^io; Lc. I, 43 hvajxro mis pata (sc. varp) ei qemi aijyei fraujins mei- 
nis du mis (iva l'lO-r]); Jh. XV, 13 maizein pisai friapvai manna ni 
hahaip, ei hvas saivala lagjai faur frijonds seinans (Yva — S^f]). 
Job. XVI, 30 mt vitum ei pu kaut alla jah ni parft, ei puk hvas frai- 
hnai (j^va rig gs iQona). Ähnlich ward ei zur Umschreibung eines Infi- 
nitivs verwant: Mc. X, 38 magutsu drigghan stiJcl panei iJc driggJca, jah 
dau]}einai pizaiei iJc daupjada, ei daupjaindau (ßaTiTiod^rjvai) ; I. Th. 
V, 1 ni paurhum ei izvis meljaima (ov xgeiav v/bte viCiv ygacfac^ai), 
wo paurhum wahrscheinlich auf späterer änderung beruht, s. meine 
anmerkung zu d. st. Hiermit verwant sind drei stellen in Johannes: 
XVI, 2 qimip) hveila, ei sa hvazuh izei usqimip 'izvis, puggkeip hunsla 
saljan guj)a (/V« — dohf), vgl. XVI, 32; mit optativ XII, 23 qam 
hveila ei sveraidau sunus maus (/V« öo'^ao^jj). 

Wie obige beispiele zeigen, hat ei in solchen structuren, auch 
wenn es griechischem 'Iva entspricht, nicht selten den indicativ bei 
sich, je nachdem der Inhalt des nebeusatzes als tatsächlich oder als 
gedacht erscheint. Im eigentlichen finalsatze dagegen ist derselbe 

2* 



20 BERNHARDT 

äusserst selten und steht nur dann, wenn in 4en gedankon des reden- 
den die rücksicht auf die eingetretene oder mit bestimtheit zu erwar- 
tende Verwirklichung der absieht überwog: Jh. XIV, 3 franima isvis 
du mis si'Ihin , ei parei im ik , pariih sijiip jaJi jus (^iva — rjTe) ; XV, 
16 iJc gavdliäa izvis , ei jus snivaip — ei pata hvah J)ei hidjaij) attan 
in namin meinamma , gibip izvis (/Va — dio); Rom. XIV, 9 (el^ tovto 
yccQ Xgioiög aTre^ara y,al etr^oei' h'a) jah qivaim jah daupaim frauji- 
nop (y.vQtevat^). 

Beispiele für ei mit Optativ anzuführen , wäre überflüssig ; nur das 
tempus des Optativs bedarf noch der besprecbung. Während bei Otfrid 
(Erdmann § 278) auf präteritum des hauptsatzes fast nur der optativ 
des Präteritum folgt, tritt im Gotischen der des präsens ein, wenn die 
Verwirklichung der absieht in der gegenwart noch fortdauert, und nur 
selten ist auch dann, mit rücksicht auf die in der Vergangenheit 
gefasste absieht, der optativ des präteritum gewählt, wie 11. C. V, 21 
iinfe pana izei ni Jciiupa fravaurht , faur uns gatavida fravaurlit, ei 
veis vaurpeima garaihtei gups in imma (Yva — ysvcofiied^a). Der grie- 
chische text bot hier gar keine anleitung, da er auch nach dem präte- 
ritum des hauptsatzes fast immer den conjunctiv folgen lässt. So fol- 
gen verschiedene Optative auf einander: IL C. IX, 3 fauragasandida 
broJ)nins , ei hvoffuli unsara so fr am izvis ni vaurpi lausa in pizai 
halhaij ei. svasve qap, gamanvidai sijaip {e7ief.i\pa — Yva juij y.€vcodfj — 
na — r^Ts); das bereitsein soll dauern, während der erste finalsatz 
die zur zeit des sendens vorhandene absieht anzeigt. Ebenso IL C. XII, 7 
ei ni ufarhafnatij atgihana ist mis Jinupo — aggilus satanins ^ ei mik 
kaiqxisfedi, ei ni ufarliugjau (jLva f^irj vTzeoaiQOj/iiaL , idöd^rj — iva — 
y.ohiqlZi] — /W (.irj VTreQaiQiouac). 

Steht im hauptsatze griechisches perfect, so folgt, der bedeutung 
dieses aus der Vergangenheit in die gegenwart hereinreichenden tempus 
gemäss, im finalsatz stets gotischer optativ präsentis, vgl. Jh.V, 22. 23 
atta sfaua alla atgaf sunau, ei allai sveraina sunu, svasve sverand 
attan (öeöcozev — iva — tijucuglv). VI, 38 atstaig us himina nih peei 
taujau viljan meinana (/.araßeßrf/M — iva 7coloj), vgl. XII, 23. 46. 
XV, 11. XVI, 1. 4. 33. XVIII, 37. IL Co. I, 9. 

Aber auch da, wo das gotische präteritum dem aorist entspricht, 
folgt nicht selten der optativ des präsens, wenn die absieht sich noch 
in der gegenwart verwirklicht oder in zukunft verwirklichen soll: 
Jh. V, 36 pQ vaurstva poei atgaf {tdvr/.tv) mis atta ei ik taujau po; 
Rom. VIII, 3. 4 guj) — gavargida (yMzey.QLvev) fravaurht in leika, ei 
garaihtei vitodis usfuUjaidau in uns; I. C. I, 17 nip Jjan insandida 
{anloiLLUv) mik Xristus daupjan ak vailamerjan^ ni in snutrein 



DER GOTISCHE OPTATIV 21 

vaurdis , ei ni lausjmdan gaJga Xristans, vgl. Jb. IX, 39. X, 10. 
XII, 47. Xm, 15. XV, 16. XVII, 26. Rom. IX, 17. XI, 32. XV, 4. 
n. C. II, 1. 3. 4. 9. V, 15. VII, 9. VIII, 9. Gal. II, 5. Epb. I, 4. 
11. 12. II, 6. 7. 10. Phil. II, 27. 28. Col. IV, 8. 10. I. Th. III, 2. 
IL Th. III, 10. I. Tim. I, 3. 2o. Dagegen beruht Jh. IX, 22 der Opta- 
tiv präsentis wol nur auf einer flüchtigki'it des Übersetzers : (jaqrjmn 
sis {pireTld^tivTo) ludaieis eij jahal hvas ina andJiaihaiti, utana syna- 
(jogais vairpai. 

In der regel folgt auf das Präteritum des hauptsatzes der optativ 
der Vergangenheit, wie Mc. VII, 36 anahaup im ci mann ni qcßeina, 
wofür man bei Schulze Glossar s. 76 die beispiele gesammelt findet. 
Auch auf den hypothetischen optativ der Vergangenheit folgt optativ 
der Vergangenheit: Jh. XVIII, 36 andhaJitos meinai tisdaiididedeina ei 
ni galevips vesjau ludaium {rjycovi'Co\TO %va firj Tiagaöod^to) ^ dagegen 
auf den wünschenden optativ des präsens I. C. IV, 8. 

Stehend ist auch der optativ des Präteritum in der formel ei 
usfnllij) vaiirpi {itsfullnodedi) pata gamelido , wobei man als hauptsatz 
denken mag varp Jjata oder gnp Jxäa garaidida; vgl. Jh. IX, 3. XIII, 
18. XV, 25. XVU, 12. XVIII, 9. 32. Mc. XIV, 49. 

Dem Gotischen eigentümlich ist die Verbindung von ei mit opta- 
tiv in selbständigen Sätzen , um eine dringende aufforderung zu bezeich- 
nen. Im classischen Griechisch wird so oTtcog, im N. T. 'iva verwant; 
I. C. XVI, 15. 16 hidja izvis, hroprjus; vituj) gard Staifanaus , patei 
sind anasfodeins AJcaije jah du andhahfja paim veihani gasatidedun 
sih; ei mi jah jus ufJiausjaip paim svaJeikaim (^i'va — vTroTccöGt^Gd-a). 
Liesse sich hier abhängigkeit von hidja allenfalls denken, so steht doch 
ganz absolut II. C. VIII, 7 akei sve raihtis in aUamma managnip — 
ei jah in pizai anstai manag naip ('ira — it€Qiooei't]Te). Ebenso ist 
Mc. V, 23 aufzufassen: hap ina flhi qipands Jmtci dauhtar meina aftii- 
mist hahaip; ci qimands lagjais ana po handuns (/V« — eTri&jjg). 
Aber auch ohne Vorgang des Griechischen steht ein solches ci I. C. IV, 5 
])annu mi ei faur mel ni stojaip (ioots (xrj jiqo -/xagov y.Qivere); Gal. V, 
16 appan qipa, ci ahmin gaggaij) QJyco dt^ jcvevjiiccTL jreQLTiaTUTt) ; 
Phil. III, 16 ajtpan svepauh du pammci gasnevum, ei samo hugjaima 
jah samo fraj)jaima {TcXrjV sig o trpd^doafieVj ro ayro (pQOveiv tw aizo) 
OToixsUv) , über welche stelle meine anmerkung zu vergleichen ist. In 
indirecter rede findet sich dies ei Gal. II, 10 taihsvons atgehim mis jah 
Barnahin gamaineins, svaei veis du piudom, ip eis du himaita; J)atai' 
nei Jnze unledane ci gamnncima (ivcc jiivr^jiiovtvcoiiiev). Hiernach habe ich 
auch Tit. 1 , 5 in meiner ausgäbe erklärt. 



22 BERNHAKDT 

Dies aufforderude et scheiut so formelhaft geworden zu sein, dass 
es sogar dem imperativ vorgesezt ward ; so erkläre ich Mt. XXYII, 49. 
Mc. XV, 36 Jet ei saihvam qimaiu Hellas {l((peg löwi-iav), wo der indi- 
cativ weder dem Griechischen entsprechend noch wol erklärbar wäre; 
ebenso vielleicht Mc. VIII, 15 saihvij), ei atsaiJivip (ogcas ßleTcexe). 

An die ßnulsätze schliessen sich die consecutivsätze an, in denen 
griechischem üore (iva) ei, sve, svasve, svaei entspricht. Dieselben 
stehen meist im indicativ, bisweilen nach griechischer art im Infinitiv, 
womit wir uns hier nicht zu befassen haben. Aber es finden sich, 
auch abgesehen von den oben angeführten Sätzen mit ei^ einige stellen 
mit dem optativ: Köm. VII, 6 anähundanai väurptim afvitoda — svaei 
sJcalJci)ioma in mujijmi ahmins jah ni fairnipai holcos (coaTS dovXevsiv 
i)uäg); I. C, Xni, 2 jahai — hahaii alla gahmhein, svasve fairgunja 
viipsatjan, ip friapva ni Jiahau, ni vailits im (iogts oqyj jLied-LGzavai) ; 
II. C. m, 7 Jahai andhaliti daupaus in gamcleinim gafrisalitip in stai- 
nam varp vidpag y svaei ni mahtedeina sunjus Israelis fairveitjan du 
vlita Mosesis in vulpaiis vlitis is {ojots firj övvaG&ai) ; 11. C. I, 8 ni 
viJeima izvis unveisans, hroprjus, hi aglon misai-a po vaurjjanon uns 
inAsiai, unte ufarassau Jcauridai vesum ufar malit, svasve afsvaggvi- 
dai veseima (B sJcamaidedeima uns) jah lihan (Ioots i^aTtoQij^rivai, 
r;ucig); 11. C. VIII, 6 ist von dem reichen ertrage der samlungen in 
Makedonien die rede, worauf Paulus fortfährt svaei hedeima Teitaun, 
ei, svasve faura dustodida, svaJi ustiuhai in izvis po anst (slg t6 
naqay.a}I(5ai rjf.iäQ). Liesse sich nun auch Köm. VII, 6 eine zweck- 
beziehung denken und war I. C. XIII, 2 der optativ zur bezeichnung 
der folge eines fingierten hauptsatzes notwendig, so ist doch für die 
drei lezten stellen keine solche erklärung möglich, und man muss anneh- 
men, dass das Verhältnis der grammatischen abhängigkeit die wähl des 
modus bestimt habe. Vgl. auch Skeir. III, 3. 

III. Der optativ im bedingungssatze. 

Im bedingungssatze zeigt sich das Gotische nicht nur dem Nhd. 
überlegen, sondern auch dem Ahd. Otfrieds, bei dem die eine gattung 
(opt. präs. im haupt- und nebensatze) selten ist. Vom Griechischen 
weicht Vulfila vielfach ab, indem er den gesetzen seiner spräche nach 
durchaus selbständig verfährt. 

Die conjunctionen des bedingungssatzes sind jahai, nihai (niba), 
jajjjje — jajjjje; daneben gilt für den irrealen fall ip, und wenn der 
satz negativ ist, genügt hier die voranstellung der meist verstärkten 
negation nih. Hier hat sich also die in den übrigen deutschen sprach- 
zweigen so häufige conjunctionslose anknüpfung des bedingungssatzes 



DEE GOTISCHE OPTATIV 23 

auch im Gotischen behauptet.^ Wir betrachten zunächst, um der Voll- 
ständigkeit willen, die bedingungssätze mit dem indicativ. 

Jahai mit dem indicativ steht erstens für d mit indicativ. Dabei 
ist ein doppelter fall möglich ; a) der redende will die bediuguug als 
tatsächlich bezeichnen, wobei der bedingungssatz ebenso gut die form 
eines causalsatzes annehmen könte, daher dies u nicht selten durch 
Jmnde {pandci) gegeben wird. So steht jahai z. b. I. C. X, 30 jabai 
anstai andnimaj duhve anaqijjaidau in pizei ik avilindo {ü — ^leii- 
Xco); Jh. VII, 23 jabai himait nimip manna in sahhato , ei ni gatairai- 
dau vifoj) puta Mosczis^ [ipj mts hatizop, unte allana mannan liailana 
gatavida in sahhato {d — ?M/iißdv£i), wo der nachsatz bedeutet „so 
habt ihr unrecht mich anzufeinden." Zu pande vgl. u. a. Mt. VI , 30 
Jah Jjande pafa havi haiJ)jos — guj) sva vasjip , hvaiva mais isvis {d 
ÖS — ciLiq-ievvvGiv). Alle beispiele aufzuzählen würde überflüssig sein. 

Natürlich kann auch der indicativ des präteritum so verwant wer- 
den: Jh. XIII, l^ jahai nu uspvoh izvis fofims — j all jus sJculup izvis 
misso Jyvahan fotuns {d svLxpa); Lc. XIX, 8 jahai Jivis Jwa afholoda, 
fidurfalj) fragilda (el eoiy.ocpdvTr]Oa). 

Eine Unterart dieser satzform ist die, dass nach griechischer art 
die ansieht der angeredeten person als tatsächlich hingestellt wird , wie 
Jh. XI, 12 jahai slepij)^ liails vairpip {d xey.oijurjrai). Dies kann 
geschehen, um dieselbe zu widerlegen, wie I. C. XV, 13 jahai usstass 
daiipaim 7iist, nih Xrisfiis urrais {d — ov-/. eoriv). Mit dem Präte- 
ritum z. b. Mc. III, 26 jahai satana ussfop ana siJc silhan jah gadai- 
lijys varp, ni mag gastandan (el — dveorr] — f.i£f.ieQiGTai) ; I. C. XV, 
32 jahai hi mannan du diuzam vaih in Äifaison, hvo mis hoto, jahai 
daiipans ni urreisand (ei — Id-tjQiof-idyj^oa — d — otx iysiQovvai); 
vgl. IL C. XI, 4. 

b. Der redende äussert sich über die Wahrscheinlichkeit oder 
unwahrscheinlichkeit der bediugung nicht, sondern stelt nur das Ver- 
hältnis zwischen vorder- und nachsatz als ein durchaus notwendiges 
und tatsächliches hin; im Griechischen steht el mit dem indicativ oder 
idv mit conjunctiv; im lezteren falle bezeichnet edv die bedingung als 
wahrscheinlich oder öfters vorkommend , welche beziehung im Gotischen 
nicht ausgedrückt wird. 

So Lc. XIV, 26 jahai hvas gaggij) du mts jah ni fijaij) attan sei- 
nana — ni mag meins siponeis visan (el — soyerai — yal ov (.iioeX) ; 
Mc. XI, 26 jahai jus ni afletip, ni Jyaii atta izvar — afletip izvis mis- 

1) Bisweilen findet im Griechischen parataxis statt, die dann wörtlich über- 
tragen wird; vgl. I. C. YII, 21. H. C. XI, 22. 



24 BERNHARDT 

sadedins izvaros (el — oly. acfleTe); Rom. VIII, jdbai Jivas aliman 
Xristaus ni hahaip , sa nist is (el — ovz tyu); I. C. XVI, 22 jcd)ai 
hvas ni frijop fraujan lesii Xrishi, anapaima (et zig ov q)iXeX). 

Viel häufiger entspricht zweitens jahal mit indicativ griechischem 
edv. Auch hierfür begnüge ich mich einige wenige beispiele herauszu- 
heben und verweise für die übrigen auf Schulzes Glossar s. v. jahai. 
Mt. VI, 14 jahai aflefij) mannam missadedins ize^ afletip Jak izvis 
atta — Ib ij) Jahai ni afletip j ni pau atta izvar afletip missadedins 
izvaros (iav di^rjze — dcfrjoei — edv de ^irj acprjze — ovöe — dcpr^OBL); 
1. C. XVI, 7 veuja mih hvo hveilo saljan at izvis , Jahai frauja fraletip 
(edv — ijTiTQeTiij); Mc. III, 24 Jahai piudangardi viptra sik gadailjada, 
ni mag standan so pjiiidangardi jaina {Idv — (.LeQiod^if). 

Folgt auf Jahai der Optativ des präsens , so wird die bedinguug 
als eine rein gedachte bezeichnet; ob sie sich verwirklichen kann oder 
wird, komt nicht in betracht. Das el c. opt. der classischen gräcität 
komt meines wissens im N. T. nicht vor, sondern edv muss aushelfen. 
Um so deutlicher beweisen solche sätze die aufmerksamkeit und das 
Verständnis des Übersetzers. 

Im nachsatze steht erstens der potentialis, so dass auch die folge, 
ihrer Ursache entsprechend, als gedacht erscheint: I. C. XIII, 3 Jahai 
fraatjau allos aihtins meinos Jah Jahai atgihau leik mein ei gahrann- 
Jaidaiij ip friapva ni liahau , ni vailit hotos mis taujau (edv xpcof-UGco — 
edv TTagaöco — e/w, ovdev cü(pelovf.iai); IL C. XI, 30 Jahai Jivopan 
skidd sijai, paim siukeins meinaizos livopaii {el — öel — xavxrjGo/uai) ; 
Xn, 6 Jahai viljau livox)an, ni sijau unvita, imte siinja qipa {Idv 
d^£?^rjacü — ov/. 1'GOj.ica). 

Zweitens kann, während die bedingung gedacht ist, die folge als 
so notwendig aus ihr entspringend angesehen werden , dass im nach- 
satze der indicativ eintritt: II. Tim. II, 21 ajjpan Jahai hvas gahrain- 
jai siJc pize, vairpnp) kas du sveripai {edv — iz/MddQrj) d. h. „gesezt 
jemand reinigte sich von Ungerechtigkeit (unselein 19), so wird er 
usw."; Jh. XII, 46. 47 ik liuliad in pamma fairJivau qam, ei hvaztih 
saei galauhjai du mis, in riqiza ni visai Jah Jahai hvas meinaim 
hausjai vanrdam Jah galauhjai, ik ni stoja ina {edv rig — dzovar] — 
'/ML TTiozeioi]) d. h. „wenn jemand auf meine werte hören und glauben 
solte, so richte ich ihn nicht"; ^ Lc. VI, 33 Jahai pmip taujaid paim 

1) Diese stelle scheint nach dem Brixianus geändert und ni vor galauhjai 
(die griech. hdschr. /urj (fvlä'^rj oder fj^t] martvaij) gestrichen, so dass der sinn 
ursprünglich concessiv gewesen wäre: „selbst wenn jemand hören und nicht glau- 
ben solte, so richte ich ihn nicht." 



DER GOTISCHE OPTATIV 25 

piap tcmjandam Izvis, hva izvis Jaunc ist (lav dyad^oiioirjTe) d. b. 
„gesezt ihr tätet gutes"; uiimittelbar uaclilier, in gleicliem zusammen- 
hange, steht der indicativ Ja^ai leihvld; Lc. X, 6 Jahal sijai jainar 
sunus gavairpjis, fjaJivcilaip sik cma imma gavairpi izvar; ip jdbai ni, 
du izvis gauandjai (k)v /; — tJcavaiictiOEvai — el de jniiye, — ca'a- 
•/MtLiipeL); gavandjai ist wol adhortativ zu verstehen „so soll euer friede 
sich wider zu euch wenden." Gal. V, 11 appan iJcj hroprjiis, jahai 
himalt mcrjaii, dulivc panamais vrikada (el — /.t^qvoooj) d. h. ,, gesezt 
ich predigte , wie man behauptet." 11. C. V, 3 untc jah in Jjamma svo- 
gafjani, haiiainai pizai us himina ufarhamon gairnjandmis , jahai sve- 
pauh jah gavasidaij ni naqndai higifaindait {ii/ieq — ergeO^tjOa^ieO-a) 
d. h. „vorausgesezt jedoch, dass wir bekleidet (mit dem rocke der 
gereehtigkeit) befunden werden solten ," s. meine anmerkung ^) Lc. IX, 
13 nist liindar uns maizo fimf Jdaiham jah fiskos tvai, niha J)au paici 
vcis gaggandans hugjaima matins (ei jurjTs — ayo^dacoiiev) d. h. „vor- 
ausgesezt, dass wir nicht etwa kaufen." I. C. XIII, 2 jahai hahau prau- 
fetjans jah vitjau allaize runos jah hahau aUa galauhein, svasve fair- 
gunja mip)S((fjau , ip> friap)va ni hahau, nivaihts im (Idv exco — elduj — 
ejc^ — Ol der eliii). I. C. XII, 15 jahai qipai fotus patei ni im handus, 
ni im p)is leiJcis nih at pamma leiha, nist us pmmma leiha (Idv U7T)j\ 
über welche von Vulfila misverstandene stelle man meine anmerkung 
vergleiche. 

Ferner sind hier noch einige elliptische Sätze aufzuzählen: Mc. 
VII, 11 jus qipip : jahai qipKii manna atiin seinamma alppau aipein 
Jcaurhan, patei ist maipms , pishvah P)atei us mis gahatnis (edv f^^inrj) ; 
hier ist wie im Griechischen ev eyu als nachsatz zu denken; VIII, 12 
hva pata kuni taikn sokeij)? amen qipa izvis, jahai gihaidau kunja 
pamma taikne (d öod-rjoeTai) , wobei zu ergänzen ist „so tue mir Gott 
dies und das": IX, 23 ip lesus qap du imma pata jahai mageis galauh- 
jan (d övvaoai). 

In einigen wenigen fällen endlich steht von zwei auf einander 
folgenden bedingungssätzen der zweite im optativ, um die entferntere 
handlung zu bezeiclinen: I. C. XIV, 24: jahai allai praufetjand, ip inn- 
atgaggai hvas ungalauhjands — gasakada fram allaim (idv TVQOcprj- 
revwOLv — elöikdi]), während es 23 geheissen hatte: jahai gaqimip alla 
aikklesjo samana jah rodjand razdom allai, at-up-pan gaggand inn 
jah unveisai; II.Th. II, 3 mite niha qimij) (lesart ganz zweifelhaft) 
afstass fau)pis jah andhulids vaitpyai manna fravaurhtais (idv firj 

1) In gleichem falle steht jedoch der indicativ Rom. VIII, 9 jus ni sijup in 
leika, ak in ahmin, sveßauh jahai ahma giißs hauip in izvis {dneo — oty.ei). 



26 BERNHARDT 

lu der Aveitaus grösten auzahl der stellen, die jahai mit deui 
Optativ des präsens eutbalteu, ist die wähl des modus auf deu einfluss 
des hauptsatzes zurückzufilbren. Fält nämlich die bediugung in die 
Zukunft oder -vnderholt sich dieselbe in gegenwart und zukuuft, und 
enthält der hauptsatz den imperativ oder den adhortativus oder ist er 
selbst ein tinalsatz im optativ , so schien dem Goten auch die bedin- 
guug von dem jener abhängt, in dieselbe Sphäre des gedachten zu gehö- 
ren, und der Sprachgebrauch erforderte den optativ. Dasselbe gesetz 
gilt von den relativ - und temporalsätzen und ist aucli im Ahd. in kraft, 
worüber man Erdmann § 168 vergleiche. Kecht bezeichnend für diese 
einwirkung des hauptsatzes ist Jh. XII, 26 jahai mis hvas andhaht- 
jai, nnk laistjai — jah jahai hvas mis andhahteip^ sveraip ina 
atta (beide male eav dia/.ovf]), und im relativsatze Mt. V, 31 qipanuh 
pan ist patei hvazuli saei afletai qen, gihai isai afstassais holcos 
(og a>' dn:o?.vo)}). o'2 ip) ih qipa izvis patei hvaziih saei afletip qen 
seina inuh fairina Jcalkinassaus tatijip po Jiorinon {nag 6 ccTTolviov). 
Aus der grossen menge der übrigen beispiele wird es genügen wenige 
wörtlich anzuführen: Jh. X, 24 jahai pu sijais Xristiis, qip uns andau- 
giha (el ov et); XY, 18 jahai so 7nanasep)S izvis fijai, kunneip (ei — 
fuoel); X, 37. 38 7iiha taujau {d ov tiouo) vaurstva attins meinis, 
7ii gaJauheip mis; ip jahai taujau {d öe tioioj), niha mis galauhjaip 
(y.ccv firj I1.10I moTeir^Te), P)aim vaurstvam galaithjaip) ; Lc. XVU, 3 
jahai fravaurhjai hropar peius, gasah imma, jah P)an jahai idreigo sik, 
fraletais imma. 4 jah jahai sihun sinpam ana dag fravaurkjai du pus 
jah sihun sinpam ana dag gavandjai sik — fraletais imma (überall 
iav c. conj. aor.); Mc. lY, 23. XU, 16 jahai hvas hahai aiisona haus- 
jandona. gahausjai (u zig l'y,si), vgl. saei hahai ausona hausjandona^ 
gahausjai ^it XI, 15. Mc.IY, 9. Lc. YIII, 8. Ausserdem findet sich 
dieser optativ nach jahai Mt. Y, 23. 24. 29. 30. 39. 41. Jh. YII, 37. 
Lc. lY, 3. 9. XIX, 31. Mc. EX, 22. 43. 45. 47. XI, 3. XIU, 21. 
Rom. XII, 20. LC. YII, 9. X, 27. 28. XI, 6. XIY, 27. Gal. YI, 1. 
Col. III, 13. n. Th. III, 14. L Tim. Y, 4. YI, 3 (vgl. meine anmerkung). 

Rom. XII, 18 jahai magi vairpjan us izvis {ei övvazovj ro i^ 
ijiuuv) mip) aUaim mannam gavairjn hahandans; hier schliesst sich 
hahandans, selbst eine aufforderung enthaltend, an einen befehlenden 
Infinitiv (15) an. Ebenso steht der optativ abhängig von einem Infini- 
tiv, den ein verbum des befehlens regiert, I. C. Y, 11: gamelida izvis 
ni hlandan, jahai hvas hropjar namnids sijai hors {edv — fl), vgl. 
YE, 11. 

Einem finalsatze ist jahai (jajpjc) mit optativ untergeordnet Phil- 
I, 27 vairpjaha aivaggeljons Xristaus usmitaip), ei, jajjpe qimau jah 



DER GOTISCHE OPTATIV 27 

(jasaihvau izvis^ ß^M'^ aJjaJtro {uze D.&on' /.cd iöwi' — eire dncoi') 
gehausjau hi isvis; Col. IV, lU hi Jninti ncmup anahiisnuis, ei, jahal 
qimai at izvis {luv elO^r]), andnimaip ina; vgl. I. Th. V, lü. I. Tim. 
III, 15. Lc. XX, 28. Mc. XII, U). Einmal steht in solchem falle, 
unter der einwiikuni,^ des tempus im hauptsatze, der optativ des i>räte- 
ritiun : Jh. IX, 22 [fuqvjmn sis ludaicis ei jabai hvas ina andhaihaiti 
(iav — 6iioloyt\ör^ Xristu, utana synagogais vairjKii. 

Die ausnahmen von dem eben erläuterten gesetze sind selten. 
Die bediugung kann zweifellos tatsächlich sein: Mt. VIII, 31 jahai 
usvairpis uus {ü e/.ßdXlEig), iisJanhei uns galeij)an inpo hairda sveine; 
Jh. XVIU , 8 jahai UH mih soJceip (el — a^Tart), ldij> Jmns gaggan; 
Köm. XI, 17 Jahai snmai pize aste lishrulcnodedun , ip pu intrusgips 
varst — jah gamains — varst ,, ni hvop ana Jmns astans {ei — 6^£- 
yj.dod-r^oav — f.iey.ei'TQioO^i^g — fyevov); I. C. X, 31 japjje nu iuafjaij) 
jappe drighaip japj)e hva taujij}^ allata du vulj)au gups taujaip {uze 
iad-Uze — TTiveze — TToielze); ob im gegebnen falle essen und trinken 
statt linde, ist zweifelhaft; dass irgend ein tun statt findet, gewis; 
I. C. XI, 6 jahai ni hidjai sik qino, sJcahaidau; ij) jahai agl ist qinon 
du liüpiUon aipjum sJcahan, galndjai {el ov y,azay.ah'-7rzaTaL — ei de 
cuaxoor); der Übersetzer hielt lezteres für unzweifelhaft; Philem. 18 
jahai hva gasl'op J)us aijpau sJcida ist, Jjata mis ralinei {eX zi rjdi/.rjoev 
ae rj ocpellei). 

Die tatsächlichkeit der bedingung kann auch für den augenblick 
fingiert sein, entsprechend der ansieht der angeredeten person: Jh. VII, 4 
jahai pata taujis {ei — TtoieJg) , hairhtei pule silhan pizai manase- 
dai ; Jh. X VIII, 23 Jahai uhilaha rodida {ei — ^/Mlr^oa)y veitvodei hi 
pata uhd. 

Nur drei stellen lassen eine solche auslegung nicht zu, und der 
indicativ beruht hier, wie es scheint, nur auf einer nachlässigkeit des 
Übersetzers, wenn nicht auf unrichtiger Überlieferung: Rom. XIII, 4 
jahai tihil taujis, ogs {edv — Troirjg); I. Co. VII, 12 paim anparaim ih 
qipa , ni frauja , Jahai livas hropar qen aigi ungalauhjandein Jas so 
gavilja ist hauan mip imma , ni afletai po qcn {eX rig exet — ovvev- 
do/.ei), vgl. 13; IT. C. X, 7 jahai hvas gatrauaip {eX zig 7re7toi&ev) siJc 
silhan Xristaus visaUy Jxda pagJcjai aftra. Ebenso einmal bei über- 
geordnetem finalsatz : IL C. IX, 4 ihai, jahai qimand {edv eli^cooiv) 
MaJcidoneis jah higitand izvis unmanvjans, gaaivisJiondau veis. 

Zweifelhaft ist mir jezt, ob auch einem fragenden hauptsatze 
bisweilen ein solcher eiufluss auf den modus des bediugungssatzes zuzu- 
schreiben ist, wie ich in meiner anmerkung zu I. C. XII, 15 annahm. 



28 BERNHARDT 

Der irreale bediügungssatz. 

Dem becliugungssatze , der mit dem bewustseiu seines nicht tat- 
sächlichen Inhalts ausgesprochen wird, ist im Deutschen, wie im Latei- 
nischen, der Optativ des Präteritum eigen. Während aber im Lateini- 
schen der conjunctiv des plusquamperfects , neben dem des imperfects, 
die mögliehkeit gewährt bedingung und folge entweder in die Vergan- 
genheit oder in die gegeuwart zu versetzen, entbehrt das Gotische 
dieser möglielikeit ; es kent nur eine art des irrealen bedingungssatzes 
und überlässt es dem leser sich aus dem zusammenhange über das zeit- 
yerhältnis zu unterrichten. Auch im Griechischen ist bekantlich durch 
aorist (seltner plusquamperfect) und imperfect jene zeitliche Unterschei- 
dung gegeben. Dass diese indicative zur bezeichnung des nicht tat- 
sächlichen verwant werden kouten, beruht auf ihrem gegensatze zur 
gegenwart. Im Gotischen und Ahd. nun (Erdmann § 45 fgg.) bezeich- 
net der Optativ der Vergangenheit erstens, was früher denkbar war, 
aber nicht verwirklicht ward — dies wäre ind. prät. Zweitens konte 
die bedeutung der Vergangenheit sich verlieren und nur der gegensatz 
zur Wirklichkeit und gegenwart festgehalten werden; dieser optativ der 
Vergangenheit konte bezeichnen, was jezt oder in zukunft denkbar, 
aber nicht wirklich ist. Vom optativ des präsens unterschied er sich 
durch stärkere betonung der unwirklichkeit , welche durch den modus 
sowol wie durch das tempus ausdruck erhält. Von der unwirklichkeit 
der bedingung hängt die der folge ab; haupt- und nebensatz zeigen 
also in der regel denselben modus. 

Was die form der Verbindung betrifft, so tritt, wie schon erwähnt 
ward , für griechisches al nebeo jahai (niha Jh. XIV, 2) häufig ip ein, 
für £t ///; nih, auch im elliptischen bedingungssatze ohne verbum 
Rom. VII, 7, und einmal ni (Mc. XIII, 20); nih ist nicht conjunction, 
sondern vorder- und nachsatz stehen unverbunden neben einander; ein 
einfluss dieser syntax auf die Wortstellung, wie im Ahd., ist nicht 
wahrnehmbar. Wie ip, sonst ^= de oder al?.dj dazu komt im bedin- 
gungssatze verwant zu werden, weiss ich nicht zu erklären. Das grie- 
chische ccv des nachsatzes wird durch pau (dafür dreimal pauh , s. die 
einleitung zu meiner ausgäbe §25) oder aijjpau gegeben, welche Parti- 
keln den bedingungssatz zu recapitulieren dienen „in diesem falle," 
ähnlich wie das, freilich abgeblasstere , nhd. „so." Fehlt im Griechi- 
schen civ, so entbehrt auch im Gotischen der nachsatz der partikel. 
Äipjjau steht immer zu anfang des nachsatzes, ^aw meist an der stelle 
des griechischen av; mit ni verbindet sich nur unmittelbar nachfolgen- 
des ^a2(. Bekantlich bedeuten />ait und aipjpjau auch „oder," und lez- 



DER GOTISCHE OPTATIV 29 

teres kann einen ganzen bedingungssatz {el öe in]y£) vertreten , wie 
Mt. VI, 1 und sonst. Ikide partikeln sind übrigens in ilirer anweu- 
dung keineswegs auf den irrealen bedingungssatz beschränkt; über aip- 
Jjciu vgl. meine anmorkung zu I. C. IX, 2, zu pmc Mt. V, 20. VI, 15. 
Mc. XI, 26. X, 15. 

Die bedeutung der Vergangenheit ist beim optativ des präteritum 
im Vordersatze festgehalten in folgenden fällen: 

1. Jahn f. Mt. XI, 23 jahai In Saudcmmjam vaurpeina mahtcis 
pos vaurpanons in isvis , aij)paic eis veseina und liina dag {el — lye- 
vtj^r^oap — £jii€ivav av); Gal. IV, 15 veitvodja auk izvis Jjcäelj jahai 
mahtcig vcsl, augona izvara iisgrahandans atgebeip mis (el övvazov^ 
Toig 6cpd-a?^i^iovg vjluüv i^oQv^avTeg edwy.axi fioi). 

2. ip. Mt. XI, 21 unte ip vaurpeina in Tyre jali Seidone landa 
mahtcis pos vaurjmnons in izvis, airis pau — idreigodedeina (el iye- 
vovto — näXca av — fiETevorjOav) ; Lc. X, 13 tmte ip in Tyrai jah 
Seidonai vaurpeina mahfeis — airis pati — gaülreigodedeina (el iyevrj- 
d-t]Oav ou Suvcaieig — Trdlai av — fieveroriGav) ; Jh. XI, 21. 32 ip veseis 
her, ni pau gadaujjnodcdi (gasvulti) hropar meins (el i]g coöe, or/. av 
a/reO-avev) : Jh. XIV, 7 ip IcunpedeiJ) mik, aipjjau kunj)edeip jah attan 
(el lyviöy.eixe — eyvwxeire av). 

3. nih. Jh. XV, 22 nih qemjau jah rodidedjau du im, fra- 
vaurht nl hahaidedeina (el turj ^^kd^ov y.al eXaXrjoa avTcüg, a^iagzlav ovtc 
el.xf>^); Rom. IX, 29 nih frauja hilipi unsis fraiva, sve Saudauma J)au 
vaurpeima (el (.iiq — ey/MzeleLitev — av iyevrjd-rjfuev). Einmal steht 
blosses ni: Mc. XIII, 20 jah ni frauja gamaurgidedi Jjans dagans, ni 
pauh ganesi ainhun leihe (y.al el /.irj 6 yvqiog eyoloßiooev — ovy av 
ioiod^tj). 

Dagegen ist die bedeutung der Vergangenheit an folgenden stel- 
len erloschen: 

1. jahai. Jh. V, 46 jahai aJlis Mose galauhidcdeip , ga-pau- 
lauhidedeij) mis (el yaQ eTtLOTevexe Mooel , iTTLOteiere av tfioi) ; VIII, 
42 jahai gup atta izvar vesi , friodedeip pau mik (el — rjv, riyanäxe 
av); Vgl. XV, 19. Lc. XVII, 6. I. C. XI, 31. ' 

2. ip. Jh. VIII, 19 ip mik kimj)edeij) , jah Jjau attan meinana 
kunpedeip (el €f.ie rjöeire, yai tov narega (.lov rßeire av); Jh. VIII, 39 
ip harna Ahrahamis veseij)^ vaurstva Ahrahamis tavidedeip (el — rjTe 
— eTTOielze); I. C, XII, 19 ip veseina po alla ains lipus, hvar leik (el 
ijv); Vgl. Jh. IX, 41. XVni, 36. Lc. Vü, 39. Skeir. V, b. 



30 BERNHARDT 

3. nih. Jh. IX, 33 nih vesi sa fram gu^n , ni malitcdi faiijan 
ni vaihf (el //^ ijr — ovy. i^övraTo): XIX , 11 ni aihfedeis valdufnje 
ainliun arm miJcy nih vesi pus atgihan iwpap'o {ovy. eixer — ei /nrj ijv) ; 
Rom. YII. 7 unte Jusfu nih hunj)edjau, nih rifoß qej)i (rrjv yccg STtid-v- 
f^uciv ovy. jjöstv, el ///) 6 vojtwg t).eyev). 

Im naclisatze, aber nicht im betlinguugssatze , ist nach dem Grie- 
chischen die bedeiitung der Vergangenheit anzmielmien: Jh. XIV, 28 
^'«^^7/ frijodcdeij) niik^ aiJtJxiH jus faginodcdeij) (sl i]ya7täTi f.iE^ ^y/tgrjTS 
av); XIV, 2 7iiha vescinay aiJ)J)au qepjau dti izvis (ei de jtu] , elirov av 
i\uh'); XVIII , 30 7iih vesi sa uhdtojis, ni paii veis atgeheima pus ina 
(el fu] jp' — OLz av 7TC(Qedcüyajj.ep) ; Rom. VII, 7 fravaurht ni ufkiin- 
pedjaUj nih pairh vitoP) (zr^v afnagziav ov/. eyvwv, el f.irj dia v6(.iov); 
vgl. auch Lc. XVn , 6. 

Natürlich tritt der hypothetische Optativ des nachsatzes auch dann 
auf, wenn der Vordersatz sich nur aus dem zusammenhange ergibt : 
Jh. Xn, 5 duhve pafa balsan ni frahauht vas in J. shatte? jah fra- 
dailip vesi parham (eöo&ri) „und dies geld wäre dann verteilt worden";^ 
Lc. XIX, 23 duhve ni aÜagides pata silidjr mein du skaUjam? jah 
qimands mip vokra galausidedjau Jmta (zca eyco ild-cov ovv rozw av 
errga^a avTo), WO äv ausnahmsweise unübersezt blieb; Mc. XIV, 5 
mäht vesi auk pata halsan frahugjan (rjöuvaro — TTQad-ijvai) : L C. V, 
9. 10 gamelida isnis — ; ni hlandaip izvis horam, ni paini hör am pis 
fairhvaus aijpau paim failiufrikam jah vilvam — , unte sktddedeip pau 
US pamma fairhvau usgaggan (ejtel wcfeileTe aga iy tov y.oa/iiov e^el- 
■d^elv) ., denn dann müstet ihr ganz aus der weit herausgehen"; I. C. 
Vn, 14: veihaida ist qens so ungalauhjandei in ahin, jah gaveihaids 
ist aha sa ungalauhjands in qenai ; aippau harna izvara unhrainja 
veseinttj ip nu veiha sind {eTtel aga xa xiy.va v/mov ayad^agra loiiv, 
vvv öi ayid ioziv) „sonst wären eure kinder unheilig"; Rom. IX, 11 
7iauhpanuh ni gahauranai vesun; aip)pau tavidedeina hva piupis aip- 
pau unpiupis (urjTTco yag yevvrj-d^evzcov ]] Trga'^dvzcov) , wo die griechi- 
sche structur verändert ist: „noch waren sie (Rebekkas söhne) nicht 
geboren, sonst hätten sie auch schon gutes oder böses getan." Vgl. 
auch Skeir. I , b. c. 

Der nachsatz fehlt Lc. XIX, 41. 42 gasaihvands po haurg gai- 
grot hi po qiparuls patei ip vissedeis jah pu in pamma daga peinamma 
po du gavairp)ja pjeinamma (el tyvojg) , wodurch der bediugungssatz zum 
wünsche geworden ist. 

1' Hiemach bitte ich die interpunction in meiner ausgäbe zu berichtigen. 



DER GOTISCHE OPTATIV 31 

Es bleiben noch einige stellen zu besprechen, wo die gotische 
structur der bedingungssiitze vom Griechischen abweicht: Jh. VIII, 55 
jahai qrpjaa Jxitel ni kunnjau Ina {attan), sijau yaleiks izvis lingnja. 
ij) nu kann ina jah vaiird in fasta {täv eiitw — l'ao^iai) : hier solte 
man entweder qijmu oder vcsjau erwarten; beim Vordersätze überwog der 
gedanke an die nielitwirklichkeit, im nachsatz ist das tenipus durcli das 
griechische futur l)estinit. Älinlicli Jh. XV, 20 jahal mik vrckiin, jah 
iziis vrikand; Jahai mein vaiird fastaidedeina , jah izvar fastaina (ei 
hvjQTiöav — ti]Qi]aovGiv). Mt. XI, 14 jahni vildedelp mipniman, sa 
ist HcIiaSj saei sktdda qiman {d allere Se^aoO^ai): hier soll vildedeip 
jedesfalls das nichtwirkliche der bedingung ausdrücken; mipniman ist 
dunkel. Rom. IX, 27 ip Esaias hropeiJ> hi Israel: jahai vesi rapjo 
sunive Israelis svasve malma mar eins ^ laihos ganisand (ia%' /} 6 uqix>- 
fiog — To ■jiccTahii.iua ocoO^t'^GeTai) ; die gotische form des satzes ent- 
spricht dem siune besser als die griechische: „selbst wenn die zahl 
wäre wie der sand am meere, so werden nur wenige gerettet werden." 

Wollen wir , am Schlüsse der lehre von den gotischen bedingungs- 
sätzen angelangt, den versnch machen, den optativ derselben auf eine 
der verscliiedenen arten des Optativs im hauptsatze zurückzufüliren , so 
kann wol kein zweifei darüber sein, dass der optativ des hauptsatzes 
als Unterart des potentialis aufzufassen sei. Schwieriger erscheint es 
den der protasis unterzubringen; den griechischen conjunctiv derselben 
glaubt Curtius Gr. Schulgr. § 545 A. 3 dem der aufforderung verwant 
und erläutert dies durch „naturam expellas furca , tarnen iisque reciir- 
ref; Jelly, Ein Kapitel vergleichender Syntax s. 101 stimt bei. Dies 
mag immerhin der erste anfaug gewesen sein ; auch die Verwendung des 
(griechischen) Optativs würde sich an seinen concessiven gebraucli pas- 
send anschliessen. Auf den irrealen bedingungssatz mit dem Präteritum 
scheint mir indes diese erklärung kaum anwendbar; ich kann mir den- 
selben in der ursprünglichen parataxis nur als potentialis denken. 

Im anschlusse an die bedinguugssätze sind die concessiven noch 
kurz zu besprechen. Concessiver sinn wohnt nicht selten auch den 
durch blosses jahai eingeleiteten Sätzen inne, vgl. die oben angeführ- 
ten beispiele I. C. XIII, 2 jahai hahait praufetjans y I. C. XII, 15 jahai 
qipai fotus; I. C. IX, 2 jahai anparaim ni ini apaiistatdus , aippaic 
izvis im (el oh. el/tn), wo man über aippau meine anmerkung nach- 
sehe. Auch w^o im Griechischen d /.cd, y.av gesezt ist, ist das /ml im 
Gotischen öfters weggelassen, wie Jh. X, 37. 38 niha taujau vaurstva 
attins meinis^ ni galauhcip mis ; ip jahai taujau, niha mis galauhjaip, 
{y.av ifwl fiir] TtiOTSiTjTe), paim vaurstvam galauhjaip; IL C. XI, 6 jahai 
unlirains im vaurda, akei ni kunpja (ei /.at iöic6T)]g toj loyM^ clKV ov 



32 BERNHARDT 

Tjj yvwau): V, 16 jahai ufkunpcdum hi Icika Xristu, aJcei mi ni J>ana- 
seips l'unnum (el y.cd syvcoy.auer) ; VII, 12 jahai melida {al ymI eyQaxlia). 
An anderen stellen findet sich jahai jah: II. C. XIII, 4 jahai jah uslira- 
mips vas i(S siuJcein, akei lihaip us mahtai gups {ymI yotg sl FOTaigio- 
d^t]); Lc. XVIII, 4 jahai jah (jkJ) ni og jah mannan ni aista, ip in 
pizei usw. {el y.at lov &e6v ov cfoßoifiai /.cd avd^Qioixov or/. Ivtqetco- 
fiai); vgl. II. C. XII, 11. Einmal steht jah jahai : Jh. VIII, 14 jah 
jahai ik reifvodja hi mik silhan, sunja ist so veitvodipa nieina (zaV 
eyco fiagriocj). Dreimal ist pauh jahai gesezt: II. C. IV, 16 akei pauh- 
jahai sa utana unsar manna fravardjadaj apjmn sa inniima ananiu- 
jada {d /.cti — öiaq^uQezca); L C. VII, 21 skalks galapops varst, ni 
karos , akei pauhjahai freis magt vairpan, mais hrukei {ei /.cd övvaaai); 
„auch wenn du frei werden kannst, benutze es vielmehr als sklave 
berufen zu sein"; vgl. Skeir. IV, c. Ebenso tritt dem enklitischen ha 
pauh vor Jh. XI, 25 saei galauheip du mis , patch ga - ha - daupnip, 
lihaid (y.ccv a/ro^ar/;). 

Einfluss der concessiven satzfügung auf den modus ist überall 
nicht walirzunehmen, im gegensatz zum Ahd., wo auf thoh der optativ 
folgt: ., das eine ereignis ist dem andern entgegengetreten, hat aber 
nicht die kraft gehabt es zu hindern; daher gilt es dem sprechenden 
nicht als gleichwertig mit diesem und wird im conjunctiv ausgesagt, 
auch wo der hauptsatz im indicativ verharrt." Erdmann § 157. 

IV. Der Optativ im relativsatz. 

Der Optativ (potentialis) kann zunächst im relativsatze, gerade 
wie im haupt- und bedingungssatze, die entferntere, von einer andern 
bedingte handlung bezeichnen. Daher steht von zwei verbundenen rela- 
tivsätzen nicht selten der zweite im optativ: Mt. X, 38 sa^i ni nimip 
galgan seinana jah laistjai afar mis, nist meina vairps {og ov lai-i- 
ßavei — y.al a/.olovd-el); V, 19 saei nu gatairip aina anahusne pizo 
minnistono jah laisjai sva maus, minnista haitaida — ip saei taujip 
jah laisjai sva usw. (og läv ovv Xvori — y.al ÖlÖcx^)] — og (5' av noirjorj 
y.al Sidci'^tf) ; Lc XIV, 27 saei ni hairip galgan seinana jah gaggai 
afar mis, ni mag vaiipan meiiis siponeis {ooiig ov ßaoraCeL — /.al 
Igyerai); I. C. XI, 27 hvazuh saei matjip pana hiaif aippau drigkai 
Pana stikl fraujins nnvairpaha , fraujins skula vairj)ip leikis jah hlopis 
fraujins (og av eG&ii] t] Ttivr]), daneben aber 29 saei auk matjip jah 
drigkip) (6 yag lo^icov y.al tiIvojv); IL Th. III, 3 appan triggvs frauja, 
sa£i gatidgeip izvis jah galausjai af pmmma uhilin {arrj^l^ei — (pi- 
).a^ei). 



DER GOTISCHE OPTATIV 33 

Häufiger findet sich, wie im Ahd. (Erdm. § 238 fgg.) der optativ 
in solchen correlativsätzen , die einen künftigen oder in gegenwart und 
Zukunft sich widerholenden fall bezeiclinen, an welchen, wie an eine 
bedingung, das eintreten der liandhnig dos hauptsatzes geknüpft ist; 
an die stelle des saei könte jahal hvas treten, und im Griechisclien 
steht oder müste doch dem classischen sprachgebrauche nach av mit 
conjunctiv stehen. Auf diese relativsätze also findet die regel der 
bedingungssätze anwendung: sie stehen bei nachfolgendem imperativ, 
adhortativus und bei übergeordnetem finalsatz im optativ. Doch ist 
wahrzunelimen, dass die regel nicht ganz so streng durchgeführt ist, 
wie beim bedingungssätze. Der modus des Griechischen hat keinen 
einfluss. Bezeichnend ist das schon oben augeführte beispiel Mt. V, 31 
qipaniih pan ist patei hvazuli saei afletai qen^ gihai izai afstassais 
hoJcos. 32 ip iJi qi])a izvis patci livaziih saei afldip qcn seina inuh 
fairina kallcinassaus , taujijt po horinon (og av clttoIvoi] — nag 6 cltio- 
Ivcüv). Vgl. ferner Mt. VI, 12 afJd uns patci skulans sijaima {tu ocfei- 
Xrjuara tjiu'ov) ; XI, 15. Lc. VIII, 8. Mc. IV, 9 saei hahai ausona 
hausjandona, gahaiisjai (o ex^ov); Jh. XIII, 29 hiigel pnzei paurheima 
du didjyai (jtov xqeiav eyof.iEv); Lc. III, 13 ni vaiht ufar Jmtei garaid 
sijai izvis lausjaij) (urßiv ;r?Jov rraoä xo SiareTcr/utvov v/luv ngda- 
oeve); IX, 4 i7i panei gard gaggaij), J)ar saljip (elg rjv uv ol/Jav eloü.- 
d-ijTe) , vgl. X, 5. 8. 10; I. C. X, 25 all patei at shiljam frahugjaidan 
matjaip {jiäv ro Ttcülov/iievov)- 27 all J)afci faurlagjaidati izvis matjaip 
{ttccv t6 TtaQaTid^i/iievov) ; Gal. IV, 18 gop ist aljanon (dem sinne nach 
= aljanop) in godamma sinteino jah ni patainei in pammei iJc sijau 
andvairps (ev toj Ttagelvai) ; vgl. Lc. XVII, 31; Mc. VI, 10; VII, 10; 
Eph. IV, 29; V, 10; Col. III, 17. 23; L Tim. V, 3; IL Tim. II, 2. Der 
optativ des Präteritum findet sich in gleicher anwendung: Eph. IV, 28 
saei hlefij panaseips ni hlifai (o ylimiov), „wenn jemand gestohlen 
hat"; I. Tim. V, 9 viduvo gavaljaidau — sei vesi ainis dbins qens 
(yeyowla). 

Einen einzelnen künftigen fall bezeichnet der optativ Lc. I, 20 
sijais palumds und pana dag ei vairpai jKita (ci/Qig rjineQag r^g yevrjTca 
tavTa); XV, 12 gif mis sei undrinnai niis dail aiginis (ro InißaHnv 
jLioi jiUQog); Gal. V, 10 sa drohjands izvis, sa hairai po vargipa, Jivazuh 
saei sijai {ooiig luv r)); Mc. XIV, 14 Jmdei inngaleij)ai j qij)aits J)amma 
heivafraujin (orcov av elotlO^i]). Ebenso Mc. XIV, 44 pammei huhjau^ 
sa ist; greipip pana {ov av (pilrjao))^ wo der imperativ über den dazwi- 
schen stehenden satz (sa ist) hinweg gewirkt hat. 

Einem finalsatz ist der optativische nebensatz untergeordnet 
Jh. VI, 50 sa ist lüaifs saei us himina atstaig, ei saei pis matjaip ni 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VIII. 3 



34 BERNHARDT 

gadaupnai {mv zig e^ avrov cpdyrj), vgl. XII, 46. Auffallend ist 
XV, 16 ik gavalida izvis , ei jus snivaip jali aJcran hairaip — ei pata 
hvahpei hidjaip attan in namin meinamma, gihip isvis (p, tl av ahi^- 
orjTs), wo der übergeordnete finalsatz im indicativ steht. 

Ist der inhalt des relativsatzes unzweifelhaft tatsächlich, so 
steht auch bei übergeordnetem imperativ oder optativ der indicativ: 
Mt. YI, 19 ni liuzdjaip isvis Imzda ana airjxii^ parei malo jah nidva 
fravardeip, vgl. 20. X, 27. Lei, 4. Mc. X, 35. IL C. XI, 12. 

XII, 6. 

Daneben finden sich jedoch einige stellen mit indicativ, wo man 
den Optativ der regel nach erwarten solte: Jh. YI, 40 patuh pan ist 
mija pis sandjandins nuJc^ ei, Iwazuh saei sailwip pana sunujah galau- 
heip du imma, aigi lihain aiveinon {rtag 6 d-eiOQiov — /ml TtiOTevwv) ; 
XYII, 24 vüjau ei parei im ik^ jah pai sijaina mip mis {otcov elf-d); 
Mc. XI, 24 dujpe qipa isvis, allata Jnshvah pei hidjandans soheip, ga- 
laiibeip, jah vairpip isvis (poci av 7iqooavyoi.ievoi cdzela&a) ; 1. C. YII, 13 
qens soei aig ahan ungalauhjandan jah sa gavilja ist hauan mip izai, 
ni afletai pana ahan (rJTLg exet), vgl. 12 jahai hvas hropar qen aigi 
ungalaiihjandein usw.; I. Tim. YI, 2 paiei galauhjandans hahand frau- 
jans, ni frakimneina {oi — lyorreg), dagegen YI, 1 sva managai sve 
sijaina uf jukuzjai pivos — rahnjaina (oool elolv). 

Neben den besprochenen durch den modus des hauptsatzes beding- 
ten Optativen finden sich noch einige andere, sämtlich im Marcus, die 
nur durch die unbestimtheit des algemeinen relativs veranlasst zu sein 
scheinen, wie im Ahd. nach ,,aV' (Erdmann §236): Mc. YI, 23 svor 
izai patei pishvah pei hidjais 7niJc, giha piis (o sav ue ahrjorjg); IX, 41 
saei auk allis gadragkjai izvis stikla vatins — amen qipa izvis ei ni 
fraqiste^p mizdon seinai (og — av Ttoxiorj); 42 sa hvazuh saei gamarz- 
jai ainana pize leitilane, gop ist imma mais ei galagjaidau asilnqair- 
nus (o? läv G/Mvöaliar^) ; XI, 23 amen auk qipa izvis, pishvazuh ei 
qijjai du pamma fairgunja — jah ni tuzverjai — ak gdlaubjai — vair- 
pip imma Jnshvah pei qipip (og sav slttt] — zal fiirj ÖLa/.oid^f] — a?JM 
TTLOzevori — larat avTOj o läv unr}), daneben 24 das eben angeführte 
allata pishvah pei hidjandans sokeip, galaitheip patei nimip, jah vair- 
pip izvis. 

Anders verhält es sich mit der schwer verständlichen stelle Col. 
II, 22 patei ist all du riurein , pairh patei is hnikjaidau hi anahusnim 
jah laiseinim manne (a Igtlv Ttävxa elg cpd^OQav rfj aTtoyor^Gu /.ara 
ivTahiaza y.al dtduG/M/Jag avd-QOJTtcov) , „durch den gebrauch, der etwa 
davon gemacht werden könte" d. h. „wenn gebrauch gemacht werden 
solte." Rom. IX, 7 nip Jjaiei sijaina fraiv ÄbroJiamis allai harna (ovo' 



DER GOTISCHE OPTATIV 35 

oTi elülv GTtEQua l4ßQadt.i, Ttavieq Tey.va); hier scheiT\t paiei für pafet 
auf späterer änclerung zu beruhen, indem nur einige kirchenväter ovo' 
oGoi , und lateinische handschriften ,^ncque qui" haben. 

Der Optativ steht ferner ausnahmslos im relativsatze , wie im Ahd., 
„wenn die existenz des im relativsatze umschriebenen begriffs durch 
eine negation im hauptsatze geleugnet oder durch die fragende (hypo- 
thetische) form desselben als unsicher hingestelt wird" (Erdmann §232). 
Der hauptsatz ist negativ Mt. X, 26 ni vaiht ist galmh'p , patei ni and- 
hiiJjaidaUj vgl. Lc. VIII, 17 (o ov'/, ajioy.aXvffd^rjoeTai); Lc. I, 61 ni 
ainshun is in kimja peinanima, saei haitaidau pamma namin (og yca- 
XeiTai)) IX, 50 ni ainshun auJc ist manne saei ni gavaiirJcjai muht 
in namin meinamma (zusatz aus lateinischer quelle); vgl. XVIII, 29. 
Mc. IV, 22. VII, 15. I. C. X, 33. Richtig ist im modus unterschie- 
den Mc. IX, 39 ni mannahim ist saei tatijij) maJit in namin meinamma 
jah macji sprauto uhilvaurdjan mis (og Tcoirjost — yxd öw/joezai), weil 
nur der zweite relativsatz unter die negation des hauptsatzes fält; doch 
steht zweimal der optativ Mc. X, 29. 30 ni hvashun ist saei aflailoti 
gard aippaio hropruns — saei ni andnimai .r. falp (og acprJAev — iav 
firj laßrj). 

Nach fragendem hauptsatze steht der optativ: Lc. VII, 49 hvas 
sa ist saei fravaurhtins afletai (og — acpirjoiv); XVII, 7 hvas izvara 
sJcalJc aigands — saei qipai (og egel); II. C. II, 2 hvas ist saei gailjai 
miJc (6 €v(fQcdvcüv); IL C, XII, 13 hva auJc ist J)izei vanai veseip ufar 
anparos aiJcMesjons (o rjTTrjd^i]T6); Skeir. la (du saihvan sijaiu) saei 
frapjai aippau sohjai gup; Mc. XIV, 14 hvar sind salipvos parei x)asha 
mip sixwnjam meinaim matjau (ottov — cpdyio) „wo ich essen könte." 

V. Der optativ im temporalsatze. 

Von den temporalen nebensätzen stehen die durch faurpiset 
(ttqIv , Ttgo Tov) eingeleiteten stets im optativ ; offenbar schien ihnen, 
da sie sich erst nach dem hauptsatze, wenn überhaupt, verwirklichen, 
eine geringere tatsächliche geltung zuzukommen: Mt. VI, 8 vait atta 
Jmei jus paurhup, faurpisei jus hidjaip ina (tvqo tov i\uäg ahijoai); 
Mc. XIV, 72 qap imma lesus patei faurpizei hana hruJcjai tvaim 
sinpam, invidis miJc prim sinpam (jiqIv dXiy.Toqa (fojvrjoca). Dies 
Verhältnis wird auch dann festgehalten , wenn der Inhalt des neben- 
satzes sich in der Vergangenheit verwirklicht hat, nur tritt dann 
der optativ der Vergangenheit ein: Jh. VIII, 58 faurpizei Abraham 
vaurpi, im iJc (tvqlv — yereod-ai); XVII, 5 hauhei miJc pamma vul- 
pau panei hahaida at pus, faurpizei sa fairhvus vesi (ttqo tov tov 

3* 



36 BERNHARDT 

y.öofiov elvai); Lc. II, 21 liaitan vas namo is lesus, pata qipano 
fram aggilau, faurpizei ganumans vesi in vamha {jiqo zov ovXXrifi- 
(fS^fjvai avTOv); Gal. II, 12 faurjnzei qemema stimai fram lacohau, 
miß Jmidom matida (rrgö roc eldslv). Es kann aber auch durch das 
Präteritum des uebensatzes ausdrücklich angezeigt werden, dass die 
handluug des hauptsatzes vor sich geht, bevor die des nebeusatzes vol- 
lendet ist: Jh. XIII, 19 fram liimma qipa isvis, faurpisei vaurpi (Tigo 
zov yeviod-cii), ci hij)e vairpai^ galaiibjaip patei ih im „bevor es gesche- 
hen ist"; ebenso XIV, 29. 

Auch bei Otfried verlaugt er den optativ bei positivem hauptsatze 
(Erdmann s. 123); ist hingegen der hauptsatz negativ, so folgt darauf 
der indicativ. Wie es sich hiermit im Gotischen verhielt, ist aus dem 
einzigen vorhandenen beispiele nicht zu eikennen, da hier der optativ 
durch die abhängige rede veranlasst sein kann: Lc. II, 26 vas imma 
gateihan fram alimin pamma veiliin ni saiJivan daupu, faiirpizei selivi 
Xristii {jiQLv ]] l'St]). 

Dem ahd. iinz entspricht gotisches unte; beide haben in der regel 
den indicativ bei sich, dreimal sogar bei vorausgehendem imperativ: 
Lc.XVIl, 8 andhahfei mis, unte matja jali drigJca (^cog av cpayco y.al 
Tticü); XX, 43. Mc. XII, 36 sit af taihsvon meinai^ unte ik galagja 
fijands (ßiog av d-co). Daneben aber findet sich sechsmal der optativ, 
viermal bei befehlendem hauptsatze, der auch im Ahd. den optativ des 
nebeusatzes zur folge hat (Erdmann s. 122): Lc. XIX, 13 haiipop unte 
ih qimau (^'cog tQyoi.Lcu); Mc. VI, 10 pishvaduh pei gaggaip in gard, 
par saljaip, unte usgaggaip jainpro (iwg ctv e^el-d-r^zs) ; I. C. IV, 5 J)annu 
nu ei faur mel ni stojaip, unte qimai frauja {ßiog av eld-rf); XI, 26 
sva ufta sve matjaip pana hlaif^ daiipu fraujins gaJcannjaip, unte qimai 
(axQig ov ll-d-?]). Zweimal scheint der optativ ein gewünschtes oder 
beabsichtigtes ergebnis zu bezeichnen: Gal. IV, 19 harnilona meina, 
panzei aftra fita, unte gahairhtjaidau Xristus in izvis (ayQig oh (xoq- 
(pw^f^); Eph. IV, 13 silha gaf sumans apaustaiduns — du ustaulitai 
veiliaize du vaurstva andhalitjis , du timreinai leikis Xristaus , unte 
garinnaima allai in ainamundip)a galauheinais (jn^XQi '/.aravuijoio/nsv). 
Dagegen ist Lc. XV, 4 die zweckbezeichnung nicht ausgedrückt : hvas 
munna — niu hileipip po niuntehund — jah gaggip afar pamma fra- 
lusaninj unte higitij) pata (l'wg ^^Qn)- Die übrigen stellen mit dem 
indicativ sind: Mt. V, 18. 26. X, 23. Jh. LX, 4. XEI, 38. Lc. V, 34. 
IX, 27. Mc. IX, 1. XIV, 54. In den episteln steht also überall 
(viermal) der optativ. 

Ähnlich verhält es sich mit dem relativen und pjatei; bei vor- 
ausgehender aufforderung steht der optativ Neh. VII, 3 ni usluhaindau 



DER GOTISCHE OPTATIV 37 

daiirons lairusalems, und patei urrinnai sunno (ecog ajna t(o ißio)); 
daneben freilich Mt. V, 25 syats vaüahuijjands andastanin peinamma, 
und patei is in viga mip imma (f'iog ozov el) „so lange du noch wie 
jezt bist." Bei beabsichtigtem ergebnisse steht ebenfalls der optativ : 
Köm. XI , 25 dauhei hi sumata Israela varp , und pafei fuUo piudo 
inngaleipai {((xgtg ov — uotl^if). Die übrigen stellen, sämtlich mit 
dem indicativ, sind: Mt. V, 18. IX, 15. Meli, 19. I. C. XV, 25, 
vgl. Lc. XVII, 27 und Jmnei dag. 

Ganz wie im bedingungs- und relativsatze steht der optativ bei 
Vipc lind panj wenn der hauptsatz eine aufiforderung enthält oder ein 
finalsatz übergeordnet ist und der nebensatz ein einzelnes künftiges oder 
ein in gegenwart und zukunft sich widerholendes ereignis bezeichnet; 
im Griechischen steht entweder ozav oder das particip. Über das 
gleiche Verhältnis im Ahd. vgl. Erdmann §192. So Mt. VI, 2 pan 
nu taujais armaion (pvav TTOifjg), ni liaurnjais faura Jms ; 6 pu pan 
hidjais, gagg in hcJ)jon petna (orav jtqooevxjJ)' Col. IV, 1& pan lissigg- 
vaidau at izvis so aipisfaide, taujaip ei jah in Laudekaion aihMcsjon 
ussiggvaidau ^ wo man ussuggvana sijai erwarten solte. Vgl. Mt. VI, 5. 
Lc.XIV, 10. 12. 13. XVII, 10. Mc. XI, 25. 

Einem finalsatz ist der optativ untergeordnet: Jh. XIII, 19 fram 
liimma qipa izvis , faurpizei vaurjn , ei, hipe vairpai, galauhjaij) (orav 
ylvr^Tca), vgl. XIV, 29. XVI, 4. Lc. XIV, 10 ei^ hipe qimai saei Jiai- 
Jiait puk, qipai du pus Qkav lld-f]); I. C. XVI, 2 ainhvarjanoh sah- 
hate hvarjizuli izvara fram sis silhin lagjai huhjands patei vilij ei ni 
hipe qimau , pan gahaur vairpai {orav eld-w) , vgl. 3 ajpan hipe qima^ 
panzei gaJciusip pairh hokos, pans sandja (ozav TtaQccytvcoiiiaL) ; Lc. 
XVI, 4. 9. 

Mc. IX, 9 anahaup im ei mannhun ni spiUodedeina J)atei gaseli- 
vun^ niha hipe sunus maus us daupaim anastopi (el fit] brav avaOTTf); 
hier ist das Präteritum durch das tempus des hauptsatzes veranlasst; 
anders Lc. XIV, 29 ihai aufto, hij)e gasatidedi grunduvaddju jah 
ni mahtedi ustiulian, allai pai gasaihvandans duginnaina hilaikan 
ina (d-evTog — y.al jiü) loyvoviog) „wenn er gesezt und nicht ver- 
mocht hat.'' 

Die frage des hauptsatzes scheint den optativ L C. XIV, 26 ver- 
anlasst zu haben: hva nu ist, pan samaj) garinnaij) (orav oivlq- 
Xr.Gd-e). 

Nur einmal, meines wissens, steht trotz der aufiforderung im 
hauptsatze bei/xm der indicativ: Mc. XIII , 29 sm jah Jus, pan gasai- 
hvij) pata vairjmn, kunneip (ozav Idr^ze). 



38 BEENHAKDT. DEE GOTISCHE OPTATIV 

VI. Der Optativ in vergleichuugssätzen. 

Vergloichimgssätze mit sva managai sve = ogoi , verhalten sich 
wie rehitivsätze, solche mit sva tiffa sve wie temporalsätze. Daher 
heisst es bei adhortativns im haiiptsatze Phil. III, 15 sva managai nu 
sve sijaima fullavlians J)ataliugjai}ua (oaoi ovv xlleioi)^ vgl. Lc. IX, 5. 
Mc. VI, 11. I. Tim. VI, 1 ; I. C. XI, 25 ])ata vatirJcjaiJ) , sva ufta sve 
driyJi'aiJ) (ood/.ig ar Trivr^re) , du meinai gamiindai, vgl. 26. 

Im eigentlichen vergleichimgssatze kann der optativ veranlasst 
sein 1) dadurch, dass das verglichene etwas rein gedachtes ist: I. C. 
IV. 7 jahai anduamt , liva hvoxms, sve ni nemeis; IL C. XI, 21 hi 
iinsveripai qipa , sve patci veis siukai veseima (cog oti rjodevrjöaf.iei')^ 
d. h. ,, zu meiner schände sage ich, gleichsam dass ich zu solchem ver- 
fahren zu schwach gewesen wäre"; hier ist der optativ im gründe 
hypothetisch. 2) kann der optativ durch einen optativ des hauptsatzes 
veranlasst sein : I. C. V, 7 usJiraineip pata fairnjo heist, ei sijaip niu- 
jis daigs , svasve sijaip unhcisfjodai {y.ad^iog eare atvjiioi); Eph. VI, 20 
faur poei airino in hinavidom, ei in izai gadaursjaUj sve shidjau 
rodjan {wg öal //£ ?xdr^oai); Col. IV, 4 ei gahairkfjatc J)o svasve shidjau 
rodjan (eng öel iie lalr]ocii). Auflallend ist der optativ IL C. VIII, 12 
jahai aide rdja in gagreiftai ist, svasve habai vaila andanem ist, ni 
svasve ni liahai (x.or^o av l'yi] — ov y.a&d ovy, txei) „wenn der wille 
(zum woltun) vorhanden ist, so ist er angenehm, wenn er dem haben 
angemessen ist und dasselbe nicht übersteigt''; hier soll der optativ 
nach Köhler 1. 1. s. 116 haben und nicht haben als gleich möglich 
bezeichnen.^ 

1) In meiner ausgäbe hatte ich gagreiftai von greipan abgeleitet, wogegen 
L. Meyer in der anzeige des buchs in den Göttinger G. A. geltend niacht_, das 
wort würde, wenn es von greijum käme, gagrifts lauten; und allerdings ist von 
urreii-an — urrists, von leisan — lists gebildet worden. Man wird demnach ga- 
greiftai ansehen müssen als für gagrefiui (Lc.II, 1) verschrieben, und es ist zu 
erklären ,,wenn lust im beschlusse ist," s. L. Meyer Die gotische Sprache s. 93. 

ERFURT, DECEMBER 1875. ERNST BERNHARDT. 



39 

AUS DEM ALTEN PASjflONAL. 

KONRADSDORFKR BRUCHSTÜCKE. 

Im juui 1870 gelang es mir bei einer kurzen amtliclien bcsich- 
tigung der grätlicli Stolbergiselien arcbive zu Ortenbcrg iiinl Gedeni 
unter andern überbleibsidn alter beim liet'ten von acteii zerstörter band- 
schrifteu (worüber im jalirg. 1872 des anzeigers für künde der deutscbeu 
Vorzeit nacbricbt gegeben ist) am lezteren orte aucb, ein paar per- 
gamentstückcben abzulösen, die, von einer bandschrift des 14. jalirliun- 
derts stammend, brucbstücke aus der Andreaslegende des Alten Pas- 
sionales entbleiten. Durch die vergleicbung mit dem abdruck von 
K. A. Halm ergab sieb, dass diese reste einer bandscbrift von sebr 
ansebnlicbem format angehören musten. Die bestirnteste auskunft hier- 
über wurde ein paar jähre später geboten, als mein College, herr archiv- 
rath Beyer in Stolberg, mir freundlichst zwei grössere pergament- 
umschläge mitteilte, die er bei einer umfassenderen arbeit an den 
Ortenberger archivalien von dortigen klosterrechnungen losgelöst hatte. 

Diese beiden acteudeckel ergaben sicli bald ebenfalls als brucb- 
stücke einer Passionalbandscbrift, und zwar derselben, welcher die zu 
Gederu gefundenen angehörten. Das zweite, grössere dieser blätter bat 
gegenwärtig noch eine höhe von 46 Vs cm. bei 30 cm. breite, das zweite 
ist die noch etwa 23 cm. hohe untere hälfte eines blattes, hat aber die 
wahrscheinlich unverkürzte ursprüngliche breite von 33 cm. Da nun 
das im wesentlichen vollständige grössere blatt am oberen rande und 
an der seite offenbar beschnitten und verkürzt ist, so ergibt sich mit 
ziemlicher bestimtheit als ursprüngliches format unserer pergamenthand- 
schrift eine höhe von gegen 48 cm. bei 33 cm. breite. 

Die handschrift hatte als seitentitel oben die Überschriften der 
abschnitte in rot. so auf dem ganz erhaltenen blatte: von seute 
Johanne | euuangeliilen. Auch im texte sind bei den anfangen der 
einzelnen legenden die Überschriften in roter färbe ausgeführt, so über 
der ptingstgeschichte : Diz ist von dem phingellage | vn wie d' 
heiligeift wart gefant. Jedes blatt zerfält in drei spalten zu je 
58 Zeilen, so dass eine ganze seite 174, ein ganzes blatt 348 zeilen 
enthält. 

Die Zeilen stehen zwischen deutlich und sorgfältig mit der feder 
gezogenen linien, haben grosse anfangsbuchstaben, die durch rote färbe 
hervorofehoben sind. Die initialen der abschnitte sind aber rot und 
blau, blau und rot, auch wol grün mit roter Verzierung. 

Auch über Schicksal und herkunft der alten handschrift gibt 
uns das grössere Ortenberger bruchstück eine bestirnte auskunft. Als 



40 JACOBS 

Umschlag von klosterrecnnungen dienend trug es auf dem vorderdeckel 
die aufschhft: Beftallungsbuch | defz Cloltergefmdts | zu Contzdorff 
ab aö 2c i 1565 | usq; ad annum [ 1577 | inclusive. Das kleinere Ort. 
brucbst. lässt von ausserhalb die jahrzahl 1567 sehen. 

Da der somit zusammengekommene befund einer mitteilung wert 
erschien, so wäre diese auf eine freundliche aufforderung herrn prof. 
Zachers hin schon früher in dieser Zeitschrift erfolgt, wenn derselbe 
nicht auf noch ein paar weitere, wie wol vorauszusetzen war derselben 
handschrift angehörige pergamentstückchen hingewiesen hätte , die von 
dem nunmehrigen geh. rat dr. L. Baur in Darmstadt an einbänden 
von ziusregistern der klöster Konrads dorf und Hirzenhain an der 
Nidder gefunden waren und von welchen die Hauptsche Zeitschrift 8, 
263 und die Periodischen blätter für die mitglieder der beiden histo- 
rischen vereine von Hessen nr. 17 april 1850 nachricht gegeben hatten. 
Da diese Überbleibsel zuerst an unrechter stelle gesucht wurden, so 
vergieng einige zeit, bis sie sich in der grossherzoglichen hofbibliothek 
fanden, von wo herr geh. rat dr. Walther sie am 17. august 1875 
gütigst zur benutzung mitteilte. 

An äusserem umfange waren dieselben allerdings nicht bedeutend, 
aber schätzbar und in hohem grade merkwürdig war die beobachtung, 
dass während von den Darmstädter fragmenten bereits zwei unmittel- 
bar zusammengehörten, (3^ und 3^), diese stücke von den Gedernschen 
ganz genau in die Mitte genommen wurden , so dass nun von den 
58 -zeiligen spalten der ursprünglichen handschrift je 52 auf jeder 
blattseite unmittelbar aufeinander folgten, nämlich aus der Andreas - 
legende Hahn 204, 28—81 und 207, 36—87. So kam also nach 
mehr als dreilmndert jähren der einst von der schere des buchbinders 
oder registrators zerschnittene pergamentstreifen wider zusammen. 

Zu einiger erklärung dieses umstandes und zu etwas näherer 
bezeichnung der herkunft der uns in wenigen bruch stücken erhaltenen 
handschrift mögen ein paar kurze geschichtliche angaben dienen. Kon- 
radsdorf, Künradesdorph (1213), Cunradisdorf (1272), und seit dem 
15. und besonders anfang des 16. Jahrhunderts Conzdorf oder Constorf, 
ist ein nach einigen Vorbereitungen 1191 von Hartmann von Büdingen 
gestiftetes Prämonstratenserstift in der Wetterau. Ursprünglich manns- 
kloster, war es seit mindestens anfang des 14. Jahrhunderts Jungfrauen- 
kloster und zwar von einiger bedeutung. Zwischen 1330 und 1340 
sehen wir durchschnittlich 64 Schwestern und drei bis vier diensttuende 
geistliche im kloster. Als meisterinnen und priorinnen stehen im 
14. Jahrhundert töchter aus bekanten einheimischen adelsfamilien an der 
spitze, später manche vom hohen adel. Aus dem 14. jalirhundert ist 



BRÜCKST. DES ALTEN PASSIONALS 41 

uns manche ansehnliche Schenkung und begabung der Stiftung von hoch- 
gestelten personen verzeiclinet.^ Als eine solche haben wir nun auch 
den grossen passionalcodex anzusehen, der bei nur massiger stärke 
ausser dem alten passional wol auch noch andere Schriften desselben 
dichters fassen koiite. 

Vögte von Konradsdorf waren nacheinander die herren von Büdin- 
gen, Breuberg, Trimberg, dann die herren von Eppenstein und ihre 
mitbesitzer, die grafen von Hanau und Ysenburg. Als erben der gra- 
fen und herren von Eppenstein - Königstein traten seit 1535 die grafen 
zu Stolberg in deren rechte. Schon die lezten Eppensteiner handelten 
mehrfach mit dem beirat ihrer Stolbergischen verwanten. Als der 
bauernkrieg im jähre 1525 auch die Eppenstein - Königsteinschen klöster 
Konradsdorf, Arnsburg und Hirzenhain betroffen hatte, schrieb am 
7. juli graf Eberhard an die gemahlin graf Bothos zu Stolberg, man 
gedenke mit den klöstern eine als notwendig erscheinende Veränderung 
vorzunehmen. So begann die refoi-mation und säcularisation derselben 
unter möglichster beibehaltung der alten formen. ^ In der lezten evan- 
gelischen zeit, wo Helene v. Trohe meisterin war, erfolgte die Zerstö- 
rung der alten schönen handschrift — oder wahrscheinlich nur der 
damals noch erhaltenen reste — zum behufe des bindens von klosterrech- 
nungen und registern. Mit den Schicksalen und der geschichte der 
Königsteinschen besitzuugen der grafen zu Stolberg liängt es zusammen, 
dass die reste ein und derselben Konradsdorfer handschrift in den archi- 
ven zu Ortenberg und Gedern und in grossherzoglich Hessischem besitze 
gefunden werden konten. 

Nach versen gezählt ergibt sich nach Hahns abdruck der Heidel- 
berger handschrift Frankfurt a. M. 1845. 8*^ folgender gesamtumfang 
der Konradsdorfer bruchstücke: 



109, 87 — 110, 17. 111, 79 — 112, 6/ 143 



Ortenberg I vorders.: 109,29 — 52. rücks.: 111,20—44 ] ^'ß'- 

1-112, 6/ 14 
110,53 — 75. 112,41—64 J 

Darmstadt I und H 138, 49 — 66, 69 — 78| 

141, 52—68, 72 — 81J zusammen ... 55 

Gedern I und II, ] 204, 38 — 79) 

I 207 S6 87 r ^^sammen .... 104 

Ortenberg II (ganzes blatt) 227, 10 — 230, 71 zusammen . . 348 

gesamtzahl 650 



Darmstadt IIP und IIP 



1) Vgl. G. Simon, Gesch. d. reichsständ. Hauses Ysenburg und Büdingen 
mit urkdb. Bd. I, s. 132; 258 — 262; urkdb. s. 10, 291, 289. 

2) Vgl. meine Evangel. Klosterscliule zu Ilsenburg u. s. f. s. 339 fg. 



42 JACOBS 

Diese siebentehalb liuiulert verse sind jedoch keineswegs alle voll- 
ständig lesbar erhalten, sondern während an einzelnen stellen anfangs - 
oder sehlnssbuclistabeu oder silben durch die schere des actenhefters 
weggefallen sind, haben die aussenseiten der aus Ortenberg stammen- 
den umschlage durch abreiben und schaben , nadelstiche und schmuz 
so gelitten, dass insgesamt 129 verse ganz unberücksichtigt bleiben 
musten. Bei einer anzahl verse war das lesen mülisam, doch wurden 
nur teilweise erkenbare stellen beiseite gelassen, weil es im vorliegenden 
falle, wo der ganze stoff bereits gedruckt vorliegt, nur darauf ankom- 
men kann , das sicher lesbare , das zu vergleichungen brauchbar ist, 
mitzuteilen. Wo einzelne buchstaben und Wörter nach Hahns druck 
mit berficksichtigung der besonderen form unserer fragmente ergänzt 
sind, ist das betreibende in klammern gesezt. Die zahl der abgedruck- 
ten Zeilen beträgt 521. 

Heben wir einige unterscheidungspunkte der Heidelberger und 
Konradsdorfer Überlieferung hervor, so ergibt sich zunächst, dass die 
leztere handschrift äusserlich viel prächtiger und durchgängig sehr sorg- 
föltig geschrieben erscheint. Obwol Hahn bis auf wenige alle abkür- 
zungeu seiner vorläge im druck aufgelöst hat, so sind die übrig gelas- 
senen immer noch viel zahlreicher als die der Konradsdorfer hdschr. 

Leztere hat auch manche Unebenheiten ausgeglichen; so wenn in 
der Heidelberger hdschr. 228, 58 fg. durch umkehrung der Wortstel- 
lung ein unerlaubter rührender reim entstanden ist: 

An gute vnde an hosen, 
Des muten ßch die hosen. 

bietet die Konradsdorfer hdschr. die fehlerfreie fassung: 

An hosen vnd an guten^ 
Die hosen sich des mvten. 
227, 88 fg. schreibt die Heidelberger ungenau: scliole : stuhj die Kon- 
radsdorfer richtiger: schule : stide. 

Heidelb. 227, 41 Ar, menfche, lewe vnde rint 
Konradsd. Ar, menfche, lewe, rint. 

Auch in einzelnen Wörtern finden sich richtigere formen, wo freilicli 
bei Hahn auch schreib- oder druckfehler vorliegen können, so 138, 51 
Heidelb. suhdyhen , Konradsd. sidjdyahen; 207, 41 Heidelb. vruntheren, 
Konradsd. vritchtberen ; 141, 91 Heidelb. leccen^ Konradsd. leccien; 
227. 334 Heidelb. gehordent^ Konradsd. geordent ; 204, 44 Heidelb. 
volch , Konradsd. vloc. 

Sehr oft hat Konradsd. da a, wo Heidelb. o, wie bei da, hainn^ 
schauwen, glauhe, auch, statt da, houtn, schoiven, ouch, doch hat 



BBÜCHST. DES ALTEN PASSIONA.LS 43 

Konvadsd. aiicli liiiufig do ; auch 204, 52 dm touf; 207, 54 und 62 houme, 
houm. Ebenso häutii^ ist in den bruclistücken das kurze und unbetonte 
c der Heidelb. hdschr. weggefallen', doch komt es auch mehrfach vor, 
dass sie an lezterer stelle fehlen, wo Konradsd. sie hat. Z. b. 230, 32 
Konradsd. difcniCj lieidelb. difmc ; 230, 3G Konradsd. an dcmc iiamcn, 
Heidelb. an dem namcn; 230, 17 Konradsd. mit luchtcndemc ijcßcinc^ 
Heidelb. luchtcndem; 230, 45 Konradsd. in dcmc rate, Heidelb. in dem 
(de) rate. 

228, 50 Heidelb. Wu^ l de lade an manche rote 

Konradsd. Wuchs in dcmc lande an manigen roten. 

Statt vireinct, virftiez, viryiht usw. hat die Konradsd. hdschr. ver- einet 
-stiez -(jiht usw. (doch 228, 76 romischen wo Heidelb. romeschen); statt 
Heidelb. iiuCj nie, cjrucn haben die Konradsd. fragniente nuwe, rmve, 
(jriiwen; wo erstere am ausgang der silben ch, haben leztere ein c. 
Vgl. 228, 60 Heidelb. Daz dicfe nue lere uf steich 
Konradsd. Baz dife nuive lere uf steic. 

So bieten die Konradsil. bruchst. sie (141, 74) tue, wec, mauie, manie- 
valt , truc, dagegen die Heidelb. hdschr. fach, ivcch, manich , -valt, 
truch; so 138, 51 Heidelb. dj/achcn, Konradsd. dyaken. Statt Heidelb. 
iverdichcit, mihlicheit, bliiidicheit usw. hat Konradsd. iverdckcit, )nilde- 
keity hlindekeit, (z. b. 227, 26; 228, 13. 68). Dagegen schreibt 227, 24, 
gegenüber dem richtigeren nach der Konradsd. bruchst., die Heidelb. 
hdschr. incorrect 7iac. 

Auch in Verwendung des h verfahren die Konradsd. bruchst. cor- 
recter als die Heidelb. hdschr.. So: 230, 34. 35 Heidelb. nicht : vir- 
gicht j Konradsd. niht : vergiht; 228, 84 Heidelb. nicht, Konradsd. ^«7«^; 
229, 68. 69 Heidelb. nicht, secht, Konradsd. niht, seht; 138, 72. 73 
Heidelb. licht : zvplicht; Konradsd. liht : züpfliht; 230, 24; 227, 58. 72 
Heidelb. nicht , Konradsd. niht. — Ferner 227, 16 Konradsd. hochgeloh- 
ten, Heidelb. ho gelohten; 121, 33 Konradsd. hohfte , Heidelb. hoste; 
227, 96 Konradsd. sieht, Heidelb. sit; 228, 21 Konradsd. hevolhen, Hei- 
delb. hevolen; dem n der Heidelb. hdschr. steht in den Konradsd. fragni. 
oft ein gegenüber: diinres, donres , dunreflach, donreflac , dagegen 
227, 56 Heidelb. foldcst, Konradsd. fuldeft. 

Als entschieden mundartlicher unterschied ist hervorzuheben, dass 
das dit der Heidelb. hdschr. in den Konradsd. bruchst. diz lautet; für 
unz an ersterer stelle, steht an lezterer hiz. Die häufige Schreibung 
von i)h, wo Heidelb. /' hat, ist wol als mehr zufällige äusserlichkeit zu 
betrachten, zu bemerken ist aber die wenigstens im abdruck der Hei- 
delb. hdschr. nicht gefundene Schreibung ü und v. 



44 JACOBS 

Als einzelbeiten verzeichnen wir noch 228, 10 Heiclelb. sterben, 
Konvadsd. ersterben; 228, 22 Heidelb. liimels brotes, Konradsd. himel 
brotes; 228, 25 Heidelb. kuscheit, Konradsd. Jcufche; 228, 18 Heidelb. 
iviirdes du^ Konradsd. ivurdeftu; 227, 71 Heidelb. lio geftricJcter, Kon- 
radsd. ho gestricter; 228, 49 Heidelb. tugentliche, Konradsd. tugenthafte. 

Mag das ergebnis der vergleichung der Konradsdorfer bruchstücke 
mit der in Hahns abdruck vorliegenden gestalt des Alten Passionais 
auch ein beziehungsweise untergeordnetes sein, so verdient doch gewis 
der hervorragende, unermüdlich schaffende dichter, auf dessen persön- 
lichkeit und bedeutuug besonders Joseph Haupt in seiner gehaltvollen 
abhandlung: „Über das mitteldeutsche Buch der Väter" (Sitzungsberichte 
der akademie der Wissenschaften bd. 69, 71 — 146, Wien 1871) hin- 
gewiesen hat , dass wir die gestalt und Verbreitung seiner werke , die 
bei seinen Zeitgenossen einen so allgemeinen beifall gefunden haben, 
genauer verfolgen. 

Bruchst. Orteiil)g. I. Untere blatthälfte zu 23 cm. höhe, 33 cm. 
breite erhalten, Hahn 109, 29 — 52; 109, 87 — 110, 17; 110, 58 — 75 
auf der Vorderseite enthaltend. Da sie jedoch die aussenseite des 
Umschlags bildete, so ist die schrift so sehr abgerieben und beschmuzt, 
dass nur noch elf zeilen in der dritten spalte zu lesen sind, nämlich 
Hahn 110, 55 — 65: 

[Himmelfahrt] 

110, 55 Diz waz der gute mathias 
[Ortenbg. I ""^'''] Den wolde er zu dem amte haben. 

Als fi beten alle entfaben 

Wie daz loz mathiam 

Da fvnderlichen uz nam, 
60 Des vreuten ü üch alle. 

Nach des lozes valle 

Bleib er der apolteln ein. 

Dar an mit aller truwe er fchein. 

Wand als ün truwe im gebot 
65 Truc er daz amt in den tot. 

Die folgenden vier Schlusszeilen dieses abschnitts (von imses lierren 
tiffart) sind nicht mit genügender Sicherheit zu lesen. Es ist noch zu 
bemerken, dass dieser schluss von H. 110, 55 an durch fünf links an 
den rand abwechselnd rot und blau gemalte ^vie I gestaltete Verzierun- 
gen in unserer hdschr. hervorgehoben ist. 

Es folgt der anfang der pfingstgeschichte. Die Überschrift in 
roter färbe: 



BßüCHST. DES ALTEN PASSIONALS 45 

Diz ilt von dem pliingellage 
vn wie d' heiligeifl wart gefaiit. 
tritt deutlich hervor, ebenso die rote, blau verzierte initiale N des 
abschnitts, die nächsten sechs zeilen sind jedocli nicht selbständig zu 
lesen. Die zweite seite unseres halbblattes ist ziemlicli geschüzt und 
geschont geblieben, so dass alle drei spalten gelesen werden können, 
besonders die erste, etwas mühsamer teilweise die zweite und dritte. 

[Pfingsten] 

Hahn 111, 20 [An dem] guten phingellage, 
[Orten bg. I '"'''• ''] Daz vns ilt Jubileus iar, 

Vreude fprichet daz vürwar, 

Wände wir wurden do gewar, 

Wie die werlt her vnd dar 
25 An guten luten ilt gevreut; 

Die minne hat ir golt ziillreut; 

Nu lefe üf fwer da gut wil lefen ; 

Swer gevangen ilt gewefen 

Von der alden fvnden baut, 
30 Der fal fich ricliten fanzuhant 

Vf den wec in den hymel. 

Wand in der alden fvnden fchimel 

Nicht lenger tar behalden 

In ir valfchen valden; 
35 Swem himelifch gut was v^pfant, 

Der neme ez wider fanzuhant. 

Wand ez die zit machet vri; 

Swer nv enlende fi. 

Der fal zu vater lande kvmen: 
40 Swaz im den wec hete vndernvmen, 

Daz ilt nü gar verMrzet, 

Der wec ilt auch verkürzet, 

Der vns zu himel fal tragen, 

Swaz man hie vor in alden tagen 



Hahn 111, 79 Waz [faltu vurb]az vns tvn, 
[Ortenbg. I '■''•^] Du gebe dinen heiligen fvn 

Vor vnfe fchult zu lone ; 
Vz dime riehen trone 
Santelt du vns dinen geilt, 



4G JACOBS 

Der vns mit vreuden volleilt 
85 Dir folde gar bereiten 

Vnde hin zu dir leiten 

Mit tugenden mauecualden; 

Du halt dich vns behalden 

In ewegeme lebene 
90 Vns eigentlich zu gebene 

Mit wünsche au aller vreuden craft. 

menfche, fich welch herfchaft 

Dir behalden fi bi gote, 

Alfe dir fm getrüwer böte 
95 Der heilige geilt machet künt. 

Tu uf im dins herzen grünt 
112, 1 Vnde laz in dich behtzen, 

Er kau die feie erhitzen, 

Wand er gotes vuwer ilt; 

Diu feie wifet er aller vrilt 
5 Mit fines liechtes glalte. 

Vereine dich mit deme gaste 



Hahn 112, 41 [Enjtwirfet vnde Itrichet, 
[Orteiil)g. I '■'^' ''] Daz bilde er wol riebet 

Mit varwe nach dem willen fm, 
Als er dar nach rechten fchin 

45 Wil an gantzer forme im geben; 
Zu haut er drüf vnde beneben 
Swarze varwe Itrichet, 
Die fich alfo erblichet, 
Daz fi gar vnterfcheidet 

50 [Daz] bilde wol gecleidet 
Nach finer forme geltalt. 
Sus hat der wife gots gewalt 
Sin werc geworcht manegerhant. 
Des doch die werlt was geblaut 

55 An des herzen vernvnft; 
Criltes heiraeliche kvnft, 
Sin gehurt vnde fin leben, 
Wie nutzlich er vns was gegeben, 
Wie getrulich er warb, 

60 Wie er vor vnfer fvnde ftarb 



BEUCHST. DES ALTEN PASSIONALS 47 

Vii vnfen tot zu tode flüc 
Mit fime tode, den er tiüc 
An fwerlicheni gevelle, 
Wie er vns vz der helle 



Soweit das erste Ortenberger fragmcnt. Aus dem abschnitte 
von vnser vrowen wundere Halui 13G fg. sind uns zunächst auf 
einem schmalen pergamentstückchen (5V2 cm. breit, IOV2 cm. lang) 
folgende verse auf der Darmstädtor bibliothok erhalten. Das einge- 
klammerte ist abgeschnitten. 

[Marienlegenden] 

Hahn 138, 49 Die fich heten an getan 
[Darinst. I "'^J 50 Alfe noch hüte in hochzit 

Dyaken vude subdyaken [pflit] 

Vnde zu dem amte fuln lef[en], 

Die düchten fi engele wef[en]. 

Nach difen quam mit zir[heit] 
55 Einer pfeflich becleit ; 

Si duchte, ez were cristus. 

Nu dife alle quamen fus 

Biz hin vor den altare, 

Do erhub mau offenbare 
60 Des tages fanc vnde fin [amt]; 

Swas ir darinne waz ge[farat], 

Die fvngen alfo fchone, 

Daz von fulcheme done 

Die vrauwe groze vreud[e entfie]. 
65 Daz amt vafte hine gie 

Biz zu dem opferfange. 

Von der lezten zeile ist nur der obere teil erhalten. Es folsrt nun 
— also mit verlust nur zweier zeilen — die Vorderseite des zwei- 
ten DarmstUdter bruchstücks: 

Hahn 138, 69 Die gecronete kvnegin 
[Daruist.!!"""] 70 Hin vor den priiter da auch fie 

Biz vf die knie lieh nider lie 
Vn opferte im daz kerzen liht 
Mit tvgentlicher züpfliht. 
Vn als fi wider hin getrat 
75 Da fi e was an ir Hat, 



48 JACOBS 

Ein iegelicb do zvm altere qua[m], 
Alfe der gewonbeit gezam, 
Da er der kerzeii ficli verzech 

Bei der fortsetzuug, Darmstadt I rückseite, sind die vers- 
aufange überall abgescbnitten : 

Habu 141, 52 [Der an de]r luden berze lac. 
[Darmst. I "■"] [Nu waz d]ie zeit der felbe tac, 

[De er vo]u in beiden 
55 [Was dar] zu bescheiden, 
[Der liecbJmelTe iit genant, 
[Do mari]a den beilant 
[Im trüc] zu dem templo. 
[Der pabejlt biez gebieten do, 
60 [Als ime fi]n berze geriet, 
[Daz algjemein der lüden diet 
[Des tage]s zu bauf fin (!) nemen 
[Vnde zu d]er mettene quemen 
[In das m]vnfter vnfer vrauwen, 
65 [Da solde] man befcbauweu, 
[Obe crilt] der ivnvrauwen fün 
[lebt moc]bte ein zeicben getvn 
[Von gotel]icbem gewalde. 

Äbnlicb verstümmelt ist anschliessend die rückseite von Barm- 
stadt II: 

Hahn 141, 72 [Von] leien vnde von pfaffeu, 
Darmst. 11 """] [Vn]de wolden zu kaffen 

[Wel]che den sie betten. 
75 [Ma]n fanc [vil] fcbone metten, 

[Wa]nde da vil pf äffen waz. 

[Do] man achten leccien laz, 

[Do] wart iener blinde 

[Ge]vürt von eime kinde 
80 [Vur] den alter an ein itat, 

[Da e]r fo offenlicb üf trat, 

Es folgen nun die beiden Gedernsehen und die beiden Darm- 
städter fragmente III* und IIP, über deren merkwürdiges zusammen- 
schliessen bereits oben gesprochen wurde. Es enthalten nun: 



BEUCHST. DES ALTEN PASSIONALS 49 

Gedern I . . . Vorderseite: Hahn 204, 28 — 42 = 15 Zeilen 
Darm st. III* u. IIP „ „ „ 43 71 = 29 „ 

Gedern II . . . „ „ „ 72 -79 = 8_ „_ 

52 
Gedern 1 . . . . rückseito: Hahn 207, 3G — 50 = 15 zeileu 
Darmst. 111' u. Iir „ „ „ 51 — 79 = 29 „ 

Gedern II ... . „ „ „ 80 — 87 = 8 „ 

52 
insgesamt 104 Zeilen. 

I Andreas. I 

Hahn 204, 28 Daz aller liebefte daz ich habe, 
[Ocdcni T ''^l Des wold icli mich durch dich tvn [abo], 
30 Daz ift vber mich gewalt, 

Den du dar nacli haben falt 

Vnde mit mir tun fwaz du wilt. 

Als die rede was bezilt, 

Andreas, der gotes böte, 
35 Sprach sin gebet hin zu gote 

Mit vlize, als die guten tvnt; 

Der knappe do von tode erllvnt 

Vnde wart gelaubich auch an gote. 

Nach andreas geböte 
40 Taufte ficli ge[nüger] da 

Vnd lebeten crilten[lich dar na]. 
^S[in v]il heilige mere, 
[üarinst.III'-""] Wi tugenthaft er were, 

Daz vloc vil witen in di laut 
45 Vfi wart manigem erkant, 

Der durch got auch geruchte, 

Daz er in verre suchte 

Vnde wolde mit im vmme gan. 

[Sich beten] zweimal vierzi|ch] man 
50 Vereinet uf alfulchen fin, 

Daz fi zu im wolden liin 

Vn von im den touf entphan. ' 

Den willen liezen fi vol gan 

Nach ires herzen wale. 

1) Blaue, rotvorzierte initiale, wovon die obere hälfte auf dem Gedernschen, 
die untere auf dem Darmstädter fragmente sicli am rande lang herabzieht, beides 
genau anschliessend. 

ZETTSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BI>. V\\\. 4: 



50 JACOBS 

55 Si vureu alzvmale 

In eime fchiffe alfo die vart. 
[Darmst.III ^•'''^] Nu quam ein fturm al zu hart. 

Der fi nicht volreicheu lie 
Vor der habue, da üe 

60 Begerten nider läge. 

Da quam fo groz ein vlage, 
Der fi mit leide entfubeu, 
Die vnden fich erhüben 
Vnde traten zu in vber bort; 

65 Alleutalben hi vnd dort 

Gienc daz ichif in den grünt. 
Alfus verdarb in der ftvnt 
Beide lute vnde gut; 
Idoch die gewaldes vlut 

70 Di licham truc zu Itade. 
Seht, der grobelicbe fchade 
[Gederii II '■ ""] fWa]s den luten harte leit. 

Si waren dar zu vil gereit, 
Daz Fl di licham wolden graben. 

75 Do andreas bete entfaben 
Vn horte im werlich duten 
Von anderen fchifluten, 
Daz fi durch gut quamen dar, 
Do liez er werden auch gewar, 



Halin 207, 36 Daz ich den tot entfeze, 
[(jedem I ^^] Den man mir dar an meze, 

So folde ich billich lin gedagen: 
Min herre hat durch mich getragen 

40 Sin cruze, dar an bleib er tot; 
Vor der vruchtberen not 
Enfal mir nimmer gruwen. 
Du falt mir des getruwen, 
Ob du des cruzes ere 

45 Entphiengeft in rechter lere, 
Daz were an seiden din gewin. 
Vernim den nvtzhaften sin, 
Durch waz vns xpc wart gefant, 
Vnd durch waz in die minne baut 



BRÜCIIST. DES ALTEN PASSIONALS 51 



50 An des criizes hertekoit. 
[Daniist. IIT"'"1 Allem (!) menschen waz verfeit 

Der himel von adanie, 
Der nach eren rame 
An dem boume fich vergaz, 

55 Dar abe er den apfel az. 
Alfus was menfche vnde got 
Nach des zornes gebot 
Gefweiet harte manic iar, 
Wände niemannes wart gewar, 

60 Der von fvnden were 
So reine vnwandelbere, 
Der an den boum gienge 
Vn vriintlich vndervienge 
Gegen der menfcheit gotes zorn. 

65 Hie zu wart xpc geborn, 
[Darmst.lir'.'"] Kufche vnde reine, 

bewart vor allem meine, 
Von einer ^ ivncvrauwen, 
Vnd der hat vns verbauwen 

70 Dez vater zorn mit finer not, 
Die man im an dem cruze erbot. 
Nu ßch , des cruzes ere 
Sal ich immer mere 
Loben gar mit werdekeit, 

75 Wand vns dar an ift bereit 
Der bohlten vreuden gewin. 
Do fprach egeas wider in: 
Je mer der rede mir wirt gefaget, 
Je mer auch fi mir milTehaget, 
[Gedenill'''] 80 Nach allem minem willen; 

Ich wil auch fi geltillen 
Vnd dinen tvmplichen lin 
Breugen uz der lere hin, 
Mir engebreche der gewalt; 

85 Hi von du balde entwichen falt, 
Abe der valfchen lere. 
Nim di widerkere 



1) Die hdschr. : einen. 



52 



JACOBS 



Es bleibt nun nur noch das gröste bruchstück : Orteiiberg II, 

von dessen Vorderseite nocb alle drei foliospalten zu lesen sind, mit 
der Überschrift : 



Habn227, 10 
[Ortenbg. U "" "] 



W 
W 



Ton feute Johanne eiiuangeliften. 

Di]e von kindes beine 

Ga]r luter vnde reine 

BJehalden halt mit vlize. 
az die edele wize 
under vnde wunder vant, 
15 D]o din vernvnft was uf gefant 

I]a der hochgelobten vriit, 

D]o din geminneter crilt, 

D]em auch du were ein fvnder vrunt, 

D]urch vruntlichez urkvnt 
10 In] einer fuzen woUult 

Di]ch neigete uf fin edele brult! 

D]a were du eutnvcket 

V]nde binnen des gezucket 

N]ach dines herren geböte 
25 V]ur daz antlitze an gote 

In] fmer hohften werdekeit. 

^ 0] wol deme herzen der kufcheit, 

Daz got bi libes lebene 

Schauwen liez fo ebene 
30 Der hohften vreuden gewin, 

Da cherubin vnd feraphin 

An im in fteten minnen 

Vf daz hohfte brinnen, 

Dar zu fi geordent fmt. 
35 In den fchriften man vint 

Von vier edeln tieren, 

Die ordenlich sich vieren 

Vmb ihefum xpm hi vnd da; 

In rechter liebe ü im na 
40 Algemeinliche fint, 

Ar, menfche, lewe, ri[n]t: 

Alfus nimt man ir da war. 



1) Bis hier sind durch ein ausgeschnittenes stück pergament die ersten buch- 
staben weggefallen. 



BBUCHST. DES ÄXTEN PASSIONALS 53 

du vliegender ar, 

Als ich von fchuUleü fprechen muz, 
45 Die grift diiies herzen vuz 

Vf den höhlten celcli trat, 

Dez malet man dich zur hohllen Hat 

Obe die andern alle dri; 

Dines herzen vluc was vri, 
50 Wände dv als ein adelar 

Neme des fvnnen blickes war, 

Mit dinen kufchen äugen fcharf. 

Din herze fich da hine warf 

In der fchonen kvnlle buch, 
55 Da du wifen vber fuch 

Durch vnfen willen fuldeft tvn. 

Du bift genant des donres fvn, 

Daz vme luffc niht wefen mac; 

Din lere alfam ein donreflac 
60 In der werlt fich vmme truc, 

Di auch erkvmelichen fluc 

Vnd fich hub vnmazen ho, 

Do du fpreche: In principio. 

Als wir von dir han gehört, 
65 In dem beginne was das wort 

Vnd daz wort was bi gote. 

du feldenricher böte! 
[Ortenbg.II'''^**'] Alfus liez er dich fprechen vort: 

Vnde got was daz wort, 
70 In dem beginne was daz bi gote. 

Diz ift ein ho geftricter knote, 

Der vns niht wirt entpvnden 

Biz zu den seligen ftvnden, 

Da wir al offenlichen fehen, 
75 Des wir von gote füllen iehen. 

Hie von din rede heizen mac 

Wol ein erkvmelich donrflac, 

Die din lere hat geflagen. 

Wer wil dem andern nv fagen, 
80 Daz er endelich entfebe, 

Wa von fich der donre hebe, 

War abe er kvme vnde wa hin, 

Der grife auch her in difen fin 



54 JACOBS 

Viide erfcbepfe vns hie eleu grimt. 

85 Got wil ez lazeii viikvnt 
Biz fohin zu der fchule, 
Da er vou fime ftule 
Vus wifet meirterlich dar au. 
Johauues, der vil gute mau, 

90 An worteu, als ich e fprach, 
lu dem vatere wefeu fach 
Sinen eiubornen fvu. 
Diz mochte er harte wol getvn 
Mit gote fvu der waukeu, 

95 Als eiu meufche iu deu gedaukeu 
Eiu wort ficht daz er redeu wil. 
Hahu 228, 1 Johauues, du hast harte vil 

Entphaugen fvuderlich von gote; 
Du hiez der geminnete böte, 
Sm er di andern auch bete lieb; 
5 Dir wart Judas der dieb 
Gemachet fvuderlich erkaut; 
Du were der edele wigant, 
Der dar alleiue trete. 
Da du mit vngerete 

10 Dineu herreu fehe erfterbeu. 
Daz koude auch dir erwerben 
Der hohen gäbe richeit, 
Daz dir criftes mildekeit 
Siner (!) mvter alda gab, 

15 Daz du ir leiter vnd ir ftab 
Mit allen truwen foldeft wefen. 
Dar zu wurdeftu erlefen 
In diner fchonen ivngeude. 
wol der kufchen tugeude 

20 An dir, du hochgelobter böte, 
Dem bevolhen wart von gote 
Des himel brotes arke. 
Criftus der patriarke 
Hat daz vil wiflich vz geleit, 

25 Daz kufche pflege der kufcheit. 
Nv^ boret von Johanne 

1) N als rot und blau ausgeführte initiale. 



BEUCHST. DES ALTEN PASSIONALS 55 

Dome heiligen manne, 

Wie er mit gote was bewurt 

Nach vnlers lierren vliart, 
[0rteiibg.Il'''']3u Da die apollelen gar 

Sich zeteilten her vnd dar 

In die riche mancher wis, 

Da fi des gelauben pris 

Mit predigate lerten 
35 Vnd daz lut bekerten 

An xpm des gelauben ftam. 

Johannes vur in afiam 

In ein kvntcriche (!) wit, 

Da er auch in der felben zit 
40 Sinen cram vz breitte, 

Do mit er vrolicli leitte 

Des Volkes fere vil an got. 

Von vnfers herren gebot, 

Der in Johannem fante, 
45 Daz volc do wol enprante, 

Wände der gelaube in Fi brach. 

Swaz in Johannes vor fprach, 

Des iahen fi im volge mite. 

Dirre tugenthafte fite 
50 Wuchs in deme lande an manigen roten. 

Vor ir valfchen abgoten 

Begunde in vafte gruwen, 

Si liezen kirchen buwen 

Nach Johannis geböte. 
55 Genvge heten ez zu fpote, 

Genvge nicht, vnd alfo 

Wart ein zweivnge do 

An bofen vnd an guten. 

Die bofen fich des mvten, 
60 Daz dife nuwe lere uf fteic . 

Vnd man der alden gefweic, 

Die vafte weich vnd abe trat. 

Ephefus was da ein ftat, 

Dar auch Johannes geriet 
65 Predigen der felben diet 

Die craft des gelauben. 

Do liezen üch betauben 



56 JACOBS 

Svmeliche au bliudekeit 
Der eudeliafteii warheit, 

70 Die in da wart vor geleit. 
Ir irretum wart alfo breit, 
Daz fi difeii werreu 
Clageten deme berreu, 
Der mit gewalt des laudes pflac 

75 Vnde doch geborfam viiderlac 
Der grozen romiscbeü craft, 
Wand ir gewaldes berfcbaft 
Sieb vber alle vurften truc. 
Ein in dilTes lierzen (?) fluc 

80 Vf feute Jobauues lere, 
Daz er mit vremder kere 
Daz lut pflac irren 
Vnde von den goten virren, 
Den ü nibt dienten uu als e. 

85 Er daclite im wirken barte we, 
Daz er leitlicb mvfte erdoln. 
Gevangen liez er in b[oln]; 
[Ortenbg.Il''''*^] Diz gescbacb als er gebot. 

Do dreute er im an leiden tot, 

90 Ob er [von üner lere] 

N[icht trete] an widerkere, 
Nacb den alten geboten, 
Vnd den belfricben goten 
Nicbt fin Opfer brecbte, 

95 Er mvfte an leider ecbte 
Scbantlichen tot erkiefen 
Habn 229, 1 Vnde finen lib verliefen. 

Jobannem, den erweiten gots, 
Jamerte fere diffes fpots, 
Daz man die bilde gote biez. 
5 Von dem berzen er verstiez 
Swaz im der valfcbe vurfte riet, 
Sinen willen er in befcbiet, 
Daz er nacb des tuvels fpote 
Die vnreinen abgote 

10 Zu fcbimpfe wolde immer baben. 
Als der vurfte bete eutfaben 



BBUCllbT. DES ALTEN PASSIONALS 57 

Daz er im harte wider ftunt 



Um den Zusammenhang nicht zu unterbrechen haben wir die lez- 
ten 21 Zeilen iHahn 228, ö« tgg"-), welche bereits der rückseite 
unseres folioblattes angehören, unmittelbar au den text der Vorderseite 
angeschlossen. Der text dieser als aussenseite und schmuzdeckel die- 
nenden spalten hat nun duich den laugjährigen gebrauch, zumal am 
rücken und auf der Vorderseite, so gelitten, dass nur die kleinere hälfte, 
und teilweise imr mühsam, noch zu lesen ist. Günstiger ist es mit 
der dritten spalte, da deren zweite hälfte durch einschlagen beim ein- 
bände nach innen kam und geschüzt blieb. Von spalte 2 ist noch das 
folgende des anfangs lesbar: 

Hahn 229, 50 Dar under brante vuwer. 
Orteubg. II '""' ^] [Si war]en vngehuwer. 

Des wolden ß mit fulcher not 

An im vngehuren tot 

In deme olei began. 
55 Ey nü fchauwet alle dran, 

Waz got an üne kufcheit 

Grozer crefte hat geleit! 

Die vngevuge heize dunft 

Noch die wallende brvnft 
60 Enwifete im nindert vngunft; 

So wol half im die gotes kvnft 

Mit der genaden vlieze. 

Daz kufche cleit daz wize 

Was vnberurt von wetagen; 
65 Man dorfte in nindert hin tragen. 

Er gienc eruz vnde geftvnt 

Als di gesvnden alle tvnt, 

Den niht arges wirret: 

Seht noch was vnverirret 
70 Sin predigen, ün heilig wort. 

[Er] wifete beide hi vud dort" 

Die schluss-columne mit hinzunabme der lezten vier verse der 
zweiten, ist, wie erwähnt, im algemeinen ziemlich lesbar; nur in der 
mitte sind teils durch stiebe im pergament, teils durch abreiben und 
schmuz, verschiedene worte unlesbar: 

Hahn 230, 10 Mit [zw]elf fteinen vnder[fat], 

Der ewigen vreuden ftat; 



58 JACOBS 

[Dar m]ne er vil befchribet, 

[Wie] fi beflozzen blibet 
[Orteubg.ll'"'"] Von allen wandelberen; 

15 Er Ichribet auch in den meren 

Die zwelf porten gemeine 

Älit luchtendeme gefteine 

Meifterlich durch vieret; 

Die gazzen er auch zieret, 
20 Vnd er Taget mit warheit 

Si lint mit golde wol durchleit 

In rechter ordenvnge. 

Allerhande zvnge 

Mit warheit niht hie kan ge[fagen], 
25 Noch die minneften vreude er[iagenl, 

Di got den fmen alda git. 

Diz fchreib Johannes in der z[it] 

Die wile er dort was verfant 

In der infein einlant. 
30 ^]IIerke[t no]ch ein fache, 

Als ich hie kvnt uch mache 

Au difeme felben mere. 

Der keifer vnd die romere 

Verterbeten die apofteln niht 
35 Vmb des gelauben vergibt 

An deme namen ihefu xpi. 

Die romere waren alfo vri 

Von gewal[des] gebot, 

Daz fi de[hei]nerhande got 
40 Verw[urfen], der in wart gefeit; 

Alf[e ob ir befch]eidenheit 

[Ez duchte] wert der rede wefen, 

V[nd ob er da] wart uz gelefen, 

Vnde [mit ir] fenate 
45 Bellet[igt] in deme rate, 

Seht, fo hiez er ein werder got. 

Hi von des leiden tuvels fpot 

hete alda manic bilde. 

Des gotes [fi b]evilde, 
50 Der [da criftus] geheizen was. 

1) Grüne, rot verzierte initiale. 



BRÜCKST. DES ALTEN PASSIONALS 59 

Daz [was des] fchult, als ich oi las, 

Die [wile crift li|u lere treib, 

[Pilatus hin ziij roiiu' Ich reib 

Deme keifere [tijberio 
55 Viule [empot] im alTo, 

Wie da [were ei]n iiuwer got, 

Der mit gewaldes gebot 

Schüfe manchi'rliandc heil; 

Der wundere l'chreib er im ein teil, 
6U Die er tugentlich begienc. 

Der keifer fo die rede entphienc, 

Daz er dran den gelaubeu fluc. 

Do er den romeren gewuc 

Vnd begerte au irm rate, 
65 Daz fi mit deme fenate 

Beftetigeten ihesum zu gote. 

Die romere heten ez zu fpote 

Durch manigerhande fache. 

Als ich hi kunt uch mache, 
70 Zum erften in verl'mate, 

Daz man an deme fenate 



WERNIGERODE. ED. JACOBS. 



AUS DEM ALTEN PASSIONAL. 

GIESSENER BRUCHSTÜCKE.^ 

IV2 blatt in hochquartformat von dünnem pergamente zu einem 
buchdeckel benuzt. Die bruchstücke geliörten einer, wie es scheint, 
mehr nach dem Niederrhein weisenden handschrift des alten passionals 
an. Jede seite hatte zwei columnen, jede columne 34 verse. Die 
Schrift ist schön und gross; der anfangsbuchstab eines abschnittes ent- 
weder rot oder blau und verziert. Von welchem heiligen gehandelt 

1) Diese bruchstücke sind vor jähren, kaum abgelöst, für die Giessener Uni- 
versitätsbibliothek angekauft worden, auf welcher sie sich nun befinden , wie bereits 
in Haupts Zeitschrift 8, 263 gemeldet worden war. Sie haben unter den hand- 
schriften die nummer 96 *. Die vollständig erhaltenen verse entsprechen folgenden 
Versen der Hahnschen ausgäbe: [Philippus] 280, 40 — 71. 281, 47 — 78. [Bartho- 
lomeus] 287, 57 — 88. 287, 91—288, 27. 288, 30—61. 64 — 95. 



(3g WEIGAND 

wird, ist auf den beiden gegenüberstehenden Seiten übergeschrieben 
mit roter schrift. Der innere seitenrand war breit, der äussere noch 
breiter (drei finger breit); der obere rand scheint schmal gewesen zu 
sein, der untere ist mit text bis in die dritte verszeile abgeschnitten. 
Die verse sind abgesezt, und vor jeder columne laufen eine rote und 
eine schwarze linie nieder, wo die verse schliessen bloss eine schwarze; 
jede verszeile ist schwarz unterliuiiert. Das format war allem anschein 
nach hochquart und sehr breit. Die hs. gehörte in das 14. jh. Fol. 2'^ 
z. 3 und 4 steht am rande von später band „JOHANN GRVNT" unter 
einander, so dass GKVNT sich an „grünt" in z. 4 anschliesst. 

GIESSEN. WEIGAND. 

fol. i'' [Philippus] fol. 1^ 

280, 40 

Daz wii- d' fuche entwenden 

Wir wollen gar vol enden 
Swaz fo du vns heizen tars 280, 76 AI 

Den bofen got genennet mars Di 

Wolle wir gar zu brechen Qu 

45 Mit willen wider fprechen Na 

Daz wir im nicht ün und'tan 80 Wi 

Phylippus d' gute man Die 

Was der rede an in vro Wi 

Yn fprach zu deme trachen fo In 

50 Yare hin" wufte wilde "in Wi 

Da von dineni bilde 85 Als 

Mit leide nieman ii v'laden yj 

D* din gewinne fchaden -LL 

An dekeiner fache H' w 

55 Do rumetez ouch d' trache Ob 

Yn mufte im des gehorfamen 90 Dur 

An des grozen gotes namen So 

Sprach phylippus fin gebet Du 

Daz h* mit fulcher hitze tet Alfu 

60 Yur der fiechen crancheit Dai 

Daz vnfes herren mildikeit 95 In 

den fiechen fine helfe bot Ihe 

Allerhande leides not D'z 

Entweich in. in dTelben ftunt In 

65 Die toten wurden ouch gefunt Wo 

Want in von gote wart gegeben 281, 5 Si 



BEUCHST. DES ALTBN PAS8I0NALS 61 

Alfam da vor ein vroudeu lebe[n 
Daz ginc oucli üb' den valfcheu [got 
Nach phylippus gbebot 
70 Brachen fie in gar dar nid[er] 
Vil fatzten febiere ein cr[uce] . . . 

fol. r 281, 47 fol. l'^ 

S (' u t c 

Bekente an recliter warheit 
Wie got des liimels ricbeit 
281, 15 ant Siuen vrundeu hat v'kouft 

16 want 50 Die fo iamerlich gheflouft 

Wurden uz irn eren hie 
Do fin ende im zu gie 
Daz wifte h* fiben taghe vor 
20 n Want im fin h'tze Hunt enpor 

55 In die ewigen wifheit 

22 ebe Des was zu wizzen im gereit 

23 ein Swaz fo h* wolde von gote 

24 e erschein D' heilige zwelf böte 

Befamte an fich die edelen diet 
26 e 60 Die d* gotes gheloube fchiet 

Von aller irrunge flage 
Sech fprach die üben tage 
Die ich nv vurbaz fal leben 
Hat mir got durch uch gegeben 

65 Daz ich ucli mane alfo daz ir 
An reines h'tzen steter gir 
Veitent uch an gotes weghe 
Habit ucli an tugeutlicher pfleghe 
Durch got unz ir komet dar 

70 Daz ir der vroude nemet war 

37 ar Die uch von ewen ilt bereit 

38 t iar Alf h' in bete vil ghefeit 

Von guter lere uf iren vromen 
Vn ouch die zit was vul komen 
75 Der fiben tage als h* e fprach 
Do hub fich uf fin vugemach 
[VJnder d' heidenfchaft ein ruf 
[Die] valfche diet zu houf fich fchuf 

69. dar corriy. aus daz 



62 



WEIGAND 



fol. '2" B a r t li 

287, 57 

Den bartholomeus e v'troib 

Want h' nicht hinne bleib 

Sint d' tempel ift gewit 

60 Sin blic ein teil iicb verebte git 
Idoeb mogbet ir au angell wefen 
Want ir wol fult genefen 
Vor im fund' bleichen 
Strichet ein fulcb zeichen 

65 An uwer ftirue alf ich han 
In die vier ort al hi getan 
Swer daz zeichen vor im tut 
In des ghelouben demut 
D' ilt harte wol behut 

70 Vor des tubels vngut 

Tio fegente die getruwe diet 

Als in d' engel gheriet 
Sich mit dem cruce diz geschach 
Hi mit ir ieglich fach 

75 Alf in erloubete gotes gewalt 
Ein bilde wunderlich geltalt 
Als ein mor fwartz gevar 
So laue was im fin har 
Daz fie ez mit grozen loden 

80 Sahen uf die erden im zoden 
Sin antlitze was im fcharf 
Daz h' mit grozer erge warf 
Beide her vn darwart 
Vn fchutte finen langen hart 

85 D' im verre nider hienc 
Vz finen ougen im gienc 
Alfam die vuer vunken 
Sie fahen ane bedunken 



1 m e fol. 2 ^ 

287, 91 

Alfam daz ifen in d' glut 

Dem man vulle hitze tut 

H' tet uf wit finen munt 

Do ginc uz des libes grünt 

95 Alfam vuer vfi fwebel 

288 Ghemifchet ein engeftlich' nebel 
Den li' uz warf yü. in flaut 
Sie fallen ouch vil wol die baut 
Da mit h' in den ftundeu 
5 Vor in ftunt gebunden 
Daz Avaren keteue vuerin 
Im waren uf dem rucke fin 
Die hende fin geschrenket 
Vn alfo ghelenket 

10 Mit den burnenden keten 

Alf fie in wol befchouwet beten 
Do fprach d' engel zu im dort 
Want du des zweifboten wort 
In dem teplo haft vulvurt 

15 Vn die bilde alfo gherurt 
Daz fie fint zu brochen 
Vn haft dar an gherochen 
Beide lute vil laut 
So wil ich lofen dine baut 

20 Vn lazen dich von hinnen varn 
Idoch faltu wol bewarn 
Daz nieman fi von dir v'laden 
D' diu ghewinne moghe fchaden 
Od' an tugenden w'de mat 

25 Du falt wandern an eine ftat 
Da nieht lute woue bi 
Want die fuln din wefen vri 



fol. 2 



von 



fol. 2'^ Teilte 



288, 30 288, 64 

Des du me wdes ghefchaut Nach vnfes lieben h'ren wort 

Hi mit h' im die hende entbant 65 Dar an h' ginc fo fere vort 
D' tubel hulte vn fchrei Daz h' an tugentlicher art 

Want im fin ere brach enzwei Dar nach ein pdeger ouch wart 



BRUCH3T. DES ALTEN PASSIONALS 



03 



Die im da gotes böte eiitzoch 

35 Mit gbeludme h' danne vloch 
Des uil manich menlche erlchrac 
D' koninc die ghelchicht do wac 
In Cime li'tzon an fr recht 
H' gap lieh an den gotes kneclit 

40 Bartholomeum mit gute 
Mit liebe vn mit mute 
Mit wibe vn mit kinden 
vf daz h' mochte vinden 
Aplaz bi dem guten gote 

45 Bartholomeus d' gotes böte 
Was d' gäbe harte vro 
Vn toufte lieblichen do 
In vn die vrouwen vn die kint 
D' koninc wart uf die w*lt fo blint 

50 Daz h' nicht alleine gut 
Noch den w'ltliclien mut 
Durch gotes willen varn liez 
Von im h' menlicli ouch v'ftiez 
Die kint vn die hulvrouwen 

55 Man mochte wund' Ichouwen 
An des h'ren fi'une 
Wie gut das an beginne 
An d' bekerunge was 
Einez h' im uz las 

60 Vn beftunt ouch dar an 

Daz h' dem gotes erweite man 



Armenien laut da bi lac 
Der allrages ein koninc ptiac 

70 D' ouch zu des tubels fpote 
In die valfchen abgote 
Zu einer hoH'enunge las 
D' koninc dilles brud' was 
D' an das recht was bekomen 

75 Nu betten fich zu hout' gonome 
D' ewarten uil genuc 
Want fich ir ghelucke entruc 
Do daz volc her vn dar 
Nach rechtes gelouben war 

80 Des fie waren harte vnvro 
Die ewarten quamen do 
Zu armenien lande 
Dem koninge den ich nande 
Machten fie mit leide bekant 

85 Wie ez was al dort ghewant 
Wie ein iiuwe lere vf gie 
Owe h*re Iprachen fie 
Da ilt ein vromder lerer 
Komen vn ein v'kerer 

90 Des wir innen worden (mt 
D' gote lere ilt nv leid' blint 
Sie fint zu brechen vn v'varn 
Daz wir es künden nicht bewarn 
Die temple fint nv gar v'kart 

95 D' valfche man hat iie gelart 



AUS DEM ALTEN PASSIONAL. 

MEISSNER BRUCHSTÜCK. 

Im nachlass des im juni d. j. hier verstorbenen prof. Peters befindet 
sich ein pergamentblatt, welches das folgende bruchstück der Silvester- 
legende aus dem von Köpke herausgegebenen dritten buche des pas- 
sionals enthält. Das blatt hat früher als bucheinband gedient, daher sind 
auf der aussenseite mehrere verszeilen, welche gerade auf den buchrücken 
zu stehen kamen , unleserlich geworden. Die handschrift , welcher dieses 
blatt ursprünglich angehört hat, mrd ziemlich dieselbe gestalt gehabt 



64 WÖRNER 

haben , wie die von Köpke auf seite VT beschriebene Köuigsberger hand- 
schrift, die seite ist in drei spalten zu je 52 versen abgeteilt, der 
buehbinder hat aber das blatt so beschnitten, dass von der ersten 
spalte der aussenseite nur noch die mehrzahl der endreime und von 
der lezten spalte der Innenseite nur noch die anfange der verszeilen 
übriggeblieben sind , während unten jede 52. verszeile weggeschnitten 
ist. Die erste zeile jeder spalte hat einen grossen schAvarzen künstlich 
ausgeführten anfangsbuchstaben. Die vollständig erhaltenen spalten 
umfassen nach Köpke s. 87, 14 — 89, 24. Die abschnitte der erzäh- 
lung beginnen mit grossen bunten buchstaben, so der abschnitt nach 
Köpke 87, 32 mit einem roten N, und der andere nach Köpke 88, 34 
mit einem blauen Z, der dritte nach Köpke 89, 16 mit rotem S. Die 
noch erhaltenen endreime der weggeschnittenen ersten spalte der aussen- 
seite geben folgende Varianten: 86, 20 do sa für ie sa bei Köpke, in 
der 28. — 26. zeile dieser spalte folgen einander diese endungeu : schri- 
ben., Üben, [sc]hriben'y hihen, bei Köpke 86, 82. 83 scliriben, biben. 
In den anfangen der dritten spalte der Innenseite finde ich folgende 
Varianten: 89, 27 reiner statt rechter bei Köpke; 29 do er noch statt 
da er nach; 41 alhi statt alhie; 42 deme statt dem; 49 deme statt dem; 
58 dit statt dis; 61 so statt nu; 63 da statt do; 64 deme statt dem; 
68 liben statt lieben. 

Die noch erhaltenen verse gebe ich genau nach der handschrift. — 
In ihnen scheinen namentlich beachtenswert die Varianten: 87, 15 di 
valschen (K. den); 88, 47 geloulienen (K. geloiiben). 

TW. sp. 3. 

Wand ir ei trost davö erschei. 
Köpke 87, 15 Vnd di valschen algemein. 

Di mit erclichen siten 

Wider den gelouben striten 

Der nach vil saz da beneben 

Den wart ein michel trost gegebe 
20 An des meisters worten 

Di si von im horten 

Si hoften noch icht vinden 

Daran si vberwinden 

Mochten wol die cristen. 
25 Dar vf wart mit listen 

Gedacht vz tiefem mute. 

Siluester der vil gute 

Vn bi im der cristen rote 



BRUCHST. rtKS ALTEN PASSIONALS 65 

Zwivelten vil cloine an o^ote. 
30 Si ^etruweteu im wol 

D[c.s ivafi ir herze irrenden vol.\ 

^[u warf (jcloufcn schierc\ 

[Nach ebne sulchcn fiere] 

Als da vor was benant. 
35 Kinen varren man [da] vant 

.... wW 

Er was groz vn dar zu starc 

Des wart ir ein vil miehel teil 

Di da griften an daz seil. 
40 Vnd [in brachten in den kreiz\ 

Da man sich ditzes campfes fleiz 

Als ir hi vor habet vernvmen. 

Do der varre hin was kvmen 

Vn man in hielt mit mancraft. 
45 Zara durch sine meisterschaft 

So hin von d' ersten stat 

Ebene bi den varren trat 

Vn sprach zv den luten. 

Seht nv wil ich uch beduten 
50 Di warheit vn si machen kvnt. 

Hi mite bot er sinen mvnt 

Zvm oren an dem tiere. 

Vü runte im wol schire 

Sine wort heimelichen zv. 
55 Do wart ein miehel unrv 

An dem selben varren. 

Man horte in lute karren 

Mit siuer stimme unde luen 

Di ougen sach man im ergluen 
60 Vor wetagen vn vor not 

Hi mite lac er nider tot. 

Do er svs was gevallen 

Sich hvb ein miehel schallen 

Von den iuden allen. 
65 [Si hegonden sere erhcäden] 

VW. sp. 3. 

Gegen den guten alden. 
Vnd "vvanten sus behalden 

ZBITSCHR. F. DEUTSCHK PHILOL. BD. VIII. 5 



QQ WORNER 

Den sig dit was ir wille. 
Do beüferte einer stille 

70 Siluester der gute man 

Di zwene meistere sach er an 
Di da sazon jjenebeu 
Yn solden rechtez vrteil geben 
Mit wavheit vnzvstoret. 

75 Ir herren sprach er höret 
Minen sin vf daz vic 
Daz nv tot lit alhie 
Wes ich davon wolle iehen. 
Im ist nicht rechte geschehen 

80 Als Zara bete vor geseit. 

Der name ist nicht von goteheit 
Den er im hat gesprochen. 
[Und da damitc gchrocJicn] 
Sin leben . daz nv ist vil lame 
• 85 Wizzet daz der selbe name 
Eines hosen tvuels ist 
Als ich wol merke an der list 
AVand er niwan kan toten 
Zu den selben noten 

90 Haben die lewen groze kunst 
Vnd der natern Ungunst. 
[3Iamc fier tmd manic] wurm 
Di kunnen wol disen stürm 
Daz si imanne slahen tot. 

95 Ez ist di minneste not 

Wand si gelart vil schire ist. 
Got min herre ihs crist 
Der enkan nicht alleine 
88, 1 Toten daz vn reine 

Er kan ouch vrolichen geben 
Sweme er wil nach tode ei leben 
Vn daz mac heizen gotelich. 
5 Deme dit niht gelichet sich 
Daz ouch ein ander wie kan 
Ob im sin meisterschaft nv gan 
Daz er mich wolle stillen 
Vnd zien an sinen willen 

10 So wil ich daz er vurbaz tv 



BRUCHST. DES Al.TEN PASSIONALS 67 

Er rvne hi den nameii zv 
Dem varren vii daz sal im gehen 
Wider rechte als e sin leben 
Daz er im vor tet verlamen. 
15 So merket man wol an dem name 
Da/ er ist von gote kvmen. 
Ich liahe di schritt wol v'nvmen 
Da vnser liher lierre seit 
[Alsus in rechter wishcit] 

VW, sp 1. 

2<> Vnd nach geschribeu ist alda. 

Ich hin ez got der tot sla. 

Ich bin ouch der dar obe swel)e 

Daz ich lebeliclien gebe 

Ein lebe deme der mir behaget. 
25 Dit hat vnser got gesaget 

Sw' ouch so noch im w'ben kan 

Do ist dekein zwivel an 

Got ensi ouch mit im. 

Hi von sprach er so nim 
3ü Zara den varren liin beneben 

Vfi gib im wider als c sin leben 

Oder ez ist ein aff'enheit 

Swaz dv noch kunst liast vz geleit. 

Zenophilus vnd Craton 
:}5 Verstvnden wol sich da von 

Daz siluester hete war. 

Wand ir daz amt was ottenbar 

Daz si an in beiden 

Sohlen underscheiden 
40 Wer den sig erwürbe 

Vn ouch weme er v'turbe 

Des man gar zv im war nam. 

Si sprachen wider zaram. 

Zara du hast wol gehört 
45 Meister Silvesters wort 

Ez ist war. du macht sin nilit 

Geloukenen mit widerpliicht. 

Sal o^ot alwaldec wesen 

So let er sterben vnd genesen 

5* 



68 WÖRNER 



50 Di gewalt ist sin allein. 
Ertoten daz ist gar gemein 
Des lit nich groze macht daran. 
Bistv ein recht wiser man 
Mit alsulcher meisterschaft. 

55 Daz dv weist dines gotes craft 
An deme namen der nv hat 
Mit harte wunderlicher tat 
Den varren hi tot geslagen. 
Ez sal uns allen wol behagen 

60 Ob dv sin leben im wider gist. 
Ist ouch daz dv dran gelist 
So ist din meisterschaft ein wicht 
Vn wollen dir gelouben nicht 
Daz der name si von gote 

65 Der nich mac mit sime geböte 
Haben des lebenes beiac. 
Zara grobelich erschrac 
Wand er wol bekante. 
Daz sin kunst erwante 

70 Ob man dem varren solde geben 
[Als da vor gesunt sin leben] 

rw. sp. 2. 

Den man tot nv ligen sach. 

Zv den zwen richtern er sprach 

Di den cric solden brechen. 
75 Ich wil mit warheit sprechen 

Mich dunket gar vmugelich 

Daz Silvester oder ich 

Den varren ich erquicke mugen. 

Ist aber daz siluestro tugeu 
80 Sine kvnst di er went haben. 

Daz der varre wirt erhaben 

Vf vo tode 1 vrischez leben. 

So wil ich treten gar beneben 

Vz minem gelouben den ich han 
85 Und wil den sinen grifen an 

Doch wirt ez in betrigen. 

Er mac wol werden vligen 



BEUCHST. DES ALTEN PASSIONALS 69 

Viule vederen gewinnen 

E er mit clugen sinnen 
90 Den varren vf erquicket. 

Ist ouch (laz sich dran schicket 

Jhesvs von galilea. 

Vnd daz tote vie alda 

In sin leben vf erhebet. 
95 Daran ein ieglich wol entsebet 

Daz er gotliclien tvt, 

So ensal min herter mvt 

Im widerstan nicht vurbaz. 
89, 1 Ich wil gar sunder allen haz 

In gelouben zeime gote. 

Do schrei alle der iudeu rote 

la ia daz ist wol recht 
5 Wir wollen dran ouch wesen siecht 

Als zara gesprochen hat. 

Ist daz der varre nv erstat 

So si vnse geloube hin. 

Wir wollen herze vn sin 
10 An ihesvm xpm wenden. 

Vnd vnser leben enden 

In sines gelouben heilikeit. 

Vn swaz siluester hat geseit 

Daz ist war. ob dit geschiht 
15 Daz man den varren leben siht. 

Silvester der gotes helt 

Den vnser h're bete erweit 

Zv dem groze campfe also 

Der w^art des gelubedes vro 
20 Wand sin getruwer sin 

Karte sich zv gote hin 

Deme er wol getruwete. 

Vf sinen trost er buwete 

Mit voller hoffenvnge 



ST. AFRA BEI MEISvSEN. E. WÖRNER. 



70 ßlEGEll 



E E T T A. 



Ich habe Genn. ^J, oU8 nach Greiiis vorgaug den zweiten vers des 
Hihlebraudsliedes daf sih urhettun cenon nnwtln erklärt: dass sich her- 
auslbrderer allein begegneten. Die schwäche dieser erklärung liegt in 
der form muotin statt niuotiin. Ich liabe sie a. a. o. gedanken- 
loser weise, als ob es sich um einen altsächsischen text handelte, eine 
geschwächte form genant, die neben zahlreichen plur. praet. ind. auf 
iin stehe wie haniti v. 56 neben hanun v. 54, Avorauf mir in der zwei- 
ten aufläge der Denkmäler der Poesie und Prosa nicht sehr rück- 
sichtsvoll, aber verdienter massen gesagt wurde, damit schiene ich 
zu verraten , dass mir der unterschied des ahd. dativs und accusativs 
schwacher declination nicht geläufig sei. Ich muss aber gestehn dass 
ich noch jezt, aus den dort augeführten gründen und angesichts des 
ähnlichen verses pcet pä ayhecan hij eft gemetton Beow. 25'J2, von jener 
erklärung nicht loskommen kann. Muotin ist am ende nur ein lapsus 
calami wie gisfiiontum, dort ein zug zu wenig wie hier einer zu viel, 
der übrigen zeichen eines uusichern und zerstreuten Schreibers , die die- 
ser kurze text an sich trägt, nicht zu gedenken. Doch darüber lässt 
sich weiter nicht streiten; nur auf die gleiclistellung von urhethm mit 
ags. oretfan, die man abgewiesen hat, muss ich noch einmal zurück- 
kommen. 

„Obgleich orefta und das verbum orettan, wie onettan ahd. auaz- 
zan lehrt, nur eine ableitung von der präposition ist und die von 
J. Grimm zu Andreas 463 hingeworfene deutung durch ahd. urheiz 
jeglicher stütze einer analogie im Ags. entbehrt.'' So die zweite auf- 
läge der Denkmäler. 

Was zunächst das verb orettan angeht, so steht es auf etwas 
schwachen füssen. Man glaubt es Wids. 41 zu lesen: ncsnig efeneald 
him eorlscq^e märaii on orette: kein gleichaltriger erkämpfte von ihm, 
gewann im kämpf über ihn grössere mannestugend , als die nämlich die 
Offa selbst bewiesen hatte. AVelch ein wunderlicher, unerhörter aus- 
druck. als ob die tapferkeit der preis des kampfes sei, den man einem 
andern abgewint, und nicht vielmelir das mittel, durch das man den 
preis gewint. Ganz anders, und ganz richtig gedacht, heisst es kurz 
vorher 37 no hwceäre he ofer Offan eorlscype fremede: „nicht gleich- 
wol vollbrachte er mannestugend über Ofla hinaus/' d. i. in höherem 
grade als Offa. Icli glaube man solte es hier bei Ettmüllers ergänzung 
[cefnde'] on orette, die sich auf 141 und B( o\v. 2622 stüzt, lassen; him 
tritt dann in seine natürliche beziehung zu efeneald, wie Cr. 465 efenece 
hearn ägnum fceder^ und der sinn ist: kein ihm gleichaltriger vollbrachte 



ORETTA 71 

grössere maunestiigeiid im kämpfe; dcim in orctte luiboii wir das dm*ch 
orcfmcccy und orctstow geforderte einfache ord. Eben dieses liegt ein 
zweites mal vor, wo man das verb könte zu linden glauben. Exod. 
31 U fgg. liest mau: 

J)ä pect fcoräc cyn fyt'nicst code, 

ivod an fvccgsfrcäm^ ivhjan on licapc 

ofer y reime yrund, Judise feda 

an on oreite imcud yeläd 

for lüti mceyivuiiim: 
„da ging dw vierte stamm zuvorderst, watete in den wogstrom, die 
krieger im liaufen über den grünen giund, die jüdische schaar allein in 
trotzigem mute den unkunden pfad vor ihren geschlechtsfreuuden." Was 
man hier mit einem verb on orettan anlangen kann, verstehe ich nicht, 
obgleich Dietrich Ztschr. f. d. A. 10, :J17 es mit der erklärung „erstrei- 
ten, erlangen" abgetan glaubt: was soll denn erstritten werden? das 
uneüd (jeläd, das niemand wehrt V und wo bleibt der dativ der person, 
deu on verlangt? Greins Vorschlag o)icffc zu lesen würde zum minde- 
sten voraussetzen , dass man oji tilgte , scheitert aber an dem accu- 
sativ KHCiut (jeläd^ da onettan immer intransitiv ist. Ich muss hier 
freilich orct anders übersetzen als ich vorhin getan habe, aber beide 
bedeutungen können doch sehr wol aus einer dritten hervorgegangen sein, 
zu der sie uns erst leiten müssen. So bleibt denn als beleg für oret- 
tan nur die eine stelle Ps. 82, 13 übrig caUeheod georette, edc gescende: 
confundantur et conturbentur. Eine sehr abgeleitete bedeutung, die 
als mittelglied ,, übermütig behandeln" voraussezt und auf den abstrac- 
ten sinn von orct, den ich ihm soeben beilegen muste, zurückgeht. 
Orettan aus oret wäre aber etwas andei's als orettan aus der präpo- 
sition or. Jedesfalls fehlt es sowol an einem orettan, das sicli mit 
onettan, als au einem solchen, das sich mit anazzan vergleiclicn Hesse. 
Anazzan heisst incitare, onettan incitatum ferri; ein analoges orettan 
würde exeitare oder excitatum ferri bedeuten. Andrerseits bietet sich 
weder ein onet noch ein onctta zur vergleichung mit oret und oretta. 

Den mangel einer ags. analogie für oretta = iirheto muss ich 
zugeben , wenn man auch die Zusammenstellung von andettan confiteri 
mit alts. andhetan jiihere vovere , alid. anthcizan giantheizon voverc 
immoJare verwirft. Die bedeutungen sind ja nicht leicht vereinbar; es 
steht aber wenigstens Psalm. Cott. 29 gyttas georne gode andhette (praet.) 
Avirklich geschrieben. 

Im Ahd. stelt sich dagegen nicht nur das von Grimm angezogene 
urhelz, bei Otfried so viel als herausforderung, trotzrede, drohung zu 
oret und die ureizcoiihha Xotkers zu den oretmcecgaSj sondern auch 



72 RIEGEK 

ein urheizo zu oretta. Es findet sich in den sogenanten glossen Keros 
bei Hattemer 1, 209; die ganze betreffende glosse lautet 

Si(S2)cnsiis . urheizzo. 
duhins . zwifalari. 
incertus . nnkhunf. 
arrogans . hroniari. 

Suspcnsus wird, wie man siebt, von dem lateinisclien autor in zwei 
bedeutungen glossiert, „zweifelhaft" und „hochmütig"; der Deutsche, 
der durcliweg nicht nur die glossen, sondern gleicli schon das glossierte 
wort verdeutscht, sezt zu suspensus ein der zweiten bedeutung ent- 
sprechendes wort. In dem Reichenauer auszug desselben vocabulars 
(Diut. 1, 275) steht nur 

suspensus urheizo 
incertus uncliund. 

Ein dem pväpositionalen andeUan und orettan entsprechendes 
anfazzan und urazzan ist dem Alid. wie dem Alts, fremd; anazzcm 
steht als präpositionales intensiv auf -atjan allein. Ich glaube im Ags. 

ist es nicht anders. 

Die Schreibung der handschriften , aus welchen wir die ags. poe- 
sie kennen, entspricht, auch abgesehen von der Umschreibung ins West- 
sächsische, in mancher hinsieht nicht der ausspräche der älteren dicli- 
ter. Metrische gründe nötigen uns, wie dies auch Schubert anerkant 
hat, oft genug, contrahierte oder sonst gekürzte formen auf die alter- 
tümlich vollen zurückzuführen. Die hemistichien liim Jxbs Uffreä Beow.16 
ai Wealhpeon 629. gefeormedon Gen. 2686. liwylc tvcss fcegerra 
Guthl. 720 sind z. b. nur richtig, wenn man Uffreäwa Wallipeowan 
gefeormodon fcegröra ausspricht. Ich begründe dies hier nicht und darf 
dafür auf meine alt- und angelsächsische verskunst verweisen. Ein 
solcher fall begegnet nun auch mit unserm oretta. Guthl. 370 fgg. 
liest man ne wonn hr cefter worulde, ac he in wuldre ahöf 

modes wynne. Hwylc ivces mära ponne se an 

oretta üssum tiduMj 

cempa gecfjded, Imt him Crist fore 

ivonddlicra mä wundra gecijdde? 
Grein hat zwar, weil er das hemistich oretta anstössig fand, mittelst 
einer ergänzung eine andre versteilung herbeigeführt: 

Hivylc wces mära Jjonne [Jie'] ? 

se an oretta; 
aber damit wird die coustruction vernichtet , oretta üssum tidum, cempa 
gecyded ist nicht der von dem folgenden verlangte Vordersatz. Die 



OßüTTA 73 

ergäiiziing ist überflüssig, ordta ein so gutes liemistich wie das über 
allen zweitel erhabene mcreri Phoen. 668, sobald man urhcefa ausspricht. 
Ich will aber nicht verschweigen, dass der dichter der Genesis 
oneitan ganz in derselben weise als träger beider hebungen des hemi- 
stichs gebraucht liat. Er sagt 2533 

j.ä onettc Ahraliamcs mclg 
und 2872 cfste Ja swicte and onettc. 

Dass man weder pd onettc noch pa onettc, and onettc betonen darf, 
dafür beziehe icli mich abermals auf die oben angeführte abhandlung; 
and onettc gelit schon darum nicht an, weil dadurcli das zweite hemi- 
stich zwei reimstäbe erhielte. Hat nun dieser dichter oncttan vielleicht 
wie ein compositum behandelt und ön-eftan gesprochen? Scliwerlich, 
and ön-ette, mit spiritus lenis vor e, wäre in derselben weise fehler- 
haft wie and onettc. Er muss vielmehr mit unorganischer gemination 
önnettan gesprochen haben; dann aber Hesse sich ja denken, dass Cyne- 
wulf ebenso bedeutungslos örretta gesprochen liätte. Man bedenke 
jedoch, dass das Angelsächsische sonst niemals in der weise des Neu- 
hochdeutschen die organische kürze durch verdop}>elung des consoinin- 
ten produciert. Hat es der dichter der Genesis doch getan, so muss 
ihn eine bestirnte falsche analogie dazu verführt haben; und das kann 
denn nur die von ovctta gewesen sein, dessen richtige, alte betonung 
sich mittelst einer ungeschriebenen Verdoppelung des /* erhalten haben 
mag, nachdem das h nicht mehr gehört und die etymologie des wer- 
tes niclit mehr verstanden wurde. Dass die Genesis nicht viel weniger 
als hundert jahie nach dem Guthlac gedichtet sei, wird man zumal 
nach dem, was Sievers über ihre entstehung ermittelt hat, als fest- 
stehend betrachten dürfen. 

DAliMSTADT. M. KIEGEK. 



II A N S. 

VOLKSÜBERLIEFEßüNGEN AUS MEDER - ÖSTERREICH. 

In unserem süddeutschen Volksleben haben wir eine ständige figur, 
an die sich eine solche hülle und fülle von zügen und eine solche man- 
nigfaltigkeit von eigenschaften und tätigkeiten angelehnt hat, dass es 
sich verlohnt, dieselbe etwas näher zu betracliten. Es ist keine andere 
als der Hans , dem im schlichten märchen , in der launigen volkserzäh- 
luug und in der ortssage sein platz angewiesen ist und der zugleich die 



74 BRANKY 

ablageningöstätte für den liumor und witz des volkes ist. Haus ist 
hierzulaude alles iu allem, nur nichts schlechtes und böses. Besonders 
aber sind es furchtlose tapferkeit, unwandelbare liebe und treue, unbeug- 
sames rechtsgefühl, frischer mut und froher sinn, rastlose tätigkeit, 
grenzeulose freigebii;keit und colossale dummheit, die ihn kennzeichnen. 
Hans, diese standige figur unserer märchen- und sagenweit, entspricht 
ganz dem Aschenbrödel. Er ist meist der jüngste unter drei brüdern, 
erscheint autangs dumm und verachtet, später aber tut er es den andern 
zuvor und erreicht das höchste ziel. Auch anderwärts kent man diese 
drollige gestalt.^ Das spmchwort „der dumme hats glück" ist ziem- 
lich algemein und bezieht sich immer auf den jüngsten und dümmsten 
der drei brüder. Panzer hat eine auzahl Überlieferungen über die drei 
brüder zusammengestelt.^ Auch andere samlungeu k(Minen den Haus, 
der bald strohdumm, bald baumstark ist, al)er aucli in verscliiedenen 
gegeuden anders genant wird.^ Wie Müllenhoft' einen starken Franz 
kent , so ist dem volke in Tirol ein starker Christli Kuhhaut in erinne- 
rung, welcher mit einem riesen raufte und ihn niederstreckte, wie es 
einst David mit Goliath getan. Derselbe Christli biegt ein starkes 
hufeisen als wäre es w-eiches wachs, er trägt einen bettüberzug voll 
körn von ungeheuerem gewichte sieben stunden weit ohne zu rasten 
und ohne zu ermüden.^ Mitunter fehlt auch der bestirnte name, wie 
in dem märchen Der teufelsbrateu, avo es bloss heisst, dass zu Keichenau 
im Höllenthal ein Kohlenbrenner hauste, der so keck w^ar, dass er 
sich nicht einmal vor dem teufel fürchtete.^ Ebenso erinnert auch der 
Schmied mit dem hammer im iausitzischeu märchen an den starken 
Hans.^ Hahn hat uns eine dreibrüderformel mitgeteilt.^ Von Grimms 
märchen gehören hieher nr. 57 und 97 ; in dem ersten verhilft ein fuchs 
dem jüngsten zu einem goldenen vogel, die falschen brüder wollen 
ihn darum betriegen, werden aber gestraft und der jüngste heira- 
tet die königstochter. In nr. 97 versuclien die beiden brüder den jüng- 
sten um das wasser des lebens zu betriegen , allein vergebens. 

Wer den starken, dummen und furchtlosen Hans des näheren 
betrachtet, der wird gleich bemerken, dass dasjenige, was Hansen als 
dummheit angerechnet und angedichtet wird, nicht immer dummheit 
ist. Schon dieser zug muss auffallen, dass es unter den drei brüdern 
meist der jüngste ist, der für dumm gehalten und schliesslich von der 
wankelmütigen glücksgöttin dennoch begünstigt wird. Was ist es denn 

J) Grimm, Deutsch. Wörteibuch I, hSl. 2) Bairisch. Sag. II, s. 92 fgg. 
3> Müllonliofr. Sag., 3Iärch., Lied, au.s Schleswig Holstein s. 420. 4) J. N. v. Al- 
penburg, Deutsche Alpensagen, s. 208 und 213. 5) Frz. Ziska , Oestr. Volksmär- 
chen. Wien lö22 s. :37. 6j Haupts Zeitschr. 2, 358. 7} Griechibche Märchen 1, 51. 



UANS, VOLKäCBEBLlEFüBLNüEN 75 

aber, dar>.s ihn die amlcreii bi iUler . vat»M- iiiul muttcr iiiul dann die 
grosse weit für dumm halten? — Nichts anderes, als die rastlose 
tätigkeit und arbeitsanikeit, der zufriedene sinn und die schlichte 
auspruchlosigkeit, die ihn so vortheilhaft auszeichnen. Die eigene kraft 
ist es, die ihn nach langem ringen und mühen /Aim ersehnten zi<d, 
zum wahren Lilück führt. VAn blick in unser volksieben zeigt uns das 
heute noch , was hier die sage erhalten und von geschlecht zu geschlecht 
überliefert hat. Im deutschen hause, wo einmal drei söhne und viel- 
leicht etliche töchter da sind, kann man jezt noch altäglich sehen, wie 
die ersten sprösslinge der ehe verwöhnt, verhätschelt und verzogen 
werden. Sie sind ja die ersten fruchte vom bäume des lebens, ihnen 
wendet sich das väterliche herz und der unerschöpfliche born der niut- 
terliebe in weit grösserem masse zu als den Spätlingen. Die Sorgfalt, 
der sich die ersten fruchte der ehe, zumal Avenn es söhne sind, zu 
erfreuen haben, geht oft über alle massen, so dass mitunter die selt- 
samsten dinge in der erziehung zu tage treten. Das ist jezt so, das 
war so und wird lange noch so bleiben. Die unendliche freude über den 
erstgebornen wissen wir ja aus alh'n zelten und fast bei allen Völkern. 
Er war der bevorzugte und bevorrechtete. Vorrecht und vorzug kann 
es aber nur auf kosten des gemeinen rechts geben, und wo Vorrechte 
und Vorzüge gelten , da gilt auch das unrecht. Es ist aber ein völker- 
psychologischer zug, dass der bevorrechtete, sei er es von menschen - 
oder von gottesgnaden, gar bald auf den nichtbevorzugten mit einer 
gewissen art von hochnuu und in sehr verletzender weise mitunter her- 
abldiekt. Da der bevorzugte sich seines erfolges gewiss ist, so ist auch 
sein streben nach den wahren gütern der menschheit ein sehr geringes; 
denn was uns von rechtswegen zukomt, wie man landläufig zu sagen 
ptlegt, das erstreben und erkämpfen wir uns nicht. Und so geschieht 
es ganz unmerklich , dass nach und nach rastlose anstrengung und uner- 
müdliche tätigkeit geringer gehalten werden als Vorrecht und Vorzug. 
Es wird daher gar nicht allzu gewagt sein, wenn man bemerkt, dass 
es eben dieses Verhältnis ist, welches mitbev.irkt hat, dass sich an den 
deutschen Haus der begriff von dummheit augelBhnt hat. 

Die teilnalinie für das wol und wehe der später gebornen von 
Seite der eitern ist, wenn schon keine geringere, so doch eine etwas 
abgekühlte; denn die ideale der beiden gatten sind mehr oder weniger 
in späterer zeit immer etwas verblasst. Die wärme und Innigkeit, mit 
der die ersten fruchte gehegt und gepflegt worden sind, ist doch einem 
gewissen grade von gleichgiltigkeit und gleichmute gewichen. Und so 
kommt es, dass die nachgeboruen , die Spätlinge, mit den bröcklein für- 
lieb nehmen müssen, die übrig geblieben sind. Es ist aber auch ein 



76 BRANKY 

psjcliologisclies gesetz, tlass der, welcher sich benachteiligt fühlt, mit 
allen seinen kräften die gleicliberechtigung erstrebt. Da heisst es aber 
selbsttätig sein, und das erzeugt kraft und stärke und führt, wie wir 
es in der gesehichte von seite zu seite verfolgen können, zu den über- 
raschendsten und glänzendsten resultaten. So bestätiget sich ganz merk- 
würdiger weise der spruch, dass die lezten die ersten sein werden. 
Übrigens muss noch angemerkt werden, dass auch das Sprichwort „Hans 
heissen" so viel bedeutet, als in seiner art vorzüglich sein. Ein ande- 
res sagt ja gerade zu: Hans ist so dumm nicht als er scheint.^ Wer 
aber stets ringt und kämpft, wer stets arbeitet und vorwärts strebt, 
bei dem erzeugen sich jene schönen seelischen gebilde, die in wunder- 
schönem glänze im märchen von den drei rosen ausgedrückt sind. 

Die drei rosen. 

In einer stadt lebte ein vater mit seinen drei söhnen, von denen 
der jüngste und dümste Hans hiess. Da begab es sich einmal, dass 
die königstochter in einem sehr strengen winter eine rose zu haben 
wünschte, doch nirgend war eine aufzutreiben, deshalb sicherte sie 
jenem, der ihr eine brächte, band und herz zu. Diese rede kam auch 
zu den obren der drei brüder. Der vater, der ein gärtner war, hatte 
im glashause drei wunderschöne rosen. Der älteste söhn bat den vater 
um eine, und wolte sie der königstochter bringen. Der vater gab ihm 
die schönste und wünschte ilim viel glück zu seinem unternehmen. Um 
zum schlösse der königstochter zu gelangen, rnuste der brautwerber 
durch einen tiefen dunklen wald. Kaum war er in der mitte dessel- 
ben angelangt , so stelte sich grosser hunger bei ihm ein ; deshalb legte 
er sich unter einen bäum, um da sein brot, das er mitgenommen, zu 
verzehren. Plötzlicli aber stand vor ihm ein männlein in einen mantel 
gehüllt und fragte ihn, wohin er gehe. Was geht das dich an, sprach 
der freier mürrisch und würgte sein brot hinunter. Nun bat das männ- 
lein um ein stücklein brot, welches aber mit barschem tone verweigert 
wurde. Darauf fragte es, was er denn so gut verwahrt bei sich trage, 
worauf der gärtnerssohn antwortete: ., nichts!" — „Wirst auch nichts 
hinbringen." versezte das männlein und verschwand. — Bald darauf 
machte sich der freier auf den weg und erreichte endlich das schloss, 
wo er alsogleich der königstochter vorgestelt wurde. Eiligst öfnete er 
die hülle, in welcher die rose verwahrt war, aber zu seinem grösten 
erstaunen fand er nichts darin; schnell wurde er aus dem schlösse 
gejagt, weil man glaubte, er wolle die leute zum besten haben. Betrübt 

1) Wander, Deutsch. Sprichw. Lex. II, 355, nr. 20, 87. 



HANS, volksCberlieferlngen 77 

"kam er nach hause und erzählte was geschehen war. Da wurde er nun 
brav ausgehicht, denn alle waren der meinung, er habe die rose ver- 
loren. 

Der zweite söhn wolte jezt auch sein glück versuchen und bat 
um eine von den zwei rosen, die der vater noch hatte. Dieser gab ihm 
eine und so trat nun auch der zweite söhn alsbald die Wanderschaft an. 
Im walde angelangt, lulilte auch er wie sein ])ruder das bedürlhis zu 
essen; deshalb sezte er sich nieder und Hess sich sein brot gut schmek- 
ken; da kam wider das männlein und bat um ein wenig brot. Doch 
umsonst, der geizhals gab nichts her. Nun fragte das männlein, was 
er denn so wolverwahrt mit sich trage. — „Einen schmarn/'^ war die 
antwort des trotzigen. — „Wirst auch wol einen schniarn hinbringen," 
sprach der kleine und verschwand. Und richtig, als der gärtnerssohn 
der königstochter die rose überreichen wolte , fiel ein schniarn zu ihren 
füssen. Mit schimpf und schände muste er das scbloss verlassen und 
fluchend über sein misgeschick kehrte er heim. 

Nun bat Hans den vater um die lezte rose, denn auch er wolte 
um die königstochter freien. Der vater gab sie ihm , aber die beiden 
brüder lachten und sprachen: „der ist zu dumm, um die rose in das 
schloss zu bringen." Hans Hess es sich nicht verdriessen und eilte 
frohen herzens von dannen. Im walde hielt er rast um mit einem 
stücklein brot den buuger zu stillen. Da erschien das männlein und 
fragte ihn, wohin er wolle. In rührender weise gestand Hans alles, 
was er auf dem herzen hatte. Nun bat das männlein um ein stücklein 
brot. Mit freuden gab Hans die hälfte davon , welche der kleine dank- 
barst annahm. Auf die frage des fremden, was denn Haus so gut ein- 
gepackt neben sich liegen habe, antwortete er: „Eine rose!" — „Wirst 
wol diese rose hinbringen," versezte das männchen und verschwand. 

Als Hans das schloss erreicht hatte, wolte man ihm den eintritt 
wehren, denn es waren schon so viele gekommen, von denen keiner 
eine rose gebracht hatte. Der duft aber, den die rose verbreitete, welche 
Hans bei sich trug , bewog den torwart , ihn einzulassen. Als Haus vor 
der königstochter stand, euthülte er die blume und eine der schönsten 
rosen kam zum Vorschein. Die königstochter empfand darüber ausser- 
ordentUcbe freude, aber ihr versprechen wolte sie doch nicht halten, 
weil ihr Hans in seinem bauernrocke nicht gefiel. Deshalb sagte sie zu 
ihm: „Wenn du den teich, welcher sich vor dem schlösse befindet, in 
drei nachten austrinkst, dann erst will ich deine frau werden!" 

Betrübt und schweren herzens gieng Hans zum teiche und hub an 
zu trinken, doch sah er nur zu bald ein, dass all sein bemühen frucht- 

1) Mehlspeise; unbedeutende sache; etwas schlechtes, erbärmUches. 



78 BRAXKY 

los blieb. Schon war die dritte nacht beinahe vergangen , als plötzlich 
das männlein vor ilim erschien nnd ihn fragte , weshalb er denn so 
tranrig wäre. Nachdem das niäiinchen alles erfahren hatte, gab es 
Hansen ein pfeifchen mit dem bemerken, er möge nur pfeifen nnd der 
teich werde im augenblicke leer sein. Darauf verschwand es. Hans 
befolgte den rat und pfiff ans leibeskräften , worauf die verschiedensten 
tiere in unijeheurer zahl zum teiche kamen und aus demselben so lauere 
tranken, bis er leer war. Drauf verschwanden die tiere wider und am 
morgenden tage wurde Hans der königstochter vorgeführt , die höchlich 
überrascht war, als sie hörte, dass Hans die aufgäbe vollständig gelö- 
set hatte. Aber trotzdem sprach sie zu ihm: „Mein lieber Hans, ich 
kann dich noch nicht heiraten; doch wenn du mir eine rose aus dem 
himmel und eine kohle aus der hölle bringst, dann nehme ich dich 
ohne weiters zum manne." 

Wie werde ich das im stände sein, dachte der gutmütige, und 
nachdenkend lenkte er seine schritte dem nahen walde zu. Plötzlich 
tauchte vor ihm die gestalt des männchens auf Warum so traurig, 
guter Hans? fragte es. Hans erzählte, was er neuerdings leisten solte, 
worauf das männlein erklärte, er möge nur ein Stückchen weges vor- 
wärts gehen, da w^erde er einen engel mit einem teufel um eine advo- 
katenseele ringen sehen. Der advokat, sprach das männlein, war ein 
schlimmer und schlechter mensch , darum nimst du dem engel die seeie 
weg und gibst sie dem teufel, begehrst aber gleich von diesem eine 
kohle, weil du ihm die seele verschaft, und von jenem eine rose aus 
dem himmel. weil du den streit geschlichtet hast. Hans gieng gleich 
an den bezeichneten platz und fand dort in der tat einen engel mit 
einem teufel um eine advokatenseele ringend. Er tat auch so, wie ihm 
befohlen war, und kam richtig mit kohle und rose zurück, welche er 
eiligst der königstochter überbrachte, die nun nicht mehr umhin konte, 
diesen wackeren freier mit band und herz zu beglücken. Gross war die 
freude von Hansens vater. Seine beiden brüder aber trachteten ihm 
aus neid nach dem leben; jedoch wurden ihre schlimmen anschlage 
immer zu nichte. Endlich starben sie nnd bald darauf auch Hansens 
vater. Haus lebte mit der königstochter recht lange, recht glücklich 
und zufrieden. 

Liebevolle lentseligkeit, woltuende teilnähme für das geschick des 
armen männleins, mit dem er sein brot gar willig teilte, unerschütter- 
liches vertrauen auf die worte des klugen zwerges und rastlose anstreng- 
ung verhelfen Hansen in diesem märchen zum ziel seiner wünsche, zur 
band der königstochter. W^er aber so handelt, wie der held dieser 
erzählung, den können wir nicht wol dumm nennen, und dennoch gibt 



HANS, volksCbebliefkrungen 79 

es liiimlerto von sagen mit denselben deutlieh ausfj^esproclienen, nur 
mannigfach variirten ziigen, in denen, Hans immer für dumm gehalten 
wird. Vorzugsweise seine gutmütigkeit, die er neben seiner körper- 
licheu rüstigkeit und stärke beweist, scheint es zu sein, die andere 
glauben liisst, Hans sei dumm. Es ist ja auch ein tiefer grundzug 
unseres volkes, dass es den gutmütigen und bescheidenen Charakter 
meist für einen einfältigen, törichten menschen hält. Das Sprichwort: 
„der ist ein guter kerl" — oder: „eine seelengute haut'' heisst 
bei uns so viel als: „das ist ein dummer mensch." 

Ein anderer schöner ethischer zug, der sich an Hans, an den 
jüngsten der drei brüder angelehnt hat und der so recht den grundton 
des deutschen Charakters bildet, ist die liebe zur arbeit. Ich hebe aus 
meiner zahlreichen samlung vou Hans - sagen eine nummer aus, wo wir 
arbeitsamkeit und stärke in schönster harmonie vereint finden. Es ist 
die, wie Hans dem teufel die nase abschleift, denn nebst seiner stärke 
und furchtlosigkeit sind es auch unendliche liebe und treue, welche 
seine seele zieren und sein bäurisches herz adeln. 

Wie Hans dem teufel die nase abschleift. 

Einmal kam ?fans zu einem bauern , welchen er fragte, ob er 
einen knecht brauche. ,,Ja," antwortete der bauer , ,. bleib da, bei mir 
gibts viel zu essen und wenig zu arbeiten." — „Da ist meines blei- 
bens denn nicht," entgegnete Hans und gieng zu einem andern bauern, 
welcher sagte: „Bei mir gibts viel zu arbeiten und wenig zu essen, 
denn ich bin arm." 

Hans blieb und war mit dem neuen herrn zufrieden. Heute must 
du in die mühle fahren, sagte eines tages der bauer, um das körn 
mahlen zu lassen . das dort in den sacken steht. Hans fuhr zur mühle, 
begegnete aber auf dem wege dem müUer, von dem er erfuhr, dass 
man nicht mahlen könne, weil der teufel auf den mühlrädern sitze und 
jeden auffresse, der dieselben in bewegung setzen wolle. Wenn es 
sonst nichts ist. sagte Hans, so ists gut, mit dem teufel will ich schon 
fertig werden. Obgleich der müller nochmals warnte, Hans möge doch 
sein leben nicht auf das spiel setzen , so blieb der furchtlo-e doch sei- 
nem Vorsätze getreu, fuhr zur mühle und schüttete da das körn auf, 
welches aber immer wider so herausfiel, wie er es hineingeschüttet 
hatte. Hans nahm nun seinen rosenkranz zur band und schlich sich 
zum mühlrad. wo er den teufel sitzen sah ; schnell warf er dem schwar- 
zen den rosenkranz um den hals und der teufel konte sich nicht mehr 
regen und rühren. Hans nahm ihn nun auf die schulter, legte dessen 
nase zwischen die malsteine und Hess das rad drehen. Da fleug nun 



80 BRAXKY 

der gottseibeiuns jämmerlich zu schreien an und bat, Hans möge ihn 
loslassen, er wolle s^ewiss nicht mehr in die mühle kommen. Hans 
Hess ihn los und seit dieser zeit ward der teufel nie wider in der mühle 
gesehen.^ Da ward niemand frolier als der müUer selbst und er gab 
Hansen für diese küline tat ein pferd, mehrere kühe und einige hun- 
dert harte taler. Alles das brachte der gute knecht seinem herrn nach 
hause. Dieser war dadurch wol sehr erfreut, hatte aber doch von nun 
an eine gewisse scheu vor Hansen und wäre ihn gern auf eine schöne 
art los geworden; deshalb sagte er zu ihm: ., Hans, du must heute in 
die hölle gehen und dort geld liolen, denn wir liaben keines mehr." 
Haus gieng in die hölle und wurde daselbst dem obersten der teufel 
vorgestelt, der in einem bette an einem nasenleiden krank darnieder 
lag, denn es war derselbe, dem Hans die nase abgeschliffen hatte. Der 
oberste der teufel befahl augenblicklich, nachdem er Hansens anliegen 
vernommen, dem starken knechte zwei sacke mit gold zu geben und 
bedeutete den übrigen teufein insgeheim, sie möchten trachten, diesen 
schlimmen kerl bald auf gute art aus der hölle zu schaffen. Hans nahm 
das geld und brachte es seinem herrn. Doch wie erschrak dieser, als 
er Hansen sogar aus der unterweit unversehrt zurückkommen sah. Nun 
suchte der treulose herr den treuen diener auf andere weise aus dem 
wege zu räumen. Eines tages befahl er dem Hans in den brunnen zu 
steigen, um die steine lieraus zu schaffen, damit derselbe mehr wasser 
gäbe. Der treue knecht stieg in die tiefe, um diese arbeit zu verrich- 
ten; da warf nun sein herr grosse steine in den brunnen, die Hans 
erschlagen solten. Dieser aber meinte die hühner wären es, welche 
sand herunterwürfen, deshalb rief er hinauf, man möge die tiere vom 
brunnen jagen. Doch weil in einemfort ein stein um den andern in 
die tiefe fiel, so nahm Hans einen solchen und warf ihn mit aller kraft 
hinauf, um, wie er meinte, die hühner zu vertreiben. Der stein traf 
aber gerade seinen treulosen hern und dieser fiel tot zu boden. Hans 
weinte sehr über den tod des bauern und über seine eigene Unvorsich- 
tigkeit. 2 

Unsere sagen und märchen, wie sie aus dem munde des volkes 
kommen, sind ein ausfluss von volkspoesie, volksweisheit und volks- 
religion. Poetisches, lehrhaftes und religiöses findet man fast in jeder 

1) über teufelsmühlen vergl. Panzer, Bairischo Sagen 1, 123. — Meier, 
Schwab. Sagen 1, nr. 176. — Vernaleken, Mythen und Bräuche s. 85 und 375. 

2) Über Hansen.s stärke sind noch zu vergleichen Kuhns westfälische Sagen 
H, 332, wo noch mehrere züge mitgeteilt sind, u. a. dass er auch in den brun- 
nen rauss, um ihn zu reinigen. — ,, Starker Hansl^' und ,,der gescheidte Hansl'' 
bei Zingerle, Kinder- und Hausmärchen .s. 98, 140. Innsbruck 1852. 



HANS , VOLKSÜBERLIEFERÜNGEN 81 

sage vereint. Daher auch die vielen bezüge und anklänge an die göt- 
ter und beiden grauer vorzeit in der litteratur der volksdiebtung. Frei- 
lieb erscbeinen diese gestalten heutzutage in ganz scbliclitem auf/uge 
und zienilieli vorblast, so dass es schwer hält, sie widerzuerkennon. 
Doch bei Heissigem nachforschen und zusammenstellen findet man jene 
charakteristischen merkmale heraus, die ganz deutlich erkennen lassen, 
welches urhild hinter dem schleier der sage verborgen steckt. Hans, 
der einen stab hat und mit einem breitrandigen hut auf dem köpfe 
ein weisses pferd stehlen geht,* erinnert lebhaft an den österreichi- 
schen Schimmelreiter, der niemand anders als Wuotan selbst ist [?]; 
Hans, der faulpelz, welcher unter rauher geräth und erst warm geprü- 
gelt werden muss, bevor er sich wehrt, trägt deutliche züge der hel- 
densage an sich ; denn Hagen , als er verwundet worden , ruft der feind- 
seligen Kriemhilt zu: ich hin erste erzürnet, loan ich lüzel schaden häv ^ 
und Dietrich von Bern muss erst von seinem eignen Waffenmeister 
geschlagen werden , bis er sich zum kämpf im rosengarten entschliesst, 
doch daim fiihren ihm vor kampfwut flammen aus dem munde. ^ Der 
starke Hans im bekanten kindermärchen , der eine glocke als mutze auf 
das haupt stürzt, gemahnt an die Hymiskvida, wo Thor einen grossen 
kessel lierbeiholt und auf seinem köpfe trägt.^ Die beiden volksreime, 
die überall im gange sind und nach denen Hans auf den blocksberg 
föhrt, erinnern gleichfalls an Thor [?]. Zumal der zunächst fol- 
gende a), in welchem es heisst, dass Hausens gefährte mit einem bocke 
bespant ist.* 

a) Hänsl spann an b) Hänsl spann an! 

Drei kätzen voran Den Blocksberg hinan! 

Das böckerl voraus Vier kätzen 

Aufn Blocksberg hinaus. Vier ratzen 

Vier maus' 

Vier laus'. 

1) Mythen und Bräuche von Vernaleken s. 27. 2) Rochholz , Sag. II , 318. 
3) Grimm, Myth. 170. 4'i In Tirol kent mau einen Bindcr-Hansl, der ein weit 

und breit bonihmter bauerndoctor war. Er verstand nicht nur alle krankheiten zu 
heilen, sondern er half auch gegen hexerei und Verzauberung. Ein beson- 
deres mittel besass er gegen den wurm am finger. Auf dem wege nach Botzen 
verwandelte der starke Binder -Hansl die Franzosen in stein, d. i. er hatte sie 
„gfrom gemacht.'" Zu Hopfgarten lebt der Bäckerhansl, einer der ersten wild- 
und Scheibenschützen im Unterinnthal : dieser erlernte von einem alten Jäger die 
künste auf das wild zu schiessen und dasselbe sogleich zu töten, es mag getroffen 
werden wo immer, (M}i:hen und Sagen Tirols v. J. N. Ritter v. Alpenbnrg. Zürich 
1857. s. 310, 358.) 

ZEIT8CHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. \^II. 6 



82 BRANKY 

Des weiteren ist noch der starke Hermel zu vergleichen, auf den 
Simrock aufmerksam macht. ^ Hansens gang zur hölle um ein teufels- 
haar.^ das austrinken des teiches, wie oben gemeldet wurde, sein kämpf 
mit riesen, unholden, zwergen ^ und mit dem teufel, seine wafle, die 
eiserne stange, mit der er bei MüUeuhoff, s. 3-47 erscheint, seine tätig- 
keit und Sorgfalt für feld und tlur, für haus und hof, endlich der ham- 
mer, mit welchem der schmied in lausitzischen märchen auftritt,* der 
auch niemand anders als der starke Hans ist, alles das weist auf Thor 
hin. Aber auch anklänge an die Siegfriedssage sind im Hans erhalten. 
So wird bei Gnurrowitz nächst Brunn folgendes erzählt: Hans erwarb 
einmal auf seiner Wanderschaft von einem fremden hungrigen manne, 
mit dem er sein brot teilte, eine handmühle, welche die wunderbare 
eigenschaft besass, dass, sobald man die kurbel nach rechts drehte, 
ein fach mit jenen speisen hervorkam, die mau zu verzehren wünschte. 
Drehte man hingegen die kurbel nach links, so gieng das fach samt 
den speisen wider in die mühle zurück. Eines tages begegnete ihm ein 
fremder , den lud er auf eine gute mahlzeit ein. Dieser meinte freilich, 
dass Schmalhans küchenmeister sein werde, da er bei Hansen sonst 
nichts als die kaffeemühle sah. Wie staunte aber dieser freradling, als 
er die seltsame eigenschaft der mühle kennen lernte und speisen und 
trank alsbald in hülle und fülle vor sich sah. Nichts wünschte er leb- 
hafter als im besitze des wunderbaren geräts zu sein, deshalb bot er 
Hansen eine hacke au, welcbe die merkwürdige eigenschaft besass , dass 
sie alles, was man ihr zu bringen befahl, augenblicklich herbeischafte. 
Um Hansen auch von der Wahrheit dieses ausspruches zu überzeugen, 
stund der mann auf und hieng seinen hut auf den ast eines baumes, 
gieng dann wider zu Hans und sprach zur hacke : siehst du dort mei- 
nen hut? geh und hol ihn her! Kaum war das gesagt, so sprang auch 
schon die hacke in grossen sätzen auf den bäum, nahm den hut und 
brachte ihn zurück. Nachdem Hans seinen vorteil genau berechnet 
hatte , gieng er den handel ein. Darauf trenten sich beide. Als Hans 
bereits eine weite strecke weges gegangen war, sagte er zur hacke: 
„ Hol mir- meine mühle ! " Im augenblicke raste die hacke von dannen 
und brachte alsbald das verlangte. Vergnügt jezt beide kostbarkeiten 
zu besitzen, trabte Hans fürbass und begegnete einem wanderer, der 
eine kappe in der band trug. Auch diesen bewirtete er auf das köst- 
lichste. Im gespräche erfuhr hans, dass besagte kappe die gar wun- 
derbare eigenschaft besitze, dass sich derjenige, welcher sie aufsetze, 

1) Handbuch der deutsch. Mythol. 286. 2) J. V. Zingerle, Märchen 101. 

3) Mtillenhoff, Sagen, Lieder, Märchen, 442. 4) Haupts Zeitschr. III, 358. 



HANS, VOLKSÜBERLIEFERUNGEN 83 

unsichtbar machen könne. Hans bat, ob er solches mit der kappe ver- 
suchen dürfe. Der Irenide wandersmann, der nichts böses ahnte, gab 
Hansen bereitwilligst die kai>po, dieser sezte sie auf, machte sich auf 
diese weise unsichtbar und erschien nimmermehr vor dem betrogenen. 

Dieser zug deutet auf Siegfried , denn auch dieser nimt dem zwerge 
die tarnkappe ab, welche auch die eigenschaft besizt unsiclitbar zu 
machen.^ Es fehlt aber auch nicht an anderen bezügen, die darauf 
hinweisen, wie nämlich Siegfried beim schmiede den amboss in stücke 
schlägt. Die mär, welche das hierzulande von Hans berichtet, gehört 
in jene reihe von Hanssagen und Hausmärchen, in denen er immer als 
„Hansl fürchtmi ned,"^ d. i. als furchtloser mann auftritt: 

Wie Hans das gruseln lernt. 

In Böhmen wird erzählt, dass Hans gerne gewust hätte, was 
fürchten heisst und was das gruseln ist, doch er konte es immer nicht 
erfahren. Daher schickte ilin seine mutter in die weite, weite weit, 
denn sie dachte, da wird er schon das lernen, was er so gerne wissen 
möchte. Doch alles vergebens. In einem verwunschenen ritterschlosse 
hatte er der gefahren und abenteuer zur genüge bestanden, ohne dass 
es ihm je einmal gegrübelt hätte; doch eines tages öfnete sich plötz- 
lich die tür seines schlafgemachs und ein baumstarker manu mit schnee- 
weissem hart trat ein und schritt auf ihn zu, indem er sagte: ,, Warte 
du kleiner wicht, ich will dich das gruseln lehren"; jezt hat dein lez- 
tes stündlein geschlagen, du must sterben, du Hansl furcht mi ned!" 

„Nur sachte, nur sachte, ich glaube so schnell noch nicht," 
erwiderte der angesprochene. 

Das wollen wir schon sehen, sprach der alte, wenn du stärker 
bist als ich, so magst du dich dann zum teufel scheeren. Darauf 
führte ihn der mann mit dem weissen hart durch mehrere dunkle gänge, 
bis sie zu einer schmiede kamen. Hier nahm der alte eine axt und 
schlug den ambos mit einem schlage tief in die erde. 

Das kann ich besser, sprach Haus und stelte sich zum andern 
amboss und spaltete denselben entzwei, so dass die axt noch einige 
fuss tief in die erde fuhr und dabei den hart des alten mit einklemte. 
Dieser fieng nun jämmerlich zu schreien an und versprach Hansen viele 
reichtümer, wenn er ihn wider losliesse. Er tat dies und der alte hielt 
wirklich wort. Bald darauf feierte Hans mit der königstochter, um 
die er ausgezogen war und um die er geworben hatte, das hochzeits- 

1) Niblgld. 97, 3. 457, 4. ed. Bartsch. 2) Oder wie andere wollen: Hansl 
furcht di net. 

6* 



84 BRANKY 

fest, ohne erst gelernt 7AI haben was gruseln heisst. Beide lebten mit 
einander recht glücklich und zufrieden. Weil aber der junge ehegemal 
täglich die alte leier anfieng: „ach wenn ich nur wüste was gruseln 
heisst,'' so sann die königstochter hin und her, was denn in dieser 
auireleo-enheit zu tun wäre. Da kam ihr endlich ein glücklicher gedanke 
durch den köpf. Einmal zur nachtzeit, als Hans im bette schlief, 
brachte sie einen eimer mit eiskaltem wasser herbei und begoss damit 
ihren mann vom wirbel bis zur zehe. Hans sprang schnell auf und 
schrie: „Himmeldonnerwetter jezt gruselts mich!" 

Ein anderer schöner zug ist auch der, dass Hans es nicht duldet, 
dass dem manne von dem weihe hörner aufgesezt werden ; es ist das 
auss^edrückt im märlein: 

Wie Hans der bäuerin buhlschaft verrät und vorteil daraus 

zu ziehen weiss. 

Ein bäuerin liebte den Schreiber, der bei einer herschaft in dienst 
stand, gar sehr. Der bauer durfte freilich davon nichts wissen, nur 
Hans, der sich als knecht in dieses haus verdingt hatte, wüste um die 
Sache, wolte aber nichts sagen, sondern wartete auf gute gelegenheit, 
um diese schlimme geschichte an den tag zu bringen. Einmal, als er 
mit dem bauern auf das feld fuhr, sagte er zu diesem: „Pflüget heute 
die rechte seite, denn dort ist es früher nöthig." — So geschah es 
auch. — Rechts war nämlich das herschaftsfeld , wo der Schreiber über 
seine leute aufsieht hielt. 

Bauer, sagte Hans, als er das weib von ferne kommen sah, wir 
bekommen heute ein gutes frühstück. 

„Ach was fält dir ein, dummer Hans, noch nie hat mir die bäuerin 
etwas in das feld gebracht," erwiderte der angeredete. 

Aber heute hat sie etwas im korbe, schaut euch nur um, ver- 
sezte der listige knecht. 

Und in der tat trug die bäuerin dismal einen korb auf dem arm 
und sah gar traurig auf das herschaftsfeld. Was sie trug war für den 
Schreiber bestimt, denn sie dachte, ihr mann werde auf der entgegen- 
gesezten seite des feldes pflügen, wo er sie freilich nicht hätte sehen 
können. Als die bäuerin schon nahe genug herangekommen war, hub 
der bauer ganz verwundert an: „Aber bäuerin, was ist denn heute 
geschehen, dass du mir etwas in das feld bringest?" 

„Gestern," versezte die schlaue, „fiel mir ein täubchen von dem 
boden, da dachte ich, das muss ich dir herrichten und gab etwas wein 
dazu, damit du auch ein zweites frühstück hast wie ein grosser herr." — 
Darauf nahm sie aus dem korhe eine flasche wein , ein gebratenes täub- 



HANS, volksCrerlieferungkn 85 

clien uud weisses brot. Der Imuer zerteilte Jen liraten iu vier teile 
und gab ein viertel seinem weihe, eines dem Hans, das dritte behielt 
er für sich und das Iczte gab er auf ein stück brot und sagte: „Da 
hast Hans, trage dies dem herrn Schreiber hinüber, er sizt so traurig 
auf dem rasen, und schaut uns so sündlich zu, wie wir es uns schmecken 
lassen. Was unverhuflt kommt, schmeckt gut!'' 

Hans nahm das taubenviertel, maclite sieli auf den weg und ass 
69 selbst, das brot aber warf er in kleineren stücken an den weg. Beim 
Schreiber angelangt, sagte er aber: „Um bimmelswillen, lauft schnell 
fort, denn der bauer weiss von allem, wenn er herüber komt, schlägt 
er euch raaustot." — Doch der schrei])er tat so, als wüste er nicht, 
was Hansens rede zu ])edeuten hätte. Hans drehte sich um , gieng 
wider zu dem bauern und sagte zu diesem , dass der Schreiber etwas 
mit ihm zu reden habe. Alsbald gieng der ])auer hin, um zu hören, 
was es gäbe. Doch als er die stücke brotes an dem wege liegen fand, 
hob er sie auf. Da aber der Schreiber dieses sah, so meinte er, dass 
sich der bauer um steine bücke , deshalb lief er eiligst davon. Als der 
bauer solches merkte, glaubte er, der Schreiber sei narrisch geworden 
und gieng wider zu seinem weihe zurück. Mittlerweile aber hatte Hans 
der bäuerin gesagt, sie möge sich schnell aus dem staube macheu, 
wenn sie anders nicht etwas auf den buckel bekommen wolle, denn der 
bauer wisse von allem. Die bäuerin säumte nicht lange und gal) fer- 
sengeld. Als der bauer indessen zurückgekommen war, sagte Hans: 
„Um was wetten wir, dass ilir der bäuerin nicht mehr nachkomt." — 
„Das wäre mir schön," entgegnete der angeredete, „sie ist ja noch 
gar nicht so weit.'' — „Versuchts um 5 gülden." Eilig machte sich 
der bauer auf die beine und lief was er konte; gar bald war er der 
bäuerin auf der ferse und fasste sie an dem rocke. Schnell tiel das 
arme weih auf die knie und bat um Verzeihung; sie sei unschuldig, 
beteuerte sie in ihrer Verzweiflung, der Schreiber hätte sie verleitet und 
sie werde so etwas gewis nicht mehr tun. 

Jezt gieng dem Ijauern freilich ein licht auf, als er diese werte 
aus dem munde seines eigenen weibes erfuhr. Hans erhielt von ihm 
zehn gülden als belohnung. Der Schreiber aber gab dem knechte für 
die gute Warnung sogar deren fünfzig. 

Das volk in Niederösterreich kent auch den daumenlangen Hansl. 
In jenem märchen, nach welchem er einem wirte lästige gaste ver- 
treiben hilft, das ich im „Deutschen Sprachwort" ^ aus Job. Würths 
allg. Sammig. mitgeteilt habe, erscheint der daumenlange Hansl, als 

1) VII. bd., nr. 23, s. 355. 



86 BRANKY 

einer der gaste ruft: „Der teufel soll schon alles holen" — augen- 
blicklich kohlrabenschwarz auf dem tische und ruft: „Da bin ich" — 
worauf sich die ungebetenen gesellen mit angst und furcht eiligst aus 
dem staube machen. Der kindermund hält an einem spannenlangen 
Hansl fest: 

Spaunenhmger Hansl, Lauf do net so narrisch 

Nudldicke dirn, spannenlanger Hansl 

geh' mit mir in garten, und valier die birn 

schüttln ma die birn; und d' schuach net ganz; 

schüttl i die grossn, trägst ja nuar die klan 

schüttelst du die klau, nudldicke dirn; 

wän des sackerl voll is, und i schlepp den schwarn sack 

geh ma wueda ham. voUa grossi birn.^ 

In diesen beiden lezten Überlieferungen erscheint Hans in zwergenhaf- 
ter gestalt, aber dennoch mächtig und stark. Er erinnert an die mär- 
chen von Daumsdick und an Däumerlings Wanderschaft, die ihrerseits 
wider an Thor gemahnen, der sich bei Hymir unter den kesseln ver- 
birgt [?]. 

Wie Hans im kinderspruch seine rolle angewiesen ist, so auch 
im liede; es sei nur an den alten, freilich etwas vierschrötigen män- 
nerchor von der Martinsgans erinnert, ^ der vom Wiener männergesangs- 
verein „Schubertbund" wider zu ehren gebracht worden ist,^ in wel- 
chem Hans es ist, der die gans rupfen, zupfen, braten, zerreissen und 
essen soll. 

Eine hülle und fülle von Sprichwörtern, die auf Hans, Häus- 
chen, Hansel, Hanserl und Hänslein bezug nehmen, hat uns Wan- 
der mitgeteilt.^ In Wien kann man aber noch folgende hören, die in 
Wanders grossem Sammelwerk fehlen: 

A luckada strumpf, des rairk da Hans, 
Der is a alsa awdcha^ nimma ganz. 

Jeder Hans hat a wimmerl^ in hirn. 
Jeder Hans hat an sporn. 
Jeder Hans hat an huat auf. 

1) Vergl. auch: Friscbbier. preussische Volksrcime und Volk.sspiclc nr. 650. 
Berlin 1867 und Karl Landsteinor, Ein östr. Schuhneister, 22. Jahresbericht 
des Josefßtädter Gymnasiums s. 68. 2) Von Orlando di Lasso, componiert im 

jähre 1573. 3) Aufgeführt bei der gründungsliedertafel im Sophiensaale am 6. deebr. 
1873. 4) Deutsches Sprichwörter -Lexikon II, 351 fg. 5; Der ist auch auf 
der kehrseite nimmermehr ganz. 6) Hitzblatter. 



HANS, VOI^SÜBERLIEFEBUNGEN 87 

Die drei lezten Sprichwörter weisen darauf hin , dass Hans über- 
spant, halb verrückt und halb toll ist. Von besonderem Interesse aber 
ist nur das allerlezte, wo Hans mit einem hüte erscheint, weil wir 
auch sagen haben, in welchen er in solcher gestalt auftritt. Bei Ver- 
naleken begegnet er uns als „Suunawendfeu'r-mann mit'u breiten 
hut," ^ bein Kuhn und Schwartz trägt er gar einen roten hut mit roter 
quaste und wird mit dem ewigen Jäger jagend angetroffen. ^ Der harm- 
lose kindermund singt bei mir zulande: 

Hanserl 

Kupft 's ganserl 

Steck d' feda aufm huat! — 

Frau muata, frau muata 

Des ganserl war guat. 

In den norddeutschen sagen heisst der ewige Jäger, welcher den 
wildesten schimmel reitet, der aufzutreiben ist, Hans von Hackeinberg. ^ 
Österreichische bauern geben heutzutage nocli einem ihrer pferde recht 
gerne den namenHans; auch junge hasen, zumal die kaninchen, welche 
im hause gehalten werden, und die kanarienvögel benent man so/ 

Aus der L'kermark haben die beiden hrn. Verfasser der norddsch. 
sagen vieles über den markgrafen Hans beigebracht: in nr. 2 isst er 
fische und macht dieselben wider lebendig, ein zug, der an Thors wider- 
belebung seiner bocke erinnert. In nr. 3 fährt der markgi-af durch 
luft und wasser, was wider auf Wuotan weist. ^ In der sage nr. 39 (6) 
ist noch bemerkt , dass markgraf Hans ein leutseliger herr gewesen ist, 
der mit bürger und bauer freundlich sprach und umgieng. Anders 
sieht es freilich mit (lem ritter Hans in Tirol aus, von dem die sage 
geht, dass er mancherlei liebte, wein, weiber, jagd, geld; nur eins 
liebte er nicht, und dies eine waren die bäuerlein. Auch nach seinem 
tode noch trieb ritter Hans sein Unwesen. Sobald ihn nur einer nante, 
war Hansens geist da und gab jenem im vorbeifahren eine so derbe 
auf die platte, dass er umtaumelte und bisweilen das aufstehen vergass.** 

Nebst dem glücklichen Hans kent auch das volk in Niederöster- 
reich einen Spielhansel. Spielsuclit geliörte ja von jeher zu den germa- 
nischen lästern. Wer unsere jetzigen bauern und bauerssöhne genau 
kent, der weiss, dass die gegenwart, was die laster spielwut und 
gewinsucht anlaugt, vor der Vergangenheit nicht ein jota voraushat.^ 

1) Mythen und Bräuche s. 28. 2) Norddeutsche Sagen , Märchen und 

Gebräuche s. 251 fg. 3) Daselbst 8.156. 4^1 Landsteiner, ,,ein österreichischer 
Schulmeister" s. 68. 5) Daselbst, s. 33 — 39, s. 473 nr. 38. 6) Deutsche Alpen- 
sagen V. Bitter v. Alpenburg nr. 251. 7) Yergl. Tacitus, Germania, cap. ZXIV. 



88 BKANKY 

Es ist daher ganz begreiflicli , dass wir allerwärts in sagen und mär- 
lein dem Spielhansel begegnen.^ Eine seltsame gestalt ist der Butten- 
han sl. So heisst nämlich in Wien jener mann, der im seciersaal die 
zum secieren bestimten leichen auf den dazu hergerichteten tisch legt 
und nach erfolgter section wider von dannen schaffen muss. Andere 
gestalten sind noch der Pralhansl und der Brillautenhansl. Mit dem 
ersteren namen wird überhaupt jeder grosssprecher und aufschneider 
bezeichnet, mit dem lezteren aber vorzugsweise jener mann, der sich 
gerne mit brillanten schmückt. 

Bei vergleichung aller meiner Hansmärchen und Hanssagen ist 
mir besonders der zug aufgefallen, dass Hans immer folgsam gegen 
vater und mutter ist. Er tut alles gern und unverdrossen, was ihm 
von den eitern befohlen wird. Vielleicht ist es gerade dieser ethische 
zug, welcher Haus in eine art von Eiilenspiegel verkehrt hat. Denn 
wer alles buchstäblich ausführt, ohne darüber weiter viel nachzuden- 
ken, bei dem kann es an tollheiten und Verkehrtheiten nicht mangeln. 
Jedenfalls ist noch das zu erwägen, dass Hans meistens sein glück in 
der weit macht und dass die Überlieferung immer die folgsamkeit her- 
aushebt , die ihn zum glücke führte. „ Mein kind gehorche der zucht 
deines vaters, und verlass nicht das gebot deiner mutter," befiehlt schon 
die heil, schrift,^ und „aus welker haut komt oft weiser rat," sagt 
das heidnische lied ; ^ beide sätze weisen aber auf die einsieht und 
erfahrung der älteren, denen die Jugend sich überlassen und anver- 
trauen soll. Selten komt es vor, dass Hans nicht sein glück macht. 
Nm* ein märchen, in welchem Hans als Dudelde auftritt, habe ich 
hierzulande aufgefunden, in welchem Hans alles verliert und arm. 
wird, dieses eine erinnert aber so lebhaft an „Dudelde" in Ludwig 
Grimms märchen und an die nr. 19 in den kinder- und liausmärchen, 
dass ich bedenken trage es für ein specifisch östr. märchen zu hal- 
ten. Von dem abgesehen ist im märchen von Haus Dudelde Han- 
sens frau Ursache, dass beide arm werden. Immer grössere gaben 
soll Hans vom guten und dankbaren fischlein fordern. Unzufriedenheit 
und hochmut stürzen Hansen in dieser Überlieferung ins verderben. So 
fehlt endlich in der Hanssage auch der bedeutsame zug nicht, der den 
menschen immer höher und höher um die eitlen guter der weit streben 
lässt, der den menschen unzufrieden macht und ihn schliesslich ins 
elend und verderben stürzt. Der zug von Hansens folgsamkeit hat uns 
schon von ungefähr auf seine tollheiten und Verrücktheiten geführt. 
Grimm macht schon bei der abhandlung über die riesen auf den star- 

1) Vergl. Grimui, Märch. nr. 82. 8) Spr. 1,8. 3) Loddfafnismal 135. 



UANS, VULKSÜBEllLLEFEBUNGEN 89 

ken Hans aufmerksam, in welchem sich ein anstrich eulenspiegelischer 
luune erhalten hat.* Der österreichische auszählreim lässt schon Han- 
sen aus dem Sclnvabenland dalicrgerant honimen und was Schwaben- 
land, Schwabenstücklein und Schwabenstreiche besagen wollen, ist 
bekant."-^ Hans ist in der tat Hanswurst und das im vollsten sinne des 
Wortes. Über das herkommen des Hanswurstes hat man sich schon die 
köpfe zerbrochen , aber leider ohne erfolg. Luther erklärt schon , dass 
er das wort Hanswurst nicht erfunden habe, sondern dass es von ande- 
ren leuton wider die groben tölpel gebraucht, die klug sein wollen, 
doch ungeschickt und ungereimt zu)" sache reden und tun.^ Nun haben 
wir noch einen närrischen Hans. Züge davon findet man in Robert 
der Teufel * und der volksreim im sauerkrautlatein weist darauf hin, 
denn da heisst es: 

Dominus vobiscum! 

Knödln springen aufm tisch um. 

Kyrie leison 

Gretl geht in d' tleischbänk 

Der Hansl, der ziagt 's messer raus 

Sticht der Gretl d' äugen aus. 

So sind wir also bei dem lezten teile der Hanssage angelangt, 
nämlich bei jeuer seite , wo Hans in der tat dumm erscheint , wo er dem 
Eulenspiegel und den Schildbürgern gleicht und wo er die ablagerungs- 
stätte für witz und humor des volkes ist.^ Hansens beicht und einige 
seiner streiche sollen das bestätigen: 

Hansens Beicht. 

Einmal sprach der vater: Lieber Hans, du bist jezt achtzehn jähre 
alt und kannst weder lesen noch schreiben und warst auch noch nicht 
beichten. Das aber solst du morgen tun. 

1) Mythig. 519. 2) Häuschen komt gerant , Aus dem Schwabenland, 

Läuft da in des Nachbars Haus, Isst den Topf voll Honig aus, Lässt den Löf- 
fel drinnen stecken, Wart ich will dir Honig schlecken usw. (Spiele und Reime 
der Kinder in Österreicli von Vemaloken und Branky s. 107. "Wien 1873.) 3) Flö- 
gel, Geschichte des Grotesk-Komischen s. 186. 4) Uhland, Schriften, 7. 656. 

5) Beachtenswert erscheint nur noch der gebrauch des Hansens, welcher wol nicht 
im erzherzogthum, sondern in Kärnten und in Tirol üblich ist. Im Zillerthale näm- 
lich, wie dr. Ludwig v. Hörmauii in seiner schrift: ,,Der Heber gat in litun" s. 51 
(Innsbruck 1873) mitteilt, buchen die brechlerinnen mit ihren flachsreisten dem vor- 
übergehenden den hals zuzuschnüren und zwar so lange, bis er versj)richt ihnen 
ein quantum brantwein zu bezahkn. — Ahnlich ist das Hänsn in Kärnten (Anton 
Uberfelders Idiotikon s. 129); der ganze gebrauch erinnert hier sehr an die huldi- 
gung des herzogs von Kärnten , wie dieselbe in den Rechtsalterthümern s. 253 mit- 
geteilt ist. 



90 BßANKY 

Ja, was ist denn das? fragte Haus den vater. 

Das wirst du schon sehen, antwortete dieser, gehe nur morgen 
beizeiten in die kirche. 

Des andern tages stand Hans in aller frühe auf und rannte zur 
kirche, die aber noch verschlossen war; er rumorte an der kirchentür 
herum, dass die ganze nachbarschaft aufgeschreckt wurde und eiligst 
herbeilief, um zu sehen, was es gäbe. Als Hans so viele leute herbei- 
kommen sah , meinte er , diese alle weiten auch beichten , deshalb schrie 
er aus vollem halse: Aufmacben! aufmachen! die leute warten schon, 
sie wollen beichten! Nachdem er einlass erhalten, staunte er nicht 
wenig, als er sich bald darauf mit dem pfarrer, der mittlerweile im 
beichtstuhl platz genommen hatte, ganz mutterselenallein in der kirche 
befand. ..Sind das dumme leute,'' meinte Hans, „zuerst kommen sie 
haufenweise gerant um zu beichten, und wenn es drum und drauf 
ankörnt, so bleiben sie vor der kirchentür stehen und halten maul- 
affen feil.*" 

„Nun knie dich nieder und beichte," sagte der pfarrer. 

„Sie dürfen aber niemandem etwas sagen," entgegnete Hans, 
„denn sonst bin ich das erste und lezte mal dagewesen." 

..Gott bewahre! beichte nur," entgegnete der seelenhirt. 

Hans hub an: „In unserem garten ist ein grosser bäum, auf die- 
sem bäum ist ein nest und in diesem nest sind junge finken und das 
darf niemand wissen; denn wüsten es die leute, so kämen sie um die 
jungen vögel auszunehmen.^ Also nichts sagen, herr pfarrer!" 

1) "Wir haben im Erzherzogtum mehre komische kinderbeichten , die alle eine 
feine nnd gelungene satire auf die ohrenbeiclite sind: 

1. Herr pfära i beichte, Mein beicht is ganz leichte, I häb in sechs wochn 
Drei heferln z'sammbrochn A kastrollert dazua Herr pfära 's is gnua. 

2. Beichtkind: Griess den heiTii pater Quardian! 

Quardian: Dank der Jungfer Jungfer Klara! 
Was hätt' denn d' Jungfer gern? 
B. : Beichten möcht i gern. 
Qu.: Was hat denn d' Jungfer g'sündigt? 
B.: Beim Schliprament, beim Schlaprament, 

Häb i der kätz das loch (oder den schweif) verbrennt. 
Qu.: Grosse sünd, gi-osse sünd! 
Mein liebes kind! 
Küsse mir die kutte! 
B. ; Die kutte küss' i gär net gern, 
Denn sie stinkt mir allzu sehr! 
Qu.: So gib sie doch a busserl mir 
I gib ihr zwei dafür. 



HANS, VOLKSÜBERLIEFERÜNGEN 91 

Als der gottesmaiin solches hörte, jagte er Hansen von dannen 
und sagte zum vater desselben, er möge seinem söhnlein zuerst begreif- 
lich machen , was beichten heisst und es dann erst zur beichte schicken. 

Als der vater von dem söhnlein solches hörte, sagte er wider zu 
ihm: „Hans, du must ein andermal deine sünden beichten, du darfst 
gar nicht fürchten, dass der lierr pfarrer jemandem etwas davon sagen 
wird , denn gott hat ihm ja das beichtsiegel auferlegt." 

Kommenden sontag gieng Hans in die predigt. Aufmerksam 
lauschte er den Worten des pfarrers. Unter anderem tobte dieser auch 
gegen die gewissenlosen eitern, die ihre kinder wie das liebe vieh auf- 
wachsen lassen. Vorige woche, sagte der prediger, kam ein fast zwan- 
zigjähriger bursche zu mir und verlangte zu beichten, wüste aber nicht 
einmal, was beichten heisst. Er sagte mir, dass in seines vaters gar- 
ten ein bäum sei, auf welchem sich ein finkennest befinde ; ich möge 
aber das niemandem sagen, damit es nicht gestohlen werde. 

Haus, der das hörte, schrie laut auf: „Du schnipferskerl , habe 
ich dir nicht gesagt, du solst nichts sagen? Du hast gewiss das beicht- 
siegel verloren. Hört leute, zu dem müst ihr nicht mehr beichten 
gehen, denn der plaudert alles aus." 

Hansens streiche. 

Eines abends sagte die mutter zu Hans: „Weisst du schon, dass 
uns das holz ausgegangen ist? ich werde daher morgen früh in den 
wald gehen um welches zu sammeln ; du komst dann später nach. Ver- 
giss aber nicht auf die tür und sperre sie gut zu!" 

Weiss schon, weiss schon, sagte Hans, werde auch die säge mit- 
nehmen und Ihnen nachgehen. 

„Recht so, erwiderte die nmtter. Also auf widersehen, morgen 
im walde! Gute nacht!" 

Bei dem ersten morgengrauen stand die mutter auf und gieng in 
den wald , indessen Hans noch bis um acht uhr fortschnarchte. Als er 
endlich aufgewacht war und gefrühstückt hatte, nahm er zwei nägel, 
schlug einen oben, den andern unten in die tür, band daran einen 
strick, hob sie aus und sperrte sie dann gut zu. Darauf gieng er um 
die säge, nahiu sie unter den einen arm, steckte den türschlüssel in 
die Westentasche, lud die ausgehobene tür auf den rücken, stolperte so 
zum tore hinaus und trabte dem bezeichneten walde zu, wo er auch 
bald die mutter gefunden hatte. J^JWas teufel hast du denn gemacht?" 
sagte diese, als sie seiner gewahr wurde. 

„Ich habe getan was ihr mir befohlen: ich vergass der tür nicht, habe 
gut zugespert, wie ihr selbst sehen könt und brachte auch die säge mit." 



92 BRANKY 

„Du hättest die tür sollen eingehängt lassen und sie zusperren, 
damit niemand in miser zimmer könte." 

„Ja liebe mutter, wie hättet ihr aber sehen wollen, dass ich die 
tür gut verspert habe , wenn ich sie dalieim gelassen hätte." 

„Du bist ein dummer Junge," meinte die mutter und nahm die 
säge, um einen dünneu ast von einem bäume loszumachen. Als sie 
aber gerade in der besten arbeit war , sah sie in nicht gar weiter ferne 
eine seh aar räuber kommen. Flugs waren mutter und söhn mit tür 
und säge auf einem hohen dichtbelaubten bäume. Inzwischen kamen 
die räuber immer näher und näher und hielten endlich unter jenem 
bäume rast, auf dem Hans mit der mutter war. Nun fieugen die sau- 
beren spiessgeselleu au, sacke und taschen zu leeren. Gold und silber 
reite da in menge heraus. Als Hans dieses sah, wolte er von dem 
bäume steigen und die räuber bitten, dass sie ihm etwas davon schenk- 
ten , aber die mutter litt es nicht. Als beide so eine Zeitlang auf dem 
bäume sassen, bekam Haus durst und wolte trinken. Da reichte ihm 
die mutter die Wasserflasche, welche sie an einer schnür um den hals 
gebimden hatte. Hans tat einen wackeren zug, und wolte das gefäss 
der mutter wider geben, allein die flasche entglitt ihm; zum grösten 
glücke fieng sie die mutter auf, jedoch so, dass der flaschenhals nach 
unten gekehrt war und alles wasser ausfloss. Drei der räuber wurden 
pudelnass und fiengen zu fluchen und zu schelten an; in demselben 
augenblicke aber muste Hans niesen; dabei strengte er sich so an, dass 
er von seinem aste abrutschte und bald samt der tür heruntergefallen 
wäre, wenn er sich nicht schnell an einem anderen aste erhalten hätte. 
Für die tür aber war keine rettung , die fiel hinunter und erschlug zwei 
räuber, worüber die anderen derart erschraken, dass sie eiligst die 
flucht ergriff"en und geld und gold im stiche Hessen. 

Schnell war jezt auch Haus mit seiner mutter vom bäume herab- 
gekommen. Kaum fühlte er festen boden unter seinen fassen, so wolte 
er auch schon auf und davon laufen. Die mutter rief ihn jedoch zurück 
und sagte: er möge schnell soviel geld mit sich nehmen, als er tra- 
gen könne und das übrige liegen lassen. Das tat Hans und dann nahm 
er säge und tür und machte sich auf den heimweg. Auch die mutter 
fülte ihre schürze mit den schätzen , welche die räuber liegen gelassen 
hatten, und als sie dann darauf bei ihrem söhne sass, sagte sie ihm 
mehr denn zehnmal, dass er von dem ganzen abenteuer niemand etwas 
sage. Des andern tages jedoch nahm Hans ein goldstück und kaufte 
sich darum feines gebäck. Wie komst du denn zu diesem goldstücke, 
fragte ihn der bäcker, welcher nur gewohnt war, schwarzes brot für 
knpferkreuzer oder gar auf borg an Hansen oder dessen mutter abzu- 



HANS , VOLKSCBERLIEFERimOEN 93 

geben. — Ei der taiiseml, versozti» Haus, ilir l)riii^^t mich in arge 
Verlegenheit, denn ich darf es euch nicht sagen, dass wir gestern zwei 
räuber erschlugen, denen wir dann diese münzen abgenommen hatten; 
die mutter liats ja verboten. — Solches hören und ins gericht gehen, 
war l)ei «h'm <aiten bäcker eins. Alsbald kamen auch dir liäscher und 
holton mutter und söhn ab, um sie vor den richter zu führm, der sich 
nach umständlicliem verliör (hihin ausspracli, dass beide angekhigte an 
dem tode der räuber schuldlos wären. Das geld aber behielt das gericht 
und die ganze den räubern abgenommene summe wurde später unter 
die dorfarmen verteilt, und weil Hans und seine mutter auch zu diesen 
leuten gehörten , so erhielten sie davon auch einen teil , womit sie einig(^ 
vvochi'n recht glücklich und zufrieden leben konten, 

Nach einiger zeit jedoch sagte die mutter zu ihrem söhne: das 
gAd ist ausgegangen, deshalb must du morgen auf den wochenmarkt 
um unser schmalz zu verkaufen. Du must aber bei dem verkaufen 
acht geben und die löcher gut verschmieren. 

Versteh schon, erwiderte das söhnlein, aber da werde ich ja gar 
kein schmalz zurückbringen ! 

Desto besser, meinte die mutter. 

Des andern tages nahm er den grossen schmalztopf samt einem 
löffel und trolte sich aus dem hause. Er war noch nicht weit gegan- 
gen, als er plötzlich stehen blieb, und der worte der mutter gedachte: 
„die löcher gut zu verschmieren!"^ — Weil der weg rissig und 
uneben war, sezte er seine last ab, nahm den löffel und fieng an, die 
löcher zu verstopfen. Bald war er mit dem schmalze zu ende und 
kehrte nach hause zurück. 

„Du hast gute geschäfte gemacht, wie ich sehe/' meinte die mut- 
ter, „wie viel geld bringst du mit?" 

„Geld? geld? sagte er, hätten mich die steine und die acker- 
krume etwa bezahlen sollen?" 

„Das nicht, versezte die mutter, aber die leute, denen du die 
waare verkauft hast." 

„Ei, ei, was redet ihr auf einmal von leuten, sagtet ihr nicht, 
dass ich die löcher verschmieren soll?" 

„Was fiir löcher hast du denn verschmiert," fragte die mutter. 
„Nun welche anderen soll ich verschmiert haben, als die, so ich 
am wege gefunden habe. 

1) Nach anderer version soll sich Hans, als er den weg voll löcher und spal- 
ten sah, gedacht haben: „0, du wirst viele schmerzen haben, warte ich will dir 
linderung verschaifen." 



94 BRANKY 

„Um himmelswilleu Hans bist du toll, du wirst doch nicht das 
schmalz in die rissige erde gestrichen liaben?" 

„Ja wohin sonst, ich sah keine anderen löcher." 

„Du hättest ja sollen jene löcher zuschmieren, die du in das 

schmalz gemacht hättest, sobald du einen löffel voll um den andern 

verkauftest/' 

„Ja hättet ihr mir dies früher gesagt, so würde ich also gehan- 
delt haben." 

Nach einiger zeit schickte die mutter Hansen in die stadt mit 
einem stück leinwand, um selbes zu verkaufen; sie sagte zu ihm, er 
solle es dem geben, der am wenigsten spricht. Da aber die leute auf 
dem markte feilschten um handeis eins zu werden, so erhielt niemand 
von Hansen die leinwand, und er kehrte deshalb unverrichteter sache 
nach hause zurück; da kam er auf dem wege bei der statue des heil. 
Johannes vorbei, und den betrachtete er vom fuss bis zum köpf und 
sagte endlich zu ihm: „kauf du mir die leinwand ab, denn jezt komt 
der Winter, und da wird dir kalt sein/' Als der heilige keine antwort 
gab , sagte Hans : „ Aha , du bist also derjenige , dem ich die leinwand 
verkaufen soll? hast sie! so, jezt bist du versorgt, nun mag der Win- 
ter kommen. Die leinwand kostet sechs gülden, wann kann ich um 
das geld kommen?" — Da von selten des heiligen keine antwort 
erfolgte , fuhr Hans fort : „ Ich werde also in acht tagen das geld holen ! 
Das wird dir recht sein! Nicht wahr?" 

„Hast du die leinwand verkauft?" sagte die mutter, als sie ihren 
söhn kommen sah, „und wo ist das geld?" 

„Das bekomme ich erst in acht tagen," versezte Hans. 

„Wer hat denn das stück erstanden?" 

„Ein stummer," sagte Haas. 

„Wird er dich auch bezahlen?" versezte die mutter mit besorg- 
tem blick. 

„Jedenfals," meinte Hans. 

Als die acht tage um waren , gieng Hans zur besagten statue um 
sein geld einzukassieren. „Hast dir gewiss hemden und hosen machen 
lassen." sagte er, wie er bemerkte, dass der heilige die leinwand nicht 
mehr bei sich hatte. „Hast auch recht! Sei aber jezt so gut und gib 
mir die sechs gülden." 

Doch als der heilige immer noch nicht miene machte das geld 
herzugeben, so nahm Hans einen knüttel und schlug ihm das haupt ab, 
und brachte es der mutter heim anstatt der sechs gülden. 



HANS, VOLKSÜBERLIEFERÜNGEN 95 

Ein andermal sagte die nuitter: „Haus, morgen miiss ich zeit- 
lich^ fortgehen, du wirst die betten auslüften müssen, dass wir wider 
gut schlafen können." 

Des andern tages nahm Haus das bettzeug, trug es auf das dach 
des häuschens und Hess hier alle tlaumcn in die luft iiiegen. „Seid 
brav," rief er ihnen zu, „und konit um sieben uhr wider zurück." 

Als die mutter nach hause zurückgekehrt war, war ihre erste 
frage , wie es denn um die betten stünde. Wie erschrak sie als sie hörte, 
Hans habe die federn ausfliegen lassen und ihnen bis sieben uhr urlaub 
erteilt. 

Einmal geschah es, dass ein reicher oheim um Hansen schickte. 
Deshalb sagte die mutter zu ihm: „Hans, du must zum oheim, wahr- 
scheinlich hat er abgestochen, und da wirst du etwas bekommen, das 
gib dann, wann du nach hause komst, in eine rein, ^ tue schmalz hinzu 
und lass es braten , damit wir dann gleich essen können , wenn ich aus 
der Stadt komme.'' 

Hans gieng zum oheim und erhielt von ihm ein ganzes stück 
feines tuch. Bald machte sich der so reichlich beschenkte auf den 
heimweg. Zu hause angelangt nahm er eiue grosse rein, gab schmalz 
hinein, liess es zergehen und presste dann das erhaltene tuch hinein, 
um es gut zu braten. Bald verbreitete sich ein grässlicher gestank, 
der sogar Hansen zu stark wurde , deshalb nahm er die rein samt Inhalt 
und warf sie in den hof. Wie zürnte die mutter, als sie bei ihrer 
ankunft die zerbrochene rein und das verdorbene tuch im hofe liegen 
sah. — ,,Du dummer junge," hub sie an, „wie kontest du diesen stofF 
so verderben. Bekomst du wider so etwas vom oheim, so gehe damit 
zimi Schneider und lass dir ein gewand machen." — „Gut, dass ich 
das weiss," brumte Hans, „ein andermal will ich gescheidter sein." 

Eines tages liess der oheim Hansen wider zu sich kommen und 
schenkte ihm einen sack, der mit hafer gefüllt war. Nachdem Hans 
den hafersack zu hause niedergestelt hatte, war sein erster weg zum 
Schneider, um sich mass nehmen zu lassen. „Ihr müst aber ein wenig 
zusammenstücken ," sagte Hans , „ denn es sind meist kleine stücke." — 
„Macht nichts, macht nichts," meinte der Schneider und gieng dann 
mit Hans in die wohnuug, um den stoff zu besehen und abzuholen. 
Als der Schneider den sack mit hafer sah, glaubte er, Hans habe sich 
mit ihm einen üblen scherz erlaubt, darum nahm er seinen stock und 
liess ihn auf Hansens rücken tüchtig herumtanzen. Höchlich entrüstet 

1) Beizeiten; frühmorgens. 2) Flaches becken oder pfanne aus blech zum 
braten oder backen. 



96 BRANKY 

Über diese bescherung, nahm Hans den sack und lerte denselben in 
den ausgnss. 

Als die mutter des abends von diesem tollen streiche künde erhielt, 
so sagte sie: „Das hättest du unserem pferde geben sollen, das wäre 
dann für längere zeit mit futter versorgt gewesen." „Ja, ja, liebe mut- 
ter, das will ich ein andermal tun," entgegnete Hans besänftigend. 

Es dauerte nicht lauge, muste Hans abermals zu dem oheim und 
erhielt von ihm ein paar wunderschöne ziegen, welche er, sobald er zu 
hause angekommen war, dem pferde in die krippe warf, dass es die- 
selben fresse. Doch das pferd wolte die ziegen nicht fressen und die- 
selben blieben auch nicht in der krippe, deshalb nahm Hans einen knüt- 
tel und schlug sie todt. — Diesesmal aber wurde das dumme söhnlein 
von seiner mutter ob seiner narrheit arg gezüchtigt und ihm auch die 
lehre erteilt, er möge, wenn er wider etwas von dem oheim erhielte, 
dasselbe doch an eine schuur binden und so nach hause ziehen und es 
zum pferde an die krippe binden. — Das soll geschehen, versezte 
Hans. — Wenige tage darnach erhielt er von dem oheim wurste. 
Diese band er an eine schnür, zog sie hinter sich durch staub und 
pfützen und daheim angelangt band er sie, wie die mutter gesagt, an 
die krippe. Darauf verliess er den stall und schaute bei dem schlüs- 
selloche hinein, um zu sehen, was denn da geschähe. Zu seinem gröss- 
ten entsetzen bemerkte er, dass der gaul mit den füssen auf die wurste 
trat und sie ganz und gar zerquetschte. Darob erzürnte Hans der- 
massen, dass er mit einem prügel in den stall sprang und das arme 
tier erschlug. Als die mutter dieses neue heldenstück ihres sohnes 
erfuhr, ergrimte sie so sehr, dass sie Hansen augenblicklich aus dem 
hause jagte. Hans verdingte sich nun zu einem bauer, bei dem er die 
schafe hüten muste. Zur kurzweil stieg er einmal auf einen bäum, 
von dem er aber herunterfiel und zwar so unglücklich , dass er sich den 
fuss verrenkte. Als er merkte, dass die schafe just mäh! mäh! riefen, 
glaubte er , sie verhöhnten ihn und gebot ihnen alsogleich stille zu sein. 
Doch weil sich das die dummen tiere nicht gesagt sein Hessen und in 
einemfort noch mäh ! mäh ! schrien , nahm er sein messer und tötete 
alle schafe, indem er sagte: So, da habt ihr euern teil! Jezt werdet 
ihr meiner gewiss nicht mehr spotten. Weil sich aber Hans jezt nicht 
zu seinem herrn nach hause traute, gieng er weit fort in ein anderes 
dorf und kam da zum pfarrer, den er fragte, ob er einen knecht 
brauche. Ja, antwortete der Seelsorger, ich brauche einen und du 
kanst gleich dableiben, wenn du willst. Merk aber auf, was ich dir 
sage. Hier ist ein sack voll geld. Ärgere ich mich zuerst über dich, 
so gehöi-t das geld dir. Wirst aber du eher über mich böse, so must 



HANS, VOLKfrBERLIEFERUNGEN 97 

du mir die gleiche summe geben. Das war Hans /Alfrieden uud er 
nahm den dienst im pfarrhause an. Am ersten tage niuste er die kuhe 
hüten. Als er eine gute weile auf dem felde war, kamtMi zwei iiiänner 
des Weges daher, die zu ihm sagten: „Verkauf uns deinvieli, wir wol- 
len dirs gut bezahlen!*' — „ Untj'r einer bedingung künt ihrs haben," 
erwiderte Hans. — „Und die ist?" fragten die männer weiter. — 
„Nun, ihr müsset mir von zwei kühen die seli weife lassen." — „Wenn 
es sonst nichts ist, versezten die männer, die schweife kannst du dir 
schon behalten.'' — Hans schnitt zwei kühen die schweife ab und 
hieng sie in die äste eines hohen baumes. Darauf bezahlten die män- 
ner das vieh und zogen fort. Dann lief Hans nach hause und schrie 
aus leibeskräften : ,.herr pfarrer! lierr pfarrer! die kühe sind bieset^ 
worden und durch die luft gefahren, nur von zweien sind die schweife 
an den ästen jenes baumes hängen geblieben!" — Des andern tages 
trieb Hans die schweine aus. Kaum war er einige Viertelstunden auf 
dem felde, so kamen die männer, welche ilun tags zuvor die kühe 
abgekauft hatten, abermals zu ihm und wolten auch die schweine haben. 
Hans crab auch diese tiere her und l)ehielt nur wider von zweien die 
sehweife zurück, welche er in die erde steckte, worauf er dann zum 
pfarrer eilte und sagte, ein Unglück wäre geschelien , denn die schweine 
hätten sich in die erde gewühlt. Eiligs gieng der geistliche herr mit 
Hansen auf das feld zur bezeichneten stelle. Da angelangt, sagte Hans, 
indem er auf die in dem boden steckenden und nur mit einer spitze 
hervorlugenden schweife zeigte: „Herr! da stecken alle schweine in der 
erde." Flugs nahm der pfarrer die schweife, zog aus leibeskräften au 
und stürzte rücklings zu boden. „Ei das ist doch zum teufel holen/' 
rief der pfarrer zornig. — Hans aber schrie laut: „Herr pfarrer, Sie 
ärgern sich! herr pfarrer, Sie ärgern sich! ich bitt um den sack mit 
geld ! " — Hans erhielt ihn und gieng fröhlich seines weges. Da kam 
er zu einer kapelle, an der eine geldbüchse befestigt war. Diese machte 
er los und schüttelte sie einige male, bis das ganze geld herausgefal- 
len war. Es waren aber dies nur sieben kreuzer. Er nahm sie und 
trabte fürbass. Unterwegs kam er an einem teiche vorüber, wo sich 
viele kröten aufhielten, welche sehr stark quakten. Hans blieb ver- 
duzt stehen und sprach zu sich selbst: „Diese kröten schreien immer 
acht! acht! und ich habe nur sieben!" — Weil aber die tiere immer 
nicht aufhörten und nicht aufliörten zu schreien, so wurde er endlich 
zornig und rief ihnen zu: „Werdet ihr gleich stille sein, ihr lügner, 
ich habe nur sieben und nicht acht kreuzer." Da die kröten aber nicht 

1) "Wild, scheu, toll geworden. 

ZEITSCHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VIII. • 



98 BRANKY 

stille wurden, so warf er die sieben kreuzer in den teicli und sprach: 
„Wenn ihr saget, dass es acht kreuzer sind, so habt sie und zählet 
sie." Da waren nun die kröten durch den lärm erschrocken und hör- 
ten ein Weilchen vom quaken auf, um bald mit erneuter heftigkeit 
ihr eintöniges quak! quak! von vorn zu beginnen. 

Hans kümmerte sich nicht mehr um diese dummen tiere, sondern 
gieng fort schnurgerade der nase nach , so weit der himmel blau war. 
Da kam er endlich zu einem bauern, welchen er fragte, ob er einen 
knecht brauche. Ja, sprach der bauer, kannst gleich arbeit haben. 
Gehe zum bache und bringe viel wasser hierher. Da nahm Hans ein 
riesengrosses sieb und wolte damit wasser zutragen. Als das der bauer 
sah, schalt er den dummen knecht gehörig aus und zeigte ihm, wie 
man wasser tragen könne. Ein andermal wurde Hansen bedeutet, er 
möge mit einigen schock eiern zu markte fahren. Hans lud die eier 
auf einen schiebkarren, wo sie eher zerbrachen, bevor er noch das 
bauernhaus verlassen hatte. Als der bauer solche dummheit an Han- 
sen merkte , so jagte er ihn aus dem hause. Hans gieng nun zu einem 
Schneider und sagte, er könne sehr gut nähen und zuschneiden. Das 
war dem meister von der nadel recht und er brachte schnell feines 
tuch herbei und sagte, Hans solle einen rock zuschneiden. Hans schnitt 
wol wacker drauf los, aber zerschnitt den stoff in lauter kleine stück- 
lein. Auch der Schneider, als er das Unglück sah, duldete Hans nicht 
länger in seinem hause. 

Nun gieng der dumme Hans fort und suchte wider seine mutter 
auf. Als diese ihr söhnlein kommen sah, hatte sie doch eine unend- 
liche freude, denn das gute mutterherz dachte, auf der Wanderschaft 
wird mein Hans gewiss klüger geworden sein: „d' fremd ziaglt ja d'Leid!" 
Jedoch nachdem Hans alle seine erlebnise mitgeteilt hatte, sah die 
mutter nur zu gut ein, dass ihr söhn nichts gelernt und nichts ver- 
gessen hatte. — ,, Morgen muss ich auf den markt," sagte die mut- 
ter zu Hans. „Du bleibst zu hause und hütest haus und hof. Dass 
du aber nicht etwa in den keller gehst und vom moste trinkst! ich 
kenn's gleich! lass' es dir gesagt sein!" 

Doch kaum war die mutter aus dem hause, so war auch Hans 
schon auf der kellerstiege; wie erschrak er jedoch, als er hier ein ställ- 
chen fand, in dem eine gans eingesperrt war. Weil das tier in einem- 
fort schnatterte, so meinte Hans, es wolle der mutter sagen, dass er 
in den keller gegangen, deslialb nahm er ein messer und schnitt der 
armen gans den hals ab. Flugs eilte er zurück in die kammer, ent- 
ledigte sich seiner kleider, schmierte seinen leib mit honig ein, nahm 
flaumen aus den kissen , wälzte sich einigemale in den denselben , so 



HANS. VOLKSÜBERLIEFERUNGEN 99 

dass er dann in dor tat dem vogel greif nicht ganz nnälinlich sali.^ Tn 
diesem anfznge stelte er sich in das ställclien niul wartete die anknnft 
der mutter ab. Als das gescliah, Heng er heftig zu sclinattern an. und 
wolte so die mutter ghuiben machen, als wäre die wirkliche gans noch 
im stalle. Die mutter muste über diese seltsame gestalt dermassen 
lachen, dass sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte. „Haus! 
Hans! du bist nun reif zum heiraten," sagte sie; „eben war ich bei 
der tochter unsers wirtes und die must du zur frau nehmen. Komm 
schnell mit in die küche, ich will im kessel wasser heiss machen, dass 
du dich baden kanst. Reinige dich gut von den federn und dem honig, 
ziehe dann die neuen kleider an, welche ich dir zurecht gelegt habe, 
damit du deiner braut gefälst. Ich will indessen fortgehen und sie 
holen; nach zwei stunden ungefähr wollen wir da sein." Die mutter 
gieng fort und kam nach der anberaumten frist mit Hansens braut 
zurück. Wie erschraken a])er beide, mutter und braut, als sie Hansen 
maustot und ganz verbrüht im kessel fanden. 

Hans war ein opfer seiner dummheit geworden. Unter der teil- 
nähme sämtlicher Ortsbewohner wurde er zu grabe getragen. Der orts- 
richter Hess ihm einen stein auf das grab setzen, worauf, wie der 
erzähler meldet, folgende inschrift zu lesen war; 

Hier liegt der dumme Hans begraben. 
In Dummheit gelebt, aus Dummheit gestorben 
in Dummheit den Himmel der Frommen erworben! 
Friede seiner Asche ! ^ 

Nachtrag. 
Der interessanteste zug jedoch, der sich an den Hans angelehnt 
hat, bleibt der drachenkami)f. Hans erinnert da lobhaft an Herkules, 
Jason, Siegfried u. a. drachenl)ezwinger und drachentöter. Nach einer 
in Niederösterreich weitverbreiteten sage soll Hans die Schwestern erlö- 
sen, die von einem sechsköpfigen drachen bewacht sind. Zu diesem 

1) In Schwaben kent man einen Federhans. In dieser beziehung teilt mir 
herr Karl Kurz aus Purkersdorf folgendes mit: ,,IIans, der eines morgens nach 
dem aufstehen — die Schwaben liegen bekantermassen alle nackt im bette — honig 
naschte, fiel ungeschickterweise in den honigkübel; über und über mit diesem kleb- 
rigen Stoffe bedeckt, wüste er sich nicht zu helfen und um sich zu trocknen, wälzte 
er sich auf dem hausboden in einem Vorrat von gänsefedern; das hatte aber den 
übelstand zur folge, dass ihn der wind zum bodcnfenster hinaustrug. Von einem 
bäume, wo er hangen blieb, fieng ihn sein vater wie einen vogel ein und von nun 
an hiess er zeitlebens der Federhans.*' 

2) Viele cälmliche züge sind mir aus Böhmen mitgeteilt worden. Der held 
dieser seltsamen streiche heisst da nicht Hans, sondern Jokel. 



100 BRA.NKY, HANS, VOLKSÜBEKLIEFERÜNGEN 

behüte begibt er sieh mit einem goldeiieu Schwerte au ort mid stelle. 
Eine jimgtVau heisst ihu noch bohiieiimilch trinken, um sich zum har- 
ten kämpfe zu stärken. Kaum hat er den milchkrng von den lippen 
gezogen, so stürzt der funkelnde sechsköpfige wurm auf ihn los. Ein 
furchtbarer kämpf begint. Von dem feuerschnaubenden tiere rolt ein 
köpf um den andern zu Hansens füssen. Schon liegen fünf drachen- 
köpfe auf dem boden , nur der sechste ist noch unbeschädigt und speit 
feuer und tlammen aus. Doch streich auf streich fällt und endlich ist 
auch der lezte köpf vom drachenrumpf getrent. Voll freuden und dank- 
erfült über die glückliche rettung stürzen sich die Schwestern in Han- 
sens arme. 

Ein anderes Hans-märchen, welclies Vernaleken im östr. Schul- 
boten nr. 5 Jahrg. 1874 mitgeteilt hat, sezt Hansens stärke in noch 
grelleres licht. Als kind schon steht er dieser Überlieferung zufolge 
weinend au der bahre seiner mutter. Verwaist und liilflos gieng er 
von haus zu haus, pochte an die türen und bat um brot und obdach; 
doch die türen wie die herzen der nachbarn blieben ihm verschlossen. 
Nun wandert er in die weite weite weit und findet endlich einen alten, 
der zu ihm sagt: „ich will deine bitte erfüllen; doch must du mir so 
lange' dienen , bis du mir jenen baumstamm über die hausschwelle zu 
wälzen vermagst." Der alte wies hiebei auf ein ungeheures stück holz, 
das im vorhause lag. Hans gieng die bedingung ein und erhielt was er 
verlangte. Er diente schon monatelang, hatte täglich versucht, den 
baumstamm von der stelle zu wälzen, doch umsonst, das ungeheuer 
widerstand dem schwachen arm des knaben. 

Eines tages aber erwachte Hans , fühlte sich besonders mutig und 
rüstig und schritt, wir er es immer tat, in das vorhaus, seine aufgäbe 
zu vollenden. Und sieh ! sein starker arm stiess endlich den verwünsch- 
ten baumstamm vor sich her über die schwelle des hauses. 

Als dies der alte sah, sprach er: „Hans, deine dienstzeit bei mir 
ist aus, du kannst nun in die weit hinausgehen und dir dein brot selbst 
verdienen. Als lohn für deine bemühuug aber gebe ich dir diese flöte, 
dies Schwert und diese drei Schlüssel von erz, silber und gold. Hans 
gieng hierauf seines weges, wo er endlich zu einem schlösse komt, das 
mit dreifachem wall umgeben ist. Da tötet er zuerst zwei furchtbare 
leoparden, dann erlegt er zwei mordlustige löwen und endlich schlägt 
er zwei dampf und gift speienden drachen die köpfe ab. Also abermals 
ein drachenkampf. Nicht uninteressant erscheint auch in der Hanssage 
der zug , wo Hans um sein äuge komt. Er reist nämlich , einer münd- 
lichen Überlieferung zufolge, mit seinen brüdern in die fremde. Auf 
dem wege begegnete ihnen ein armes altes weib, das vor hunger um 



KÖHLER, QUELLE VON BÜRGERS LENARDO 101 

brot bat. Hansens brüder liatten kein ohr für die klagen der alten, 
dass der bunger webe tut. Docli Hans in seiner barniliorzigkeit gibt 
sein brot dem weihe; nur zu bald aber stelt sich bei ihm das bedfirf- 
nis zu essen ein; weil er sein brot verschenkt hatte, so bat er jezt die 
brüder, dass sie ihm eines gäben. Diese sagten: wenn du dir ein äuge 
ausstechen lässt, wollen wir dir brot geben; da er sich des hungers 
kaum mehr erwehren konte, so willigte er unter tränen ein und verlor 
auf diese weise ein äuge. Auf dieselbe art komt er auch um sein zwei- 
tes, wird aber gar bald durch einen wunderbaren vom himmel gefal- 
lenen tau von seiner blindheit befreit. 

VriE^i 1874. BRANKY. 



DIE QUELLE VON BÜRGERS LENARDO UND 

BLANDINE. 

Bürgers „Lenardo und Blandine" behandelt bekantlich eine ganz 
ähnliche geschichte wie die von Boccaccio im Decamerone IV, 1 so 
meisterhaft erzählte novelle von Guiscardo und Ghismonda, und da 
Bürger selbst in der vorrede zur ersten ausgäbe seiner gedichte (Göt- 
tingen 1778), s. XIV, gesagt hatte, „die geschichte von Lenardo und 
Blandine komme in alten novellen, unter dem namen Guiscardo und 
Gismunda, ähnlich vor," so hat man bisher wol algemein mit A. W. 
Schlegel angenommen, dass Bürger den Decamerone vor äugen gehabt 
habe, als er Lenardo und Blandine dichtete.^ Aber ein erst von 
A. Strodtmann in seiner samlung der „Briefe von und an Bürger" ver- 
öffentlichter brief Bürgers belehrt uns eines andern. Bürger schreibt 
nämlich am 15. april 17 76 an seinen freund Boie, dem er die eben 
vollendete „ Königin der Romanzen •' ^ für dessen Deutsches Museum 
schickte, über dieselbe: 

„Übrigens wirst du mich vielleicht, wie jener Cardinal den Ariost, 
fragen : Wo habt Ihr denn das närrische Zeug alle her ? ^ — Antwort : 

1) Schlegel sagt in seinem aufsatz ,. Über Bürgers Werke" von dessen „ Lenardo 
und Blandine" (Charakteristiken und Kritiken U , 51 = Sämmtliche Werke Vni, 
105): „bestirnte Einzelheiten zeigen bei aller Abweichung unwidersprechlich , dass 
Bürger den Decamerone vor Augen gehabt." 

2) Wenige tage vorher — am 11. april — hatte er sie dem freunde schon 
angezeigt, und zwar als: ,. die Königin nicht nur aller meiner, sondern auch aller Bal- 
laden des heil. Eömischen Reichs teütscher Nation." 

3) Man vergleiche Bürgers brief an Boie vom 12. august 1773, wo er nach 
Vollendung der Lenore schreibt: ,,Ich muss mir selbst zurufen, was der Cardinal 



102 KÖHLEK 

Es ist dergestalt alles das Werk meiner Phantasie, dass scliwehrlich 
Jemand das veranlassende Histörchen, welches ich einmal in einem 
Büchlein, wie Melusine und Magelone, gelesen habe, wieder darin erken- 
nen wird?" 

Also in einem „Büchlein, wie Melusine und Magelone," d. h. in 
einem unserer seit Görres so genanten „Volksbücher," will Bürger das 
„Histörchen," das ihm den anlass zu „Lenardo und Blandine" gegeben 
hat, einmal gelesen haben, und in der tat gibt es ein Volksbuch, wel- 
ches die geschichte von Guiscardo und Gismunda enthält. 

Es ist dies das bekante Volksbuch, welches in dem ältesten druck, 
den ich kenne, betitelt ist: „Schöne bewegliche und Anmuthige Histo- 
rien, Von Marggraf Walthern , Darinnen dessen Leben und Wandel, 
auch was sich mit ilmi begeben und zugetragen, kürtzlich vor Augen 
gestellet. Dem günstigen Leser zugefallen mit schönen Figuren gezie- 
ret und verbessert. Gedruckt im Jahr Christi, 1680." (8*^).^ Li ihm 
sind der titelerzählung als anhang beigefügt: ,,Eiue schöne Historia von 
des Fürsten zu Salerno schönen Tochter Gissmunda" und noch fünf ganz 
kurze beispiele von gattenliebe. 

Diese „schöne Historia von des Fürsten zu Salerno schönen Toch- 
ter Gissmunda" ist Bürgers „veranlassendes Histörchen." 

Sie ist aber nichts anders als Boccaccios novelle in deutscher 
Übersetzung, die einem der späteren drucke der alten, Heinrich Stein- 
höwel zugeschriebenen, bis ins 1 7. Jahrhundert hinein immer wider neu 
gedruckten Decamerone - Übersetzung ^ entnommen , aber sprachlich über- 

von Este Ariosten zurief: Per dio, Signor Burgero, donde avete pigHato tante cujo- 
nerie?*' — Cujonerie ist bezeichnend für Bürgers kentnis des Italienischen. 

1) Einen etss'as frühern druck besass Gottsched, wie sich aus dem seltenen 
anctionskatalog seiner hibliothek ergibt, in welchem nach J. M. Wagners raittei- 
lung in Petzholdts Neuem Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft, 
1872, s. 208, vorkömt, „Historia von Marggr. Walther. 1676. 8«." Über spätere 
drucke s, meinen artikel ,,Griselda" in der Ersch nnd Gruberschen Encyklopädie, 
s. 415, denen ich jezt noch folgenden beifügen kann: ,, Schöne anmuthige Historien 
von Markgraf Walthern, darinnen dessen Leben und Wandel und was sich mit ihm 
zugetragen dem günstigen Leser kürzlich vor Augen gestcllet wird. Aufs neue mit 
schönen Figuren geziert und verbessert. Dresden, zu haben bey dem Buchbinder 
H. B. Brückmann , Breitegasse No. 63." (8''). Dieser druck gehört unserm Jahr- 
hundert an ; zwei andere mir vorliegende Volksbücher mit derselben Dresdener buch- 
binderfirma tragen die jahrzahlen 1828 und 1829. — In dem genanten artikel 
„Griselda'' habe ich auch nachgewiesen , dass die „Historia von Markgraf Walthern" 
nur eine anon3rme widerholung von Johann Fiedlers 1653 zu Dresden erschienenem 
,, Marggraf Walther" ist, 

2) Vgl. Das Decameron von H. Steinhöwel , hgg. von A. v. Keller , s. 682 fg., 
Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung II S 229 = TP, 352, und Gödeke, 
Grundriss I, 11-1. 



QUELLE VON BÜRGERS LENARDO 103 

arbeitet und hie und da verkürzt ist. Der Überarbeiter bat offenbar 
das bestreben gehabt , seine vorläge * lesbar und verständlich zu machen, 
und es ist ihm dies auch — abgesehen von einigen misgritleu und mis- 
verständnissen — im ganzen gelungen.* 

1) leb habe ausser Kellers abJruck der Originalausgabe der Übersetzung 
einen druck von 1540 — ,,Cento Nouella Johannis Boccatii. Hundert newer Histo- 
rien u. s. w./* Strassburg 1540, folio — und einen von 1583 — ,,Kurtzweilige vnd 
Lächerliche Geschieht Vnd Historien Die wol in ISchimpff vnd ICrnst mögen gelesen 
werden ... Hierzu seindt kommen die hundert neuwe Historien, sonst Cento 
Nouella genannt, u. s. w./' Frankfurt a. M. 1583, fulio — vergleichen können. 
Darnach muss, wenn nicht der leztgenante druck selbst, jedenfalls ein mit ihm in 
gewissen lesarten übereinstimmender dem Verfasser der ,, schönen Historia" vorge- 
legen haben. Dies zeigt unter anderen folgende vergleichung. Ghismondas worte: 
,,lu ogni cosa sempre et infino a questo estremo della vita mia ho verso me tro- 
vato tenerissimo del mio padre l'auiore , ma ora piü che giammai " sind in der 
alten Übersetzung nach Kellers abdruck also widergegeben; ,,Ich hab allwegen gen 
mir mein vatter milt vnnd diemütig fuuden Nun an meinem letsten end meines 
lebens mer dann ye." In dem drucke von 1540 lauten die worte: „Ich hab all- 
wegen gen mir meinen vater milt vnd demütig fundcn, Nu aber an meinem letsten 
end meins lebens mer dann je"; in dem von 1583: ..Icli hab allwegen gegen 
mir meinen Vatter milt vnd demütig fuuden, Nu aber an meinem letzten ende jn 
eins Löwens mehr dann je"; endlich in der ,, schönen Historia": ,,Ich habe alle- 
wege meinen Vater gegen mix milde demüthig und barmhertzig, nun aber an mei- 
nem letzten Ende als einen grimmigen Löwen erfunden." 

2) Der anfaug der ,,Historia'* lautet: ..Wir lesen in alten glaubwürdigen 
Geschichten, wie dessen zwar auch gedencket der Hochgelährte Jurist und Käyser- 
liche Legat, Doctor Saltzborn , dass bey Käyser Friedrich des ersten Zeit ein Fürst 
zu Salerno Hof gehalten, welcher eine überaus wunderschöne Tochter gehabt." 
Diese berufung auf ,,alte glaubwürdige geschichten" und auf den wol fingierten 
dr. Salzborn 'in späteren drucken: Salzhorn) und die wilkürliche Versetzung der 
geschichte in die zeit Friedrichs I. sollen der erzählung oflenbar nur den anschein 
geschichtlicher Wahrheit geben , ebenso dann die genauen angaben , dass Gismunda 
1 jähr und 5 monate verheiratet gewesen sei , während Boccaccio algemein ,, poeo 
tempo'" und die Übersetzung ,, wenig jähre" hat, und dass Tancred nach Gisraun- 
das tod nur noch 15 wocheu gelebt . während Boccaccio und die Übersetzung gar 
nicht von dessen tode sagen. — Der „Historia" sind am schluss folgend-: nutz- 
anwendungen beigefügt : 

1. Hierbey ist sonderlich zu sehen, was rechte Liebe kan, auch was es offt 

für einen Aussgang zu nehmen ]»tleget. und dass Eltern nicht allewege geschwinde 

fahren sollen hertzliche Liebe zu trennen , denn was olft für grosser Unrath darauss 

erfolget, sind alle Historien voU, wie Doctor Mauritius Brand, der dieser Historien 

auch gedencket, saget, dass Eltern sonderlich auff ihre [lies: ihrer] Kinder tieff ein- 

gewurtzelte Liebe gut achtuug haben sollen , und die Liebe umb geringer Ursachen 

wogen ja nicht zu trennen, sondern ihr ihren Fortgang gönnen, so saget auch 

der Poet: 

Gib deinem Kind das ihm gefall. 

Aus Honig wird dennoch wohl Gall. 



101 KÖHLEB, QUELLE VON BÜRGERS LENARDO 

Der nachweis der „schönen Historia von des Fürsten zu Salerno 
schönen Tochter Gismunda" als der unmittelbaren quelle von Bürgers 
„Lenardo und Blandine" scheint mir besonders deshalb von wert, weil 
wir dadurch einen neuen beleg für den eintluss unserer Volksbücher auf 
unsere neueren dichter erhalten, aber auch für die Würdigung der bai- 
lade ist er nicht ohne belang. Da nämlich die „schöne Historia" die 
novelle Boccaccios inhaltlich unverändert widergibt, so treffen zwar die 
vorwürfe, die A. W. Schlegel Bürgern wegen seiner abweichungen von 
dem Decamerone gemacht hat , auch bei vergleichung der bailade mit der 
„Historia" zu; aber diese vorwürfe wögen doch viel schwerer, wenn 
Bürger Ghismondas geschichte als werk Boccaccios im Decamerone ken- 
nen gelernt und den Decamerone beim dichten „vor äugen gehabt" 
hätte, als sie nun wiegen, wo wir wissen, dass er sie nur in dem 
anonymen „Histörchen" des volksbüchleins „einmal gelesen" hatte. 
Das wort „einmal" aber drückt doch offenbar aus, dass zwischen dem 
lesen des histörchens und dem dichten der ballade zeit vergangen war, 
und so sind vielleicht manche abweichungen Bürgers nicht bewuste 
änderungen, sondern rühren daher, dass er alle einzelheiten der erzäh- 
lung nicht mehr im köpfe hatte. Dieser annähme widerstreitet nicht, 
dass in den versen der vierten strophe: 

Der schönste der Diener trug hohes Gemüt, 
Obschon nicht entsprossen aus hohem Geblüt . . . 

mid noch mehr in denen der neunten: 

Der du trägst züchtiger, höher Gemüt 
Als Fürsten und Grafen aus hohem Geblüt ... 

eine wörtliche reminiscenz der stelle der „schönen Historia" vorliegt, 
wo Guiscardus „ein hübscher Jüngling, von niedriger Geburt, aber von 
hohem, edlen und züchtigen Gemüt" genant wird. 

WEBIAE. REINHOLD KÖHLER. 

2. Mercket dieses ihr harten Eltern, und endert euch, damit euch die Reue 
nicht auch zu spat möge kommen, wie sie also diesem Fürsten kommen ist.'' 

Beiläufig sei hier erwähnt, dass auch in dem ,,Schertz mit der Warheyt," 
Frankfurt 1550, Bl. XXXXU — XLV, die geschichte von Guiscardus und Gisraonda 
unter der Überschrift ,,Von thorechter lieh erbärmlichem aussgang, die Historien 
Guiscardi vnnd Gismondaj, der tochter Tancredi des Fürsten zu Salerno" erzählt ist 
und dass ihr gleichfals die Decamerone -Übersetzung, die aber zum teil sehr ver- 
kürzt ist, zu gründe Liegt. 



105 



NACIITRÄGLK IIE TU-MERKUNGEN. 

Zu 4 rill II. Der spie^el. 

Zu den daselbst von Kölilor gegebeneu naclnveiseu fuge man noch 
folgende zwei, nämlich f'reytag, Arabum Proverbia vol. II s. 59 nr. 3: 
„ Fido hanc vcstram aquam esse aquam amplexus." Ein Araber sieht 
beim wasserschöpfen im Spiegelbild des brunnens, wie seine frau sich 
mit einem andern manne erlustiert. Indem er nun in sein zeit zurück- 
eilt, erblickt ihn die frau und versteckt ihren geliebten, so dass ihr 
mann glaubt sich geirt zu haben. Um aber allen verdacht zu besei- 
tigen , l)ittet sie ihn , da er ermüdet sei , . sie jezt das wasser für die 
heimkehrenden kameele holen zu lassen. Sie komt jedoch bald zurück 
und verwundet mit einem stocke ihren mann am köpfe, wobei sie ihm 
vorwirft, er habe sich, wie sie im wasser gesehen, mit einer andern 
frau ergözt. Maritus autem, ,,si verum clicis, respondit, haec aqua 
vcstra aqua amplexus est}'' — Vom Süden gehe ich zum norden über, 
wo dieser schwank sich gleichfals findet, nämlich bei Arnason, Islenz- 
kar pjödsögur usw. 1, 532 wird in betreft' einer gewissen steckl>rieflich 
verfolgten verbrecherin , namens Margarete , erzählt , dass sie auf ihrer 
Hucht bei einer frau einkehrte und von dieser eine zeit lang vor deren 
manne verborgen gehalten wurde. Als nun lezterem eines tages, da 
er auf dem felde arbeitete, seine frau das gewöhnliche frühstück nicht 
brachte, gieng er nach hause um zu sehen, ob sie vielleicht noch im 
bette wäre, und allerdings fand er sie daselbst, aber zugleich auch 
einen mann bei ihr. Er kehrte jedoch ohne ein wort zu sagen zu sei- 
ner arbeit zurück, weil er die sache später ins reine bringen wolte, 
worauf die frau, die ihn ganz gut gesehen, höchst erschrocken auf- 
sprang und in ihrer not Margarete um einen rat anflehte. In folge 
desselben nun brachte sie ihrem manne mit dem frühstück auch zwei 
löffel auf das feld, und da er unwirsch zu ihr sagte, er habe keinen 
zweifachen mund, erwiderte sie, sie hätte den zweiten löflel für das 
frauenzimmer mitgebracht , welches sie - am morgen bei ihm auf dem 
felde gesehen. Als er antwortete, es wäre kein frauenzimmer bei ihm 
gewesen , entgegnete sie , das wäre allerdings nicht unmöglich , denn 
es geschehe oft dass eheleute sich täuschen und dinge sehen, die in 
Wahrheit nicht sind. Da glaubte der- mann, auch er möchte sich wol 
so getäuscht haben und sprach über die sache nicht weiter. — In der 
arabischen geschichte ist ebenso wie in Köhlers nachweisen von keinem 
Spiegel die rede, sondern von wasser; in der isländischen version ist 
der betrefi'ende zug ganz verschwunden. 



106 LIEBRECHT, NACHTRÄGE 

Zu G, 137, amii. (Widerkehr yerstorbener.) 

Ich habe dort auf eine isländische sage hingewiesen, nach wel- 
cher sich jemand gegen den augedrohten widergang seines gegners 
dadurch schüzt, dass er diesem, nachdem er ilin getötet, den abgeschla- 
genen köpf an den hintern sezt, wobei er hinzufügt, er dächte, dass 
er nun nicht widerkomnien würde. Dieses verfahren, um sich gegen 
das widerkomnien eines toten zu schützen, geht in sehr alte zeit zurück; 
denn bei Saxo gram. 1. VIII s. 139 fg. (Francof. 1576) wird berichtet, 
dass Guuno sich mit seinem freunde Jarmerich dadurch aus der gefan- 
genschaft bei dem Wendenkönig Ismar rettet, dass er die berauschten 
Wächter erschlägt, wobei es heisst: „Sub noctem vero vigiles epularum 
hiJaritate ac vino provcMt largiore, ahscissaque dormientmm capita, 
quo turpiore eos morfe consiimeret, inguini sociavit." Der zweck die- 
ses Verfahrens erhelt aus der isländischen sage, scheint aber Saxo selbst, 
der nur eine Verhöhnung der toten darin sieht, nicht mehr deutlich 
gewesen zu sein, wenn er ihn nicht etwa absichtlich bei seite lässt und 
einen andern unterschiebt. Übrigens glaubte man auch das widerkom- 
men der vampyre häufig dadurch verhindern zu können , dass man ihnen 
den köpf abschlug; das hinsetzen desselben an den hintern wird jedoch 
nicht dabei erwähnt; s. mehrfache beispiele in Mannhardts aufsatz über 
Vampyrismus in der Zeitschrift für deutsche Mythol. 4, 259 fgg. 

LCTTICII. FELIX LIEBKECHT. 



BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN. 
Zum Redeutiiier osterspiele. 

Die in dieser z. 4, 400 fgg. vorgebrachten „Bemerkungen" veranlassen 
mich, einige davon abweichende auffassungen mitzuteilen und nebenbei 
zu zeigen, dass Mones text zuweilen besser ist, als man gemeint hat. 

583. (hl schalt liir negest mer malen ivesen. Der passende sinn, 
den diese stelle enthalten kann, ist: du solst nach diesem nur 
gefangen sitzen, und dies scheint in den worten zu liegen. Malen 
ist abgeschliffenes ptc. praes. Dergleichen formen finden sich oft, z. b. 
Soest. F. 587: dat sint sey nu leder veHiggen; ib. 656: gott is dey 
gerechten nicht äffen; Möust. Beitr. 1, 163: hin ich juw semtliJce hid- 
den; — Soest. F. 639 : de rgJcen hense wercn sey nicht vertiggen; — 
Soest. F. 595: worden sey hreyue taten utgan; Lub. Chron. 2, 613: wur- 
den se lopen. Dass hier ptc, nicht infin. vorliegen, zeigen ähnliche 
structuren mit wolerhaltener form, z. b. Mark. Urk. v. 1530: dey sefi 



WOESTE, BEITBIGE ACS JDEM NIEDERDEUTSCHEN 107 

vnd derticli golden (jitldcn, de de sdfte hreyff hihaldcude iß; Magd. 
Bib. Marc. 8: luide he tvart süchtendc yn si/ncm ycistc; ib. Matth. 14: 
he ivolde er geuen, tvat sc eschende ivörde. Mal (südwestf. mal) 
bezeichnet in unserem kriegsspiele den ort , wo der gefangene feind ver- 
wahrt wird. Va' steht oder sizt ,,am male.^' Darnach ist es wahr- 
scheinlich, dass aus )näl ein schwaches verbuni hcrvorgieng, Avelches 
den bej^ritV als gefangener am male sitzen auf das kürzeste aus- 
drückte. Dios wird das malen unseres dichters sein. 

639. Zu quelen, quellen vgl. man des Teuth. qwelen, suycJden, 
languere und suyeMen, craneken. In Süd Westfalen ist das verbum im 
sinne von kränkeln und leiden noch ganz gebräuchlich. 

663. Myne kumpane , nii latet jiv all en. Latet ist = latet 
it; Jic bleibt; all en = ganz eins, ganz einerlei. P^llipse des infinit. 
tvesen oder shi bei lätoi im alten wie im heutigen nd.; v^l. Helj. (Koene) 
6284 : lat ina thi an thinon htigie lefhan = lass ihn dir in deinem 
sinne ein leidiger (sein); heutiges sprichw. ; lä e)i annern {sc. sin) tvat 
hc es, dann hUfes du oek, wat du häss. Obige stelle ])esagt also: nun 
lasst es euch ganz einerlei sein! 

872. Wy sivygen wol al stille, iven dat Pilatus denne iveten 
tville. Einfaches tve^i = ausser, nur muss äusserst selten sein. Ich 
habe für tven und men eigens gesammelt, aber kein solches tven 
gefunden, so dass ich glaube, ne wen ist vor seiner verlautuiig zu ne 
men fast nie als einfaches tven = nur aufgetreten. In der vorliegenden 
stelle sehe ich bis jezt das einzige beispiel, welches die lücke im paral- 
lelismus von iven und men ausfüllt. Dat wird für dat wat zu nehmen 
sein, wie ja der acc. des relativpronomens im mnd. oft ausgelassen 
wird. Darnach übersetze ich: Wir schweigen wol schon still, ausser 
dem was Pilatus denn könte wissen wollen = abgesehen von 
dem falle, dass Pilatus denn etwas könte wissen wollen. Wen, ausser, 
nur = ne tven entspricht alts. neuan, niwan für ni hivan. 

978. ladet dar nu anders vor, dat wy weddcr kamen in uses 
herren dar. "Wer die redensart „dat weffi op ne anner e har laen" 
erwägt, wird hulet nicht sinlos finden. Ladet dar vor anders (ladet 
anders dafür) heisst: richtet es anders ein! gebt der sache eine andere 
Wendung ! 

1128. Was püler bedeutet, sagt uns der Teutli.: puylre, ver- 
dorven meyster. 

1129. Sleper ist schläfer, führ faulenzer. Auch in Bruns Beitr. 
s. 346 fgg. finden sich solche bezeichnungen (z. b. stumper, horker, sli- 
ker) unter die gewerbuamen gemischt. 



108 WOESTE 

1368. mit der chjen Iconde iJc Mken. KfiJcen, JcdJcen für ku- 
cheu backen ist uacliweisbar; vgl. Touth. : coicJCj torta, h'hiim. 
coicl'Oi , forfarc. Es ist noch heute gebräuchli<ili. Ein maurer aus der 
gegeud von Libevhausen beschrieb die dortige bereitung der sogeuanteu 
eiseukuchen (fladen), indem er sagte: „vi houhen med haverenmel un 
u'ofteJcn (möhren)'' und versicherte, dass kouken für kuchen backen 
ganz üblich sei. Man vgl. ausserdem Lac. Arch. 6 , 348 : kochein 
kuchen (von mehl und honig) auf neujahrsabend backen, a*^ 1550; Seib. 
qu. 2, 371 : pannekoken = pfankuchen backen. 

1371. ik Jet dat hrot nicht gar tverden, also konde ik de lüde 
serden. Sorden des Moneschen textes ist natürlich in serden zu bes- 
sern. Das praet. dieses st. v. findet sich Lub. Chron. 2, 91: versorden 
de wyn ghardcn. Es entspricht also mhd. sirten, ags. serpan, hat aber 
die weitere bedeutung verderben, beschädigen. 

1409. ach, ivere ik minsche, also ik vore, tvat ik to dem sclio- 
icerke nicht enkore! Dem Optativ köre ist kein my beizufügen. Wört- 
lich : Was ich zu der schusterei nicht wählen würde! d. i. ich weiss 
nun, was ich als schuster nicht tun würde! 

1442. mit der heten natelen negede ik dat tvant, dat de nat jo 
drade uprant. Ein mnd. iipdrinden oder gar updrennen kenne ich 
nicht. Wol gibt es ein up)drinten (aufschwellen); vgl. Lub. Chron. 1, 
302: so heghunde en dat lif up to drintene. Das ist natürlich unser 
wort nicht. Warum aber ändern? Uprant kann praet. eines st. v. 
ujrrinden sein, dessen gegensatz surinden (vom verharschen einer wunde) 
Yilmar im hess. Idiotie, beibringt. Kinde sezt überdies ein starkes 
intrans. rinclan =r. umgeben, bedecken voraus, während das entspre- 
chende transitiv mit abgefallener partikel sich im engl, to rend erhal- 
ten hat. 

1451. dar schal he liggen so en html und an der ewigen hette 
hraghcn. Bis die bedeutung von hragen und hrager (Bruns Beitr. 3, 
346) belegt werden kann, genügt vielleicht folgendes. Hd. hrägel, hrägeln 
setzen ein hrageii yoyüus, dessen sinn, schmoren, braten, hier passt. 
B rager bedeutet dann schmorer, brat er, nicht etwa brauer, wofür 
schon brutver (1. c. 345) verwendet war. Dass aber hragen mit hriu- 
ican und nord. hriigga aus einem und demselben verlornen st. v. (Grimm 
yeYmViieihriggvan) stamt, ist sehr wahrscheinlich. Lässt sich ja brauen 
heute noch im sinne von hragen anwenden: was braut in diesem tiegel ? 

1482. wen ik woneher mat, ik wene, dat ik des ne vergat, de 
kavent moste mede anstighen. Kein 2i\\s> wan er verderbtes ^(;one; dafür 
ist die Sprache unsers dichters zu gut. Man erwartet eher ein attribut 
des bieres (im gegensatze zu kavent)^ als ein „ehedem"; daher dürfte 



BEITRAOE AUS DEM VIEPERPErTSCnEV 109 

eine änderung in wanchrr oder sconrbrr geraten sein. Zu wanchrr, 
schönbier, starkliier vgl. man westf. wihij gross, schön, kräftig; zu 
scuminr, schönbier vgl. man scönhrof , feinbrot. Untur havent, sonst 
gegensatz zu kräftigem biere (vgl. Lub. (Jhr. 2. i\V.)\ dich hchr^ efftc, 
kovcntJi) wird in unserer stelle der liefen artige bodensatz zu ver- 
stehen sein. 

1495. und gcvet dem l'rofjcrc hasmede. Der reine reim (rrde : 
nu'de) darf nicht mit dem unreinen (rrde : snicffe) vertauscht werden ; 
überdies empfiehlt sich nirdc (lohn, iron. strafe) als das algemeine, dem 
die besondere angäbe folgt. Man könte has aus häsfc (Soest F. 637) 
verderbt denken und übersetzen: gebt dem krüger rasch lohn! Wahr- 
scheinlich aber bedeutet //rf^^?>/r(Zf gewaltsamen , schrecklichen lohn. iMan 
vergleiche haissiverh bei Schüren Chron. 276. Es bezeichnet die erbit- 
terten und schrecklichen kämpfe der Soester fehde und muss aus haist- 
werk entstanden sein. Wie uns die ohne zweifei mit got. haißfs und 
ags. lucst zusammenhangenden liasf , helst , liest (in mnd. rechtsformeln) 
zeigen, hatte dieses wort einen milderen sinn angenommen, der dann 
in lidsfc (schnell) noch mehr gemildert wurde. Dass nämlich luistc 
(adv.), hast (subst.), hasten (vb.) früher langes a hatten, ergibt sich 
aus des Teuth. „halst, snel, hald'^] Selb. Qu. 1, 19: haesilik; ib. 2, 
329: hfflstgc, besonders aber aus der in diesem stücke sehr genauen 
märkischen mundart, welche hast d. i. hast (eile) spricht. Ungeachtet 
der fortschreitenden milderung im sinne dieser Wörter konte sich iu 
compositis sehr wol der alte begriff behaupten , der einer heftigen inne- 
ren erregung, die leicht in handhmgen der gewalt übergeht, also des 
zorns, der erbitterung, der grausamkeit. Und so dürfte obiges has in 
hasmede noch dem ags. hccst entsprechen. 

Mit. suinaiieia. 

Das vorstehende wort darf hier besprochen werden, weil es durch 
anlehnung ans deutsche gebildet ist. Im Chr. Sclav. s. 349 steht: 
„ohiit in suinancia." Für das in vergleiche man s. 360: he starff 
in der watersucht. Der hg. ist über suinancia unsicher, weil er es 
sonst nirgends gefunden hat, was er aber aus Detmar anführt: de hals 
em tho sw(ü bringt auf die richtige fährte. Nur bräune kann gemeint 
sein. Deutsche ^ scheinen in awäy/t] ein (ü-^ zu erkennen gemeint zu 
haben; sie zogen daher 5/*?^;^ herbei und bildeten das zwitterwort. Dies 
mochte um so leichter geschehen, teils weil der ausdruck vorzugsweise 
der bräune der schweine (westf. hrunnen) galt, teils weil es auch ein 

1) oder Slaven. 



110 K. ZACHER 

griech. oiayyog gab. Nach dem deutschen zwittergehilde gestalteten 
mit einschiebung des guttnrals zwischen 8 mid w, die Eomanen ihr 
squiuancUi (ital.) und csquinancic (fr.). 

Und. bemilon. 

Auf mnd. henulen ist aufmerksam zai machen, weil es im mnd. 
wb. nicht aufüfeführt ist und durch sein i vom hd. hcmcilen = hcmai- 
Jen abweicht. Die einzige stelle, in der ich es augenblicklich nachwei- 
sen kann, ist Staph. 2\ 216 : wo eine fule aßflcge eine reine starke müre 
wol etwes hemilet (befleckt), leth se dennoch stahn, nicht anders usw. 

ISERLOHN. F. WGESTE. 



LITTERATUR 

Altdeutsches Wörterbuch von Oskar Schade. Zweite umgearbeitete 
und vermehrte aufläge. Halle, Buchhandlung des Waisenhauses. Heft 1 
bis 3, 1873 — 76. 480 s. 8°. 

Dass das Altdeutsche Wörterbuch von Oskar Schade schon in seiner ersten 
aufläge ein sehr brauchbares und nützliches buch war, welches verschiedenen bedürf- 
uissen in sehr wünschenswerter weise abhalf, ist algemein anerkant. Hier allein 
Avurde, was zunächst das wichtigste für die praxis der deutschen Studien war, der 
althochdeutsche wortvorrat ziemlich vollständig und bequem dargeboten , und dadurch 
ein erspriessliches Studium des althochdeutschen zum teil erst ermöglicht, hier 
allein fand sich aber auch der wertschätz der anderen deutschen dialekte vereinigt, 
waren in reichem masse die entsprechenden formen des angelsächsischen und alt- 
nordischen herbeigezogen , und häufig auch verwante worte der anderen indogerma- 
nischen sprachen aufgeführt. Daher fand das buch grossen beifall, und ziemlich 
bald hat sich das bedürfnis nach einer neuen aufläge herausgestelt , von der uns 
nunmehr drei hefte vorliegen. In ihr hat das werk erhebliche Vermehrung (diejezt 
vorliegenden 480 selten entsprechen 316 selten der ersten aufläge) und Verbesserung 
erfahren, durch vervolständigung des Wortschatzes, Verbesserung der anordnung 
und namentlich sehr reichliehe berücksichtigung der etymologie. Die Vorzüge der 
ersten aufläge sind somit erheblich gesteigert, die mängel derselben zum teil 
getilgt oder verringert. Aber auch nur zum teil, und gerade der hauptmangel, 
der freilich in der ganzen anläge des buches liegt, ist im wesentlichen bestehen 
geblieben. Ich meine das princip der anordnung, das an sich s<^hon recht unprak- 
tisch, aber nicht einmal mit consequenz durchgeführt ist, und deshalb die benutzung 
des buche.s zu einer ziemlich beschwerlichen macht. Das ist ein Vorwurf, der zwar 
nur eine äusserlichkeit zu betreff"en scheint , aber grade für ein Wörterbuch von 
schwerwiegender bedeutung ist, da der natur der sache nach bei wenig büchern die 
zweckmässige einrichtung für den praktischen gebrauch ein so wesentliches erfor- 
demis ist als bei Wörterbüchern, namentlich bei handwörterbüchern so compendiöser 
art wie das vorliegende. Über das der anordnung zu gründe gelegte princip nun 
hat sich der herr Verfasser leider nicht ausgesprochen, und aus dem Wörterbuch 
selbst ist es wegen der vielfachen schon erwähnten inconsequenzen nicht immer 
leicht zu erkennen; im wesentlichen ist es jedoch das folgende. Das gerippe gibt 
das althochdeutsche ab, und diesem ordnen sich das gotische, altsächsische, mit- 



ÜBER SCHADE . ALTD. WÖRTERBUCH 111 

telhoclideutsche unter in der weise, dass die formen dieser dialekte unter der alt- 
hochdeutschen aut»,'eführt sind, wenn dieselbe belegt ist: fehlt dagegen die althoch- 
deutsche form , so ist das got. oder nihd. oder alts. wort an der stelle eingeordnet, 
die ihm nach seiner eignen form im aljihabet zukomt. Beispielsweise sind die got. 
Wörter atz, hagnifi, hismeitioi, balsan, faihu, kaum unter den ahd. er, boum, bis- 
viizan , balsamo, fihu , com behandelt, und unter der got. form nur auf die ahd. 
verwiesen, während z. b. (](tai(jinün . i)ani)unuin, f/aidr. (jastuldan, faurudnnri 
u. a. , weil im ahd. nicht vorkommend, unter ihrer got. form aufgeführt und behan- 
delt sind. Das althochd. und die übrigen dialekte werden dem got, das ahd. und 
mhd. dem altsächs. nur dann uutergeordnet, wenn die form des got. oder alts. 
Wortes der wirklich belegten oder auch nur erschlossenen gemcinalthochdeutschen 
gleich ist; vgl. gabindan, fahan, fdu, [/((st, Jiamo, hiwiski u. a. Das althochdeut- 
sche ist zur grundlage gewählt wahrscheinlich deshalb, weil der gotische s])rach- 
schatz zu gering an umfang ist, um auf ihn alles zurückzuführen, und somit das 
ahd. als nächstälteste sprachstufe sich darbot. Dagegen wäre an sich nichts einzu- 
wenden , wenn dies nicht gerade diejenige periode unserer spräche wäre, in der am 
allerwenigsten eine bestirnte lautlich fixierte sprachform von algemeinerer geltung 
sich ausgebildet hat. wenn damit nicht für ein lexikon, dessen haupterfordernis für 
den gebrauch die anordnung nach bekanten und bestimten formen ist, gerade der 
flüssigste aller deutschen dialekte zu gründe gelegt wäre. Dieser übelstand machte 
sich in der . ersten aufläge in noch viel höherem masse geltend als in der neuen , in 
der wenigstens der versuch gemacht worden ist, auch innerhalb des althochdeutschen 
ein festes princip durchzuführen , und einen bestimten lautstand zu gründe zu legen. 
Über diese Ordnung innerhalb des ahd. später; aber auch wenn dieselbe consequen- 
ter durchgeführt wäre, als sie es ist, so würde das princip der fundierung des wör- 
terbuclis auf das ahd. trotzdem ein fehler , und jedenfalls höchst unpraktisch blei- 
ben. Das allein richtige princip für die alphabetische Ordnung so verschiedenen 
Sprachperioden und raundarten angehöriger Wörter ist das von Wackernagel in sei- 
nem glossar zum lesebuche befolgte, die Unterordnung unter den mittelhochdeut- 
schen lautstand, der der mehrzahl der benutzer stets der geläufigste sein wird und 
auf den eine beliebige ahd. oder got. form zurückzuführen den meisten weit leich- 
ter fallen wird , als auf einen bestirnten willkürlich gewählten zum teil imaginären 
althochdeutschen. Dazu komt, dass die zahl der in litteraturdenkmalen erhalteneu 
mittelhochdeutschen Wörter weit grösser ist als die der in gleicher weise erhaltenen 
althochdeutschen (denn die zahlreichen nur in glossaren erhaltenen ahd. Wörter sind 
in einem etymologisch geordneten ausführlichen Wörterbuch , wie dem Grafischen 
Sprachschatz, unschätzbar, in einem kleinen liandwörterbuch wie dem vorliegenden, 
von untergeordneter praktischer bedeutung) und dass doch wol mehr mittelhoch- 
deutsche Wörter keinem althd. entsprechen als althochdeutsche keinem mittelhoch- 
deutschen , der benutzer sich also bei einer auf das mhd. gegründeten anordnung 
weniger häufig getäuscht sehen wird, als er es hier oft ist, wenn er ein mittel- 
hochdeutsches wort unter der vorauszusetzenden ahd. form aufschlägt, um zu erfah- 
ren, dass es ahd. nicht existiert, oder unter der mhd. form, um sich auf die ahd. 
verwiesen zu sehen. — Zu diesen übelständen , die dem princip an sich anh-iften, 
komt noch die inconsequenz in seiner durchführung. Denn häufig genug findet 
man die ahd., mhd., as. formen der gotischen untergeordnet, ohne dass jene oben 
erwähnte bedingung vorläge, z. b. ist unter dem ahd. azzen auf got. atjan verwie- 
sen, unter fatar auf fadar, unter felahan auf fdhau, unter gaza auf gatvo, unter 
geiz auf gaits, unter ghelstar. kelstar auf gilstr. 



112 K. ZACireR 

Für das althochdeutsche selbst hat der herr Verfasser den sog. genieinalthoch- 
deutschen lautstand, also im wesentlichen den ostfränkischen des Tatian zu gründe 
gelegt, so dass er auch von den Wörtern , die nur in anderer form erhalten sind, 
die für jenen hiutstand vorauszusetzende in eckigen klammern als Stichwort nnsezt, 
und unter diesem das wort behandelt, die formen anderer dialekte dagegen in der 
alphabetischen Ordnung nur aufführt, um auf die gemeinalthochdeutsclien zu ver- 
weisen. So ist also unter au auf ou, unter ai auf ei, unter d = got. d und k = 
got. g auf t und g. unter dh und ph auf d und p verwiesen. Dies ist der einzige 
punkt, wo das princip im ganzen consequent durchgeführt ist, wenn sich auch mit- 
unter einige inconsequenzen finden , wie wenn s. v. khelsfar nicht auf [geJstar], 
sondern iwif gil st r. unter glüfinstnt nicht auf [gafnistarjan], sondern auf /?)is^ro;/«n 
hingewiesen ist, wenn unter erdwaso auf aerdhivaso verwiesen ist, statt dass es 
umgekehrt hätte sein sollen. 

Um so grössere confusion zeigt sich dagegen in zwei anderen punkten , in der 
berücksichtigung des umlautes und in den präfixen. Bei dem umlaute ist es so gehal- 
ten, dass die unumgelautete form das Stichwort abgibt, aber nur wenn sie erhal- 
ten ist: wenn dagegen zufällig nur die umgelautete form erhalten ist, so wird diese 
als Stichwort angesezt. So ist also aki, eki, egt unter agis behandelt, egisön unter 
agisön. aber egislih und egön stehen unter e; elilenti unter cüilanti, clibenzo, eli- 
boro. clidiutig unter e. Da nun der benutzer des buches in den seltensten fällen 
wissen wird, ob ein mhd. oder ahd. umgelautetes wort zufällig auch noch in der 
unumgelauteten form erhalten ist, so wird er unzähligemale doppelt nachschlagen 
müssen. Diese confusion hat der herr Verfasser allerdings in der selbstanzeige des 
ersten heftes in den von ihm herausgegebenen Wissenschaftlichen monatsblättern 
I, 141 mit triftigen gründen entschuldigt, da er, nachdem seine vorarbeiten zu der 
neuen aufläge mit samt seiner ganzen bibliothek ein raub des feuers geworden, 
nicht die zeit gehabt habe , für den dringend verlangten druck des ersten heftes 
alle erwünschten änderungen zu machen. Hoffen wir also, dass eine dritte auf- 
läge, die sich jedenfalls bald als nötig erweisen wird, die für die zweite schon 
beabsichtigte „bessere gruppierung" dieser worte bringe, aber mit Zugrundelegung 
nicht der ursprünglichen, sondern der umgelauteten formen: denn schon im ahd., 
vom mhd. zu geschweigen, sind eine solche menge von Worten nur in der umgelau- 
teten form erhalten , dass eine reconstruction der vorauszusetzenden unumgelauteten 
form für alle doch bedenklich wäre. 

Durch denselben grund ist der herr Verfasser auch verhindert worden , in der 
gruppierung des praefixes ar- er- ir- ein festes princip durchzuführen. Aber auch 
in den anderen praefixen, ant- ent- int-, hi- be-, far- fir- für- fer- for- , ga- ge- 
gi- mangelt es sehr an consequenz. Im algemeinen ist das princip, von allen die- 
sen praefixen die älteste form zu gründe zu legen, unter den anderen formen auf 
diese zu verweisen, und wenn ein wort nur in einer späteren form vorkomt, doch 
die vorauszusetzende ältere in klammem als Stichwort autzustellen. Wie wenig con- 
sequent aber dieses princip durchgeführt ist , zeigt die vergleichung auch nur weni- 
ger Seiten der mit ga- ge- gi- beginnenden Wörter. Denn unter ka- und ke- ist 
zwar stets auf ga- verwiesen (mit unbedeutenden ausnahmen, wie wenn unter 
cahangan und cahengati nicht Auigahcngan, sondern 2l\i{ hangjan verwiesen ist), aber 
unter ge- allein sind eine ganze anzahl Wörter behandelt , und zwar fast nur solche, 
die nur in dieser form belegt sind, z. b.: geanderivisön , geantseidön, geatehaffon, 
gehlahmcdot, gebösare (während geböse unter gabösi behandelt wird), gebrochön, 
(was nicht einmal ausschliesslich mit ge- belegt ist, sondern als ka- und kiprochön 



ÜBER SCHADE, ALTD. WÖRTERBUCH 113 

aus verschiedenen glossensamlungen (R. Rd. Rf. Ib.) von Graft' III, 269 angeführt 
wird), (jebuedu, gehiuiiueda (so Xotk., aber fjibunuida führt Gr. III, 18 aus bib»d- 
glossi'n an; (jehür und {lehurida sind unter (ja- behandelt), ffebnl.stere, gedanchluift 
(während ^^'rfrt/i^, ijcdahtiiß, (jedunch, <;'(/«/<c/tüH unter //«- beliandelt sind), gedauch- 
werchon, gediene, gedigenheit, gedrivtdtöt usw. Da nun diese wijrter fast alle einer 
ziemlich jungen stufe angehören, und meist den Nutkerischen Schriften entnommen 
sind, so könte man hierin ein (allerdings nicht gerade sehr zu billigendes) prin- 
cip zu finden meinen , wonach diese Wörter als einer art Übergangsstufe angehörig 
ebenso behandelt würden, wie die mittelhochdeutschen Wörter mit ge- , die den 
althochdeutschen mit ga- untergeordnet werden, wenn solche existieren, sonst aber 
unter ge- aufgezählt werden; — aber eine ganze anzahl ahd. Wörter, die nur in 
der form ge- vorkommen, und gleichfals meistenteils nur bei Notker, sind ui ter 
erschlossenen stichworteu mit ga- aufgeführt, wie keachusteot , gcanteron, gebäge, 
gedähtig, gedähtigi, gedinga, kedrungini, kediinnerön usw. Gleiche inconsequenz 
herscht unter gi-. Nur unter gi- sind z. b. aufgeführt gidOten, giduacJiit, iogimä- 
lon, f/imeinä, ginicchen, girhnan usw., (wozu auch zu rechnen ist, wenn unter 
gdofiön, gimierit, ginenden, giougozorhtön, giprugilön u. a. nicht auf ga-, sondern 
auf Jdosen, miaren usw. verwiesen ist) und wie unter ge- die mhd. , so sind unter 
gi- die alts. Wörter aufgeführt : aber viele ahd. Wörter, die gleichfalls nur in der 
form gi- belegt sind, werden unter einem augesezten wort mit ga- behandelt, wie 
giafcdOn, giagaleizen, -ön, gialt, gialtinOii, giunabrechon, kiarindan, giäswihon 
usw. usw. Und wie bei diesem praefix, so, und noch schlimmer ist es bei den 
anderen. Es ist sehr zu beklagen, dass der herr Verfasser durch diese wilkürlich- 
keiten die brauchbarkeit seines buches so sehr geschmälert hat. Wenn diese präfixe 
überhaupt einmal in die alphabetische anordnung aufgenommen und nicht vielmehr, 
was wir für weit zweckmässiger halten, die mit diesen praefixen versehenen Wörter 
hinter den jedesmal entsprechenden einfachen, also giagcdeizen hinter agaleizen, 
gaberan hinter beran usw., eingereiht werden solten, so war doch entschieden die 
anordnung weit vorzuziehen , wie sie Wackernagel im glossar zu seinem lesebuche 
befolgt hat, dass sämtliche mit den verschiedenen formen von ga- zusammengesez- 
ten Worte unterschiedslos unter ge-, nicht nach dem vocal des praefixes, sondern 
nach dem auf dasselbe folgenden laute geordnet, aufgeführt würden, und dasselbe 
princip auch bei den anderen praefixen durchgeführt würde. Dann hätte auch die 
grosse masse von Verweisungen wegfallen können , durch welche jezt das Wörter- 
buch angeschwelt wird, wo oft ganze seiten fast ausschliesslich von Verweisungen 
gefült sind. Man vgl. z. b. s. 199. 200. 290. 312. 329. 330. 332. 333. 467 fgg. 
Überhaupt würde durch ein zweckmässig gewähltes und consequcnt durchgeführtes 
anordnungsprincip der gröste teil aller Verweisungen entbehrlich geworden sein, 
wenn auch ein Wörterbuch dieser art natürlich ganz ohne Verweisungen unmög- 
lich ist. 

Sehr dankenswert ist die umfangreiche, und je weiter gegen ende, desto 
consequenter durchgeführte berücksichtigung der etyniologie. Nicht nur sind unter 
den wichtigeren werten derjenigen deutschen dialekte, deren wertschätz das Wör- 
terbuch vollständig zu geben beabsichtigt, die entsprechenden formen der verwan- 
ten germanischen sprachen, des altn., angels., engl., altfries. und auch der neueren 
deutschen dialekte aufgeführt, sondern es sind auch diejenigen etymologisch wich- 
tigeren Worte des germanischen Sprachschatzes, die den deutschen dialekten fehlen, 
in ihrer altn. oder ags. usw. gestalt aufgeführt und behandelt. So finden wir z. b. 
unter dem buchstabeu h behandelt folgende Wörter: altn. hadl, hafr, halr, hefna, 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VIII. 8 



114 K. ZACHER 

Heimäälr, hein. Hei. heJa, Hei'inöär, hiarri, hiarsi, Hliäskidlf, hlif, Hlödyn, 
höttr, hrang. hrhn, hrütr, hümi, hrel , Hvergelmir; isld. lüöä; ags. liafela, hlih- 
tan, hneav , hnitan, hrepjan, hrindcui , hröf, hrütan , hvam hvom, hvelan, hveö- 
san, hvinayi, hydan, hOd, hyse; altfries. hlia, lia; burgund. hendinös; nie- 
derd. fülle. Herr Schade beschränkt sieh aber nicht auf die Zusammenstellung der 
verwanten germanischen Wörter, wodurch allein er sich schon hohen dank verdient 
haben würde, sondern er führt auch in reichem masse die entsprechenden Wörter 
der anderen indogermanischen sprachen, und die bisher von anderen gelehrten auf- 
gestelten etymologien, ja auch die aus den betr. deutschen entlehnten romanischen 
Wörter an. Dadurch wird das buch zu einer art von etymologischem Wörterbuch 
der germanischen sprachen, und befriedigt damit ein lange schon schmerzlich 
empfundenes bedürfnis. Betrefs der ausführung im einzelnen sind wir freilich mit 
dem Verfasser nicht unbedingt und nicht überall einverstanden. Dass er bei der 
vergleichung den slavolitauischen zweig der indogermanischen sprachen in erster linie 
und in grösserem umfange berücksichtigt als die anderen sprachen , das ist ja wegen 
der besonders nahen verwantschaft dieser sprachen mit den germanischen wissen- 
schaftlich hinlänglich gerechtfertigt: ob es auch praktisch zweckmässig ist, möch- 
ten wir bezweifeln , da die kentuis gerade der slavolitauischen sprachen der grossen 
raehrzahl auch der sonst sprachwissenschaftlich gebildeten benutzer des buches 
abgeht, und schwerlich zu erwarten ist, dass dieselbe in der zukunft sich erheblich 
ausbreiten werde. Für diese grosse mehrzahl würde eine vorzugsweise herbeizie- 
huug der entsprechenden lateinischen und griechischen Wörter, und kurze angäbe 
nur des hauptsächlichsten aus dem sanskr. , dem lit. und altslav. viel zweckmässi- 
ger gewesen sein, und es würden dadurch die meisten etymologischen artikel viel 
von ihrer überflüssigen länge eingebüsst haben, die in seltsamem contrast zu der 
sonstigen compendiösen kürze des buches steht. Aber auch aus inneren gründen 
ist die übermässige fülle der aus den verwanten sprachen, und nicht blos den litu- 
slavischen, angefühi-ten Wörter zu misbilligen. Denn da die aufgäbe der etymolo- 
gie in einem deutschen Wörterbuch nur die sein kann, form und bedeutung der 
in demselben enthaltenen deutschen Wörter in ihrer entwicklung zu erklären, so 
sind aus den verwanten indog. sprachen nur die Wörter zur vergleichung heranzu- 
ziehen, welche für diesen zweck nötig sind. Dafür genügt in der regel aus jeder 
spräche ein grundwort, und zwar in seiner ältesten gestalt, oder aus der ältesten 
Sprachperiode entnommen: wie also zur vergleichung mit griechischen oder lateini- 
schen Wörtern das entsprechende gotische wort, wenn es erhalten, hinreichen, und 
es nicht nötig sein würde , ausserdem auch noch die ahd. , mhd. , nhd. und niederd. 
form anzuführen , so genügt zur vergleichung mit dem deutschen für die slav. spra- 
chen das altslavische : abgeleitete Wörter, oder die formen der jüngeren dialekte, 
wenn die des ältesten erhalten, sind nur dann anzuführen, wenn aus ihnen sich 
für die entwicklung des deutschen wortes etwas besonderes ergibt. So reicht es 
für hu/tid volkommen aus zu wissen, dass der hund littauisch szü, aslav. suka 
heisst, dagegen hat es für das deutsche wort gar kein Interesse, die litt, ableitun- 
gen szunükas und szunytis zu kennen, oder zu wissen, dass das wort suka auch 
in den jüngeren slav. sprachen erhalten ist als russ. süka, czech. suka und sucka, 
poln. suka. So würde für fuoz genügen griech. novg , Iskt. pes, überflüssig sind 
Ti^öiXov, n^6ov, ntdlov, n^ia, pedulis; für helan genügen lat. callim, celai'e, occu- 
lere, während cilium, domicilium, cucidlus, caligo sehr entbehrlich sind. Ebenso 
überflüssig ist die anführung von lett. kaunutns, kaunigs, kauniha, kaunet, kau- 
netes, aus denen sich für die etymologie des grundwortes koMns oder des deutschen 



ÜBER SCHADE, ALTD. WÖRTERBUCH 115 

höni nichts neues ergibt. Und wozu unter hörn die erwähnung von lat. cornu- 
lum, gr. y.fQiios^ die doch einfach ableitungen von cornu und x^Qctg sind, ohne 
irgend eine bedeutungsmodification? Oder ist etwa x^nuög als parallele zum deut- 
schen hiniz angeführt? Die vergleichung der ableitungen von einem geraeinsamen 
stamwort im deutsehen und den verwanten sprachen ist allerdings ein gesichts- 
punkt, von dem aus manches in den Scliadeschen aufziihlungen gerechtfertigt erschei- 
nen mag: aber zur durclifiihrung einer solchen vergleichung hätte gehört, dass unter 
dem betr. deutschen Stammwort auch die von ihm abgeleiteten deutschen Wörter wären 
aufgezählt worden; dies hätte also entweder eine ganz andere, rein etymologische 
anorduung des buches, oder eine noch grössere anschwellung der etymologischen 
artikel erfordert. Der herr Verfasser sagt nun zwar in seiner cutgegnung auf eine 
recension des ersten heftes durch Wilhelm Braune, von dem ihm ähnliche vorwürfe 
gemacht worden waren (Wiss. Monatsbl. II, s. 104), den plan seines buches aufzu- 
stellen, sei seine sache, und in wieweit er jenen plan in der neuen aufläge geän- 
dert oder vielmehr nur genauer und noch praktischer auszuführen getrachtet , sei 
widerum seine sache. Er verzeihe mir, wenn ich dies nicht zugeben kann. Der 
plan und die anordnung seines buches wäre ganz ausschliesslich seine sache gewesen, 
wenn er es nur für sich geschrieben hätte. Da er es aber geschrieben hat, um der 
Wissenschaft dadurch zu dienen , dass es von anderen benuzt werde , so haben diese 
benutzer das recht darüber zu urteilen , ob der plan wissenschaftlich richtig und 
praktisch zweckmässig, und ob er in der richtigen weise ausgeführt sei, und ich 
glaube, in hinsieht auf jeden dieser drei punkte hat sich durch unsere besprechung 
gezeigt, dass der plan des herrn Verfassers noch sehr verbesserungsbedürftig ist, 
so wenig ich auch die Schwierigkeiten unterschätze , mit denen ein erstes unterneh- 
men der art zu kämpfen hatte , und so sehr ich die verdienstlichkeit desselben aner- 
kenne: und ich wünsche und hoffe, dass diese mängel in den künftigen autlagen, 
die das buch sicher erleben wird, immer mehr verschwinden. 

Ich schliesse noch einige einzelheiten an, die mir aufgefallen sind, und auf 
die ich den herrn Verfasser für eine neue aufläge aufmerksam machen möchte. 
Vermisst habe ich u. a. folgende Wörter: alenamo Notk. Marc. Cap. III, 263 Hatt. — 
aniliruoft aemulationes Weissenb. Kat. MSD LVI, 39. — ardilen delere Is. 37, 21. 
39, 12 (Wh.), — aricizan discedere Tat. — balaivic. Dies wort wird von Graif 
III, 93 allerdings nur mit anlaut p belegt, und ist deshalb von Schade wol auch 
bestirnt, unter p zu kommen, da aber balo unter b steht, so hätte balaivic doch 
ebendahin gehört. — brevan abbreviare Is. 23 , 21. — eitargebo veneficus Weis- 
senb. Kat. MSD LVI, 38. — felaho conditor, Murb. hymn. 1, 7, 4. — gadingi 
hoffnung. oft bei Notk. Graff V, 192. — gaUhsam similis fr. theot. YIII , Matth. 
13, 45. chiUhsam Is. 33, 6. — gahha = ja, etiam fr. th. VIII, Matth. 13, 51. — 
giperaht Graff III, 210. — indinta intrange gl. cass. F. — . intiwma exta gl. Virg. 
Georg, cf. Graff I, 298. — iolkho Otfr. ", 17, 47, und iogüicho Otfr. II. 9, 14 u. ö. — 
Ferner habe ich manche formelhafte Wortverbindungen vermisst, während andere 
aufgenommen sind. Die mit thiu zusammengesezten, wie in thiu, mit thiu usw. 
hätte man unter der erwartet: ich finde aber in thiu unter in, innan thes unter 
innan, so wird wol auch mit thiu unter mit kommen, innan thiu fehlt. Feiner 
fehlen: doh diuhicedera , in festi, mit festi , (während z. b. in alawär, zi alaicäre, 
in girihti aufgeführt sind), einero gihuueUh und allero gihauelih, von raittelhochd. 
ausdrücken u. a. also dar, also vil , d^st ein ende. 

Zu den einzelnen artikeln bemerke ich folgendes: artiveljan kann iu der bei 
Graff V, 551 einzig belegten bedeutung verzögern, versäumen doch nicht wol caus. von 

8* 



116 K. ZACHER 

articelan raarcescere sein, sondern es ist compositum von f?re?ya« morari, und dieses 
wol nicht von twelan abgeleitet', sondern mit fjü«?«, iu'aZo« zusammenzubringen. — 
bestän. mit „zustehn, angehen" ist nicht präcis genug die mhd. bodeutung bezeich- 
net: einem als verwanter oder untergebener angehören. — hiliugan. es fehlt die 
bedeutung .,verläumden" (MSD LXV, 7 und Scherer zu dies, st.), die nur für das mhd. 
heliugen angegeben ist. — hiruochan auch refl. Otfr. 1, 18, 2. — bismerön. es fehlt 
die bedeutung irritari, welche sich in der Monseer Übersetzung der homilie de voc. 
gentium zweimal (fr. th. 27, 14; 28, 5) und in den Juniusglossen C findet, und in 
allen drei stellen zur Übersetzung von Kor. I, 13, 5: charitas dei . . . , non irritatur, 
ni bismerot. Denn dass auch die glosse auf diese stelle zurückgeht, beweisen die 
in demselben glossar enthaltenen glossen: non perperam achust, non inflatur ni 
zi^lait sih, non enmlatur 7iist abidgic, non est ambitiosa nist Jciri, ambitiosus kiri, 
ambitiosa Jciri, verglichen mit fr. th. 27, 13. 14. Ausser diesen Worten einer in der 
betr. homilie citierten stelle des Koriutherbriefs ist aber in dem glossar kein ein- 
ziges wichtigeres wort der homilie enthalten,^ es ist also, ganz abgesehen von der 
verschiedenen dialektischen form, höchst unwahrscheinlich , dass jene glossen gerade 
aus dieser homilie gezogen seien.^ Wenn man also nicht gerade annehmen will, 
dass sowol dem Übersetzer der homilie als dem Verfasser des glossars eine und die- 
selbe Übersetzung des Korintherbriefs vorgelegen habe, so ist es fast unmöglich, 
die Übersetzung von irritatur mit bismerot in diesen drei stellen für eine einfache 
textverderbnis zu halten. Allerdings wird sonst bismerön nur in der bedeutung 
irritare, insultare, irridere gebraucht (Graff VI, 834), und so auch ags. bismericm 
deridere, cavillare, illudere, irritare (Grein Gloss. I, 119; welches wort übrigens 
Schade bei dem ahd. nicht angeführt hat), aber vielleicht lassen sich diese bedeu- 
tungen doch vereinigen. Man leitet bismer, opprobrium, ludicrum, insultatio, und 
bismerön gewöhnlich von smero adeps ab, und erklärt als die grundbedeutung von 
bismerön: beschmieren, beschmutzen: ich möchte es vielmehr von der wurzel smar 
meminisse ableiten: aus der erinnerung an zugefügtes unrecht geht ärger, wut her- 
vor, und diese führt sofort zum schimpfen und schmähen. Die ursprüngliche bedeu- 
tung von bismerön würde also sein: sich ärgern, wütend sein, d. i. irritari; die 
abgeleitete: schimpfen, schmähen, irritare. Vielleicht hängt damit auch lat. tnoro- 
sus zusammen. Dass ursprünglich anlautendes s, welches in den verwanten spra- 
chen abgefallen, im deutschen oft erhalten ist, zeigt u. a. smielen, smieren = 
utiSiüv. Curt. Et.* 330, smilzan = f:itXöojj.cii ib. 243, snaivs = nix, vi(fct ib. 318, 
smior, nvQov, nervus ib. 316 u. a. m. Wol zu unserem verschlag würde passen, 
dass Fick, Vgl. Wb. I^, 836 auch smerz (gr. a/u£Q^v6g, afxhQÖaUog) auf würz, smar 
zurückführt. — blidjan ist nicht nur reflexiv: cf. Tat. 22, 17: exultate, bli- 
det. — farstantan. Mhd. sich eines dinges versten, merken. — fridön auch: 
schonen. MSD LXI, 9, und dazu Scherer. — fuorjan auch in der bedeutung her- 
vorbringen, z. b. Otfr. II, 1, 4. 11, vgl. Erdm. progr. von Graudenz 1873. — 
gadehti. Das wort komt nur an den beiden von Seh. angeführten stellen vor, und 

1) Denn dass angit angnstit^ anxie angustlih, solidatus Jcifestinot nicht auf fr. th. 
27, 23. 28, 9 zurückgehen, zeigt die flexionsforra; und mehre lat. werte sind in dem 
glossar sogar anders übersezt als in den Mens. frgm. : adversantes uuidaruuertun (fr, th. 
28,13 aduuersantium uuidurzuomono) , xe^\x(i\d^rQ fertribcn , Tcpellit ferquidit (fr. th. 29, 15 
reppulistis umdarimrphut). 

2) Was Graff Sprachsch. I, 1147, jedenfals nur auf die oben angeführten werte 
aus dem Korintherbriefe gestüzt, behauptet. 



ÜBKR SCHADE, ALTD. WÖRTERBUCH 117 

die eine stelle (hyinn. 22, 6, 1 Icideht uuihcrn 'kclauha deuota sanctorum fides) zeigt, 
dass es keinen ja- stamm hat, also gadeht anzusetzen war. — (jaheizan: spon- 
sorem existere, synon. purgeo sin. Exh. MSD. LIV, 14. — (jaleitan. Es sind 
folgende bedeutungen nicht angeführt: 1) mitbringen, z. b. Tat. 129, 8 hihm ni 
gileittut inan , quare non adduxistis cum. 2) führen, eine sache, einen streit, z. b. 
dinc ni gileitös Hildebr. 31. 3) mieten, z. b. Tut 109, 1. — gart sein wird nicht 
blos unpersönlich mit dem dat. gebraucht, sondern auch persönlich: Is. 27, 20 
dhazs ir .... chirista chimartirOt uuerdhan. — gaicerdan ,,zu iverd dignus." 
Jedenfalls aber nicht von werd abgeleitet, denn es ist starkes vcrbum, vgl. auch 
giwiirt. Ich inöchte es vielmehr als einfache Zusammensetzung von iverdan auf- 
fassen , vgl. gefidJen und lat. convenit. — gaivinnan. Es fehlt die bedeu- 
tung: überwinden, den sieg gewinnen. — goiima ist auch swf., in der form 
goumün neman Is. 13, 20. 33, 5, von Graff IV, 203 auch aus glossen belegt. — 
,,haldo ahd. adv. mit geneigtheit. zu hcdd.'^ Das wort ist doch wol identisch mit 
dem Notkerischen halto, das bei Schade ganz fehlt. Mit der media scheint es sich 
nur einmal, in dem Augsburger gebet MSD. XIV, zu finden, und Müllenh. zu die- 
ser stelle hat auf das bedenkliche der ableitung von hald proclivis pronus und 
der daraus von Wackernagel gefolgerten bedeutung ,,mit geneigtheit** aufmerk- 
sam gemacht. Da halto nun aber bei Notker öfter vorkomt zur widergabe von pro- 
tinus, cito, non longo (Graff II, 911), so wird das wort wol auch in dem Augsb. 
gebet diese bedeutung haben. — Unter halja war als ahd. form neben lieUa und 
dem bei Graff nur einmal belegten heillci doch das öfter vorkommende hellia zu 
erwähnen. — iha ,,ahd. stf. 1 das wenn, die bedingung, nur bei Notk. : 7nit ibo 
mit wenn, mit bedingung, bedingungsweise, äne iha ohne wenn, ohne bedingung, 
bedingungslos." Aber auch im Weissenburger katechismus findet sich äno ihn 
MSD. LVI , 53. GrafF erklärt hier das ihu als substantivierte praeposition : sans 
nul si, und so auch Scherer s, 515. Da aber ihu sonst nie substantivisch gebraucht 
wird, wol aber erstarrter casus eines Substantivs iha zu sein scheint (s. Schade s. v. 
ihai) : da das Substantiv iha durch sein vorkommen bei Notker gesichert ist (vgl. 
auch altn. if ef, ifi efi): da endlich äno mit dem dativ bei Kero belegt ist (Graff 
I, 285: auch noch nhd. ohnedem)^ so ist wol auch in diesem äno ihu das fem. iha 
zu erkennen. — inne wenden. Das wort findet sich auch ahd.: inneneuuendjün, 
Trierer capitiüare MSD. LXVI, 5. — Jone, jon ,,mhd. verneinende bekräftigung, 
in der tat nicht, wahrlich nicht Aus joh ne."' Aber unter joh findet sich dieje- 
nige bedeutung dieser partikel, aus der jenes bekräftigende jone hervorgegangen, 
nämlich =jä, gar nicht angegeben. Oder vielmehr, es fehlt der artikel: joh = ja, 
denn dass dieses affirmierende joh mit dem copulativen nichts gemein hat, ist klar: 
während dieses auf got. jah^ ahd. joh zurückgeht, kann jenes nur aus dem affirma- 
tiven ja hervorgegangen sein ,, vielleicht durch anliängung von auh , obwol ahd. 
jauh nur als copulativpartikel belegt ist (Graff I, 121 fg.). Ja man kann zweifel- 
haft sein, ob das mhd. jone immer aus joh ne, und nicht auoh durch lautverdum- 
pfung aus jayie entstanden sei. 

Druck und ausstattung sind gut, druckfehler selten. Ich bemerke: s. 236'' 
lies giafalön (st. giafaion). 237" unter [gaantläzön] lies gianiJäzön (st. giantlä- 
zöu). s. 429 z. 1 lies onrihuov st. ar^haor. 

HALLE. K. ZACHER. 



118 APELT 

August Lelimaun, Forschungen über Lessings Sprache. Braunschweig, 
G. Westermann. 1875. X , 276 S, 8. n. m. 6,00. 

Für die aufgäbe, die spräche Lessings zu behandeln, kann mau sich, wie 
bei jeder ähnlichen aufgäbe, die grenzen weit, man kann sie sich aber auch eng 
stecken. Entscheidet man sich für das erstere, so würde man ausser der bespre- 
chung der grammatischen und lexicalischen erscheinungeu ein bild zu geben haben 
von dem ganzen geistigen gepräge seiner spräche, von all den besonderheiten , die 
seinem stil jenen unwiderstehlichen zauber verleihen, der selbst den imbedeutenden 
stotf zur fesselndsten lectürc macht; damit würde sich die aufgäbe nahezu steigern 
zu einer Charakteristik des mannes selbst; denn wenn bei irgend jemand, so ist bei 
Lessing seine spräche der treueste ab- und ausdruck seines ganzen wesens. Es 
würde dies also ein eben so grossartiges wie schwieriges unternehmen sein. Ent- 
scheidet man sich für das das leztere, steckt man sich die grenzen eng, so würde 
sich die Untersuchung auf das grammatische und leiicalische beschränken. Der Ver- 
fasser des hier zu besprechenden werks hat einen mittelweg eingeschlagen; den bei 
weitem grösseren räum des buchs nimt die behandlung grammatischer und lexica- 
lischer erscheinungeu in ansprach; eine umfassende, ins detail eingehende Charak- 
teristik des geistes der spräche Lessings in dem bezeichneten sinne gibt er nicht, 
er greift vielmehr blos eine, allerdings höchst bedeutsame eigentümlichkeit seiner 
spräche heraus, die Lessing selbst scherzend als die erbsünde seines stils bezeich- 
net, nämlich die einwirkung auf die phantasie der leser durch ,, allerhand unerwartete 
bilder und anspielungen.*' Der reichtum seiner spräche in dieser beziehung ist in 
der tat erstaunlich und ein um so glänzenderes zeugnis für die spankraft und fri- 
sche seines geistes, je weniger seine bilder gemein haben mit jener populären bil- 
derhascherei , die den sogenanten „blühenden stil" kenzeichnet. Der adel seines gei- 
stes ist jedem bild, jeder, auch der kleinsten anspielung aufgedrückt und hebt sie 
weit über alles triviale und gewöhnliche hinaus. So wesentlich nun auch dieser 
punkt für die spräche Lessings ist, so ist er doch derjenige, der so zu sagen am 
meisten auf der Oberfläche liegt und der Untersuchung keine erheblichen Schwierig- 
keiten entgegenstelt. "Was der Verfasser unter der Überschrift „Bilderpoesie in 
Lessings Prosa" in der ersten der fünf abteilungen seines buches gibt, ist ausser 
einer Zusammenstellung von Lessings eigenen urteilen, sowie denen bedeutender 
Schriftsteller seiner und der späteren zeit über das Avesen seines stils, woran sich 
eine theoretische erörterung über die begriffe vergleich, bild, tropus, meta- 
pher usw. anschliesst, ein: nach Inhalt und charakter einiger hauptschriften ein- 
geteilte Übersicht über die gebrauchten bilder, die wider innerhalb jeder einzelnen 
Schrift geordnet ist nach den zwei rubriken „kleine" und ,, grössere bilder." Auf- 
gefallen ist mir dabei s. 45 die zu dem ausdruck auf die kapeile bringen in 
klammem beigesezte erklärung verehren; dieser ausdruck bedeutet vielmehr 
genau prüfen, eigentlich in den s chmelztiegel bringen, wie auch ohne 
Grimms Wörterbuch schon der Zusammenhang zeigt; Lessing braucht den ausdruck 
nicht blos an der angeführten stelle in den Briefen antiquarischen Inhalts, sondern 
auch anderwärts, z, b. 10, 131 in den Schriften wider Göze. Den beschluss dieser 
abteilung macht ein capitel über ,, Wesen und stoff der bilder," eine Classification 
derjenigen gegenstände , von denen die bilder hergenommen sind , verbunden mit 
einer erörterung darüber, in wie weit diese bilder den anforderungen der Verdeut- 
lichung und Verschönerung entsprechen, femer über gewisse formen ihrer aus- 
prägung. 



ÜBEE LEHMANN, LESSINGS SPRACHE 119 

Ist es in diesem abschnitt bei der zu gründe gelegten einteilung nach den 
einzelnen Schriften nicht gerade störend, wenn auch sonderbar genug, dass die 
citate nicht nach der Lachmannschen , sondern nach der Berliner duodezausgabe 
von Lessings sämtlichen schriftcn 1825 — 1828 gegeben sind, so ersdiwert dies ver- 
fahren in den übrigen abschnitten, wo die stellen bunt durcheinander aus allen 
Schriften blos nach band und acitenzalil citiert werden, demjenigen, der diese aus- 
gäbe nicht besizt, die nachprüfuug ungemein und ist um so auffallender, als der 
Verfasser in einer reihe von fällen, wo seine ausgäbe nicht ausreicht, doch genö- 
tigt ist, zur Lachmannschen zu greifen. Schon die einfache rücksicht auf gleich- 
mässigkeit hätte den Verfasser bestimmen sollen , nur nach der Lachmannschen oder 
Lachmann -Maltzahnschen ausgäbe zu eitleren, abgesehen davon, dass für alle Unter- 
suchungen über Lessings spräche, die auf wissenschaftlichkeit anspruch machen, 
diese die grundlage bilden muss. Meine citate im folgenden beziclien sich sämt- 
lich auf die Lachmann -Maltzahnsche ausgi.be. Die nun folgenden vier abschnitte 
über grammatische und lexicalische erscheinungen geben durchaus keine erschöpfende 
darstellung der sj räche Lessings nach dieser seite hin; sie heben einzelne, beson- 
ders auftauende erscheinungen heraus. In bezug auf dieselben würde es von beson- 
derem Interesse sein, nicht blos dasjenige erörtert zu sehen, was Lessings spräche 
von der jetzigen Schriftsprache unterscheidet, sondern auch winke darüber zu fin- 
den, in wie weit Lessing in diesen punkten sich von den Schriftstellern seiner zeit 
untert;cheidet; dieser leztere, allerdin^ry ungleich schwerer durchzuführende gesichts- 
punkt ist zwar nicht ganz ausser acht gelassen, doch tritt er, namentlich in den 
zwei lezten abschnitten , viel zu sehr zurück. 

Zunächst folgt als zweite abteilung unter der Überschrift „Hülfsverba" eine 
besprcchung der art, wie Lessing die hülfsverba behandelt. Mit recht findet der 
Verfasser einen grossen Vorzug der spräche Lessings in der möglichst sparsamen 
Verwendung dieser parasiten, die b.i uns so sehr überwuchern und der rede nicht 
wenig von ihrer frische und lebendigkeit rauben. Die bedingungen, unter denen 
Lessing sich die auslassung von formen der verba haben und sein gestattet, wer- 
den im einzelnen festgestelt; es wird darauf hingewiesen, dass seine abneigung 
gegen Überladung der spräche durch dergleichen hülfsverba ihn sogar zu härten und 
undeutlichkeiten im ausdnick verführt und dass namentlich nicht zu billigen ist die 
bei ihm fast zur manie gewordene auslassung des hülfsverbs haben bei den ver- 
bis können, mögen, dürfen, müssen, sollen, wollen, lassen, auch bei 
sehen, hören, heissen, helfen, lehren, lernen, machen und fühlen in 
den fällen, wo durch eine art attraction der Infinitiv dieser verba statt de-; zu 
erwartenden particips eingetreten ist, z. b. 9, 9: „es wäre ohnstreitig mehr lässig- 
keit, als enthaltung gewesen, wenn ich es nicht mit eines von meinen -rsien sein 
lassen, midi auch hierüber durch meine eigene äugen des gewissem zu belehren.'* 
Entgegenzutreten ist übrigens der s. 121 ausgesprochenen behauptung, dass Lessing 
„ monstrcconstructionen mit drei neben einander stehenden abgestuften Infinitiven 
(z. b, dass du ihn hättest singen hören sollen) nicht kenne"; er braucht sie 
zwar nicht häufig, aber meidet sie doch auch nicht ganz, z. b. 3, 206 „ein para- 
doxen, welches sich nur zu unseren zeiten hat können denken lassen." 10,195 
„die er zu machen auch wol hätte müssen bleiben lassen," vgl. auch con- 
structionen wie 6, 428 ,,dass die personen des gemäldes wenigstens sie nicht not- 
wendig sehen zu müssen scheinen können." ll^, 194 „damit ich auf alle 
weise mit ihm zu tun haben verreden muss." 



120 APELT 

In dem folgenden, dem dritten abschnitt, führt uns der Verfasser auf ein 
gebiet, auf dem er, wie seine früheren arbeiten zeigen, recht eigentlich zu hause 
ist; er behandelt nämlich unter der Überschrift ,,eine attraction (trajection) bei 
relativsätzen" ein capitel aus dem periodenbau, eine besondere form der relativ- 
sätze. Um in der kürze deutlich zu machen, was der Verfasser will, gehe ich von 
dem von ihm selbst gebrauchten beispiel aus. Wollen wir in dem satz: ,,Er besizt 
das buch, aus welchem er, wie du meinst, viel lernen kann," den eingeschalteten 
nebensatz zweiten grades ,,wie du meinst'* zu einem nebensatz ersten grades 
machen, so können wir das in der form: „Er besizt das buch, von welchem du 
meinst, dass er daraus viel lernen kann.*' Auf diese weise findet eine Übertragung 
(trajection) der relativität von dem einen nebensatz auf den andern sta't, die das 
umständliche im gefolge hat, dass der untergeordnete satz dann doch noch eine 
demonstrativ - beziehung (sie, es, davon, daraus) auf die vorausgegangene rela- 
tivität für sich beansprucht. Lessing ersezt diese construction nun häufig durch 
eine andere, die er dadurch gewint, dass er die relativität im übergeordneten neben- 
satz nicht in eigentlichen einklang mit der construction dieses satzes bringt, son- 
dern sie, über diese hinweg, in beziehung mit dem folgenden untergeordneten 
nebensatz sezt, so dass die ur.spriin^liche beziehung der relativität widerhergestelt 
wird; also: „Er besizt das buch, aus welchem du meinst, dass er viel lernen 
kann." Überall da wenigstens, wo das relativ mit präpositioneu verbunden ist, 
bietet diese structur den Vorzug, dass die beziehung auf das relativum im unter- 
geordneten nebensatz nicht wider durch ein demonstrativ aufgenommen zu werden 
braucht, z. b. 4, 464 ,,von der gefahr, in welcher nian üim gemeldet, dass sich 
sein und seines freundes söhn befänden." 7, 342 „welches mein mitleid in dem 
grade erregte, in welchem ich gewiss weiss, dass die tragödie es erregen kann." 
In den fällen allerdings, wo keine präposition vorhanden ist, ist eine widerauf- 
nahme durch ein demonstrativ doch nötig, z. b. 7, 328 „in welchem das geschehe, 
w a s Aristoteles will, ^lass es in allen tragödien geschehen soll." 9, 388 ,,was diese 
herren meinten, dass es bisher so wol unterblieben sei." 11 2, 3 ,,welches ich 
nicht finde, '»ass es B. angemerkt habe." Doch steh.-n Lessing noch andere bil- 
dangen zu geböte, durch die er die wideraufnahme vermeidet. Wir können hier 
darauf nicht näher eingehen. Der Verfasser nent diese structur nicht mit unrecht 
eine attraction , da das relativum im nebensatz des ersten grades von der construc- 
tion des ihm untergeordneten nebensatzes zweiten grades attrahiert worden ist. Er 
bespricht eingehend die mehrfachen vaaationen dieser structur nebst der Stellung 
der einzelnen Satzglieder, ferner das numerische Verhältnis dieser structuren in den 
Schriften verschiedener stilgattung und schliesst daran einen nachweis über den häu- 
figen gebrauch dieser fügung bei Luther, sowie einzelne beispiele aus schriltstel- 
lern des 17. und 18. Jahrhunderts. Weiter zeigt der Verfasser, dass diese relativ- 
trajection in geniuestem zusammenhange stehe mit ähnlicLen erscheinungen der 
trajection in den Verbindungen von einfachen lianpt- und nebensätzen und dass 
namentlich aus sätien mit dass redeteile ganz ähnlich wie so häufig im Griechi- 
schen von Lessing herausgenommen und in den hauptsatz gesezt werden, z. b. „und 
an dieser reciinung wissen sie es gewiss, dass ich unschuldig bin." Ich finde 
kein beispiel dafür angegeben , dass durch solche transposition ein teil des neben- 
satzes zum subject des hauptsatzes würde, sondern nur belege für bereicherung 
des hauptsatzes aus dem nebensatze durch objcct oder durch adverbiale bcstiinmun- 
gen; der ersteire fall, im Griechischen nicht ungewöhnlich, namentlich bei passiven 



ÜBER LEHMANN, LESSINGS SPRACHE 121 

constructionen , ist bei Lessing allerdings selten ; doch kann ich wenigstens ein 
beispiel dafür anführen, dass ein eigentlich da-^ suhjoct des nebensatzes bildender 
relativsatz zum subject des hanptsatzes wird: 11-, 123 ,.Was ich postuliere, 
wird sich in der folge zeigen, dass es wirklich so gewesen.'* 

Der folgen le, vierte abschnitt behandelt die bei Lessing so häufige fügung 
des acc. mit dem in f. Der Verfasser schreibt dieser struclur, die bei Lessing stets 
mit dem zum Infinitiv hinzugesezton zu erscheint, ein sehr ehrwürdiges alter zu , das 
ihr nach meinem dafürhalten durchaus nicht zukomt. Wer das auftreten dieser 
construction im verlauf der entwickluug unserer si>rache von den frühesten denk- 
mälorn bis herab zum Mhd. aufmerksam verfolgt, wird sich schwerlich überzeugen 
können, dass Lessing, weim er dieselbe verwendet, nur von einem der deutschen 
spräche ureigenen gute gebrauch gemacht und es durch seine auffallend häufige 
Verwertung gleichsam wider zu ehren gebracht habe. Erwägt man vielmehr mit 
berücksichtigung der ganzen früheren Sprachentwicklung in bezug auf diese con- 
struction den mächtigen einfluss, den seit beginn der neuzeit das lateinische auf 
die deutsche Schriftsprache ausgeübt hit, erwägt man ferner, dass überall der infi- 
nitiv in Verbindung mit der partikel zu ersheint. wodurch die unmittelbarkeit der 
construction doch beeinträchtigt wird, so wird man kaum zweifeln können, dass der 
an Latinismen so überaus reiche kanzleistil der ersten Jahrhunderte der neuzeit die 
eigentliche quelle dieser fügung sei. Dafür sprechen auch die beobachtungen, die 
der Verfasser auf s. 170 fg. unter D und E mitteilt, namentlich die erstere; denn 
wenn in den dramen , dv^ doch auf den wirklichen" vertrag berechnet waren , sich 
die construction so gut wie gar nicht findet, so scheint mir das ein zeichen zu 
sein, dass dem dichter für die lebendige rede die fügung unpassend erschien. Übri- 
gens ist die bemerkung des Verfassers nicht zutreff'end , dass die construction seit 
unserem Jahrhundert gänzlich verschwunden sei; sie läuft zuweilen auch noch 
einem modernen schriftsteiler in die feder, so fremdartig sie auch unserem Sprach- 
gefühl erscheint; z. b. sagt Danzel Leasing I s. 449 „so hat er auch keineswegs 
recht, wenn er hier einen englischen einfluss an der stelle des französischen zu 
erblicken und den lezteren in der geschichte der deutschen dramatischen litte- 
ratur gar nicht eingetreten zu sein wünscht." Auch Schleierraacher bedient 
sich in seiner Übersetzung des Plato, allerdings, so viel ich sehe, nur an stellen, 
wo das Griechische die construction hat, dieser fügung z. b. rej»!. III cap. 20. IX 
cap. 9. Und was das vorige Jahrhundert betrift, so findet sich die construction 
abgesehen von Lessing, doch wol häufiger, als der Verfasser zu meinen scheint; 
auch bei guten Schriftstellern trift man sie zuweilen an; bei Kant z. b. findet sie 
sich nicht ganz selten, wie Krit. d. Urthkr. s. 225 el. Kirchmann: „So wie einige 
den bandwurm dem menschen oder thiere, dem er beiwohnt, gleichsam zum 
ersatz eines gewissen mangels seiner lebensorgane beigegeben zu sein urtei- 
len." Aus Breitinger citiert Lessing selbst 5, 431 ,, Wesen von einer höheren natur, 
die mau wirklich zu sein glaubte." Auch sonst findet sie sich in citaten bei Les- 
sing 4, 511. 112, 26. Die unter der übersclirift „die regierenden verba" von dem 
Verfasser gegebene aufzählung der beispiele bei Lessing bietet weder in rücksicht 
auf die zu den einzelnen regierenden verbis gegebenen beispiele, noch in rücksicht 
auf die regierenden verba selbst auch nur annähernd die Vollständigkeit, aufweiche 
sie anspruch zu machen scheint. Was der Verfasser nicht angefülirt hat, stelle 
ich hier nach den verbis geordnet übersichtlich zusammen: 1) glauben 2, 421. 476. 
3, 395. 4, 438. 5, 61. 6, 415 anmerk. 7, 135. 146. 391. 8, 344. 459 fg. 9, 120. 



122 APELT 

179. Dazu komt noch ein beispiel des uom. mit dem inf. 11', 317 ,,das höllische 
feuer, welches in dem vorigen kriege der könig von Preusseu zu liaben 
geglaubt ward." 2) vermeinen: ein nom. mit inf. findet sich 9, 126 „an dessen 
ausfluss die electrischen inseln von den Griechen zu sein vermoint wurden," 
'S) achten: 11, 82 nom. mit inf. 4) finden: 4, 351. 5) erkennen: 10, 316. 
6) fühlon: 5, 54. 7, 57. 10, 14. 7) vorgeben: 10,233 nom. mit inf. 8j wün- 
schen: 3, &2. 65. 5, 112. 111. 160. 9) vorlangen: n\ 468. Überhaupt 
nicht angeführt sind folgende verba: 1) beweisen: 6, 504 anmerk. 11-, 45. 
2) begehren: 3, 168. 3) annehmen: 10, 24 nom. mit inf. 4) sagen: 10,465 
nom. mit inf. 5) halten: 11», 431. 6) für möglich halten: 11 2, 235. 7^ be- 
haupten: HS 295. 8) vermuten: 9, 118. 9) versichern: 9, 213. 10) den- 
ken: 8, 136 fg. nom. mit inf. Ich habe hier die beispiele für den nom. mit dem 
Inf., von dem der Verfasser gar nicht spricht, mit aufgezählt, weil diese fügung 
durchaus als correlat zu der des acc. mit dem inf. aufzufassen ist. Auf grund die- 
ser Übersicht muss die auf s. 171 unter E gegebene bemerkung eine ergänzung 
erfahren: es kommen nämlich als fälle, wo andere infinitive als sein stehen, noch 
hinzu: 5, 112 werden, 8, 344 lehren, 10, 24 stehen, 10, 233 haben, 11», 82 
wissen, ll^ 317 haben. 

Nach obigem ist es klar, dass wir dem Verfasser auch nicht beistimmen kön- 
nen, wenn er die constructionen von glauben mit doppeltem acc. für versteckte 
oder verkürzte acc. c. inf. -constructionen hält. Den schluss des capitels bildet eine 
betrachtung über die verwantschaft der relativtrajection mit der fügimg des acc. 
mit dem inf. Verwirft man die ansieht des Verfassers über den Ursprung des acc. 
mit inf. bei Lessing und andern schriftstellera der neuzeit, so hat es keine bedeu- 
tung mehr, nach der priorität der einen construction vor der andern zu fragen, 
während der Verfasser von seinem Standpunkt aus die construction des acc. mit inf. 
als die wahrscheinliche quelle auch der relativtrajection bezeichnen kann. 

In dem lezten. dem fünften abschnitt, stelt der Verfasser in mehr aphoristi- 
scher behandluugsweise „einzelne bcsonderheiten " grammatischer und lexicalischer 
art zusammen. Ich schliesse mich in meinen bemerkungen der gegebenen reihen- 
folge an, ohne alle einzelnen erscheinungen, die in diesem abschnitt eine bespre- 
chung erfahren, namhaft zu machen. In § 1, wo es sich um eigentümlichkeiten 
der declination und zwar zunächst um setzung oder weglassung der declinations- 
endungen bei Wörtern wie all, viel, wenig handelt, vermisse ich die anführung 
des adjectivs unzählig in fällen wie 5, 49 ,, ausser unzählig solchen unverant- 
wortlichen fehlem''; s. 203 geht der Verfasser wol etwas zu weit, wenn er behaup- 
tet, Verbindungen wie zu etwas berechtigen könten wir nicht mehr nachabmcn. 
Auf derselben seite findet sich die irtümliche behauptung, dass Lessing die decli- 
nationsendungen bei den vor Substantiven stehenden adjectiven nur in der poesie 
nm des versmasses willen bisweilen wegwerfe; die sache ist vielmehr folgende: bei 
zwei der angeführten adjectiva, albern und einzeln, geht Lessing, wenn er sich 
der anscheinend verkürzten formen bedient, von anderen stamformeu aus, als wir, 
nämlich von den richtigen alten formen alber und einzel; vgl. Grimm Wrtb. I, 
201 fg. und III, 349 fg. Man findet deshalb auch überaus häutig in prosaischen 
Schriften diese vermeintlich nicht declinierten formen, z. b. 6, 38 ..die gute eines 
Werks beruht nicht auf einzeln Schönheiten.'* 6, 102 ,,den albern anachronis- 
mus.-' Im übrigen kommen hier noch solche adjectiva in betracht. die schon ein n 
im stamauslaut haben , wie hölzern, ledern, silbern, strohern; bei diesen 



ÜBER LEHMANN, LESSINGS SPRACHE 123 

bleibt wol aus euphonischen gründen (man beachte auch den umstand, dass dem n 
meist eine liquida voraussieht) die endung oft weg; möglich auch, dass die analo- 
gie von albern und einzeln von einfluss gewesen ist. Doch beschränkt sich 
auch bei diesen adjectivis der gebrauch der kurzen formen durchaus nicht auf die 
poesie. 3, 205 „wo sind die strohern hütten." — Unter den ungewöhnlichen 
pluralen hätte noch aufgeführt werden können die tadel 3, VJO. 11*, 4U6. 

In dem capitel über comparation bespricht der Verfasser den bei Lessing fast 
ausschliesslichen gebrauch des comparativs bei vcrgleichung zweier adjectiva mit 
einander, wo wir in der regel die Umschreibung mit mehr anwenden. Nur einen 
fall kent der Verfasser, in dem Lessing die Umschreibung mit mehr angewant hat, 
nämlich 7, 298 ,,mehr mutwillig als gründlich." Mir ist noch ein zweiter fall 
bekant, nämlich 7, 1-41 „das herz mehr gut als böse." Ich glaube übrigens, dass 
diese umschreibende form auch für Lessing dann notwendig wurde, wenn der gegen- 
satz der verglichenen adjectiva, wie in dem lezten beispiel , sich dem contradicto- 
rischen gegensatz nähert. Unter den ungewöhnlichen comparationen, die s. 207 fg. 
behandelt werden, habe ich mir u, a. noch angemerkt 10, 65 die angenomme- 
nere auslegung. — Die s. 208 gemachten bemerkuugen über die streng genom- 
men ungehörige comparation der begi-iife wahr, falsch, eigentlich, gerade 
u. a. haben dann ihre richtigkeit , wenn die begriffe mit sich selbst verglichen wer- 
den; indess hier handelt es sich bloss um die form und da diese begriffe ja füglich 
auch mit andern begriffen verglichen werden können , so fält jedes bedenken über 
die möglichkeit der comparation weg. Ich kann z. b. nach Lessingschem Sprach- 
gebrauch volkommen correct sagen: dies ist wahrer als schön, d. h. dies ist 
mehr walir als schön. 

Unter der rubrik conjugation wird, nachdem mehrere veraltete formen, zu 
denen ich etwa noch hinzufügen könte 10, 15 gänge = gienge und 11 ^ 112 
begonnte, aufgezählt sind, der gebrauch des activen particips in passiver bedeu- 
tung besprochen; ein beispiel dafür, wie sie sich übrigens auch bei andern classi- 
kern finden (z. b. Wieland in der Übersetzung von Ciceros briefen 4 s. 168 ,,zur 
bewaffriung der bei euch habenden Soldaten) wäre noch 12, 293 ,,mit den in bän- 
den habenden 41 thalern." 

Die nun folgenden capitd sind mehr lexicalisclier natur. Es werden zunächst 
eine reihe jezt nicht mehr sehr gebräuchlicher masculina auf er, die unmittelbar 
von den infinitiven abgeleitet sind, zusammengestelt; ob sie zum grösten teil erst 
von Lessing neu geschaffen sind, wird sich schwer entscheiden lassen; gleich das 
erste wort, bemerker, ist, wie Grimms Wtb. zeigt, schon älter. Dergleichen 
bildungen lagen eben so im zuge der si>rache, dass Lessing, wenn ihm wirklich bei 
einem oder dem andern die prioi ität der erfindung zukomt , sich kaum recht bewust 
gewesen sein dürfte , dass er wirklich etwas neues in die spräche einführe. Ebenso 
verhält es sich mit den überaus zahlreichen, uns zum grossen teil fremd geworde- 
nen bildungen von abstracten auf ung; hätte hier der Verfasser vollständig sein 
wollen, so hätte er noch eine grosse zahl solcher uns nicht mehr geläufiger Wörter 
anführen können, wie 8, 453 belang ung = propinquitas. 3, 143 fortdaurung. 
11^, 58 aufhörung. 11^ 165 beneidung, das auch bei Grimm fehlt, 7, 257 
abrathung, das ebenfals bei Grimm fehlt u. a. Was der Verfasser mit der Unter- 
scheidung des gebrauchs solcher Wörter nach prosa und poesie, die er aufstelt, 
eigentlich sagen will, vermag ich nicht recht zu erkennen; soll dieselbe bedeuten, 
dass die unter B s. 217 angeführten Wörter nur in poetischen werken vorkommen 



124 APELT 

SO ist dies wenigstens von einigen derselben nicht richtig, z. b. annehm iing und 
ausdrückung finden sich auch in der prosa, das erstere 11 2, 358, das leztere 
3, 119. Bei besprechung der bildungen auf -heit tut der Verfasser in einer anmer- 
kung s. 217 einer stelle aus Lessing über den Logauschen ausdruck allengefal- 
lenheit erwähnung; er hätte hinzufügen können, dass Lessing, obschon er das 
Wort als ,, ziemlich unbeliülflich" bezeichnet, es verwertet- hat, teils in der form 
allengefallenheit IV, 92 teils in der form allgefallenheit 9, 279. Bei dem 
Verfasser sowol, wie in Grimms Wtb. verniisse ich das wort entk ommenheit, 
das Lessing 6, 15G braucht: ,, seine erste reise dahin tat er sogleich nach seiner 
glücklichen entkommenheit aus dem reiche"; ferner unter den bildungen auf -k ei t 
begnügsamkeit 10, 16. Auf s. 219 hätte noch genant werden können unbrauch 
= misbrauch 11', 369, oh n götterei 11", 96. 2, 494. Die vereinstän dniss 
10, 56. Vorbewust als Substantiv 4, 345, Wehrmann = gewährsmanu 3, 169 
u. a. Nicht unbeachtet hätte der Verfasser eine anraerkung lassen sollen , die sich 
112, 290 findet, in der eine reihe von Wörtern angeführt wird, die sich Lessing aus 
Wielands Agathon angemerkt hat; darunter sind Wörter wie Jahrtausend, Vor- 
spiegelung, augenschein, Schlauheit, die also Lessing wol noch nicht 
geläufig gewesen sind. Solche stellen sind wichtig für die beurteilung seiner bemü- 
hungen um die fortbildung der spräche, so namentlich auch die anmerkungen zu 
den gedichten des Andreas Scultetus 8, 364 fgg. , aus denen u. a. hervorgeht, s. 376 
anmerk. , dass Lessing den plural die mühen noch nicht kante. Lessing war 
unermüdlich bestrebt, der deutschen spräche frisches leben teils aus den dialekten, 
teils aus der älteren spräche zuzuführen , und dies eingehend zu verfolgen , wäre 
eine recht anziehende aufgäbe. In dem capitel .,über das geschlecht" wäre darauf 
hinzuweisen gewesen, dass Lessing noch eine grosse auzahl von Substantiven auf 
-nis, die bei uns neutra geworden sind, als feminina braucht , die hindernis, die 
gefängnis, die bedürfnis usw. 

In ähnlicher weise wie die substantiva behandelt der Verfasser weiter auch 
die adjectiva, indem er auf eigentümlichkeiten in der bildung, namentlich auf Les- 
sings Vorliebe für die endung -lieh hinweist, ferner auf die zahlreichen, nns nicht 
mehr geläufigen Zusammensetzungen von adjectivis mit un aufmerksam macht. Da 
die betrefienden Zusammenstellungen keinen anspruch auf Vollständigkeit machen, 
so sehe ich davon ab, die von mir notierten beispiele beizufügen und bemerke nur, 
dass der reichtum der spräche Lessings an bildungen mit un nachdrücklicher hätte 
hervorgehoben werden müssen. Ferner durften diejenigen adjectiva nicht mit still- 
schweigen übergangen werden, mit denen Lessing unsere spräche nachweislich 
bereichert hat, namentlich diejenigen, die er bildete, um für gewisse französische 
oder englische Wörter, für die es noch keinen völlig adäquaten ausdruck im Deut- 
schen gab, ein möglichst significantes wort einzuführen. Hierher gehört erstens 
das adjectiv weinerlich: Lessing spricht sich darüber aus 4, 115 „Ich glaube 
das wort weinerlich, um das französische larmoyant auszudrücken, am ersten 
gebraucht zu haben"; zweitens das adjectiv empfindsam, das Lessing, wie er 
selbst in der vorrede zu Bodes Übersetzung von Yoricks empfindsamer reise sagt, 
dem Übersetzer als empfehlenswerte neubildung für das englische sentimental vor- 
geschlagen hat. 

In dem folgenden abschnitt bespricht der Verfasser einzelne sprachliche 
erscheinungen , die sich auf den artikel beziehen , namentlich die widerholung resp, 
weglassung des artikels bei zwei oder mehr durch und oder oder verknüpften sub- 



ÜBEB LEHMANN, LESSINGS SPRACHE 125 

stantiven und adjectiven. Besondere aufmerksaiiikeit schenkt er der Verbindung 
„der erste der beste," die Lessing bis auf einen fall stets mit widerholtem 
artikel braucht. Wenn Lessing die Wendung fast immer in dieser form braucht, 
so hat das schwerlich seinen gruud in irgend welcher bewusten entscheiduug für 
das grammatisch richtigere, wie der Verfasser amiimt, sondern, wie ich glaube, 
einfach darin, dass ihm die form der erste beste erst später bekant wurde. Dies 
zu glauben veranlasst mich die schon angeführte notiz Lessings U^, 290, in der er 
sich eine anzahl von Wörtern aus Wielands Agathen , wahrscheinlich als zu gelegent- 
licher Verwendung geeignet, anmerkt, darunter auch der erste beste. Denn 
wenn er sie in einem seiner späteren werke wirklich einmal braucht, so kann er 
sie nicht für falsch gehalten haben. Danach wäre auch die beinerkung zu berich- 
tigen , die der Verfasser s. 111 macht: ,,Wenn Lessing nicht die so beliebte form 
der erste beste gebraucht, sondern überall nur der erste der beste in allen 
casibus und numeris sagt, so hat er, der überallhin selbständige, hier, wie in tau- 
send andern fällen es mit vollem rechte verschmäht, von dem schlepdampfer der 
alltagssprache sich auf die sandbank der ungenauigkeiten und an die klippe der 
Unrichtigkeiten mit fortreissen zu lassen." 

Das folgende capitel bringt beobachtungen über den gebrauch einzelner pro- 
nomina, woran sich weiter ein abschnitt über adverbien anschliesst. Die an sich 
richtige bemerkung über den gebrauch des pronomen es an stelle eines zu erwar- 
tenden genetivs s, 247 konte dahin ergänzt werden, dass in vielen solchen Wendun- 
gen sich wirklich der alte genetiv es erhalten hat, der nur als solcher von Lessing 
nicht mehr empfunden wurde, ebensowenig wie wir noch das bewustsein davon 
haben. Unter den ungewöhnlichen formen und bedeutungen von adverbien vermisse 
ich nur wenige, z. b. höchstens = höchst 12, 24. ernstlichen 3, 407 und 
einiges ähnliche, unter den ,,adverbialien" Verbindungen wie in allen = im gan- 
zen 9, 11, nach der länge = in der ganzen ausdehnung 8, 271. Der abschnitt 
über die präpositionen hätte etwas eingehender gefast werden können, z. b. erwar- 
tete man bemerkuugen wie die, dass gegen einmal noch mit dativ verbunden 
erscheint 7, 128, ohne und statt ebenfals noch häufig mit dativ und dergl. Es 
folgen sodann die conjunctionen, von denen namentlich sondern in mehreren 
eigentümlichen Verwendungen besprochen wird. Bei als hätte der nicht seltene 
gebrauch für wie erwähnung verdient, z. b. 3, 147 ,,auf die art, als er es getan 
hat." 3,212 ,,als(=wie) ein geschickter Spieler." Ob während, das sich bei Les- 
sing als präposition gebraucht findet, z. b. 4, 464, als conjunction überhaupt vor- 
komt, weiss ich nicht; jedenfals wird der gebrauch selir selten sein und die sache 
verdiente wol untersucht zu werden. Es finden sich mancherlei andere worte als 
ersatz dafür, z. b, da doch 8, 210. wenn 5, 403. indess 10, 125. anstatt 
dass 10,189. unterdessen da (= während inzwischen^ 11^29. unterdessen 
dass 4, 453. 

Was scbliesslich die verba anbelangt und namentlich die constructionen bei 
einzelnen derselben , so gibt es des vom heutigen Sprachgebrauch abweichenden bei 
Lessing unendlich viel. Der Verfasser hat denn auch, ohne irgend welche volstän- 
digkeit, nur einzelnes hervorgehoben; ich trage nur einiges zu dem von dem Ver- 
fasser beigebrachten in unmittelbarem Zusammenhang stehendes nach: bereden 
findet sich auch mit dem dat. und acc. 4, 415 ,,als man es ihm bereden wolle," 
ebenso überreden 4, 396 „er überredet es auch dem alten Carpandro." 
Neben denken mit genetiv könte auch genant werden sich bedenken 7, 125 



126 APELT. ÜBER LEHMANN, LESSINGS SPRACHE 

„dessen möchte er sich ohne zweifei melir bedacht haben,*' ebenso 9, 6. Wie be- 
lehren verbindet Lessing auch unterrichten mit gen. 8, 244 ,,sich eines bes- 
sern unterrichten." Auch sich wundern (11 », 109) und erwarten (6, 166) und 
andere verba finden sich mit genetiv. Wolte mau das ca}»itel über verbalconstruc- 
tionen erschöpfen, so würde es einen überaus grossen räum in auspruch nehmen. 
Interessant wäre es auch hier, sein augenmerk teils auf solche verba und construc- 
tionen zu richten, die Lessing eigentümlich sind, teils auf solche, die zu seiner 
zeit noch nicht recht in die Schriftsprache eingeführt waren, sondern blos den dia- 
lekten angehörten, und die er entweder stilschweigend adoptiert oder ausdrücklich 
empfohlen hat, wie 6, 30 das verbum entsprechen, das er bei Wieland ,,mit 
vergnügen gebraucht gefunden." 

Was schliesslich die fremdwörter anlangt, so ist bekaut, dass Lessing im 
gebrauch derselben im ganzen sehr sparsam ist und dass er sich vielfach bemüht 
hat, statt der fremden gute deutsche Wörter einzubürgern. Zu dem von dem Ver- 
fasser angeführten füge ich noch folgendes hinzu : für Inversion braucht er 3, 229 
Versetzung: für theater öfters Schauplatz, z. b. 3, 85 anraerk. , für digres- 
sion das wort absprung 10, 92, für gradation Stufensteigung 3, 203, für 
interpunctionszeichen unter scheidungszeicheu 9 , 12. Nicht unerwähnt 
bleiben durfte das wort laune für humor, über das sich Lessing 7, 386 aumerk. 
selbst so äussert: ,,Wir übersetzen jezt fast durchgängig humor durch laune; und 
ich glaube mir bewust zu sein, dass ich der erste bin, der es so übersezt hat. Ich 
habe sehr unrecht daran getan und ich wünschte, dass man mir nicht gefolgt 
wäre. Denn ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu können, dass humor und 
laune ganz verschiedene, ja in gewissem verstände gerade entgegengesezte dinge 
sind usw." 

Wie schon mehrfach erwähnt, bietet das werk des Verfassers weder in anse- 
hung der überhaupt zur besprechung sich darbietenden erscheinungen noch in 
ansehung des innerhalb der einzelnen capitel beigebrachten stoffs wirkliche volstän- 
digkeit; eine solche zu erreichen lag, wie die vorrede zeigt, gar nicht in der 
absieht des Verfassers. Für weitere Untersuchungen ist noch reicher stofF vorhan- 
den. So wäre es eine dankenswerte aufgäbe, den gebrauch der negationen festzu- 
stellen, die vielfach bemerkenswerten erscheinungen in der Wortstellung, ferner die 
latinismen und gallicismen bei Lessing zu untersuchen u. dgl. Und zwar werden 
solche Untersuchungen dann erst recht früchtbar werden, wenn sie sich zugleich 
stützen auf eine umfassende kentnis des Sprachgebrauchs teils der früheren, teils 
der mit Lessing gleichzeitigen schriftsteiler, denn nur durch eine solche wird es 
gelingen, ein wirklich klares bild von der bedeutung Lessings für unsere spräche 
zn gewinnen. 

WEIMAR, APRIL 1876. OTTO APELT. 



DIE SYNTAX DER GOTISCHEN PARTIKEL EL 

I. 

*jat iiiid seine sippe als germanische partikeln. 

Die gotische partikel ei hat etwas rätselhaftes, sowol wegen ihrer 
auf eine vocaUänge reducierten form, als auch wegen der ausserordent- 
lichen mannigfaltigkeit ihres gebrauches. Betreffs der form ist ei wider- 
holt gegenständ der Untersuchung gewesen , und es sind jezt die nam- 
haftesten gelehrten darüber einig, dass diese partikel dem anaphorischen 
stamme ja- angehört; nur über den casus, welchen sie repräsentiert, 
herscht noch meinungsverschiedenheit , indem die einen, wie Bopp und 
L. Meyer, den acc. neutr. annehmen, die andern (so Scherer, gesch. d. 
d. spr. s. 383) ci für den ablativ zu ja- halten. Dagegen hat die syn- 
taktische natur von e/ noch keine eingehende behandlung erfahren, viel- 
mehr hat man sich bisher begnügt, nur äusserlich kentnis zu nehmen 
von den factischen tatsachen, so von seiner function an der spitze von 
Inhalts- und finalsätzen , von seiner fähigkeit dem demonstrativum rela- 
tive geltung zu verleihen und von seiner urgierenden kraft. Es fehlte 
noch eine genaue Zusammenstellung und Sichtung aller functionen von 
ei, eine sonderung derselben nach organischen gruppen und eine zurück- 
führung aller auf eine einheitliche quelle; nachfolgende Untersuchung 
macht es sich zur aufgäbe, eine ausfüUuug dieser lücke anzuhalmeu. 

Indem ich von der algemein gebilligten ansieht ausgehe, dass ei 
dem anaphor. stamme ja- zugehört, finde ich es notwendig, einleitungs- 
weise nach einem flüchtigen blick auf das leben dieses Stammes in den 
indogermanischen sprachen seine Verbreitung und function in den ger- 
manischen dialekten einer genauem betrachtung zu unterziehn. 

Man weiss, dass der stamm ja- bereits vor der trennung der 
indogerm. sprachen als einfach anaphorisches pronomen, und wol aus- 
schliesslich so, noch nicht satzverbindend (og, rj, o), in gebrauch war 
(vgl. Windisch in Curt. Stud. II, 316), d. h. er besass eine deutende kraft 
wie jedes andere pronomen , aber sie beschränkte sich auf vorher in 
der rede erwähnte oder algemein bekante, also bereits im bewustsein 
lebendige begriffe. In den verschiedenen einzelsprachen finden wir aber 

ZEIT8CHR. P. DEUTSCHK PHILOLOGIE. BD. VIII. 9 



128 KLINGHARDT 

das pronomen vom genanten stamme nicht nur substantivisch gebraucht, 
-wie grieeh. airog, sondern es lehnt sich auch adjectivisch an substan- 
tiva an , wie im zend (^Justi . handb. s. 240) , wo es denselben prätigiert, 
und im albanes., wo es suffigiert wird (Bopp vergl. gr. II ^ s. 3 anm.); 
indem es hier ursprünglich auf bekante eigenschafteu des Substantivs 
hinwies, war es im lauf der zeit zum artikel geworden. Eine ähnliche 
Verwendung findet der stamm ja- im lit. -slav., wo er zur bildung der 
bestimten adjectivdeclination dient. Dagegen ist für sich zu stellen 
und gehört auch wol einer Jüngern entwicklung an die satzverbiudende 
function dieses pronomeus. die es im zend. und im grieeh. zeigt. ^ 

Schauen wir uns nun nach den spuren um, welche dieser alte 
pronomiualstamm in den german. dialekten zurückgelassen hat. Da 
finden wir zunächst im gotischen die affirmativpartikeln ja und jatj 
von denen die erstere offenbar acc. neutr. ist (ja aus "^jat wie hva aus 
*hvat); /rti' gehört jedenfals auch zum stamme Ja-, und Bezzenbergers Ver- 
mutung (Die got. advv. und partt. s. 91), dsLSS jai SLuf jaja, jaj zurück- 
gehe, scheint mir recht ansprechend. ^ Auf einer Zusammensetzung mit^a 
beruht Ja w und ebenso Ja/i; nicht minder gehört hierher Jw {rjöri, örj)^ 
dessen vocal sich wol unter einfluss eines abgefallenen m verdunkelt 
hat. Wii- finden nun ja^ etwa ursprünglich als accus, des bezugs, 
verwant. um durch nachdrückliche rückweisung auf vorhergehendes 
dessen factische richtigkeit anzuerkennen , bejahend ; jai wird ebenso 
gebraucht, hat aber weitern umfang, indem es auch angewendet wird, 
wenn man durch die rückweisung au einen obwaltenden gegensatz erin- 
nern (R. 9, 20; 1. Tim. 6, 11) oder einen causalnexus mit dem vor- 
hergehenden hervorheben will (R. 9, 18, consecutiv). Bernhardt nimt 
jai R. y, 20 und 1. Tim. 6, 11 als exclamatives zeichen des vocativs, 
indess dafür spricht weder eine ähnliche function von ja, allein oder in 
Zusammensetzung, in den verwanten dialekten (denn die von Grimm 
gr. in, s. 290 beigebrachten beispiele belegen nur die urgierende 
function von ja im deutschen), noch ist jene bedeutung überhaupt aus 
der et^Tnologie von jai ^ das eben mit einer interjection gar nichts zu 
tun hat. zu entwickeln; dazu kann auch Bernhardt nicht umhin, dem 
jai R. 9. 18 andere als exclamative bedeutung beizulegen; Lobes „pro- 
fecto" komt wol schon näher, es entbehrt aber noch jenes anaphorischen 
dementes, welches sowol etymologie wie Zusammenhang des sinnes an 

1) Man vergl. über das wesen des satzverb. relat. pron. Windisch in Curt. 
Stnd. n , s. 413 fgg. 

2) L. Meyer, Got. spr. s. 318, 692 zieht es nur algemein zum stamme ja-; 
Bopp, Vergl. gr. 11, s. 2(J4 nimt ja als acc, neutr. und jai für diphthongisierung 
von ja durch beitretendes i, wozu das « schon im skr. neige (?). 



SYNTAX DES 00TI8CHFN /7 129 

den betr. stellen wahrscheinlich machen; dagegen scheint mir jjuthers 
jcij K. 9, 20, geradezu und unmittelbar auf die von mir geübte erklä- 
rung hinzudeuten. — j(iu, eine Zusammensetzung aus jn-u, steht in 
fragesätzen , directen (Joh. 7, 48; K. 7, 25) wie indirecten (L. 6, 7; 
1. Tim. 5, 10), und liebt der fragidorm des satzes gegenüber die Wirk- 
lichkeit seinei> inhaltes stark hervor, etwa deutsch „wirklich" (so auch 
Beruh, zu U. 7, 2ä; 1. Tim. 5, 10), scheint aber gleich ahd. ja weder 
eine bejahende noch eine verneinende antwort anzudeuten. Betreffs der 
stelle im Kömerbriefe ist jedoch bei der klarheit des Zusammenhanges, 
der den satz deutlich als consecutiv recapitulierend charakterisiert, die 
Vermutung nicht ausgeschlossen, dass Vulf. hier richtig verstehen muste 
und verstand, dass also auch jau dem griech. cigct nvv wirklich aequi- 
valent ist ; dann wäre jau dahin zu interpretieren , »lass das -u die 
urgierende kraft, die es unzweifelhaft einst besass, in dieser Zusam- 
mensetzung neben der fragenden noch bewahrt hatte, jau also auch in 
positivem satze noch statt liaben konte und dann die bedeutung aqa 
ovv in sich schloss: dazu ist zu bedenken, dass, wenn wir liier Vulf. 
ein misverständnis des cwa als ccQct zuschreiben , wir ihm zugleich 
auch eine Unterlassungssünde betrefs des dann unübersezten olv schuld 
geben müssen. — jah, eine zweite Verstärkung des einfachen y«, stelt, 
indem es an das vorhergehende erinnert, einfach eine ungefärbte copu- 
lative ideenverbindung her ; doch kann die coordinierende function gleich- 
zeitig auch ihre quelle in der expletiven haben , aus der die subordi- 
nierende floss, wie wir weiter unten sehn werden. — ju weist anapho- 
risch auf Zeitverhältnisse hin, sowol vorher erwähnte (z. b. M. 5, 28) 
wie offenkundige oder als offenkundige angenommene (= schon, s. 
L. 3, 9). 

Fassen wir das gesagte zusammen , so liegen also die dinge im 
gotischen so: durch eine rückweisung m\t ja , jai , jau tritt die realität 
der bezugsbegriffe hervor, doch ist jau möglicher weise auf fragesätze 
beschränkt; jai fungiert ausserdem auch bei obwaltendem causalnexus 
(consecutiv, so vielleicht imch jau) oder lässt ein" adversatives Verhält- 
nis hervortreten: ju erinnert an bereits verwirklichte Zeitverhältnisse; 
jah kenzeichnet durch seine zurückweisende kraft ein ungefärbt copu- 
latives Verhältnis. Dies sind, bis auf ei, das weiter unten seine bespre- 
chung finden wird, alle reste des Ja- Stammes im gotischen:^ sie 
gewähren immer noch ein leidlich mannigfaltiges bild. 

1) jains und jabai enthalten auch den stamm ja-, er scheint da aber nur 
der bestimmende teil zu sein, nicht der haaptteil der bildung 'Windisch a. a. o. s. 275, 
Hildebrand, Conditionalsätze s. 14\ jedenfals wurde der Zusammenhang mit ja nicht 

9* 



130 KLINGHAEDT 

Im hochdeutschen ist der sch^vund dieses Stammes schon wei- 
ter vorgeschritten , und neben ja haben sich ahd. nur noch die den got. 
jahj Ju entsprechenden formen joh , sehr selten jah , und ju erhalten ; 
got.JaiyjaHj ei sind geschwunden, wenn das ahd. sie überhaupt je 
alle besass. nur von ei scheint das Muspilli noch spuren zu enthal- 
ten (?); ahd. jaiih (jouh) beruht auf ja auh. Es dienen nun ja und 
joh {jah) dazu, l) durch hinweisung auf erwähnte oder im bewustseiu 
lebendige dinge die Wirklichkeit derselben hervorzuheben: und zwar 
geht hieraus hervor a) eine urgierende function: von ja ist dies 
bekant genug, es findet sich so schon bei Otfrid z. b. I. 2, 1; 6, 18 
(weitere belege Kelle. Form- und Lautlehre d. spr. Otfr. s. 429) und 
mhd. in besondrer bäufigkeit im Xib. i^z. b. 413, 426, 444, 563. 567, 
575 usw.), aber auch sonst; auch in fragen ist es beliebt.^ besonders 
bei Tatian, wo im lat. texte )wnne oder numquiä (40, 6) steht, doch 
darf man in ja nicht geradezu eine Übersetzung dieser partikeln sehn, 
(cf. got. jau)\ Otfr. IV. 12. 10. 20 bietet ja an der spitze einer vernein- 
ten frage. Die verstärkte form von ja kann ich in dieser function nur 
belegen durch die von Grimm gr. III. 290 angeführten stellen X. ps. 
115, 16 jah herro! o äomint ! 117, 25 jah du tnüden! o domine! wo 
besonders die lautliche differenzieruug zu beachten ist, indem die Par- 
tikel als copula bei X. nur joli lautet: eine interjection im strengen 
sinne und dem lat. „o!" gleich ist jali hier gewiss nicht, ebensowenig 
wie dies vom got. jai zuzugeben ist. vielmehr hat es den wert einer 
beteuernden partikel. — Eine zweite aus der obigen grundbedeutung 
hervorgehende function ist b) die bejahende: dieser dient vor allem 
ja, aber Graff I, 567 führt aus dem Org. auch an: „nein uiide jaliy 
nein aide jah.'' 

2) fuhren ja mid joh , gleich got. jah , dadurch , dass sie auf einen 
begriff schlechtweg zui'ückweisen , eine einfache bindung mit demselben 
herbei, wirken also copulativ. Hier ist es aber, im gegensatz zu 
den vorhergehenden functionen, joh, welches in der massenbaftigkeit 
des gebrauches weit überwiegt, während ja nur sehr vereinzelt als 
copula dient; am bekantesten ist in lezterer hinsieht die exhortatio, wo 
ja {ja auh , jauh) consequent für lat. et erscheint. Übrigens mag zur 
vervolständigung des bildes hier erwähnt werden, dass bei Isidor (ed. 
TTeinh. 21, 6. 7) joh — joh auch disjunctiv für sive — sive gebraucht wird, 

mehr gefühlt, und da uns hier im wesentHchen nur lezteres mit seinen nebenfor- 
men beschäftigt, so lasse ich jene entfernteren verwanten bei seite. 

1) Vgl. das mit unserm ja identische griech. /], welches als urgierende par- 
tikel sowol in positiTen wie in interrogativen sätzen fungiert, s. Delbrück, Forsch. 
8. 77. 



SYNTAX DES GOTISCHEN LI 131 

eine bedeutung, die wol aus der copulativen hervorgegangen ist. Ganz 
besonders interessant ist aber die stelle Isid. 17, 3, wo mit ^o/i auf den 
vorhergehenden satz zu dem behufe zurückgewiesen wird, um das cau- 
sale Verhältnis zwischen ihm und dem folgenden deutlicher zum bewust- 
sein zu bringen: lateinisch steht nam. 

Der gebrauchsumfang von ja reicht aber über den mit joh gemein- 
schaftlichen noch hinaus und enthält zwei weitere functionen, deren 
erste die steigernde ist. So steht es nämlich schon z. b. Otfr. L. 69, 
und noch bis heute hat es sich in diesem gebrauche, dessen quelle 
jedenfalls die urgierende kraft von ja ist, erhalten.^ Die andre func- 
tion von ja, welche es ebenfals nicht mit joh teilt, ist die einfachste 
und ursprünglichste unter allen, nämlich die schlechtweg anapho- 
rische. Es komt nämlich ja auch oft in einer weise vor, dass man 
ihm schlechterdings keine andere Wirkung zuschreiben kann, als die, 
an vorerwähntes oder algemein bekantes oder auch offenkundiges ohne 
jegliche beimischung einer uebenbedeutung zu erinnern; man denke nur 
an das bekante wort .,ja, bauer, das ist ganz was andres," ähnlich 
hören wir oft statt einfachem „nein!'' ein „ja nein!"; in anderm sinne 
rufen wir wol einem kinde zu: „du siehst ja ganz schmutzig aus!" 
u. ä. ; und um auch aus der alten spräche ein beispiel beizubringen, so 
sei hier Otfr. IV, 16, 47 angeführt, wo Christus mit ,Ja saget ili tu, 
thaz, usw." wol nur einfach auf seine erste antwort hinweist. 

Ganz besonders in lezterm sinne, aber auch sonst wird dieses ja 
in der altäglichen rede noch heute in einer solchen massenhaftigkeit 
gebraucht, dass ein ausländer nicht im entferntesten eine idee von der 
bedeutung dieses wörtchens in unserer spräche haben könte, wenn ihm 
nur die vereinzelten fälle bekant wären, wo es sich auch in die Schrift- 
sprache eindrängt. Es teilt nämlich ja das geschick so mancher klei- 
ner Wörter unserer und fremder sprachen , welche weder zur volstän- 
digkeit des sinnes noch zur logischen correctheit des satzes etwas bei- 
tragen, wohl aber dazu dienen, der rede eine gewisse lebendigere sin- 
lichkeit und wärme zu verleihen. Solche Wörter, die man gemeinhin 
flickwörter oder particulae expletivae nent. werden von der gewählten, 
feierlichen und würdigen rede streng vermieden, um so häufiger aber 
von der alltäglichen rede verwendet; ich erinnere hier nur an dialek- 
tische flickwörter wie „halt, schon, mech, eben, man u. a." In ähn- 
licher weise mag das anaphorische . auch das urgierende ja bereits in 
unserer alten spräche den Charakter einer part. expl. gewonnen und 

1) joh gelaugte von der copnlativen bedeutung her zu einer ähnlichen stei- 
gernden Wirkung, hierin dem lat. etiam parallel verlaufend, vgl. GraffI, 089. 



132 KLINGHABDT 

getragen haben , wenigstens spricht hierfür auch der umstand , dass die 
höfischen epiker diese partikel auffallend vermeiden , während sie sich 
im Nibelungenliede in ausserordentlicher häufigkeit findet. Die erwä- 
gung dieser dinge ist wichtig , weil sich von ihr aus so manche Schwie- 
rigkeiten begreifen, die uns das Verständnis des ja im nihd. und ahd., 
sowie auch des jai und jau im got. darbietet; denn gerade die schein- 
bar überflüssigen und nur als fülsel der rede dienenden Wörter einer 
spräche, von denen aber jedes seinen eignen Charakter hat, sind am 
schwierigsten zu verstehen und nachzuempfinden. Besonders auch der 
Untersuchung des got. ci wird eine vergleichung unsres expletiven ja, 
das übrigens auch der Däne und Schwede kent, zu gute kommen. 

ju weist im ahd. wie im got. anaphorisch auf Zeitverhältnisse, 
im werte von \2i\.. jam; doch Murb. Hymn. 4, 2, 3 steht es auch für 
quondam, indem es allgemein auf die allen Christen bekante zeit der 
ausgiessung des heiligen geistes deutet. 

Das altsächsische zeigt ja und jah^ welche beide als copula 
verwant werden, woneben ja auch der bejahung dient, während eine 
geschwächte form von ja, nämlich ge ausschliesslich copulativ ist. Dass 
ja auch urgierend, steigernd und schlechtweg anaphorisch gebraucht 
wurde, ist an sich und weil die heutigen dialekte es so verwenden, 
mehr als wahrscheinlich , wenn es sich auch nicht nachweisen lässt. Für 
das mnl. belegt der Eeinaert die urgierende und die steigernde function 
in reichem masse. — Dem ahd. ja, entsprechend findet sich ps. 73, 9 
in (ms. in) = jam , im Hei. gio (io) , hier aber nur in der bedeutung 
qiwnäam oder expletiv; leztere function ist ganz besonders stark ent- 
wickelt und verdiente einmal eine besondere behandlung, wogegen die 
bedeutung „immer,'' die Heyne angibt ^ vielleicht zu streichen ist zu 
gunsten der expletiven. 

Angelsächsisch finden wir nur gea mit seiner Schwächung ge 
und geo (m). gea wird als bejahende partikel gebraucht, doch steht 
häufiger ge-se d. i. ge si dafür (Koch, engl. gr. H, 579); ge fungiert 
bejahend oder beteuernd in ge-se, ferner als cppula, wol auch mit 
adversativer färbung (vgl. in der westsächs. evangelienversion, ed. Thorpe 
1842, L. 19, 26; und als steigernde partikel (Koch a. a. o. 527); in lez- 
term sinne entspricht englisch yea. — geo hat seine anaphor. natur 
volständig aufgegeben und ist ausschliesslich indefinit geworden; es 
bedeutet quondam, einst, früher. 

Altnord, ist Ja wie es scheint in keiner andern function zu bele- 
gen ausser als affirmationspartikel. Aber es lässt sich vermuten, dass 
ja auch als urgierende partikel gebraucht wurde , da sich noch gegen- 
wärtig im dän. und im schwed. eine differenzierte form jo für diese 



SYNTAX DES GOTISCHEN ET 133 

bedeutung erhalten hat; dasselbe jo dient daneben auch als bejahung 
einer verneinten frage, offenbar wegen der ihm inne wohnenden stei- 
gernden kraft, und in vielen fällen ist es schlechtAveg anaphorisch. — 
got. ju ist unter allen dialekten allein im altn. geschwunden. — Altn. 
oh ist jedenfalls auch zum stamme ya- zu ziehn (vgl. Grimm gr. III, 272. 
Vigfusson, icel. -engl. dict. s. v. oh); es beruht auf einer Verstärkung 
von ja und hat ausschliesslich copulative function. 

Für jenes weggefallene ju hat das altn. zwei andere ihm eigen- 
tümliche bildungen vom stamme ja- aufzuweisen. Es hat nämlich Hil- 
debraud in seiner schrift über die Conditionalsätze der altern Edda 
s. 38 fgg. in überzeugendster weise die Zugehörigkeit der beiden Parti- 
keln at und rr zum stamme ja- dargetau; seine resultate scheinen voll- 
kommen zutrettend zu sein, uud so begnüge ich mich, dieselben hier 
einfach zu benutzen. Es sind nämlich, ihm zufolge, mehrere at zu 
unterscheiden, einmal adv. und präp., die nota inf. und die negation at^ 
die unter sich wider verschiedenen Ursprungs zu sein scheinen , und 
andrerseits die relat. conj. und part. redund. at; diese leztere gehört zum 
stamme ja- und bildet die neutralform dazu (cf. hvat). Die in ältester 
zeit eingetretene diflferen zierung von ja und "^jat und die später folgende 
in ja und at erklärt sich ganz ebenso wie die noch jüngere von ja m 
ja und jOj wie die ags. Spaltungen gea und ge, as. ja und ge, ahd. jah 
und joh , aus den verschiedenen tonverhältnissen , unter welche "^jat je 
nach seinen verschiedenen bedeutungen trat; man vergl. engl, also und 
as, deutsch dial. m'r als algemeines subject neben „der mann" z. b. 
„wemm'r sagt" und „ein mann sagt"; mnl. wird genau unterschieden 
men seclit von die man secht, ganz wie im franz. T on dit neben 
r homme dit; und so vielfach ähnliches in allen sprachen. In der Par- 
tikel er dagegen vermutet H. eine Vermischung zweier casus von ja-, 
des genitivs und des nominativs; es schlechtweg als genitiv anzusetzen, 
wie Sclierer tut (d. spr. 383), wird er durch den umstand verhindert, 
dass der rhotacismus nur das s des nominativs ergriff, nicht das des 
genitivs. Ich glaube indess , dieser anstoss fällt mit der erwägung hin- 
weg, dass zur zeit, als der rhotacismus eintrat, *jas, woraus später 
as is tr, wahrscheinlich schon längst als inflexible- partikel, nicht als 
lebendiger casus empfunden wurde. 

Was die syntaktische function betriff, so leitet at im algemeinen 
Substantiv- und adverbialsätze ein, entspricht also im ganzen und gros- 
sen unserm „dass." Die hauptaufgabe von er dagegen ist die, solche 
appositionssätze , in denen der mit dem hauptsatze gemeinschaftliche 
begrif aus lezterem hinreichend stark herüberwii'kt um keine ausdrück- 
liche widerholimg zu erfordern (vulgo relativsätze mit unterdrücktem 



134 KLINGHARDT 

pronomen genant), au den hauptsatz zu knüpfen. Ausserdem tritt er 
auch in die für at angegebenen functionen ein, während at nur selten 
in Vertretung von er zur bildung von appositionssätzeu der bezeichneten 
art (relativsätzen) vorkomt , vgl. Hildebrand a. a. o. s. 44. Am wichtig- 
sten aber ist der gebrauch von er als particula expletiva (belege Lund, 
Oldii. ordf. leere s. 94, a, anm. ; Lüuing, glossar zur Edda), den man 
zw^ar zu leugnen versucht hat, aber mit unrecht; vielmehr gewährt 
gerade diese function den besten fingerzeig für das wesen nicht nur die- 
ser Partikel in ihrer ganzheit, sondern auch für dasjenige der ihr ver- 
wanten partikeln. Es ist nämlich er gerade seiner grundnatur nach 
eine particula expletiva, d. h. eine partikel, welche keinen integrieren- 
den bestandteil des satzes bildet, indem sie weder zur Vollständigkeit 
uoch zur logischen Charakterisierung desselben etwas beiträgt, vielmehr 
nur dazu dient, demselben eine gewisse sinlich lebendigere färbung zu 
verleihen. 

Indess um sich er verständlich zu machen, ist es dienlich, zuvor 
die verschwisterte partikel at möglichst in ihrem wesen zu ergründen; 
denn hier hat die Untersuchung um deswillen mehr aussieht auf sichern 
erfolg, weil at durch das bereits eingehend erörterte, über alle ger- 
manischen dialekte verbreitete ja eine vortreffliche beleuchtung und 
erklärung finden muss. Da nämlich beide partikeln, at wie ja, der 
ursprünglichen form nach identisch sind, so dürfen wir von der einen 
Schlüsse machen auf die andere , und wenn at uns nur in wesentlich 
einer function erscheint, so sind wir berechtigt bei der beantwortung 
der frage nach dem woher ? derselben die mannigfaltigen functionen 
von ja herbeizuziehn , weil es wahrscheinlich ist , dass auch at diese 
einst alle oder zum teil ausübte und dass unter ihnen noch diejenige 
erhalten ist, aus der die später allein noch von at vertretene floss. 

ja und at haben nun das gemeinsam, dass sie immer an der 
spitze des satzes stehn — mit teilweiser ausnähme der got. Schwächung 
von ja nämlich ei — eine eigentümlichkeit , die ja erst in der neuern 
zeit verloren hat; beide auch werden satzverbindend gebraucht, ja im 
ahd., as. , ags. (als Schwächung ge) got. (als Schwächung ei), dagegen 
at nur im nord. , welches dafür ja nicht in diesem sinne verwendet; aber 
während ja ausserdem auch andre, auf den eignen satz beschränkte 
functionen hat, sind diese sämtlich von at aufgegeben worden, sodass 
es nur noch satzverbindend ist; und ferner, at dient der Verbindung 
logisch untergeordneter sätze , ja und seine Schwächungen verbinden auch 
beigeordnete gedanken. Es legt sich nun die frage nahe, welche func- 
tion die ältere ist, die satzverbindende oder die nichtsatzverbindende, 
die coordinierende oder die subordinierende. Die autwort liegt kaum 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 135 

ferner ; denn man darf wohl ohne weiteres entscheiden , dass die satz- 
verbindende kraft sich erst auf grund der nichtsatzverbindenden ent- 
wickelt hat, sodass mit Sicherheit auch für at frühere functionen als 
nichtsatzverbindende partikel vorauszusetzen sind. Nicht so leicht lässt 
sich sagen, ol) innerhalb der satzbindeuden fuiiction die fähigkeit zur 
beiordnenden und die zur unterordnenden sich gleichzeitig oder succes- 
sive entwickelten, und wenn lezteres, in welclier folge es geschah. 
Machen wir uns zunächst klar, wie die aus ^jat differenzierten wört- 
chen ja und at überhaupt aus nichtsatzverbindenden zu satzverbinden- 
den geworden sein mögen. 

Was die coordiuierende bindung durch ja betrifft, so leitete ich 
dieselbe oben unmittelbar aus der anaphorischen Zurückweisung auf 
das vorhergehende ab , und diese Vermutung hat ja wol viel Wahrschein- 
lichkeit für sich. Allein derselbe weg konte unmöglich auch zur sub- 
ordinierenden bindung führen, denn wenn es z. b. Saem. zu Grimn. 1 
heisst: Oäinn segir, at pat er in mesta lygi^ so steht da Odins urteil: 
pat er in mesta lygi zu Saemunds werten Oäinn segir schlechter- 
dings in keiner beziehung, erstere werden nicht ausgesprochen mit 
irgend einer, wenn auch noch so unbestimten beziehung auf leztere, 
at kann also hier nicht anaphorisch sein, nicht auf das vorhergehende 
zurückweisen. Aber urgierend ist es auch nicht , denn wenn auch diese 
auffassung hier vielleicht passen möchte, so lässt sie sich doch nicht 
auf die gesamtheit aller ähnlichen fälle anwenden; ebenso w^enig ist es 
steigernd oder bejahend, diese erklärung passte gleich gar nicht über- 
all. Mithin bleibt nur noch übrig, at als part. explet. — dass ja so 
fungiert, wissen wir — zu nehmen, die ursprünglich überhaupt vor 
hauptsätzen, besonders in lebhafter rede und gegenrede, beliebt gewe- 
sen sein mochte, weiterhin aber vorzugsweise als einleitung der ange- 
führten werte eines andern angewendet wurde, um dessen rede von der 
eignen des sprechenden abzuheben; dies gestaltete sich nun allmählich 
zum prinzip , und die subordinierende conjunction war fertig. Ebenso 
bei objectssätzen andrer art, z. b. Häv. 139 Veit eJc, at eh hekk; ist 
hier at schlechtweg anaphorisch? kann das heissen: „mein damaliges 
hängen fand statt in bezug auf mein jetziges wissen?'' unmöglich; 
auch die urgierende, steigernde, bejahende bedeutung von at kann 
nicht für die masse der ähnlichen Sätze herbeigezogen werden. Viel- 
mehr ist at hier eben ursprünglich in expletivem sinne vorgetreten; 
das Verhältnis des zweiten satzes zum ersten ist ohne jedes zeichen an 
sich, klar, aber die unverbundene anfügung desselben wurde gewiss, wie 
noch heute, als eine merkliche härte empfunden; zur milderung schob 
man das flickwort vor, dies sezte sich allmälich für diese fälle fest 



136 KLINGHARDT 

und wurde so exponent des uutergeordneten satzes. Denselben weg 
nahm at vor allen andern Sätzen , als deren zeichen es späterhin diente. 
Es ist aber die von mir hier gegebene darstellung keine rein theore- 
tische, vielmehr wird sie gestüzt und getragen durch die analogie von 
Vorgängen , die sich in deutlicher klarheit noch unter unsern äugen 
vollziehn. Es findet sich nämlich im mnl. wie im niederdeutschen die 
flexionslose neutralform al vom pron. indefin. al häufig als pari expl. 
gebraucht: es tritt aber dieses al mit verliebe und mit einer gewissen 
regelmässigkeit vor nebensätze conditionaler art und gewint dadurch in 
solchem cfrade den schein eines charakterisierenden Satzzeichens und 
Satzbindemittels , dass Martin im glossar zu Reinaert und Schiller- Lüb- 
ben (1 , 48) dasselbe geradezu als conjunction aufführen , was es natür- 
lich an sich nicht ist. In ähnlicher weise neigte unsere deutsche 
spräche längere zeit dazu, die partikel ,,und" als nichtssagendes flick- 
wort vor eine menge von nebensätzen zu setzen, um sie allmälich zu 
deren kenzeichen zu stempeln (Tobler, Germ. 13, 91 fgg.); die bewe- 
gung gieng wider rückwärts/ doch wird dadurch der wert dieser ana- 
logie um nichts vermindert. Dass got. ei dieselbe entwicklung durch- 
laufen haben muss, wie altn. at ^ braucht wol nicht erst gesagt zu 
werden. 

Jezt können "wir nun auch Stellung nehmen zu der oben aufge- 
worfenen frage, ob in Ja, at die coordinierende und die subordinierende 
kraft sich gleichzeitig entwickelt haben oder successiv, eventuell in 
welcher folge. Die antwort wird dahin lauten , dass beide auf verschie- 
denem wege zu ihrer ausbildung gelangt sind, dass daher auch mit 
Innern gründen nicht nachzuweisen ist, welche von ihnen den endpunkt 
ihrer entwicklung zuerst gefunden hat; denn wenn auch die copulative 
function unmittelbar auf der primären , der schlechtweg anaphorischen 
bedeutung, die subordinierende function aber auf einer secundären, der 
expletiven beruht , so liegt in diesem verwantschaftsverhältnis doch noch 
kein chronologisches indicium. Doch sei eine tafel der verwantschaft- 
lichen beziehungen, in denen die verschiedenen bedeutungen des acc. 
neutr. ja, *jat zu einander stehn,^ hier eingefügt; dieselbe ist folgende: 

schlechtweg anaphorisch 



satzverbind. -coordin. partic. explet. urgierend 



satzverbind.- bejahend steigernd 
subordin. 

1) Der gemeine manu braucht aber noch heute ,,uud" oft überflüssig, als 
flickwort. besonders wenn sein redefluss etwas stockend ist. 

2) Vgl. 8. 130 — 132 die darstellung von ahd. Ja. 



SYNTAX DES GOTISCHEN LI 137 

Möglicherweise freilich entwickelte sich, wie schon bemerkt wurde, 
die copulative function ganz oder zum teil auch mit aus der exple- 
tiven, wie denn üborluiiipt alle diese bedeutungen iu der Wirklichkeit 
nicht so sauber und glatt neben einander her verlaufen sein werden, 
wie dies im Schema scheint; aber dasselbe gibt doeli wenigstens die 
grundzüge der vermutlichen entwicklung an. 

Der eutwieklungsgang von er (d. i. gen. \jas) , auf das ich jezt 
zurückkomme, wird uns nun , nachdem natur und geschichte von at 
festgestelt ist, keine Schwierigkeit mehr bereiten. Dieser genitiv mochte 
ursprünglich in »ler weise eines genit. partit. auf eine grupi»e vorer- 
wähnter begrirte , erscheinungen , tatsachen , zu denen die einzelne in 
rede stehende gewissermassen als ein teil gehörte, hingewiesen ha])en; 
späterhin deutete ''jas auf verwaute gruppen algemein bekanter Vorstel- 
lungen, die keiner besondern erwähnung im vorhergehenden bedurften 
und wurde endlich in derselben weise indefinit, wie ahd. ju von der 
bedeutung tumj tum jam, jam zu der von quondam gelangte, und wie 
auch at vor der expletiveu bedeutung eine indefinite Vorstufe durch- 
gemacht haben muss. Um diese zeit war schon längst die casusnatur 
des Wortes vergessen und gewiss aiicli die form desselben geschwächt. 
Der Übergang aus der function einer part. indefin. in die einer part. 
explet. war dann ein sehr leicliter, und als es weiterhin beliebt gewor- 
den war, diese partikel besonders an der spitze gewisser untergeord- 
neter Sätze zu gebrauchen, so währte es nicht lange mehr, und sie 
wurde zu deren festem kenzeichen. So wurde er unterordnende parti- 
kel, hat aber dabei im ältesten nordisch noch nicht seine eigenschaft 
als part. explet. aufgegeben, wie dies bei dem schon im rückgang 
befindlichen at der fall ist. 

Schliesslich sei noch erwähnt, dass der gen. '^jas auch im got. 
erhalten ist, nämlich im ersten teile der form iz-ei, worauf auch 
Tobler, Germ. 17, s. 283 aufmerksam macht. Offenbar war die con- 
junctionelle kraft von is nicht mehr verstanden worden und man hatte 
deshalb das im Sprachgefühl noch deutlich empfundene ei angeschoben; 
so entstand iz-ei^ d. i. ^jas-ja, eine bildung, die an deutsche worte 
erinnert wie das landschaftliche „haderlump,'' ' dessen erster teil nahe 
daran ist, der spräche unverständlich zu werden und darum durch sein 
synonymurn eine stütze erhalten hat. (D. wb. IV. 2, 116.) 

Wenden wir uns nun zu gotisch ei, welches ich oben bei der 
besprechung der got. partikeln vom Ja- stamme bei seite Hess, um es 
erst am Schlüsse zu behandeln, damit das ganze licht der vorausgehen- 
den Untersuchung darauf falle. Dass ei zum Ja- stamme gehöre, ist, 
wie gesagt, wol algemein anerkant. Nicht so einig ist man sich über 



138 KLINGHARDT 

den casus , auf dem es beruht : am meisten aber hat für sich der accu- 
sativ, für den schon die form spricht. Voll würde er lauten '■^'jat, aber 
das f fiel ab wie in hva (cf. altn. *jaf (at) , hvat), und ja gieng in 
ei über, auf grund desselben gesetzes, demzufolge die gleichlautende 
silbe mehrsilbiger Wörter, wenn sie unbetont ist, zu ei wurde; denn 
auch die partikel ei ist unbetont, sie steht nämlich entweder enklitisch, 
wie in sa-ei aus sa-ja, vait-ei aus vaif-ja (vgl. nas-ei aus nas-ja\ 
oder proklitisch, wie z. b. in Ut ei saihvam aus Ict^ ja saihvam und 
überhaupt überall da, wo sie Sätze einleitet. Die differenzierung von 
ja in ja und ei, welche sich im got. findet, darf ebenso wenig auffal- 
len, wie die ganz ähnliche Spaltung von ja, die wir anderwärts schon 
wahrnahmen, und zwar ist im as. und ags. ja (gea) ganz wie im goti- 
schen der Schwächung zu ge da verfallen, wo es satzbindend (procli- 
tisch) steht. Es wird aber die accusativische natur von ei noch wahr- 
scheinlicher durch den umstand, dass ausser dem im nordischen und 
spurenweise im gotischen erhaltenen genitive kein andrer casus von ja- 
als eben der accusativ in den german. dialekten nachweisbar ist; wolte 
man also in ei einen andern casus suchen als den acc, so würde man 
in den verwanteu dialekten schlechterdings keine stütze für diese hypo- 
these finden, während jeder einzelne dialekt eine reihe von anhalts- 
punkten gewährt, welche ei als alten accusativ wahrscheinlich machen; 
und so werden wir mit notwendigkeit auf die Vermutung geführt, dass 
schon in der germanischen Ursprache das pronomen ja- als solches 
aufgegeben worden ist, und die neutralen casus ja (jat) und *jas nur 
als erstarte partikeln weiter geführt worden sind, sonst aber nichts. 
Erwägen wir noch , das ei sowol in seiner nichtsatzverbindenden func- 
tion (urgierend, expletiv) als in seiner satzverbindenden (beiordnend, 
wie ich zeigen werde, und unterordnend) mit den unzweifelhaft accu- 
sativischen partikeln vom stamme 7a, wie sie in den andern germani- 
schen dialekten leben, zusammentrift , so bleibt wol kein zweifei mehr 
übrig über die ursprüngliche casusnatur von ei. Welches aber die syn- 
taktischen functionen von ei sind, welche Wandlungen und Verschiebun- 
gen dieselben erfahren, das erschöpfend darzustellen, ist die aufgäbe 
der nächstfolgenden Untersuchung. 

Zum schluss aber kann ich mir, obgleich ich den beweis für die 
accusativische abstammung des ei durch das gesagte bereits völlig 
erbracht erachte , doch nicht versagen auf die merkwürdige analogie 
des griech. und der verstärkten, aber in der syntaktischen natur 
gleichwertigen form o-ri ^ hinzuweisen. Diese mit german. ja, at, ei 

1) Dass die coDJunctionelle function von o durch die anfüguiig von t/ in 
keiner weise modificiert wird, hebt auch Delbrück, Forsch, s. 54 — 55 hervor. 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 139 

formidentische partikel steht nämlich erstens nichtsatzverbinclend, indem 
sie in abhängigen fragen und sog. veralgemeinernden relativsätzen an 
das pronomen tritt (6-;iolog, 6 -71600g, o-ttov usw.), und zwar wirkte 
sie da nicht eigentlicli anaphorisch, sondern entweder urgierend oder 
expletiv; auf lezteres scheint der umstand hinzudeuten, dass <)- in indi- 
recten fragen ebenso gut fehlen wie stehen konte, und die obligato- 
rische Setzung zum pronomen in veralgemeinernden relativsätzen spricht 
gleichfals dafür, da die expletive und die indefinite function nächste 
verwante sind, wie wir vorhin sahen. Es findet zwischen o-noloq 
und sa-ei jedenfals eine sehr bemerkenswerte analogie statt, die in 
keiner weise etwa dadurch beeinträchtigt wird , dass die partikel 
dort pro-, hier enklitisch antritt. Entschieden expletiv ist in sei- 
ner verstärkten form o-il als einleitung der von jemand wörtlich ange- 
führten rede eines andern, und auch hier stimt es merkwürdig mit ei; 
denn wir wissen, dass dieses im gotischen ganz in derselben weise die 
direct angeführte rede eines andern einführt, nur dass es meist ver- 
schmolzen erscheint mit einem vorausgehenden /;rt^rt, welches natürlich 
zum sog. regierenden satze zu construieren ist. Es gilt aber für die 
function von ö und ei in diesem falle gewiss dasselbe, was ich oben 
über altn. at und er sagte: sie konten einst überhaupt, zur belebung 
der rede, vor sätze aller art treten, wurden aber almählich besonders 
an der spitze von direct angeführten werten eines andern gebraucht, 
um diese von den eignen worten des redeuden äusserlich abzuschei- 
den. erwuchs jedoch ferner ganz in derselben weise auch zum ste- 
henden zeichen von subordinierten Sätzen andrer art, nämlich sogenan- 
ten inhaltssätzen und causalsätzen (Krüger, Spr. dial. 56, 7, 10; 65, 
8, anm.), es zeigt sich also auch hierin in engster verwantschaft mit 
got. ei und nord. at^ nur dass at mehr oder weniger auf inhaltssätze 
eingeschränkt ist, während ei ausser in Inhalts- und causalsätze 
(M. 8, 27; Mc. 1, 27; 6, 2 usw.) sich auch noch in nebensätze andrer 
art eingeführt hat, besonders fiualsätze, sodass es an die mannigfal- 
tigkeit des indischen yad erinnert. Ferner steht o auch coordinierend ; 
freilich finden wir hiervon, wie von der gleicheai Verwendung des goti- 
schen ei, nur geringe spuren, diese sind aber um so weniger zu miss- 
deuten. Betrachten wir nämlich fügungen wie oio^' öqaoov (Krüger, 
Spr. dial. 54, 4, 2), so werden wir unmöglich mit Grimm (Kuhns 
ztschr. I, 144 fgg.) einen Übergang aus indirecter frage in den unmit- 
telbaren imperativ annehmen können, erstens weil keine indirecte 
frage einleiten kann , zweitens weil ein solcher Übergang beispiellos und 
an sich undenkbar ist. Vielmehr wirkt hier copulativ, eine function, 
die wir von ja bereits aus den german. dialekten kennen, und die 



140 KLINGHARDT 



« 



redensart soll jedenfals nur heissen: „Du weisst es uud | darum] tu es 
nur ." uud darauf folgt erst die mitteiluug des angeblich gewusteu , ein 
rhetorischer kuustgriff, wie deren gerade die Volkssprache viel besizt; 
das griech. selbst zeigt uns ähnliches in stellen wie «H* ogag^ w 2io- 
y.QccTeg, öi/.ata doxei leyeiv llQcovayoQctg , wo ogag die bezügliche aner- 
kennuug schlechtweg als eine nicht abweisliche, schon volzogene vor- 
aussezt, u.a.m., s. Krug. Spr. dial. 59, 1, 11. Weiter hierauf einzugehn 
gestattet mir der zugemessene räum und der auf anderm gebiete lie- 
gende zweck dieses aufsatzes nicht , ich denke aber , die sache muss für 
sich selbst sprechen . sobald man nur meine erklärung nicht einzeln zur 
beurteilung herausgreift, sondern die ganze bisherige Untersuchung in 
ihrer gesamtheit im äuge behält; auch will ich zugeben, dass o viel- 
leicht nicht die strict copulative kraft von za/ hat, jedenfals aber ver- 
hindert es . dass die beiden verba auseinanderklaffen und stelt eine ver- 
mitteluug zwischen ihnen her . eine function , die man doch füglich als 
copulativ bezeichnen muss. Es ist aber dies olod^ o öoäoov ganz ana- 
log dem gotischen saihvip ei atsaihvip Mc. 8, 15 (ogäze, ßliTtere), wo 
ei nur die aufgäbe hat, die beiden imperative zu verbinden; G. L. nah- 
men es freilich final, aber diese auffassung verhindert sowol der sinn 
der stelle als auch der indicativ des zweiten verbums; Bernhardt, zu 
1. Cor. 4 . 5, nent es ., zugesezt" und meint, es diene wie griech. 
oTTvjg^ ha zu angelegentlicher aufforderung; er fasst es also im gründe 
auch final. 

So zeigt also o in der tat sow^ol in seiner nichtsatzverbindenden 
fonction wie als subordinierende und als coordinierende partikel die 
schlagendste ähnlichkeit mit got. ei resp. altn. at. Ziehen wir nun in 
betracht. dass auch griech. ^, eine partikel, die nur eine von o diffe- 
renzierte form des neutrums ^at bildet (Delbrück, Forsch, s. 77), ganz 
und gar mit ahd. mhd. ja übereinstimt , indem es urgierend an die 
spitze von positiven und interrogativen Sätzen tritt, so ergibt sich eine 
so enge gemeinschaft des griechischen und germanischen in der Ver- 
wertung dieses neutralen accusativs , dass man kaum umhin kann anzu- 
nehmen, dieser casus habe bereits in der europäischen grundsprache 
eine bestimte Stellung als partikel gewonnen. 

Hiermit stünde ich am. Schlüsse meiner Untersuchung; doch da 
meine im obigen gegebene darstellung bezüglich der entwicklung und 
function von o (oti) als unterordnender conjunctiou von derjenigen eines 
so namhaften forschers wie Delbrück abweicht, so halte ich es noch 
für meine pflicht, die gründe, aus denen ich mich seiner ansieht nicht 
anschliessen kann, in der kürze darzulegen, um so mehr als alles, 
was (ort) betriff, ganz so auch von ei und at gilt: alle drei con- 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 141 

junctioneu sind auf dio gleiche weise zu erklären. Delbrück nun sagt 
(Forsch, s. 55) in bezug auf die durch o eingeleiteten sätze: „Der con- 
junctionssatz soll — das ist die int^Mition der spräche — zu dem haupt- 
satz in demjenigen Verhältnis stehend gedacht werden, welches sich im 
accusativ verkörpert hat." Nun sei aber o nicht im spätem sinne des 
accusativs als objectcasus zu fassen, sondern vielmehr b<»ruhe seine 
function auf der alten Stellung des accusativs als „algemeiner casus 
obliquus," die dieser so Lange inne hatte, als es ausser ihm und dem 
nominativ und vocativ noch gar keine andern casus gab; damals habe 
er nur bezeichnen sollen, dass ein nomen zu einem andern sazteile in 
irgend einer beziehuug stehe, und ein rest dieser bedeutung liege in o, 
denn „schwerlich könne in dieser conjunction der accusativ etwas ande- 
res bedeuten , als dass der hauptsatz zu dem nebensatze in irgend einer 
nicht deutlieh bezeichneten beziehung stehe." So Delbrück; wenden 
wir nun seinen ersten satz auf ein concretes beispiel an, als Ißöa, otl 
ßaoilivg .TQooeQxerai : hier soll nach Delbrück der Inhalt des conjunc- 
tionssatzes in accusativischem Verhältnis zu dem des hauptsatzes stehn; 
der könig würde also mit irgend einer, nicht deutlich bezeichneten 
beziehung auf das ßoav jenes Soldaten herangerückt sein: aber der 
könig hat bei seinem heranrücken schlechterdings nicht an die meidung 
des lezteru gedacht. Oder nehmen wir ein andres beispiel: avi/.Qayov 
Ol Traoovreg, ozl Lf/ 6 dvrjQ ; lebt hier der kranke noch mit bezug, 
mit rücksicht auf das nachmals durch die entdeckung seines fortlebens 
hervorgerufene geschrei? gewiss nicht; vielmehr findet das umgekehrte 
statt, es schreien die umstehenden mit bezug auf das noch vorhandene 
leben des kranken, so wie dort die meidung des Soldaten mit bezug 
auf den anmarsch des königs geschieht. Es handelt sich also hierbei 
nicht etwa um eine logisch spitzfindige Unterscheidung, sondern es ist 
sachlich zweierlei, ob die handlung des nebensatzes vor sich geht mit 
bezug auf die des hauptsatzes, oder die handlung des hauptsatzes mit 
bezug auf jene des nebensatzes. Dies ist auch so richtig , dass selbst 
Delbrück sich genötigt sieht, im schlusssatze seinen ersten satz auf den 
köpf zu stellen und zu erklären, o bedeute, dass der hauptsatz zum 
nebensatze in irgend einer beziehung stehe. 

Kann nun aber doch noch der ausdruck des allein richtigen Ver- 
hältnisses — dass nämlich die handlung des hauptsatzes bezug hat auf 
die des nebensatzes — durch die casuelle kraft von o vermittelt sein, 
nämlich derart, dass dieses urspiünglich im hauptsatze gestanden hätte, 
später aber, ganz wie das deutsche „dass,'* allmählich in den neben- 
satz herübergeglitten wäre? ein satz wie ev vv y.al rj/netg l'Sf.i6v o tol 
oO-ivog ovy, alanadvöv wäre dann ursprünglich mit der pause nach o 



142 KLINGHARDT 

ZU verstebu: „wol haben nun auch wir kentnis in der hinsieht, [näm- 
lich] nicht ist dir schwächliche kraft." Diese hypothese erscheint auf 
den ersten blick ansprechend, aber doch ist sie zurückzuweisen. Ein- 
mal nämlich bietet das deutsche „dass" wegen der Verschiedenheit des 
pronomiualstannnes und der daran geknüpften function keine wahrhafte 
analogie. Sodann müste jene annähme die gleiche interpretation für die 
übrigen coujuuctionen des Jd-stammes, wie bze, oytove (?), evre, %va 
usw. (Delbrück, Forsch, s. 53), nach sich ziehn, eine consequenz, die 
schwerlich jemand zu ziehn geneigt sein dürfte. Ein hauptgrund gegen 
sie liegt aber in der Verstärkung, die o durch vi erhalten hat; denn 
enthielt das ursprünglich im hauptsatz stehende o eine Vorausbeziehung 
auf das folgende, so muste durch anfügung von tl eine trübung dieser 
beziehung ins indefinite herbeigeführt werden und die klarheit und 
stärke der satzbindung leiden, und darum ist eine andere deutung von 
o zu suchen; die von mir im obigen gegebene aber bewährt sich auch 
hier, denn ist o eigentlich pari explet., so hat die anfügung von tl 
durchaus nichts auffallendes, da ja expletive partikeln gleichfals etwas 
indefinites haben, die vom ja- stamme sogar wahrscheinlich durch ein 
indefinites Stadium hindurch gegangen sind. Noch mancher andere 
umstand spricht gegen die obige hypothese, doch muss ich, mit rück- 
sicht auf den Charakter dieser Zeitschrift, auf eine weitere erörterung 
verzichten, es kam mir auch vor allem nur darauf an, meine abwei- 
chung von Delbrück zu begründen: zur sache aber gehörte, wie schon 
oben bemerkt , auch dieser lezte abschnitt um deswillen , weil alles, 
was zur aufhellung von griech. o (oxl) dient, unmittelbar und direct 
auch die erkentnis von got. ei fördert, eine hülfe, die nicht von der 
band zu weisen ist, wenn auch die vergleichung der german. dialekte 
allein schon vermag, uns zu einem richtigen Verständnis desselben zu 
führen. 

IL 

Die gotische partikel ei. 

Um den richtigen Standpunkt zu finden für die betrachtung von 
got. eij hatten wir in dem einleitenden abschnitte — da diese partikel 
aller Wahrscheinlichkeit nach dem anaphorischen pronominalstamme ja- 
angehört — uns einen überblick zu verschaffen gesucht über die formen 
und bedeutungen, welche sich noch vom Ja -stamme in den german. 
sprachen erhalten haben. Dieser reste sind nun freilich gar wenige, 
wie wir sahen ; denn ausser den nicht ganz klaren Weiterbildungen jabai 
und jarns ^ weisen die sämtlichen german. dialecte nur eine einzige 

1) Vgl. Leo Meyer, g. spr. s. 318. 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 143 

adverbiale und zwei casuelle bildiin^^^en dieses inonominalstammes auf. 
Die erstere ist uns eilialten in got. ahd. /z^/ as. f//o, ags. (fco; die 
beiden casusformi*n gehören dem sing, neutr. an und sind der genitiv 
und der accusativ desselben. Der genitiv niuss einmal 'yas gelautet 
haben, zeigt sich uns aber im altn. in der form er und erscheint got. 
im ersten bestandteile des relativen adverbiums ix-n': die andern dia- 
lekte kennen diesen casus nicht mehr. Dagegen ist der accusativ über 
alle dialekte verbreitet und entwickelt dal)ei eine verhälini>mässig nicht 
geringe mannigtaltigkeit der formalen gestaltung. Erstens nämlidi 
haben wir von anfang an zwei parallele formen '^jat und ja anzusetzen, 
von denen die erstere nur eine einzige spur, nämlich im an. at, zurück- 
gelassen hat, während die andere in allen german. dialekten lebt. 
Sodann erleidet widerumy« dadurch Veränderungen, dass es entweder ver- 
stärkt wird, got. zu jai und jau , got. ahd. zu jnh^ alid. zu jauhj jouh, 
joh , as. 7A\ Jak (= au. oA'.?), oder sich schwächt as. ags. zu yc, got. zu ei. 
AVir haben aber aucli überschau gehalten über die bedeutungen, 
welche sich in den eben genanten resten des 7a -Stammes entwickelt 
haben. Und zwar giengen wir naturgemäss aus von der den stamm 
charakterisierenden anaphorischen bedeutung, die in der tat auch noch 
sowol in der partikelbilduug als in den beiden casusformen deutlich 
erkenbar ist. Jene (got. ahd. J«, as. gio , ags. geo) hat ursprünglich 
die Wirkung, bei mitteilung irgend eines umstandes an damit zusam- 
menhängende aber zeitlich vergangene Verhältnisse zu erinnern, die 
dabei entweder vorher erwähnt oder dem angeredeten, bezw. allgemein, 
bekant sein müssen. Diese bedeutung aber, die wir mit uuserm „schon" 
widerzugeben pflegen, hat sich nur got. ahd. erhalten, as. ags. ist 
die anaphorische bedeutung in die indefinite übergegangen {quondam).^ 
Auch die casusformon ''^jnt^ ja und "^jas haben natürlich von haus aus 
anaphorische function , d. h. sie weisen auf etwas vorerwähntes oder 
dem angeredeten oder der allgemeinheit bekantes hin; insbesondere 

1) Grimm, gr. III, 250 und Bezzciiberger , advv. und partt. s. 85, anders Leo 
Meyer g. spr. s. 319. 

2) Wenn ich der äusserung got. atist , er ist d.i , noch ju hinzufüge , so 
macht diese partikel aufmerksam auf den früher besprochenen oder aus den algemei- 
neu Verhältnissen hervorgehenden Zeitpunkt, für welchen eigentlich erst das da -sein 
zu erwarten stand : wir erzielen denselben eindruck mit unserm freilicli einem ganz 
andern eutwicklung.sgange entsprungenen „schon." Wird nun der gebrauch von Jh 
immer häufiger, dehnt er sich almählich auch auf weniger genau oder halb bekante 
Zeitverhältnisse aus, so langt er endlich auf einem punkte an, wo ju auf eine völ- 
lig unbekante zeit hinweist , die der hörer nach belieben ansetzen kann ; dann ist 
die hiuweisung also eine völlig indefinite, wie die unseres ,,einst," und auf die- 
ser stufe stehen as. ags gio , geo. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHK PHILOLOGIE. I;D. VIII. 10 



144 KLINGHARDT 

aber kenzeichiiet die form des accusativs deu bezugsgegenstaiid als 
inneres object (accus, des bezugs), die des genitivs lässt denselben als 
einen höhern und allgemeinern begriff erscheinen , von dem der in rede 
stehende nur einen teil bildet (genit. partit.V Der genitiv hat die alte, 
rein anaphorisehe function vielleicht noch spurenweise im nordischen er 
erhalten; sicher nachweisbar ist dieselbe für den accusativ im hoch- 
deutschen, und möglicherweise in dessen got. Verstärkung jau (R. 795). 
In der hauptsache haben aber beide casus ihre anaphorisehe natur auf- 
gegeben und sind, gleich der partikel ju usw., indefinit geworden, eine 
bedeutung. welche sich dann weiterhin in die expletive geschwächt hat; 
denselben funetionswandel finden wir in den demonstrativis der franz. 
und engl, ausdrücke il y a^ ffiere is , thcrc are, welche ursprünglich 
anaphorisch gemeint waren, durch die unbestimtheit ihres bezugsobjec- 
tes aber indefinit Avurden und jezt völlig bedeutungslos , abundant stehn. 
Erhalten scheint die expletive function noch in altn. er ; auch erschliesst 
sie sich mit Sicherheit aus der unterordnenden function, die dem er 
und seiner got. schwesterform is-ei zukomt, sowie aus der gleicharti- 
gen Verwendung der accusativischen formen altn. at, got. ei^ indem 
diese partikeln weder als bestandteile des nebensatzes noch des haupt- 
satzes zu begreifen sind, und cousequenter weise nur die erklärung 
gestatten, dass sie ursprünglich bloss bestimt waren, die lücke zwi- 
schen beiden Sätzen auszufüllen , ohne selbst wesentlichen eigenwert zu 
besitzen. Durch derartige Verwendung jener Wörter trat aber eine art 
bindung ein, welche dieselben zu conjunctionen stempelte, während sie 
gleichzeitig als exponenten des nebensatzes erschienen und diesen deut- 
licher vom hauptsatze schieden als dies früher durch die beide tren- 
nende pause geschehen war. 

Es ist aber die anaphorisehe function noch andere v'ege gegan- 
gen als den ins indefinite, und von da durch expletive geltuug hin- 
durch zum conjunctionellen ; doch gilt dies nur vom accus, '^ja^ nicht 
vom genitiv '^jas , dessen altn. got. formen er und iz-ei ausserhalb 
des oben angegebenen gebietes nicht aufstossen. Indem nämlich '^ja 
auf die realität des bezugsgegenstandes hinweist und dieselbe als bekant, 
mithin unzweifelhaft charakterisiert, gewint es urgierende kraft; so fin- 
det sich hd. Ja und die got. verstärkte io\m jau. Nahe verwant, sei 
es als sprössling, sei es als modification, ist die steigernde function 
von ahd. ja, ags. ge, die sich auch für as. altn. ya vermuten lässt. 

Die kraft der bejahung, welche ja in allen germanischen dialek- 
ten inne wohnt, kann einen doppelten Ursprung haben, doch ist sie 
wahrscheinlich aus der urgierenden hervorgegangen, also eigentlich 
„profecto, immo,'" woraus einfache affirmation; freilich ist es auch nicht 



SYNTAX DES GOTISCHEN KT 145 

unmöglich , dass ja im sinne von frz. oui (hoc illud) und prov. oc (hoc) 
zu fassen wäre, also unmittelbar auf anaphorischer basis beruhte. 

Ebenfals zweifelhaft ist das copulative ja (ahd. as.), (je (ags.) 
und got. ei, soweit lezteres copulativ zu nehmen ist. Alle drei Parti- 
keln besitzen nänilicli die fähigkeit coordinierte sätze zu binden, ei frei- 
licli nur noch spurenweise; ob aber diese bedeutung unmittelbar aus 
der anaphorischen hervorgieng, indem jene wörtchen, etwa ähnlich dem 
afrz. .s/, auf den ersten der verbundenen sätze zurückwiesen, oder ob 
sie in ihrer entstehung und geschichte mit der subordinierenden func- 
tion von er, at und ei zusamraenfält , welche auf der expletiven beruht, 
lässt sich nicht mit entscheidenden gründen feststellen: die verwanten 
anklänge im gebrauch des deutschen so (z. b. N. 841, 1 u. ö.) schei- 
nen auf den erstem weg hinzuweisen, bilden aber keinen beweis.^ 

Dies waren die resultate, welche sich uns bei unserm flüchtigen 
überblick über form und bedeutung der in den german. dialekten erhal- 
tenen reste des Jr^- Stammes ergaben, und welche uns den richtigen 
gesichtspunkt gewähren selten für den hauptteil dieser Untersuchung. 
Wir dürften nun genügend vorbereitet sein , um uns diesem zuzuwen- 
den, der nur den gotischen dialekt ins äuge fasst, und da widerum 
nicht die gesamten reste des ja- Stammes, sondern lediglich die accu- 
sativform, und zwar nur die schwäcliung derselben ei, 

A. ei als nichtsatzverbindende partikel. 

Von den nichtsatz verbindenden functionen des j«- Stammes, die 
wir oben kennen gelernt haben, hat ei nur eine, nämlich die urgie- 
rende bewahrt und lehnt sich in diesem sinne an werte der verschie- 
densten art enklitisch an. Recht einfach ist dieser Vorgang bei 

patainei, welches entweder allein steht: M. 5, 47; 8, 8; 9, 21; 
10, 28. 42; Mc. 5, 36; L. 8, 50; 1. K. 15, 19; G. 1, 23; 2, 10; 5, 13; 
Ph. 1, 27; Sk. Ib, oder mit der negation ni verbunden: G. 4, 18. und 
mit dieser einem ah gegenüber: Sk. IVd, Vc, VII b, oder einem ak 
jali: 2. K. 7, 7 ; 8, 10. 21; 9, 12; K. 9, 24; 12, 17; 13, 5; Eph. 1, 21; 
Ph. 1, 29; 2, 27; 2. Tim. 2, 20; 4, 8. Das unverstärkte ^a^am findet 
sich nur 1. Tim. 5, 13; R. 9, 10; 2. K. 8, 19, allemal mit ni verbun- 
den und einem positiven ak jah gegenüber. Es hat also, entsprechend 
dem gewöhnlichen gang der spräche, der verstärkte ausdruck den ein- 
fachen verdrängt, und lezterer scheint nur noch da statthaft, wo schon 
in der gegenüberstellung eines negativen und eines positiven satzes 
eine gewisse emphase liegt. J. 9, 25 und G. 3, 2 i^ipatain nicht par- 
tikel, sondern noraen (object). 

1) vgl. unt. s. 155. 

10* 



146 KLINQHARDT 

Aber auch au sa, so. pafa kanu ci treteu. um eine vertäikte 
form saei, so ei, pafci 7A\ bilden. Als hauptbeleg eignet sich am 
besten die stelle Tit. 1, 5: in pizozei vaihfais hilaip pus in Kretai, in 
pize ei vamita afgaraihfjais jah gasafjais and hanrgs praizhutaircin, 
svasvc ik pus garaidida — , tovtoi '/ccotr ccTifkeinov oe sv Kgr^rr^j ha 
za iai.TOiTa e;nSioQ^(6o}^i; /.cd y.aiaoT\ot]Q, usw., vulg. : hu jus rei gra- 
fia. Die werte bilden, nach vorausschickung des grusses, den anfang 
des briefes , und es kann daher in Jrizozei vaihtais so gut wie das griech. 
TOVTOI x«?'»' nur auf das folgende gehn, wie auch Bernhardt z. d. st. 
anerkent und die augeführten worte selbst lehren. Gleichwol sucht 
B. diese beziehung auf das folgende mit der sonst üblichen relativi- 
schen auffassung von saei zu vereinigen und übersezt, indem er in 
pize als glosse ausscheidet: ..weshalb icli »lieh zurückliess, ordne das 
noch mangelhafte," etwa wie wir wol sagen: .,was ich sagen wolte, 
du must auch noch das und das tun.'* Allein wer sieht nicht, dass 
an unserer stelle, wo der Schreiber nach schluss des feierlichen grusses 
an gewichtiger erster stelle mit dem eigentlichen kernpunkte seines 
briefes anhebt, eine solche auffassung unmöglich ist? Dazu ist der 
griechische text hier so einfach und klar, dass mau nicht sagen kann, 
Vulf sei durch schwieriges oder falsches Verständnis in eine auffallende 
gotische construction und zu doppelter abweichung vom griechischen 
(nämlich Umsetzung des demonstrativs in das relativum und des finalen 
nebensatzes in adhortativen hauptsatz) genötigt worden. Es bleibt also 
nichts anderes übrig, als in pizozei vaihtais demonstrativ zu fassen, 
wie es sinn und ausdruck des griechischen textes erfordern. Es ist 
dabei wol bemerkenswert und interessant, ei an den demonstrativ 
gebrauchten /«-stamm in urgierendem sinne incliniert zu finden, aber 
etwas irgend anstössiges oder unwahrscheinliches liegt darin nicht vor. 
Was aber das folgende in pize betriff, so hat Bernhardt gewiss recht, 
wenn er sagt , dass pize für pizei geschrieben sei , denn die im folgen- 
den ausgesprochene absieht enthält einen, nicht mehrere umstände, und 
da in Jjize offenbar dem in Jjizozei vaihtais parallel steht, so hätte 
man zu übersetzen: ..Deswegen Hess ich dich zurück, damit dass du 
usw.*' Jedoch hat diese fast übermässig starke hervorhebung des fina- 
len Verhältnisses — ohne dass der griechische text eine veranlassung 
dazu böte — etwas sicherlich auffallendes , und ich nehme deshalb kei- 
nen anstand , diese worte mit B. für eine glosse zu in pizozei vaihtais 
zu erklären, nur sind sie ebenfalls demonstrativ zu nehmen, im sinne 
von 2^''opterea, nicht quapropder. Wir zählen also eigentlich zwei stel- 
len . wo ei sich in enklisis an den demonstrativ gebrauchten ta - stamm 
findet: in pizozei vaihtais und die glosse dazu in Jnze für in pizei. 



SYNTAX DES GOTISCHEN ET 147 

Ist aber die urgierende kraft von ei durch Tit. 1, 5 gesichert, so darf 
man wol auch 1. K. lo, 28 paü'i als verstärktes demonstrativ fassen; 
es heisst dort: patci (jal'm(j<uK (jasalip ist gegenüber griech. touto alöoj- 
lod^vTov tOTLv. Bernhardt bemerkt lakonisch: patci , rorro, „dass." 
Aber es ist nicht ersichtlich, warum Vulf. , zumal der sinn die weg- 
lassung von toTto nicht wolil gestattet, in dieser weise von seinem 
texte abgewichen sein solte, und darum scheint es mir methodischer, 
anzunehmen, dass seine Übertragung dem gi'iechischen vorbilde ent- 
spricht, mithin patei stark demonstrativ ist, was es ja nach obigem 
sein kann. 

Nunmehr dürfte auch 1. K. 1<>, 17 ai'n leih pal managans smm, 
J)aiei auJc allai ainis hlaihis .... hmJxjam (er aco^ia ol ttoV.oI la^iev, 
o) yag navTeg e/. rov Ivog agzoi .... uert/oiitv) in ähnlichem sinne 
ausgelegt werden können; denn wenn ei in Tit. 1, 5 die hinweisung 
auf folgende worte, in 1. K. 10. 28 die auf sinlich vorliegende dinge 
verstärkt, so kann man sich auch denken, dass es hier der auf den 
redenden und seine intellectuelle Umgebung gerichteten demonstrativen 
kraft von pai 7a\y stütze dient; wogegen paiei auk allai im sinne von 
dl yag ndvTsg, qiii enim omncs hart scheint und gleichfalls ein misver- 
ständnis involviert, das dem Übersetzer nicht nahe liegen konte. 

Selbst in Phil. 1, 17 lässt sich ip paiei recht wol im sinne von 
o\ dt fassen. An einem ip pai würde man nicht den geringsten anstoss 
nehmen; wenn nun ei, das in seiner urgierenden kraft algemein aner- 
kant ist, an pai tritt, so wird doch die Sachlage nicht geändert; denn 
berechtigt ist es nicht, deshalb, weil die Verbindungen des demonstra- 
tivs mit ei fast immer relativen wert haben, denselben grundsätzlich 
jede andere bedeutung abzusprechen. 

Eckardt in seiner dissertation „über die syntax des got. relativ- 
pronomens. Halle 1875," die sich durch klarheit und volständigkeit 
des materials auszeichnet, nimt s. 26 in l.K. 15, 1 l)atei aivaggeli, 
patei merida izvis, to eiayye?.iov , o evayyeho(x(.u]v viuv das erste patei 
demonstrativ Tanaph. dem.) = „jenes": ich mag mich aber hier nicht 
bestirnt entscheiden, weil die ganze stelle schwierig und der griechi- 
sche text selbst nicht sicher ist. 

Man vergleiche übrigens -uh , welches ebenfals die doppelte fähig- 
keit besizt, einmal die demonstrative kraft von sa, so, Jyata zur ana- 
phorisch satzbindenden (relativen) zu raodificieren, andrerseits dieselbe 
in rein deiktischem sinne zu erhöhen, s. GL. II, 2, s. 191. 

vaitei gehört ebenfals hierher. Dasselbe ist zweimal belegt: 
Job. 18, 35 Andhof Peilafus: vaitei ih Jndaiiis im? so piuda peina 
jah gudjans anafidhun pidc mis; hva gatavides? aTte/.Qid^t^ 6 TTeilccTog' 



118 KLINGHAKDT 

/</Jt/ iycyioiöcdog eiiii : usw.; vulg.: numquid ego Judäeus sum ? Luther: 
bin ich ein Jude? — 1. K. IG, 5 appau qima at izvis , Jmn Makidonja 
uslcipa: ^lakidonja auk pairhpaffga; ip at izvis vaitei salja aij)pau jah 
vintni Visa ^ rr(?6c vuctg de xvyov naoauerw i] y,al TcaQayßif^iaoio usw., 
vul^ata: a^md vos aidcm forsitan maneho vcl etiam hicmaho; Luther: bei 
euch aber werde ich vielleiclit bleiben. Der factische sinn von vaitei an 
diesen beiden stellen ist wol klar: es kenzeichnet den Inhalt der frage als 
möglicherweise bestehend, den der aussage als möglicherweise eintretend; 
nicht so leicht erkenbar ist die ursprüngliche bedeutung des wortes. Zwar 
dass es in vait-ei zu zerlegen ist, dürfte auf der band liegen; aber 
was ist vait? was ei? Mau ^ hat nun vielfältig vait für 3. pers. sg. 
und ei = „ob" genommen, und zu vait ein subject giip ergänzt, zu 
ei ein subject und ein verbum, wie es der betreffende Zusammenhang 
an die band gibt. Diese interpretatiou ist aber aus verschiedenen grün- 
den abzuweisen: erstens hat diese doppelte, haupt- und nebensatz fast 
gänzlich zerstörende ellipse von „weiss ob" für „gott weiss ob ich 
komme u. ä." nirgends, auch nicht unter den von Grimm DI, 74, 
IV, 260 angeführten stellen eine aualogie. Zweitens scheint der so 
ergänzte ausdruck, der den gegensatz in sich schliesst: „ich weiss 
nicht, ob ich komme," vielmehr auf die nichtVerwirklichung als auf die 
Verwirklichung hinzuleiten, während doch lezteres offenbar die absieht 
von vaitei ist; auch müste in der formel gup vait offenbar gup den 
hauptton getragen haben und hätte deshalb nicht schwinden können. 
Ferner koute diese ellipse von gup nur auf dem boden des monotheisti- 
schen Christentums erwachsen, dies aber war bei den Goten in der 
zweiten hälfte des vierten Jahrhunderts noch zu jung, der begriff des 
einen gottes noch zu wenig als ein selbstverständlicher in fleisch und 
blut übergegangen, als dass seine weglassung bereits natürlich und 
möglich gewesen wäre. Endlich aber, und dieser grund ist allein mehr 
wie hinreichend, ei fungiert niemals als indirecte fragpartikel , wie ich 
weiter unten nachweisen werde ; wolte man aber mit rücksicht auf lez- 
tern umstand anstatt „weiss ob" übersetzen „weiss dass," so würde 
man nicht nur denselben oben angeführten Schwierigkeiten begegnen, 
sondern man würde auch einen so stark beteuernden sinn in die formel 
legen, dass deren abschleifung zu dem sinne von Tvyor in den paar 
decennien, die das Christentum bei den Goten gesehen hatte, erst recht 
unbegreiflich wäre. 

Wenn somit die auffassung deus seit an zurückzuweisen ist, so 
scheint mir dagegen eine andere erklärung alles für sich zu haben: 

1) Zuerst Grimm III, 243 und IV, 260. 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 14J» 

ich meine nämlich , imit ist die erste person und ei urgierende eukli- 
tika, so dass das ganze ein verstärktes „ich weiss" oder „weiss ich" 
darstelt. Diese tbrmel konte bei den Goten uralt sein, und leicht ver- 
mag man sich vor/Aistellen , wie sich iiire ursprüngliche kraft, die vom 
sprechenden bestimt gewuste Wirklichkeit des gesagten stark hervorzu- 
heben, almählich dahin schwächte, dass sie nur noch eine vermutete 
Wirklichkeit, d. i. eine möglichkeit andeutete. Ganz ähnlich Verhaltes 
sich ja mit unserm „gewiss"; eigentlich hat diese partikel die unzweifel- 
hatte Sicherheit einer aussage anzudeuten, aber wenn wir jezt sagen: „das 
und das ist gewiss so oder so," so ist das betreffende urteil eben nicht 
gewiss, sondern ungewiss, nur Vermutung, und erst wenn wir „gewiss" 
weglassen, gewint das urteil den Charakter des gewissen, sichern, 
über das verwante hd. ich weiz> = certo, profedo vgl. Grimm III, 2 12, 3. 
Auch vainei, das sich von selbst in vain-ei zerlegt, ist hierher zu 
stellen. Unser text bietet uns dasselbe dreimal: l.K. 4, 8: rjdrj y.ey.oge- 
OjiievoL laze' tjdr/ ezelevu'^ociTf:.' /coglg r^(.t<.ov iiiaoü.tiocizt' /.ai o(fe).6v 
ys eßaoiluocat , h'cc /mI r^fiielg vjlup ovf.ißciGiXtvöiüf.iev. jn, sadai sijiip, 
ju gcibiyai vaurpu/tj inu ims piuclanodcdtip ; jah vai^iei piudanodedeipj 
ei jah vcis izvis miJ>-Jnudanoma. 2. K. 4, 1 ocfelov aveixeoS-e liov 
/iit'/.Qov Tt acpQoovvrjg' (x?J.c( ymI dvtyeoS^i liov. vainei uspidaidedeip 
meinaizos leitil hva imfrodeins; akei jah uspidaip miJc. G. 5, 12 o(f€ 
/.ov y.al vTco/MipovTaL oi avaoxaxoivxhg vfiiäg. vainei jah usmaifaindau 
pai drohjandans izvis. Es bedarf keines beweises, dass die got. Opta- 
tive 7^ /wfZrt>iOfMei/^, uspidaidedeip j usmaitaindau bereits volständig den 
sinn des griech. textes enthalten, nämlich die beiden opt. praet. einen 
der Wirklichkeit entgegenlaufenden wünsch, der opt. praes. einen sol- 
chen, dessen Verwirklichung denkbar ist. Auch wir können noch heute 
sagen: „und herschtet ihr doch!" u. ä. ; freilich ist uns die partikel 
„doch" zur deutlichen Charakterisierung des Wunsches fast notwendig, 
aber gerade dieser umstand scheint auf ein richtiges Verständnis des 
got. vainei hinzuführen. Ist nämlich der optativ ganz allein zwar im 
Stande, den wünsch auszudrücken (R. 15, 5; 2. Tim. 1, 16), so ist er 
doch auch fähig und, je nach den Verhältnissen, geneigt auch eine 
partikel zu sich zu nehmen, die sein wesen noch genauer bestimt. 
Deutsch tut dies die partikel .,doch/' indem sie im sinne von „den- 
noch" auf die der realisierung des Wunsches gegenüberstehenden Schwie- 
rigkeiten aufmerksam macht. Gotisch finden wir nun in ähnlicher Stel- 
lung vainei, dessen hauptteil vain- neutralform zu stamm vaina-, wo- 
von vaina-gs, ahd. ivena-g eine Weiterbildung, zu sein scheint. Bedeu- 
ten nun g. vainags, ahd. wenag valaLTtcoQog , infelix^ miser, so ist 
vain-ei ein verstärktes misenun! und deutet auf die unangenehme, trübe 



150 KLINGHARDT 

läge resp. Stimmung, die dem redenden seinen wiinsch entlockt. Eine 
innere bedeutungsverwantscliaft liegt also zwischen vainei und ocpelov 
nicht vor, aber jenes mochte wie dieses, durch vielfachen gebrauch 
abgenuzt. zu einer ziemlich abgegriffenen, farblosen partikel, etwa im 
werte unserer deutscheu interjection „ach!" herabgesunken sein, und 
so rief das im griech. neben dem verbum stehende oqeXov rein äusser- 
lich die anwendung von vainci hervor. Möglich auch, dass im goti- 
schen vainei in tallen Avie die vorliegenden schon üblich war, ähn- 
lich unserni „doch"; aber etwas bestimtes lässt sich darüber nicht 
vermuten. Aus dem gesagten ergibt sich übrigens, dass die Über- 
setzung von „wenn doch" (L. Meyer, g. spr. 470) für vainei zwar 
stilistisch möglich ist, aber eher dazu dient, den eigentlichen sinn des 
Wortes zu verdunkeln als aufzuhellen. 

Fanden wir so das enklitische ei an pronominalformen, an eine 
verbalform und an zw^ei ueutra eines adjectivs angelehnt, so kann es 
uns auch nicht wunder nehmen, wenn wir dasselbe in gleicher weise 
an eine fragepartikel suffigiert sehen, nämlich an ihai.'^ Diese Verbin- 
dung, ihaieij ist uns erhalten J. 7, 31: ij) managai pizos manageins 
galauhidedun imma jah qepim: XristuSj pan qimip, ibaiei managizeins 
faiJi'anins taujai, ßaimei sa tavida? vxd Eleyov otl XgiGtogj oxav 
IMij, «>; TTleiova oijuda iTOir^oei^ cbv oirog hioirjOtv • vulgata: num- 
quid ]}lura signa faciet? Grimm, gr. III, 284 sagt hierzu ganz sach- 
gemäss: „die suffigierte form ihaiei Joh. 7, 31 bedeutet gleich der ein- 
fachen jiir^TL"; hieran werden auch wir festhalten müssen. Denn wenn 
GL. die änderung ei Xristus , pan qimip, ihai . . . vorschlagen und 
Massmann . Heyne , Bernhardt dieselbe geradezu in den text aufnehmen, 
so ist ihr grund nicht der, dass ei (patei) vor directer rede bei gegen- 
überstehendem griech. otl unentbehrlich sei, was es in der tat nicht 
ist (vgl. GL II, § 271, 4), sondern indem sie alle ei nicht als enklitika, 
wie Grimm , sondern als selbständige conjunction fassten , die hier keine 
stelle hat, fanden sie dasselbe überflüssig und darum siustörend. Aber 
ei ist. wie Grimm richtig erkante, suffigierte enklitika, und so betrach- 
tet hat ihaiei neben inpizei usw., vaiteij patainei, vainei durchaus nichts 
anstössiges. Übrigens hätten die herausgeber bei der annähme eines 
Versehens von selten des Schreibers eine erklärung geben sollen, durch 
welche umstände derselbe dazu verführt werden konte; denn zuächst 
hat ein irtum, wie er hier vorausgesezt wird, etwas sehr auffallendes.^ 

1) Über dessen nrsprüDghche substantivische natur s. K. Hildebrand , Con- 
ditionalsätze s. 10. 

2) An dieser stalle muss auch 1. K. 7, 17 erwähnt werden; wo Paulus, nach- 
dem er sich für die Zulassung gemischter ehen ausgesprochen, ja dieselben v. 16 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 151 

Bezzenberger (got. advv. und partt. s. 61) zieht noch die orts- 
adverbien hidre, hvaäre^ jaindrc hierlier. Aber so sehr sich diese 
Vermutung durcli ihre einfaehlicit emjtfiolilt, so wird sie doch durcli den 
umstand, dass gegen vierfaches -c in diesen Wörtern nur einmal -ei 
erscheint (L. 9, 41), sehr bedenklich. Audi ist in betracht zu ziehn, 
dass die partikel ci nicht nur da wo sie selbständig ist, sondern auch 
in den so mannigfaltigen fällen, wo sie im anschluss an andere worte 
erscheint, so deutlich, auch in ihrem lautwerte, im got. sprachbewust- 
sein lebt, dass für allein stehendes ei nie, für verbundenes nur ver- 
hältnismässig äusserst selten -r. erscheint. Nur in einem falle tritt 
allerdings häufiger Wechsel ein, nämlich in izei, wofür wir unter 18 fäl- 
len 7 mal die form ize finden. Es scheint, dass man, da für den 
ersten teil von iz-ci das Verständnis geschwunden war, das ganze nicht 
mehr als ein compositum, sondern als ein, natürlich adverbielles , Sim- 
plex ansah. Da es nun aber adverbien auf ci nicht gab, wol aber auf 
-e, so mochte allmählich das Sprachgefühl, durch falsche analogie ver- 
leitet , die form ize für die eigentlich richtige ansehn , und man fieng 
an sich an leztere zjli gewöhnen, um so mehr als auch die das Vorbild 
abgebenden partikeln und adverbien auf -e vorzugsweise, gleich izei 
{ize), pronominalen Charakters Ovaren {simle, pande, unte, ne, pe, svcj 
hve). Es können nun allerdings hvadre , hidre, jaindre denselben weg 
gegangen sein wie izei, ize, also beispielsweise: Jiidra, liidra-ei, liidreij 
und hieraus nach falscher analogie hidre; aber vielleicht auch verdan- 

als ein mittel christlicher propaganda indirect empfohlen hat, wider einlenkt und 
die entscheidung im gegebenen falle dem religiösen takte eines jeden überlässt: 
ti uij ixciaro) tbg hie'oi(7iv 6 y.vQiog , 'ixciOTOv öji; y.ty.).r]Xf:V 6 0-tög , ovrcag nfninu- 

TfiTO), in Luthers Übersetzung: doch wie einem jeglichen also wandele er. 

Vulf. bietet: ni ei hvarjammeh svasve gadailida giip, ainhvarjatoh svasve galdpoda 
gnp, sva gaggai. Hier ist alles klar bis auf ni ei. Nehmen wir nämlich ei = 
patei , also ,, nicht dass usw.," vgl. 2. K. 1, 24, so gibt das einen verkehrten sinn 
und eine starke, unerklärliche abweichung vom griech. texte; eher geht es, wenn 
wir ni im sinne von niha verstehn , vgl. Mc. 13 , 20 , sodass ni ei = niha patei = 
nisi qiwd wäre, vgl. R. 13, 8; aber ni hat den wert von niba nur vor irrealen 
conditionalsätzeu, und ein solcher ist hier nicht zu ergänzen, zudem kann ni hier, 
wo der ganze zugehörige satz zu ergänzen wäre, schon deshalb nicht wol conditio- 
nal gemeint sein, weil niemand es so verstehen würde. Eben dieser umstand aber 
führt auf den gedanken. dass vielleicht ei nicht == patei, sondern verstärkendes suffix 
zu ni, und ni-ei zu lesen ist, wie ja in Wirklichkeit das seiner function nach dem 
ei nah verwante -uh gern den conditionalen Charakter von ni markiert, vgl. J. 9, 33 ; 
15, 22 u. ö. Dann hiesse es: ,,wenn nicht [suppl. das das richtige ist:] wie gott 
jeglichem zugeteilt hat .... so gehe er." Freilich bleibt das bedenken, dass hier 
zu ni-ei ein nichtirrealer satz zu ergänzen ist, während das analoge ni-h sich nur 
vor irrealen Sätzen findet. 



152 KLING HARDT 

ken sie schon ihre erste Schöpfung als pronominale adverbien der ana- 
logie der übrigen pronominalen adverbien und partikeln auf -e. Lez- 
tere möglichkeit komt im resultat überein mit L. Meyers Vermutung 
(g. spr. § 447), dass die in rede stehenden adverbien instrumental 
seien, nur möchte ich mir den Vorgang nicht so vorstellen, als hätten 
von jenen stammen durchdeclinierte comparative existiert, aber nur der 
Instrumentalis sei erhalten, auch nicht so als hätte die spräche, um 
ein adverbium der richtung wohin? zu schaffen, zu den instrumentalen 
formen der comparierten stamme mit dem bewustsein gegriffen, dass 
diese formen auf -e in ihrer syntaktischen natur jenen andern verwant 
seien, die wir jezt accus, genit. usw. nennen, sondern man wird die- 
selben vielmehr nur in verwantschaft gefühlt haben mit den partt. 
und advv. der gleichen endung und überhaupt mit allen worten die- 
ser art , das heisst eben , jene ortsadverbien sind vermutlich nach ana- 
logie gebildet. 

Ähnlich ist zu urteilen über iinte und Jntnde (wofür mehrfach 
Jjandei), welche beide Bezzenberger a. a. o. s. 64 und 65 gleichfals auf 
Verbindungen mit suffigiertem ei zurückführt: unta-eij pan-da-ei. 

Noch sei an dieser stelle 1. K 4, 5 erwähnt, wo es heisst: pannu 
nu ei faur mel ni stojaip; üors f.irj tvqo v.aioov Y.qivexe. Bernhardt 
bemerkt: ,, e/, zugesezt, dient, wie griech. ojicog, zu angelegentlicher 
aufforderung : griech. %va entspricht es so Mc. 5, 23; 1. K. 16, 16; 
2. K. 8, 7 und, mit veränderter structur, Tit. 1, 5." An lezterer stelle 
nehme ich, wie schon auseinandergesezt, das ei rein final, aber an den 
drei andern hat es allerdings dlo angegebene function, d. h. nach Vor- 
gang des griechischen wird die forderung nicht durch einen fordernden 
hauptsatz ausgedrückt, sondern durch einen unmittelbar von der im 
sprechenden lebendigen idee des wollens abhängigen objectsnebensatz. 
Diese construction aber gebraucht Vulf. nie aus freien stücken, ohne 
Vorbild des griechischen textes, ausgenommen eben 1. K. 4, 5, und doch 
hätte er, wenn ihm diese redeweise wirklich geläufig war, oft genug 
gelegenheit gehabt, sie anzuwenden. Dass er dies nicht tut, muss uns 
zweifelhaft machen, ob er leztgenante stelle wirklich so gemeint habe, 
und ich will darum hier auf eine andere art dieselbe zu verstehn auf- 
merksam machen. Die griechischen worte f.iri 7iqo /xuqov y.QLv&ze sind 
widergegeben durch faur mel ni stojaip und cöoil durch Jjannu nu; 
ohne griechisches gegenstück ist ei, es bleibt so zu sagen übrig. Wenn 
■vvir nun zuerst versuchen, es als satzverbindend zu erklären, so kön- 
nen wir darin nur , fals wir nicht der obigen auffassung Bernhardts fol- 
gen, eine anaphorische rückweisung auf das vorangehende sehen, wodurch 
allerdings eine art satzbindung hergestelt würde. Allein rein anapho- 



SYNTAX DES GOTISCHEN KI 153 

rischer gebrauch von ci ist in dieser art nirgends sonst belegt; darum 
werden wir auch die andere möglichkeit anerkennen müssen, dass ei 
hier nichtsatzverbindond stehe; und da das nichtsatzverbindende ei 
nur die eine urgierende function hat, so wäre es auch hier so zu neh- 
men; es würde also nur dazu dienen, die consecutive kraft \ on pannu 
nu zu verstärken, \xuC\. pannu -nu- ei würden unter einen gemeinschaft- 
lichen wortaccent fallen. 

Doch wie dem auch sei, und mögen auch die advv. Jiidre, hvadre, 
jaindre sowie die coujj. unte pande nicht hierhergehören, ^ohoii ])atai- 
nei , vainei, in pizei usw., vaifeiy ihaiei genügen volständig , um die 
function von ei als urgierende enklitika sicher und klar zu stellen. 

Wenden wir uns nun zu den fällen, wo ei als träger der satz- 
binduno- erscheint. 



'ö 



B. ei als satzverbindende partikel. 

I. ei steht allein ' oder verstärkt. 

a. Bei obwaltencler eoordinatiou. 

M. 27, 49 heisst es: let ei saihvam, qimaiu Helias nasjan ina; 
acpeg^ l'dcüttev, el l'Qxerai ^Hliaq ologcov avzov, und mit einer geringen 
abänderung Mc. 15, 36: let ei saihvam, qimaiu Helias athafian ina; 
acfeg, l'dcouev, el tqyßTca ^Hliag y.ad^aleiv ulxöv. Zu lezterer stelle 
wird von GL., unter hinweis auf die parallele in M. 27, 49, bemerkt: 
„ JJlf, de stio addidit Gotli. partieidam ei," übersezt aber wird von 
ihnen beide male: „sine ut videamus"; GL. nahmen also an, Vulf. 
habe an stelle der asyndet. coordinierenden construction des griechischen 
textes im gotischen Subordination eintreten lassen und ei saihvam als 
finalsatz gemeint. Anders Bernhardt zu 1. K. 4, 5, wo er ei an obigen 
stellen zwar auch als zugesezt bezeichnet, aber saihvam einen impera- 
tiv nent; und das ist ohne zweifei richtig, nicht ist es ein indicativ, 
wofür es Bernhardt in der note zu M. 27, 49 erklärt, wo erden „indi- 
cativ" nach ei auffällig findet. Offenbar dachte er an lezterer stelle 
an die 1. K. 4, 5 berührten griechische construction mit 'iva, als aus- 
druck angelegentlicher aufforderung; aber die form saihvam zeigt eben 
an, dass eine solche nicht, vorliegt, denn dann müste ei jedenfals 
den Optativ nach sich haben. Weil aber die griechische vorläge und 
der Zusammenhang des sinnes hier einen indicativ unmöglich machen, 
so bleibt nur das eine übrig, dass wir saihvam als imperativ nehmen. 

1) als conjunctionelle proklitika. 



154 KLINGHARDT 

Wenn nun vor diesem imperativ die partikel ei proklitisch angefügt 
erscheint, so kann dies mit rücksiclit auf ihre oben erwiesene enkli- 
tische fuuction nicht eben viel auffallendes haben, am wenigsten uns 
etwa zu der Vermutung drängen, dass neben ei der imperativ nicht 
mehr statt haben dürfe; ist aber saihvam imperativ, so repräsentiert 
es einen hauptsatz, und ei erscheint nicht als regierende conjunction, 
sondern als proklitische part. otiosa, wie schon GL. es nennen. Fra- 
gen wir uns nun, welche rolle es als solche spielt; denn alle particu- 
lae otiosae haben, wenn auch nicht für den stofflichen Inhalt noch für 
die logische gedankenverknüpfung der rede , doch immerhin einen gewis- 
sen eigenwert für das Sprachgefühl. Schon unser ohr wird uns hier 
antwort geben , wenn wir die verschiedene Wirkung von let saihvam 
und let ei saihvam auf unser gefühl vergleichen: offenbar wird durch 
einfugung von ei ein störender hiatus zwischen beiden imperativen besei- 
tigt. Dass dem Goten asyndetische redeweise unter gewissen umstän- 
den nicht genehm war , lehrt der gebrauch der dem ei in ihrer fuuction 
sehr nahe verwanteu partikel paruli, welche ebenfals zur hebung des 
asyndetons gebraucht wird und zu diesem behufe an die spitze des 
zweiten satzes antritt; mau vergleiche beispielsweise J. 14, 9. 22; 16, 29; 
18, 5; 13, 36 und sonst noch viele fälle. Speciel für unsere stelle 
aber ist bedeutsam, dass auch in der Verdeutschung der pseudotatiani- 
chen evangelienharmonie 208, 5 das asyndeton durch vorschiebung einer 
partikel, nämlich nu, beseitigt wird. Es heisst dort: läz, nu giselwmes, 
oha come H. losenti inan, und offenbar steht hier nu nicht in tempo- 
raler volbedeutung, sondern oiiese, aber mit dem zwecke, das harte 
auseinanderklaffen der beiden coordinierten aufforderungeu zu verhü- 
ten. — Genau so wie mit den bisher besprochenen beiden gotischen 
parallelstellen verhält es sich mit Mc. 8, 15: saihvip ei atsaihvip pis 
heistis Fareisaie jah heistis Herodis; oQcae, ßleireTe arco r^g &f^irjg 
Twv 0. usw. 

Auch J. 16, 17 dürfte hierherzuziehn sein: hva ist pata , patei 
qipp unsis, leitil ei ni saihvip mik, jah aftra leitil jah gasaihvip mik? 
Ti ioTiv TovTO /.e'/SL r^ulv , Mi/.QOv '/.cd ov d^etoQÜTi /tie, /.al ndXiv 
fji/.Qov y.al biVaod-i us ; während es v. 16 bei gleichem giiechischen 
texte lautet: leitil fiauh jah ni saihvip mik, jah aftra leitil jah gasaih- 
vip mik. Der griechische text bietet hier vier ganz gleichmässige con- 
structionen, bestehend in der Verbindung von fu/.Qov mit einem folgen- 
den verbum durch /.al ; der Gote bildet die coustruction genau nach, 
anstatt aber die vier -/.al durch vierfach widerholtes jah widerzugeben, 
sezt er an dritter stelle ei dafür ein. Wir können uns diese erschei- 
nung kaum anders erklären, als dass der Übersetzer auch hier seiner 



SYNTAX DES GOTISCHEN ET lof) 

sonstigen bekauten neigung, statt der einförmigen widerholiing eines 
Wortes im griechischen texte gotische synonymen zu gebriiuchen , gefolgt 
ist, dass mitliin hier rl mit jah gleiclion wert liat, höchstens etwas 
schwächer ist. — Es liegt nahe , aus der hier zu tage tretenden engen 
functionsverwantschaft zwischen ci und jah , mit rücksicht auch auf 
ihren directen formellen Zusammenhang, den schluss zu ziehu, dass 
jah denselben entwicklungsgang genommen habe wie e/, d. h. als urspr. 
anaphorische partikel seinen gebrauchsumfang immer weiter ausgedehnt 
und damit an selbständigem bedeutungsinhalt immer melir verloren 
habe, bis es zur part. explet. wurde; als solche konte es später gern, 
vermutlich wegen eines restes anaphorischer bedeutung bevorzugt, an 
der spitze des lezten von zwei coordinierten aber unverbundenen Sätzen 
platz nehmen, um das auseiuanderfallen der beiden zu verhüten, und 
auf diesem wege almählich charakteristisches bindemittel, copula wer- 
den. Freilich, geht man von der hypothese aus, dass jah in der weise 
copulativ wurde, dass es nach art des afrz. mit et sich berührenden .<?/ 
au der spitze des zweiten satzes stehend mit energisch anaphorischer 
kraft auf den vorangehenden zurückwies, so wird man geneigt sein, 
nun umgekehrt wie oben, von jah auf ei zu schliessen. Indess gegen 
die leztere auffassuug spricht doch der umstand , dass ei ganz algemein 
auch an der spitze von subordinierten Sätzen Stellung genommen hat, 
da aber, wie wir im einleitenden abschnitt sahen, unmöglich in ana- 
phorischer function, sondern vielmehr in expletiver. Gieug aber bei 
obwaltender Unterordnung für ei der weg von anaphorischer zu satzbin- 
dender kraft durch die expletive function hindurch, so wird vermut- 
lich der weg, welcher es selbst und mit Wim. j all zur bindung beigeord- 
neter Sätze führte , derselbe gewesen sein. Ausgeschlossen ist dabei 
freilich nicht, dass jah und ei, wiewol von derselben anaphorischen 
bedeutung ausgehend und bei derselben , der copulativen , anlangend, 
doch einen verschiedenen entwicklungsgang verfolgt haben; für ei 
scheint mir aber jedenfals der widerholt angedeutete der wahrschein- 
liche zu sein. 

Ob der Übersetzer G. 5, 16: appan qipa,^ ei ahmin gaggaip; 
Xiycü Si, Trvevucai /tsgiirarelTe, qipa und gaggaip als aussage und auf- 
forderung im Verhältnis der beiordnung empfand und meinte , oder qipa 
als regierendes verbum des befehlens und ei — gaggaip als abhängigen 
objectssatz, scheint zweifelhaft. Aber die ganz gleiche, dabei jedoch 
unzweifelhafte redeweise M. 10, 23 amen auk qipa izvis, ei ni ustiu- 
hip haurgs Israelis, unte usw., ibid. v. 42 amen qipa izvis, ei ni fra- 
qisteip mizdon seinai sprechen mit entschiedener Sicherheit für die 
erstere annähme: denn hier ist beide male, wie der modus des ver- 



156 KLIXGHARDT 

bums ergibt, der auf ci folgende satz bauptsatz, es herscbt also bei- 
ordnung und ei kann keinen andern als copulativen sinn baben; G. 5, 16 
kann aber nicbt anders verstanden werden, als M. 10, 23. Ganz ähn- 
licb liegen die Verhältnisse M. 8, 6: saihv, ci mann ni qipais: oga, 
urSeri eirrKQ; man wird hier, mit rücksicht auf obii^e stellen, lieber 
interpretieren müssen: ..siehe zu und sage es niemandem" als „siehe 
zu , dass du es niemandem sagst.'' M. 9 . 30 und Mc. 1 , 44 zeigen 
gleichfals r-f nach saihv, saihvats vor dem folgenden optativsatze behufs 
Vermeidung des asyndetons, also zum zwecke der bindung (copulativ) 
eingefügt. Auch Luc. 9, 54 vüeizu ei qipaima , fon atgaggai us himi- 
na? &().ei;, eimouev tivq y.araßr^vai arro zov ovoavov ; und in der glei- 
chen construction J. 18, 39 kann mau noch coordination vermittelt 
durch ei sehn: während Mc. 10, 51 hva vileis ei taujau pus? und in 
den verwanten stellen L. 18, 41; Mc. 14. 12: M. 27. 17. Mc. 15, 12 
wahrscheinlich bewuste Unterordnung vorliegt, sodass der c/-satz wol 
einem deutschen rfrtss-satze entspricht, d. h. als objectssatz zu vileis, 
vileip zu verstehn ist. Leztere stellen sind daher besser ins folgende 
capitel zu ziehn. 

In den bisher betrachteten stellen fanden wir erstens ei allein 
stehend und keinem griechischen worte entsprechend, zweitens ergab 
sich als seine function einfache bindung beigeordneter sätze (begriffe). 
Jezt wende ich mich zu einigen andern stellen, wo ei einer kräftigen 
griechischen conjunction (olt, wäre, dl) gegenübersteht und in stark 
anaphorischer weise auf den voraufgehenden satz zurückweist, wobei 
als stütze dieser function eine partikel vom ^«-stamme {pan, Jjau) 
hinzugefügt wird. 

Wir begegnen ei in dieser weise J. 9. 41 : ip hliudai veseip, ni pau 
liahaidedeip fravaurlitais : ip nii qipijj, Jjafei gasaihvam; ei pan fra- 
vaurlds izvara pjairhvisipj ; r^ oiv aiiaoria luojv jiievei. 1. K. 11. 26. 27: 
sva iifta auk sve mafjaip ptana Idaif jajj pana sfiJd drigJcaip, danpu 
fraujins gakannjaip, unte qimai. ei pan hvazuh saei matjip pana 
Maif .... unvairpjaha , fraujins sJctda vairpip leihis; ojots og av io&u] 
Tov ctQTOv .... dva^icog , tov /.vqiov evo/og eorai xov ocouaTog. In 
derselben weise steht ei mit folgendem /va>i noch Sk. Yla, Vd, Illb, 
IV a. Dass hier ei der hauptträger der conjunctionellen bindung ist 
undi pjan nur, "vvie in ju-pan, ohne wesentliche modification der bedeu- 
tung antritt, hat schon Bezzenberger (Advv. und partt. s. 109) mit 
recht hervorgehoben. Um aber diesen Sachverhalt auch für das äuge 
deutlich zu machen , wird man gut tun , ei und pan nicht wie bisher 
in ein wort . sondern in zwei zu schreiben. 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 157 

Während in obigen fallen verstärktes ei zwei sätze bindet, die in 
causalem Verhältnis zu einander stehn, finden wir es ein andres mal, 
ebenfals mit zubülfenabme einer partikel vom /a- stamme, zur Verbin- 
dung zweier in gegensätzlichem Verhältnisse stehender sätze gebraucht; 
dass dabei pau au stelle jenes pan tritt, ist nur unwesentlich, vielleicht 
zufallig, denn pau antbält ebensowenig ein ausgesprochen adversatives 
elemtnt, wie pan ein consecutives. Die stelle ist folgende: aippau hvas 
piudans, gagyands stigqan vipra anparana Jyiudan du vigna, niu gasi- 
tands faurpis ptagkeip, siaiu nmhteigs mip tailmn pusundjom gamoijan 
pamma mip iraim tigum pusundjo gaggandin ana silc? ei pau jnhai 
nist mahteigs, nauhpanuh fairhva inwta visandin insandjands airu 
hidjijj gavairJijiSf L. 14, 31. Der griechische text hat zwar mit ellipse 
ei di fir^ye, tri ttoqqoj avTOv oviog unoOTeD.ag TtQeoßaiai' tqwTu tu 
7iQoq tio}]vtjv, aber der lat. cod. f. bietet nach Bernhardt: „si aufem 
impossihilis est.'' Dass ei mit nachfolgendem paif hier adversative bin- 
dung vermitteln soll, geht, abgesehen vom zusammenhange, aus griech. 
df. lat. auteni hervor; und dass diese bedeutung sich ganz leicht und 
bequem aus der eigentlichen natur von ei entwickelt, kann nicht zwei- 
felhaft sein. Es scheint aber dieses ei mit folgendem pau nicht sowol 
ursprünglich expletiven wert zu haben, als vielmehr vermöge seiner 
anaphorischen grundnatur mehr oder w^eniger energisch auf den vor- 
hergehenden gedanken zurückzuweisen, und dadurch die beziehung bei- 
der Sätze auf einander äusserlich und innerlich herzustellen. Die beson- 
dere art der beziehung rauss aus dem zusammenhange hervorgehen, 
wie ja auch die binduug mit jah pan zwar nur eine, übrigens gleich- 
fals auf die stamme ja- und fa- gegründete , algemeine rückweisung 
enthält, aber doch zur Übertragung von ovi>, -/.cd , yccQ, öi dient, indem 
der Zusammenhang des sinnes die unbestimtheit des formellen aus- 
druckes ergänzen muss. Unter solchem gesichtspunkte verliert ei pau 
alles anstössige, und es ist keine Veranlassung, in aippau zu ändern, 
wie dies Bernhardt tut. l'brigens scheint derselbe übersehn zu haben, 
dass, wie er den text gibt, die worte d de /«-yt" doppelt übersezt sind, 
nämlich einmal durch aippau (vgl. M. G, 1 , wo der griechische text 
ei de ,uijye, die vulg. alioquin hat), sodann durch jahai nist mahteigs, 
mithin der eine ausdruck als glosse des andern erscheint und conse- 
quenter weise auszuscheiden war. "Warum Bezzenberger (a. a. o. s. 94) 
bei der besprechung von ei pau nicht auch wie bei ei pan^ das er 
doch zur vergleichung heranzieht, in ei den eigentlichen träger der 
bedeutung sieht, sondern in pau^ ist mir nicht klar. 



158 KLINGHARDT 

b. Bei obwaltender subordiiiatioii. 

Delbrück hatte l>ehauptet, in iieheiisiitzen , die mit */af eingelei- 
tet sind, sei die intention der spräche die, dass diese sätze zu dem 
hauptsatze in demjenigen Verhältnis stehend gedacht werden sollen, wel- 
ches sich im accusativ verkörpert hat. Warum ich mich dieser auf- 
stellung nicht anschliessen kann , habe ich schon in dem einleitenden 
eapitel auseinandergesezt, und ebendaselbst habe ich zu zeigen gesucht, 
dass *Jaf (o, oti) überhaupt keinen wesentlichen bestandteil des neben- 
satzes bilden kann, sondern ursprünglich mehr oder weniger expletiv 
ist, was sich denn auch darin verrät, dass es im griechischen vor 
objectssätzen , die indirecte rede oder indirecte frage enthalten, beliebig 
stehen oder nicht stehen kann (i. 1. f. ö-Trooog neben Ttooog u. a.) 
Von oTi . d. i. alt o, schloss ich auf die geschichte der altn. conj. at 
und des got. ci , dass sie, soweit sie der bindung von nebensätzen die- 
nen, aller Wahrscheinlichkeit nach denselben weg — anapliorisch , exple- 
tiv, satzscheidend, satzbiudend — gegangen sein müssen, und von die- 
sem Standpunkte aus wird auch die folgende darstellung erfolgen. Indess 
ehe ich zu dieser schreite, habe ich noch eine andere abweichende 
ansieht zurückzuweisen. 

Es unterzieht nämlich Erdmann (Otfr. syntax I § 97 — 113) die 
conjunction thaz einer eingehenden Untersuchung, deren resultate, wenn 
richtig, meine ansieht von got. ei umstossen müsten. Er geht von der 
ansieht aus. dass ahd. thaz in seinem syntaetisehen werte den eonjj. 
griech. otl (o), lat. quod gleichzusetzen sei, indem alle drei als aeeu- 
sative des sächlichen relativen pronomens das innere objeet der hand- 
lung des nebensatzes bilden (§ 104). Soweit also befindet er sich in 
Übereinstimmung mit Delbrück; den nächsten, prinzipiell wichtigsten 
sehritt aber tut er in entschiedenem gegensatz zu ihm, ohne sieh, wie 
es seheint, der dififerenz bewust zu werden. Nach Delbrück nämlich 
hat die handlung des nebensatzes den Inhalt des hauptsatzes, nach E. 
den Inhalt des eignen, d. i. des nebensatzes zum inneren objecto; und 
zwar spricht sich E. hierüber folgendermassen ^ aus (§ 98): „Der 
Inhalt des nebensatzes wurde im nebensatze selbst noch zugleich auch 
als inneres objeet, also in einer bestirnten grammatischen funetion 
gefühlt, und auf diesen als inneres objeet gefassten Inhalt des neben- 
satzes weist das an der spitze dieses selben nebensatzes stehende rela- 
tive fha;^ hin." Natürlich liegt in dieser auf den nebensatz allein 

1) Des raumes wegen kann ich hier und im folgenden nicht wörtlich eitle- 
ren, sondern nur auszugsweise, ich werde mich aber bemühen, den sinn von E.s 
Schlussfolgerungen in möglichster ungetrübtheit widerzugeben. 



SYNTAX DES GOTISf'HRX EI 15*1 

beschränkten hinw«Msung noch kein elenient. Jas zur bindunt( mit dem 
liauptsatze führen könte: aber das will auch E. nicht, vielmehr wird 
ihm zufolfTO dies«' erst dadurch h^Mbeii^ofülut . dass derselbe hezuirs- 
gegenständ, auf den dieses relative fhctz. hinweist, also der inhalt des 
nebensatzes, als einheitlich und gegenstämllich gedachter begriff (§ 97) 
auch in der construction dos hnuptsatzes vorhanden ist: diese gomein- 
samkeit des genanten begriftes l)ildet den verbindungspunkt Ixdder sätze 
nach der von K. bei den rfdativen nebf'nsätz»'n geschilderten art (§ 98). 
Ganz volständig wünh^ demnach die construction sein, wenn sowol 
im nebensatzc wie im liauptsatze auf den beiden gemeinschaftliclicü 
begriff, also den inlialt des nebensatzes hingedeutet ist; und zwar 
geschieht dies im nebensatze ausschliesslich durch das neutr. pron. thaz, 
und widerum ausschliesslich im casus des innern objects. im accusativ 
(§ 104): im hanptsatze dagegen können als andeutungen über den inhalt 
des folgenden nebensatzes sowol substantiva (§ 100) wie pronomina 
(i«, fhi:., thaz. §101) stehn, gleichviel in welcher casusform. Aber 
die construction findet sich auch, und zwar meist, unvollständig, sei 
es nun dass im nebensatze das thaz ohne weiteres unterdrückt wird 
(102, a), oder so dass unter formell abweichender ausführung des im 
hauptsatz durch das demonstrativum angedputeten gedankeninhaltes 
anstatt des thaz indefinit -satzverbindende pronomina und partikeln den 
nebensatz einleiten fio-i^ c): sei es dass im hauptsatze die andeutung 
über den inhalt des folgenden nebensatzes unterbleibt, was sowol gesche- 
hen kann, wenn der durch das thaz des nebensatzes vertretene inhalt 
des nebensatzes im hauptsatze als subject (105), als wenn er als deut- 
liches (106) oder als undeutliches object zu ergänzen ist (dahin gehören 
auch die folge- und die absichtssätze (107)). Ferner komt es vor, dass 
der inhalt des nebensatzes überhaupt nicht als constructionsbestandteil 
des hauptsatzes unterzubringen ist (108), was speciel bei den rausal- 
sätzen mit thaz stattfindet fl09). Und endlich tritt auch der fall ein, 
dass der ganze hauptsatz zu fragmentarischen brocken verstümmelt ist, 
also auch natürlich keine andeutung über den inhalt des nebensatzes 
enthält (110, lli). Hinzugefügt wird von Erdmanu, dass nur in den 
drei fällen §§ 105, 106, 107 thaz als „inneres objecf' verstehbar ist, 
während es in den vier ijloH — in besprochenen constructionen — 
wie lat. quod — rein formelles Verbindungsmittel geworden ist. Es 
kann aber auch — und in diesem falle zeigt sich die Zertrümmerung 
der legitimen satzbindungsmittel am weitesten fortgeschritten — der 
constructionsbestandteil, welcher den dem hauptsatze und dem neben- 
satze gemeinsamen begriff enthält, sowol in jenem wie in diesem ohne 
andeutung bleiben (113), ein fall, in welchem die spräche zum ersatz 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOOIK. «D. VIU. 1 1 



160 KT.INGHARDT 

wenigstens noch gern das andere spraebmittel der abhängigen Wortstel- 
lung für den nebensatz festhält. Indess gibt E. auch die möglichkeit 
zu. dass in satzfügungen dieser art nicht durch corruption mangelhafte 
structur, sondern von haus aus unverbundener anschluss des neben- 
satze3 an den hauptsatz vorliege. 

Drei beispiele (§ 98) zeigen die drei hauptarten dieser art satz- 
fügnng, wie sie E. fasst: 

1) auf den Inhalt des nebensatzes als inneres object des leztereu 
und als constructionsbestandteil des hauptsatzes ist ausdrücklich in bei- 
den Sätzen hingewiesen: Ol, 1, 49 dthto io thaz, zi noti ^ .... thas, 
thü thih girustes = betreibe immer dasjenige, was (= worin, inwie- 
fern = dass) du dich bereit machen köntest. 

2) die hinweisung unterbleibt im hauptsatze: 0. L. 65 in thesenio 
ist ouh schihaft, tha^ er ist .... gote thionönti = in ihm ist offen- 
bar (das), was er gotte dient, d. h. der Inhalt seines gottdienens, sein 
gottesdienst. 

3) die hinweisung unterbleibt im uebensatze: 0. V, 23, 287 ist 
uns suazista tha^j wir unsih thes tliär frouon = das süsseste ist 
uns dasjenige, was wir uns dort freuen (in freude erleben) = der 
inhalt uusres freuens: dann erst =^ die tatsache, dass wir uns freuen. 

l'ber den fall , wo in beiden Sätzen die"" hinweisung auf den inhalt 
des nebensatzes fehlt, äussert sich, wie gesagt, E. selbst nicht ganz 
bestirnt. 

Werfen wir nun einen blick zurück auf Erdmanns hier so kurz als 
es angieng skizzierte hypothese, die er offenbar mit aller schärfe der 
consequenz durchgeführt hat. So viel ist klar: wie Delbrück ort, 
so nimt Yj. unsere conjuuction thaz, als objectscasus des satzverbin- 
deuden relativpronomens, beseitigt aber Delbrücks sicher nicht durch- 
führbare erklärung, dass o {ort) den inhalt des hauptsatzes zum bezugs- 
gegenstande habe, rücksichtlich des deutschen tha^ durch eine gänz- 
lich abweichende neue deutung, indem er behauptet: dieses tha^ hat 
nicht den inhalt des hauptsatzes , sondern den inhalt des von ihm selbst 
eingeleiteten nebensatzes zum bezugsgegenstande und beze*ichnet ihn 
als inneres object eben wider des nebensatzes (genauer des verbums im 
nebensatze). Ob aber diese neue erklärungsweise wirklich die lösung 
des Problems enthält? ich bezweifle es. Der gedanke, dass der neben- 
satz seinen eignen inhalt zum objecte nehmen soll, macht unbestreit- 
bar schon an sich den eindruck des gezwungenen und künstlichen , und 
das gefühl dessen, der sich einzuleben gesucht hat in die so einfachen 
satzbildungs - und satzbindungsverhältnisse früherer sprachperioden, 
sträubt sich unwilkürlich gegen den grundgedanken der Erdmannschen 



SYNTAX DES GOTISCHEN KI 1(}1 

darstelluug, ihr weg erscheint als ein mühsaiiier uniweg, während wir 
einen natürlich geraden erwarten. 

Aber fast scheint es mir auch, tals irh nicht K.s allerdiuy:s 
nicht ganz leicht fasslichc dciluction misN erstehe, als oh er sein gehäiide 
auf einem logischen fchlgritfe aufgerichtet habe. In i^ •^''' ••^agt er näm- 
lich: ..man gebraucht demonstrative pronomina, um den gesamten 
inhalt eines satzes zu erfassen und ihn als einheitlich gedachten begritl' 
in die construction eines an<lern satzes aufzunehmen: besonders gern 
fügt man in dieser weise den gesamten inhalt des nebensatzes in die 
aussage des hauptsatzes ein.'' Ein beis]>iel wäre also O. I. i. 19 dilito 

io thaz zl noti fliaz fhu fhih t/intfifes, wo das erste fha;^ den 

gesamten inhalt des folgenden nebensatzes enthält. Nun heisst es 

weiter i? 98: „der inhalt jeder „handlung" oder ,, tätigkeit" kann 
betrachtet werden als inneres object, und die form für lezteres ist im 
ahd. noch allenthalben der sächliche accusativ; das später zum rein 
formalen zeichen der satzbindung gewordene thaz der nebensätze hat 
ursprünglich diesen sinn geliabt. d. h. es solte auf das innere object 
«ler handlung (tätigkeit) des nebensatzes hinweisen (§99).'* Vau bei- 
spiel gibt das zweite , dem nebensätze der citiert en stelle angehörige 
thaz. — Soweit können wir E. folgen ; denn das erste fhaz — um 
uns der klarheit und kürze wegen an das beispiel zu halten — deutet 
ganz gewiss auf den inhalt des nebensatzes. und das zweite tha^ kann 
ja doch, wofür natürlich der beweis zu erbringen ist, auf das innere 
object der handlung des nebensatzes hinweisen. Nun komt aber der 
fehler: im verlauf des § 9s sezt nämlicli E. ., inhalt des nebensatzes'' 
(im pronomen des hauptsatzes liegend) und ., inneres object des neben- 
satzes" (im pronomen des nebensatzes enthalten) einander gleich und 
behandelt beide als einen einzigen, identischen begriff, in dessen 
gemeinsamkeit nun eben der Verbindungspunkt für beide sätze liege. 
Allein das ist doch ganz gewiss nicht zuzugeben . vielmehr sind ..Inhalt 
eines satzes'* und ., object (gleichviel ob inneres oder nicht) der hand- 
lung desselben" ausnahmslos jederzeit zwei ganz verschiedene dinge. 
Wollen wir uns diesen freilich an sich schon klaren Sachverhalt am 
vorliegenden beispiele deutlich machen , so wird es dienlich sein , den 
fraglichen nebensatz aus seinem abhängigkeitsverhältnisse herauszuheben 
und in selbständiger form hinzustellen . was wir ohne weiteres tun kön- 
nen, da es sich ja augenblicklich nicht um die art seiner beziehung 
zum hauptsatze handelt, sondern nur um die logischen und sachlichen 
Verhältnisse in ihm selbst; diese aber erscheinen klarer und durchsich- 
tiger, wenn wir den satz für sich, als einen unabhängigen betrachten. 
So haben wir den satz: thfi (jirustes thih tha^; fragen wir uns nun 

11* 



162 KI.lNGHARrtT 

uaeh dem Inhalt desselben , so ist die autwort jedeufals die . dass er 
eben in allen worteu zusammengenommen liegt, von denen der satz 
gebildet wird. Fragen wir aber nach dem inneren object seiner hand- 
lung, so müssen wir uns sagen: seine handlung ist ausgedrückt in 
ifinisfvnj und deren object steckt in fhaz, d. b. formell, während es 
in Wirklichkeit zu suchen ist in demjenigen einfachen oder zusammen- 
uesezten beürriffe. auf den das deutewort fhaz erst hinweist, in dem 
Substrat dieses leztern. So bildet thaz als inneres object der handlung 
git'ustcn nur einen bestandteil des aus subject fhu, handlang girusthi 
und deren directem object fhih wie ihrem inneru objecte thaz bestehen- 
den inhaltes des satzes. und der begriff ..object der handlung'' liegt 
mithin im umfanafe des bej^riffes „satzinhalt." ist aber nicht mit ihm 
identisch. Hiermit ist Erdmanns hypothese der boden entzogen; denn er 
hatte ja den verbindungspunkt von haupt- und uebensatz in einem der 
aussage beider sätze gemeinsamen bestandteile gesucht, wir aber liaben 
gefunden, dass diese gemeiusamkeit nicht existiert, indem das pron. 
(subsi) des hauptsatzes und dasjenige des nebensatzes nicht, wie E. 
will, auf ein und denselben begriff, sondern auf zwei ganz verschie- 
dene hinweisen, nämlich ersteres auf den oresamten inhalt des neben- 
satzes, lezteres auf einen teil dieses inhaltes. nämlich das innere 
object. Freilich dürfte das fhaz des nebensatzes überliaupt ganz und 
gar ander^ zu erklären sein, wovon weiter unten: aber hier muste ich 
Erdmauus auffassung folgen, um den Innern Widerspruch in seiner eig- 
nen auseinandersetzung zu zeigen. 

Erreicht nun aber E. im texte seines § 98 die für sein system 
notwendige gemeinsamkeit eines begriffes in haupt- und nebensatz nur 
durch eine irtümliche gleichsetzuug der bezugsbegriffe des im haupt- 
satze enthaltenen und auf den inhalt des nebensatzes deutenden prono- 
mens (Substantivs) mit dem den nebensatz einleitenden und, seiner auf- 
fassung nach relativisch, auf das innere object des verbums weisenden 
pronomen; so gelaugt er in den beigefügten beispielen zu der postulier- 
ten gemeinsamkeit dadurch, dass er im gegensatz zu seiner vorauf- 
gehenden auseinandersetzung in dem hauptsatze des beispiels dihfo io 
fhaz zi nöti , .... fhaz ^hu thih ginist^.<i das fhaz nicht als hindeutung 
auf den gesamten satzinhalt des folgenden nebensatzes übersezt, son- 
dern als hindeutung auf den bezugsgegenstand des dem nebensatze 
angebörigen sazteiles fhaz. E. gibt nämlich den ahd. text wider wie 
folgt: „betreibe immer dasjenige, was (= worin, inwiefern -- dass) 
du dich bereit machen köntest." Man dürfte wol behaupten, dass die- 
ser gedanke und seine fassung dem Verständnis zu mühsam talt, als 
dass man darin eine ursprüngliche redeweise erkennen möchte; ebenso 



3YVTAX DKS GOTISPHKN KI 1 «v^ 

wird auch der liier postulierte iil»er«,Mng aus studc id , ad qtwd te parcs 
in sfmie id , lU (c pares sdnver begreitlieh uud recht unwahrscheinlich 
erscheinen — vorausgesezt dass man nicht, an der band des deutschen 
zweideutigen ,, worin , inwiefern ," unvermerkt in die construction der 
indirecten frage übergleitet: stude id , ad quod te pares: stude [irf], 
ad quid te pares (betreibe, erwäge diesen gedanken. auf was du dich 
bereit machen küntest), . . qiwmodo te pares, ... ut (adv. der frage) 

te pares nt (conj. der absieht) te pares. Ich lasse aber diese 

benierkungen bei seite und hebe nur hervor, dass in Erdmauns Übersetzung 
wirklich nicht, wie er im vorhergehenden erklärt hatte, das Substan- 
tiv, pron. des hauptsatzes auf den inhalt des nebensatzes hinweist, ihn 
als einheitlich und gegenständlich gedachten begriff in die aussage 
aufninit, sondern nur hindeutet auf den — freilich unbekanten 
bezugsgegenstaud des dem nebensatze angehörigen „was," d. i. auf das 
innere object in jenem. Schon das lateinisclie köute uns hier belehren, 
indem „dasjenige, was" wol besser mit ea, ad quae als mit dem Sin- 
gular zu übersetzen wäre, der plural ea aber weist offenbar nicht auf 
den als einheitlich gefassten inhalt des nebensatzes hin. Aber auch an 
sich sieht man: in den beiden sätzen „betreibe immer dasjenige, was 
du dich bereit machen köntest" sind die prouomina ..dasjenige, was" 
correlativa und deuten mithin auf ein und denselben begritf hin. Nun 
kann aber was nimmermehr auf den ganzen inhalt des satzes, von dem 
es ja nur einen bestandteil bildet, hinweisen, sondern es zeigt viel- 
mehr, wie seine aecusativische form angibt, nur auf das 'innere) object 
des verbums seines satzes; ist dem aber so, dann hat auch das corre- 
lative pronomen ,, dasjenige" nur dieses selbe innere object zum bezugs- 
begrifle, und nicht den gesamten inhalt des nebensatzes, wie E. vor- 
her sagt. 

Ich glaube hiermit erwiesen zu haben, dass E. , wenn er die 
geraeinsamkeit eines begriffes zwischen haupt- und nebensatz zum aus- 
gangspunkte nimt, seine ganze h3'pothese auf einen irtum gründet, 
weil eine solche gemeinsamkeit niclit existiert. Er hatte aber diese 
von ihm postulierte gemeinsamkeit eines begriffes- in zweifach verschie- 
dener weise herbeizuführen gesucht, indem er erstens in der theore- 
tischen begründung seines Systems (§ 98) behauptete, dass jenes thaz, 
welches die in rede stehenden nebensatze einführt, auf den gesaraten 
inhalt des nebensatzes deute, während es doch nur auf das innere 
object desselben zeigt. Zweitens hatte er in der Übersetzung seiner 
beispiele eine wirkliche gemeinsamkeit hergestelt, aber nur dadurch, 
dass er das vorhandene oder zu ergänzende pronomen des hauptsatzes 
im Widerspruch mit seiner vorausgehenden erörteruug und mit den zu 



IGi . Kl.lNGHARDT 

giimde liegenden factischen Verhältnissen auf das innere ubject des 
nebensatzes deuten lässt, obgleich es in Wirklichkeit in allen bezüg- 
lichen Sätzen stets den gesamten inhalt des nebensatzes zum bezugs- 
begriffe hat. 

Ich habe niicli länger, als es vielleicht notwendig scheinen dürfte, 
bei Erdmanns hypothese über ahd. ///^/^;, welches doch mit got. ei in kei- 
ner unmittelbaren bezioliung steht, aufgehalten; es war indess nicht zu 
umgehn, weil, wenn das, was er von fhaz behauptet, richtig wräre, 
auch griech. oti gauz auf dieselbe weise erklärt werden müste , eine con- 
sequenz. auf die er selbst bereits hinweist (§ 104). Weiterhin aber rauss 
alles, was von der griech. conj. flu gilt, ohne weiteres auch anwen- 
dung finden auf got. ei. So hätte ich . wenn E. recht liatte , mit sei- 
ner erklärung von ahd. thazy diese auch für got. ci acceptieren und 
die iiieinige aufgeben müssen. Jezt aber darf ich wol Erdmanns versuch, 
ahd. tJia^ — und damit auch ort — als wirklichen constructionsbestand- 
teil des nebensatzes zu erklären, gleich dem von Delbrück für otc 
gemachten als erfolglos bezeichnen, und bin daher berechtigt, an mei- 
nem grundlegenden satze, dass ei als conjunctionsmittel von neben- 
sätzen keinen constructionsbestandteil derselben bildet, festzulialten, 
mindestens so lange als man nicht im stände ist, das gegenteil zu 
beweisen, wozu ich neue mittel und wege nicht absehe. 

Was übrigens ahd. fhaz betrift, so wird man bei der von Koch, 
bist, gramm. d. engl. spr. 2. § 514 gegebenen erklärung, ^ wonach es 
ursprünglich dem hauptsatze angehört, stehen bleiben und es trennen 
müssen von griech. 6i/, got. eij lat. qiiod und deren entwicklungs- 
geschichte. (ber 'öii, ei und altn. at habe ich mich schon genügend 
ausgesprochen: für quod aber dürfte der gleiche weg zum ziele führen 
wie für jene conjunctioueu ; darauf scheinen schon solche Verbindungen, 
wie quodsi, qiwdtitinam. quodqui usw. hinzuweisen. Denn man kann 
für leztere Verbindungen nicht das beispiel des deutschen dass heran- 
ziehen, welches nachweislich schon früh über sein ursprüngliches gebiet 
hiuausgriff, indem es, weil es von haus aus der weitaus grösten masse 
von nebensätzen legitimer weise eigen war, nun vom volke als die 
conjunctiou par excellence aufgefasst und auch da als zeichen des neben- 
satzes eingefügt wurde, wo schon eine andere conjunctiou dieses amtes 
waltet«, z. b. „wo dass er wäre, warum dass er nicht käme," aus- 
drucksweisen, die weit zurückgehn und noch heute vernehmbar sind. 
Im lateinischen dagegen hat quod nie das breite gebiet eingenommen, 

1) Zuerst skizziert vod ihm in seinem aufsatz über die .»bildung der oeben- 
sätze •• in Herrigs Archiv XIV 18687 s. 267 — 292. 



SYNTAX DES GOTISCHEN /./ IHf) 

wie das deutsche dass; daher ist auch, wenn wir es in obigen Verbin- 
dungen scheinbar überflüssiger weise neben andern satzbindemitteln 
gebraucht finden, die erkhirung nicht statthaft, dass es durch seinen 
häufigen berechtigten gebrauch über seine eigentlidien grenzen hinaus 
geführt und auch gebraucht worden sei , wo es eigentlich unnütz stehe. 
So kann qnod in quodsi usw. nicht aus seinem gebrauche in Sätzen, 
wo es alleiniges conjunctionsmittel ist, erklärt werden, ein schluss, zu 
dem uns auch die andere erwägung nötigt, dass die schwache satzver- 
bindende kraft, y\ eiche quoll in quods iimmerhiu besizt, eine coordinierende 
ist; eine solche ist aber nimmer aus einer subordinierenden abzuleiten, 
sondern umgekehrt. Nun ist aber jenes mit si , läincun usw. prokli- 
tisch verbundene quud ganz entschieden nicht constructionsbestaudteil 
des betreffenden satzes; also wird quod auch da, wo es als träger sub- 
ordinierender satzbindung allein steht, nicht in den satz zu construieren 
sein, sondern wir haben es als proklitische partikel in der art wie got. 
ei, altn. at , griech. ozi zu betrachten. 

Noch bleiben mir aber, bevor ich mich zur eigentlichen darstel- 
lung des gebrauchs von ei in subordinierton sätzen wende, einige worte 
übrig zu sagen über die nahe stehenden partikeln patei und pei. Es 
kommen nämlich diese conjunctionen so gleichwertig mit ei vor. dass 
man sie bei der besprechung des leztern notwendig mit in betracht 
ziehn muss. Was nun patei betrift, so gehört dessen erster teil 
ursprünglich dem hauptsatze an , wie sich schon aus dem umstände 
ergibt, dass unter eiufluss des verbtims im hauptsatze auch der dativ 
eintreten kann, sodass pammei entsteht. Der zweck aber dieser, 
ursprünglich der lezten stelle des hauptsatzes angehörigen, almählich 
aber in den nebeusatz gerückten casus vom demonstrativpronomen ist 
nicht sowol der, eine notwendige hinweisung auf den folgenden nel)en- 
satz zu juarkiereu, sondern es soll vielmehr nur die deutlich hervor- 
tretende casusendung des pronomens dazu dienen, die logische Stellung 
des folgenden satzes zum hauptsatze in leicht fasslicher, ohrenfälliger 
weise anzuzeigen. Ähnlich sagen wir zwar „Ciceros" aber „des Socra- 
tes," nicht als ob der eine name an sich mehr des artikels bedürfte als 
der andere, sondern weil wir beim zweiten nicht gut das formale mit- 
tel der casusendung anwenden können, um die logische Stellung des- 
selben anzudeuten. Ebenso ist der ursprüngliche zweck des demonsti*a- 
tivpronomens vor uebensätzen in fällen wie „nachdem er gestorben war" 
für ,,nach er gestorben war," d. i. nach seinem gestorbensebi , nicht 
eigentlich ein demonstrativer, sondern ein formaler, und besteht darin, 
als exponent des Casusverhältnisses zu dienen, in dem der fragliche 
satz zur vorangehenden präposition steht; nicht anders z. b. ,,ich weiss 



1»>H KT.lNCHARliT 

dass du krank bist" aus ..ich weiss das: du krank bist." dtnit- 
lichev als „ich weiss; du krank bist," indem „das'' als hilfswort 
des objectsatzes dessen aecusativische Stellung anzeigt. Der syntak- 
tische wert nun des ersten teils des gotischen conjunctionellen patei 
(dat. panimci , gen. in pizei^ instr. du fu'ci) ist völlig gleichzusetzen 
demjenigen dieses hd. dass (dat. nachdem, gen. indess), wo es 
zur einleitung von sulgects-. objects- und andern nebensätzen dient; 
der zweite teil stelt ein mittel der satzldndung dar, für das unsere 
spräche kein entsprechendes aequivalent besizt, wol auch nie besessen 
hat. Der historische entwicklungsgang wird aber der gewesen sein: 
Ursprünglich gebrauchte man keine andern casussätze als nominativische 
und aecusativische; um diese vom hauptsatze abzuheben resp. sie mit 
ihm zu verbinden und in der folge aucli um sie als nebensätze alge- 
mein zu characteiisieren . genügte d Späterhin wünschte man neben- 
sätze auch unter andere Casusverhältnisse zu bringen und verwante 
hierzu das demonstrativum (^(^-stammj in der oben ausgeführten weise 
als hilfswort. Nun aber rief das gesetz der analogie auch für die nomi- 
nativischen und accusativischen sätze, wiewol sie es an sich weniger 
bedurften , die an Wendung desselben mittels hervor. Gleichzeitig indess 
^^^rd auch das algemeine streben nach bestimterer Verdeutlichung des 
abhängigkeitsverhältnisses den gebrauch des demonstrativen hilfswortes 
vor dem nebensätze befördert halten; denn w4r bemerken, dass ei für 
nominativische und aecusativische sätze ausreicht, wenn das abhängig- 
keitsverhältnis schon im modus des verbums (optativ) angedeutet ist, 
dass man aber pahi vorzieht , wenn der nebensatz im indicativ steht. 

Weil nun aber das demonstrativum zwar äusserlich bestandteil 
des hauptsatzes.. seinem ganzen wesen nach aber hilfswort des neben- 
satzes ist. so verschmolz es immer mehr und mehr mit lezterem, erst 
zeitlich, sodass die haupt- und nebensatz trennende pause vor das 
demonstrativum fiel^ dann auch lautlich, indem ^a^a ei, pamma ei in 
patei und Jtammei zusammenflössen, pis ei zu pizei wurde. 

Einige beispiele mögen das gesagte veranschaulichen. 

Ursprünglich war es möglich und wol auch üblich, abhängige 
casussätze unmittelbar und ohne weiteres zeichen auf das regierende 
verb folgen zu lassen. So lesen wir noch J. 13, 31: qaj) pan Jesus: 
nu gasveraids vas sunus mans, indem das aecusativische Verhältnis des 
von Jesus gesprochenen satzes zu dem vorausgehenden verbum (laj) 
dui'ch nichts angedeutet wird. Dies liegt allerdings auch noch nicht 
in der kraft von ei, in Sätzen \w\ejju qipis: eijriudans im ik (J. 18, 37), 
aber das Verständnis wird wenigstens insofern erleichtert, als ei dazu 
dient, den objectssatz vom regierenden verbum zu sondern (vgl. o, oTi)y 



SYNTAX DKR (iOTISCHEN /7 l*i7 

aud je regelmässiger rl hier verwant wurde, desto iiielir inuste es 
almälig zum charakteristischen expoueuteii werden. Drittens wird nun 
das Casusverhältnis des abliängigen satzes in bestirnter weise so auge- 
deutet, dass man seinen Inhalt als «dnheitlichrMi begriff vermittels des 
demoustrativen pronominalstammes t<i- in die cunstruction des haupt- 
satzes eiusezt und nun die lugische Stellung des nebensatzes zu dem 
ihn regierenden verbum des hauptsatzes durch die flexionslormen des 
pronominalbtammes deutlich keuzeichnet; so heisst es Mc. 12, :i5: 
hcaivü qipand Jml bokarjos, Jtatci Xristus suuus ist Daveidis? was aber 
zurückgeht auf eine frühere ausdrucksweise: hvaiva qipand pai hokar- 
jos pata, ei Xristus siinus ist Daveidis i" Hiermit vergleicht sich as. 
thaf y z. b. Hei. 21)91 fgg.: nu biddiu ik thi , ivaldand frö min, . . . . 
tJiat tJiH sie so arma cgrold-fidlo ivani-skadon hiiveri! oder v. .'i268 fgg.: 
than skalt thu hihaldan tliea hrlayou Irrä, that (hu man ni slah, ni 
thu mcnes ni sweri! das ahd. kent diesen gebrauch des demonstrativums 
vor accusativsätzeu mit directer rede — auch die imperativsätze in 
obigen Heliandstellen sind als solche zu betrachten — allerdings nicht, 
wie mir dies auch vom ags. nicht bekaut ist, wol aber in casussätzen 
andrer art, z. b. Tat. 2«3, 1 : ir (jf/tortut, thaz giqaetati ivas ihrn nltfuij 
vgl. Vulf. M. 5, 21 haiisidedup, Jtatci qipan ist paim airizam. Es 
gehört aber dieses thaz, nach der ursi)rünglichen redeweise gerade so 
unter die rectiou von gihortiä , wie das in patei enthaltene pata unter 
die rectiou von haiisidedup. — Wo der Gote den abhängigen satz im 
dativverhältnisse fühlte, nahm er natürlich zur kenzeichnung desselben 
pamma zu hülfe, z. B. L. 1, 22: fropiin , pammei sinn yasahv in alh, 
aus: fropun pamma, ei si^ni gasahv itt alh. Nebensätze, die zum ver- 
bum des hauptsatzes genitivische Stellung hätten und in folge dessen 
durch ein ursprünglich jenem angehöriges, später mit ei verschmol- 
lenes pis [Jdzei) charakterisiert würden , finden sich nicht, ebensowenig 
wie entsprechende im deutschen , aber lezteres kent auch keine dativsätze 
der angegebenen art. Dagegen wenn die beziehung des nebensatzes zum 
hauptsatze der art ist, dass sie nicht einem einfachen casusverhältuisse 
entspricht, sondern einem durch eine präposition- bestimten , dann finden 
sich alle casus des demonstrativpronomens als hilfsworte des neben- 
satzes; indem diese dann in der besprochenen art, zusammen mit ihren 
Präpositionen , in den nebensatz überrückeu , entstehen conjunctionelle 
bildungen wie got. in-pizei, ana -pammei ^ du-peei, afar -patei ^ ahd. 
mit-thiu u. a., nhd. nach-dem, in-dess u. a. 

Nicht ganz so klar liegen die- dinge bezüglich der conjunction ^ez. 
Zwar was die form betrift, so werden wir diese, nachdem Sievers 
(Paul Braune II, 1 s. 116 fgg.) die existenz eines stammes tja- im 



168 KT.TXnR \RDT 

german. zurückgewiesen, imbedeuklich in pa-ei zerlegen, dessen erster 
beztandteil pa sich zu pata verhält , w'w ja zu '^jat und hva zu an. 
hvat; d^ss ßa-ei sich nicht wie sa-ci hielt, sondern sich zw pei ver- 
schlüf, ist durch die verschiedenen tonverhältnisse begründet, unter 
denen pd und sad gestanden haben. Fragen wir aber nach dem 
ursprüngliclien sinn der Verbindung, so bieten sich uns zwei möglich- 
keiten dar, anscheinend mit gleicher berechtigung: erstens nämlich 
kann pa- ursprünglicher bestandteil des hauptsatzes sein und erst almäh- 
lich. auf demselben wege wie pata, mit dem ei des nebensatzes sich 
verbunden haben; zweitens kann J)a dem ci gleichwertig sein, und es 
läge dann in der aus zwei gleichbedeutenden bestandteilen geformten 
conj. pei eine bildung vor wie in iz-ei, nur unter zusammenfügung 
zweier verschiedener stamme. Ich meinerseits halte das leztere für 
wahrscheinlich, und zwar deshalb, weiltet im ags. (pe), as. {the), auch 
ahd. [the, de) "wirklich dieselben functionen wie got. ei ausübt, sei es 
nun dass es gleich diesem die anaphorische kraft des satzbindend (rela- 
tivisch) gebrauchten pron. demonstr. bestimter kenzeichnet: ags. se-pCy 
seo-pe, pät'pe (vgl. sa-eij so- ei, pat-ei)y as. thär-the, tJianan-the 
(\g\. par-ei, papro-ei), ahd. ther-de, fhemo-de (jgl. J)amm-ei), sei 
es dass es allein stehend nebensätze bindet (Beöv. 1335, und zu erschlies- 
sen aus den zusammengesezten conjj. wiä-pon-pc = damit, cer-pam- 
pc = ehe u. a.). Auch scheint der verlust des alten, auslautenden -t 
in pa veranlast zu sein durch eine frühe tonlose (proklitische oder enkli- 
tische) Verwendung des wörtchens in der art von ei. 

Ich werde nun die einzelnen nebensatzarten, in denen ei als ein- 
leitende Partikel fungiert, der reihe nach durchgehn unter gleichzei- 
tiger berücksichtigung von patei, pammei, pei. 

Subjectssätze. 

ei vor optativsätzen: 
hatizo auk ist pus, ei fraqistnai ains lipive peinaize jah ni allata 
leik pein gadriusai in gaiainnan M. 5, 29. 30; ähnlich Mc. 9 , 42. 
J. 16, 7. — hi Jßtttei .... puhta im, ei skulda vesi piudangardi gups 
gasvikunpjan L. 19, 11, und ähnlich 2. K. 12, 19. — ganah sijmii, ei 
usw. M. 10, 25. — ip ist hiuliti izvis, ei usw. J. 18, 39. — 'Crjzel- 
tai Iv Tolg oiv.orouoig , ei hvas triggvs h'gitaidau, 1. K. 4, 2; aJ}J)an 
mis in minnistin ist, ei fram izvis ussokjaidaUy l.K. 4, 3; in diesen 
lezten beiden stellen entspricht griech. m^, gleichwol sind beide sätze 
nicht finale, sondern inhaltssätze; über iva in diesem sinne vgl. Winer, 
gramm. d. n. t. sprachidioms (7. aufl.) s. 316. — galeikaida uns, ei 
usw., 1. Th. 3, 1. — ni vas vilja, ei usw. 1. K. 16, 12. — jah livaiva 



SYNTAX DBS GOTISCHEN tlT 169 

gamelip ist bi sann maus, et nunuKj rinnm jah /rakunps vairpai? 
Mc. 9, 12; das im urtext zu gruiido lir'f^^ende ha erkiärt Winer s. 430 
für liiial , doch ist die mö<(liclikeit nicht uusgc-chlosson ha für ott zu 
fassen, und dem got. leser wenigstens muste es der Zusammenhang um 
nächsten legen, ei fg. als suhject zu ganielip ist zu verstehn. Zweifelhaft 
hleibt dabei freilich noch, ob ei manatj cinnai ausdrücken soll: „dass 
er viel leiden werde resp. solle," oder als directe rede mit dem expo- 
nenten ei: „er soll viel leiden." wobei der satz aber immer noch sub- 
jectssatz ist; uns scheint ersteres wahrscheinlicher, der Gote war 
sich wahrscheinlich dieses Unterschieds der autfassung überhaupt nicht 
bewust. 

ei vor indicativsätzen : 

hvan lagg )tiel ist, ei pata varp iinniaY Mc. 1), 21 — jah varp 
in dagntn paim^ ei .... L. G, 12; gleiche construction L. 8. 1. 

patei vor indicativsätzen: 
hva ist patei mij) motarjam jah fravaurhtarm matjip jah drigg' 
kip? Mc. 2, IG — hva, patei sokidedup mih? L. 2, 49 — hva auk ist 

)iihai [suppl. isf] patei ik silha ni kattrida izvis? 2. K. 12. i;J - 

ip na gafidgin ist patei qimand usw. L. 19, 42 -- hairht , Jmtei 

. . . 1. K. 15, 27 — sviknnp, patei sijiip 2. K. 3, 3 — gamclip ist, 
patei ... J. 8. 17 und G. 4, 12 — gahausip vas, patei . . . J. 9, 32 — 
bi sunjai [suppl. isf], patei ... 1. T. 6, 7. 

Jßatei vor optativsätzeu : 

ni patei fraujinoma izvanil galaubeinai , ak gavaurstvans sijum 
anstais izvaraisos, 2. K. 1 , 24, gricch. 0/7 oci /.iQievouev usw. Um 
sich die construction völlig klar zu machen, hat man, wie oben an ein 
paar stellen, hinter ni ein ist einzuschalten: ni ist patei usw. Der 
Optativ fraujinoma ist gebraucht, um den gedanken als der Vorstellung, 
nicht der Wirklichkeit angehörig zu bezeichnen, und zwar steht der 
Optativ praes. nicht praet. , weil lezterer die nichtwirklichkeit stärker 
als hier beabsichtigt sein kann hervorheben würde. Übrigens hat die 
Wendung mit 017 ('/n , ni patei, nicht dass, einen wesentlich stylisti- 
schen Charakter. Will man nämlich die nichtwirklichkeit eines gedan- 
keus stark hervorheben , so wird man zunächst die negation an die 
spitze des satzes rücken; dann rückt aber auch, in notw^endiger conse- 
quenz, das verbuni mit vor, und dadurch wird der falsche eindruck 
hervorgebracht , dass es scheint , als solle speciel der ])egriff des ver- 
bums in gegensatz zur Wirklichkeit gestelt werden, nicht der ganze 
satz. Diesen übelstand vermeidet man nun, indem man dem satze 
durch Ol/, patei, dass, die form eines subjectssatzes gibt und durch 



170 KLINGHARDT 

flie vorausgestellte negatioii die nicht Wirklichkeit davon aussagt, wobei 
die hinzufüguug von ^(ni usw. von seilest als überflüssig erscheint. Auf 
diese weise ist es möglich, die negation voranzustellen und zugleich 
ihre negierende kraft über den ganzen satzinhalt gleichraässig zu ver- 
breiten. A. Köhler in Bartsch, Stud. I s. 115 reiht diese construction 
unter die causalsätze. doch leitet seine eigne erklärung derselben mehr 
auf meine autfassung. zu welcher auch besonders stellen wie Ph. 4, 11 
nötigen; und wenn anscheinend au andern orten ein causales dement 
hervortritt, so liegt dies mehr im tatsächlichen Inhalt des satzes als in 
seiner form und der subjectiven auflfassung des gedankens. Überhaupt 
aber finden wir dieselbe construction noch Ph. 3, 12; 4, 17; 2. Th. 3, 9; 
Sk. Vs\). 

Mit rücksicht auf den modus der subjectssätze ergibt sich somit 
folgendes resultat: 
ei - Sätze : 

11 im Optativ, 

3 im indicativ. 
J&a/e? - Sätze : 

1 Wendung 6 mal widerholt im optativ, 

10 im indicativ. 
^i- Sätze stossen nicht auf. 

Objectssätze. 

Die objectssätze haben ebenfals ei (J^ei) patei (pammei) zum 
eiponenten. Ich werde sie zusammenstellen nach den verbis, deren 
object sie enthalten, und zwar zuerst diejenigen verba vorführen, nach 
denen im abhängigen satze regelmässig ei gebraucht wird, dann die- 
jenigen, auf welche regelmässig pafei folgt. Es wird sich dann zei- 
gen, dass hier nicht blosser zufall waltet, sondern dass, wie bei den 
subjectssätzen , so auch hier der gebrauch ei an optativische, der von 
patei an indicativische sätze gebunden ist, und weiterhin dass es gewisse, 
durch ihre verwante bedeutung zusammengeschlossene verbalgruppen 
sind, die den optativ, andere, die den indicativ im nebensatze nach 
sich ziehn. und beide mit dem modus die betreffende conjunction. Auf 
diese weise entsteht ein Zusammenhang, der sich praktisch am kürze- 
sten so ausdrücken lässt: Das verbum des hauptsatzes regiert den modus 
des verbums im nebensatze, und dieser modus des leztern regiert wider 
die conjunction, nämlich der optativ veranlasst den gebrauch von ei, 
der indicativ den von Jjafei. Diejenigen verba , die nur einmal mit fol- 
gendem objectssätze vorkommen , wo also von einer bestirnten gesetz- 
mässigkeit und regelmässigkeit der construction nicht die rede sein 



SYNTAX DES GOTISfHES EI 171 

kauii, werde ich allemal in die giuppe von verbis eimeilieu, der sie 
durch ihre bedeutung und construction am nächsten verwant sind. Eine 
lezte gruppe sollen diejenigen verben bilden, nach denen der gebrauch 
des modus und der conjunction im nebensatze schwankt. 

I. Verba, auf welche regelmässig der objectssatz im 
Optativ und mit ei folgt. — Von sämtlichen hierhergehörigen ver- 
bis lässt sich im algemeinen sagen, dass sie eine geistige äusserung 
ausdrücken, und vom inhalt ihres objectssatzes, dass er vom Stand- 
punkte des regierenden verbums aus meist der zukunft angehört. Es 
sind folgende: 

viljau Mc. lU, 35; 6, 25; 9, 30: L. G, ;U; 9, 54 ; J. 17, 2 4; 
18, 39; R. 13, 3; über M. 27, 17; Mc. 10, 51 ; 14, 12; 15, 12; Lc. 18, 
•U vgl. s. 156. — letan Mc. 11, 16. — hidjan M. 9, 38; Mc. 5, 10; 
6. 56; 7. 32; 13, 18; L. 7, 3. 36; 8, 28. 31. 32. 38; 9, 40; lu, 2; 
J. 7, 15; 1. K. 16, 12. 16: 2. K. 8, 6; 9, 5; 10, 2; 12, 8; 13, 7; 
Col. 4, 3; 1. Th. 3, 10; 4, 1; 2. Th. 1, 11 ; 3, 1. 2. 12; 1. T. 2, 2. — 
qipan (befehlen) Mc. 3, 9; 9, 18: L. 4, 3; über M. 10, 23. 42; G. 5, 16 
vgl. s. 155. — handvjan (durch zeichen auftbrdern) L. 5, 7. — faiir- 
biud(t)i L. 5, 14; 8, 56; 9, 21 ; 1. T. 1, 3; Mc. 6, 8; 8, 30. — sifan 
(sich auf etwas freuen) J. 8, 56. — gataujan J. 11, 37. — tanjan 
Col. 4, 155. — munan (wonach streben) J. 12, 10. — paurban l.Th. 
5, 1. — saihvan (zusehn, sich mühe geben) 1. K. 16, 10; über M. 8, 4; 
9, 30; Mc. 1, 44 vgl. s. 16. 17. — sokjan (streben nach etwas) G. 2, 
17. — afargaggan (streben nach etwas) Ph. 3, 12; der c/-satz ist 
gegenständ, nicht zweck. — anahhidan 1. Th. 4, 12; 2. Th. 3, 6. 10; 
N. 5, 14; Mc. 5, 43; 7, 36; 9, 9. — hisvaran (beschwörend auftbr- 
dern zu etwas) 1. Th. 5, 27. — fragihan Mc. 10, 37; Sk. 111 d. — mer- 
jan (predigend aufibrderi»; Mc 6, 12. — gameljan (schreibend auftbr- 
dern zu etwas) L. 20, 28; Mc. 12, 19. — trauan Lc. 18, 9. — venjayi 
2. K. 13, 6; 1, 13; Phil. 22; 2. K. 1, 10 steht der indicativ: du pammei 
venidedum ei galauseij), üg ov i'^/./n'/Mntv ozi /.at {ji-oeiut , wie ich ver- 
mute , wider gewöhnlichen Sprachgebrauch und nur zu dem zwecke , um 
der zukünftigen Verwirklichung der religiösen hofnung durch den sonst 
gebräuchlichen optativ nicht den schein der unisickerheit zu geben. 

II. Verba, auf welche regelmässig der objectsatz im 
indicativ und mit patei (einzeln Siuch pammei, pel) folgt. — 
Dahin gehören zunächst gewisse verba der sinlichen äusserung; das 
object derselben gehört meist der gegenwart oder der Vergangenheit an. 

svaraii M. 26, 72. 74; Mc. 6, 23; 14, 71. — rodjcm L. 4. 21. — 
veitvodjan J. 5. 36: ~, 17; 1. K. 16, 15. — andhaitan M. 7, 23. - 
garaginon (raten, als verb. diceudi ^ ratend etwas aussprechen; 



172 KLINOHARDT 

j IS^ 14. _ Qoteihan L. 8, 20: 18, 37; 1. K. 14, 25; 1. Th. 3, 6. — lais- 

jan (lehrend mitteilen) Mc. 8, 31. — hnndvjmi L. 2(), 37. — Noch 

schliesst man wol am besten dieser gruppe an : (famcljan schreiben, 

schreibend mitteilen, Meli, 17: 12,19: L. 2, 23; 4, 4. 10. 11; 

U>, 4G. 

Ferner verba der sinlichen Wahrnehmung, deren objectssatz gleich- 
fals meist in der gegenwart oder Vergangenheit liegt: 

saihvcDi J. 6, 22. — (lasnilwan Mc. 12 , 28; 15. 39; 9, 25; 
Lc. 7. 22; 8, 53; J. <>, 24; IG. 17. — msailivan M. 6, 2Q, pei c. ind. 

Endlich verba der geistigen Wahrnehmung, deren object widerum 
vorzugsweise in gegenwart oder Vergangenheit fält: 

gaumjan mit folgendem pafei Sk. VII d. pamnici J. 6, 5; Lc. 17, 
15; Mc. 16, 4. — frapjatf mit folgendem pafei J. 8, 27; L. 20, 19; 
Sk.XUld, pa))n)ici L. 1. 22: Mc. 7, 18. — mihvan ,7. 7, 52; 12, 19; 
2. K. 7. 8: G. 2. 14: 8k. IIc: YITId. — finpap (figürlich) J. 12, 9. — 
andti'nnan (erfahren) 1. K. 11, 23. — niman (erfahren) J. 17, 8. — 
gasaihvan (figürlich) G. 2, 7. — gamnnan J. 12, 16; Eph. 2, 11; 
M. 5. 23: 27, 63: J. 16, 4. ~ galauhjan M. 11, 24; L. 1, 45; J. 8, 
24. 25: 10, 38: 11, 27. 42; 13, 19; 14. 10. 11; 16, 27; 17, 8. 21; 

1. Th. 4. 14. Mit folgendem patei und optativ J. 9, 18 ni galauhide- 
fiun pati Judaieis hi ina , patei is hlinds vesi jah ussehvi , om pttI- 
oxLKKfv nir n) ^fniöcCiot negl carov, oxi iiq^'/MQ i]v v.al avf-ßXeU'tr^ und 
M. 9. 28 ga-u-lauhjats, pafei niagjan Jtata taujan? niaxtvETL^ ort 
övvctLiai ToiTo 7Toi7a((( : in beiden fällen wäre der indicativ möglich , und 
wenn der optativ steht, so ist er auch nicht gewählt wegen des zwi- 
schen galanhjayi und dem abhängigen satze an sich existierenden Ver- 
hältnisses . sondern hier wünscht der redende durch den , offenbar poten- 
tial zu verstehenden optativ die Wirklichkeit des Inhalts des neben- 
satzes als unentschieden hinzustellen, dort sogar als unwahrscheinlich; 
der grund des Optativs liegt also im nebensatz selbst, nicht in galauh- 
jan, auch nicht in der verneinten resp. fragenden form desselben (vgl. 
J. 8, 24; 14. lo). und es wird folglich durch obige sätze die regel, 
dass galauhjan immer den objectssatz mit f}atei und indicativ nach sich 
nimt, nicht durchbrochen; wenn andere umstände den optativ des neben- 
satzes bewirken , so geht das die construction von galauhjan nichts an. — 
kunnan Mc. 13, 28. 29: J. 6, 15; 17, 23; 2. K. 13, 6; Eph. 5, 4; 

2. T. 3, 1. patei und optativ Sk. Tb: auch dieser optativ ist nicht 
durch das Verhältnis des nebensatzes zum hauptsatze bedingt, sondern 
durch den dem erstem innewohnenden irreal hypothetischen sinn. Dage- 
gen bietet .1. 15, 18 kunneijt, ei mik frunmn izvis frijaida eine wirk- 
liche ausnähme , denn man sieht nicht ab . weshalb statt des sonst 



SYNTAX DK3 GOTISCHEN EI 173 

gevvöhulicbeu Jmtci beim iiidicativ hier ci gewählt ist. — ahjan M. 10, 
34 und do/.eh' (gdlauhjan) .1. 5, 4.'), beide mit folgendem Optativ und 
patei , weil in beiden fällen der inhalt des nebensatzes als der Wirk- 
lichkeit widersprechend bezeichnet werden soll. - - Hierher ist auch 
zu ziehn K. 13, 8 ni ai)iu)nmchun vaihiais skulans sijaip, niba patei 
izvis ntiiiso frijop , ui^dtii ui^dev u^tilttb, ti urj ro a'O.riXovg dyc(7iäi', 
Luther: seid niemand nichts schuldig, denn dass ihr euch unter ein- 
ander lieht; patei fgg. ergibt sich von selbst als object des als einheit- 
licher begriff gefassten skiilans sijaip, und dass frijop als indicativ zu 
verstehen ist, wird wahrscheinlicli durdi den gebrauch von pofri; das 
izvis misso frijop wird also als bereits bestehende tatsache, nicht als 
eine erst in zukuaft zu erfüllende pilicht bezeichnet. 

Es ergibt sich hiernach, dass der gebrauch von ei wesentlich an 
optativische, der von patei an indicativische nebensätze geknüpft ist. 
Wir finden nämlich: 

I. Optativ mit ei, 74 mal, und zwar so, dass entweder ein- 
zelne verba mehrfach mit objectssätzen verbunden auftreten und diese 
allemal den genanten modus und ei aufweisen, oder, nach andern ver- 
bis, objectssätze nur je einmal im optativ mit ei aufstossen; aber auch 
leztere fälle tragen den Stempel der regelmässigkeit, nicht des Zufalls, 
insofern als das regierende verbum durch seine bedeutung eine aus- 
gesprochene verwantschaft mit der ersten gruppe kundgibt und deshalb 
an deren gesetz zu participieren scheint; haben sie doch auch nirgends 
indicativ mit J)atei neben sich. Nur einmal findet sich eine Schwan- 
kung, indem auf das sonst widerholt mit opt. und ei construierte veit- 
jan der indicativ mit ei folgt; doch scheint hier der gegen die regel- 
mässige Sprechweise verstossende indicativ durch besondere umstände 
bedingt, und ei ist wol nur deshalb trotzdem stehen g-eblieben, weil 
es eben nach venjan wegen des sonst regelmässig folgenden optativs 
das legitime war. 

II. indicativ mit ])atei^ 71 mal. Auch hier findet sich diese 
construction nach einer reihe von verbis widerholt vor. nacli andern, 
die aber alle durch ihre bedeutung mit jenen verbunden sind , nur ein- 
mal. Abweichende constructionen ergeben sich in nur sehr geringer 
anzahl, indem nur 1 mal ei vor regelmässigem indicativ gebraucht wird 
und 5 mal patei stehen geblieben ist. obgleich infolge besonderer 
umstände statt des erwarteten indicativ der optativ eingetreten ist. — 
pammei finden wir omal vor indicativ. Sätzen, 3 mal nach gaufnjavj 
2 mal nach fropjan. J)ei komt nur Imal vor. nach insaihvan. 

Wenn so die wähl der conjunction abhängig erscheint von dem 
modus des verbums . so legt sich die frage nahe , wodurch nun die 



174 KLINGHARDT 

wähl des leztern bestirnt Avird. Ich bin mit Bernhardt (Zeitschr. VI, 
s. 485) der meinung, dass, trotzdem der gebrauch des optativ im goti- 
schen neuerdings widerholt behandelt worden ist, dieser gegenständ 
doch noch einer erschöpfenden darstellung bedarf.^ Und zwar wird mau 
ihm nur dann auf den kern kommen, wenn man neben einer eingehen- 
den vergleichuug der übrigen germanischen dialekte noch die andern 
verwanten sprachen, namentlich die griechische und lateinische als die 
best bekanten und belegten berücksichtigt. Ich konte hier natürlich 
uur ganz nebenbei den gebrauch des modus in betracht ziehen, durfte 
ihn aber nicht ganz umgehen, weil von demselben der gebrauch der 
conjunction abhängt; so habe ich mich begnügt, die verba, welche im 
objectssatze den optativ, und die welche den indicativ nach sich zie- 
hen, ganz algemein nach ihrer bedeutung zusammenzustellen und zu 
charakterisieren. Es zeigt sich nämlich, dass verba. die eine emanation 
der Seelentätigkeit bezeichnen , welche auf einen der zukunft angehöri- 
gen umstand gerichtet ist, in dem diesen umstand enthaltenden objects- 
satze den optativ hervorrufen; dies sind besonders die verba des wol- 
lens, befehlens, verbietens. aufforderns, erstrebens. hoffens. 
Dagegen verba. welche eine mehr .sinliche äusserung (schwören, 
zeugen, bekennen, redend oder ratend mitteilen), ein sinliches 
oder geistis:es aufnehmen (sehen; wahrnehmen, verstehen, erken- 
neu. finden, kennen, glauben, erfahren) ausdrücken, haben in 
ihrem objectssatze den indicativ; dabei ist zu bemerken, dass für sie 
der inhalt des objectssatzes meist in der gegenwart oder Vergangenheit 
liegt. Überhaupt spielen wol beim gebrauch der modi die temporalen 
Verhältnisse eine wichtigere rolle, als man gemeiniglich annimt. nicht 
nur im gotischen. 

III. Verba, nach denen im objectssatze der gebrauch 
des modus und der conjunctionen einigermassen schwankt: 

qipnn, m. f. indicativ xmA Jmfei 124 mal — die anführung die- 
ser stellen ist wol unnötig — , mit indicativ und 7>^^' 2malj J. 13, 3H 
und 16, 20. mit indicativ und ei 4 mal J. 18, 37: 13, 33; M. 10, 42: 
Mc. 9. 41: mit optativ und patei 4 mal. J. 8, 55; 1. K. 1, 15; 10, 19; 
2. K. 11, 21. mit Optativ und ^e/ Imal, J. l«.. 26. — andliafjan m. 
f. indicativ und pafei Imal, M. 12. 29, das verbum ist zwar weg- 
gelassen . kann aber nur im indicativ ergänzt werden ; mit optativ und 
ei Imal. L. 20. 19. — gasvikun])jan mit indicativ und ei Imal, Sk.IIa.- 
atgihan, mit indicativ und ei Imal, 1. K. 15, 3 (vgl. 1. K. 11, 23 (iiffl- 
nam — patei). — fdangjati^ mit indicativ und ei Imal, Sk. 41, a. 

1) Vergl. jezt den aufsatz von Bernhardt s. 1 fgg. dieses bandes. Red. 



SYNTAX DES fJOTTSCHES A7 175 

Die vorstehenden fünf verba sind veiba der rede. d. i. der sin- 
lichen äusseriuiii". und man liiitte alsu nadi ilmcn nur indicativ mit 
patci (pei) zu erwarten, wie dies auch nacli qi/xin unter IM) fäUen 
sieh 12«'» mal so findet: die beiden stellen zu (nnJlKifjan sind zwischen 
Optativ mit d und indicativ mit fmtel geteilt: un<l nai-h den drei lezten 
verbis steht statt indicativ mit Imtei an je einer erhalteneu stelle indi- 
cativ mit fi. Man sieht, im <(anzen ist die zahl der abweichunpfen 
vom gewöhuliclien eine recht gerin^M\ 

Dasselbe gilt von der folgenden gruppe verba. "welclie teils als 
verba der geistigen walirnidimung. teils als solclie der geistigen äusse- 
rung zu bezeichnen sind: hausjan, vernehmen, m. f. indicativ und 
pntei 11 mal. Mc. U',. li; M. :>. 21. 27. 33. :\x. 43; .1. :i. 3.'); U. 2U: 
12, 12. 84; Phil. 1, 27; optativ mit ei 2mal, J. 12, 18; Mc. 6. 55.— 
ufhniudn m. f. indicativ uud paUi 10 mal Mc. 2. s ; .'>. -jo ; j,. 7. 37. 
39: J. G. 611; 8. 28: 14. 2n. 31: 17. 2:> : N. 0, 1 r. : indicativ und pei 
^. 13, 35; indicativ und ei ^. 17. 7. — vitun, indicativ mit pateij 
52 mal: indicativ mit ei 5 mal. .!.•.>. 25; 11. 22: 16, :>0; 2. K. 5. 1; 
Phil. 1, 19: optativ mit d : 1. K. 1. 16. — f/(ifr(iun)i, indicativ mit 
pafei 3 mal, 1\. 11. 14; 2. K. 2, 3; 2. T. 1, 5; mit pnunnei 2 mal, Phil. 
2, 24; 2. T. 1, 12: indicativ mit ei Imal, 2. Th. 3, 4; optativ mit pafei 
1 mal. "R. 8. 38. — hiKjja)) m. f. indicativ \m(\ patei Imal ^. 11, 13; 
indicativ und ei Imal M. 5, 17. — munan, meinen, indicativ mit/W 
Imal. 1. K. 4. 9; optativ mit f? und p<tfei Imal J. 13, 29: <iHmai 
mundcdnn, ei, uvte arJca hahoida Judas, patei qepi ihnna Jesus usw. 

Die unter III aufgeführten verba sind der mehrzahl nach verba 
der sinlichen äusserung oder der geistigen wahrnehmuug, und nach 
ihnen ist daher (vgl. oben II) indicativ mit pafei ijmmmei , Jm) das 
reguläre. Wieso gafraiian. hugjan. muiian statt des erwarteten opta- 
tiv mit ei zum indicativ mit pafpi (pamtuei, pei) kommen, kann ich 
hier nicht näher erörtern, da es nicht eigentlich zur sache gehört. 
Vielmelir handelt es sich hier nur darum, das Verhältnis der conjunc- 
tiouen zu den modis festzustellen: «lies aber bietet sich zahlengemäss 
so dar: 

indicativ mi patei 203 mal optativ mit ei 5 mal 

pammei 2 mal pei 1 mal 

pei 4 mal pafei 6 mal 

ei 12 mal 

Also unter 221 indicativsätzen nur 12 mit ei. sonst stets pafei 
(Jjammei, pei) zur deutlicheu bestätigung der bisher beobachteten regel. 
Auch das 6 malige pafei und 1 malige pei in den 1 1 optativsätzen gegen 
nur 4 mal ri spricht nicht gegen den oben als legitim erkanten gebrauch 

ZEITSCHR. P. DEUTSCHE PHILOLOGIE, BD. VIII. 12 



176 KT.TNGHARl^T 

von ei in optativsätzen. Xämlich nach den verbis qil)an und gitrauan 
war der iudieativ der algemein herschende modus, mitbin Jmtei die 
gewohnte coujunction: wenn nun in seltenen lallen einmal optativ 
eintrat, so konte gar leicht das einmal gebräuchliche patci haften 
bleiben. 

Unser resultat ist also dies: gotische subjects- und objectssätzo 
werden eingeleitet sowol durch ci als durcb patci , aber ersteres ist an 
optativische, dieses an indicativische sätze gebunden; ausnahmen finden 
sich nur vereinzelt, und dann öfters so, dass bei abweichung vom 
gewöhnlichen modus die herkömliche conjunction trotzdem stehen bleibt. 

Schauen wir uns nun nach dem gründe um , warum denn J)atei 
so regelmässig vor indicativsätzeu, e^ vor optativsätzen steht. Derselbe 
ist unschwer zu finden. Nämlich bei den nebensätzen im optativ war 
die abhängigkeit vom hauptsatze abgesehu von der conjunction schon 
sehr deutlich durch den modus gekenzeichnet , der lediglich durcli die 
Stellung des nebensatzes zum hauptsatze veranlasst war. Indicativischen 
Sätzen gieng dieses charakteristicum des satzverhältnisses ab, ihre Stel- 
lung zum hauptsatze war daher weniger deutlich erkenbar. Um nun 
das Verhältnis auszugleichen, griff man zu dem schon besprochenen 
mittel, den durch ei nur schwach verknüpften nebensatz- dadurch enger 
an den hauptsatz zu binden, dass mau bereits in lezterm mit dem pro- 
nomen demonstrativum auf den kommenden nebensatz hinwies, patei 
wird also deshalb grundsätzlich in indicativsätzeu gewählt, 
weil es gegen ei eine stärkere bindung enthält.^ 

Appositionssätze. 

Ich sondere die appositionssätze in zwei gruppen . nämlich erstens 
solche, welche in appositioneller funotion zu einem pronomen erschei- 
nen . und zweitens solche . welche in gleichem Verhältnis zu einem 
Substantiv stelm, und wende mich zunächst den zu einem pronomen 
gehörenden appositionssätzen zu. 

pammu ni faqinop ^ ei pai aJimans izvis ufhausjand L. 10, 20. 
Hier ist einerseits der nebensatz mit ei grammatikalisch als erläuternde 
apposition zu pamma aufzufassen; andrerseits ist die absieht der sprä- 
che — auch des griechischen textes — die, mit dem demonstrativum 
im hauptsatze die logische Stellung des nebensatzes zum hauptsatze zu 
präcisieren, indem sie ihn in der declinierbaren form eines pron. 
deraonstr. formell vorausnimt. In den optativischen unter den hier- 

1) Vgl. Graff, sprachsch. V, 39: ..nicht nur bei ni, sondern auch in affirma- 
tiven Sätzen wird da^ ausgelassen , in welchem falle das verbum immer im cou- 
junctiv steht," 



>YNTAX PFs f;nTi«;riir\ n 177 

liergeliörigeu Sätzen stt'bl imniör ri : L. 1. I:): .1. 1.'). 12: 17,3; 1. Tli. 
4, 3; L. 1, 43 (alles subjectsappositioueii) .). lö, J7; I\. 11, 13; 2. Th. 
3. 10 (objectsappositionen). Auch in den indicativisclit'n Sätzen kann 
ei genügen, weil schon durch das pronomen, weirhcs die erwartung" 
auf df^n folgenden a}>|»ositioussatz richtet, eine starke l>indung bewirkt 
wird: Mc. 11, 23; L. 10, 20; •_>. K. K». 7. 11 ( o]»jcctsappositionen); 
Sk. VIIIc. apposition zu iti fxDumci {qua m yr): andrerseits \^t ftafrl 
docli ]>ereits so geschwächt, seintijierkuntl aus einer Verbindung mit 
einem demonstrativ des hauptsatzes so vergessen, dass es liier, trotz- 
dem ein andres demonstrativ schon im hauptsatze steht, doch eintre- 
ten kann: J. 9, 25; 1. K. 7, 2(;: 2. K. r>. 15; Phil. 1. 25; G. 1. 23 
(objectsappositionen): J. 1>. 30 (in Jmmma — pate't). 16, 19 (hi Jtata — 
/tafei ). 

Von den nebensätzen. welche appositioneil zu einem Substan- 
tiv stehii, werden die Optativ i sehen mit einfachem ei angefügt: 
aipis , panei svor vipra Abraham äff an unsarana, ei gebi uthsis una- 
gein, L. 1. 73; ebenso J. 12, 13: 13, 34: Phil. 2, 2. Nm* 2. Tb. 2. 2 
macht eine ausnähme; hier ist nämlich der appositionelle inhaltssatz zu 
aipidaulcin mit pa fei augefügt, obgleich sein verbum im Optativ steht; 
es ist also aipi>ifauJein construiert . wie diejenigen verba der rede (spec. 
qipan). welche trotz des veränderten modus das gewohnte patei behal- 
ten. — Für die anfügung indicativischer sätze genügt auch hier ei : 
hi pamma vairjjip pamma daga , ei simus maus andhuljada, L. 17, 30; 
1, 20: ferner J. 15, 13. 25; 16. 2, 32; 18, 9; Kol. 1, 9; 2. T. 3, 8; 
Neh. 5, 14; doch kann auch patei eintreten: L. 2, 11; R. 13. 11 ; 2. K. 
1,12: 1. K. 15. 12; 2. K. S. 1. l; 8,9; Phil. 2. 22; l.T. 1, 15: 
M. 26, 75; auch pci findet sich einmal, M. 9. 15 (und pata hvcilos, pei 
seq. indic. ; die stelle gehört hierher, weil logisch der begriff des Sub- 
stantivs und nicht der des prouomens überwiegt). 

Es darf hier nicht unerwähnt bleiben, dass ei vor Sätzen, welche 
zu einer allgemeinen Zeitbestimmung mit dag>i [und pana dag L. 1. 2o. 
fram pannna daga Kol. 1. 9 und X. 5. 18. pawma daga L. 17. 30j 
oder einer allgemeinen modalen bestimmung (pamma haidau 2. T. 3, 8) 
die specielle ausführuug enthalten, vielfach auch als part. relativa ange- 
sehen wird, vgl. Bernhardt zu L. 1, 2n u. ö.; Sallwürk, die syntax des 
Vulfila (progr. von Pforzheim, 1875j 1 s. 2o ; Eckardt, diss. über die 
syntax des got. relativpron., Halle 1875, s. 16; Grimm, gr. IH, 16. 
In der tat kann man auch leicht zu diesem gedanken geffihrt werden, 
besonders mit hinsieht auf den analogen gebrauch von er im nord. 
und nächstverwantes im got. selbst. Aber man hat zu bedenken, dass 
die fraglichen nebeusätze mindestens ebenso gut die andere auffassung 

12* 



178 KLINGHARDT 

als appositioneile iuhaltsätze vertragen. Denn wie kann man sie tren- 
nen von unzweifelhaften appositionssätzen , wie z. b. J. 15, 13 maizein 
pizai fn'apvai manna ni hahaip, ei hvas saivala seina lagjip faur fri- 
jonds senians, oder L. 2, lo loifc sai s^iiUo izvis fahecl miküa — patei 
gabaurajis ist izvis himma dtuja nusjands: diese wie jene führen den 
inhalt eines vorausgehenden Substantivs aus, resp. ein vorausgehendes 
substiiutiv fasst ihren inhalt in nominaler form als einheitliclien begriff 
zusammen, und hier wie dort kann man das Verhältnis zwischen dem 
hauptbegriffe und dem ihn erklärenden nebensatze kaum anders bezeich- 
nen, ausser, als ein appositionelles. Auch unsrer deutsclieu spräche 
sind solche appositioneile inhaltssätze nach zeitbegriffen ganz geläufig, 
z. b. „gleich an demselben tage, dass ich gekommen war" und ebenso 
englisch: ,. du ring iiearlg two gears that fJie sgsfem has heen i7i Opera- 
tion'': und von diesem modernen sprachgebrauche rückwärts schliessend 
^vird man geneigt sein, auch stellen wie Beov. 2400 (od pone änne 
dag pe he vip pom vgnne gevegan sceolde) oder Gylfag. 6: {Jiinn firsta 
dag er hon sleikti steinana) ebenso zu verstehn, wiewol sie allerdings 
auch relative Interpretation zulassen. 

Was übrigens das Verhältnis der conjunctionen zu den modis in 
Sätzen dieser art betrift, so bewährt sich offenbar auch hier das grund- 
gesetz , dass für die anfügung von optativischen Sätzen das schwächere 
ei genügt; nur eine einzige ausnähme stiess uns auf. Andrerseits wer- 
den die indicati vischen sätze mit ^ö^ei angeknüpft, doch fungiert dane- 
ben auch ei mit ausreichender kraft in ziemlich ebensoviel fällen. In 
summa: 13 opt. c. ei^ 1 opt. c. patei; 17 indic. c. pjatei , 12 ind. c. ei^ 
1 ind. c. pei. 

Prädicatssätze. 

allai auk alakjo hahaidedun Johannen, patei hi sunjai praufetes 
vas Mc. 11, o2. Der patei -nutz enthält offenbar das, was von J. 
ausgesagt werden äOll , und muss daher , da Johannen object zu habai-, 
dedun ist, als objectsprädicat betrachtet werden. Dasselbe Verhältnis 
findet statt: 1. K. 15. 1; 2. K. 13. 5; M. 27, 3; J. 9, 19; 11,31; 
18, 2; Mc. 8. 24; 12, 34; L. s, 47, In allen diesen 10 fällen steht 
das verbum des prädicatssatzes im indic ativ und der satz selbst wird 
mit pjatei angeknüpft. Von Prädicatssätzen zum subject findet sich nur 
einer, und zwar im optativ mit ei: sa fravrohips varp du imma, ei 
distahidedi aigin is, L. 16, 1; der optativ ist gewählt, um anzudeu- 
ten, dass die berechtigung der anklage vor der rechnungsablegung noch 
in zweifei stand. — 10 ind. c. fjatei , i opt. c. ei. 



SYNTAX DES OUll>LaK.N ii 179 

Da die bis jezt behandelteu subjects-. objects-, appositions- und 
prädicatssätze . die mit oinem geläufigon namen als inhaltssätze bezeich- 
net werden mögen, durch eine gewisse verwantschatt mit einander ver- 
bunden sind , so wird es dienlich sein . an diesem punkte der Unter- 
suchung einen blick zurückzuwerfen und die gewonnenen resultate fest- 
zustellen. 

Mit rücksicht auf die Stellung der conjuuctiouen zu den modis 
ist der äussere tatbestand der: von 43 optativsätzen sind 29 mit ei, 
13 mit pafeiy^ 1 mit pei angeknüpft, von 273 indicativsätzen 240 mit 
^affi, 27 mit ei und 5 mit pci , und damit ist die bindung von opta- 
tivsätzen durch vi wie die von indicativsätzen durch patel als durcli- 
weg regelrecht gesichert. Dazu verliert aber die zahl der ausnahmen 
noch dadurch an gewicht, dass ein grosser teil derselben nur einer 
besondern klasse, der der appositioussätze, welche auch im indicativ 
sich mit der schwächern bindung durch ei begnügen können, angehört; 
und in andern lallen, bei den objectssätzen, sahen wir, dass die unge- 
wöhnliche Verbindung des optativ mit ßafci dadurch herbeigeführt war. 
dass der optativ nur ausnahmsweise für den indicativ eingetreten, dabei 
aber die durch den leztern bedingte conjunction geblieben war. Im gan- 
zen reichen die ausnahmen nur hin, um die regel als eine nicht starre, 
wiewol immerhin feste zu charakterisieren. — pei komt zu selten vor, 
als dass mau auch für seinen gebrauch ein gesetz aufstellen könte. 

Über das gegenseitige Verhältnis zwischen ci und pafci habe ich 
schon s. 176 gesprochen und brauche hier nicht darauf zurückzukom- 
men: auch Ursprung und sinn \on pate? ist bereits erörtert (s. 165 fgg.). 
Und wenn ich mich an lezterer stelle auch vorzugsweise auf die sub- 
jects - und objectssätze bezog , wo der erste teil von patei als ursprüng- 
lich zum hauptsatz construierter nominativ oder accusativ leicht ver- 
ständlich ist, so kann man doch auch bei den appositionssätzen , wie 
2. K. 8, 1—2 hannja izvis anst gups, patei manaifdups fahedais ize 
usmanmjnoda , und bei den prädicatssätzen , z. b. J. 11, 31 gasaiJivan- 
dans Marjan, patei sprauto usstoj) , über die art der Zugehörigkeit von 
pata- zum hauptsatze nicht in zweifei sein. Aufmerksam aber Avill 
ich hier machen, wie der demonstrative bestandteil Yon pat- ei bereits 
almählich zu verhärten und zu einer ihrem flexivischen werte nach 
nicht mehr verstandenen partikel zu werden begint. Dies zeigt sich in 
den objectssätzen. Eigentlich hätten wir nämlich, wenn das verbum 
des hauptsatzes den genitiv regiert, vor dem nebensatze ^?>ei zu erwar- 
ten, wenn den dativ, Jjammci, und wenn den accusativ, patei. Wir 

V 6 dieser fälle beruhen auf einer identischen wendung, vgl. s. 170. 



18< » REIFPERSCH EID 

tiiideii aber z. b. nach bidjait uud (fdniiaKdi , die l)eide den gouitiv 
regieren, niemals />?>^/. sondern durchgängig dafür Juitei; pizei begeg- 
net überhaupt nur einmal, nämlich Mc. 4, 38 niu kara Jmkj pizei 
fraqisfmnn':^, construiert zu Icaia. Vui] (/(fumjan , das immer den dativ 
regiert, hat ;iwar pamnui nacli sich, daneben aber aucli /tatvi Es 
seheint also . dass Jnitci . weil es von haus aus quantitativ bei weitem 
überwog, almählich dem uniibrmierenden Sprachgefühl als das eigent- 
lich und allein berechtigte bindemittel der objectssätze erschien und 
die früher nebenher laufenden casus pizci und pamme'i nach und nach 
aus dem gebrauche verdrängte , zuerst den geuitiv , dann den dativ, 
sodass wir mit unsern got. denkmälern hart vor einer zeit stehn, wo 
patei das alleinherschende werden muste. In den übrigen germanischen 
dialekten finden wir bekantlich diesen process schon in den ältesten 
uns erhaltenen denkmälern vollendet. 

(Sehluls folgt.) 



BRUCHSTÜCKE ALTDEUTSHEK HANDSCHRIFTEN. 

I. 

Ih'uelistüeke y<m Freidaiikliaiidschrittoii. 

l) ein pergamentdoppelblatt in klein 8^ aus dem ende des IS.jahrh. 
in der bibliothek der katholischen ^'ymnasien in Köln,^ N*^ XLVHl. 

Das einfache blatt ist 15 centimeter hoch und 9,6 centimeter 
breit. Auf jeder seite stehen 28 Zeilen , die erste zeile jedes reimpaa- 
res begint mit einem grossen buchstaben , die zweite mit einem kleinen, 
sie ist um soviel eingerückt, dass ihr erster buchstabe unter dem zwei- 
ten der ersten steht; an zwei stellen ist der anfang eines neuen 
abschnittes durch einen buchstaben bezeichnet, der so gross ist, dass 
er den freien räum vor beiden zeilen einnimt. Am ende des verses 
steht regelmässig ein punkt. Die handschrift war liniiert. Die Innen- 
seite des doppelblattes war auf die innere seite eines buchdeckels 
geklebt, der 10 centimeter hoch und 14 centimeter breit war. Auf der 
rückseite des ersten blattes steht von einer band unseres Jahrhunderts 
mit dinte ,. KoUenhagen/* darunter von derselben band mit bleistift 
., Freydang?'*. Die reihenfolge der Sprüche auf den erhaltenen zwei 
blättern ist folgende : 

1) Mit freudcn bf^nutze ich diese jL^elegenheit , um herrn bibliothekar profcs- 
8ur dr. H. Düntzer öffentlich lierzhchsten dank zu sagen für die Hebenswürdige 
t'reuDdlichkeit, mit der er stets meinen wünschen zu entsprechen gesucht hat. 



BRÜCKST. AUS FREIDANK 



181 



aiisg. 



bl. 



Grimm 1 
1" 151, 23 — 24 



Müller 



1)1. 1 



151, 

39 , 

121>, 

132, 

21, 

21, 



bl. 2 



22, 
136, 

23, 
177, 

23, 
23, 
22, 



bl. 2 



178, 14 
179, 
177, 

65, 

70, 

128, 

127, 

128, 



2 — ö 

10 — 17 
9— 16 

2 — 5 

17 — 18 

21 — 22 

11 — 16 

19 — 20 
25 — 26 

12 - 15 
7 — 8 
7—10 

3 — 4 
1 — 2 

1 — 4 

5 — 6 

4 — 5 

2 — 3 

6 — 11 

22 — 27 
— 179, 1 

2 — 3 
9 — 12 
14— 17 
12 — 17 

18 — 19 
14— 17 
18 — 19 

20 — 21 
2 — 3 



3209 — 3236 



3237 — 3246 



3249 — 3268 



3269 — 3274 

3281 — 3286 
3275 — 3280 
3287 — 3299 



3300 — 3326 



Diese bruchstücke gehöreu mithin zu der gruppe I — Z, zu Grimma 
vierter oiünung, welche iu auordnung der Sprüche wahrscheinlich der 
ursprünglichen aufzeichnung am nächsten steht. 

bl 1" D' babeil ill ein irdifcher got. 

vü ül doch diche d' romere Ipot. 
Swaz ze Rome valfchef üt. 

daz gelob ich nimm' ze langer vrilt. 
Swaz ich da gvtel' hau gefehn. 



182 REIFFERSCIIEID 

dem wil ich imm' gvtel iehii. 
Vier groziv Ion almiireii liat. 

als vro d' ill d' ez enphat. 
Als vil Im ilt def man da git. 

als dürft (in ilt in luinü:err zit. 
Sw' iz git mit gvten willen dar. 

dem werdent div vier Ion gar. 
Almülen bitet vor den man. 

d' ielbe uiht gebiten chan. 
Wajre ich in des keiferi* iehte. 

ob ich den für in brachte. 
D' och line hvlde hab v'lorn. 

ib wurde dem keiler lilite zorn. 
Würbe ich dem vml» hvlde. 

Ib merte lieh vnfer Ichvlde. 
Dehein l\mda?re den andren troeiten fol. 

ich gewinne die gotef hulde wol. 
Ez duiichet nu ein grozer prif. 

fw' lieh fiphit ^ in lackef wir. 
So hangent zwei crmillen daran. 

als einem liandelofem man. 

ehein böm fo boefer obz treit. 

daune djv boefe menfchejt. | 
bl. 1 '■ Den menfchen lutzel erte. 

d* daz irre vz ch'^rte. 
Niun uenfter ieglich menfche hat. 

von den lutzel reinef gat. 
Div venfter ol» dem munde. 

div mviet mich zaller ftunde. 
Ich mtz mich maneger dinge schäm. 

div an mir fint durch boeCe nam. 
D' menfch ift ein boefer fac. 

er hoenet all' wurtzen fmac. 
Swie fchoene d' menniich vzzen ji ift. 

er ift do'cli innen ein fuler mift. 
Sw' driv dinc bedaehte. D' v'mite gotef *bte. 
Waz er waf vn waz er ift. 

vn war er müz in kurtzer vrift. 
Ez ne gewa niem fo herten müt. 

1) Am rande \<m derselben band: lephit. 



HRUCHST. AUS FKEIDANK Ibo 



er ne tsete doch ettel'weuue gdt. 
E ich nu d' Ipile wolt«' lehn. 

div zem elften kiiide wirt gegebii. 
Eine!' w wilden woluel' ezz ich e. 

ez taete mir wol od' we. 
Zer werkle ich blozer choih bin. 

div ne lat mich och uiht lueren hin. 
Zer werlde choiii wir ane wat. 

in Iwacher wat och li vnf lat. 
Sw' nimt den mvfkat in den mvnt. 

vn ninit er in wid' vz ze ftunt. 
Ez duhte ine «>enieme. vn dar nach wid'zajnie. 
bl. 2' Sint wir uuf leiben wid' ftan. 

wer lol vnf danne für reine han. 
So fchoene ift nieman noch fo wert. 

er ne werde daz fin nieman gert. 
Swie liep d' menfche lebende li. 

er ift doch nach tode vmnuere bi. 
Von fwachem fum daz menfch wirt. 

div müter ez mit noht gebirt. 
Sin lebn daz ift arbeit. Gewifler tot ift im bereit. 
War vmbe wirt ez inmi' vro. 

ez ift ftaite als in dem vivre ein ftro. 

V 

Vn lebt daz menfch imm'. Ez geriwet nimm'. 
Sin h'tze chlophet zaller zit. 

fm atem feiten ftille lit. 
Gedanche vü tröme fint l'o vri. 

fi fmt ofte livten fwiere bi. 
l-lot vordert an dem iungiftem tage. 

fehf dinch mit an vnf mit grozer clage. 
Mich hungerte, mit durfte, ich waf gaft. 

iwerre hilfe mir dar zv gebraft. 
Ich waf liech. vn uachent gar. 

miner armVt nament iv chleiue war. 
In dem charchaere ich gevangen lach. 

ir ne troftent mich wed' nach noch tach. 
Mohtent ir d' werche uiht began. 

ir fulnt doch gvten willen han. 
Damit waere ich wol gewert. 

allef def ich han gegert. | 



184 REIFFERSCHEID 

bl. !''■ Armer livte leiuea müt. 

luvme ich für all' keiler gut. 
D' nie 11 lebe ilt Ib broede. 

wol tul'ent riabte toede. 
Die sint dem meiilcbeii belcbert. 

I'wie er tiit od' Iwar er vert. 
Saufte ze tragen ift daz leit. 

daz ein mau vou i'cbuldeu treit. 
Daz leit dem bertzeu uabeu gat. 

daz man vuverdienet bat. 
Sw' der tieveir werc begat. 

vü in def nibt biele bat. 
Swaz mir imm' drvmbe gescbicb. 

den ne bau icb für eineu engel uiht. 
Sw' ein eugel welle ün. 

d' tvz och mit den wercken fcbin. 
Yil diche icb gerne fsebe. 

w^az binder mir gescb^ege. 
Ein ouge wolt ich gerne ban. 

an dem nacbe moebt ez da gestan. 
Vil vububte (so) nv gefchicb. 

d' gefchsebe deheine danne nibcb. 
Sw' den bengeft vveret au die vret. 

Ib fleht er vf fazer ftet. 
Ein fcboz daz man vor geübt. 

daz wirret lutzel od' nibt. 
Dem tievel nie nibt lieb' wart. 

denne nit bür vn hohvart. || 



2) die beiden stücke eines zerschnittenen pergamentblattes in klein 8° 
aus dem 15. Jahrhundert in der bibliotbek der katholischen gym- 
nasien in Köln , Nr. LI. LH. 

Diese bruchstücke hat schon Mone, Anzeiger IV. 55 fgg. veröf- 
fentlicht; seine angaben bedürfen aber zum grossen teile einer berich- 
tigung. Die handschrift gehört nicht dem 14. Jahrhundert, sondern 
dem 15. an. sie ist geschrieben von einem niederdeutschen, nicht von 
einem Kölner, die beiden stücke passen genau aneinander, es fehlt im 
schnitte kein vers. Kleinere Unrichtigkeiten übergehe ich. 

Die höhe des blattes beträgt 15, die breite 10 centimeter, es 
wurde zerschnitten, um auf die Innern seiten eines buchdeckels, der 



ZUR FOLZBIBLIOORAPHIE löD 

10 centimeter liocli und 7,5 centimeter breit war, geklebt zu werden, 
das sieht mau den selten LP' und LIP' an. Die Vorderseite, LP und 
und LH'', und die rückseite LP und LH" entlialten je 24 zeilen. Die 
handschrift war liniiert. Die reihentblge der si>rüc)ie auf dem erhal- 
tenen blatte ist nach Grimms erster ausgäbe folgende: 

bl. " 28. 2(«-22; 50. lii-17, 20 — 21: 1. 19; 2. 1; :H. 20-23: 
23. la^-U; 1. 17-18; 29. 6-7; 78. 13-14, 7-8; 2. 12. hl.'' 
2. 13 -15: 33. 4-5; 78. !»-10; 3. 1>-10; 178. 12-13; 78. 11-12; 
108. Ö-6; 3. 1-2; 4. 22-25; 111. 22.2 

BONN. AL. liEIFFEKSCHElI). 

(Fortsetzung folgt.) 



ZUR FOLZlilBLHJGRAPHIE. 

Li der bibliothek des lierrn Senators F. G. Culemann in Han- 
nover befindet sich ein bisher unbekanter druck des gedichtes „ von allem 
hausrot.'- welches A. v. Keller, fastnachtsspiele HI , 1215 fgg. aus dem 
Hamburger sammelbande mitgeteilt hat. Herr Culemann gestattete mir 
mit gewohnter liberalität die benutzung des seltnen büchleins. 

8 bll. H'' mit titelholzschnitt: rückseite des ersten und lezten blat- 
tes leer. bl. 8" Gedruckt zu Bambergk | Von Marxen Ayrer vnud | 
HanniVen Pernecken In de • Zinckenwerd Im Lxxxxuj | Jare || 
Gleich der anfang zeigt bemerkenswerte abweichuugen : 
bl. 1" Welch gesiecht sich zu der ee wöU lencken 
soll syeh albeg vor gar wol bedeucken 
was man alles haben muß ins haus 
des ich euch ein teil will ecken (!) aus 
ht difem päcli gar off'emcar vnd schau 
auch was man gescln vnd meit sol lernen lan. 
Das cursiv gedruckte ist zusatz des Bamberger druck(^s, statt „geslechP 
liest man bei Keller „armer." Das gedieht selbst ist nicht überarbei- 
tet, nur die Schlusszeilen, in denen sich bei Keller der dichter nent: 

„die folgen meiner treuen 1er 
und dancken hans foltz barbirer" 
sind ersezt durch folgende verse : 

1) Der vers ,,nic'usliche brodekeit" fehlt bei Mone. 

2'i Diese bruchstücke hat Grimm in seiner zweiten ausgäbe mit W bezeich- 
net. Sie enthalten v. 290— 302 und 814 — 337 der Milllerscben ausgäbe, und gehö- 
ren ebenfalls zu Grimms vierter Ordnung. 



Ibib RF.IFFERSCHEID . ZIR FOLZBIBLIOGRAPHIE 

bl. ^t ' Die niugeu zu ereu kummen 

viid erwerben ein gesellen auB den friimen 
vnd darmit erwerben ein selig end 
so sy tarn auß dil'em elend. 

An kleinern Verschiedenheiten fehlt es dagegen nicht; ich führe 
die wichtigern abweichenden lesarten an, von den blos mundartlichen 
ganz absehend. 

1215. 7 vnd tlaschen. — 12 waschpürsten. 

1216. 5 für die — 7 bekant — 14 über das — 27 prater — 31 zu 
in — 33 pey gesteu. 

1217. 5 stets — 24 schlafkamern — 25 w. dan hat ein — 28 drin — 

34 zimet — 39 taschen — 42 gewantkeler (!) vnd pulpit. 

1218. 2 rock — 3 nach s. u. auch w. — 6 schweig w. i. von — 
16 gros zupuß — 26 weinlieter. 

1219. 1 schuseln — 8 negwer — 16 knötgen u. s. — 18 multern — 
19 kneul — 20 elen — 23 und fehlt — 28 pödem — 37 gar 

fehlt — 41 ein trit nit weg. 

1220. 2 so dann die gepurt nehet — 3 ir fehlt — 16 peystant — 

35 det z. n. 

1221. 3 gfix süst in er i. w. 1. — 5 ich mein drünck — 8 dem vng. — 
13 hinter orn — 14 mantel — 35 porgt ini den andern — 38 ze 
flihen. 

1222. 1 mid des endes fleiflen — 4 wann welch — 21 so haben 
23 g. sy nit — 24 m. gesein — 27 vnd flieh sp. — 28 gedenck 
29 fleiß sich zu k. a. 

Zum Schlüsse bemerke ich noch, dass in dem Bamberger drucke 
die einzelnen abschnitte Überschriften haben: In die Hüben — in die 
küchen — in die fpeißkamer — in die schlafkamern — in das päd — 
in den keler — von dem keler zeugk — auflf den poden — in das kind- 
pett — zu der gepurt des kindes — der geselln stant — der meidt stant. 

BONN. AL. REIFFERSCHEID. 



187 



PSALM 138, 3. 

Es ist im folge lulon meine absieht, eine stelle der psalmeu durch 
sämtliche deutsche bearbeitungeu liiii, die wir aus dem mittelalter 
haben , zu verfolgen. Dabei ergibt sich vielleicht einiges über das Ver- 
hältnis derselben zu einander und über die lateiuisclien (quellen , die 
ihnen zu gründe lagen. Diese stelle ist nach der lutherischen Zählung 
ps. 139, 3, erste vershälfte: „ich gehe oder liege, so bist du um mich," 
nach der Zählung der Vulgata ps. 138, 3, zweite vershälfte. Bevor 
wir aber an die deutschen bearbeitungeu selber kommen, wird es nötig 
sein, einiges über die lateinischen bibel- und insonderheit psalmentexte 
vorauszuschicken, die im mittelalter gebräuchlich waren. Es wird dies 
nicht allein für unseren zweck notwendig, sondern für jeden, der sich 
mit den deutschen bibelübersetzungen oder bearbeitungen beschäftigt» 
von Wichtigkeit sein. — Die beste schrift über diesen gegenständ ist 
die geschichte der Vulgata von Kaulen, Mainz 1868. 

Das alte testament wurde dem abendlande natürlich nicht im 
hebräischen grundtexte, den niemand verstand, sondern in griechischer 
Übersetzung, in der sogenanteu Septuaginta, bekant. Diese ist wahr- 
scheinlich im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christo entstanden; 
nach einer schon von Josephus berichteten sage soll sie auf veranlas- 
sung des königes von Aegypten Ptolomäus Philadelphus um 280 v. Chr. 
in Alexandria verfasst worden sein. Ihr text, so wie der einiger 
anderer jüngerer griechischer Übersetzungen , wich teils mehr oder weni- 
ger von dem hebräischen grundtexte ab, teils auch ward er in den 
abschriften durch fehler beeinträchtigt, so dass eine neue zuverlässige 
recension wünschenswert erschien. Diese unternahm Origenes (gest. 
254), der den sogenanteu hexaplarischen text herstelte (gedruckt bei 
Montfaucon: Origenis Hexaplorum quae supersunt. Paris 1713).^ 

Noch ehe aber der hexaplarische text des Origenes im abendlande 
bekant wurde, ward die septuaginta auch in das lateinische übertragen. 
Wann dies zuerst geschehen ist, wissen wir nicht; nicht einmal das 
steht völlig fest, ob wir nur eine lateinische Übersetzung oder mehrere 
anzunehmen haben. Sabatier, Eichhorn, Lachmann, Tischendorf u. a. 
behaupten, es sei ursprüJiglich nur eine gewesen, die dem latein nach 

1) In der Hexaj»la stelte Origenes den hebräischen grundtext und die texte 
der Septuaginta und einiger anderer griechischer Übersetzungen columnenweise 
neben einander. Den text der Septuaginta berichtigte und ergänzte er nach mass- 
gabe des hebräischen grundtcxtes aus den anderen griediisoheu Übersetzungen und 
versah ihn durchweg mit kritischen zeichen. 



188 SEILER 

ZU urteileu in Africa entstaiidou , lieniacli aber in vielen unter sich 
sehr verschiedenen receusionen verbreitet gewesen sei. Da aber Augu- 
stinus (gest. 430 u. Chr.; de doctr. Christ. II, 11, 14, 15) und Hiero- 
nymus (gest. 420; praef. in Jos.) deutlich von mehreren lateinischen 
Übersetzungen reden, so hält Kaulen (s. 119 — riö) entschieden daran 
fest, dass es frühzeitig verschiedene lateinische bibelübersetzungen gege- 
ben habe, unter denen die von Augustin (de doctr. Christ. II, 15) mit 
dem namen Itala bezeichnete die beste gewesen sei.^ Wie dem nun 
auch sei, wir besitzen jedesfalls handschriftlich keine einzige volstän- 
dig erhaltene, sei es nun receusion oder Übersetzung aus jener zeit. 
Gewöhnlich pflegt man alles, was sich von lateinischen bibelüber- 
setzungen aus der zeit vor Hieronymus erhalten hat . unter dem namen 
Itala zusammenzufassen.^ Die volständigste samlung derartiger bruch- 
stücke. aus handschriften und namentlich auch aus den anführungen 
der ältesten lateinischen kirchenschriftsteller. hat der Benedictiner Peter 
Sabatier geliefert, unter dem Titel: Bibliorum S. latinae versiones anti- 
quae sive vetus Italica et caeterae, quaecunque in codd. mss. et anti- 
quorum libris reperiri potuerunt. Remis 1739 — 49. (3 tom. fol.) Die 
psalmen sind in dieser ausgäbe aus einem codex Sangermanensis ent- 
nommen, und diese lateinische Übersetzung ist aus einem griechischen 
texte geflossen, welcher älter war als der hexaplarische und der in den 
erhaltenen septuagintaliandschriften auf uns gekommene. 

Um der mangelhaftigkeit der lateinischen Übersetzung abzuhelfen, 
machte sich der heilige Hieronymus zunächst daran, den in Italien 
gangbaren text zu verbessern. Zuerst, bei seinem aufenthalte in Rom, 
gegen 383 u. C. . bearbeitete er eine neue lateinische Übersetzung des 
neuen testamentes . und verbesserte dann, auf die /.nivi] l'/.doGtQ der 
Septuaginta zurückgreifend, wenn auch nur cursim (praef. in psalm. 50), 
den Italatext der psalmen. Das so entstandene psalterium führt den 
namen psalterium Rom an um (Kaulen s. 160). — In kirchlichen 
gebraucli kam dieses Psalterium zu Rom, und erhielt sich in solchem 
dort Ms nach dem ende des mittelalters ; jezt soll es nur noch in der 

1) Augnstin rühmt von der Itala den vorzu}< grösserer wörtliclikeit und deut- 
lichkeit: ..in ipsis autem interpretationibiis Itala ceteri.s praeferatur: nani est ver- 
bonim tenacior cum i^enspicuitate sententiae." 

2) Erweislich fchte Italabruchstüche . d, h. solche, deren text mit den cita- 
taten Augnistin.s übereinstiint, hat neuerdings L. Ziegler aus alten Freisinger jicr- 
gamentblättem herausgegeben und mit sehr gehaltvollen und lehrreichen erörtern ii- 
gen begleitet. Italafragment« der Paulinischen briefe nebst bruchstücken einer 
vorhieronyrnianischen Übersetzung des ersten .Johannesbriefes usw. veröffentlicht 
und kritisch beleuchtet von F. Ziegler. Marburg 1876. 4". 



PSALM 138, 3 180 

Peterskirche gebraucht werdeu. Diese psalineiirevision ^euügte aber 
dem heil. Hieronymus bald sell)st nioht mehr und als ihm in Caesarea 
eine genaue absclirift von der liexai>la des Origenes in die bände kam, 
veranstaltete er ein»- neue recension der psalmen , worin er den latei- 
nischen text geüau dem hexaplarischen anpasste. Dies geschah bald 
nach dem jähre 384. Da dieses neue Psalterium zuerst in Gallien 
algemeinere Verbreitung fand, so erhielt es den nainen j..-:alterium 
(lallicanum (Kaulen s. 1G8). Dieses Psalterium ist zu algemeiner 
officieller geltung in der gesamten römisch-katholischen kirche gediehen. 
Gedruckt findet sich das psalterium Komaiium und das Gallicanum 
nebeneinander in den ausgaben der werke des Hieronymus von Mar- 
tianay, Tom. I. Par. 1693 und von Vallarsi, Tom. X. P. 1. p. 1219 fgg. 
Venet. 1771. 

Für den polemischen gebrauch der Christen gegen die Juden über- 
sezte Hieronymus später (um 400) das ganze alte testament unmittel- 
bar aus dem hebräischen grundtexte, darunter natürlich auch die psal- 
men. Von ihm selbst wird diese Übersetzung versio juxta hebraicam 
veritatem genant. Gedruckt ist sie bei Vallarsi opera Hieronymi 
tom. IX, pars IIL Diese Übersetzung des alten testamentes aus dem 
hebräischen wurde und blieb seit dem 7. jahrliunderte im abendlande 
die kirchlich anerkaute, die Vulgata der römisch-katholischen kirche. 
Die Psalmen jedoch wurden in diese Vulgata aufgenommen nicht nach 
der Hebraica translatio, sondern nach dem psalterium Gallicanum. 
(Baruch, Syrach, Weisheit und 1. und 2. Maccab. hat Hieronymus 
nicht aus dem Hebräischen oder Chaldäischen übersezt, daher stehen 
sie in der Vulgata nach der vor-hieronymianischen Übersetzung). 

Unsere psalmen- stelle nun lautet in den verschiedenen texten, 
deren entstehung soeben auseinandergesezt worden ist, folgendermassen: 

Hebräischer e;rundtext: n^ni --ani -^n-iwX 

ü ........ . . ^ 

^-j^"^ ist anat uQr^iin'ov , aber sicher = ":^n~i. Wörtlich über- 
sezt bedeuten diese worte : meinen weg und mein liegen hast du gewor- 
felt (d. i. geprüft). 

Die Septuagiuta übersezt: t>;v TQtßnv uov /.cd Tt]v oynlvov jlwv 
^^i^viaoa^. — Wie liier der ausdruck nyolvoQ aufzufassen sei, darüber 
gehen die ansichten stark auseinander. Verschiedene Vermutungen hat 
Schleusner zusammengestelt im Novus thesaurus philologico-criticus 
s. lexicon in LXX et reliquos interpretes graecos ac scriptores apociy- 
phos Vet. Test. Lips. 1820. s. v. oyolvog. Schleusner selbst meint, 
oyolvog bedeute hier „teges s. storea ex juncis nempe palustribus aut 
carice facta et contexta. quod pro accubatione jtositum est, quod in 



190 SEILKR 

tegetibus uoüiiulli cubant/' Demnach wäre , zufolge Schleusners erklä- 
ruDg in der Septuaginta gesezt „mein binsenlager" für ,,mein lie- 
gen." — Unter den alten erklärungen ist namentlich ^vichtig die des 
Origenes. weche nach der anmerkung zu dieser stelle in der Halle- 
schen Septuaginta -ausgäbe von 1759 lautet: .,i] ayolvoc: aciov uh^nv 
i'ofi icio' ^4iyi ;rriotc '/.cd /A.'onrcf/c, t<r)Tai /.(d (v i'ia'/aioJg' zdv iol"i(tv 
iior y.ai ri^v oyolrnr iior <Ji t^iyi'/aoaQ.'' 

Die lateinischen Übersetzungen haben jenen ausdruck oyolvoc in 
verschiedener weise widergegeben. 

Im codex Sauge rmanensis, bei Sabatier tom. II. lautet die 
stelle: semitam meam et directionem meam investigasti. 

Diese textfassuug lag dem Hilarius Pictaviensis (gest. 367) 
vor. welcher (Opp. ed. Benedict, s. 509) erklärt: „Quod nostri direc- 
tionem transtulerunt, id LXX ex hebr. ayoJvov interpretati sunt. oyo7- 
roQ autem quarundam gentium consuetudine certum et constitutum 
modum itineris notat. ut quod nos milliarium id illi ayolvov nuncu- 
pent." 

Bei Augustinus, also wol nach dem texte der eigentlichen 
Itala . lautet die stelle in seinen Enarrationes in Psalmos: semitam 
meam et limitem meum investigasti. 

Hieronvnius behielt in seiner ersten redaction, im Psalterium 
Romanum, den alten text bei, wie der codex Sangermanensis ihn 
bietet und Hilaiius Pictaviensis ihn kante: semitam meam et direc- 
tionem meam investigati. 

Nachdem er aber den hexaplarischen text des Origenes kennen 
gelernt hatte, sezte er dafür in seiner zweiten redaction, im Psalte- 
rium Gallicauum. welches in die Vulgata aufgenommen worden ist: 
semitam meam et funiculum meum investigasti. 

Endlich in seiner dritten, unmittelbar aus dem hebräischen 
grundtexte geschöpften redaction, in der versio juxta hebraicam veri- 
tatem. (aus welcher aber gerade die psalmeu nur geringe Verbreitung 
und keine aufnähme in den kirchlichen gebrauch gefunden haben), 
schrieb er: semitam meam et accubationem meam eventilasti. 

Den abendländischen theologpn lagen also in dieser psalmensteile 
vier ausdrücke der verschiedenen lateinischen Übersetzungen vor, an 
welche allein sie, bei ihrer unkentnis des Griechischen und des Hebrä- 
ischen, sich halten und an welche sie ihre commentare anknüpfen mus- 
ten, nämlich 1) directionem (cod. Sangerm., Hilarius, Psalterium 
Ramanum), 2) limitem (Itala bei Augustinus;, 3j funiculum (Psal- 
terium Gallicanum und Vulgata), 4) accubationem (des Hieronymus 
versio juxta hebraicam veritatem). 



PSALM 13Ö, 3 lül 

Es kann nun durcliaus niclit meine alisielit sein, etwa eine 
geschiclite der exegese dieser unserer iisalmenstelle oder etwa gar eine 
gescbichte der gesamten |»salmenauslegung im mittelalter zu geben. 
Nur so weit werde ich die psalmencommentare heranziehen, als sie für 
die deutschen bearbeitungen in betracht kommen. Doch will ich kurz 
die titel derjenigen psalmcncommentare angeben , die entweder im mit- 
telalter selbst entstanden sind, oder docli, wenn noch aus dem alter- 
tum stammend, im mittelalter bekant und beiiuzt waren. Ks sind <liese 
titel, soviel ich weiss, nirgends übersichtlich zusammengestellt und 
doch ist ein«? kentnis der commentare für die behandlung unserer deut- 
schen ]»salmenbearbeitungen durchaus unerlässlich. 

Ifilarius Pictaviensis (gest. 3G7). Opera ed. mon. ord. Hened. 
I'aris. 1G1»3. fol. Veronae 1730. fol. Seine oben ausgezogene, an 
Origenes sich lehnende erklärung unserer stelle ist in keiner deutschen 
bearbeitung beuuzt worden. 

Hieronymi (gest. 420) Breviarium in psalmos, höchst wahr- 
scheinlich unecht. Opera, ed. Vallarsius. Veron. 1734. fol. tom. VII. — 
Enthält über unsere stelle nichts. 

Augustini (gest. 430) Enarrationes in psalmos. Opera ed. mon. 
ord. Bened. Ed. nova, Antw. 1700. tom. IV. 

Daraus ein auszug von Augustins Zeitgenossen Pros per Aqui- 
tanus. Opera. Paris 1711. fol. 

Arnubius junior (um 460). Comnientarius in Psalmos, ed. Eras- 
mus. liasil. 1522. fol. Er erklärt den ganzen Psalm aus Petri sinne. 
Seine erklärung blieb in den deutschen Psalmenbearbeitungen uubenuzt. 

Cassiodorus (gest. 5G3). Expositio in i)salmos. Opera, ed. 
Garetius, Kothoniagi 1071). fol. tom. II. 

Beda venerabilis (gest. 735). Opera Colon. 1G12. fol. tom. VIII.— 
Nur zu den ersten 120 Psalmen gibt er einen volständigen commentar, 
zu den folgenden nur einige ganz kurze andeutungen. 

Walafrid Strabo (gest. 749 als abt der Keichenau). Glossa 
ordinaria zur ganzen Bibel, bei Migne Patrologia tom. CXIII. 

Haymo Halberstadiensis (gest. 853). Explauatio in Psalmos ed. 
Erasmus. Antw. 1530. Friburg. ir);i:3. fol. und bei Migne, Patrolo- 
gia, tom. CXVI. 

Kemigius von Auxerre (gest. 891)). Commentaria in Psalmos. 
Colon. 153G. fol. und in Bibliotheca patrum Lugdunensis tom. XVI. 

Bruno von Würzburg (Herbipolensis, gest. 1045). Commenta- 
rii in totum Psalterium. In Bibl. patr. Lugdun. tom. XVlll. 

Bruno Carthusianus (gest. Hol). Expositio in Psalmos. Opera 
ed. Petrejus. Colon. IGll. fol. 

ZEITSCHK. P. DEUTSCHE PHLLOLOOIE. BD. VIII. 13 



192 SEILER 

Bruno Astensis (gest. 1125). Commentarms in Psalteriiim. 
Opera. Rom. 1789. fol. Seine erklärung blieb unbenuzt. 

Von diesen Conimeiitaren gehören enger zusammen: 

1) Augustin , sein Epitomator Prosper, und Walafrid Strabo. 

2) Cassiodor und Bruno Herbipolensis. Bei beiden ist die erklä- 
rung unserer stelle sehr dürftig und von den deutschen bearbeitern 
nicht benuzt worden. 

3) Haymo von Halberstadt, Rcmigius von Auxerre, Bruno Car- 
thusianus. Ich habe das Verhältnis dieser drei nicht für den gesamten 
Psalmeucommentar untersucht; für unsere stelle gehören sie jedesfals 
zusammen. 

Bei Augustin und seinem anhange ist der ganze Psalm im sinne 
Christi geredet, teils des caput, das ist Christus selbst, teils des cor- 
pus, das ist die kirche. Die worte, die uns angehen, semitam meam 
et limitem meum investigasti, werden als worte des corpus aufgefasst, 
nämlich des verlorenen sohnes, der die von den beiden stammende 
kirche bezeichnet und somit zum corpus Christi geworden ist. Dieser 
sagt nach Augustin : du kenst den weg , den ich gegangen bin von dir, 
und die grenze, bis zu der ich gelangt bin. „Semitam, quam, nisi 

malam, quam ille ambulaverat, ut patrem deserefet? — Quid 

est semitam meam? Qua profectus sum. Quid est limitem meum? 
Quo usque perveni. Multum ieram et tu ibi eras." 

Von den deutschen bearbeitungen folgt sowol dem texte als auch 
der erklärung des Augustin durchgängig Notker. Dem gemäss lautet 
auch unsere stelle in der sct. gallischen handschrift (Hattemer II, 
476 und 77) also: 

Semitam meam et limitem meum investigasti. Mina 
leidun stiga, an dero ih Meng föne dir, unde daz ende, daz mortali- 
tas ist, ze dero ili folle chani^ daz irspehotost du; iz ne ivas ferhorgen 
fore dir. 

Aus der Wiener Überarbeitung der Notkerschen Psalmen habe 
ich durch die gute des herrn dr. Jos. Haupt eine abschrift des 138. 
Psalmes erhalten, welche ich hier volständig mitteile.^ 

1) Es ist zwar seitdem ganz neuerdings eine volständige ausgäbe erschienen, 
unter dem titel: Notkers Pisalmen nach der Wiener handschrift herausgegeben von 
Richard Heinzel und Wilhelm Scherer. Mit Unterstützung der k. akademic der 
Wissenschaften in Wien. Strassburg. Karl J. Trübner. 187G. Doch wird der 
abdnick dieser wenigen Seiten nach der Hauptschen abschrift hier wol um so weni- 
ger überflüssig erscheinen, als jene ausgäbe doch nicht allen lesern dieser abhand- 
lung zur band sein mag. Z. 



PSALM 138, 3 193 

2681. 

fol. 195. col. 1. 
Doraine probafti int' et. | cogiiouilLi nie. | tu cogiiouifti 
feffionem | meam et refiirroctioiiem moaiii. | Ueno min du hihuo- 
fiß niih I in licra martira. nnde hichan \ dijl mih. <laz cliuit täte \ 
daz mih andcra hichanten \ du hichdiitolt min nidir \ pecn intode. undc 
min nf \ ftvn niih demo todc. du hl \ chandiß mina nidcra. in \ dcra 
riuuu(t. do ik inellen \ de uuaf. undc mina irrih \ tida do ih chom 
undr ih 

col. 2. 
nhlaz yiuuan. Iiitellex | ifti cogitationef meaf | de longe. femi- 
tam meam et | funiciilnm meiim iiiiicrti | gafti. J)u hichrudiß 
mi I na (jidanche fcrrcna)i. \ do ih j)i(ju)ida diu ah \ got leidizon. 
mina lei \ den ftigc an dera ih \ gienc föne dir. nnde \ daz cnte. daz 
iß diu tot I licha cedera ih folchom. \ daz irfjtchitiß du. iz ni \ uuaf 
firhorgrn fore \ dir. Et omiief uiaf meaf | prouidifti. «{ula iion 
eft fermo in | lingua mea. Vnde edle \ mina uuege in den ih ir \ 
rota. fore uuiffoß du. \ du hanctiß mir fia ce \ genne. übe ih hina ne 
mahti. daz ih iruunde \ ce dir. uuanda nu ni iß \ trugiheit in minen 

col. 3. 
nuortcn. Ecce domine tu | coguouifti omnia nouil | fima et 
antiqua. tu for | mafti me et pofuifti fuper | me manuin tuam. 
Du uue I iß miniu iungißen \ dinc. do ih todic uuart \ unde dci alten 
dinc. I do ih ßmdota. du fcafo \ tiß mih ce arheiten do \ ih fundota. 
nnde legi \ tiß mih ana dina hant \ uuanda do druhtiß du \ mih. 
Mira])ilir facta eft | fcientia tua ex me. confor | tata eft et 
nou potero ad eam. | Föne minen fcuJdin iß | mir uundirlih nnde 
nnfemfte nuorten din \ hiclicnnida. fi iß mir \ ceßarh. ih ni mac ira 
zuo, auir du mäht mih \ ira ginahoi. Quo ibo a fpiritu tuo. et 
• juo a faci^. 

col. 4. 
tua fugiam. Vuat-a mac ih \ fore dinemo geißc. dcf \ diu nucrlt fol 
iß. alfo iz I chuit. der gotif gciß ir | fülle dia crda. nnde tina \ ra 
/liuho ih fore dir. nua \ re mac ih int rinnen di \ nero ahidgi. Si 
afccnde | ro in C(;lum tu illic ef fi def | cendero in infernum 
ad ef. I Ilefo ih mih hohoda dru \ chiß du mih uuidere. \ pirgo ih mih 
da^ ih mi \ nero fundon iehen niuui \ le du gigihtiß mih ira. \ Si 
fumpfero pennaf me | af diluculo. et habitaue | ro in extre- 
niif marif [ Vhe ih mina fettacha. daz \ chuit. dia gotif minna \ 
nnde dia minna minif\ nahißen cemir ni nimo \ in girihte. unde ih 
imo I daz chuit ramon mit gi \ 

13* 



104 SEILER 

f. 196. col. 1. 
(h')ige ce enfe dirrc uuerl \ tc. fo der fac dcra iirtei \ U iß. uuanda 
da iß cntc \ diffif tiucrlt mcrif ce dir \ re miif infrinno ih di \ nero 
ahulqe. Etenim il 1 lue maniis tua doducot 1 me. et tenebit 
me dexte | ra tua. Bara ccdcnio en \ te hringit mih din haut. \ 
nndc din ccfiuua liahit \ mih daz ih in das mere \ ni ßurce. e ih in 
nhir flic \ gc. Et dixi forfitan te | nebr^ conculcabunt me. | et 
11 ox iuluminatio iu deliciif meif. Vndc ih \ chot furhtcndc. 
odiuiKin I ftnßcre trctont mih. im \ de irrent mih. uuaz fint \ dia fm- 
ßcra uuane dirre \ lih. nndc pidiu fo iß min \ naht, daz chuit min 
Hb I licht uuortcn. an mine \ 

col. 2. 
re luffami. da^ ist xpc \ er cliom in difa naht. I daz, er ßa irliüäa. 
Quia I teiiebre non obfcurabuutur | ate. et nox ficut dief 
iulu i miuabitur. ficut teuebr^ eiuf | ita et lumen eiuf. Vtian- 
da I fotie dir xpe nefinße \ rent dia finßera. fun \ tir föne demo der 
ßna I funta pirgit. unde ira | 7ii gihit. der zuiualtit \ dia finßra. 
unde reh \ temo man uiiirt diu naht famo lieht famo \ der tag. da^ 
chuit diu I uuidir unartigen ni \ tarent imo nicht me \ ra dene diu 
framfpoti \ gen. Quia tu poffedif | ti renef meof. fulce | piffci 
me de utero ma | trif me§. Vuanda du \ haß ptif^^et^ mine lan \ 

col. 3. 
cha. du nihengiß mir \ unchiufge giluße. du \ haß mih ginomen u | zir 
minero muotira \ uuamha. daz iß diu za \ liga hahilonia. dcra chint \ 
ni minnont nicht dia \ liimilifgen ierufalcm. \ Coufitebor tibi do- 
mine quoniam | terribiliter magnificatuf | ef. mirabilia opera 
tua. I et auima mea cognof | cet nimif. Ih giho dir \ trohtin daz 
du egiha \ re unf uundirlih uuor \ ten hiß. daz, iß föne \ diu uuanda 
diniu I iiuerh uundirlih fint \ got. unde fiu nu min \ fela harto uuola 
he I chcnnit. fuio ih in \ fore nicht zuo nimah \ te. Non eft occul- 
tatum ! of meum ate. quod fecifti | 

col. 4. 
in occulto. et fubftautia | mea in inferioribus terr^. | Dir iß 
unfirhorgcn min \ starchi. die du mir täte \ tougene. unde iß min \ 
fcla in dcra tiefi def lichi \ namen doh ira diu ßar \ chi gigeben fi. 
Inperfectum | meum uiderunt oculi tui. et in | libro tuo 
omnef fcribentur. dief | formabuntur et nemo in eil". | Minen 
uyidurnohtigen \ pctrum ^ gifaJicn diniu ougen. | er gihiez daz> er gilci- 
ßcn I nimahte. doh gifah in got. \ alfo iz, chuit. do fah got \ In petro. 

1) 'petrü 



PSALM 138, 3 195 

tmde an dintmo \ huoche uucnknl /i alle \ (jifrrihcii. diu durtiohti \ 
gen undr diu loi dunioh \ tujrn. (Uta xpo mif/im' \ mcnt jl. amuula 
fi uua I 7icnt in ccchrt niciniif \ (jvn j'in. andc fnUiycnt \ 

1'. 197. col. 1. 
in in dera martira. iindc \ iro nihcin nefolhabda jik cc imo. nait 
der d(i chot ih \ Udo den (od mit dir. Mi | chi autem niniir lioiio- 
rati sunt | iiniici tui Jens, niniil' coiifortiitur | eft principatiis 
eoruin. Auir di \ nc friiod unorti)i(' nah \ mincra martira. fint ß \ 
mir /de erhaftc. iro potc \ feaft iß harto gifeftinot. j unde cello ih ße. 
unde iß \ ira mera dcnne dcf griczif \ in dcmo mcre. ß) ma)iigir \ 
uuirdif dero nah mi'ncro \ martira dere e nihcinir \ ni uua f. Dinunie- 
rabo eof et I'uper harenam niultiplica | buntur. exurrexi et 
adhiic I fiim tecum. Ih pin irßandcn \ nah tode. unde noh pin \ 
ih fatir ßamet dir. noh ni \ hin ih in chunf. funtir ecchert \ dir. 
Si occiderir deus pecca | 

col. 2. 
toref. iiiri fanguinuni | dcclinate arae. quia | dicitif in cogi- 
tatione. | accipient in uanitate | ciuitatef fuaf. Vbe du \ got 
flehiß. daz, ehuit \ pJendiß die fundigen \ fo pifuiehint ß ira fol \ gare, 
in uppicheitc. uuan \ da got ehuit ßilJo in \ dero guoten gidanche \ 
ßcidcnt imiuih man \ flegen. fonc mir. got | Icret daz, ßh guofe ßei \ 
den föne uhdcn in iro \ uucrhchen. unde ß doh \ giminne fin. föne 
diu I iß dera irflaginon lera \ uppigiu. uuelichiu iß \ diu lera. uuane 
daz, ß iro gilichen lercnt die \ ira hurgi /int hazcn \ die rehten. siu 
tuont I ß daz,. uuanda in ira \ 

col. 3. 
guote uhdi ni dunchit \ uuelihc ßnt die fun \ tigen. uuane die iro \ 
pruodcre haz,ent. Non | ne eof qui te oderunt oderam. | et I'uper 
inimicor tuoT ta | befcebam. Ziu f/ceident \ ße ßh föne mir. /amo \ 
/o ih uhil ß. ni haz,ota \ ih die. die dih haz,cnt \ trohtin. unde nifcri\ 
uuota ih umhe dina \ ßante. uuanda mir iro \ unreht anta iiuaffure 
dih. Perferto (sie) odio ode | ram illof. inimici facti sunt 
mihi. In durnohtemo \ hazze haz,eta ih /ie. da^,\ ehuit. ih haz,ota 
llu reh I te. uuanda ih ira uhila \ haz,ota nalf ße fclhcn. \ ß ßnt mir 
fiant. uuan \ da ih iro unreht haz,eta. \ Proba me deuf et fcito 
cor me | 

col. 4. 
um. interroga me et cognof | ce femitaf meaf. Fi/uo \ che du 
mih cot übe ih daz> \ gifculdit habe da^ ß ßh \ fkeiden föne mir. unde \ 
uuiziß du min herza. uuanda ß iz uuiZjen ni \ uuellent. Et uide l'i 
uia I iniquitatif inme el't. et de | duc me in uia (jterna. | Scru- 



196 SEILER 

(lile mili unde he \ chcnne mine ßiga. an \ de fih iibe in mir unrelit \ 
phnt ß. unde rihte mih \ cedcmo cuuigcn lihe ce \ xpo. an demo 
neliein un \ reht ne iß. 

Graft' Diutisoa 111, 122 gibt an, die Überarbeitung tles Notker- 
scbeu Psalnienwerkos in der AVienor bandscbrift bestehe darin, dass 
„teils andere, dem dialekt des sclireibers augehörige formen und ein- 
zelne abweichende ausdrücke gebraucht, teils die lateinischen Wörter, 
die der expositiou im sct. Galler werke beigemischt sind, aufgegeben 
und durch deutsche ersezt seien." Aus vorgedruckter abschrift des 
138. Psalmes ergibt sich aber, dass auch der Psalmentext des Augu- 
stin durchweg durch den der Vulgata ersezt ist.^ Dabei ist es von 
dem ü]>erarbeiter völlig unbeachtet gelassen, dass die deutsche exposi- 
tiou uun nicht mehr zu dem unmittelbar darüberstelicnden lateinischen 
texte stimt. Wir w^erden auf die abweichungen des Augustinischen 
textes von dem der Vulgata gleich noch einzugehen haben. Hier genügt 
es auf unsere stelle hinzuweisen, wo statt „limitem meum" „funicu- 
lum meum" in den text gesezt, die Übersetzung da^ ende aber die- 
selbe geblieben ist. Ebenso ist beispielsweise gleich darauf das Augu- 
stinische „dolus" durch „sermo" ersezt, die Übersetzung ivanda nu 
ni ist tnigihcit in minen tvorten aber ruliig stehen geblieben. 

Eine zweite vollständige deutsche Übersetzung oder vielmehr bear- 
beitung der Psalmen sind die sogenanten Windberger Psalmen, wel- 
che Graff nach einer Münchener handschrift des 12. Jahrhunderts im 
10. bände der Basseschen bibliothek der deutschen National - Literatur 
(Quedlinburg und Leipzig 1839) herausgegeben hat. Diese erklärt Ko- 
berstein (Geschichte der deutscheu National -Literatur. 5. aufl. 1, 79) 
für eine erneuerung der Notkerschen Psalmenbearbeitung in der spräche 
des 12. Jahrhunderts. Das ist schon deswegen falsch, weil in den 
Windberger Psalmen die von Notker jedem verse beigefügten erklärun- 
gen Augustins vollständig fehlen. Ferner aber liegt den Windberger 
Psalmen nicht der text, den Augustin und der ihm folgende Notker 
haben, zu gründe, sondern der der Vulgata. Wir brauchen, um das 
zu erkennen, nur den text unseres 138. Psalmes, wie er einerseits bei 
Augustin -Notker, andrerseits in den Windberger Psalmen erscheint, 
mit einander zu vergleichen. 

3. A. limitem meum N. daz ende. — W. funiculum meum, seil- 
Un min. 

4. A. dolus N. fnigeheit. — W. sermo, rede. 

1) Den lateiniächen text des 138. Psalmes nach der Wiener Notkerhandschrift 
hat auch schon Scherer in den von ihm und Müllenhoff herausgegebenen denkmä- 
lem unter nr. XIU abdrucken lassen. 



rsALM 138, 3 197 

9. A. Si recipiam pcnuas mens iu directum. N. Ubv ih minc fd- 
tacha zc mir nimo in (jiriJiti. — W. si sumpsero i»ennas meas in 
diluculo, oh ih (jenimc faicre minc nntcrlichtcn — fnw. 

14. A. miiiticatus es N. iviuidcrlik icordcH bist. — AV. ma^iiili- 
catus es, gcmichilUchd bist. 

16. A. und N. per dies errabuiit. — \V. dies forniahuntur, die 
tatje werden (jvhUidd. 

20. A. (luia dices N. da dtist. — W. (juiu dicitis, tvand ir 
spredid. 

Dies sind alle stellen dieses Psalmes, in denen Augustin und mit 
ilim Notker vom texte der Vulgata wesentlich abweichen. (Mehrere 
kleinere abweiehungen , aus denen sich niclits entnelimen lässt, habe 
ich unbenlcksiehtigt gelassen). Und in allen diesen stellen stimmen 
die Windberger Psalmen nicht zu Augustin noch zu Notker, sondern 
zur Vulgata. Sie sind also durchaus keine erneuerung des Notkerschen 
Psalteriums, snndern eine selbständige Übersetzung. — Ebenso stim- 
men die ebenfals bei Graft' mitgedruckten sogenanten Trierer Psalmen 
in text und Übersetzung durchgangig zu den AVindbergern und zur Vul- 

fat minen unde seil 
gata. Unsere stelle lautet in ihnen: semitam meam et funiculum 

minc 3 forsccfu. 
meum iuvestigasti. 

Dass also die TVindberger Psalmen nicht aus Notker geflossen 
sind, ist hiermit schon erwiesen. Und grade aus unserer stelle kön- 
nen wir ersehen, dass sie im gegenteil aus anderen quellen geschöpft 
haben. Es findet sich nämlich häufig in den Windberger Psalmen, dass 
ein lateinisches wort nicht durch ein deutsches, sondern durch mehrere 
nebeneinaudergestelte gegeben ist. Für gewöhnlich sind die nebenein- 
andergestelten werte einfach synouyma. So in unserem verse semitam 
stich — geverte, iuvestigasti hast die ervorsJcct — ervaren. Nun lautet 
aber unsere stelle in den Windberger Psalmen: stich {geverte) minen 
tüide scillin erbe mes min hast du ervorsJcct (ervaren). Hier haben 
wir also bei „funiculum" die glossen erbe mez , die niemand für ein syno- 
nymen von scillin halten wird. Woher stammen nun diese ? xVufschluss 
darüber gibt die gruppe der commentatoren, die oben als die dritte 
bezeichnet ist, Haymo, llemigius und Bruno Carthusianus. Vorher zu 
bemerken ist, dass auch diese commentatoren alle drei, ebenso wie 
Augustin und dessen anhang, den ganzen Psalm als aus dem sinne 
Christi heraus geredet fassen. 

Haymo sagt als einleitung: Psalmus iste convenit vero David 
(der wahre David ist natürlich Christus), qui hie loquitur. In hoc 



108 SEILER 

psalmo Christus ost materia secuiuium utramque natuiam, pauca qui- 
Jem tangeus de diviuitate sed plura quidem exsequens de sua liuma- 
iiitate, ostendit eiiim, se Immilia sustinuisse seqq. 

Remigiiis: Iste rsalmiis attribuendus est ipsi David, id est 
Domino Jesu Cliristo, non ([uod ipse loquatur in eo, sed quod pcrfecti, 
qui hie loquuntur, diriount sermonos suos ad ipsum, proponentes se 
exemplar minus perfectis sqq. 

Bruno Carthusianus endlich etwas undeutlich: Psalmus David 
Christi rospicieutis iu finem .i. in perfectam sui consummationem , de 
qua liic agit. 

Haymo erklärt unsere stelle folgendermassen ; ab aeterno etiani 
investigasti i. e. plane coguovisti semitas meas i. e. occulta opera 
moa et occulta vohmtatis et funiculum meum i. e. Judicium sive 
discretionem quam ego habui inter bonum et maluni. Alia translatio 
habet directionem meam. Per funiculum vero directionem et rectum 
Judicium accipere possumus, quia in funiculo carpentarii et alii opera- 
rii dirigunt opera sua. 

Remigius: Semitas meas i. e. arduas et singulares virtutes 
meas et funiculum i. e. sortem haereditatis meae, scilicet salu- 
tem humani generis, quae est haereditas mea, investigasti, i. e. me 
investigare fecisti, ut nihil ibi attenderem nisi reparatiouem humani 
generis. 

Bruno Carthusianus: Et intellexisti semitam meam i. e. 
dilexisti completionem omnium arduorum praeceptorum , quae in me 
est, quae semita dicitur. Et per semitam et cogitationes investi- 
gasti i. e. me investigare et exquirere fecisti funiculum meum i. e. 
dimensionem haereditatis meae, quae per funiculum accipitur, eo 
quod funiculo hereditas mensuretur. Quod est dicere: Per com- 
pletionem arduorum praeceptorum tuorum fecisti me exquirere a te 
haereditatem , scilicet genus humanum, quod dimetiar, partem assu- 
mens in salvationem, partem vero dimittens. Unde in psalmo 2: 
„postula a me et dabo tibi gentes, haereditatem tuam." Ubi hie habe- 
tur funiculum in hebraica translatione habetur accubationem. Quae 
vox aequipolleiiter hie idem designat cum funiculo, scilicet partem sal- 
vandorum, quae doi accubatio dicitur i. e. dei requies eo quod in ea 
delectatus est deus, sicut quilibet in accubatione. 

Die auslegung des Haymo enthält den keim der beiden jüngeren 
des liemigius und des Bruno, sofern sie semita als „pfad" (als schma- 
len, abgelegenen, beschwerlichen fusssteig) und funiculus als „mess- 
schnur" fasst. Haymo nämlich erklärt: investigasti = du hast erkant, 



PSALM 138, 3 199 

semitas moas =: meine geheimon werk«' und godanken', et funiculuin 
meum = uml meine Unterscheidung zwischen gut und höse, oder, nacl» 
dem Psalterium Komanum: directiunem meam, was dasselbe bedeute, 
sofern directio, d. i. richtung. richtiges urteil, gewonnen werde durch 
den funiculus, durch die messschnur, nach welcher /immerleute und 
andere handwerker ihre werke bestimmen. 

Kemigius und Bruno behalten die auffassung von semita und funi- 
culus als „pfad'^ und „messschnur'' bei, geben ihr aber eine andere 
Wendung, indem sie sicli zugleich ül>er grammatische Schwierigkeiten 
und bedenken külmlich hinwegsetzen. Die zu knapp gehaltene deutung 
des Remigius wird durch die ausführlichere des Bruno verdeutlicht und 
ergänzt. Wie aus der erklärung des Bruno hervorgeht, werden zunächst 
die Worte semitam meam unmittelbar angeschlossen an die vorherge- 
hende zeile der Vulgata: Intellexisti cogitationes meas de longe, und 
dadurch wird die deutung gewonnen: intellexisti semitam meam, du 
kenst und liebst meine tugenden, meine erfüllung aller deiner schweren 
geböte. In folge dieser meiner gebotserfüUung und fügend investigasti, 
d. i. investigare et exquirere me fecisti, hast du mich befähigt zu erfor- 
schen und zu erlangen fuuiculum meum, d. i. dimensionem haereditatis 
meae, die messung meines erbgutes, weil durch einen funiculus, eine 
messschnur, das erbgut gemessen wird. Die bedeutung aber des erb- 
gutes ergibt sich aus Ps. 2, 7. 8, wo es heisst: Dominus dixit ad me: 
Filius meus es tu; postula a me, et dabo tibi gentes, haereditatem 
tuam, et possessiouem tuam terminos terrae. Demnach ist unter hae- 
reditas, unter dem erbgute, das menschengeschlecht zu verstehen, und 
das soll ich nun messen, den einen teil annehmen zum heile, den 
andern aber draussen lassen. Und w^enn in der versio hebraica statt 
funiculus gesezt ist accubatio, so ist das gleichbedeutend, sofern damit 
der zum heile berufene teil der menschheit gemeint ist, welcher dei 
accubatio, die ruhe gottes, genant wird, weil an ihm gott sich erfreut 
Avie ein jeder an der ruhe. 

Unverkenbar ist die für das einfache fuuiculum meum in den 
Windberger Psalmen gebrauchte ausdeutende Übersetzung sclllin erhc 
mes mm aus der benutzung dieser commentare hervorgegangen, und 
nur aus der von diesen aufgestelten erklärung sortem haereditatis meae 
zu verstehen. Geläufig aber war diese anschauung und dieser ausdruck 
den auslegern und Übersetzern aus anderen stellen der Psalmen. So 
heisst es bei Notker Ps. 15, 6: Fuues ceciderunt mihi in praeclaris, 
etenim haereditas mea praeclara est mihi == In zorften teilen sint mir 
gefallen diu lauf mez- seil, mir ist crehto ivorden zorftez erhe. 77, 65 
Et Sorte diuisit eis terram in funiculo distributionis = Vnde nah Jceuuor- 



200 SEILER 

fencmo lozze (eilte er daz laut mit maz- seile. 104, 11. Tibi dabo 
terrani chanan fiiniculum haereditatis uostrae ■= Dir <jiho ih terram 
promissionis zc maz -seile inmicres erhes. (Das ir iz teilcnt mit 
seile). 

Es bleibt uns nun noch die poetisebe bearbeitung des 138. Psalms 
(in Müllenbofls und Scberers Denkmälern m\ XIII) zur betrachtung 
übrig. Hier sind zwei fragen zu erledigen. Erstens: benuzte der bear- 
beiter den text des Augustin, oder einer anderen vorbierouymianiscben 
Übersetzung, oder den der Yulgata? Zweitens: hatte der bearbeiter 
nur den text vor sich, oder auch einen commentar, und welchen? Wir 
beginnen mit der lezten frage. Die bearbeituug ist, wie jeder sieht, 
eine einfache Übersetzung des lateinischen textes. Hier redet nicht 
Christus durch den niund des propheten, wie die commentatoren sämt- 
lich deuten, sondern einfach David der guoto. Hier ist der Psalm in 
einfachem wörtlichen sinne verstanden und nicht in jenem mystisch 
allegorischen, den ihm sämtliche commentatoren, der eine auf die, der 
andere auf jene art beilegen, wodurch jedes wort eine tiefer liegende 
bedeutung erhält. Auch die zusätze , die die deutsche bearbeitung 
gegenüber dem lateinischen texte enthält, sind nicht aus commentato- 
ren geflossen. Es sind dies: 

Vers 4. von demo anegenge tmcin an daz enti 

6. so wärot so ih gemgo 

10. daz ih äne din gipot ne spricho nohein tvort. 

15. dar hapest du mich sär 

18. ]}eginno ih danne fliogen, sose er ne tete niomen. 

20. 7i€ megih in nohhein laut 

21. de scla worhtostii mir. 

Diese zusätze sind lediglich erweiterungen zum zwecke und in 
folge der poetischen darstellung, nicht gelehrte deutungen, wie sie 
die commentare geben. 

Eine stelle macht eine ausnähme. Vers 8 nämlich ist der latei- 
nische text: et omnes vias meas praevidisti gegeben durch 

den wech furiivorhtostü mir^ daz ih mih cherte after dir; also 
praevidisti ist übersezt durch furiworhtdstü und daz ih mih cherte after 
dir ist hinzugesetzt. Dieser zusatz ist nicht blos eine erweiterung des 
im texte enthaltenen; er enthält etwas wesentlich neues, was der dich- 
ter nicht aus dem lateinischen texte schöpfen konte. Es stamt dieser 
zusatz vielmehr aus Augustin, der die stelle auf folgende weise erklärt. 
Der verlorene söhn — deim dieser redet hier ja nach Augustin, wie 
wir oben gesehen haben — sagt: Antequam eas (sc. vias) irem, vidisti 
eas et permisisti me in labore ire vias meas, ut si nollem labo- 



PSALM 138, 3 201 

rare redirem ad vias tuas. Dem^aniiäss erklärt Notkcr (Hatt. II, 
477): und alle mina wtya, in dien ih irrota, fore wissost du , du hang- 
tost (gestattetest) mir sie ze ganne, übe ih hina ne mahti^ daz ih 
irivunde zc dir. — Diese stelle unserer poetischen bearbcitiing darf 
also nicbt mit Laclinianu zu Iweiü 7133 ühersezt werden: „den weg 
machtest du vor mir licrj^^chend /' sondern „du liast vor mir den weg 
bereitet, d. h. du hast bewirkt, dass ich ihn gien;^% damit icli mich zu 
dir zurückkehrte/' ^ 

Im übrigen also zeigt sich unser deutscher bearbeiter als unge- 
lehrter laie, der für seine arbeit ein frisches Verständnis des lateini- 
schen textes , aber durchaus keine theologisch - exegetischen kentnisse 
mitbrachte. Nur an dieser einen stelle hat er von der schulmässigen 
auslegung gehört und diesell)e in seine bearbeitung eingctlochten. Das 
mag wunderbar erscheinen, wie gerade diese stelle dazukomt; es ist aber 
so. Ich will nur noch an einem beispiele zeigen, wie giinzlich fremd 
dem dichter sonst alle gelehrte auslegung und speciell die des Augu- 
stin war. Vers 6 des textes: mirabilis facta est (bei Augustin miriti- 
cata est) scientia tua ex me erklärt Augustin: Ex peccato meo factum 
est, ut mirificata mihi esset et incomi)rehensibilis mihi existeret, in 
folge meiner sünde ist es mir unmöglich geworden, dich zu erkennen. 
So auch Notker: föne minen sculden ist mir tvunderlth unde nnsemfta 
ivorden diu hcchenneda. Die poetische bearbeitung dagegen übersezt 

V. 11: 

Uuie michiliii ist de diu giwizida^ Christ^ 

föne mir ce dir gitänl 

ce ist gleich „au, iu" (cfr. Scherer zu dieser stelle, s. 312), also: 
„ wie gewaltig ist deine kentnis von mir bei dir beschaffen.'' Wir kön- 
ten in dieser weise den ganzen psalm durchgehen und würden überall 
finden, dass unser dichter seinen text im natürlichen wörtlichen sinne 
aufgofasst hat, während Augustin, wie die anderen commentatoren, 
künstliche und überkünstliche deutungcn und beziehungen darin finden. 
Also irgend einen commentar hat der dichter nicht benuzt, auch nicht 
den des Augustin, wie man in folge der oben besprochenen stelle, 
vers 8, vielleicht meinen köute. 

1) Solle der Verfasser der althochdeutschen metrischen bearbeitung' in seiner 
lateinischen vorläge statt pracvidisti vielleicht praccidisti gelesen haben? Vgl. bei 
Graffl, 972 fg. furiuuorahton, obstruxcrunt Ed. furiuaorohton, obstruxerunt Ib. 
in Nycrups s}inbolae sp. 215. — Nach Holtzmann (Germania 1 , 112) stamt das 
zweite glossar des Junius (Ib) aus einer Murbacher handschrift, deren unmittelbare 
vorläge die Keichenauer Glossare Rd und Ke waren. Graff sezt Rd. Re und Ib. 
sämtlich ins 8. — 9. Jahrhundert. Z. 



202 SEILER 

Wir kommen zu der zweiten frage, ob dem dichter der text der 
Itala, wie er bei Aiignstin, oder etwas abweichend in Sabatiers aus- 
gäbe erscheint, oder der der Vulgata vorgeh^gen hat. Die innere walir- 
scheiulichkeit spricht durcliaus für die Vulgata, da zu ende des 10. 
Jahrhunderts die Itahi schon längst durch diese verdrängt war (vgl. 
s. 189). Prüfen wir nun die stellen, an denen der text der Itala von 
dem der Vulgata abweicht. Wir haben sie schon oben (s. 190 fg.) 
zusammengestelt. Vers 9 hat Augustin: si recipiam pennas meas in 
directum, der text des Sangermanensis bei Sabatier: si recipiam pen- 
nas meas ante lucem in directum, 

die Vulgata: si sumpsero pennas meas diluculo, 

unsere Übersetzung: so uuiUih danne file fruo stellen mhio fedcro. 

Danach wird jeder zugeben, dass der text des Augustin unserem 
dichter unmöglich, der des Sangermanensis schwerlich, der der 
Vulgata aber höchst wahrscheinlich vorgelegen hat. — Erwiesen 
wird das durch vers 4. Hier hat Augustin und der Sangermanensis: 
quia non est dolus in lingua mea 

die Vulgata: quia non est sermo in lingua mea 

die poetische bearbeituug: 

Du liapest mir de siingün so fasto pidwtmgen, 
daz ih äiie dm gipot ne spriclio noliein wort. 

Der dichter hatte also entschieden sermo vor sich. Damit ist bewie- 
sen, dass er nicht nach dem text des Sangermanensis oder des Augu- 
stin gearbeitet hat, sondern nach dem der Vulgata. 

Damit aber ist zugleich auch bewiesen, dass ihm in vers 3 nicht 
directionem oder limitem vorgelegen hat, sondern fuuiculum. Diese 
stelle: semitam meam et funiculum meum investigasti ist nun von ihm 
so widergegeben: 

Du irchennist odlo stigö, sc vmrot so ih ginigo 

So wäre so ih chcrte nüneii zun, so rado nämi dus goum. 

Funiculum nieum wäre also gegeben durch mhien zun. Dass dieses 
eine mindestens höchst seltsame Übersetzung wäre, wird niemand bezwei- 
feln. Zun verdeutscht zwar saepes, vallum, maceria (Graff V, 678), 
nie aber etwas, was einem seilchen ähnlich sieht. Ebenso seltsam wäre 
ferner die redensart: sinen zun wohin kehren. Was soll das heissen? 
Es ergibt sich mithin fast von selbst, dass für zun zoum in den text 
zu setzen ist. Zoum übersezt lateinisches funis in der Benedictiner- 
regel (Hattemer I, 73), das diminutivum zoumili findet sich nicht sel- 
ten in den glossen zur Verdeutschung des lateinischen funiculus (Graff 
V, 624). Die redensart endlich: sinen zoum chtren haben wir ebenso 



PSALM Uö, 6 203 

bei Notker, Boetliiu?^ TU (s. l()5 in Graffs ausgäbe. Hattenier ITI, 
s. 102^), 2vio (jrwalt'njü diu natura iro zoum chcre = Hectat bal>eiias. 
Nelimou wir biiizu , dass dlo grajtliischo äiuleriiiig eine böcbst gering- 
fügige ist, und dass aucb vers i* für (jruoztc urspriniglich (/ruzte stand 
(o ist erst si>ater nachgetragen), so wird man an der riclitigkeit der 
änderuug kaum noch zweifeln küuuen. — Auf den reinen reim zoum : 
goum darf man sieb bingegeu uicbt berufen, da in unserem gediclite 
die reime überbaupt sebr ungenau sind. — Der deutsche dichter liat 
also semitam meam et funiculum nieum einfach wörtlich verstanden, 
wie er es ja überall tut, und zwar bat er die stelle sich allem anscliein 
nach so zurechtgelegt: wohin ich immer gebe oder reite, so bemerkst 
du es. 

Dem angelsäcbsiscbeu bearbeiter endlich (in Greins Bibliothek der 
ags. Poesie band II) — um das nocb hinzuzufügen — muss ein text 
vorgelegen haben, der dem bei Sabatier gegebenen Italatexte des cod. 
Sangermanensis sebr nahe kam. Leider war mir die ausgäbe der ags. 
Psalmen von Thorpe (Libri l^salmorum Versio antiqua Latina cum Para- 
phrasi Anglosaxonica partim soluta oratione partim metrice composita; 
edidit B. Thorpe Oxouii l'^^^o), die auch den lateinischen text eutliält, 
unerreichbar. Jedocb ergibt eine vergleichung der differierenden stel- 
len das eben angegebene resultat mit hinlänglicher sicberbeit. 

Vers 4: Sang, und Aug. dolus, Vulg. sermo (vgl. s. 19G fg.). 
Ags.: forpan me invit väs ähvcer on tungan. 

Schon aus dieser einen stelle gebt hervor, dass der ags. bearbei- 
ter den text der Vulgata nicht benuzt haben kann. 

Vers 9. Sang.: si recipiam pennas meas ante lucem in di- 
rectum. 

Aug.: si recipiam pennas meas in directum. 

Vulg.: si sumpsero pennas meas diluculo. 

Ags.: gif ic mlne fittcru gcfoy flcogc ccr IcohtCj d. i. otlenljar 
ante lucem des Sang., wogegen das im Saug, ebenfals stehende in 
directum der ags. vorläge gefehlt zu haben scheint. 

Vers 16. Sang, dies firmabuntur. 

Aug. per diem errabunt. 

Vulg. dies formabuntur. 

Ags. dagas syndon tryniedCj d. i. offenbar firmabuntur, was 
Grein Glossar II, s. 554 aucb aus dem Thorpeschen texte anführt. 

Im 20. verse dagegen scheint die vorläge des Angelsachsen abwei- 
cbend vom Sang, zur Vulg. gestirnt zu haben: 

Sang, quia dicis. 

Aug. quia die es. 



201 SEILER 

Vulg. qiüa (.Ileitis. 

Ags. ])e J)äf on gepohfum pcnccaä cvectcnde. Das wäre dicitis 
und nicht dicis. Doch ist liier im Sangerm. mögliclicrweise die silbe ti 
durch einen Schreibfehler ausgefallen. Wenigstens sind solche im Sang, 
nicht selten, z. b. vers 19, wo das sinlose: virum sanguinum decli- 
nante a te sicherlich nichts anderes bedeutet, als das was auch Aug. 
und Vulg. geben: viri sanguinum declinate a me. 

Wir dürfen also mit ziemlicher Sicherheit voraussetzen, dass an 
unserer stelle in vers 3 die vorläge dem ags. dichter in Übereinstim- 
mung mit dem Sang, bot: 

semitam meam et directionem meam investigasti. 

Dies gab der Angelsachse: 

fcorrnn ongcäte före mine 

aml minc g an gas gcarve dtreddest 

aiid eaUe mhie vegas vel forsäve. 
Das gangas übersezt also directionem, wozu es auch besser passt, als 
zu limitem oder zu funiculum. 

HALLE. F. SEILER. 

Über den oben erwähnten, in der Septuaginta bei Übersetzung 
dieses Psalmenverses gebrauchten wunderlichen ausdruck oxolvog hat 
herr professor C. Schlottmann die gute gehabt, nachstehende auskunft 
zu ertheilen: 

Ps. 139 (138) v. 3. 

rr'nT -^^'n-n -^n-^i« 

T • •• • : • : • : t 

LXX zrjV TQißov Liov y.al Trjv oyolvov finv [ov\ t^iyviaaag. 

Vulg. semitam meam et funiculum meum investigasti. 

Hieron. semitam meam et accubationem meam eventilasti. 

Alter ausgleichungs versuch: y,oy/nvog = storea ex juncis palustri- 
bus aut carice facta et contexta, quod pro accubatione positum est," 
wozu schon Muis bemerkt: Sic LXX cum Hebr. conciliare nituntur, 
cum toto coelo differant. Andre vermuteten oyoivov sei aus koitov 
verschrieben. 

Ohne zweifei ist vielmehr zu vergleichen Jer. 18, 15 (K'thib): 
zr-" ^^1-: (Jyolvovg alcovloig, Vulg. in semitis seculi (wobei z'^rj nach 
späterem Hebräisch = ,,welt, weltgeist" genommen ist). Die LXX 
nehmen also oyolvog syn. mit „weg" und zwar speciel von der art des 
weges, des wandeis: „vivendi ratio qua quis ad certum contendit sco- 
pum ut Ps. 119, 9" (Geier). So hier (Ps. 139) die griech. erklä- 
rer: ApoUinar. in seiner metrischen Übersetzung: i^duv (xtuqttov. — 



PSALM 138, 3 205 

Sicher ist an das ägyptische wcgmass zu denken = 60 Stadien nach 
Herod. IT, G — So ist aucli das lat. „funiculus" zu erklären: Cf. Hie- 
ron, ad Joelcm cp. 3 „funihus in Nilo trahi navos nautisque certa esse 
spatia, qiiae fuiiiculos {nyjnvnvi; s. (r/nivla) appcllent, ut labori defes- 
sorum recentia tralientium colla succedant." Verschiedene ausgaben der 
Itahi hatten dafür in Ps. 139 directionem (Hilarius ad h. 1.) und wahr- 
scheinlich auch liraitem (Augustin). 

"Wie die LXX ihre Übersetzung an den hebräischen text geknüpft 
haben , ist noch nicht befriedigend erklärt. Agellius vermutete , dass 
sie n-^3 = filus für vi'-\ gelesen hätten — sicher mit unrecht. Im 
anschluss an die citierte stelle des Hieronymus (zu Joel) will ich als 
conjectur hinwerfen, dass "sie v'^-y •== viertel nehmen und ayolmg = 
60 Stadien, also c. 3 Wegstunden, als viertel eines freilich sehr starken 
tagemarsches genommen wurde. 

HALLE. C. SCHLOTTMAMM. 



ZUR KRITIK DES ALPHART. 

Wenn im folgenden eine in einzelnheiten von der des lezten her- 
ausgebcrs, Martin, abweichende ansieht entwickelt wird, so soll die- 
selbe nirgends als von vorneherein absolut richtig und unumstösslich 
hingestelt sein, sondern ich halte dann den punkt eben nur der discus- 
sion wert; am wenigsten kann es meine absieht sein, das unbestreit- 
bare verdienst Martins verkleinern oder wesentliche resultate seiner 
kritik anfechten zu wollen, da ich im gegenteil durchaus auf derselben 
fusse und von gleichem Standpunkte ausgehe. 

Bei wenigen werken dieses Zeitraumes stösst die kritik auf grös- 
sere Schwierigkeiten : das gedieht ist nur in überarbeiteter gestalt erhal- 
ten in einer einzigen zerrütteten, lückenhaften handschrift des XV. Jahr- 
hunderts. Lachmann zuerst hat (Jen. allg. litztg. 1822 s. 187 note) 
darauf hingewiesen , dass auch dieses gedieht interpolationen erfahren 
habe und aus mehreren liedern zusammengesezt scheine; nach ihm hat 
auch W. Grimm HS. 236 in einer ausführlichen anmerkung auf die in 
unserem texte enthaltenen Widersprüche aufmerksam gemacht; Martin 
ist bei seiner ausgäbe (DHB. II, s.V — XXXIII und 1—54) unter 
anwenduug der von Lachmaun für die kritik der Nibelungenlieder ange- 
nommenen grundsätze selbständig verfahren und hat von den erhalte- 
nen Strophen die ganze zweite hälfte von 305 — 467 für unecht, aus 
der ersten nur 153 Strophen für echt erklärt; ein im wesentlichen unan- 



20G MUT« 

fechtbares ergebnis: das gedieht selbst gibt sich als Überarbeitung 
45, 2,' die band nicht eines, sondern mehrerer interpolatoren ist 
unverkenbar. In einzolnheiten ergeben sich jedoch bedenken. 

17, 18 scheinen untrenbar, denn 17, 4 ist ohne 18, 3 nicht gut 
denkbar; zudem schliesst 25, 1 weit besser an 12 als an 17, so dass 
wer 18 strich auch 17 nicht hätte bestehen lassen sollen. 

28. ,,Dar nn gedachte ich gcrne^^ sprach Heime, der küene man, 
„min herr wil itich ze Berne straffes niht erldn 
er und al die slnen^ vürste unverseif, 
si habent sich ze Berne fif iutvern schaden gcleiV 
Die athetese dieser strophe wegen des binnenreims scheint nicht völlig 
gerechtfertigt; zwischen 27 und 31 muss notwendig eine zögernde ant- 
wort Heimes fallen; auch scheint mir 28, 4 durchaus unentbehrlich. 
Der mittelreim gerne : Berne kann freilich nicht zufällig sein ; aber er 
ist durch Streichung der werte ze Berne ^ die im zweiten verse ebenso 
unnütz sind als im vierten richtig, leicht zu beseitigen: iuch wil oder 
Jane wil iuch mm herre. Man erkent die täppische band eines inter- 
polators, der am binnenreime seine freude hatte und überdies darauf 
ausgieng, die im alten liede offenbar häufig fehlenden Senkungen aus- 
zufüllen. 

73, 3. Der name ist wol zu lesen WUschächj d. i. der weithin 
raubende; ganz analog ist die daneben begegnende bildung Helmschröt; 
den mann wegen der barbarischen orthograpliie wytzschach zu einem 
slaveu zu machen, wie W. Grimm HS. 238 und darnach Martin eiul. 
s. XXVI geneigt sind , ist kein grund vorhanden. Schach , Schacher 
ist übrigens ein in Oberösterreich nicht seltener wäldername. 

93, 4. Für das lahme nilit swaere wird besser gelesen unmaere. 
103 — 119. Bei diesem abschnitte ergibt sich die einzige bedeu- 
tendere differenz von Martins resultaten; er hat als echt angenommen 
103 — 106, 116—119, als zusatz 107—115; ich kann ihm nur bei- 
stimmen in der athetese von 107, 112 — 115; 103 — 105, 2 kann ich 
jedoch in der vorliegenden fassung nicht für ursprünglich halten. Stro- 
phe 103 — 107 fallen aus dem tone: ritter guot 103, 2 steht nur wider 
in der folgenden grossen interpolation zweimal nacheinander 130, 133; 
auch die herzoginne lohesam (: man) 103, 4 dürfte kaum zu verteidigen 
sein; lohesam steht in echten Strophen nur als attribut zu 11 vürste, 
166 ritterj 211 Jceüer; ganz unpassend aber ist 104, 3 = 109, 3 wem 
iviltä mich län? im munde der älteren verheirateten frau; ebenso unge- 
hörig ist es, wenn Alphart 105, 2 die Uote in Kristes x^flege empfiehlt: 
denn der natürliche beschützer des weibes ist der gatte: beides ist also 
eine unzuht gegen den anwesenden Hildebrant. Desto schicklicher ist 



ZUR KRITIK DES ALi'ilART 207 

jedoch die erste iiusserung für Anielgart, die gattiii dos heldeu, die. in 
der tat verlassen '/urrick])leibt. Die cntlclmung, die zweifellos statt- 
gefunden liat, lässt also niclit 1<>4, sondern 1()*J als ursiirünglicli 
erscheinen. Uote konit iiberhaui»t in echten Strophen niclit vor, sonst 
müste sie 117, 1 erwähnt sein; das hat auch der iuterpolator empfun- 
den und deshalb den ausreitenden hehlen 113, 2 von Uote besonders 
segnen lassen. Auch strophe 105 ist unecht: 1 = 110, 1 ; 2 = lio, 4; 
3 = 112, 1. Zu alledem ist die athetese von 108 — 111 sehr schwach 
motiviert. Die strophen sind schön, formell tadellos; ihrem inhalte 
nach stehe ich nicht an, sie zu dem bedeutendsten vax zählen, was 
deutsche epik überhaupt hervorgebracht hat. Wendungen wie in 109, 2, 
110, 3, 111, 2 beweisen überdies den stil der besten zeit — man ver- 
gleiche nur unzweifelhaft interpolierte abschnitte, um den unterschied 
zu fühlen. Martin eiul. s. XV macht für die unechtheit geltend: 
„107 — 115 unterbrechen die bewafnung des beiden durch Ute"; das 
beweist aber nur die unechtheit eines abschuittes von beiden , nicht von 
vornherein die des zweiten; 119, 4 erhebt es beinahe zur gewissheit, 
dass es ursprünglich Araelgart und nicht Uote war, die Alphart das 
weitspringendo ross zuführte, denn diese etwas höfische wendung kann 
sich nur auf eine junge frau, eine triutinne 110, 3 beziehen, in deren 
dienst sich der held bei seiner ausfahrt mit diesen werten gleichsam 
stelt. „Die sage von einer königstochter Amelgart von Schweden ist 
weder sonst belegt noch für den Zusammenhang unseres gedichtes not- 
wendig, also wol wilkürlieh erfunden." Die folgerung ist voreilig. 
Was wissen wir denn , um aus dem Alphart selbst die nächstliegenden 
beispiele aufzugreifen, von Ilsans kämpfe mit einem vetter Dietrichs 
404, 3 oder welche bedeutung hat „für den Zusammenhang unseres 
gedichtes" die gewiss alte, naclidrückliche hervorhebung Nudungs 78, 
79? Dem iuterpolator lag es doch näher, die albekante, überall ver- 
wendbare walfenmeisterin Ute einzurücken als die ganze sage von Amel- 
gart nebst ausführlicher Vorgeschichte 109, 1 — 3 zu ersinnen und dann 
mit einem an ihm sonst nirgends bemerkbaren gescliicke ganz reizend 
auszuführen ! Der name Amelgart (allerdings von Normame) kehrt 
wider Dtl. 1944, 1985; entlehnung daselbst wäre möglich; wahrschein- 
licher aber, dass eine Amelgart in der Amalersage ihren richtigen platz 
hat. So bleibt nur noch ein grund , denn die bemerkung , es sei „ dem 
Charakter Alpharts und der deutschen heldeusage gleich unangemessen, 
dass ein so junger held schon verheiratet sei," hängt in der luft; der 
gewichtigere grund aber ist, dass 113, mit dem die scene erst ihren 
abschluss zu finden scheint, ganz sicher unecht ist: 113, 2, 3 wider- 
spricht 117,4, erklärt ist es oben; 113,4 ist ein elender lückenbüsser. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. ED. VIII. 14 



208 MrTH 

Aber 113, 1 uiul 2 bis suoclu'n könte immerbiii echt sein. Ganz schlecht 
und verscIüeJeu von dem vorangeliendeu ist aber auch 112, allenthal- 
ben zusammengeklaubt: 1 = 105, 3; 2a = 113, 2a; 3a = 110, 2b; 
der unter allen umständen unhaltbare, nur gerade zu dem vorliegenden 
texte passende plural vrouwen hu lezteu verse. Zwischen 111, das wir 
als echt erkant haben, und 116 muss aber ein Übergang stehen; hie- 
her nun scheinen mir 105, 3, 4 und 106 zu gehören; die ersteren bei- 
den verse haben an den stehengebliebenen rest von 113 zu schliessen, 
so dass die auf Hl unmittelbar folgende strophe zum grösten teile 
erhalten ist: 

Er kust die juncvrouiven , im was von dannen gäcli^ 

er ivoU die ivarte suoclien, 

dö er nicht hcl'iben ivolte, AJphart der junge man 
in harnesch und in ringe iväpent in diu vrouwe sän. 

diu vrouwe wol getan ^ wie 105, 4 hat, überlädt den vers, während 
sän = statimj denique hier guten sinn gibt und bei dem von Martin 
angenommenen alter des liedes auch volkoramen zulässig ist. An diese 
strophe schlössen in unmittelbarer folge 106, HG fg. Der grund der 
Verschiebung war die eiufügmig Utes , welche der interpolator doch auch 
beschäftigen wolte. Echt erscheinen also aus dem abschnitte 103— irJ: 
108 — 111, 113, 1, 2, 105, 3, 4, 106, 116 — 119. Wen die argu- 
mentation überzeugt hat, der mag sich noch zwei kleinere emendatio- 
nen gefallen lassen: da 104, 3 aus 109, 3 genommen ist, dürfen viel- 
leicht auch die beiden überaus trockenen 

104, 4 teer sol mich des ergetsen, deich dich so lange erzogen hchi? 
1U9, 4 verlüre ich dich nii, herre , so müeste ich einic hier hestän. 
zusammengehalten werden; 104, 4 ist derivation aus 109, 4, das lau- 
tete: iver sol mich des ergetsen, müeste ich dich verloren hän? 

117, 4 liest Martin: 

nach im manic schoene vrouwe segentCy diu im heiles hat 

die handschrift hat: 

7VJieh im seget manch schon fraw usw. 

Zu lesen wird sein: 

diu vrouwe nach im segente unde im heiles hat^ 
wobei es freisteht, unde als relativum aufzufassen; denn das enjambe- 
ment, das Martin vorschlägt, ist unerträglich; auch war selbst in 
unserem zusammengestoppelten texte von andren frauen als Uote und 
Amelgart nicht die rede. 

153, 154. Martin gibt bei Streichung der ersten strophe wegen 
des cäsurreimes sähen : gähen zu, dass derselbe durch Umstellung aus 



aUR KRITIK DES ALPHART 20*J 

zim gälten si hegtDidcn entstanden sein könne; a1)er die Strophe sei 
nicht durchaus notwendig. Es sclieint docli ; wie scldeclit schliesst 
sonst 154 an 15lM von einem verständigen manne, als der docli der 
dichter des alten liedes durchgängig erscheint, ist auch nicht vorauszu- 
setzen, dass er das gefolge beim falle seines herren sich völlig passiv 
verhalten lässt. Bedenklich bleiben hingegen immer die matten schluss- 
verse , so wie die widerholung des reimes tot : 7idt in zwei aufeinander- 
folgenden Strophen. Da aber die verse 154, 3, 4 gleichfals schwäch- 
lich sind, ist hier, wie häutig in Nib. not, erweiterung einer echten 
Strophe durch den interpolator zu zweien anzunehmen; das echte ist 
153, 1, 2, 154, 1,2, was eine tadellose Strophe ergibt, im lezten 
halbverse kann den die hebung tragen ; übrigens ist im Al]>liart auch 
ein achter halbvers mit nur drei hebuugen nicht störend; oder man 
kann auch den handschriftlichen text aufnehmen und mit enjambement 
lesen: er sprach: nu müczet ir mir geldtn den liebsten herren mm, 
was ich aber nicht für wahrscheinlich halte. 

162, 164. Martin nimt als echt an 162, 1, 164, 2 — 4; sehen 
wir näher zu: Alphart ist auf der beide dem herzog Wnlfing mit 
80 mann begegnet; Wülfing und zwei andere sind vor ihm gefallen, da 
sagt der held 161, 2—4; 

„alrcrste sul ivir streiten'' sprach der kücnc degen 

jyivol ahe von den rossen zuo mir iif das lantf 

„swem got des heiles gtinnej der viiere den sie an der haut !^' 

Nun fiihrt 162 fort: Do Sprüngen von den rossen sihen und sihenzic 
man; das weiter folgende (bis 163, 4) hat Martin als rationalistischen, 
binnengereimten erklärungsversuch mit recht verworfen; nur hätte er 
nicht 162, 1 für 164, 1 ansetzen sollen; dieses leztere ist ein vortref- 
licher vers: si timlzugen in üf der heide, daz entwiche in niht der 
man (so stelle ich), der sich ganz gut an Alpharts herausforderung 
anschliesst. Überaus anstössig und rationalistisch sind an und für sich 
schon die 77, die sich ergaben, indem von Alpharts 80 gegnern die 
3 gefallenen 151 Wülfinc, 158 Sigewin,^ 160 Gerbart subtrahiert wur- 
den (mit einem rechenfehler ; denn nach 144, 2 Wülfinc und ahzig 
sincr man müsten ihrer ja 81 sein). So konte doch nur ein ganz 
trockener geselle verfahren , ein geistesverwanter des Verfassers der 

1) loh bemerke , dass mir 158 , 4 für den Zusammenhang unentbehrlich 
scheint. Der Übergang der construction ist leicht beseitigt, wenn man ohne inter- 
punction nach sicerte statt mit richtiger vor liest. Fraglicher ist ob man vers 3 
lesen dürfte: du hast des sold^s engolten (oder du hast soIdes genozzeti) ^ womit auch 
der binnenreim beseitigt wäre. 

14* 



210 MUTH 

NibelungeureceDsion C, und das ist der dichter dos alten Alpliartlie- 
des niclit! 

207, 4 er hics im haläe hringcn ros schilt harnasch undc sper; 
daran unmittelbar schliessend 208, 1 darhi tvdpcnt er sich undc gie 
zc sincm rosse daii. Da sieh aber Witej^'e unm«>gli(^,]i mit einem rosse 
wapnen kann; auch wenn es ihm gebracht worden wäre, und er nicht 
erst zu ihm gehen müste, das wort überdies den vers überlädt, war 
ros in 207, 4 klarer weise zu streichen. 

227 ist zu streichen, denn die 80000 mann Ermenrichs hat erst 
der interpolator in das gedieht gebracht; 228, 1 schliesst überdies ganz 
gut an 225, 4; an der strophe ist nichts verloren. 

234, 235, die Martin beide für unecht erklärt (überlaufende con- 
struction; binnenreim; 234, 1 = 234, 4), scheinen durch erweiterung 
aus einer echten strophe entstanden; das bild, wie das ross ledig ent- 
springt und weidet, da sein reiter abgeworfen ist, und wie Alphart 
nun zum schwertkampf absizt, zeigt gesunden liumor, der sich von der 
grob possenhaften mauier der interpolationen (man vergleiche diese und 
die echten 90, 3, 4; 180, 3, 4; 209, 2 mit 121 — 141 und den stellen 
der fortsetzung über den mönch Ilsan) vorteilhaft unterscheidet; ja 
das absitzen Alpharts ist wesentlich für den Zusammenhang; stelt man 
234, 1, 2 mit 235, 1, 2 zusammen, so ergibt sich eine ganz erträg- 
liche strophe: 

Uf so rillt sich Witcgey wan er übel gevallen was. 
hin so lief Schemminc und az daz grüene gras, 
do erbeizte anderthalhen Alphart mit gewalt 
iti einem grozen schalle j sin eilen daz was balt. 

266 — 268. Martin einl. s. XX: „266 hängt mit 267 zusammen. 
Streicht man in der ersten strophe die 2 lezten und in der zweiten die 
2 ersten verse, so verliert man eine fromme äusserung, die leicht 
zugesezt sein kann. 268, 1 hat gereimte cäsur. Der schluss, der 
Alphart siegreich vordringen lässt, passt nicht zur folgenden strophe." 
Diese bemerkungen sind richtig und zutreffend , aber dessen ungeachtet 
ist 268, 1 an liefen si do beide den kindischen man nicht zu entbeh- 
ren, denn sonst bleibt der notruf Alpharts 269 unverständlich; doch 
muss ich gestehen, keinen bessernden Vorschlag tun zu können; nur 
die Unsicherheit des resultates soll hervorgehoben werden; an dieser 
stelle, wie an mancher andern, vornemlich der fortsetzung, sind echtes 
und unechtes , ursprüngliches und zugeseztes eben so in einander ver- 
schränkt, dass kritische Scheidung hier niclit mehr mit auch nur eini- 
ger aussieht auf erfolg durchführbar ist. 



ZUR KRITIK DES JLLPUART 211 

Die fortsetziiii^. Dio ^^anze zweito haltte (306 — 4('.7) liat 
Martin als „volständig leer au sageiiliartem iiihalle" als „ unechte l'ort- 
sotzung" erklärt. Dass das oder ein alles lied mit Alpliarts (ode 
abschloss, hat schon Lachniann a. a. o. erkant; ob es aber nicht auch 
ein gleich altes von der räche für Alpharts tod gegeben, bleibt frag- 
lich. Martin einl. s. XXIV U^. hebt als den kern der sage hervor, wie 
Alpliart, Wolfharts bruder, l)ei Vertreibung Dietrichs aus Bern seinen 
tod durch Witege findet. Diese sage muss nun, obwol ich das a. a. o. 
niclit ausgesprochen finde ^ älter sein als die Überlieferung von der 
Iiabeuschlacht; das beweist ^lartins scharfsinnige deduction, dass in 
lezterem epos die beiden sagen von einem rachezuge dreier Jünglinge 
gegen Ermenrich und vom falle eines jugendlichen beiden durch Witege 
verschmolzen seien. Ist aber die sage von Alpharts tode älter als die 
von Diethers falle, so ergibt sich mit gröster Wahrscheinlichkeit, dass 
auch die tradition von den kämpfen Dietrichs gegen Ermenrich früher, 
d. i. noch am ausgange des XII. jalirliunderts eine andre form hatte, 
dass sie wie nunmehr in der Rabenschlacht an den fall der drei knaben, 
früher an den fall des jungen Wölfingen geknüpft war; jede andere 
autTassung wäre dem ethos der deutschen sage zuwider. Es ergibt sich 
hiemit die weitere frage, ob die verbalhornte zweite hälfte, wie sie 
vorliegt, nicht doch noch spuren älterer dichtung erkennen lässt. Wenn 
man aber sonst daran zu tun hat , aus dem echten texte unechte zusätze 
auszuscheiden, ist hier das umgekehrte verfaliren einzuschlagen: aus 
dem wüste des unechten nmss hier das wenige erkenbar echte ausge- 
lesen werden: ein weg, auf dem sich natürlich nie ein auch nur annä- 
hernd sicheres resultat erreichen lässt. 

Widerum Lachmann hat auf den abschnitt nach 411^ liingewie- 
sen und in der tat scheint sich mit dieser strophe das gepräge des 
Stiles zu ändern. Echt möchten sein 412; 413; 415; 420, 1, 2; 423, 
3, 4 (das dazwischenliegende, zum teile binnengereimte widerholung, 
muss verworfen bleiben); 427; vor allem aber 430 — 432, ein ganz 
ergreifendes schlachteubild, das man unmöglich dem pfuscher, von dem 
unser text herrührt, zutrauen darf: der zug, wie Witege und Heime 
vor angst die zeichen von den helmen brechen, entspricht des erste- 
ren flucht vor Dietrich Rabschi. 913 fg., ist aber in der ausführung 
ganz selbständig und sicher alt und sagenhaft; hier scheint der kern 

1) Yorhergehende schlnssstrophe??: 
409, 2, 3. Der edel vogt von Berne Wolfliart und Sigestap, 
4. si vuorten den (degen) llsam über Älpliartes grap; 
410, 1. dö klagtens jämerUche den kimlischen degen, 

2. Alphart den jungen, der (vor Witege) tot was gelegen (?) 



212 MCTH 

des alten liedes zu suclieii; im foljj^endeii kainpfgewühle ist echtes unmög- 
lieli auszusoudeni ; erst gegen das ende zeigen sich wider tadellose 
Strophen: 4G0, 462, 1G6, 1, 2, 407, 3, 4. Da sich aber der titel: 
Alphartes tot nur auf eine zusammenhangende darstellung wie die 
vorliegende beziehen kann , im übrigen aber der schluss für den inter- 
polator zu gut ist, scheint eine reihe von Alphartliedern, tod und 
rachezug, noch im Xll. Jahrhunderte aufgezeichnet, denn die interpo- 
lationeu der zweiten hiilfte des Alphart setzen den text 
unserer Nibelunge voraus, wie im folgenden gezeigt werden soll: 
das gedieht existierte eben zuerst als ein liederbuch, ein heft, wie es 
die fahrenden zum vorlesen mit sich führten. 

Die analogie zwischen den Alphart- und Nibelungenliedern, die 
von jeher den gegnern Lachmanns, vornehmlich aber den gläubigen des 
Küreubergers so unbequem war, vgl. Bartsch uut. s. 354, ist in den 
Zusätzen von 306 an eine viel weiter gehende als in den vorangehen- 
den und echten teilen. Aus diesen kann nichts beigebracht werden als 
algemein epische phrasen und Wendungen, wie sie dem volksmässigen 
Stile der guten zeit überhaupt eigen sind: diese allerdings in grosser 
zahl {starkez eilen, lieber vriedel, sivinde siege, großer schal, das guote 
sicert, das rote golt, diu starken maere, die Hellten helme, ringe; holt 
se haut, tot an der hant; riimen diic lant; der farblose gebrauch der 
attribute lälene und sclwene; u. v. a.), was durch gleichheit der form, 
des alters, der beimat hinlänglicli erklärt ist. Auch in den Zusätzen mag 
einzelnes noch als zufällig gelten: 371, 2 wie möJit er küener ivesen? = 
N. 859, 4; 378, 2 Uuotvar N. 2025, 2; 309, 4 sturmmüede N. 2034, 3; 
385, 3 kreftiges guot N. 1072, 2, 1322, 2; die echten Strophen des 
Alphart kennen auffallenderweise keines der Synonyma für ross, aber 
443, 1 findet sich marc, unmittelbar darauf 444, 1 maere als adj. 
(vgl. Lachmann zu Nib. 21, 3), auch 442, 2 ist nachahmung s. u. zu 
370, 3,4; dessenungeachtet tragen die stellen kein altertümliches 
gepräge: sie verraten eine archaisierende band; 395, 1 hoch ivart und 
wUcn die 2)forte üfgetän ist zu vergleichen mit N. 389, 1 diu hure was 
entsloszen, vil wite uf getan; entscheidend sind die folgenden stellen 
355, 3, 4 = X. 428. 1, 2; wie es Nib. 1466, 1 von den Burgunden 
auf ihrem zuge heisst: do reit von Troncje Ilagene se aller vorderost, 
so hier beim kriegszuge in lahmer nachahmung 324, 4 do reit se aller 
forderst von Berne meister Hddehrant; Situation und ausdruck ent- 
sprechen sich völlig. Wichtiger noch ist 370, 3, 4: 

ein scharplies sicert sivaere lanc unde hreit, 
das se beiden siten gar krefticUchen sneit. 
== Nib. 74, 3, 4; 418, 3, 4; 1472, 4, wie die epitheta beweisen ist 



ZUR KRITIK DES ALPUART 213 

die nachgeahmte stelle die lezte, üherdics in unmittelbarer nähe der 
vorher angezogenen (XIV. lied): 

do truoc er oh der hriuuic c'ni wafhi also breit, 
das zc beiden ecken vil harte vrcislie/ien sncit.^ 

Ursprünglich war die wendung gewiss wörtlich herüber genommen; es 
zeigt sich also das verfahren einer zweiten (oder vielmehr dritten) band, 
welche die alten werte ccicen und vrcisliehen tilgt. Zugleich ergibt 
sich aber ein weiterer schluss. a hat an der stelle: 

daz zc shien ecken harte pittcrleich sneitj 

was mau bei 13artsch in seinen neuerschienenen lesarten s. 188 ver- 
gebens sucht und Zarncke 234, 4* einfach ändert; d aber liest vei7it- 
h'chen; da Hans Kied, der Schreiber von d, das wort vreislich sonst 
nicht tilgt, ist anzunehmen, dass an diesen stellen schon 0, die vor- 
läge von d, vtenflichen las. Weder die la. von a = *C noch die 
von d = hätte nun die lezte band als veraltet zu ändern nötig 
gehabt; auch fehlt a der ausdruck beide. Somit lag dem ersten über- 
arbeitei' der text *AB vor und zwar in einer fassung, die *A noch 
näher stand als die selir ake handschrift 0: wahrscheinlich der text 
*A selbst. Vielleicht gelingt es, hieraus weitere folgerungen zu zie- 
hen. Jedenfals ist der erste Überarbeiter der samler der einzelnen lie- 
der zu einem hefte, der sein geschäft wahrscheinlich bald nach 1200 
volbracht hat. 

Dass alle entlehuung und nachahmung sich nur auf echte stellen 
der Nibelungenlieder erstreckt, ist zu beachten. 

KKEMS. RICHARD V. MUTII. 

1) Bartsch. Unt. s. 362 hebt hervor das zusammentreffen von 

A. 404, 4 friuntschaft undc suone sol iu gar versaget sin 
N. 2027, 4 fride unde suone sol iu gar versaget sin. 

Da an dieser stelle C abweicht, würde dies nur für die oben entwickelte ansieht 
sprechen; doch mochte wegen der formelhaften weise des'ausdrucks gerade auf diese 
Übereinstimmung kein allzugrosses gewicht zu legen sein. Was die ,, zahlreichen 
anderen stellen, wo halbe verse einander decken," betrift, die Bartsch behauptet, 
wäre es nett von ihm gewesen, wenn er dieselben auch angeführt hätte! 



21 4 SPRENGER 

ZUIVI TFAFFEN AMiS. 

I. 

V. 35. do was dicmuot des vrides hield 

gibt Beneeke nach KH. Das ist scliwcrlicli riclitig. Die Riedcgger 
haiulschrift lässt für diese zeile räum, was mau bei der soust vorzüg- 
lioheu Überlieferung derselben wol für ein zeichen anselien kann, dass 
dem Schreiber der vers schon in verderbter gestalt vorlag, au der er 
austoss nahm und deshalb lieber deu ganzen vers wegliess. Auch Lam- 
bel hat an der lesart von KH. anstoss genommen. Was aber das, was 
er aus conjectur sezt: 

der muot was der vrides hielit 

heisseu soll, kann ich trotz seiner Übersetzung nicht verstehn. Wenn 
wir die stelle im zusammenhange betrachten , so sehen wir , dass in deu 
vorhergehenden dreizehn verseu 22 — 34 stets zwei gegensät ze ein- 
ander gegenübergestelt sind; auch in dem folgenden vers 36 haben 
wir die gegensätze rcld und luircht. Auch hier erhalten wir zwei 
gegensätze und zugleich einen passenden sinn, wenn wir nach Zachers 
Vermutung setzen: 

do tvas der nlt des vrides Icnelit. 

IL 

Weinhold, bair.gr. §298 bemerkt: „auffallend ist der conjunctiv 
hij den ich freilich nur in der 3. sing, hl : sl Amis 154 nachweisen 
kann." So erklärt hl an dieser stelle auch Lambel. Schon das gänz- 
lich vereinzelte vorkommen muss zweifei an dieser erklärung erwecken. 
Betrachten wir die stelle genauer. Der bischof stelt an Amis die frage : 
„wie weit ist es von der erde zum himmel?" Darauf erfolgt die 

antwort : 

der pliaffe spracli „ob ez, so hl, 

dar ruofet samfte ein man. 

Auf die frage „wie w^eit ist es?" erwartet man natürlich auch die ant- 
wort „es ist so weit, so nahe." Und diese bestimmung findet sich auch 
im texte, so hl heisst nämlich so in der nähe und findet sich in die- 
ser bedeutung Iwein 7954. Es bleibt nur noch oh e^ zu bessern, denn 
die foiTii der zweifelnden frage passt nicht für Amis, der seine behaup- 
tungen mit voller zuversichtlichkeit ausspricht. Ich glaube, dass zu 
lesen ist: 

der jjhaffe sprach y,oJitet^ so hi, 

da^ dar ruofet samfte ein man. 



ZUM PFAFFEN AMIS 215 

ohtei^, der ruf der verwuiulerung (siehe Lexer II, ir)0) passt sehr gut 
für Amis, der sich verwundert stelt, dass ilim eine so leicht zu beant- 
worteude frage gestelt werde. Der ausfall des vcrbums im satze kann 
nicht auftalh'ii. Die conjunctivforni In ist also aus der grammatik zu 
streichen. — [Wie ich jezt sehe, lial Haupt bereits in seiner zeitschr. 
15, 250 die richtige auffassung dieses hl gefunden und mitgeteilt.] 

lil. 
V. 20U) spricht der maurer: 

ich hau sin cnktdtrn so, 
daz> mich riuwet diu vart 
daz, ich ie sin hischof ivart. 
Sit er mich versten lie^j 
daz, er mir so wol gehiez,, 
da mite hcnam er mir den sin. 

So die intcrpunktion bei Benecke, die auch von Lanibel wider- 
gegeben wird. Wie die versa 2013 fgg. so zu verstehen seien, ist schwer 
einzusehen. Es kann dann nur übersezt werden „da er mir zu ver- 
stehen gab , dass er mir so gute Versprechungen machte usw.'' und das 
gibt keinen sinn. Einen treflichen sinn erhalten wir dagegen, wenn 
wir die Interpunktion ändern, so dass hinter 2013 der punkt, das korania 
hinter 2012 zu stehen komt. ein x^linnt vcrstän läz,en heisst „es nicht 
einlösen" [siehe mhd. wb. 2, 2, 586b und vergleiche die dort gegebe- 
nen beispielej. Der kaufmann betrachtete aber den vermeintlichen bischof 
als pfand für die bezahlung seiner waaren. Dieser konte also mit recht 
sagen: „mich reut es, dass ich mich je dazu hergab für ihn den bischof 
zu spielen, da er mich als ungelöstes pfand hier zurückliess." Die 
verse 2014, 15 sind dann klar. Vgl. noch K. v. Ammenliausen [Vet- 
ter, neue Mitteilungen s. 3, 27.] ich weis als ich das leben hän, min 
geselle lät mich nit verstdn. 

IV. 

Die verse 1254 — 61 sind offenbar sämtlich Vordersätze zu 1263. 
Es ist deshalb 1259 hinter (jenant komma zu setzen; ebenso hinter 
walten 1262. Ausserdem wird wol anz v. 1257 in unt zu verwan- 
deln sein. 

GÖTTINGEN. ROBKRT SPRENGER. 



216 A. BEZZENFERGER 

DAS TAUFRITUAL 

DER MERSEBURGER HANDSCHRIFT N" 58. 

Das durch Sievers in photograiihisclior abbilduiig aus der band- 
schrift 11*^ 58 der bibliothek des domcapitels zu Merseburg herausgege- 
beue ' Deutsche a b s c h w ö r u u g s f o r m u 1 a r „ Forsahh istu unholdun '' 
usw. bildet den anfang eines volständigen taufrituals, das im folgen- 
den abgedruckt ist. Ilim voran geht eine exposltio nüssaCy „die auf 
dem umsclilag dem Hraban beigelegt wird, aber in den ausgaben sei- 
ner werke wol mit recht fehlt"; ^ es folgt ihm eine art von commen- 
txir, beginnend mit den werten: Oratio quasi oris ratio, eo quod ex 
ore et rationc proccdit. Super dcctoSj id est advocatos, qiii de gentiU- 
tüte ad Christi fidem veninnt^ usw. ^ Alle drei teile sind in gleich- 
massig schöner angelsächsischer schrift — dieselbe zeigt das vati- 
canische abschwörungsformular '^ — , welche J. Grimm -^ wol richtig dem 
IX. jalirliundert vindiciert, geschrieben. Demnach scheinen diese for- 
mulare aus den traditionen angelsächsischer missionare zu stammen und 
gehen sie vielleicht hinsichtlich ihrer entstehung auf die zeit des Boui- 
facius und nach Fulda zurück. 

Dass es „von vornherein eine unberechtigte annähme sei, unsere 
deutsche formel sei wegen ihrer sechsten zeile zu einer zeit entstanden, 
in der das heidentum in Deutschland noch in kraft war,"^ scheint mir 
nicht bewiesen zu sein. Dadurch , dass sie im IX. Jahrhundert in kirch- 
lichem gebrauche stand, ist jene annähme keineswegs widerlegt. Doch 
die Untersuchung über diese fragen liegt dem zwecke dieser zeilen fern, 
welche durch den abdruck des lateinischen Merseburger textes und durch 
einige daran geknüpfte nachweisungen und bemerkungen nur den litur- 
gischen Zusammenhang darlegen wollen, in welchem diese und ver- 
wante deutsche abschwörungs- und glaubensformeln ihre stelle und 
bedeutung hatten. Denn es konte und solte hier nicht beabsichtigt 
werden, den gegenständ zu erschöpfen, oder eine geschichte des tauf- 
rituales in Deutschland bis in die Karolingische zeit zu liefern. 

1) Das Hildebrandslicd , die Mersehurger Zaubersprüche und das Fränkische 
taufgelöbnis. Mit photographischom facsimile nach den handsebriften herausgege- 
ben Yon Eduard Sievers. Halle, verlag der buchhandlung des Waisenhauses. 1872. 

2j MüllenhoflF und Scherer, Denkra.2 s. 498. 

3) Nach Scherer s. 498 ist derselbe commentar gedruckt bei Cordcsius , Hinc- 
mari opuscula. Lut€t. 1615 und in Bibl. patr. Lugd. 14, 71c. im anhang von Jesse 
Ambianensis episcopi (799 — 836) epistola über die taufe. 

4) Massmann, die deutschen abschwörungs- usw. formein, facs. IL 

5) Über zwei entdeckte ged. aus der zeit des deutschen heidentums s. 2. 
6} Müllenhoff und Scherer, Denkm.2 s. 499. 



MEB8EBUR0ER TADFRITÜAL 217 

Das deutsche abschwöiu ngsforniuhir, üherschriebeii Intcr- 
rogatio saccrdotiSj bildet deu antang des Merseburger rituales. 
Dahinter lautet es weiter: 

Exorcizatar mal'KjHHs spirituSj ut excat et rccedat 
da HS locam dco. 

„Exi ab eo, ppiritus inmunde, et reddo honorem deo vivo et 

vero/' 

„Accipe Signum erucis 4-^ Christi tam in fronte, quam in corde. 

Sume lidem caelestium in'aeceptorum. Talis esto morihus, ut templiim 

dei esse jam possis. liigressusque ecclesiam doi evasisse te laqueos 

mortis laetus agnosce. Horresce idola. llespue simulacra. Cole deum 

patrem omnipotentem et Jesum Christum , tilium ejus , qui vivit et 

regnat cum spiritu saucto in aeterna saecula saeculorum. Amen." 

Orat i 0. 

„Te deprecor domine sancte pater omnipotens aeterno deus, ut 
huic famulo tuo NN, qui in seculi liujus noete vagatur incertus et dubius, 
viam veritatis et agnitionis tuae jubeas demonstrari, ({uatinus resera- 
tis oculis cordis sui te unum deum patrem in filio et 111 ium in patre 
cum spiritu sancto recognoscat atque istius confessionis fructum hie et 
in futuro saeculo percipere mcreatur, per dominum nostrum Jesum 
Christum, tilium tuum, qui venturus est judicare vivos ac mortuos et 
saeculum per ignem. 

Alia. 

„Rogamus te, domine sancte pater omnipotens aeterue deus: mise- 
rere famulo tuo NN, quem vocare ad rudimenta lidei dignatus es, cae- 
citatem cordis omnem ab eo expelle. Disrumpe omncs laqueos sata- 
nae, quibus fuerat conligatus, aperi ei januam veritatis tuae, ut signo 
sapientiae tuae indutus omnibus cupiditatum foetori])us careat atque 
suavi odore praeceptorum tuorum laetus tibi in ecclesia tua deserviat 
et proticiat de die in diem, ut idoneus efficiatur promissae gratiae tuae. 
In nomine patris et filii et spiritus sancti in saecula saeculorum. 
Amen." 

Benedictio salis ad catesizandum. 

„Exorcizo te creatura salis in nomine + dei patris omnipotentis 
et in caritate + domini nostri Jesu Christi et in virtute -f Spiritus 
sancti. Exorcizo te per deum + vivum , per deum + verum , qui te 
ad tutelam generis humani procreavit et populo venienti ad credulita- 

1) Wo der priester das zeichen des kreuzes zu machen hat, ist in der hs. 
durch ein rotes, über dem betreffenden worte stehendes kreuz bezeichnet. 



218 A. BEZZENBERGEB 

tem per servos suos coiiseerari praecepit. Pioiude rogauius te, domiue 
deus üoster, ut liaec creatura salis iii nomine trinitatis efficiatur salu- 
tare sacrameutum ad oft'ngandum ininiicum. Quam tu domine sanctifi- 
cando saneti + tices et benedicendo benc + dicas , ut tiat omnibus acci- 
pieutibus perfecta medicina, permanens in visceribus eonun. In nomine 
domini uostri Jesu Cliristi, qui venturus est judicare vivos et mortuos 
et saecuhmi per ignem.** 

„Accipe salem sapientiae propitiatus in vitam aeternam." 

„Nee te latoat satanas, inminere tibi poenas, inminere tibi tor- 
menta , dieni judicii, diem supplicii sempiterni, diem, qui venturus est 
velud olibanus ardeus, in quo tibi atque augelis tuis sempiternus est 
praeparatus interitus. Et ideo pro tua nequitia damnate atque dam- 
nande da honorem deo vivo et vero, da honorem Jesu Christo, tilio 
ejus, da honorem spiritui sancto paraclito. In cujus virtute praeeipio 
tibi, quicumque es inmunde Spiritus, ut eas et recedas ab hoc famulo 
dei NN et eum deo suo reddas , quem hodie dominus noster Jesus Chri- 
stus ad suam gratiam et benedictionem vocare dignatus est, ut fiat 
ejus templum per aquam regenerationis, in remissionem omnium pecca- 
torum. In nomine domini nostri Jesu Christi, qui venturus est in spi- 
ritu sancto, judicare vivos et mortuos et saeculum per ignem." 

De saliva tanguntur nares et auriculae anihae. 

„ Effeta ! ^ in nomine patris et filii et spiritus saneti. Domine 
sancte pater omnipotens aeterno deus, qui es et qui eras et qui per- 
manes usque in finem, cujus origo nescitur nee finis comprehendi potest, 
te domine supplices invocamus super hunc famulum tuum NN, quem 
liberasti de errore gentilium et conversatione turpissima, dignare exau- 
dire eum; qui tibi cervicem suam humiliat, perveniat ad baptismatis 
fontem ut renatus ex aqua et spiritu sancto, expoliatus veterem homi- 
nem induat novum, qui secundum te creatus est. Accipiat vestem 
incorruptam et inmaculatam tibique domino deo servire mereatur. In 
nomine domini nostri Jesu Christi, qui venturus est in spiritu sancto 
judicare vivos et mortuos et saeculum per iguem." 

ünguentur jjectus et sccqmJae oleo sancto et clicittcr: 

„Ungeo te oleo sanctificato in nomine patris et filii et spiri- 
tus saneti." 

1) . . . misit digitos suos in auriculas ejus et exspuens tetigit linguam ejus, 
et suspiciens in caelum ingemuit et ait illi: Ephplieta, quod est: Adaperire. Et 
statim apertae sunt aures ejus et solutum est vinculum linguae ejus; et loquebatur 
recte. Marc. 7, 33—35. 



\rER9EBCR0ER TAüFRITrAL 219 

Benedict 10 fontis. 

„Exorcizo te creatura aqiiao per deuni + vivum, per deum+ saiic- 
tiiin , qui te in priiicipio verbo soparavit ab arida , cujus Spiritus su))er 
te ferebatur, qui te de paradiso eniauare et in (juatuor tluiuiiiibus totani 
terrain rigare praecepit, qui te de petra produci jussit , ut populum, 
quem ex Egipto liberaverat, siti fatigatum rigaret, qui te aniarissiiiiani 
per lignum indulcavit. Exorcizo te et per Jesum Christum , tilium ejus, 
qui to in Cana Galilaeae sigiio amrairabili sua poteutia couvertit in 
vinum , »jui pedibus super te ambulavit et a Johanne in Jordane in te 
ba[ttizatus est, qui te una cum sanguine de latere suo produxit, et 
discipulis suis praecepit dicens: Ite, docete onmes gentes, baptizantes 
eas in nomine patris et filii et spiritus sancti. Tibi igitur praeciiiio 
omuis Spiritus inmunde, omne fautasma, omne mendacium: eradicare 
et effugare ab hac creatura aquae, ut descensurus^ in eam sit ei fons 
aquae salientis in vitam aeternam. Efficere ergo aqua + sancta, aqua4- 
benedicta ad regenerandos filios deo patri omnipotenti. In nomine 
domini nostri Jesu Christi, qui veuturus est in spiritu sancto, judicare 
vivos et mortuos et saeculum per ignem." 

Item alia. 
„Exorcizo te, creatura aquae, in nomine + dei patris omnipoten- 
tis et in nomine + Jesu Christi, filii ejus, et in virtute -|- spiritus 
sancti. Omnis virtus adversarii, omnis iucursus diaboli , omne fantasma 
eradicare et effugare ab hac creatura aquae , ut fiat fons salientis ^ in 
vitam aeternam , ut cum baptizatus fuerit , fiat templum ^ vivi in remi- 
sioncm omnium peccatorum: per dominum nostrum Jesum Christum, 
filium tuum, qui venturus est judicare vivos et mortuos et saeculum 
per ignem." 

Hie miftdt crisma in fontem in modum criicis et dicat: 
„Sanctificetur et fecundetur fons iste in nomine + patris et + filii 
et spiritus + sancti." 

Quando mittis imerum in fontem, merges cum tribus vicibus: 

„ Baptizo te NN in nomine patris et filii et spiritus sancti." 

*„Deus omnipotens, pater domini nostri Jesu Christi, qui te 

regeneravit ex aqua et spiritu sancto quique dedit tibi remissionom 

omnium peccatorum : ipse te linit chrismate salutis in vitam aeternam." 

1) Die hs. hat discensurus. 
2^ sc. aquae. 3) sc. dei. 

4) Der Schreiber bat hier die Weisung für den priester vergessen, den schei- 
te! des täuflings mit dem chrisma zu salben. 



220 A. BE2ZENBER0ER 

Tunc 'uiduatur infans aJhis vcsthncntis : 
„Accipe vestem eaiulidani saiictam et immaculatam , quam per- 
feras ante tribunal doniiiii iiostii Jesu Christi, ut liaboas vitaiii aeter- 
nam. Amen." 

Et anteqnam haptizatüs iUe aliquid gustet , da Uli eiicliari- 
stiam et die: 
„Sit tibi corpus et sanguis domini nostri Jesu Christi salus 
et vita." 

„Omnipotens sempiterne deus, qui regenerasti famulum tuum NN 
ex aqua et spivitu sancto, quique dedit tibi remissionem omnium pec- 
catorum, tribue ei continuam sanitatem ad cognoscendam virtutis tuae 
unitatem, per dominum nostrum Jesum Christum." 



Dieses taufritual beruht auf dem ordo romanus, der durch Karl 
d. QT. eins:eführt wurde. In früherer zeit war das ceremoniel bei wei- 
tem einfacher, und bestand wahrscheinlich nur in der erfragung des 
namens, abnähme der abrenuntiation auf den teufel, sein werk, seinen 
pomp, dann bekentnis des symbolums, taufe auf vater, söhn und hei- 
ligen geist, Salbung mit chrisma und anlegung eines weissen gewan- 
des.^ Seit Karls d. gr. zeit jedoch begegnen wir überall einem umständ- 
licheren ceremoniel, das in der römischen kirche herschte. In seinen 
capitularen finden wir öfters die ermahnung, secundum morem roma- 
7ium, oder secundum canonicam institutionem zu taufen, und die bischöfe 
werden angewiesen, darauf zu achten, ob die priester richtig tauften.^ 

Gestorbene oder lebende als stelvertreter von anderen lebenden 
oder von gestorbenen,^ oder auch gerätschaften , glocken ^ usw. zu tau- 
fen, war streng verboten. Ebenso war eine widertaufe verboten, wenn 
die taufe — gleichviel von wem — im namen der heil, dreieinigkeit 
vorgenommen war.^ Wüste man nicht, ob jemand überhaupt getauft 
sei, so wurde die taufe unter diesem vorbehält volzogen.*^ Nur im 

1) Rettberg , Kirchengesch. Deutschlands II , 782 fgg. 

2) Vgl. capit. gener. bei Pertz LL. I. 68, cap. Aquisgranense ib. s. 88, cap. 
ecclesiast. ib. s. 64. 

3) Über die meisten hier zu berührenden punkte findet sich eine sehr fleissige 
und wertvolle Zusammenstellung in: Bingham, Origines sive antiquitates eccles. 
(ex lingua anglicana in latiuam vertit Jo. Henricus Grischovius; vol. IV. Halae 1727). 

4) Cap. gener. Pertz LL. I. 68 üt clocas non baptizent. — Dies ist die erste 
erwähnung dieses misbrauches. 

5) Pippini regis cap. compend. ib. 28. Vgl. Rettberg a. a. o. 

6) Stat. Bonifacii c. 28. Si de aliquibus dubium est, utrum sint baptizati, 
absque ullo scnipulo baptizentur , his tarnen verbis praemissis : Non te rebaptizo : 
sed si nondum es baptizatus, baptizo te in nomine patris et fiüi et spir. sancti. 



MERSEBURG ER TAtJPRiTUAL 221 

falle der böobsten not durfte ein laie taufen; die priester durften es 
nur mit erlaubnis ilires bischofs tun.* Die taufe fand in den du/u 
bestirnten taufkircben statt, ^velcbe das baptistcriuni entbielten; sie 
waren nacli alter sitte von den kireben getrent.^ Sie durften in keiner 
diöcese feblen, abta* nur mit erlaubnis des bisobofs erbaut und nur von 
geistliclien verwaltet werden. Im notfalle durften diese aucb an ande- 
ren orten taufen, damit niemand ebne die taufe sterbe.^ 

Im algemeiuen durfte die taufe nur an ostern und pfiugsten vor- 
genommen werden.* Todesgefabr maebte auch hier eine ausnabme, 
denn in diesem falle muste der priester zu jeder stunde den krank<'n 
tiiufen.^ Geld oder irgend eine andere belobnung für ibre mübe anzu- 
nebmen, war den geistlicbeu untersagt.^ 

Als der Zeitraum, innerbalb dessen die kinder getauft werden, 
ergibt sieb naturgemäss ibr erstes lebeusjabr. Für Sacbsen bestirnt 
dies ausdrücklieb das cap. Paderbruunense,' dasselbe, in welcbem die 
harte bestimmung sich findet, dass diejenigen Sacbsen, welche sich 
der taufe entzögen, mit dem tode bestraft werden selten. Die zu tau- 
fenden wurden zunächst durch die bandauflegung katecbumenen und 
blieben dies in der älteren kirche längere zeit — zwei, ja drei jähre — , 
in Deutschland bei weitem nicht so lange; wir hören, dass die taufe 
schon nach sieben tagen statfand. Vor derselben wurden die scrutinien 
vorgenommen,^ und zwar siebenmal. Zu diesen wurden die zu tau- 
fenden von ibren taufpathen begleitet, welche selbstverständlich die 
katliolische taufe erhalten haben musten; die eitern durften nicht 
pathen sein. 

Über die scrutinien sagt Amalar : In scrutinio qiu'ppe facimus 
Signum crucis super pueros, sicut invenimus scripdum in romano ordiney 
et genuflexioyiem et adjurationem ; et docemus oratianem dominicam 
pxitrinos et 7natrinas ,^ ut et ipsi similiter faciant, quos susccpturi sunt 

1) Pippini regis cap. Veruense Pertz LL. I. 25. 

2) Rettberg, a. a. o. 

3) Stat. Salisburgensia Pertz LL. I. 80, cap. Ticiuense ib. s. 85, Pii»piiii reg. 
cap. Vemense ib. s. 25. 

4) Cap. data presbyteris ib. s. 125, vgl. s. 128; Rettberg a. a. o.; Alcuin 
(A. opera ed. J. Frobenius. Ratisbonae 1777.) II. 483. 

5) Cap. presbyteroriira Pertz LL. L 139 ; cap. Aquisgranense ib. s. 88. 

6) ib. s. 138 , 8. 88. 7) ib. s. 49. 

8) Vgl. darüber: Amalar, de baptismi caerimoniis in Alcuini opera IL 520 
und M. Gerbert., vetus litnrgia aleniannica II. 422. 

9) Niemand durfte ein kind aus der taufe heben, der syrabolum und gebet 
des berrn dem geistlichen nicht aufsagen konte, vgl. cap. gener. Aquisgran. Pertz 
LL. I. 106, epistola de oratione dominica et symbolo discendis ib. s. 128, cap. eccles. 
s. 160. 



222 A. BEZZENBKRGER 

a sacro hax>tismntc.^ SirnUitcr docomis sy)ithoh(m usw. Er lässt dann 
den exorcismus und die exsuft'lation folgen. Dann fahrt er fort: Li 
ipso scrutinio hcuciJictum salcm ori i})i2)onimus j^ost xyrimam oratloncni, 
qua dicitur: „Omnipotcns scmpiternc deus, rcspiccre dignare super 
hunc famxdum tuum^ quem ad rudimcnta fidci vocare dignafus es," 
et reJiquu. — Et iUud scrufinium ftnitur sabhato ante Pascha. Ipso 

die facimus sej^tiwum scrutinium et legimiis super illos: ,,Nec 

ie latcat Sathanas." — Post hanc lectionem tavgimus eonim aures et 
nares et dicimus eis: „Ephcta in odorem suavitatis.'^ — Postea tan- 
gimus de oleo saiicto scapulas et x)ectus et dicimus eis: „Ahrenuntias 
Sathan^ie" et cetera, quae sequuntur. — Deinde perscrutamur patri- 
nos et ma:frinas , si possunt cantare dominicam orationem et symholum, 
sicut praemomiimus : ac postea per ordinem .... sacrum officium pera- 
gimuSj usque ad sacratissimum opus haptismatis. Hierauf erfolgt die 
taufe und die salbung mit dem chrisma; dann wird das haupt des 
getauften mit einem leinenen tuche verhült und er mit weissen gewän- 
deru bekleidet. Endlich erhält er das heil, abendmahl. 

In der encycl. ad archiepiscopos de doctrina ^ fragt Karl d. gr. 
nach den einzelnen caerimonien in folgender Ordnung: Cur infans 
primo catecuminus efficitur, de scrutinio, de st/mholo, de crediditate, 
de ahrenuntiatione Sathanae, cur insufflatur vel cur exorzizatur, cur 
accijyit sdlem, qu^re tangantur nares, pfcctus unguatur oico, cur sca- 
ptdac signantur, quare ptectus et sca^mlae liniantur, cur alhis induitur 
vestimentis, cur sacro crismate Caput perungitur, et mystico tegitur 
veJami}i€, cur corpore et sanguine dominico eonfirmatur. 

Alcuin ^ zählt die einzelnen teile nach der bemerkung : primo 
paganus catechumenus fit, in folgender reihenfolge auf: maligna renun- 
tiat sjyiritui, exsufflatur, exorcisatur^ accijnt catechumcnorum salem, 
symholi apostolici traditur ei fides, fiunt scrutinia (ut explo7'etur ser- 
vus, an post renmitiationem sathanae Sacra verha datae fidei radici- 
tus corde d^ fixer it)^ tanguntur nares, pectus perungitur oleo {ut signo 
sanctae crucis diaholo claudatur ingressus), signantur et scapulae {ut 
undique muniatur), trina sidjmersione hapttizatur; alhis induitur vesti- 
7tientis; sacro chrismate caput ungitur et mystico tegitur velamine; 
corpore et sanguine dominico eonfirmatur; novissime per impositionem 
manuum a summo sacerdote septiformis^ gratiae spiritum accipiat. 

1) Dies war die hauptpfliclit der pathen , vgl. cap. Aquisgran. ib. s. 88. 

2) ib. s. 171. 

3) Epi.stola ad Oduinum presbytenim II. 127. 

4) Vgl. die „geistlichen ratschlage" (LXXXV) und den „ paternosterleich " 
(XLIU) bei Müllenhoff und Scherer, Denkm., nebst des lezteron anmerkungen. 



MERSEnVRGER TAUFRITUAL 223 

Wie man siebt weicht unser ordo baptisini von den eben erwähn- 
ten mehrfach ab; die einzelnen t<'ile finden sich aber auch sonst ver- 
schieden geordnet. „Ein ordo baj^tismi, und zwar der ambrosianische, 
begint bei Marlene mit abren. exsuftt. exorc, lässt aber die confessio 
erst unmittelbar vor der immersion iolgen." ^ Da wir somit keinen 
gruud haben, anzunehmen, dass sie im Merseburger rituale durchein- 
ander geworfen seien, haben wir die einzelnen caerimonien in der rei- 
henfolge, wie die hs. sie darbietet, uns vollzogen zu denken. 

Vor der abrenunt. haben also die pathen bereits ihre befälii- 
gung zu diesem amte dargetan und den namen des täutlings genant.^ 

Es folgt die abschwörung des teufeis. Die von Massmann ^ 
mitgeteilte, aus dem IX. Jahrhundert stammende formel bemerkt: Fri- 
mum vero ante jantias ecclesiae 2>rcshyfcr inci]}iat sacramcntum hap- 
tismatis ita dicendo: ahrcnuntias satanac usw."* Sie lässt hierauf die 
exsuftlation folgen , welche darin bestand , dass der geistliche dem täuf- 
ling dreimal in das gesiclit hauchte und — einmal oder dreimal — 
sagte : Bcccde diaholc ah hac imaginc dei incrcimtus ah eo et da locum 
spiritui vero. Dann macht der geistliche — mit dem daumen — das 

1) Sclierer a. a. o. 

2) Ein bestirnter platz im ritual scheint der namenj^ebung überhaupt niclit 
anj^ewiesen gewesen zu sein. Sic wird nach der consecration des wassers erwähnt 
(AU'uin, de sabbate sancto vigil. paschae II. 485); könig Gunthranim , der pathe 
Chlothars II, gibt diesem den namen, als er ihn aus dem wasser hebt, vgl. Gre- 
gor. Tur. X. 28. In der regel aber war die nennung des namens wol das erste, 
vgl. Gerbert, o. a. s. 423. 

3) a. a. 0. s. 13. 

4) Bei der stal)ilität des katlnd. ritus dürfte es nicht überflüssig sein , die 
heutigen caerimonien anzuführen. Nachdem der i)athe auf die fragen des priesters 
den namen des kindcs und zweck seines kommens genant liat, folgen sie also: exsuf- 
flation (der priester hauclit dreimal leise in das gesiebt des kindes mit den werten: 
exi ah eo immuncle sp. usw.); der priester macht auf stirn und brüst des täuHings 
das kreuz mit den werten: accipe Signum crucis tarn in fronte, quam in corde usw.; 
gebet: preces nostras quaesumus domine clementer exaudi usw.; handauflegung mit 
dem gebet: omnipot. scmpit. deus, pater domini nostrvJ. Chr. usw.; weihe des 
salzes : exorcizo te creatura salis usw. ; etwas von dem geweihten salz wird in den 
mund des täufiings getan: accipe salem sapientiae, propitiatio sit tibi in vitam 
aeternam iisYi. Amen; exorcization: cxoi'cizo te immunde Spiritus ^ innom. patris -j- 
et ßlii -\- et spir. -\- sancti , ut exeas et rccedas ah hoc famulo Dei N usw.; der 
priester zeichnet das kind auf der stirn, sprechend: et hoc Signum sanctae crucis -\-, 
quod nos fronti ejus damus , tu, vudedicte diahole ^ numpiam audeas violare usw.; 
handauflegung mit dem gebet: aeternam ac justissimam pietatem tuam deprecor, 
domine sande usw. — Alles dies soll nach dem strengen ritus am eingange in 
die kirche volzogen werden, doch wegen der kälte im winter und des luftzuges im 
sommer wird es meist in der kirche vorgenommen. 

KEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VIII. Iw 



224 A.. BEZZENBEROER 

kreuz auf die stirn , dann auf die brüst des täuflings, indem er dort: 
accipe signacidnm sandae crucis in nomine patris et fdii et Spiritus 
Sanofi j hier: Signum sahrtforis nostri in pcctus tuum pono sagte. 
Dann legte er die band auf deu köpf des kiiides mit den Worten: 
accipe signacidnm crucis Christi fam in fronte, quam in corde. Siime 
fidem usw. — Unser ordo lässt die erfragung des glaubens fol- 
gen, bei welcher, wie bei der abrenuutiatiou, der pathe für das kind 
antwortete. Daran schliesst sich die exorcization und die nicht aus- 
drücklich genante,^ aber bei den worten exi ah eo usw. vollzogene 
exsufflation. Bei den folgenden worten werden die oben genanten 
caerimonien verrichtet. 

Es folgen in unserem ordo zwei orationes. Amalar, nachdem 
er hervorgehoben hat, dass der, welcher getauft werden solle, darüber 
belehrt werden müsse, a quo rccesserit peccando, et in quo errore iier- 
maneat , et postea in quem ojwrteat credere^ et finem tenere per opera 
carifatis usw., sagt: siq^er parvulos orationem faciant , ut caecitas 
cordis in eis depeUcdur, dirumpantur laquei Satlianae^ cjuihus fuerant 
coUigati , et idonei efficiantur per incrementa et ministrationem mem- 
hrorum ea cognoscerCj quae dimittenda sunt et quae tenenda. Und in 
der weiter oben angeführten stelle sagt er, dass dem täufling das 
geweihte salz gegeben werde nach dem gebet: omnipotens sempiterne 
deuSj respicere dignare super Imnc famidum tuum^ quem ad rudimenta 
fidei vocare dignatus es usw. Nach alle dem werden wir in dem 
ersten gebet ein für erwachsene, in dem zweiten ein für kinder 
bestirntes erkennen dürfen. Es wurde gesprochen, indem der priester 
die band auf den köpf des täuflings legte, bevor er das salz exorci- 
zierte.^ Darauf folgt die exorcization des salzes, dann die bene- 
dictio post datum salem; hieran schliesst sich die impositio 
manuum mit der formel: nee te lateat Sathanas. 

Hierauf werden nase und obren mit speichel betupft, brüst 
und schultern gesalbt und das wasser, „welches für den eigent- 
lichen sitz des heiligen geistes, der darauf herabsteige, galt/' geweiht. 
Die hs. überliefert zwei henedictiones fontis , die kürzere vermutlich für 
den fall, dass ein kranker getauft und die handlung deshalb beschleu- 
nigt werden solte.^ Richtiger würde der titel exorcizatio fontis lauten, 

1) Vgl. darüber Scherer a. a. o. Unter dem, was alle geistlichen wissen 
musten, war der exorcisraus super catecuminum sive super demoniacos. — Cap. de 
doctrina clericorom Pertz LL. I. 107. 

2) Vgl. Gerbert a. a. o. s. 423. 

3) Alcuin II. 484. 



MERSEBÜROER TATTFRITUAL 22.') 

denn die benedictio folgt erst, indem vom chrisnin in der form eines 
kreuzes in das wasser gegossen wurde. ^ 

Nacli Vollendung aller dieser caerimonien wird die taufe durch 
dreimaliges untertauchen im namen der heiligen dreieiiiigkcit volzogen. 
„Nur als notfall, und wenn das taufgefiiss niclit gross genug ist, wird 
es gestattet, den köpf des kindes mittelst einer muschel oder der händo 
mit wasser zu benetzen." * Darauf wird der getaufte in capitis summi- 
tate ^ vom priester gesalbt und mit dem weissen gewande be- 
kleidet. Von dem bei Alcuin noch hinzugefügten „et mystico tcijHur 
vcUumne^' weiss unser ordo nichts. 

Nach diesen caerimonien erhielten die getauften das heilige 
abendmahl. Kettberg bemerkt:'^ „erwachsene getaufte erhalten gleich 
darauf das heilige abendmahl" — ; allein dies war nicht nur bei erwach- 
senen, sondern auch bei kinderu der fall.^ Zahlreiche Zeugnisse der 
Väter bekunden, dass das abendmahl allen ohne unterschied des alters 
gereicht wurde. Dies bestand noch im XL Jahrhundert in mehreren 
diöcesen der lateinischen kirche, wo das abendmahl den kindern unter 
der form von einigen tropfen weins gespendet wurde. Noch jetzt wird 
dies in der griechischen kirche geübt. Seit dem XII. Jahrhundert besteht 
in der lateinischen kirche der entgegengesetzte gebrauch. In diesem 
sinne erklärt das Tridentinum (Sess. XXI cap. IV): Dcniquc cadem 
sancta spiodtis docetj parvidos usu rationis carentes niilla ohligari 

necessifafe ad sacramcntalcm eiichanstiae cojnmunionem Ncque 

idco tarnen danmanda est antiquitas , si eum morem in quihusdam locis 
aliquando servavit usw. 

So, wie die gnaden Wirkung der taufe, ist nun auch die der fir- 
mung nicht an das alter und das bewustsein des menschen gebunden. 

1) Quandocunque .... episcopus circuineat parrochiam ad popiilos confirman- 
dos, presbyter .... in coeiia domiui seniper novuni clirisina ab episcopo suo quae- 
rat. Et de vetere nuUus baptizare praesumat, sed ardcre in luininaribus ecclesiae 
faciat. Cap. gener. Pertz LL. I. 33, vgl. Karlonianni princip. cap. ib. s. 17. 

2) Rettberg 2, 783. 

3) Hrabaniis Maurus, de Institut, cleric. I. 30. 

4) IL 784. 

5) Vgl. Bingham a. a. o. s. 347 fgg. und die folgenden worte Alcuins oder 
vielmehr eines Pseudo- Alcuin: Si episcojnis adest, siatim confirmari eum oportet 
chrismate et postea comimoiicare ; et si episcoinis deest communicetur a i/reshytero 

Sed et hoc j^raecavendum est, ut nulluni cibum accijnant neque lactentur, 

antequam communicent \Jl. 484, vgl. Gerbert o. a. s. 449). Dieses lactentur darf 
schwerlich mit dem brauche der alten kirche in Zusammenhang gebracht werden, 
den ueugetauften etwas honig und milch zu reichen. — Unser ritual berechtigt 
nicht zu der Vermutung, dass die kinder vom genuss des abendmahles ausgeschlos- 
sen seien. 

15* 



226 BEZZEN^BEEGER, MERSEBÜROER TAFFRITUAL 

Daher waren in früherer zeit beide sacraniente eng verknüpft.^ Doch 
dnrfte Jas leztere nur ein bischof spenden;^ war er bei der taufe zuge- 
gen, so wurde gleich nach der taufe, vor der spendung des heiligen 
abendmahls, die confirmatio, bestehend in der Salbung der stirn des 
getauften und der impositio maiuunn mit entsprechenden gebeten vor- 
genommen. Dann erst wurde das heilige abendmahl gereicht, bei wel- 
chem der wein immer mit wasser vermischt sein muste.^ Ein gebet 
für den neugetauften und der sogen beschloss die ganze feier. 

Ich schliesse meine notizen mit einer kurzen Übersicht über den 
heutigen ritus, soweit er nicht in der obigen anmerkung bereits dar- 
gestelt ist. Nach Vollendung des dort bemerkten führt der priester das 
kind in die kirche, indem er den zipfel der stola auf es legt und sagt: 
Ingrcdcre in tcmphun dei, ut habeas partem cum Christo in vitam 
aefenmm. Amen. Er sagt darauf glauben und vaterunser her und 
spricht unmittelbar vor dem herantreten an das taufbecken den exor- 
cismus aus: Exorcizo te, omnis Spiritus immunäe ^ in 7iomine dei patris 
omnipotcntis usw. , ut discedas ah hoc plasmate dei N. usw. Mit den 
Worten: epflipheta, quod est adaperire berührt er mit etwas von seinem 
Speichel die obren, mit den worten: in odorem suavitatis; tu autem 
effugare diahole, appropinquahit enim Judicium dei — die nase des 
kindes. Dann folgt die abschwörung des teufeis , die salbuug des täuf- 
lings an der brüst und zwischen den Schulterblättern mit dem heiligen 
öl, die erfragung des glaubens, die taufe durch dreimaliges begiessen 
mit wasser — in einigen gegenden durch eintauchen — mit den her- 
komlichen worten, die salbuug des scheiteis vermittelst des daumens 
unter den worten unserer handschrift. Nachdem, wie bei der vorher- 
gehenden Salbung, der priester seinen daumen und die gesalbte stelle 
mit baumwolle abgewischt hat, legt er — ebenfals mit den worten 
unsrer hs. — auf das haupt des kindes ein weisses, leinenes tüchei- 
chen {„loco vestis alhae,^^ vgl. das pontificale romanum). Endlich gibt 
er dem pathen ein brennendes licht in die band, ermahnt zum gehor- 
sam gegen die geböte gottes und erteilt zum schluss den segen. 

aiERSEBURG, 3. JAN. 1873. ADALBERT BEZZENBERGER. 

1) Indessen finden sich auch früh schon beispiele getrenter spendung, z. b. 
acta apost. c. 8. 

2) Gerbert, o. a. 

3) Ut in sacramento corporis et sanguinis Domini semper aqua in calice 
miaceatur. Cap. presbjt. Pertz LL. I. 138. 



227 



BRUCHSTÜCKE EINER NEUEN HANDSCHRIFT VON 

WOLFIIAMS WILLEUALM. 

Unter den liiuulscliriften der Idbliotliek d«»s liiesigen waisenluui- 
ses betinden sich zwei pergameiitblätter in kleiiilulio, (l)esclirieben im 
Programm der lateiuiscben hauptscbule 1H7G s. 17 fg.), welche stücke 
aus dem Willelialm Wolframs von Eschenbach enthalten. Sie waren 
ehemals zu Kiubandschalen benuzt worden und hatten dabei am lin- 
ken und am unteren rande durch beschneiden streifen eingebüsst. An 
den bruchstellen sind sie entweder völlig durclilöchert oder doch so 
abgerieben, dass die schrift unlesbar geworden ist. Lezteres ist auch 
sonst noch mehrfach der fall. Geschrieben sind die brucli stücke in kräf- 
tigen Zügen, aber nicht eben sorgfältig und ohne rechtes Verständnis 
des inhalts. Hierfür liefern nicht nur viele Schreibfehler, sondern auch 
zahlreiche auslassungen genügenden beweis. Vermutlich ist auch schon 
die vorläge vielfach schwer zu lesen gewesen. Manche sinlose lesarten 
unserer bruchstücke finden unter solcher Voraussetzung am ehesten ihre 
erklärung (z. b. 258, 28 zivdfe). Zuweilen spiegelt sich die Verlegenheit, 
in die den abschreiber die undeutlichkeit seiner vorläge brachte, noch 
ganz unmittelbar in dem, was er geschrieben , wider: er malt bisweilen, 
wie mir scheint, nur die züge der lezteren ab, ohne selber sich klar zu 
sein und sonach klar zu bezeichnen, wie sie zu lesen sind (z. b. 255, 8). 
Was die auslassungen betrift, so fehlt 255, 9 und 10. 256, 23 — 28. 
290, 27 — 30. 292, 17. 18 (nach Lachmann). An der zweiten stelle 
irte den flüchtigen Schreiber der gleiche anfang von vers 23 und 29, 
an der ersten könte allenfals das gleiche anfangs wort von vers 8 und 10 
Ursache der auslassung sein, betrefs der beiden lezten weiss ich keine 
gründe der art geltend zu machen. Indes fehlten diese wol schon in 
der vorläge. Denn 290, 27 — 30 ist gleichfals ausgefallen in den hand- 
schriften ptxz (nach Lachmann), 292, 17 — 18 in loptxz, sämtlich 
handschriften, mit deren text sich der unserer bruchstücke eng berührt, 
wovon unten noch einmal die rede sein wird. Mehrere grosse, rote 
initialen schmücken unsere blätter, ausserdem sind auch die anfangs- 
buchstaben sämtlicher verse und vieler eigennamen durch rote striche 
ausgezeichnet. Die schriftzüge weisen auf das ende des 14. Jahrhun- 
derts. Jede Seite enthält zwei spalten von ursprünglich je 36 versen. 
Auf beiden blättern fehlen aber die zwei untersten verse jeder spalte 
volständig, ausserdem von sämtlichen versen der ersten spalte der Vor- 
derseite und von fast allen der zweiten spalte der rückseite der schluss, 
was sich aus dem oben gesagten leicht erklärt. Das erste blatt schloss 



228 J<^H. scHauDT 

ursprünglich mit 259, 20, das zweite begint mit 289, -1, Jazwischen 
liegen also 875 verse. An ihrer stelle wird unsere handschrift jeden- 
fals nur 864 verse enthalten haben (auf 6 blättern), wie dies mit 
der textbeschaffenheit der daraus erhalteneu bruchstücke durchaus im 
einklang steht. Blatt 1 bogint mit 25 4, 28; vorher gehen also nach 
der Lachniannsclien ausgäbe 7(U7 verse. Dafür wird unsere handschrift 
wol nur 7488 gehabt haben = 52 blättern. Demnach wären die bei- 
den erhaltenen blätter das 53ste und das 60ste der handschrift, — über- 
all vorausgesezt, dass leztere auf jeder seite, wie die zwei vorliegen- 
den blätter, zwei spalten von je 36 Zeilen enthielt.^ Bildeten nun die 
vorliegenden blätter, wie wiegen ihres gemeinsamen Schicksals nicht 
unwahrscheinlich ist, ehemals ein doppelblatt, so dürfte dies das äus- 
serste einer quaternio,^ und die 52 voraufstehenden blätter dürften wol 
in 4 h\gen zu 8 und 2 lagen zu 10 blättern vorteilt gewesen sein. 
Auf 294, 1 folgen bei Lachmann noch 5197 verse; demnach werden in 
unserer handschrift auf blatt 60 wol noch 36 beschriebene blätter gefolgt 
sein, das lezte vermutlich nicht ganz beschrieben, so dass die ganze 
handschrift 96 blätter in 11 oder 12 lagen enthalten haben mag. 
Soviel über das äussere der beiden blätter und der handschrift, aus 
der sie stammen. 

Was zweitens die heimat der handschrift bez. ihres Schrei- 
bers anlangt, so ist als dieselbe unzweifelhaft das alemannische Sprach- 
gebiet anzusehen, denn unsere bruchstücke zeigen trotz einiger abwei- 
chungen, die jedenfalls der vorläge auf rechnung zu schreiben sind, 
doch im algemeinen so sehr das charakteristisch alemannische gepräge, 
dass, wie mich dünkt, schon von diesem gesichtspunkt aus ihre Ver- 
öffentlichung nicht uninteressant sein wird. Ich will von diesen dialek- 
tischen eigentümlichkeiten eine anzahl aufführen. Volständigkeit ist 
dabei keineswegs meine absieht. 

Kurze vocale. 

Unechtes a für t: liar 255, 19. Gerade bei diesem wort hat, 
wie Weinhold, alem. Gramm, s. 16 angibt, diese lautliche wandelung 
in der alem. mundart sich förmlich festgesezt, so dass überall in den 
handschriften hur mit dem schriftdeutschen litr kämpft. 

i für das unbestimte e, „den irrationalen laut in vor-, bil- 
dungs- und biegungssilben ," vom 12. — 14. Jahrhundert im alem. beson- 
ders häufig, vgl. Weinhold a.a.O. s. 25: wirdi 256, 10. einvalüheit 
256, 11. manigem 259, 10, 

1) Kur etwa die erste seite dürfte weniger verse in den spalten gezählt haben. 

2) Vorausgesezt, dass die betreffende läge 8 und nicht 10 blätter enthielt. 



NEUE willeualmbruchstCckb 229 

a wird vorsohoben zu o. Dazu neigt besonders das eigentlicli 
alem. und das elsässischc ; siebe Woinb. s. 27, 70 und 95: dor an 259, 19. 
tritt ein für c, s. AVeinb. s. 28: monschtn 259, 11. 

Lange vocale. 

ä für e: stät 257, 11. gestdn 293, 17. so alem. viel bäufiger als 
die formen mit e, siebe Weinb. s. 32:J und 33. 

e zusammengezogen aus che: gcnt für gebeut 290, 8, siebe 
Weinb. s. 39. 

Die- aucb im gemeiudeutscben vorkommende Verengung von in 
zu u ist im alem. besonders bäufig, siebe AVeinb. s. 47: du 257, 24. 
uwer 258, 29. 259, 3. 290, 8. 291, 12. 292, 30. tniwc 257, 3. 

257, 7. 258, 2. nch 289, 29. /i«^c 257, 25. fnmt 289, 19. 292, 3. 
lutc 289, 30. sw/>c^e 290, 25. 

Consonanten. 

Das gemeinoberdeutscbe gesetz , wonacli im wortsebluss jeder con- 
sonant tonlos ausgesprocben wird, also bart sein muss, gilt aucb fiir 
das alemanniscbe. Danacb (selbst vor folgendem vocal oder weicbem 
consonanten): zehcnstunt 256, 30. swank 291, 5. gebaut 291, 7. Docb 
findet sicli im alem. vor folgendem vocal oder weicbem consonanten 
aucb b und d im auslaut, so: hüb 254, 28 und 257, 6 {b vor bar- 
tem cons.: ob 293, 14), vgl. Weinb. s. 116 und 146. Nocb bäufiger 
findet sich im alem., und zwar besonders im elsässischen, auslauten- 
des g anstatt der tenuis h (c). Unsere brucbstücke bieten es fast 
durchweg: mag 2hl , 28. 258, 20. ledig 258, 6 und 21. zwcnzig 

258, 10 und 20. lieilig 259, 9. tmg 259, 22. sang 289, 5. hmig 
überall. Siehe Weinb. s. 179 und 181. 

290, 5 tvafenMeitj alle übrigen bandscbriften ivapenTdcit. Der 
unterschied beider formen ist dialektisch, wie aucb das MHW angibt 
in, 455. Und zwar braucht Wolfram — abgesehen von dem rufe des 
Wächters beim herannahen der feinde — sowol im subst. als im ver- 
bum fast durchaus die leztere, wäbrend die alem. denkrnäler meist die 
erstere aufweisen. 

Sehr beliebt ist im alem. die Verdoppelung von t, s. Weinb. 
s. 136: vatter 256, 11. 292, 4. 293, 6. gotten 255, 17. 291, 14. 21. 
292, 23. biitten 258, 1. ritter 291, 7. hettc 257, 25. cUelkho 292, 28. 

SS durch angleichung aus hs: assym 255, 4. Siehe Weinb. 
s. 157. 

In- und auslautendes r hat, besonders im eigentlichen alem. 
die Neigung in l überzugehen: Jcilchof 259, 6. Siehe Weinb. s. 162. 



230 JOH. SCHMIDT 

Über hesangten 290, 15, cntwamjten 290, 10 siehe Weiuh. s. 177. 

Inlauteudes // wird sehr häutig zu ch geschärft, besonders in 
der Verbindung mit f in der zweiten hälfte des 14. Jahrhunderts, der 
unsere handschrift angeliört. Siehe AVeinh. s. 188 fg.: erachten 250, 3. 
ecldeivc 256, 7. mochte 258, 8. 15. 290, 20. 292, 29. 293, 2. Bcrch- 
tram 258, 20. nicht 258, 27. 259, 17. frucht 290, 25. sucht 290, 20. 
293, 7. sieht : (ficht 291, 9. 10. rechte : gcslcchtc 291, 27. 28. 292, 
21. 22. — Erhalten ist das // nur in ahtcde 259, 25. 

Für die deu gegensatz hierzu bildende Verfeinerung des ch zu h 
in der Verbindung mit t (siehe Weinh. s. 197 fg.) liefern unsere bruch- 
stücke nur ein beispiel: gcworhte 259, 11. 

Zahlwörter. 

ecliteicc 256, 7 (s. Weinh. 307), freilich hier ganz verkehrt für 
das adverbium echt (cht) oder et gesezt, vgl. Wackernagel, Wörterb. 
unter ecchcrt und MHW I, 412. Denn dass der Schreiber echtcwe für 
etcwie gesezt habe, ist wol nicht anzunehmen. Weinh. s. 322 bietet 
dafür keine belege aus alem. quellen. Übrigens gäbe es ebensowenig 
einen guten sinn. Auch rniner oder minrej wie, scheint mir, in der 
hs. stand, weist auf die zahl. 

ahteäe 259, 25, alte form der Ordinalzahl, wofür sich schon in 
der gebildeten spräche des 13. Jahrhunderts die Verkürzung ahte fest- 
sezt. Siehe Wemh. 309 fg. 

Verbum. 

Sehr beliebt ist bekantlich im alem. in der 2. pl. ind. und conj. 
praes. und praet. sowie in der 2. pl. imp. die nasalierte form mit 
der endung -ent^ siehe Weinh. s. 337 fgg. 346. (vgl. s. 171) und 
307 fgg. Unsere bruchstücke zeigen diese form durchweg. — ' moM 
292, 29 hat der Schreiber fälschlich für den sg. angesehen: glohent 
255, 28. 290, 23. laut 259, 3. 290, 12. 291, 12. sint 289, 27. 
gent 290, 8. gebietent 290, 9. werent 293, 1. mochtent 293, 2. sul- 
lent 293, 8. swigent 293, 9. 

In den flectierten formen des Infinitiv schob man seit dem 
13. Jahrhundert im ganzen alem. Sprachgebiet gern ein d nach dem n 
ein, siehe Weinh. s. 348 ig. und 379. Danach ze losende 258, 3. ze 
geltende 258, 18. ergetzendes 258, 9. — Der endvocal wurde auch 
apocopiert, siehe die beispiele bei Weinh. a. a. o. So ze geltent 250, 19. 

Der nicht umgelautete conj. praet. 7nohte ist alem. noch sehr 
häufig, Weinh. s. 393. So 258, 8. 290, 20. 292, 29. 

Das angeführte wird genügen, um die oben behauptete alemanni- 
sche farbung unserer handschrift zu erhärten. Manche specifische beson- 



NEUE WILLEHALMBRÜCHSTÜCKE 231 

(ierheiten des aleni. dialckts relilon ihr iiUerdings gän/.lich , z. b. die 
diplitliongisieruiig des .s in den Verbindungen 5jv, st, siv, sl, sntj sn, 
welche, nachdem sie schon im s. 9. jalirhiindert begonnen, im Li. völ- 
lig durchgedrungen ist, siehe Wcinh. s. 155, — indess in diesen bezie- 
huugen werden wir den schreil)er, wie schon oben angedeutet, als von 
seiner vorläge abhängig anzusehen haben. 

Zum schluss will ich über die beschallenheit des textes unserer 
bruchstücke nn<l über ihr vtMliältnis zu den bisher bekanten Willchalm- 
handsclirit'lcn noch ein paar bemerkungen liinzut'ügen. Dass sie mit 
keinem der von Lachmann zu seiner ausgäbe benuzten oder von Pfeift'er 
in dem ,,(inellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen" s. 103 fgg. 
(Denkschr. der Wiener Acad. 18G8) veröffentlichten bruclistücke (vgl. 
auch Bartsch Germ. XVI, 171 fgg.), noch auch mit dem von H. Kückert 
in der Germ. XIV, 271 fgg. bekant gemachten zusammengehören, so 
dass sie aus derselben handschrift staraten, ist schou aus der Verschie- 
denheit der äusseren gestalt und einriclitung mit Sicherheit zu entneh- 
men. Übrigens teilen sie auch ihre dialektische eigentümlichkeit mit 
keiner anderen der ganz oder teilweise bekanten handschriften. — Der 
text befindet sich in dem zustand ziemlicher Verwilderung und macht 
jedeufals, verglichen mit dem der übrigen handschriften, den jugend- 
lichsten eindruck. Am meisten berührt er sich mit dem text der von 
Lachmaun 1, o p, t x z genanten handschriften, namentlich mit den drei 
ersten, doch nicht so, dass wir ihn mit einer von diesen gruppen 
besonders zusammenfassen dürften. An wenigen stellen nähert er sich 
den handschriften der ersten familie (nach Lachmann), vornehmlich n. 
Sehr häufig aber stehen unsere bruchstücke mit ihren lesarten auch 
ganz allein, und zwar meist zu ihrem uachteil. In der regel nämlich 
erweisen sich die lezteren aus gründen teils des sinnes, teils des 
metrums als spätere Verderbnisse. Dass dennoch vielleicht die eine oder 
die andere hei einer textrevision zu berücksichtigen wäre , bleibt immer- 
hin möglich. 

Bei dem abdruck der bruchstücke glaubte ich mit der grösten 
genauigkeit verfahren zu müssen, um ein möglichst treues bild davon 
zu geben. Schon das Interesse, welches sie als ein älteres denkmal 
des alem. dialekts in anspruch nehmen , machte dies zur pflicht. Denn 
unter diesem gesichtspunkt kann leicht das geringste von Wichtigkeit 
sein. Ich habe deshalb nichts abdrucken lassen, als was ich gesehen 
habe, und zu sehen, was überhaupt irgendwie zu sehen ist, habe ich 
mich eifrig bemüht. Xur an stellen, wo die schriftzüge, wol mit wis- 
sen und wällen des Schreibers, unklar und zweideutig sind, (siehe oben) 
habe ich die richtige, durch die älteren handschriften gebotene les- 



232 JOH. SCHMIDT 

art gewählt. Mit punkten sind die abgeriebenen, unlesbaren stellen 
bezeichnet. 



Lachm. 254, 28 Vn 



en tot hub er mir an 
er vf alitschant^ gewan 

255 nnen getoften 

n gen in verkoften 
e die der tot nam ^im 
g pynel von assym 
5 kvnig tenebruns 

von levsungrvns 
ofel von persa 
8 aber von almasura 

11 hies valtvrnie 

kvnig Galafrie 
g kröne 2,e kanach 
ne Verlust au mir geschach 
15 kvnig Neupatris 

minne einbernde ris 
lut da^ wa^ sin werder schin 
n Oraste gen Tesin 
et in die minne har gesant 
20 ^imiert man in toten vant 

n pognie der kvnig Thalimon 
e weinenwisen ton 
kvnden in der beiden laut 
Tvrkanie der kvnig Erfiklant 
25 kvnig libivn von Rankvlat 
r ^weier tot der fröden mat 
ut in ir beidr riebe 
globent mir sicherliche 
sint drivn^wen^ig kvnige vlorn 
30 

256 ften ^U 

vil 

3 de erachten 

l'^b Td benomen hat des todes 

256, 7 Tj^chtewe min . , . . ge ich hau genant 
Die mit werden prise vngeschant 
Vntz an ir ende lebten 



rw 



NEUE WILLEHALMBRUCHSTÜCKE 233 

10 Viid ir 7,\t nach wirili strebten 

Mins vatter eiiivaltikeit 

Gesehuf da^ er mit kreften reit 

Mit h»'r vf sin selbes kiiit 

Wai; unser niage durch mich sint 
15 Belibeii die het er gar verlorn 

Wolt ich den tof hau versworn 

Und sinen gotten liulde tvn 

Do bot echmerei:^ min svn ^ 

Den schaden z,e geltent in disem land. 
20 Wa^ gen eim bisande 

Mit Verlust het enpfangen mit not 
22 Je da gegen karles lot 

29 Wol. ich der vbervert han gepflegen 

30 Da^ het er ^ehenstvnt wider wegen 
257, 1 Die da^ prüfen solten 

Ob die fride haben wol ton 

Den al die weit mit truwen weis 

Der stete matribuloi^ 
5 Der kvnig von Scandanavia 

Der bede hie vnd anderswa 

Sine truwe hat gehalten 

Der solte der prüfe walten 

Mit fride und mit geleite 
10 Ane alle arbeite 

Da sprach ich svn wie stat dir 

. . . . ein ander rede bas 

Wiltv mich veile machen 

Und dinen pris verswachen 
15 Da^ man mich gelte sam ein rint 

a 257, 18 Bistv solicher manheit wise 
Alse der Margraue ie wa^ 
20 Der dir alles gebirge kaukasas 
Gebe da^ were ein richer sölt 
Wa^ es ist alles golt 
Dv nemest si vngern für ein wip 
Dv also gehurlichen lip 
25 Hette als ich noch hüte han 
Din bieten het missetan 

1) hs, nim für min. 



234 JOH. SCHMIDT 

ZU dem Marguen hau ich müt 
Niemail geleisteii mag da^ gut 
Da:^ mich vou ime scheide 
30 Da^ was ir aller leide 

258, 1 Si butten durch mich vber ker 

Der getruwen meiste mer 
Ze loseude vou ir gebeuden 
Uud iu Fraukriclie seudeu 
5 Miu ueue der kvuicf halt/ibier 
Bot achte fursteu ledig mir 
Die gevaugeu weru vuder sinem vaue 
Min vbervart mocht in ermanen 
Erget^endes Verlust vnd her^e not 

10 Ime wereu zwenzio: tusiut tot 
Vs sin eins riebe alhie gelegen 
Falfvnde müsse iemer pflegen 
Jamers vil nach ir Eskiliere 
Der tot nam si schiere 

15 Ich fragte wer die mochten wesen 
Die vuder den getoften weren genese 
Ir namen er mir benaude 
Und den schaden ^e geltende disem lande 
Der weinen vnd lachen 

20 Geschüf der mag machen 
Da^ man si ledig bekenne 

r'^b 258, 24 Hvnas vnd ky 

25 Sampson vnd wirsch 
Berchtram vnd Tys 
Tker tot si de^ nicht 

Zwelfe disem wir 
Komen vs uwerm g 
Die beliben gar wan 

259, 1 Dar ^ü riebe vnd arm 

Sit mich herre da^ er 
So lant es mit uwer 
Es waren die liebsten 
5 Die da beliben imme 
Min kilchof ist gesege 
Von der engel wihe e 
Sus ist es hie ergange 



NEUE WILLEHAtirDRUCHSTlCKE 235 



Ir heilig verch vnd ir g 

10 In mauigem schonen sarg 
Die nie geworlite monschen 
In den man die getofton va 
Ni(!man do so herter sas 
Ir keines her^e nicht vergas 

15 Es gebe den ogeu stvre 
Mit wasser da wa;^ turc 
Jeman der nicht khigte 
Da^ die kvnigiu sagte 
Grosse fröde in dor an gesch 

20 Do si de^ pfallentzguen leben 
Und ander siben mage sin 
Do trüg man tischlachen in 
Der wirt alrest selbe verna 
D^ der pfallentzgue Ber 

25 Selbe ahtede lebe 

Er sprach g 
Fröde vnd 

2^''a 289, 4 eu vf vnd da:^ gcschach 

5 ng man messe got vnd in 

argraue sante hin 
essen wer bereit 
liehen arbeit 
die für koche waren benant 

10 urte nieman für noch brant 

argrauen man do sagte 
t grossem iamer klagte 
ran der jvnge rennewart 
sine hoho art 

15 vernome vn doch nicht gar 

die kvniginne dar 
si senftern soliche not • 
chenmeister lag do tot 
nen frünt mit füge dan 

20 si nach dem j\Tigen man 

US nie me getrat 
iklich si in de^ bat 
durch iren willen 
orne gestillen 



23G 





JOH. SCHmDT 


26 


mütes sich bewegen 


25 


an seuftes mütes pflegen 


27 


ch er frowe ir sint gut 


28 


. . ir gen mir nv tut 




. . ich voll gerne 




^e berne 


29 


d^ ich sus nicht w erlogen 


30 


lute an mir betrogen 


290, 1 


gin fürte den knappen dan 




besser kleider an 




emenaten 




frowen naten 


5 


r slachte wafenkleit 



2^''b 290, 8 Vwere kleider die geut ir 

"Wem ir gebietent ane miueu has 

10 Wie arm ich si doch bedarf er bas 
Manger under sime her 
Laut mir die stange min y^ wer 
Die het er mit ime dar getragen 
Kyburg vil sere begvnde klagen 

15 Sine gran die besangten 
Ir ögen ime nie entwangten 
Etwas si an ime erblikte 
Da von ir her^e erstrikte 
Do sprach, si trüt geselle min 

20 Mocht es mit diuen hulden sin 

Ich fragte dich wannen dv werest erborn 
Weitest dvs lassen ane ^orn 
Do sprach er frowe globent mir 
Ich bin ein armer Eskilier 

25 Vnd doch vil werder lute frucht 

26 De^ müs ich iehen han ich i^ucht 
291, 1 Der knappe dannoch vor 

Kyburg tet ir her^e künt 
De:^ si nicht erfür wand lange sider 
Si bat in ^ü ir sitzen nider 
5 Ir mantels swank si vmb in ein teil 
Er sprach frowe di^ wer geil 
Der beste ritter der ie gebaut 
Helm uf höbet mit siner haut 



NEUE \^^LLE^ALMllR^c^sTi■■^KE 237 

Wer mich also sit^^en sieht 
10 Vil uiigt'ru<,'H vr mir gicht 
Vud nimt mich in siiieu spot 
De^ erlaut mich frowe durch uweru 
Die kvnigiu sprach :^vm knappen sa 
Wa^ gottes solt ich auders hau 
Wan einen den die magt gebar 

2''''a 2yi, 18 Ob er wer eiu Sarraijin 

Wie sin glbbe stiude 
20 De^ het si keine kvnde 

Er sprach mir sint dri gotto erkant 

Der heilige Terviant 

Machmet vud appolle 

Ir gebot ich gerne volle 
25 Die kvnigin suf^jete e da^ si sprach 

Vil steteklich an in si sach 

Ir heri^e spehet ir rechte 

Da^ er vs ir gesiechte 

Endelich wer geborn 
30 Wie er von dannan wer verlorn 
292, 1 Si tet als es ir gute ^am 

In ir hende si sine hende nam 

Si sprach lieber frunt vil guter 

Hast, vatter oder müter 
5 B oder swester 

Wis . . nes wertes vester 

V r gar ane alle schamn 

ins geslechtes namen. 

TL>ennewart sprach hin ^r 
10 wenne ^e swester 

rheit lobes krant:^ 

E t . ie nam der svnnen ir g 

de de^ morgens sach 

svnne durch da^ wölke br . . . 

15 rt gegeben einem mau 

16 Der hat an mir missetan 

20 Sin wäre mute des nicht gebot 
Demselben vnd mime gesiechte 
Trag ich grossen has z,e rechte 



238 JOH. SCHMIDT, NEUE V.^LLEHALMBR^CHSTÜCKE 

23 Sit si mich scliiedcn von iv gotteu 

2^b 292, 2G . . . ir ""^ir g 

Do sprach die süsse m 
Ettoliche minor swester 
Mocht icht wol der jvg 
30 Frowe sol ichs mit uwer 
293, 1 Wereut ir riche als si si 
Ir m5chtent wol sin des 
Der an mir hat en . . . 
Gen dem iemer min g 
5 Sol krigen durch min 
Vatter vnd brüder sin 
Vf uwer quellt min mv 
Dest bas süllent ir mich 
Dirre mere swigent 
10 Min smehe ist ir wille 
Bin ich von edelre frv 
Si haut ir selde an mir 
17"yburg fragt in vf s . 
"Ob von prouen^ der 
15 Sin hilfe solte han für. 
Do sprach er fröwe . . 
Gestan ich siner wer 

Und riche min 

Da von mich die heid 
20 So lange nie weiten 

Si sprach ich wil dir har 
. . . inne dv din ivng 
Behaltest wa du kv 
Es ist dir wol ^e ma . . 






25 



HALLE. 



So kan din nicht . . . 
W:5 man st . . tes gen . . 
Es trug der kvnig . . 
29 In stürme do er den M 

JOII. SCHMIDT. 



239 



INAVRITZE DEDA. 

In den friesischen reclitsquelleu finden sich die ausdrücke: enc 
inrweze dede 13. 179, 2; alla inrucsza dcda 15. 179, 22; inrudza dcda 
E. 215, 10. 224, 3C; inndtsc dede E. 2]'4, 10. Darüher bemerkt 
V. Kiclithofen im glossar: „Die bedeutung dieser stelh-n ergibt sicli im 
iil'^emeinen aus dem zusammenhange: eine in ein glied eingedrungene 
wunde scheint so benant zu werden; das wort verstehe ich aber nicht, 
(hiss darin das sz , tz , fs, s für k stehe, ist zu vermuteu." Dazu hatte 
J. Grimm in einem briefe an H. v. Kichthofen (s. llGi) geschrieben: 
„inruesze scheint mir niclit verzweifelt. Wie ruald für wraldj rurka 
für tvreka (kaum für wrdgia), riust für ivriust stehn, wird auch rucszc 
sein = wresze und dies näher bestimt werden müssen ivrcsze = alid. 
ruchi. wrel'a liat nur die abgeleitete bedeutung idcisci , die ursprüng- 
liche, siuliche ist liellere, tundcrej trudcre, wie das altn. reka lehrt. 
Vom pl. präs. wrekon ist das adj. wreKzr i;eleitet, inwresze drückt dem- 
nach aus: eingetrieben, hineingestossen, eingedrungen. Mhd. lautete 
es mraeclie}''^ — v. Kichthofen bezweifelt nur, dass rueka für ivrcka, 
nicht für iiroyia stehe; das übrige leide kein bedenken. 

Dass J. Grimm recht hatte, scheint mir aus ein paar stellen eines 
friesischen bus^buches hervorzugehen, das haudschriftlicli in der biblio- 
thek der ,, Emdischen geselschaft für kuust und vaterländische alter- 
tümer" aufbewahrt ist. Es enthält eine reihe von straf bestimmungen, 
,. bussen und brüchen ," die unter der regierung der gräfin Theda erkant 
sind, etwa aus den jähren 1460 — 75. Es umfasst 84 blätter in quart, 
von denen einige zum teil gar nicht, einige nur halb oder nocli weni- 
ger beschrieben sind. In diesem bussbuche heisst es fol. 20^: 

llcrman to Dreivarth scal Waleko to boefc gcucn vor cne doer- 

(jande uiinde XXIII ar. gülden vnde XX II II kr. vor ene hlodclse. 
Herman vorß. (d. i. vorscreven) scal Taituno des gdiken vor ene 

inivretsa deda to hoete geuen XXIII ar. gidden 

und fol. 32 V 

Eho to Oestcrhusen sal gheiien to hoete jnngJie Ennen voir ene 
inwrytze dede in de borst XXV ar. gl. Item voir 1 wunden in 
den hals X VI lichte gl. Item XJI lichte gl. voir 1 wunde in de 
schulderen. 

An einer dritten stelle ist auf einem eingehefteten zettel nur noch 
zu lesen : 

Elle to Ffreheffnm . . retfa deda XXV ar. gl. 

1) Vgl. Grimm, gramm. V, 410. Z. 

ZEITSCHK. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. Vlll. 16 



240 A. LÜBBEN, INWRITZE DEDA. BLAU. 

Hieiiach steht wol fest, dass im altfr. inrucszc = inwretsa oder 
-tse ist. Leider ist aus den mitgeteilten stellen nicht zu erschliessen, 
welcher art eine solche dcda (wunde) ist. Der höhe der husse nach 
muss sie nicht ganz unbedeutend sein , kein schramm oder einfacher 
riss, oder hlodcJfe; wenn, was höchst wahrscheinlich ist, wretsa = 
mreJca ist, so ist die deutung von J. Griram sehr plausibel. Es Hesse 
sich vielleicht auch mit inrcd, mrcth zusammenstellen (=mrethes dedd); 
da wir aber niclit mit Sicherheit wissen, was inreth ist, nur mit grund 
vermuten, dass es eine ritz- oder schlitzwunde ist, so ist nichts damit 
gewonnen. 



BLAU. 



über Uauchant, blauhand, als bezeichniing eines meineidigen, 
sind zwei stellen in der chronik von Ostfriesland von Heer Eggerik 
Benin ga (herausg. von Harkenroht, Emden 1723) zu vergleichen. 

Die erste lautet s. 576: 
Als de fiirste van Sassen dat vernam (dass die von Groningen dem 
grafen Edzard eid und gelübde gebrochen hatten und der fürst von 
Geldern in Westfriesland städte einnehmen liess), tooch he van 
Lewerden na groote Adewert y schreef noch eenmael in Groningen. 
Se xinthoden den furste, id tveer nu al te late^ se iveren alle 
hl au tu fing er s gewurden, se hadden nu eenen anderen heere^ daer 
se een tyt lanck hy hlyven tvidden. 

Die zweite steht in dem gereimten epitaphium Edsardi II comitis 

et domini Frisiae orientalis, s. 623 fgg. auf s. 637: 

Als nu de horgemeesteren (von Groningen) dat fidvige (nemlich: dat 
he uns ivulde verlaten den eedt) graven Edsard hehben vorgeholden, 
Dar tip heft he se mit hysteren worden gescholden, 
Und heft gesecht, dar he hy se syne land und luede hadde upye- 
. . . seilet usw. 

Als nu grave Edsardt den eedt nicht wulde verlaten, 
Do sinnen de horgemeesteren weder gegaen oere Straten^ 
TIw Wilhelm van Oje en St. Walhurgis herchen, 
Dar begunden sich de hlaiv fingeren tho stercken usw. 
Se deden dar Wilhelm van Oje von wegen des fursten van Gelder 

eedt usw. 
Im sinne von: ungereimt, nichtssagend, lügenhaft usw. komt es 

unter andern auch vor in einer replik der goldschmiede zu Emden 

gegen die goldschmiede in Norden (a. 1687): 



WOESTE, BEITRAGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN 241 

. . dar van ivij liier willen gcprotcstirct h(hhrn, vorhi'yijüiHlt' (die 
Iwer (ihre) impertinente redoi . . i-nd htnnende . . hoere htanwe dar- 
jegens inwendende (irgunienteii tho eonfiindiren. . . . hclj)! welek ein 
armen ^ hlauwe)i, cmjegrnndcn arijument! 

OLhENUL'KG, IM SEl'T. 187G. A. LÜliliKN. 



BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN. 

V i 11 11 e. 

Vinne holtcs, Seib. Urk. 720-''", wird im glossar durch „gefiinde- 
nos holz " erklärt , was otfenbar nur aus dem klänge (linnen , finden) 
geraten ist. Gemeint muss sein ein häufen holz und zwar, wie sich 
aus dem zusammenhange abnehmen lässt, kleingehauenes, welches die 
Sälzer unverzolt heimfahren durften. Nach Mda. 6, 2U7 bedeutet flmic 
im Lippscheu eiuen häufen aufgeschichtetes brenholz. Vy7ine ist = 
vymmc, Chron. d. nds. st. Braunschw. 1, 75^, dem ein altes fimha vor- 
ausgieng; vgl. aran- fhnlni im Werd. Hebereg. und bei Schilter Gloss. 
904: ftn hun j)i(ja acervos. Schon ahd. komt widu-vhia für ividu- 
vinna (holzhaufen) vor. Neben fimha wird es ein fimho gegeben haben, 
woraus sicli heutiges pmen, m. (feim, feimcn) gebildet hat. W\t /Imba, 
fimho gieng parallel tliimha, tliimho ^ wovon noch dhnen, m. {dienten) 
erlialten ist. Es solte nicht wundern, wenn auch noch mnd. dinne^ 
dhie (häufen) auftauchten. Vielleicht ist eine nebenform thumija die 
grnndlage des ahd. düna (düne). 

Juto, iiitone, doii, iotol. 

Vgl. VI, 84. 

• 

Für die auflösung des mhd. iezuo in ie-zuo spricht schon die im 
mnd. nicht seltene Schreibung io tOj io thOj z. b. 4 bb. d. kön. 171: 
wente io tho (jezt, jezt eben) so steit he vp vnd vnderwint siJc Nahot- 
tes tvinhof; Lub. ehr. 1, 167: he hadde in deseme iar io to rcgneret 
ses iar. Aus dem ursprünglichen und in iutnns (s. unten) noch erhal- 
tenen begriffe der beweguug (immer zu) wird der begrifl' der ruhe (jezt) 
hervorgegangen sein. Mnd. formen finden sich z. b. noch in Wigg. 2 
Scherfl.: ieto 34, ietto 39, iutto 54 und in vdH. Germ. 10: ieto, 
ietto 129, ioto 139. 

Ein itito "wird in iutönc und den sich anschliessenden formen ent- 
halten sein. Münst. Chr. 1, 27G : ghij hehhen ival gehoirtj wat Johan- 
nes van der Lyppe daer yutoene sachte van hoppen tho houwen, 

16* 



242 WOESTE, BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN 

Yiifociiey im glossar — freilicli mit oinom ? — „zu euch" gedeutet, 
hat hier keinen andern sinn, als jezt, jezt eben. Es findet sicli auch 
in der form yefon bei Seib. Urk. 685, anmerk. , vom j. 1344: vnd latct 
cnne dat op ycton fo al sincn loillcn. Daran scliliessen sich formen, 
welche durch adverbiales ,<? verstärkt sind. Koeno z. Helj. führt an : 
hin iutuns (jezt) fe Hcrvorde; als nu di witlic is, is iutuns ein 
tidj in welker etc.; nns verdrctet jetoens tc leven. Koene glaubt es 
aus alts. in tlian entstanden; dem widerspriclit aber das than. Tn 
HotTni. Findlingen n*^ 43 wird angefülirt: iutuns, iuyttuns und durch 
„immerzu" erklärt. Aus jetoens, iutuns müssen itsundes (M. Btr. 4, 
631, v.J. 1404) mul heutige itsont, itsunt , itsunds gebildet sein. 

ToHy toene, toens^ tuns in den augeführten formen weisen auf to 
und tu (z. b. Soest. Schrae), wozu sie sich verhalten, wie mnd. f?ow, 
seltener dun (mnl. toen) zu do. Don findet sich bei Ludolf v. S. c. 15. 
21. 22; bei Kantz. 213: don nlm = da nun, als nun; dun steht bei 
Liliencr. H. L. 1, 48, 25. Schon die im mnl. vorkommende Schreibung 
do en und das do in bei Hagen Köln. R.-Chr. 61 : do in proifft Enffrl- 
brecht syn husschdoym envar/f] do wainden sy alle syn getroist emj)feh- 
len die annähme einer Zusammensetzung aus do und en. Die Kölner 
mundart hat hier do in, wie sie auch sonst m für en = ne verwen- 
det. Nichts anders dürfte das ne von iutdne sein. Die Verwendung 
eines ne, en für positive sätze ist ein misbrauch, der sich aber leicht 
begreift. Ya gieng aus von fällen, wo keine negationsverstärkung 
(nicht j gciii, nein, nemand) vorkam, wie z. b. hie en sy eyn frome man. 
Da man die negative kraft des en bald nicht mehr fühlte, so ward 
zunächst ein dan oder denne (z. b. hie en sy dan verfolget ond ver- 
foirt as recht is) hinzugefügt. Endlich muste das zum fiickwort gewor- 
dene en weichen und zuweilen blieb der satz sogar ohne dan^ denne, 
z. b. et ga enie myt rechte äff, F. Dortm. 4, 276. Das gesagte soll nur 
veranschaulichen, wie die negationspartikel ne, en, in begriflich ver- 
dunkelt und zum fiickwort wurde, als welches sie sich in doen und 
iutone darstelt. 

Noch ist iottol „fernerhin" (Kinderl. s. 349) zu erwähnen. Grimm 
sagt Gr. III, 257 im Widerspruche mit II, 768: „vielleicht ist til eine 
fortbilduug der partikel ti, zi durch ?." Darnach könte toi in iottol als 
fortbildung von to gelten. Aber sagen wir lieber: die erklärung dieses 
l ist noch zu erwarten. 

ISERLOHN. F. WOESTE. 



243 



BERICHT ÜBER DIE TÄTKJKEIT DER DEUTSCH -ROMANISCHEN 
ABTEILUNG DER XXXI. IMIILOLOCENVERSAMLUNC XU TÜBINGEN. 



Dir. ilr. Keck - Husum. 

Prof. (Ir. A. V. Kdlcr- Tübiiij^'oii. 

Pr»f. .Itilius Klaibcr-Stutt«;art. 

Gyinnas.-l. .1. Kräutcr-Saarpreuiüiul. 

Prüf. dr. Adolf Laun -Oldonbur},'. 

Dr. F. Neuman n- Hcidclborg. 

Dr. Opitz- Naumburg', 

Prof. dr. Sachs- Brandenburg. 

Dr. \Volfpin<^ Schlüter- Heidelberg. 

Privatdoc. dr. E. Schmidt -Würzburg. 

Dr. J. S eh wartz- Stuttgart. 

Dr. Bernhard Scuf fort- Würzburg. 

Dr. Adolf Theo bald -Hamburg. 

Privatdoc. dr. F. Vogt-Greif.swald. 

Dr. Wirz -Zürich. 



Dreissig mitglieder haben sich in das album eingezeichnet: 

Geh. liofr. dr. Ba rtsch -Heidelberg. 

Alfred Bauer- Paris. 

Prof. dr. A. Bi rl i nger-Bonn. 

Cand. (lustav Decker- Aljursbacb. 

Prof. dr. H. Düntzer- Kidn. 

Prof. Eheman n- Hall. 

Pfarrer 'Max Eifert-Eningen. 

Dr. P. Feit -Lübeck. 

Biblioth. dr. H. Fischer- Stuttgart. 

Prof. dr. J. G. Fischer- Stuttgart. 

Prof. dr. Georgii- Stuttgart. 

Präceptor Victor Gräter-Murrhardt. 

Prof. dr. H Hand- Tübingen. 

Biblioth. Adalb. Jeittcles- Innsbruck. 

Dr. Reinold Kap ff -Leutkirch. 

Die erste sitzung (25. sept.), welche sieh an die algemeinc eröfiiungssitzung 
der philologenversamlung unmittelbar anknüjifte, galt ausschliesslich der consti- 
tuierung der section. Zu vorsitzern waren in Rostock 1875 gewählt worden 
prof. dr. A. V. Keller und prof. dr. Holland. Zu Schriftführern wurden bestelt 
dr. Reinold Kapff aus Leutkirch, dr. Bernhard Seuffert aus Würzburg und can- 
didat Gustav Decker aus Alpirsbach, Iczterer als Stenograph. 

Die zweite sitzung (26. sei)t., morgens 8 uhr) eröfnete der vorsitzer prof. 
dr. V. Keller mit einleitenden Worten dankbarer bcwilkomnung und fuhr fort: „Es 
sind jezt eben 30 jähre, seitdem in Frankfurt am Main die erste germanistenver- 
samlung tagte, aus welcher später unsere jezt an die versamlung der deutschen 
Philologen und schulmänner bich anlehnende deutsch- romanische Vereinigung her- 
vorgegangen ist. Nur wenige werden noch unter uns sein , die jener ersten ver- 
samlung angewohnt haben; die anreger derselben, die Grimm, Uhland, Dalilmann 
sind längst dahingegangen. 

Auch im lezten jähre hat die deutsche philologie wider mehrere ihrer bedeu- 
tendsten Vertreter und förderer verloren. Ohne auf eine ausführliche darstellung 
und Würdigung ihrer tätigkeit einzugehen, drängt es mich doch, hier ihre namen 
zu nennen. Es wird dies genügen, um in Ihren herzen ihr bild und den dank für 
ihr wirken wach zu rufen. 

Am 19. mai legte Friedrich Diez in Bonn sein müdes haupt zur lezten ruhe, 
Diez, der begründer der romanischen Sprachforschung in Deutschland, der in stil- 
ler, rastloser tätigkeit weit über die grenzen des Vaterlandes hinaus gewirkt und 
anerkennung gefunden hat. 

Zwei monate später, am 18. juli, solte die rheinische Universität in Bonn 
abermals ein herber verlust treffen, den Rheinland, ja das ganz'^ deutsche Vaterland 
mitfühlte. Karl Simrock, der liebenswürdige, patriotische dichter, der sinnige 
erforscher und nachbildner unserer alten poesie, wurde unerwartet seiner noch 
immer rüstigen tätigkeit entrissen , der wir für d':e Verbreitung des Verständnisses 
unserer altdeutschen dichter in weiten kreisen mehr als irgend einem verdanken 



244 A. V. KELLER 

Nicht minder unerwartet hat der tod am 30. anjrust Rudoll" von Räumer 
dahingeraft, den ersten umfassenden «^i-eschichtschroibcr der deutschon Sprachfor- 
schung:, der in lezter zeit besonders durcli seine boniühunj^^en um eine besonnene 
regelung der deutschen Schreibung sicli Verdienste erworben hat, aber die freude 
nicht edeben durfte, sein werk zu einem festen abschlusse gebracht zu sehen. 

Gestatten Sie mir, diesen gefeierten namen noch einen andern aus unserer 
engeren, wiirtembergischen heimat beizufügen, den luamen eines bescheidenen man- 
nes, der in unserer nähe, in dem benachbarten Reutlingen eine glückliche nnissc 
zu ernsten Studien , insbesondere des deutsclien altertums und der deutsclien mvtho- 
logie verwendete, ich meine dr. Theophil Kupp, der am 25. märz, 70 jähre alt, 
starb und wol den lesern der Germania in guter erinnerung ist, wie er bei seinen 
persönlichen freunden das dauernde andenken eines durchaus wackern matines und 
eifrigen forschers voll der liebenswürdigsten bescheidcnheit hinterlassen hat. 

Wenn ich nun von persönlichem zu sachlichem übergehe, so habe ich zunächst 
die erfreuliche mitteilung zu machen, dass das mittelniederdeutsche Wörter- 
buch von Lübben und Scliiller, das sich unter die besondere protection der deutsch - 
romanischen a]>teilung der i)lulologenversamlinig gestelt hat, rüstig fortgeschritten 
und bis zum 14. hefte vollendet ist. Im laufe des lezten Jahres habe ich 4 neu- 
erschienene hefte dem kaiserlichen reichskanzleramte vorzulegen geliabt und auf 
anweiiiung desselben die von seiner majestät dem kaiser bew^illigte Unterstützung 
aus der reichskasse erhalten und, wie bisher, zu gleichen teilen an hcrrn dr. Lüb- 
ben und an die witwe dr. Schillers übermittelt." 

Von Schriften wurden der section mitgeteilt : 

1) Gotische conjecturen von prof. dr, Peters in Leitmeritz. 

2) Die reihenfolge in mundartlichen Wörterbüchern und die revision des 
alphabets. Ein verschlag zur Vereinigung, vorgelegt vom burcau des Schweizer- 
deutschen Idiotikons. 

3) Proben aus dem für das schweizerdeutsche Idiotikon gesammelten materiale. 

4) Bestimmungen über das seminar für neuere sprachen in Tübingen, ange- 
ordnet vom k. ministerium des kirchen- und Schulwesens 18. oct. 18G7. 

5) Die Uhlandstiftung in Tübingen. 

6) Der littorarische verein in Stuttgart zu herausgäbe älterer drucke und 
handschriften und ausschliesslicher Verteilung derselben unter die Vereinsmitglieder. 

7) MolÜTcs Werke, mit deutschem commcntar, einleitungen und excursen 
herausgegeben von dr. Adolf Laun, professor. Berlin 1873. 

Der zweit« vorsitzer , prof. Holland übergab sodann eine von ihm zur 
begrüs=ung der section eigens in druck gegebene kleine schritt , enthaltend einen 
in Uhlands nachlasse vorgefundenen wettgesang zwischen Uliland und Rückert. 

Es folgte nun ein Vortrag von dr. B. Seuffert in Würzburg über den maier 
Müller. Nach demselben befindet sich im besitze der k. bibliothek zu Berlin ein 
teil der papiere , welche Müller bei seiner Romreise in Mannlieim zurückgelassen 
hat. Yi^ fehlen aus der dort hinterlegten handschriftenmasse die blätter , welche 
Tieck bei der herausgäbe von Müllers werken 1811 benuzte. Das vorliegende ent- 
hält zumeist bruchstücke und starkcorrigierte entwürfe. 

Mehrere handschriften lassen ersehen , dass Müller mit seiner braut Lottclicn 
Kämer einen knaben zeugte, dass er sie darnach verliess und mit einem Julchen 
ein neues liebesverhältiiis anknüpfte. Seine leichtentzündbare natur wird ferner 
durch drei briefconcepte belegt. Sie enthalten reiseberichte. Das eine spricht von 
einer Kheinreise und der einkehr in Frankfurt bei Lenz und Goethes niutter 1777 ; 



GERMANISTKNVERSAMLUNG IN TÜBINGEN 2-45 

das zweite von einem ausflu^ in das pfälzische ^'eblrge; diis dritte fraginont ist 
unbestimbar. 

Müllers kn.iiipe la^e in Mannheim 1777 winl be/en;;t durch seinen bcricht 
über einen au ihm bej,MMf,a'nen diebatahl. lsabel werden als seine freunde erwähnt 
der theatermaler Klotz, der re^'imentsrath Medicus und Christof Kaufmann, der 
ihn im Januar 1777 mit sich in die Schweiz habe nehmen wollen. 

Zwei Gutachten über j^ründun^' und cinriciitunj,' des natiunaltheaters und einer 
theaterschule in Mannheim kenzeichneu Müllers geachtete Stellung am dortigen hofe. 

Reicher, als für das leben, fliesscn aus dem Berliner material die Zeugnisse 
für seine diehtung. Die handschriftcn geh()ren zumeist der zeit von 177(j bis 78 
an, also der blütezeit und der ]>roduktivsten ])eriode des dichters. Alle zeitüblichen 
gattungen sind nicht weniger in dem Berliner material vertreten, als in den 
gedruckten werken. Mit öden im Klopstockischen geiste stehen dichtungen im 
anschlussc an Ossian zusammen. Von der wilden diehtung dieser richtungen geht 
Müller zur weicheren liebesodc über und betritt dann Gleiius und J. G. Jacobis 
bahnen. Von der anakreontischen diehtung aus nähert er sich einerseits Wieland, 
anderseits der rein schäferlichen ])oesie. Das sentimentale kleidet Müller aber nicht 
so gut, als das naive. In den ungeschminkten, lebeuswarmen liedern ist er beson- 
ders glücklich. Das Volkslied ist sein Vorbild und seine Icistungen in der volks- 
tümlichen bailade bezeichnen den höhepunkt seines Vermögens. Nur wenige ver- 
suche in didaktischer richtung liegen vor. 

Weiterhin enthält das Berliner material bruchstücke zu Idyllen. Bei antiken 
und patriarchalischen stutfen verrät sich die engste anlehnung an Gessner, bei 
ersteren aber auch schon die entfernung von demselben und der anschluss an Shak- 
spere. Wertvoll sind bruchstücke zu deutschen Idyllen. Neben einigen satirischen 
fragmenten weist ein entwurf auch auf den abweg zur r<»hheit hin, zu dem die 
wähl des Vorwurfs aus dem altäglichen landleben leicht führte. Die bruchstücke 
zu Ulrich von Cossheim erweisen, dass erst Tiecks feder den romantischen stil in 
diese Idylle hineingetragen hat. 

Ferner finden sich dramatische fragmente. Unter andern der einzige rest 
des dramas Rina, umfangreiche entwürfe zu dem nach könig Lear bearbeiteten 
Heinrich IV. , weniger zahlreiche zum drama Ludwig der strenge, das sich wol an 
Goethes Götz anlehnt. Zur Fausttragödie bietet das material nur ein kurzes bruch- 
stück; die von Weinhold als zugehörig verütfentlichten scenen sind selbständige 
dichtungen. 

Die reste eines lu.stspiels ,,Der alte obirst" sind im stile der französischen 
komödie gehalten. Müllers tätigkeit als operndichter wird einzig durch eine expo- 
sition des stotfes Alarich belegt. 

Einzelne blätter ergeben als parallclstcllen Müllers autorschaft an der reccn- 
sion von Mechels La galerie de Dusseldorf, Rhein. Beitr. IJIS. Eine reihe kleiner 
Sätze, meist „Gedanken" überschrieben, enthält flüchtige aufzeichnungen von 
Situationen und ausdrücken aus dem leben und der lektüre zur Verwertung beim 
Schriftstellern. 

Dies der gesamte Inhalt des reichen raaterials. Es bietet wenig genuss, 
desto mehr einsieht in Müllers art zu arbeiten. Die zahlreichen nachbesserungen 
und widerholten ausätze zur gestaltung einzelner scenen beweisen die grosse Sorg- 
falt des dichters, dessen Schriften so oberflächlich skizziert erscheinen. Auch wird 
ersichtlich , dass Müller aus seinem stoäe zuerst die tragische Situation zur lixiej ung 
heraushob. Die spräche zeigt sich hier noch regelloser und kräftiger, als in den 



246 A. V. KELLER 

gedruckton werktMi. So beruht der wert des Berliner niaterials nicht wenicrer in 
der fülle der beitrage zur keutuis der arten und stoflfe, die nuiler Müller bearbei- 
tet hat, als darin, dass es in die ursprüngliche gestalt seiner dichtungen einweiht. 

In der dritten sitzung (27. sept. morgens 8 uhr) hielt prof. dr. Sachs 
ans Brandenburg einen Vortrag über die frage einer algemeinen lautbe Zeichnung 
für die dialekte Nachdem er kurz dargelegt, was von der in Rostock 1875 
zu beratung dieses gegenständes eingeseztcn commission geschehen, gab er eine 
gedrängte Übersicht über die verschiedenen phonetischen bestrebungcn auf den 
gebieten der romanischen , der englischen und der deutschen spräche und ihre mehr 
oder weniger grosse berechtigung durch die form und entwickelung derselben. 
Darauf besprach er kurz die hauptsächlichsten werke über lautphysiologie und pho- 
netische Schreibung, besonders Lepsius „Das allgemeine linguistische Alfabet" 
Berlin 18r>5, dessen drei grundsätze: „1) jeder einfache laut darf nur durch ein 
einfaches zeichen ausgedrückt werden ; 2) verschiedene laute dürfen nicht durch ein 
und dasselbe zeichen ausgedrückt werden ; 3) diejenigen buchstfiben , welche in den 
wichtigsten europäischen Orthographien einen verschiedenen wert haben , sind in 
einem algemeinen alfabet überhaupt nicht verwendbar" unbedingt massgebend für 
jeden weiteren phonetischen versuch seien. Da es sich aber bei Lepsius um ein 
algemeines alfabet, besonders auch für orientalische sprachen handelt, so besprach 
der Vortrag einzelne modificationen desselben, welche bei Zugrundelegung romani- 
scher lautverhältnisse nach der ansieht des vortragenden wünschenswert seien, um 
eine auf den bezeichneten gebieten alseitig giltige und leicht verständliche Schrei- 
bung zu ermöglichen. Wenn dabei auch einzelne vorschlage für änderung der 
bezeichnung in der anerkanten Schriftsprache z. b. des hochdeutschen laut wurden, 
so wurde doch durchgehend der Standpunkt festgehalten , nur für die noch nicht 
durch feststehende Schriftsprache fixierten dialekte bestimmen zu wollen , so dass 
die in der pädagogischen section erörterten fragen mit der hier besprochenen , nur 
das streng wissenschaftliche gebiet betonenden keine beziehung darboten. Auch gab 
der vortragende nur eine anzahl dem urteile der zuhörer unterbreiteter vorschlage, 
ohne selbständig bestimte thesen aufstellen zu wollen, da die ganze Organisation 
der commission ihn dazu nicht ermächtigt hatte , und schloss mit dem dringenden 
wünsche, die so wichtige frage in möglichst eingehender discussion, wenn irgend 
tunlich, zu einem gedeihlichen abschlusse zu bringen. 

Diesem Vortrag folgte der eines andern mitgliedes der Rostocker commission, 
des dr, A. Theobai d aus Hamburg. An der sich hieran schliessenden lebhaften 
debatte beteiligten sich ausser den beiden genanten besonders gymnasiallchrcr 
Kräuter aus Saargemünd, prof. v. Keller und dr. Feit aus Lübeck. 

Gymnasiallehrer Kraut er führte aus, dass eine orthographische einigung 
nicht möglich sei ohne vorherige sprachphysiologische. In lautlichen dingen , sagte 
er, gehen vorläufig die ansichten weit auseinander und sind die gröbsten irtümer 
verbreitet. An die annähme einer neuen schrift ist nicht zu denken, wir müssen 
die lateinische beibehalten. Die art ihrer Verwendung muss ebenso wie die wähl 
der nötigen nebenzeichen auf festen principien beruhen. 

Der forderung „kein buchstabe darf zur bezeichnung eines lautes verwendet 
werden , wenn er in einer germanischen oder romanischen Orthographie eine andere 
bedeutung hat," kann nicht genügt werden, und diejenigen, welche sie aufgestelt 
haben, Verstössen selbst vielfach dagegen; z. b. die bezeichnung des tönenden 
?- lautes durch z verträgt sich weder mit der deutschen Orthographie, wo -s = ts^ 



GERMANISTENVERSAMLÜNG IN TÜBINGEN 247 

noch mit der italionisohon , yvo z = ts und ds, noch mit der spanischen, yfo z = 
engl. th. 

Je f^rö.sser die aufpibe, desto schwerer die Itisuii^'. \ ermessen wir nicht über 
kosmopolitisclien Schwärmereien unsere nächsten intcressen ! Darum ist v(in der 
nhd. orthoj,'raphie auszu>,'eheu und der ^nuiidsatz aufzustellen: 

I. Für jeden ein/.cllaut wird diejenige Schreibung, wolclie demselben in der 
nhil. Orthographie gewöhnl ch zukomt , immer beibehalten, wenn sie nicht (wie seh, 
ch , mi) mit den grundgesetzen einer wissenschaftlichen Orthographie in Wider- 
spruch steht. 

Um zu vermeiden, dass die druckereien eine menge neuer typen müssen 
schneiden lassen, was die auwendung der neuen orthograpliie erschweren würde, 
ist jeder laut, welciier bei der vorhin vorgesclilagenon Zeichenverteilung leer aus- 
geht (z. b. die mittelstufcn zwischen / und e, zwischen o und a, zwischen e und ä 
usw.) wdmitglicii durch den buchstaben des nächstverwantcn lautes darzustellen mit 
hinzufiigung eines nach bestimtem prinzip gewälten nebenzcichens. Im anscliluss 
an Kumpelt und au den bearbeitcr der elsässischen grammatik scldagc ich folgen- 
des vor: 

II. Wenn sich ein laut, für welchen die nhd. Orthographie kein besonderes 
zeichen besizt, von einem der laute, denen nach grundsatz I ein buchstabe zuge- 
teilt worden, blos dadurch unterscheidet, dass er seinen verschluss oder seine Ver- 
engung in der niundhöhle etwas weiter hinten hat, so erhält erden buchstaben des 
leztern mit beigefügtem \ 

So bezeichnet also t einen laut, dessen mundhöhlenverengung etwas weiter 
nach hinten liegt, als bei dem i in bibel, schrieb usw. Die vokalzeichen, die sich 
aus I und II ergeben , sind : 

u ü ö ä a ä ä k e t i 
ö 
ö 
ü 
ü 

Die allermeisten der nötigen Verbindungen mit ' sind in jeder druckerei vor- 
handen. Die hier vorgeschlagene Verwendung des ' ist also nicht blos streng syste- 
matisch, folglich auch leicht erlernbar, sondern auch möglichst wenig kostspielig, 
trotzdem dass sie sehr viel leistet. 

Am notwendigsten ist ausserdem ein nebenzeichen für die prosodie , nicht 
aber für die betonung, denn diese ist in allen mundarten wesentlich ganz dieselbe, 
während jene die auffallendsten Verschiedenheiten zeigt Wir brauchen blos die 
länge zu bezeichnen; jeder buchstabe, der kein längezeichen ! at, erweist sich schon 
dadurch allein als ein kurz zu sprechender. Die länge, nicht die kürze, wird aus- 
drücklich bezeichnet, weil kurze laute häutiger vorkommen als lange. Sowol '^ als" 
ist unbequem; in der so oft nötigen Verbindung mit ' gebrauchen die druckereien 
weder ' noch ' über irgend einem buchstaben, während hingegen ' und ^ (d. h. ' in 
Verbindung mit ') über den meisten vokalzeichen üblich sin<l. Im anschluss an die 
Orthographie des Altnordischen, des Tschechischen, des Magyarischen, des Altiri- 
schen und vieler lateinischer Inschriften schlage ich vor: 

III Die länge wird mit ' bezeichnet. 

Mit diesen drei grundsätzen genügt man den meisten der dringendsten anfor- 
derungen an eine wissenschaftliche dialektschreibung volkummen , ohne viele neue 
typen nötig zu machen. Im übrigen verweise ich auf meine beraerkungen über 



2-48 A. V. KELLER, GERMANlSTENVERS^VMLUNQ IN TÜBINGEN 

mundartliche ortliographic, welche tlemuächst in Froiiunaims deutschen Mundarten 
bd. 7 erseheinen werden. 

Die Sitzung: wurde um V-H ^dir geschlossen, um die teilnähme an der algc- 
nieiueu vcrsamlung zu ennögliehon. 

In der vierten sitzung (28. sept. , früh •.) uhr) wurde zuerst für die nächste 
versamlung in Wiesbaden zum ersten vorsitzer der i)rof. dr. Creizenach in 
Frankfurt am Main, zum zweiten dr. ]\Iax Rieger in Darmstadt gewählt. 

Der vorsitzer gibt sodann kentnis von begrüssenden schreiben der i>rofe8- 
soren Bechstein in Eostock und Fr an er in Stuttgart, welche bedauern, nicht per- 
sönlich sich an den Verhandlungen beteiligen zu können. 

Sodann mrd die tags zuvor abgebrochene Verhandlung über die Vereinbarung 
einer phonetischen Schreibweise für dialektforschung wider aufgenommen und auf 
den antrag des vorsitzers beschlossen , für die nächste versamlung in "Wiesbaden 
den gegenständ zu weiterer Verhandlung und womöglich zum abschlusse dudurch 
vorzubereiten, dass bestirnt formulierte antrage gedruckt und zeitig verteilt werden. 
Diese antrage sollen womöglich etwa bis zum 1. juni den commissionsmitgliedern 
gedruckt vorliegen. Sodann wurde für angemessen erachtet, die in Rostock gewählte, 
nur aus norddeutschen mitgliedern zusammengesezte commission durch süddeutsche 
zu ergänzen. Unter dem vorsitz von prof. dr. Holland wird nun zur ergiinzuug der 
commission gewählt dr. Iv. F rommann in Nürnberg und prof. dr. v. Keller in 
Tübingen. Ferner wird zum vorsitzer dieser commission prof. dr. Sachs in Bran- 
denburg bestirnt. 

Darauf wurde die versamlung mit einigen abschiedsworten des ersten vor- 
sitzers geschlossen. Die angelegenheit des schweizerischen Idiotikons , welche zwei- 
mal auf der tagesordnung gestanden hatte, konte nicht zur Verhandlung kommen, 
weil die erwarteten Vertreter der sache aus der Schweiz nicht erschienen waren. 

TtJBlNGEN. ADELBERT VON KELLER. 



TACITUS GERMANIA VON A. BAUMSTAEK. 

Autoii Baumstark, urdeutsche staatsalterthümer zur schützenden 
erläuterung der Germania des Tacitus. Berlin, Weber 1873. XX, 
978 s. 8. n. Vj^ thlr. 

Anton Baumstark, ausführliche erläuterung des allgemeinen theiles 
der (iermania des Tacitus. Leipzig, Weigel. 1875. XXIV, 744 s. 8. 
n. 15 m. 

Com. Taeiti Germania, besonders für studierende erläutert von 
iinton Baumstark. Leipzig, Weigel. 1876. XVI, 148 s. 8. n. 2 m. 

Prof. Baumstark in Freiburg i/B. hat bekantlich seine langjährigen studien 
zu Tacitus in jüngster zeit durch mehrere schritten der gelehrten weit zur kentnis 
gebracht. Die erste umfangreiche publication waren , wenn wir nicht irren , seine 
„urdeutscheu Staatsalterthümer" (Berlin 1873); ihr folgte die ausführliche „Erl.äu- 
terung des allgemeinen Theiles der Germania dos Tacitus,'* (Leipzig 1875, Wei- 
gel) und ein jähr später die besonders für studierende berechnete ausgäbe der 
„Germania" (Leipzig 1876, Weigol); leztere enthält das facit der in vorher genan- 
ter Schrift niedergelegten ausführlicheren Untersuchungen sowol in kritischer als in 



MAHLY, ÜBER BAUMSTAKK , ZUR GERMANIA 249 

excj,'etisclier hiusicht. Um mit dor text-»usgabe zu bot'iuncn, so geniijjt diese wenig- 
stens für den einen /.werk, die art des Verfassers kennen zu lernen und zwar 
sowol im algonieinen als sjteciel in der beluiudlnng des Tacitus. Baumstark gehört 
zu denjenigen gelehrten . deren gci.-tiger ty|>us siih sofort in schärfster ausprägung 
zu erkennen gibt. Mild untl llebens\?iirdig ist nun diese art allerdings nicht; 
Haumstark ist ni.ht der mann der Vermittlung und anb»Miuemung, er geht uner- 
bittlieh zu gericht mit peisonen un<l dingen, die seinem gesehuiack oder seinem 
wissenschaftliehen gewissen antipathisoh sind, und es ist natiirlieh, dass ein so 
schroft'es schneidiges gebahren nicht dazu angetan ist, ihm viele freunde zu erwecken. 
Wir sind auch weit entfernt, sein auftreten und seinen ton zu billigen. Dass er 
«wischen grossen uiul kleinen keinen unterschied macht und über alle gleich unbarm- 
herzig sein verdict abgibt, kann ihm noch einigerniasscn als verdienst angerechnet 
werden, aber die art, wie er gerieht übt, ist deswegen doch nicht die richtige 
und solte nachgerade, nachdem die i>hilologisc}ie Streitsucht durch jalirliunderte 
hindurch sich hii\länglich discrcditicrt hat; in unserem lium;inercn Zeitalter sich 
ansgelebt halx^n. Eine anthologie von abschätzigen urteilen, derbheilen, naivitäten 
und maliion. wie sie hier den betreffenden und sicherlich auch betroffenen gelehr- 
ten gewunden und dem erstaunten leser vor äugen gelührt wird, ist nicht so ott 
schon dagewesen; des Verfassers Virtuosität in diesem capitel ist eine wahrhaft 
erstaunliche, und wenn seine kritische schärfe der der aggressiven fechtkunst, worin 
er excelliert, ebenbürtig ist, so müssen seine taciteischen Icistungen etwas ganz 
nngewöhnl'ches sein. Freilich würde mnn dem Verfasser unrecht tun, wenn man 
um der genanten anrüchigen Originalität willen auch über seine wissenschaft- 
liche Persönlichkeit sofort den stab brechen wolle; es ist dies leider aber gesche- 
hen und geschieht noch, und ein guter teil der Verbitterung, die dem Verfasser 
eigentümlich ist, rührt sicherlich von jener Ungerechtigkeit seiner gegner her, die 
das kind mit dem bade ausschütten. Wir verzichten hier, trotz sorgfältiger lectüre 
der beiden Tacituspublicationen , darauf, die Streitpunkte und die art wie sie ent- 
schieden werden, an- und auszuführen — es würde ein drittes umfangreiches buch 
geben — aber wir scheuen nicht es auszusprechen, dass im ganzen und grossen 
hier eine leistung vorliegt, die nicht vornehm ignoriert werden darf, eine leistling, 
mit der jeder philologe und gcschichtsforscher, den sein weg zum Tacitus oder ins 
alte Germanien führt, sich wird auseinanderzusetzen haben, eine solche ferner, die 
den Verfasser volkommen zu dem ausspruch berechtigte, dass er „nicht auf dem 
ausgetretenen wege anderer wandle"; und zwar gilt dieser ausspruch durchaus 
nicht nur der oben gerügten ureigentümlichkeit des Verfassers, sondern seiner wis- 
senschaftlichen leistung und seinen wirklichen Verdiensten um den Schriftsteller. 
In dem sehr umfangreichen buche der erläuterungen ^744 selten) ist auch qualita- 
tiv sehr gutes , ja bedeutendes geloi>tet , und in betreff der quantität wird man dem 
Verfasser wenigstens das lob nicht vorenthalten können , dass er mit erschöpfender 
genaaigkeit die gesamte einschlägige litteratur nicht blos gesammelt, sondern auch 
verwertet und (freilich oft nach sehr subjectiven grundsätzen) gesichtet hat. Von 
einer blossen aufspeicheruug des gelehrt'^n materials ist hier keine rede: der Ver- 
fasser hat geprüft und gewogen und sein resultat ist durchaus selbständig, von ihm 
selbst gezogen, durch berechnung gewonnen, nicht anderen vormänneni im zehn- 
ten und zwölften glied nachgesprochen. "Wir besitzen an den Baumstarkschen erläu- 
terungen ohne allen zweifei die erste volständige und erschöpfende erklärung der 
Genuania, soweit unsere heutigen mittel zu einer solchen reichen. Und zwar — 
was ein ganz eminenter Vorzug der publication ist — das real - germanistische ist 



250 MAHLT 

mit derselben Sorgfalt beliamlelt, wie das dem klassischen philologen zukommende 
material. Kein klassischer jjhilologe hat bisher so umfangreiche und gründliche 
Studien zur Germania — wir wollen nicht sagen, gemacht (denn das wissen wir 
nicht) — aber veröffentlicht. Und Baumstark hat auch in durchaus erlaubter und 
empfehlenswerter weise seinen lesern und ihren Avolberechtigten anforderungen rech- 
nung getragen, nicht ihrer donlifaulen be«iuemlichkeit vorsclmb geleistet, nein, 
aber ihnen das nachdenken möglich gemacht, nicht durch vornehme knappheit 
erschwert, wie lezteres entschieden aiüllonhoff in seiner „Germania antiqua'* getan 
hat. Hier steht der leser, und selbst der philologisch gebildete, ja gelehrte, der 
nicht gerade specielle Studien zu Ptolemäus geographie oder zu der taliula Peutin- 
geraua oder zu der notitia gentium gemacht hat (wie Herr MüUenhoff behufs sei- 
ner germanischen altertümer) vor dem unerquicklichen zeichen- und zahlenwerk 
ratlos wie vor hieroglypheu da, und kann sich höchstens über die kühle Verschlos- 
senheit des hierophanton von herausgeber ärgern, der seine profunde Weisheit 
„post Mauricium Hauptium'* für sich behält. Mit recht nent Baumstark in seiner 
vorrede zum grösseren werk des Tacitus Germania einen „litterarischen tummel- 
platz wie kaum ein anderer,'' da sie „von den klassischen philologen , von den ger- 
manistischen Philologen, von den Juristen, von den historikern um die wette behan- 
delt und mit steigender subtilität gesunder und ungesunder art ausgelegt und aus- 
gepresst ist." Ob sie jemals freilich von einem einzelnen, nach allen ihren 
gesichtspunkten so erklärt werden wird, dass das ideal der exegese dadurch erreicht 
wird, steht zu bezweifeln: der Germanist wird immer an dem Eomanisten, und 
dieser an jenem etwas auszusetzen haben. Auch Baumstark ist eben, trotz seiner 
germanistischen Studien, mehr klassischer philologe, aber liier hat er, trotz seinen 
zum teil bedeutenden Vorgängern, durchaus nichts überflüssiges getan, sondern recht 
gut^s geleistet, war es auch nur (was aber nicht der fall ist) negativ in der abwehr 
falscher und überflüssiger conjecturen, womit Tacitus heimgesucht worden ist. In 
der textkr'tik ist Baumstark stark conservativ, stärker als das unbefangene Judicium 
es gutheissen kann; er lässt kaum einmal notgedrungen der conjecturalkritik ihr 
recht und selbst dann mit einer art Verdrossenheit über den zwang, den sein gesun- 
des*1irteil seiner conservativen scheu und gläubigkeit antut — aber er hat doch 
auch, wie uns scheint, mit glück die Überlieferung gegen solche soit-disant 
Tcrbesserungen (heisse der autor derselben Lachmann oder Rhenanus) verteidigt, 
die seit lange schon canonisch geworden waren. (S. cap. III nee tarn voces illae 
quam virtutis concentus videntur und c. 21 victus inter hospites comis). Als 
gegengewicht gegen die emendationsbereitwilligkeit, die sich allerdings etwas zu 
"PPi? geberdete, statt bei diesem unberechenbaren original von schriftsteiler so 
bescheiden wie möglich zu sein , mag der Baumstarksche conservatismus seine 
berechtigung haben, und wenn er zuversichtlich sagt (vorrede zur ausgäbe s. IV) 
dass „der text der Germania in dieser ausgäbe seit langer zeit wider zum 
ersten mal so erscheint, wie ihn die handschriften „berechtigen" (ein sehr 
unberechtigtes deutsch, wie noch vieles andere auf diesem gebiet in der textaus- 
gabc, z. b. „sein freund und teilnehmer in der beredsamkeit," man ,,mus8 also 
bekennen" s. \1II, „wir dürfen sonach überzeugt sein" s. X, wo beidemal die 
berechtigung zu diesen schlusspartikeln volständig mangelte, „aus starker autop- 
sie," 8. XI, auch klingt sonderbar „die grosse bedoutung und köstlichkeit der 
Taciteischen Germania," die „dunkeln" fortschritte der Griechen u. a. m.) — wenn 
er also dies behauptet, so ist die behauptnng zwar richtig (immerhin niit ausnahmen, 
denn z. b, cap, 30 schreibt Baumstark gegen die besseren handschriften ratione 



ÜBER BAUMSTARK, ZUR GERMANIA 251 

disciplinae statt Romaiiae disciplinac), aber es müstc erst bewiesen worden, das« 
es für Tacitus solche nnd so niassgfebende bandschrifteii überhaupt nur gibt. Nun 
ist dies allerdings der fall : der Vaticanu>; und der Leidensis sind in ihrer art vor- 
trefflich, aber gerade darum hätte der Verfasser sieh auch ausschliesslich oder wenig- 
stens in der grossen niajo'rität der zweifelhaften fälle an sie anschliessen sollen : 
er hat dies nicht in wünschbarcin masse getan , so dass seine kritik , so conserva- 
tiv sie auch ist, doch einen eklektischen Charakter trägt (d. h. einen Widerspruch in 
sich selbst). Oder Baumstark hätte beweisen müssen , dass die beiden genanten 
handschriften die ihnen algemein eingeräumte priorität nicht beanspruchen dürfen. 
Dagegen hat er an einigen brispielen bewiesen, dass eine richtige interpunction 
hie. und da für die kritik (und auch crklärungj erspriesslich sein kann (vgl. ca]». .0 
pecorum fecunda. Sed plerumque improcera; und ebenda: Quamquam proximi usw., 
das heisst quamquam zu anfaug eines neuen satzes). 8ehr kühn ist für einen kri- 
tiker von Baumstarks grundsätzen in cap. 10 die aufnähme der abscisi crines 
(wozu MüUenhotf: libri non nulli) der ehebrecherinnen, statt des viel besser beglau- 
bigten (aber auch von Müllenholf verschmähten) accisi, als ob dies leztere nicht 
auch dem sinne nach vollständig entspräche ; während z. b. in demselben capitel, 
unserem dafürhalten nach, der satz: Publicatae enim pudicitiae (den Baumstark 
principiell in dieser fassung hat stehen bissen) durch keine interpretationskünstc 
gehalten werden kann; einen zum Zusammenhang passenden sinn finden wir nur in: 
Publicatae etiam pudicitiae, was wir hiermit unseren fachgenossen uns vorzu- 
schlagen erlauben. (Es ist nämlich augenscheinlich zuerst von den ehebrecherinnen, 
also frauen, dann aber von den buhlenden mädchen die rede). Über die „selbst 
ins närrische gehenden" versuche der kritiker, in die worte des 45. cap. quae vicini 
solis radiis expressa usw. syntax und verstand zu bringen ist Baumstark in der 
ausgäbe sehr kurz, so kurz, dass er sogar das adjectiv vicini, das alle hand- 
schriften bieten , ohne irgend welche entschuldigung (absichtlich oder zufällig?) 
weglässt. Wir erlauben uns gleichwohl, das capitel jener „narrheit" um einen 
beitrag zu vermehren und, die corruptel sciion im vorhergehenden vermutend, von 
anacoluth und auch ein wenig stylistischer albernheit dadurch den Tacitus zu ent- 
lasten , dass wir schreiben: Fecundiora igitur nemora lucosque et, sicut orientis 
secretis, ubi tura balsamaquo sudantur, ita occidentis insulis terrisque inesse credi- 

derim quae vicini solis radiis exjtressa labuntur usw.; wo fecundiora 

nemora lucosque gleichfalls vun crediderim abhängig und der ganze satz 
quae .... labuntur subject zu inesse ist. Wie dagegen in demselben capitel 
Baumstark ruhig die ,, narrheit" des Tacitus verdauen konte, der unmittelbar 
nachdem er von dem Sonnengott gesprochen, ihn formas deorura zeigen lässt, 
ist unbegreiflich, und dass equorum zu stehen habe, drängt sich jedem von sel- 
ber auf; nicht ganz von selber, aber doch, sobald ein anderer sie gemacht, mit 
Überzeugung die corrcctur des horrentem capillum retorquent (statt retiorsum 
sequuntur, cap. 38), und ich empfehle hiemit diese, hotfentlich meine Verbesse- 
rung meinen fachgenossen. In dem>elben capitel findet sich übrigens ein unerquick- 
liches, höchst geschraubtes und selbst für einen Tacitus zu gewagtes finale: neque 
enim ut ament amenturve, in altitudinem quandam et terrorem adituri bella compti 
ut hostium oculis ornantur, wo Lachmanns comptius allerdings durch einen 
strich vieles milderte. Indessen fehlt jezt dem gegensatz doch, in folge der merk- 
würdigen Wortstellung, die rechte pointe. Darum schlagen wir vor: neque enim 
ut ament amenturve in altitud. quandam et terrorem .... compti sunt: hostium 
oculis ornantur, wo das asyndeton die kraft des gegensatzes noch erheblich ver- 



252 Mahlt, i-ber baumstark, zur GERMAm.v 

mehrt. Auch möchten wir, trotz ilcr ,, unorganischen rohlicit," welche sich Taci- 
tus auch sonst erlauben soll, ihn doch gern wenigstens von einem bcispiel einer 
solchen freisprechen, dem anstössigen infinitivus historicus nämlich in eineju relativ- 
satze cap. 7 unde l'emina'um nlulatus audiri, unde vagitus infantium. Die beiden 
andern fälle, wo Tacitus sich dieses erlaubt haben soll, sind unsicher, beweisen 
daher nichts: ich möchte schreiben: unde femiuaruni ululatQs est audiro, usw. 
Für die schwachen selten und blossen seines Schriftstellers ist Baumstark, wie wir 
so eben gesehen haben, nicht blind, und was er ihm alles vorwirft, ist nicht unbe- 
gründet: dass er beispielsweise ,, unlogisch" verfahre (cap. 6), dass er sich vom 
„phantastischen" beherschen lasse (cap. 19), dass es ihm an ,, psychologischem ein- 
blick" vsie!) fehle, (dieses allerdings in einem bestirnten falle cap. 20), dass er sich 
„mehr vom gefühl als vom verstand leiten lasse" (cap. 26), dass er „bis zur Unge- 
reimtheit^' den grossen culturabstand zwischen Rom und Germanien ignoriere, usw. 
Wir stehen auch nicht an, dem Verfasser recht zu geben, wenn er die Germania 
als eine nicht blos belehrende schrift auffasst, in dem sinne nämlich, dass Tacitus 
nicht blos der rhetorik, sondern auch dem poetischen moment einen einfluss ver- 
stattet, d. h. romanhaftes eingemischt habe (besser vielleicht hätte Baumstark 
,, romantisches" gesagt). ,, Ethisch -politischen erguss" nennt er diesen factor in 
den Vorbemerkungen s. XV. Aber ist denn das wirklich ein und dasselbe? Nur 
insofern jenes romantische der geistigen und psychischen Stimmung des geschicht- 
schreibers, der seine bilder aus natürlichem antrieb mit warmen, zum gemüt spre- 
chenden färben sättigt, entspricht, gleichsam ihr äusserer reflex ist. Überhaupt 
hat der Verfasser die persönliche und sachliche kritik in freistem masse (gegenüber 
seinen mitarbeitern in alzufreiem) geübt, ohne Voreingenommenheit von irgend wel- 
chen fixen ideen oder unbewiesenen axiomen oder dem ,, frommen" kinderglauben 
an landläufige Überlieferungen. Eine eingehende detailkritik seiner arbeit zu lie- 
fern, ist nicht dieses ortes, soviel aber getrauen wir uns zu sagen, dass selbst die 
zahlreichen auswüchse subjectivster und nicht immer humaner erapfindungen, welche 
den ethischen eindruck beeinträchtigen, in keiner weise das wissenschaftlich 
günstige endurteil abschwäclien können und sollen, und dieses urteil lautet dahin, 
dass Baumstarks leistungen für Tacitus von gesundem urteil, feiner sprachkentnis 
und imposanter gelehrsamkeit zeugen und für die erklärung der Germania fortan 
nicht mehr zu entbehren sind Lezteres kann von gewissen andern specialausgaben 
neuester zeit, die vor lauter indogermanischer g lehrsamkeit allen sicheren halt und 
sowohl den germanischen boden vun land und leuten als den römischen des zu 
erklärenden Schriftstellers verlieren, nicht behauptet werden. 

BASEL. J. MÄIILY. 



zu DEM DEUTSCHEN PILATUSGEDICHT. 

TEXT, SPIiACHE UND HEIMAT. 

Das bruchstück eines deutschen Pilatusgedichtes, welches die 
Strassburgev 1870 verbrante handschrift C. V. IG.'' auf ihren lezten 
zwei blättern (29* — SO*") gab, ist gleich dem übrigen inlialt dersel- 
ben nicht besonders sorgfältig geschrieben. Es bietet daher kritischer 
betrachtung manchen stoff, und da sich dieselbe bisher dem anziehen- 
den stücke nicht eingehender zuwante, mag eine prüfung des textes im 
folgenden versucht werden. 

Den ersten abdruck brachte Mone in seinem Anzeiger für Kunde 
deutscher Vorzeit IV. 434 — 44G (1835). Für die einleitung hat 
W. Wackernagel im Altdeutschen Lesebuche (1838) schon manches 
getan : weniges liatte Massmann in seinem abdruck des ganzen fragments 
in den Deutschen Gedichten des 12. Jahrhunderts L 145 — 152 (1836/7J 
gebessert. Die mir ausserdem bekanten besserungen und mutmas- 
sungen anderer liabe ich, so weit sie beachtung verdienten, ange- 
merkt. 

Über die Pilatussage habe ich hier nicht zu handeln ; ich verweise 
auf W. C reizen ach Legenden und Sagen von Pilatus in Paul- Braune 
Beiträgen I, s. 89— 107 und A. Schönbach in dem Anzeiger für deut- 
sches Alterthum und deutsche Litteratur TT. 166 — 212. Schönbach hat 
auch richtig ausgeführt, dass der deutsche dichter seinen geschicht- 
lichen Inhalt aus der lateinischen Pilatusprosa entlehnt hat (a. a. o. 
186—195); nur glaube ich aus manchen einzelnen berühruugen mit 
dem lateinischen Pilatusgedicht folgern zu müssen , dass auch dieses, 
welches bald nach der prosa entstund, unserm landsmann nicht unbe- 
kant war. 



Das deutsche gedieht ist nur zum kleinen teil erhalten, denn die 
geschichte des Pilatus reicht nur bis zum entschluss des Herodes, den 
als völkerbewältiger berühmt gewordenen beiden zum zwingherren der 
Juden zu berufen. Der Schreiber hörte im 621. verse auf; eine jüngere 
unverständige band sezte dann hinzu hi ist us jjilatus. 

ZEiXäCHR. F. DBUTSCHE PHLLOLOOIK. BD. VHI. 1 7 



254 weinhoIjD 

Vou den 621 verseu gehören 176 nicht der geschichte des Pila- 
tus, sondern der einleitiing des deutscheu dichters an.' Der inhalt der- i 
selben ist folgender. ^m 

Von 1 — 19 spricht der Verfasser über die Schwierigkeit des dich- 
tens in deutscher spräche; von 20—60 fuhrt er aus, dass er den 
ersten sin, der von gott komt, zu seinem gründe genommen und seine 
eigenen gedankeu daraus abgeleitet habe. In solcher art wolle er seine 
spröde kunst bilden. Von 61 — 65 folgt die anrufung gottes um Sen- 
dung des heiligen geistes für die geschichte , welche zur zeit geschah, 
als gottes söhn von der mutter und Jungfrau geboren worden war. Das 
lob Marien wird nun gesungen i^G — 114 und die Jungfrau um die 
tahigkeit, sie recht zu loben, gebeten 115-119. Darauf wird ihr lob 
weiter verkündet. 12o — 142. In ihrem namen möge ihm nun, schliesst 
der dichter, die erzählung gelingen, die er vou ihrem kinde in einem 
buche las. Er wolle reden von denen, die durch ihre anschlage den 
tod des gottessohnes veranlassten . und von dem, der ihm den tod gab. 
Er beginne mit der gehurt dieses mauues und werde seine geschichte 
bis zu ende führen, 143 — 170. 

Wenn man die abschweifung zu ehren Marien, welche die com- 
positiou eigentlich zersprengt;, abzieht, so bleibt als inhalt der einlei- 
tung: bei dem ungefügen sprachstoffe und bei seiner geringen kunst 
bedürfe der dichter für sein hohes ziel der hilfe des gottesgeistes und 
des beistandes der gottesmutter. 

Die bitte zu gott oder der heiligen Jungfrau um ihren beistand, 
welche der antiken anrufung der muse entspricht, begegnet bekantlich 
häufig in den geistlichen und halbgeistlichen dichtungen des 12 — 13. 
Jahrhunderts. 

Auf die hilfe gottes vertrauend beginnen die dichter der Wiener 
Genesis, des Angeuge , Konrad im Kolandsliede wie der Stricker im 
Karl , Konrad von Fussesbrunn in der Kindheit Jesu , Wolfram im Wil- 
helm, Rudolf im Barlam, der dichter des Mai. Nur mit den kurzen 
Worten In des almeldigen gotis minne hebt der dichter der Kaiser- 
chronik sein grosses werk an. 

Gott und den heiligen geist rufen der dichter des Wiener Exodus 

« 

und Hartmann im Glauben an. An Maria wenden sich Wernher am 

anfang der Marienlieder und der dichter des Jüdel als zu der fürbitte- 

rin bei gott. Zu dem heiligen geist rufen der dichter der ürstende und 

der wilde mann in der Veronica: derselbe wendet sich in djßm gedieht 

von der gierheit an den heiligen engel. 

Ij Sehr ungehörig hat Massmann in seinem druck die einleitnng und die 
gsechichte verschieden beziffert. Wir citieren nach der durchlaufenden verszahl , die 
für die geschieht« durch die addierung der Massmannschen ziffer zu 176 zu finden ist. 



ZUM PILATUSGEDICHT 255 

Begründet wird die bitte um Weisheit, um die rechten gedauken 
und die fähigkeit, die spräche richtig zu brauchen, durch das geständ- 
nis der eigenen schwäche, welche ohne den höheren beistand nichts 
leisten könne. Dies ITilirt namentlicli der Pilatusdicliter aus, und mit 
gesteigerter kunst AVolfram und Ixudolf in ilireu geistlichen genanten 
dichtungen. Mit hiiiweisung auf seine bisherige weltliche kunstübung 
lieht Konrad von Fussesbrunn um gottes hilfe für das fromme gedieht, 
durch welches er die frühere weltliclie poesie büssen wolle. Um Ver- 
leihung des wistuom zur richtigen Übersetzung des lateinischen buches 
bittet im besondern der dichter des Exodus; Wolfram betet um den 
rechten verstand, um die beste französische geschichte, die des treuen 
gottesritters Wilhelm, widergeben zu können. Unser dichter fleht zu 
Maiia, damit ihm die richtige Übertragung (enlinden) des lateinischen 
buches gelinge. 

Die Spielleute haben selbst in den halblegendarischen gedichten 
diese anrufung nicht; ebenso nicht die höfischen epiker, Heinrich von 
Veldeke voran. Hier enthalten die einloitungen , sofern nicht auf sie 
überhaupt verzichtet ist, andre gedanken. Meistens empfehlen die dich- 
ter mit mehr oder minder kunstreicher gesprächigkeit ihr werk durch 
den zweck und nutzen desselben; dabei fallen seiteuhiebe auf die 
nidccrCj spotteere -und velschccre ; auch die dichter anderer richtungen 
werden unsanft gestreift. In den geistlichen dichtungen der höfischen 
zeit ist mit geringen ausnahmen (Wolfram, Rudolf) die hilfe gottes 
oder der heiligen für die arbeit auch nicht mehr nötig gefunden. Das 
algemeine und das persönliclie schuldbewustsein, die hervorhebung der 
leistung eines guten Werkes durch das fromme gedieht und die hier- 
durch und durch fürbitte der leser zu hoffende gnade machen nunmehr 
den Inhalt der einleitung aus. 

Ich gehe zunächst den text durch und äussere mich dann über 
den Stil, die spräche und die heimat des dichters. 



1. Der iexi. 

Die ersten 13 verse des Pilatus hat M. Haupt -zu Moriz von Craon 
1778 in normalisiertes mittelhochdeutsch herzustellen gesucht. Er ver- 
wies dabei auf den ähnlichen gedanken über die armut der deutschen 
spräche in jenem gedieht : tiiitschiu zunge diu ist am. siver darin tvil 
tihten, sol die rede sich rihten, so muoz er woH spalten und zwei 
zesamene valteu : ferner auf eine stelle in Oberlins Beichtbuch s. 36: 
tiiitschiu zunge ist vil armer an dehein ding ze hescheidenne denne 
lathie. Die klage über die zum latein verglichene ungefügigkeit des 

17* 



256 WEINHOLD 

deutschen entfuhr geistlichen dichtem überhaupt als frommer stossseufzer. 
Schon Otfrieds worte in der widmuiig an den erzbischof Liutbert gehö- 
ren hierher: hujus enim Juiyuai' harharies ut est incidta et indiscipli- 
nahUis atque insueta capi regidari frvno grammaticae artis^ und wei- 
terhin : Ungua haec veJut agrcstis habetur. Deutschgesinter freilich 
spricht Otfried in dem deutschen gedieht selbst 1. 1, 35 nist si (fren- 
kisga zunga) so gisungan, mit regulu bithuungan, si habet doh thia 
rihti in sc6)wru stihfi. Icli führe ferner an Angenge 5, 78 er hat ouh 
audersica michcl bezeichenunge, die man mit tiuseher zimge niht mag 
errcchcn. 

1. dufischrr hs. ; des versbaus wegen schreibe ich die im 12. jh. 
schon geläutige syncopierte form dütscher; Haupt schrieb diutscher. 

2. dwingen, bedivingen hat die bedeutung von bändigen, mit 
zwingender pflege ausbilden : vgl. im algemeiueren sinne di (ere) dwanc 
er also stre unz er si üf baz getreib Pilat. 458 ; dann besonders für die 
bewältiguug und ausbildung der spräche, die gestaltung eines sprach- 
lichen dichterischen Stoffes: des (//. Servaejen) leben wolt ich twin- 
gen , möht ichz immer bringen zuo der tiuschen zungen Servat. 39. 
mhi herze hat betwiingen vil dicke mhie zungen Greg. 1. als iz an 
dem bliche gescribin stät in francischer zungen, so hän ich iz in die 
lati)i€ bedwimgen , danne in die tütiske gekeret Rol. 310, 11. doh was 
diu rede betivungen in ebreische zungen unz an Sant Jeronimum, der 
tet daz durh den gotes sun urd durh zweier biscofe rät , daz er daz liet 
gealtert hat in die senften lattne Wernh. Mar. 148, 13 (Fundgr. Tl.). 
Ähnlich wird betivengen gebraucht: vgl. Krolw. 4564 durh waz Hein- 
rich hdstu die rede gelenget, die got hat betwenget imt die er so nähe 
beslöz daz ir nieman bedroz unter herbeiziehung von 4570 got künde 
tvol tihten und vil baz dan ich kan. — unbedivimgen bedeutet hier 
also incidta, indiscipAinata. 

3. Zu diesem technischen ausdruck poetischer arbeit vgl. Alex. 3. 
daz liet — sin gevuge ist vil gereht. Herb. 48 diz buch ist franzoys 
unde ivalsch , sin vüge ist ganz und äne valsch. — Über altes ö im 
chattischen und ripuarischen meine Mhd. Gr. § 77. 

6. Zweisilbige auftacte kommen im gedieht mehrfach vor; zu 
lesen ist als dem stale ir geschehe. 

7. der in Haupt. — gezowe in der besondern bedeutung von 
Schmiedewerkzeug Alex. 1056. 

8. anehou , amboss, sonst nur aus dem Folzischen spruch von 
allerlei hausrat bekant, Fastnachtssp. Ill, 1219. 

9. bert, er wirt gebougo Haupt. Nach den conjunctiven in vv. 4. 
0. 6 wii'd auch hier der conj. stehn müssen, daher lese ich berte, er 



ZUM PILATUSGEDICHT 257 

lüurde gebouge. gehouge, biegsam, ein mitteldeutsches wort, aus Herb. 
157 und unserm gedieht 9. 555. 6()0 belegt. 

lu. goiouge, wie ich es auch fertig bringe , ausführe. Das unver- 
schobene t in ganz gloiclier weise bei Herbort 5534 im subst. gctouge 
= gezowe. Vgl. meine Mittelhochd. Grammat. § 179. Die form go 

des prätixes ist md. auch sonst nachzuweisen, vgl. goivbn Höfer Urk. 
II, 37 (1316. Wildgraf), gofor gohangen gohucnissr gomerJce goselle 
ingosygcl gosazzef gowande Hessisches Urkundenb. III. 1024 (Aisbach 
1333). gohoti Schröer lat. deutsch. Vocab. nr. 1062. 

11. Zu dem spannen und dene)i, der gedanken vgl. 54. 57. 

13. gedhenct hatte die lis. nach Mone und Wackernagel, ghede- 
net nach Massmann. — vi! creme prädicat zu ih, obwol ich geistig 
schwach, von geringen geistesgaben bin. Vergleich den kranken sin, 
die liranken sinne bei Walth. 22, 18. 76, 3. im Parziv. 141, 20. 109, 8; 
ferner mich lud von ir {der äventiure) verdrungen mm JcranJciii kiinsf 
und min sin Wigal. 297, 1. habe ich nu also kranken sin Pass. K. 
5, 87. min sin der ivere gar ze kranc, enivere gotes helfe niht Krolw. 
4662. sivie daz ich s7 an tvitzen kranc und ouch so lützel künste 
phlcge Martin. 1 , 6 und des ich mit kranken sinnen alhie wil begin- 
nen Bari. 4,9. 

14. gedanc nehme ich nicht für vorsatz, wie Mhd. Wb. 1, 622* 
geschieht, sondern für gedanken. geistige fähigkeit: vermögen meine 
fähigkeiten, vermag meine geistige kraft auszuhalteu. — mit himeli- 
schem touwe begiuz den minen gcdanch Wernh. Mar. 147, 5. 

15. Die md. endung der 1. sg. präs. in -en begegnet in diesem 
gedieht grade in der einleitung öfter im reim: gewonen : donen 58. 
i riechen : sprechen 75. hocken : trocken 78. nidervallen : allen 83. 
Ausser reim grifen 19. entläzen 56. geweichen 58. 

16. genenden = frevilheit 34; mäze ist bescheidenheit , schüch- 
terne bedenklichkeit, wie genenden kühnheit, keckes wagen. Auch der 
wilde mann flicht in die einleitung seiner Veronica, in der er über das 
bedürfnis der Unterstützung durch den heiligen geist redet, eine Sen- 
tenz ein 2, 32 so ivenne do genüget, d't hat genilch . und siver sich 
mit rehter mäze treget , dem inwirt niht wider saget. 

18. anläz anfang, beginnen, fehlt im Mhd. Wb. in dieser bedeu- 
tung; auch von Lexer ist unsere stelle übersehen und nur ein späterer 
beleg für den ausgangsort des Wettrennens gegeben. — Zu der dat. 
flexion -en iu sidhen Mhd. Gr. § 487. 

19. Vor. Ged. (Judith j 128, 19 da läz ivir dise rede stän unde 
grife wir daz liet an. Pass. 4, 60 so teil ich grifen an den stam. 
3, 50 daz ich grife an daz begin. Pass. K. 6, 5 ich grtf niht zu durh 



258 WEINHOLD 

lohen. Mart. 2, 84 und gnfen an daz mcere Iduoc. — vollcmunt fulle- 
munf , fiiiulament , griindstein, vgl. auch 32. 40. Grade in md. dicli- 
tungeü des 12. 13. jh. ist es in wirkliclier und übertragener bedeu- 
tung beliebt, Mhd. Wb. III, 430. Das wort, über das auch Grimm 
D. Wb. IV, 519 zu sehen, ist heute noch im Mosellande wie ober- 
sachsisch und thüringisch gekaut, E. Sommer Sagen aus Sachsen und 
Thüringen s. 172. 

20. sferJce die hs. nach Wackernagel und ^lassmann, sterken 
nacb Moue. — f^^id j ohne rasur aus munf gebessert, hat hier die bedeu- 
tung der poetischen erfindungsgabe. Zu vergleichen ist eine stelle in 
ßrun von Schonebeks gedieht 1093 so giinne mir lierre heiles, daz ich 
finde sidhen ftint daniite ich tu den lüten kunt dese vil spehen redewort. 

21. ich schreibe ersten aus metrischem gründe für eristen, da 
diese syncopierte form durch v. 31 gestüzt wird. Von dem ersten sinne 
handeln 31 fgg., von den daraus entspringenden sinnen v. 49 fgg. Aus 
dem göttlichen urgedanken zieht der mensch seine gedanken ab. 

26. fidJesteinj nur hier vorkommend, schwerlich mit fidlemunt 
gleichbedeutend , wie . AVackeruagel u. a. annahmen ; sondern die fulle- 
steine sind die füllsteine des 15. jahrh. , d. i. die kleinen zwischensteine 
z\nschen den grossen Werkstücken. Vgl. über Füllstein Weigand im 
D. AM). IV, 1, 521. 

27. voll ei st , hier die ausstattung, fülle, in drier henemede volleist 
ist er ein wärer got erkant Mart. 209, 32. An anderen stellen, z. b. 
Leysers pred. 21, 10 übersezt volleist die j^lcnitudo {7ih)Q(.oi.ta) derVuIgata. 

29. gemüt Mone, gemvot Wackernagel, ^e»m^ Massmann. Wenn 
gemiit richtig ist, kann es nur wie in den im Mhd. Wb. II, 1, 257* 
von Zarncke gesammelten stellen gleich ivol gemiiot stehen: fröhlich, 
erfreut. Da der dichter aber auf die zunähme seiner kunst und seiner 
geistigen -gaben durch die Übung ein besonderes gewicht legt, möchte 
ich vermuten, dass ursprünglich gemert stund. 

34. mit hs. , von Wackernagel schon in mm gebessert. 

35. sobald ich mich darauf richte. 

36. ganz ähnlich wird vane persönlich = vener, führer, verwant 
bei Frauenlob 106, 12 ir wäret kluoger witze ein van. Maria heisst 
der wiselösen hanier und ir leitvan GSchm. 975, öfter himelvane z. b. 
Mariengr. 125. j. Tit. 452. 

37. zeigen, als dialektliche Schreibung für zeichen schon von 
Wackernagel erkant. Über md. g = ch meine Mhd. Gr. § 205. 

38. ich kann ihn nicht erreichen, ihn nicht fassen und begreifen. 

39. da hs., daz Wackernagel. 

43. versezte betonung wie in v. 33. 



ZUM PILATUSGEDICHT 259 

45. aus Jesaias 9, G ,,uiid er beisset wunderbar" (Lutberj. Bcr 
wunderliche ist er genant Bari. 67, 34. er heizet heiJant nnt wunder- 
lich Angenge 5, 55. 

46. unihekreizen sebr seltenes wort. Zu dem inbalt Hartni. Glaub. 
115 — 121. MScb. Denkiu. XXXIV, 8. 

48. (jewerden (es ist syncopiert (/werden zu scbreiben, vgl. zu 
V. 58) vgl. aucb 151, ist der in geistlicben dicbtuugen beliebte ausdruck 
für entstebn, gescbatteu werden, u. a. Hartm. Gl. 71. Pass. K. 1, 26. 
133, 29. Krolw. 10. Gemeint ist liier die belebung und begeistung 
des menscben durcb gott: er (jap Ime (Adam) rehten sin^ er blies im 
sinen yeist in, daz er virnunffe wielte^ sin yehuht ime behielte Vor. 
Genes. 6, 20. sinen yeist er im inblies, michilen sin er im verliez 
Milst. Gen. 7, 22. 

19. Der göttlicbe atem ist der keim des menscblicben geistigen 
lebens. Der keim ist göttlicb, aber die daraus kommenden gedanken 
gehören dem menscben. 

50. di sint min. Ein subst. nach di zu ergänzen (Sprenger 
sezte iverc in dieser zeitschr. VII, 368) ist durchaus nicht notwendig. 
Aus dem vorausgehenden der selbe sin ergibt sich nach dem Zusammen- 
hang der stelle, dass unter di — di ih dar ahe han gezoyen, die 
sinne, gedanken zu verstehn sind. 

52. ich bin schon biegsamer und gewanter geworden als ich 
war; vgl. Herb. 88 fgg. und baneke mtnen sin darane, daz ich in 
bekere deste baz , iven der ist herte unde laz, ich wil in bieyen ob ich 
kan. Das zw. bongen, umgelautet böuyen , in heutigen md. dialecten 
begenj ist eine md. form. Es steht u. a. Pass. K. 237, 19 er was 
gereht (ds ein zein tmd wolde sich niht bongen. 

54. sich spannen j sich anspannen, sich eifrig worauf (aw, yiächy 
of) richten. 

55. beschiet, schied, ordnend sonderte. 

56. nentlazen die hs. nach Mone und Wackernagel , nentlozen 
nach Massmann : ich lasse mich nicht aus , ich lasse nicht nach. 

57. si lüolde an höhen ivitzen donen, darüf sich höhe ir wille 
spien Pass. 384, 73; vgl. auch Pilat. 13 ich tvil spannin mhien sin zö 
Piner rede an der ich bin an gedenet. 

58. zu schreiben ist syncopiert gweichen gwonen. In unserm 
gedieht tritt die syncopo im präfix ge vor tv regelmässig ein, vgl. 93. 
100. 149. 180. 185. 197. 280. 297. 352. 364. 471. 544. 561. 573. 598. 
Es ist daher auch in den wenigen fällen, in denen der Schreiber ge- 
vor w sezte, der vocal zu unterdrücken, so hier und 48. 304. 352. — 
Zum inbalt dieses verses vgl. Herb. 40 ez müz mir einzeln tropfen in, 



260 WEINHOLD 

das mir weichen sol den sin; von fitze ivirt der man gelart : der tropfe 
ist weich , der stein ist hart. 

60. wan der (sin) ist herte U7ide laz Herb. 90. oh er mir etwas 
zeiget daran ich ze laz hin gewesen und vergaz der mäze Kindh. Jes. 
102, 67. swaz er en franzoys davon gesprach , hin ich niht der witze 
laz, daz sage ich tiu sehen fürhaz Parz. 416, 29. der (von Yeldeke) 
wcere der witze auch niht so laz Wilh. 76, 26. 

61. ancgin im 12. 13. jahrb. nur in geistlicbeii dicbtuugen nacb- 
gewiesen: Anuol. , jüngstes Geriebt (Fundgr. II, 136), Mar. Himmelf. 771 
(Haupt Z.V.), PbilippsMarienl. 5108, Erlösung 1507, Elisabetb 8838. — 
Zu der anrufung in unsrer stelle vgl. Bari. 4, 18 sU du daz anegenge 
hist und daz ende hast erkant, so hiiit mir dhier helfe haut und ivis 
nu mhien sinnoi hi in nomine domini. hilf herre got verenden mir, 
des ich heginnen wil mit dir. 

72. Die gleicbe bedeutung von tagen, als aufgebender tag leucb- 
ten, erscheint gScbm. 140 Maria diu sam der morgensterne taget dem 
wiselösen her. Wartb. kr. 22, 11 (Simrock) der Dürengen herre hau 
wns tagen, so get im nach ein sunnenschhi, der edel üz Osterrich. — Du 
got der sunnen ohirgleste Scboneb, 6345. — Hellte als ein appelhoum^ 
der den waJt zieret sunder goum, also schonstü den lichten lach Scbo- 
nebek 440. 

73. Maria beisst ein liehtvaz in der vinster Wernb. 163, 16. 
in der vinster liuhterinne Eberh. v. Sax MS. 1, 30*. in der vinster- 
nisse ein lüter lieht lucern Marner MSH. 2, 242 ". Von ihr singt Keiu- 
raar v. Zweter du erliuhtest vinster naht als si mit sunnen si hetaget 
MSH. 2, 181'. In Levsers Pred. 95, 15 heisst es: nu erlühtet der 
mäne die vinster e naht als e tut unser vrowe sente Marie, die giht 
licht und genäde allen den die da ligen in der nacht der sünden. 

74. von Maria heisst es in gleicher weise Marienlied. 92, 86 si 
kan ir herze trenken mit liehe und ervühten, si kan den sin irWiten 
an hitzegrozer lügende scliin, Pass. 3, 64 und in mm herze giezest 
der wisheide vüchte. Vgl. ferner himelischiu frouwe, mit geistlichem 
touwe hegiuz den minen gedanch Wernb. Mar. 147, 25. der mit gnä- 
denncher vlüt min sele hat irvüchtet und an Vernunft irlüchtet 
.Jerosch. 18958. lesch uns den ewiclichen durst mit diner tugent vrüh- 
tic gSchm. 1336. 

irvbhtet, über md. ou für ü, iu Mhd. Gr. § 98. Die reimbindung 
lühtet : vühtet ist stehend, vgl. Urst. 117, 22. Pass. 371, 27. Engelh. 
100. gSchm. 671. 1793. 1909. trkr. 1153. 9997. Lobengr. 3683. 

78. hocken, gebeugt sein (nicht niederstürzen), ist als intrans. 
nur aus dieser stelle belegt. 



ZUM PILATUSÜEDKHT 2G1 

81. atvegic Moue, awegie Wackernagel, Massniaun. — äivcgic, 
vom wege abgekommen, wegelos, ist nur hier gefunden. — Si ist den 
ahcivisiycn cm ivcc Sclionebek 2331. 

83. Si ist den vdlenden ein stab und stat Sclioneb. 23:J2. 

87. Der Vorschlag Sprengers in dieser ztschr. VII, 3r»8, statt des 
gen. pl. den gen. sg. unseres viendes zu setzen, ist unnötig; vgl. da er 
unser mande inne gewaUecUche ervaht Gräzer Litan. (Fundgr. II , 220, 
39). darinne er unser vmnde irvaht Strassb. Lit. 283. sterke uns cran- 
Tien hit dinem geleide , dat wir zu geistUchem stride dugen inde unse 
vinde verwinnen mugen Marienl. 07, 24. Auch Br. Rertholds predigt 
über Ps. 123, 7 anima nostra sicut passer erepta est de laqueo venan- 
tium, worin demgemilss über die seJien striche der jagenden tiuvel 
gehandelt wird (Pfeiffers Ausg. s. 462 fgg., dazu die Predigten ebd. 
408 fgg., 474 fgg.), mag daran erinnern, dass man nicht bloss von 
einem einzelnen teufel wüste. Über die teuflischen gehende, heien, kete- 
nen, seil j stricke, zoumhefte, die auch aus mittelalterlichen bild werken 
nacbgewiesen werden könten, vgl. (irimm Myth. 904. Heinzel zu Heinr. 
Erinn. 710. Pfaffenl. 717. Rödiger in Haupts Z. XIX, 319. 

87. 88. Die gleiche gedankenfolge bei Reinmar v. Zweter du 
portnerin vor lieüehayiden , gar si'mder tröst MSH. 2, ISl''. 

91. gut ende hs. , von Wackeruagel gebessert. 

92. dem Mone nach der hs., den Wackern. Massm. — Über 
die typische vergleichung Marias mit Sonnenschein und sounenglanz 
W. Grimm in der gSchm. XXXVIII. 

96. Der wahre Sonnenschein der Jungfrau ist ihre keuscbheit, 
vgl. Mariengrüsse 124 sunnenscMn izt din geivcete, so gar was diu 
kiusche stcete. Daher reiht sich hier auch an das gleichnis von der 
sonne das von der lilie. Zu dem lilieugleichnis gSchm. XLII. 

99. lidigeren Massm. ledigeren Mone , Wackeru. Zu der vocal- 
schwächung des suffix -in vgl. clüseneren : meren Elis. 6479. — Vgl. 
aus dem Hymnus Ave maris Stella die worte solve vincla reis, ferner 
Mart. 80, 50 unser Sünden ledigcerin , und Arnstein. Ml. 150 hilf mir 
hit flize daz ich die helleivize niemer ne rellde, Wernh. Mar. 163, 12 
allez manneschunne ienoch ze helle hrunne, iväre in diu maget niht 
chomen y diu sie üzer not hat gnomen. 

100. der siechen sele wunden verheilen kan dm siiezer list, wan 
du dem sündcere hist ein salbe und lantwerje gSchm. 806. 

102. Maria ist die mater misericordiae et gratiae, diu da ist 
muoter der harmherzicheit und aller genäden Leyser Pr. 99, 34. diu 
miioter der harmede gSchm. XLIII. 



262 WEINHOT.D 

104. si ist auch rehfc gelieisen 3Iariä, ivanne Maria das spricht 
zu lathie man's Stella, zu diite ein meresterne. si heizet weil ein mcre- 
sterne , ivanne si leiiet uns iiz dem mere dirre werlde zu deme lande 
des ewigen Ifbes als der meresterne die scliifman üz dem mere Leyser 
Pred. 102, 5. dn his der leidesferre , if cnwere ni mensche van gode 
so verre in dat bittere mere der sunden, wolde he kumen zu diner 
Jcioidin , schone mnder, du wurdes sin geleide zu dines Jcindes mildi- 
cheidCy du h'ddes in hit milder hant , dat he vur gode gnade vant 
^larieul. 16, 34. ich enmochte si nit alle genennen, die ich hit wären 
Urkunde hekemien, di du van sunden Wohles leiden ze der ewelichen 
In-es weiden 18, 87. lichter merstern leite unde ivise uns zem vrönen 
parad'ise Marieugrüsse 280, 147. geleite des ivlselösen hers, daz in 
der wuosten irre vert und sih niht wan ir gnaden nert Jüdel 129, 12. 

106. du his tms armen sundern holt inde hilpes dat wir wider- 
keren zu dinem kinde^ unsem heren, hilp uns vrowe hiz an dat ende — 
(hiz) du uns hrenges dare du his, da volle vroude ind selicheit is 
Mavieul. 132, 12. dan müze mich grifen dine hant inde leiden in dat 
vaderlant vol eren vroude ind Sicherheit 733, 11. 

112. do icart gehör n unser vrowe sente Marie uz von den Juden 
zu geUcher wis als die rose üz den dornen, die Juden sint wol bezei- 
chent hi den dornen , quia omnes declinaverunt simul inutiles facti sunt 
Leyser Pred. 100, 10. si hlüde üz der judescheit sie reine tvol gehorne 
sam diu rose üz dem dorne M. Hirn in elf. 124. ivir sehin allertagelih 
daz di rosen ivahsen uz dem_ dorne, also lohen ivir dih gehorne üz der 
grimmen judensceße Litan. S. 253. In ähnlicher weise wird die abstam- 
mung Mariae aus dem Judenvolke verglichen der duftenden blute am 
widerlich riechenden hollunderstrauch, gSchm. XLIX. Über den typi- 
schen ausdruck rose äne dorn vgl. W. Grimm gSchm. XXXVII. 

115. ö Maria ein hluome aller megede Wackernagel Altd. Pr. 
570, 334. 

116. es ist aus dem vorangehenden verse aller wihe zu ergänzen. 

117. diz huoch daz ich getihtet hän, daz ist genant der maget 
krön, wan Maria trcet die krön hoch oh allen magden schon schluss 
des Legendenwerkes der 3Iaget kröne (auszugsweise herausgegeben von 
Ign. Zingerle im 47. bände der Wiener Sitzungsberichte 1864). vrowe, 
du dreges die vröliche crone up dtnem hovede, si is so schone vur 
aller anderer megede ordnen, ivant si müz dtnem magetdüme lonen^ 
deme nie magetdum geliche enwart Marienl. 126, 19. — H. v. Morun- 
gen nante seine irdische herrin aller ivihe ein kröne MF. 122, 9. 

118. dignare me laudare te, virgo sacrata in der Antiphone Ave 
reg i na coelorum. 



ZUM PILATCSGEDICHT 263 

123. 10)16 mögen alle siingen gesagen noli geslngen hitalle diner 
eren nog dmes loves envollen Arnst. Ml. 82. nie wart so wol sj^rech- 
ender man, der ie von huochen sin gcwan, daz ez tolite im einen 
sprechen von der reinen voll ccUche näh ir /ccn/Z/ic// Weiuh.Mar. IG-i, 41. 
wie sol man des wol zende komen, des ende nimmer wirt vernomen 
und daz füricär niht endes hat Frauendienst 2, 5. 

125. Eine ergänzung der handschriftlichen Überlieferung ist weder 
durch den sinn noch metrisch gefordert. 

126. hcncdicta tu in midieribiis. Maria gesegente vor allen wiben 
Haupt Z. VI, 483, 28. 

128. mut von Wackernagel und Massmann schon in munt gebessert. 
Nach 120. 124. 131. 134 wird 128. 129 i\\x getar zu setzen sein tar. 

132. ih nach sJMvard schon von Wackernagel (1835j ergänzt. — 
ich weiz icol daz dich nimmer man ze vollen wol vollohen kan : ich hin 
ein sündic Almän Mariengr. 276 , 34. — ich hin ein vollez vaz silnt- 
licher schänden Greg. 3426. 

140. Meine geistige kraft ist mir entgegen, hindert mich; vgl. 
Herb. 5580 ob ich iz gesagen kuiide, die zU mir widerstunde. 

142. Den tag überglänzen; die in ihr ruhende herlichkeit der 
Jungfrau durch lobsprüche verherlichen. Weit einfacher und ungesuch- 
ter heisst es Herb. 3126 von Friamo sprich ich vort, wan daz üch des 
dühte daz ich dem tage lühte oh ich den lohen wolde. 

143. Eines liedes ih beginne in sente Marien minne Wernh. Mar. 1. 
des buochelines anevanc ergie mit hlügeni sinne in sant Marthiun minne 
Mart. 291, 90. ih tihte durh willen einer megde, diu dirre ivelte geje- 
gede unverdrozzen hat gejagt Mart. 1, 23. durh die selbe kuneginne 
ich disses meres aneginne wil brengen zeime orte näh der schrift tvorte 
Mar. Himmelf. 203. daz liet ich anehefte üf dhie gnäde volle Wernh. 
Mar. 148, 5. 

144. hiar hugi nünes tvortes, tliaz du iz harto haltes, gizaiva 
mo ßrUhe ginäda thin, theiz tliihe Otfr. I, 2, 27. 

145. Über rede als benennung erzählender (meist geistlicher) und 
lehrhafter dichtungen Wackernagel Literaturgesch. s. 145, a. 5; s. 271, 
a. 14; s. 286. a. 13. Diemer z. Milstätter Genes. 1, 1. 

enhinden, enodare solvere, vom Mhd. Wb. 1 . 136* schon richtig 
als übersetzen gefasst, denn das buch 147 war lathi 177. Sonst bedeu- 
tet es algemeiner: erklären. — Verwant ist entsliezen: so hat min 
herre mich gebeten, daz ich entslieze die getät Silv. 7 7. 

148. du tohtir den vater gehere Litan. S. 313. der megde schepfer 
unde ir kint Bari. 317. Vgl. Dante Parad. XXXIII, 4. che Vumana 



264 WEINHOLD 

natura | nohilitasti si , che 7 suo fattore \ non si sdegno di farsi tua 
fatfura. — Umgekehrt Minnes. Fvühl. 120, 28. 

151. Der satz enthält eine ähnliehe gegensätzliche ergänzung zu 
V. 150, wie 153 zu 152, 154 zu 155. — gezalte 3. pl. pt. mit geschwun- 
denem n wie im infin. hekerc 356. Ich nehme gezalte als perf. des bis 
jezt sonst nicht belegten scliw. zw. zahn oder mien, gefärden, schä- 
digen. Vielleicht ist auch Otfr. I. 20, 13 zu lesen s7)i salatun siu io 
uhar düg. 

152. walte, perf. des schw. zw. walten (= st. zw. ivalten), das 
sonst nur ilurch Jerosch. 17128 belegt wird. Das präsens kann ich auf- 
weisen hei Brun von Schonebek 1419 der des himels und der erden 
wdt (.• gelt). 

156 ist nach 160 zu lesen von den, und 157 von dem nach 162. 

173. geleit Mone, gelert Massmann. — hie sühet ein ander rede 
in. als ich geleitet hin, also leite ich üch vort. Herb. 17135. 

185. vgl. 592 daz si an sme wort nigen, 573 und das si imder- 
tänic wären an di römische gewalt. 

191. f(f einem grozen tvalt Parz^ 446, 9. Jagen üf disem ivalde 
Trist. 4697. üf dem tvalt Pass. 457, 5. Grimm D. Wb. L 616. — In 
der lat. prosa (Mone Anz. VII, 526) heisst es von der gegend der 
jagd accidit — Tyrum, Mogonciensem natione, de quodam oppido vide- 
licet ap])ellatione pere grina Berleich nuncupato in partihus Bähen- 
hergensium venari. In dem lat. gedieht (Mone Anz. IV, 426) wird so 
wenig wie von dem deutschen dichter ein name der örtlichkeit genant, 
es heisst nur ipse die qiiadam Silvas latehrasqiie ferarum cum sociis 
intrans. — Als geburtsort des Pilatus nante deutsche Überlieferung 
des 11. jahrh. das ostfränkische Forchheim, Weiland bei Haupt Z. XVII, 
159. Schönbach im Anz. f. d. A. II, 191. 195. 

192. hehalt, synonym mit leger, Herb. 6564. Livl. Kr. 2900. 
195 f. Die Überlieferung ist sichtlich gestört: zu heide durh gerete 

fehlt in der hs. das zweite wort, di tieste ist nichts. Ich schlage daher 
vor: durh gemach unde vorhte, dl er zen tieren hete, heide durh gerete 
utul durh sme gwarheit. Es entsprechen sich dann gemach und gerete, 
varhte und gwarlieit. 

201. Über u im suffix Mhd. ür. § 52. 

207. wilt unde zam, unflectierte genitive, durch die substanti- 
nsche bedeutung erklärlicher. Mhd. Gr. § 437. 

209. e sinem rehte, früher als tischrecbt gewesen wäre. Von 
dem tafeln handelt auch der lat. dichter (nach ihm war könig Atus 
bei einem befreundeten manne eingekehrt) et largis epidis Bachiqne 
liquore repleti surgunt a niensa. Die lat. prosa hat nichts davon. 



ZUM PILATUSGEDICHT 265 

210. heften wird zwar gewöhnlich mit dat. der persoii verbunden, 
md. aber auch mit accus., z. b. Heinr. Trist. 4574. Im Nlid. überwiegt 
der accus., Grimm D. Wb. I, 17;U. 

218. 219 gleicher bau: dn- laß — di truhrn. 

220. Von dem st. zw. sclkcn ist sonst nur noch bekant die 3. pl. 
pf. soJken bei Herb. 1708G. Ein schwaches zw. selken weist mir Lexer 
aus der Älinnebiirg ;>5^ nach: ivie ist in mich verselket , vermäret iindc 
verkelket in mich der niiiine kunder. 

222. nierin die bei llerbort (Frommann z. Herb. 1011')) und im 
Alexander herschende form des localadverbs nienjen. 

220. rex physicis rationibiis usitata regum tiinc tonporis con- 
snetudine fiiit apprime instructus lat. prosa. 

233. Über die bedeutung des namens Cijro für Ti/ro Mone in 
s. x\nzeiger VII, 537 und Schönbach im Anzeig. f. d. A. H, 191 f. 

244. qiwniam venationis causa longius ah uxore sua partes in 
illds secesserat y festinanter percuncfari vicinifates finihus adjacentes 
indixit , si qua reperiri ))0ssit amplexihus opptortuna, prosa. In dem 
gedieht sagt das gefolge zum könig : est reyina procul nee eam posse- 
mus habere und gibt dann an, dass der vilUcus eine schöne tochter 
Pila habe, unser dichter folgt der prosa. 

hete Mone y /«7c Massniann. Dass hete die unserm dichter zukom- 
mende form des indic. perf von haben ist, beweisen ausser diesem vers 
die reime ; drete 614 .• gerHe 530 .• imgerete 478 .• tete 394. 408. 

248. Vorgestelter relativsatz, zu eine magit 251 gehörig. 

260. Für verre ist virre zu schreiben, Mhd. Gr. § 39. 

263. nach funde schliesst der satz. 

204. unkiindCj unbekante fremde gegend, häufig bei Herbort, 
vgl. Frommaun z. Herb. 1974. 

265. grünt mit der bedeutung bergtal, Schlucht, ist obd. und 
md. in alter und neuer zeit verbreitet. 

266. da ein hach lief, Massmann machte drei punkte hinter ein, 
wahrscheinlich weil er ausfall eines wortes vermutete. Wenn gemäss 
dem weiblichen geschlecht von hach in den md. dialecten eine geschrie- 
ben wird, falt der bau des verses weniger auf: da eine hach lief. 

268. Der deutsche dichter schliesst sich der angäbe der prosa, 
dass Atus ein molendinarius war, an; nach dem gedieht ist der gross- 
vater des Pilatus ein villicus. - midingestclle , sonst nicht nachgewie- 
sen, so viel als mulinstal, locus molendinarius, in einer elsäss. Urkunde, 
Lexer Wb. 1 , 1225. — gestelle hat hier die bedeutung des einfachen 
frmin. stelle , wie sie im Schlesischen lebt : kleines dorfgütchen , hof mit 
garten und weniger ackerland, als zum bauerngut gehört. 



266 WEINHOLD 

210. der kote, soust aus der mhd. zeit uicht belegt, ein md 
und nd. wort, nach unserer stelle und hessischen Urkunden masc, sonst 
auch als fem. und neutr. nachweislich; Grimm D. Wh. V, 1882 fg. 
Obschon wesentlich dem sächsischen Hessen angehörig, reicht kote hode 
doch nach Vilmars Idiot. 214 bis au die Efze und Schwalm, ja selbst 
bis nach Oberhessen hinauf. 

291. tvandc sie hi ime was gelegen Mone, wände si ime hi ivas 
gelegen Massmann. Wie mag die hs. gehabt haben? 

303. der süc. das saugen der muttermilch, bis jezt nur md. und 
nd. nachgewiesen. 

311. und iz quam — hier erscheint doch wol ein rest des alten 
und bis, das obd. in von ewen mite seiven Vor. Ged. 365, 11 erhal- 
ten ist. 

313. einen hs. , lies ein. 

318. gescliephcde, körperbildung, gestalt; bei Gotfried von Strass- 
burg in dieser bedeutung häufig. Äusseres aussehen: sm (des onychi- 
lus) gesclicxjfede ist mir tvol heJcant , also der nagel uz> menschen Jianty 
beide rot und ivis, gevar Schoneb. 1882. 

321. Unser dichter weicht hier von der lat. prosa ab, nach der 
Pila. regis nominis ignara, de nomine suo Pila et nomine j^^tris sui 
Ätus indidit ei nomen Pilafus. Nach dem lat. gedieht gibt Atus (der 
hier freilich der könig ist) den namen : dicor Ätus et mater Pila voca- 
tur, compositum nomeyi Pilatus ei trihuatur. Hieran lehnt sich der 
deutsche dichter. 

328. Der Zusammenhang verlangt für liiezen si in zu schreiben 
hies er in. 

333. Asyndeton, vgl. 559. 560. — hogen : zogen dem dialekt 
gemäss zu schreiben. 

334. die zwei den dritten zogen: Freid. 106, 10 sivä wip unt 
man hi einander si'ni, da wirt vil Ulite daz dritte ein hint, wozu 
W. Grimm Karaj. Ged. 12, 14 anzog. Man erinnert sich Goethes verse 
in Alexis und Dora : Du sitzest und nähest und kleidest Mich und dich 
und auch wol noch ein drittes darein. 

337. 340. V = ü, das aber nicht dem dialekt gemäss ist. 

346. Die bedeutung enkel für nehe ist meines wissens nur an 
dieser stelle zu finden. Zu der form nehe = neve vgl. neben : geben 
Herb. 120. 5967 .• leben 207. 1493. geneben : geben Alex. 3770 und 
Mhd. Gr. § 149. 

Die lat. prosa lässt den Pilatus im alter von drei jähren zu sei- 
nem vater Tiinis bringen. Der deutsche dichter schliesst sich auch hier 



ZUM PILATUSOEDICHT 267 

dem lateinischen poeten an. wonach Pilatus erst als jiingling dem vater 
zugeschickt wird. 

352. Über gekart Mhd. Gr. § 60. 

353. gerurht /u rucken, Mhd. Or. §218. Vielleicht ist gerollt: 
sohi zu schreiben, vgl. Herb. 13898 mohte : rohte. 

356. Hinter bckcre ist punkt zu setzen, dagegen ist Mones und 
Massmanns punkt hinter so7ie zu streiclien. 

363. Die bedeutung von sandc erhelt aus Herb. 8965 , wo es 
die scmhoigc einer giff bedeutet, sandc. ist demnach die ert'üUung des 
gelübdes. 

365. Walth. 57, 13 giiot geläz unt Vip. 

367. Vgl. 372 wayid er in überschreit an edlen dingen. 

370. Der zähe und herbe hass. — g reihe nur an dieser stelle zu 
linden, ein hessisches wort, heute noch in Niederhesseu mit der bedeu- 
tung herb, säuerlich bitter, scharfsauer üblich, Vilmar Idiot. 136. 

371. In seiner parteilie-hkeit für Pilatus kehrte der deuts; he dich- 
ter den bericht seiner lateinischen prosaquelle um, wonach Pilatus den 
bruder aus neid, von ihm in allen Wettspielen übertroften zu werden, 
heimlich mordete. Das latenter passte unserm Verfasser nicht zu seinem 
bilde von dem beiden. Ein mörder durfte er nicht sein , daher lässt 
er ihn den bruder im offenen haudgemenge nach einem wortstreite 
erschlagen. Der lateinische poet geht über den bruderzwist sehr rasch 
hinweg. In den folgen der tat schliesst sich unser dichter ebenfals der 
prosa an. In dem lat. gedieht gibt die berufene concio populi, welche 
in der prosa den tod des schuldigen verlangt, den rat, Pilatus als gei- 
sel nach Rom zu schicken. 

382. diii vehe, eins der unserm verf. mit Herbort (Frommann 
zu Herb. 2100) gemeinsamen werte. 

398. Ith als neutr. md. und ud., vgl. Rother 811. 1071. 1360. 
Eilh. Trist. 3663 (nach W. Grimms anführung). 

412. 413. Zwei verse mit schwerem mehrsilbigen auftact. 

416. irladen; das präfix gibt hier wie öfter die bedeutung des 
übermässigen. In der bedeutung überladen kenne ich erladen nur noch 
aus Herb. 5126. 

432. Punkt nach gescidde. Durch ge- verstärktes scult ist sonst, 
wie es scheint, nicht nachzuweisen. 

435. Punkt hinter Börne, komma nach gesant. 

440. 449. sicßi vore nemen, sich auszeichnen, vgl. Rother 4349. 
Trist. 17461. 18965. Lanzel. 2261. 

444. Der name Paynus (Paginus) und dass er ein französischer 
königssohn war, stamt aus der prosa; das lat. gedieht nent den namen 



268 WEINHOLD 

nicht uud macht den jungen hehlen zu einem englischen priuzeu. Den 
zwist zwischen Pilatus und Payims führt der deutsche dichter selbstän- 
dig aus, indem er den ersten fall, zwischen Pilatus und dem Stiefbru- 
der, im gründe widerholt. Auch hier wird Pilatus vorteilhaft geschildert. 
Die lat. prosa ist sehr gedrängt; vgl. die ergänzung des Moneschen 
textes aus der Gräzer hs. durch Schönbach im Anz. f. d. A. II, 186. 

447. gesauf wol vor ^e ghde zu stellen. 

450. höre = obd. Mir: ei' hatte wünsch uud wähl unter ihnen 
allen, alle wünschten und wählten sich ihn als den vorzüglichsten. 

453. liehe für das hs. //66^ zu schreiben , vgl. 320. 333. 231. Der 
Schreiber schrieb der obd. schreibschule gemäss überall ie = obd. ie, 
ausgenommen in (7/ (== obd. die und diti), si {= sie und siu^ nur 300 
sie = siu)^ wi , swi. Ferner steht einmal hiz 254 (gegen 5 hies)^ lihe 
453, schire 287, zweimal (//«c 199. 367. Er sezte selbst vienc im reim 
auf juugelinc 540. 

hohe, über diese md. form Mhd. Gr. § 149. 

456. h'ieeliend, lies hriechende. 

466. icigen ist gleicli tvcgen ; es ist eine nicht unerhörte md. 
form des iuf. dieses ablautenden zw., in welcher das e duich altes y 
des Stammes zu i erhöht ward, vgl. Herb. 5292 wigefi : ligen, Rein- 
mar v. Zweter MS. 2, 123* tiberstigen : wigen, Erlös. 1041 gewigen. 

470. Von dem auf pylatus folgenden ausradierten perfectum war 
nur h. nach Mone hi zu lesen. Sprengers ergänzung lionete halte ich 
für ebenso wenig treffend, als seine Umstellung der richtigen namen 475. 

478. nit tmde iingerete Massmann, das in ungerete Mone. 

480. 2e samene; es ist zsamene oder zamene zu schreiben. Der 
sinn ist , sie waren einig zusammen (an einander) zu geraten, zesamene 
bezeichnet das object, uhir ein die art des willens. — (Nachträglich 
sehe ich, dass auch Haupt zu Erek 812 für unsern vers zsamene 
forderte.) ♦ 

485. Unser dichter hat hier das lat. gedieht benuzt, aber die 
stelle desselben, gemäss seiner umkehrung des Verhältnisses von Pilatus 
und Paynus, auf den vater des Paynus bezogen, während der lateinische 
poet den vater des Pilatus meint : decretiun tarnen est ut non interfi- 
ciafur fie j;afe>- ilJius contrarius efficiatuTj imperioque dari solitum cen- 
sum prohihere, utpote vir qui consiUis armisque valeret. 

492. si hegunden pjayn ruwen, notwendig in si hegunde paynus 
zu bessern, wie schon Sprenger getan. 

495. uerscültj in verscolt zu ändern, m schwankt zwischen u 
und 0. 



ZrM PILATÜSGEDICnT 269 

497. Der sinn wird sein: sie wichen dem rechte aus. Starkes 
zw. Unen ist sonst nicht nachgewiesen, auch ahd. nicht; enflinen muss 
bedeuten: beiseite lehnen, neigen, se avertei-e alicui. 

499. Patriotisclier stolz führte die zu 485 angeführte stelle des 
lat. gedichtes weiter aus. 

503. 504. Mitteldeutsche umlautende conjunctive perfecti. 

517 di, 565 de, mitteldeutsche formen des n. sg. m. des arti- 
kels und demonstrativs, Mhd. Gr. § 464. 

zollte : molite auch Herb. 7<)91. 

522. Der deutsche dichter gibt die lateinische prosa wider, vgl. 
Anzeiger f. d. A. II, 186. 

528. an grozc not j Mone Massmaun. Die nötige fmderung von 
grozer not hat schon Sprenger a. a. o. vorgeschlagen. 

529. geh'deget Massmann, gelediget Mone. 

531. santen, die enklitische Verschmelzung von santen in zu 
sanfen ist nicht unerhört; der deutliclikeit wegen empfiehlt sich sa7i- 
tenen zu schreiben. 

uffe md. beliebte form, daher nicht zu beseitigen. 

hesclicit, bedingung, Oberlin -Scherz 129. 

540. vienc hs., vinc ist nach md. dialekt zu schreiben, vgl. den 
reim und ginc 199. 367. 

543. Allitteration. — gerat ein md. beliebtes wort, häufig bei 
Herbort. 

546. argellste Mone Massmann, in arge liste zu trennen. Nach 
der prosa suhjugavü Pilatus et promissis et jyretio nimio et supplicio 
gentem universam. Unser dichter folgt in der hervorhebung der strenge 
der prosa, während im lat. gedieht Pilatus hauptsächlich durch milde 
und klugheit das ziel erreicht. 

550. v're lies vuor oder viir. 

555. Der vers bedarf der ergänzung; ich vermute ze lezist als 
am anfang fehlend. 

559. Bit natürlich in mit zu ändern. 

566. irhiheten sine unsite. Der accus, ist ganz richtig , es ist 
der bei intrans. zw. der sorge, des zorns stehnde casus des objects, 
Grimm Gr. IV, 612 f. 

573. Vgl. 185. 592. 

575. Den eindruck des erfolges des Pilatus in Rom erwähnt auch 
der lat. dichter, die prosa schweigt darüber. 

577. sie freuten sich des aufrichtig. 

579. er ist in ir zu ändern, nach 578 durli zw7valt geschihte, 

584. da Mone, daz Massmann. 

ZEITSCHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VIH. 18 



270 WEiKnoiJ) 

58G. von dem ]\rone ]\Iassmanii; näher solieint vo7i der 7a\ lie- 
gen, allein von dem ist 7X\ rechtfertigen als == wovon. 

592. sine Mone Massmann, lies sin. 

593. fiirste in forste zu ändern. 

600. Ein beleg des in mhd. zeit nicht häufigen dativs bei dun- 
Tcen, vgl. Grimm Gr. IV, 951. Der dativ scheint dem Md. genehm 
zu sein. 

GOl. cm groz tCd, flexionsloser nom. sg. f., Mhd. Gr. §491. 

G02. zu denj den = dem Mhd. Gr. § 465. Die gewönliche form 
der Präposition bei dem Schreiber ist zo. 

604. nnde ivoJde, ivoJde ist aus metrischem gründe zu streichen. 

612. teeren Massmann, tvaren Mone. 

613. Das erste 'inide der lis. ist zu streichen. 
619. Massmann gibt {ilanni)n, Mone nur ...in. 
621. Massmann ivi er d(i luden) ^ Mone wi er d... 

Die jüngere band, welche Jii ist uz püaUis zufügte, trug nach Mass- 
manns bemerkung (Vorwort zu den Deutschen Gedichten s. VII) auf 
bl. 30 ^- ^' auch zwei randbemerkiingen ein. Die band , der wir den 
Pilatus verdanken, hat auf bl. 29'' die chronologische notiz verzeichnet 

Capfmante faladino irolitanof. 

Annof milJenof centenof octoagenof. 

Septenofque reuoliCcd incarncdio uerhi. 

2. Stil 9 spräche und heimat des dichters. 

Der ein druck, den wir von dem deutschen Pilatusdichter empfan- 
gen, ist nach meinem gefühl: er war ein mann von begabung, von aus- 
gebildeter Persönlichkeit und trotz der klage über die geringe fähig- 
keit, in dem unbiegsamen Deutsch zu arbeiten, von recht gutem mute 
dazu. Das bekentuis seiner schwäche ist mehr formelhaft als aufrich- 
tig dem algemeinen satze eingefügt, dass Übung den meister mache. 
Er spricht das männliche wort, dass wagen gewinne (16) und äussert 
die hofnung, dass sich sin unde geist an ihm mehren werden (25 fgg). 
Bald nachher gesteht er auch, er fühle sich gehougit und gebogen haz 
als er war und sagt seinen willen, in der deutscheu spräche immer 
gewauter zu werden. Seine persönlichkeit tritt überall in der einlei- 
tung hervor, 10 fgg. 15. 19. 25. 34. 39. 50; sie verflicht sich selbst 
in das lob der h. Jungfrau, 72 fgg., wo er erst allmählich von dem ich 
zum algemeinen tvir, 84 fgg., übergeht. 

Der dichter ist stilistisch gewant. Von seinen abschweifuugen 
findet er geschickt den rückweg zu dem gedanken, der ihn seitab ver- 
lockte, 143 fgg. 



ZUM PILATüSGEDICHT 271 

Im besondern gewahrt mau folgende stilistische künste. 

Er braucht sehr gern die tautologie : 270 fg. 309. 333. 342 fgg. 
352 fg. 354 fg. 370. 377. 420. 505. 510. 512. 51i>. 512. 552. 508.574. 
609 — 11. 

Parallelisuuis erscheint 272 fgg. 2«G fg. 322 fgg. 402 fg. 450 fgg. 
581 fg. 

Cumulation 338 fgg. 3G2 fgg. 427. 481. 502. 515 fg. 559. G12. 

Die anaphora verwendet er 71 — 83. 84 — 88. 106 — 113. 120 — 
139. 1()1 — 172. 449. 455. Als epiphorisch kann 350 genommen 
werden. 

Der dichter liebt die inversion. Wir finden wortinversion 88. 89. 
98. 264; satziuversion: invertierten objectsatz 130. 538; invertierten 
relativsatz 154. 248 fgg. , doppelt 156 fg.; invertierten Interrogativsatz 
164 — 168. 170. 172; invertierten concessivsatz 10; invertierten hypo- 
thetischen satz 14. 24. 

Parataktische satzstellung begegnet oft: 31, 34. 41 fgg. 52 fgg. 
148 fgg. 238 fgg. 252 fg. 385 fgg. 460 fgg. 476 fgg. 515. 

Asyndeton findet sich 333. 379. 380. 452. 559 und 387 fg. 

Sentenzen bringt er zweimal: eiumal am schluss eines absatzes 16, 
einmal am anfang 473. 

Der Pilatusdichter zeigt also, dass er mit den mittein, stilistisch 
zu wirken, bekant ist. Er steht unter den dichtem des zwölften Jahr- 
hunderts aus der geistlichen schule nicht als ein mittelmässiger da, 
sondern mag sich im stil mit dem Credodichter Hartmann, mit den 
beiden Heinrichen, mit dem Baiern Wernher messen. Im metrischen 
übertraf er sie sämtlich, wie längst ausgesprochen ward, und auch in 
der reimkunst war er ihnen überlegen, denn seine reime sind durchaus 
rein, freilich nicht wenn man sie in mittelhochdeutsche Schriftsprache 
übersezt, aber wenn man, wie allein recht ist, dem dichter seine dia- 
lektische zunge lässt. 

Ich stelle die dialektgemässen reime hier zusammen. 

a) wart : yekart 352. gelart : ivart 169. 
naht : irdaht 250. 

teere : scre 402. lidigeren : seren 100. gehe : vehe 382. sehe : 
geschehe 5. 

irre : mrre 260. — jungelinc : anevinc 540. 

virscoU : irvolt 496. vone : sone 358. rore ; Awc 450. gehört : 
wort 580. forste : torste 594. hogen : sogen 334. 

b) eben : neben 346. lohe : Jiohe 454. 
mah : tach 142. 

inaht : gestraht 580. geruht : zuht 354. sohle : mohte 518. 

18* 



272 WEINHOLD 

hcscluet : niet 55. nkt : cnfricf 390. 

ahu : ho 41. Fayno : ho 408. 

ere : Iclcere (luf.) 356. ifczaltc (3. PI.) ; valte 151. 

Wer die reimweise Herborts von Fritslar im gedäclitnis hat, wird 
sofort an dnrchaus entsprechende reime dieses hessischen dichters erin- 
nert werden. Mit Herboii: gemein hat der Pilatusdichter in sehr cha- 
rakteristischer art die worte crladcn 416, sande 363, sfAlien 220, fer- 
ner gchouge 9, vehe 382, gerat 542. 

Algemein mitteldeutsch ist die endung der 1. sg. prs. ind. in -ew, 
zu V. 15. Speciell hessisch sind der hote, zu v. 270, und das adjectiv 
greihe, zu v. 370. 

Wir werden dadurch zum schluss berechtigt, dass der Pilatus- 
dichter ein Hesse war. 

Die gleichen reime, mehrfache gemeinsame worteigenheiten und 
manche übereinstimmende redewendungen , welche die anmerkungen ver- 
zeichneten, könten auf den gedanken verleiten, den Pilatusdichter und 
Herbort von Fritslar, den gelärten schüUre^ für denselben manu zu 
halten. Allein ich weise den gedanken ab: die geistige art beider 
dünkt mich durchaus verschieden. Von dem gelehrten hochmut, der 
sich in Herborts vorrede ausspricht, hat unser dichter nicht das min- 
deste, der weit lebensvoller und menschlichbewuster erscheint und an 
dem sein vaterländisches gefühl besonders hervorsticht. Weil Pilatus 
nach der sage der zeit ein Deutscher war, nimt er für ihn partei und 
verändert sogar die angaben seiner quelle aus freude an dem freveln 
beiden. Es ist schade , dass wir nicht wissen , wie er sich im späteren 
lebenslaufe des Pilatus zu der geschichte verhalten hat. 

Hätten wir das gedieht ganz, so würden wir wahrscheinlich auch 
den namen des dichters wissen, denn ich glaube nicht, dass er ihn am 
Schlüsse verschwiegen hätte. Die scheu vor den kritikern und den 
Spöttern über poesie würde ihn kaum zu den werten des lateinischen 
Pilatuspoeten gebracht haben: 

ergo scriptoris nomen pafrüwiqtie taceho 
nee sine seriptore laudari scripta doleho. 



Hl get arte daz hoch von inluto. 
Man sagit von dütscher zun gen, 
siu si unbetwungen, 
ze vogene herte. 
swer si dicke berte, 
5 si wurde wol zehe, 
1) dutischer 2) unbetwngen 



ZUM riLATÜSGEDlCHT 273 

als dem stäle ir geschehe 
der in mit simc gezowe 
üf dem anehowe 
berte, er wurde gebouge. 
10 swi ichz getouge, 

ich wil spanniu miiien sin 
z6 einer rede, au der ich bin 
ane gedenet vil cranc. 
mac sih enthalden min gedanc, 
15 imz ich si geenden, 

so weiz ili daz genenden 
me tut dan mäzo 
an sulhen anhize. 
Ih grifen an den vollemunt 
20 unde sterke minen funt 
mit dem ersten sinne, 
der under unde inne 
so gewurzelet ist: 
wird mir state unde frist, 
25 ih gezühe üz im einen 
z6 den fullesteinen 
so manigis sinnis volleist, 
daz mir sin unde geist 
gemüt werden beide 
30 e ih dar abe scheide. 

Der erste sin is so getan 
den ich ze fullemunde hän 
under di andren geleit, 
is irschricket min frevilheit, 
35 swenne ih neigen darane. 
er ist allir sinne vane, 
ir zil unde ir zeichen, 
ihne mac sin niht gereichen, 
swi ih in lege unde 
40 z6 dem fullemunde. 
daz komet doch also: 
er is mir wilen ze ho, 
wilen is er mir eben, 

6) geschee 7) der mit sinem 9) wrde gebouge 10) gotonge 

13) gedhenet 20) funt in der hs. gebessert aus munt 21) eristen 29) gemüt 
31) eriste 34) mit 35) daran 37) zeigen 41) da 



274 WEINUOLD 

als in der hat gegeben, 
45 der wunderlich heizet 

linde umbekreizet 

himol uude erden, 

der liez den sin gwerden. 
Der selbe sin der ist sin 
50 der mir in gab. di sint min, 

di ih darabe lian gezogen. 

ih bin gebougit mide gebogen 

baz dan ich were. 

ih spien mich ze sere, 
55 do ih di sinne beschiet. 

noh nentläzen ih mih niet, 

ih Avil an miner mäze denen 

unz ich gweichen unde gwonen 

in dütseher zmigen vorbaz; 
60 si ist mir noh al ze laz. 
Anegin unde ende, 

dinen geist mir sende 

z6 minem beginne. 

blib mit mir derinne 
65 unz ih derüz muge komen. 

diz mere daz ih hau veruomen 

und ih hie wil sagen, 

daz gescach in den tagen 

dö din sun wart geborn 
70 von einer frowen üz irkorn, 

di müter ist unde maget; 

di mir ze mitternaht taget 

unde in vinsteruisse lühtet 

unde min herze irvühtet 
75 swenne ih irlechen ; 

di mih heizet sprechen 

so min zunge ist trocken; 

di mih, so ih bocken, 

wider üf rihtet; 
80 di mih berihtet 

swenne ih äwegic gen; 

44) hatt 48) gewerden 56) nentlozen 57) wil aus wel yehessert 

58) geweichen vnde gewonen 59) dutischer 64; darinnc Mone 65j dar uz Mone 
74) ir uöhtet 81) awegie Tis. nach Wackern. und Massin. 



ZUM riLATTSO EDICUT 275 

dl mih heizet üfsten 

swcnne ili nidervallcn. 

siu ist uus allen 
85 koMien zc heile; 

si liät uns von dem seile 

unser viende irlost; 

si ist uns allir dinge tröst. 
In diseni eilende 
00 zo unsis libis ende 

sal si uns gütende sin. 

si hat den wären sunneschin 

üf der erden gwuunen; 

mänen unde suunen, 
95 di sterren si ubirblichit. 

ir küscheit geliehit 

der lylion au der wize. 

in der hellewize 

is siu ein lidigOren; 
100 gwunden unde sOren 

ein plaster unde semfticheit; 

in der barinherzicheit 

imer bereite; 

der verleiten geleite 
105 wider an di hulde 

unde von der sculde 

wider an daz rehte, 

von dem unrehte 

wider an di gnade, 
110 von der Ungnade 

ze rüwe unde ze wuiinc; 

von jüdischem kunne 

also von dorne geboru, 

ein rehte rose äne dorn. 
115 Aller wibe blüme, 

ze lobe unde ze rfmie, 

allir magide cröne, 

gib mir ze lone 

daz ih dih loben müze! 
120 wi tm-ren mih di vüze 

91) gut ende 92^ dem 96) gelichet 103) immer 111) rüwe 

113) alse 114) eine — rosa an 116) rvme 120) viize 



276 WBINHOLD 

vor angisten tragen, 

daz ih ir lob wil sagen 

di lob hat an ende? 

wi turren mine hende 
125 ir lob seriben, 

di vor allen wiben 

gesegent müz imer wesen? 

wi tar min munt ir lob lesen? 

wi tar min ouge ir lob sehen? 
130 daz ir gnaden ist geschehen, 

wi tar ih daz künden, 

Sit ih von den smiden 

bin ein unreine vaz? 

wi tar ih loben vorbaz 
135 di des lobis ist so vol 

daz ih dm"h einer näldin hol 

einen olbent e brehte 

e ih daz irdehte 

daz si eine lobis hat! 
140 min sin mir gar widerstät, 

wand ih niemer nemach 

nbirlühten den tach. 
In der selben frowen 

müze mir gezowen, 
145 daz ich eine rede enbinde, 

di ih von ir kinde 

an einem buche las. 

ir sun ir vater was 

e si in gwunne. 
150 er gescüf ir kunue, 

die sin gezalte; 

des himelis er walte, 

mensche an der erden; 

die er liez gwerden, 
155 den tot si ime täten. 

von den iz wart geraten, 

von dem ime der tot gescah 

spriche ih als iz der sprah, 

127) imer 128) mut 128 129) getar 130) gcfchen 131) fit von 

135) di di def 141) mah 147) buche 149) gewnne 1.56) non dem 

157) uon den 



ZUM PILATCSGEDICHT 277 

der iz vor gescriben hat. 
160 iz gescah durh der Juden rat; 
durli ir rat vnd ir bete 
Pvlatus ime den tot tete, 
von dem ist diz mere. 
wer Pylätus were 
165 unde wi er wurde geborn 

unde wa er ze herren wart irkorn 
unde waz von ime leidis quam 
unde wanne er den tot nam, 
lere ich als ich bin gelart. 
170 von wem er geboren wart 
is min erste begin. 
waz därilz unde darin 
ist gwiset unde geleit, 
si also min arbeit, 
175 daz ih niet newende 
e ih di rede geende. 

Sus vant ih an latine: 
ze Megenze an dem Rine 
TjTÜs ein kuninc saz. 
180 sin gwalt greif vorbaz, 
Mäse Moyn unde Rin, 
di dri wazzer wären sin. 
di laut di därumbe lägen 
unde di der lande plagen, 
185 nigen an sine gwalt. 

iz was daz merre teil walt, 
daz ime was undirtän. 
der herre mohte wol hän 
vische unde wiltprät. 
190 des quam er an den rät, 
daz er üf dem walde 
ze legere unde behalde 
jagehüs worhte 
durh gemach unde vorhte 
195 die er zen tieren hete, 
beide durh gerete 
und durh sine gwarheit. 

173) geleit 190) dez VJ2) unde ze 194) vnde durch 195) daz er 
di tiel'te ouh hete 195 196) in der hs. umgestelt. 197 » und fehlt. 



273 



WEINHOLD 



eines tagis er üz reit, 

iz ginc im harte wol in hant, 
200 ^vildes er vil vant. 

an der abimtstunde 

durh jegere imde hunde 

bleib der kuuinc Tyrüs 

di naht in einem jagehüs. 
205 Er unde sin gesellescaf 

hete gute bereitscaf 

beide wilt unde zam. 

daz bette ime den tisch nam 

e sinem rehte. 
210 den herren di knehte 

betten beguudeu; 

binnen den stunden 

T}TÜs vor di ture schreit 

unz sin bette wurde bereit. 
215 iz was ein harte scone naht, 

der wint nehete neheine mäht 

gröze noh kleine, 

der luft was reine, 

di trüben wölken 
220 wären gesolken;* 

ouh neheten di sterren 

nierin neheinen werren; 

der himel was einfare. 

Tj^rüs wart des gware 
225 unde sah daz gestirne an. 

er was ein vollencomen man 

an astronomien. 

fursten unde frien, 

edele lüte wol geborn 
230 heten di kunst uz irkorn, 

si was lieb bi der zit; 

also ist si, da man ir noh plit. 

CjTo was di list kunt. 

da er vor der ture stunt, 
235 begunder üf kaffen: 

di zit was so gescaffen 

199) ime 202) unde durh 205) sine 225) sähe 232) phUt 



ZCM rilATUSGEDlCHT 



279 



daz er an den sterreu sah, 
swilliem wibe daz gescali, 
enttinc si in der zit ein kint, 
240 iz wnrde harte listic sint 

linde solde witen in daz lant 
sin name werden bekant. 
iz uas vil spOte. 
di frowen di er hete, 
245 di nekunde z6 den dingen 
bezite nieman bringen, 
do ntd)eiter niiwit langer, 
di von ime swanger 
wurde bi derre naht, 
250 als erz vor hete irdaht, 
hiez er suchen eine magit. 
er hetiz heimliche gesaget 
sinen kamereren, 
er hiez si enwec keren 
255 schiere unde balde. 
in dem wildon walde 
ubir berg unde ubir tal 
sühten di boten ubir al. 
Si riten lange irre 
260 beide an der virre 

unde ouh an der nehe, 
e ir dich ein gesehe 
dorf oder fuude. 
in einer imkunde, 
265 in einem gründe vil tief, 
da eine bach lief 
von kranken gevelle, 
ein miilingestelle 
heten vonden di boten, 
270 einen mosehten koten 
ein arm heimüte. 
si hete armüte 
in die wüstene getriben, 
di da wonten unde bliben 
275 warn ein krank gesinde, 
239) entfienc 244) hite 249) der 254) hiz 260) uerre 266) ein 
271) heimöte 275) Ovaren 



280 WEINHOLD 

ein man mit sinem kinde; 

daz kint was ein scone magit. 

mir sint ir namen sus gesagit: 

Atus hiez der man; 
280 di tohter di er gwan, 

di was geheizen P}^lä. 

di uämen s! da. 
Si brähten si Tyro; 

da gescah ir also, 
285 alz erz hete vor irsehen. 

sin wille was geschehen 

unde schiere irgangeu. 

si hete ein kint entfangen. 

des teter kuuiucliche, 
290 er machete si riche, 

wände si ime bi was gelegen. 

er hiez irn vater ir plegen 

unde sagetim daz si ein kint trüc 

unde hiez ir spise geben genüc 
295 unde gab ir harte guten trost: 

swenne si wurde irlost, 

ob si ein tohter gwunne, 

si solde uze fursten kunne 

einen riehen fursten haben; 
300 unde ob sie gwunne einen knaben, 

den bat er daz si wol zuge 

di wile daz ir kint suge. 

Als er des sügis mohte entberen, 

er wolde si geweren 
305 daz er in z6 ime neme 

unde zuge als iz gezeme 

kuninclichem gesiebte. 
Pilä tete rehte 

als er bat unde hiez. 
310 in der mulen er si liez 

und iz quam an den tac 

daz si des kindes gelac. 

si gwan ein sun wol getan. 

sold iz ime därnäh irgän 

286) gesehen 287) schire 297) eine 313) einen 



ZUM PILATUSOEDICnT 



281 



315 daz er waz scGue, 

so wurdime ein cröiie 
unde ein kiiniucricbe, 
sin gescliephede was so rielie. 
Do Pylä sin genas, 
320 ÄtO vil liebe was. 

daz was durane schin: 
von ime und von der toliter sin 
einen nameu er'nam 
der von in zwein quam. 
325 mit giiter mäze er in vaut: 
si zwei wären genant 
Pilä unde Atus, 
des biez er in Pylätus. 
der name was beimlicb, 
330 durb di tobter und durb sib 
unde durb ir gesiebte 
irdabter in ze rebte. 
mit liebe mit guten bogen 
di zwei den dritten zogen 
335 unz an di stunde, 
daz er sib begunde 
mit vüzen und mit bendeu 
versücben an den wenden, 
an benken unde an stülen. 
340 als er begunde vülen 
daz er ir bete gwalt, 
des wart er frevil unde balt 
an loufe unde an gange 
dicke und also lange 
345 unz er ze rosse wart eben, 
do bräbte Ätus sinen neben 
ze Megenze da sin vater saz. 
Tvrus entfiuc in deste baz 
unde bete gut gedinge 
350 z6 dem jungelinge. 

Pylätus wol eutfangen wart, 
er was gwassen unde gekart 
unde in sulb aldir gerubt, 
322) unde 328) hiezen si*in 380) unde 334) zugen 337) vnde 
339) stälen 340) volen 344) und 348) entfienc 352) gewassen 353) gerucht. 



\ 



282 WEINHOLD 

daz er beide an die zulit, 
355 an pris uude an ere 
mohte sin bekere. 
hinabe uude hiuvoue 
mit sinem elichem sone 
Tyrüs in so wol zö 
360 daz er dem brüder wart ze hö 
an dem ubirmüte, 
an gift uude au gute, 
an gelubede uude au saude, 
an voge uude au gwaude, 
365 au scöne und au geläze. 
mit grozer uumäze 
ubirginc in sin craft. 
iezo bete sih bebaft 
uuder in beidersit 
370 der clebere uude der greibe uit. 
der rebte suu Pj'latum ueit 
wauder in ubirscbreit 
an allen den dingen, 
di in vor mobteu bringen. 
375 Pylätus bete z6 ime baz, 
wauder mobte vil baz 
durh früut uude mäge. 
des quam au di wäge 
disses tugiut, ieuis gebort. 
38u ubil gedanc, böse wort 
wären ze gehe 
uude scüfen, daz di vebe 
also lange derunder wac, 
unz der eine gelac. 
385 wand iz quam in kurzen tagen 
daz si samint riteu jagen, 
ze Worten si quämen, 
ir kuebt iz uudirnämeu, 
daz nehalf doh niet. 
390 der edele nüwit entriet 
Pylätis manheit, 
weud ir me mit ime reit 

357) v' hie uone 358) svne 359 zoch 360) hoch 363) gelubete 
365) unde 377) unde durh mage 382) scüfen 383) dar under 



ZUM MLATUSGEDICUT 



dun mit ieiiem tote, 
der di storke hete. 
395 der widirstuut eine 

den andren iilgoniuiue. 
Pviatus durli unmut 
ne abtiz lib noh daz gut, 
dem brudere er den lib nani. 
40Ü unde als iz an den vater quam, 
wi iz comen were, 
er irscrab barte sere: 
ime was vil leide 
diirb di sone beide. 
405 als iz wol üz irscbal, 
si rieten Tyrö ubiral 
daz er Pilatö tete 
den tot, den er bete 
sinem brudere getan. 
410 er sprab: „nein ib wil bän 
den namen daz ib vater si. 
ili denke eins andren dabi: 
töte ib disen unde is iener tot, 
so boufe ib not ubir not 
415 unde bin von zwein scaden 
deste swerer irladen. 
ber boret z6 andir rät. 
Julius Cesar der bat 
bedwungeu alle di lant 
420 unde bat di fursten besant 
unde enboten in alglicbe 
daz si romiscbem riebe 
unde ime sin undirtän. 
des wil er gisel von uns bau. 
425 Diz wil Julius Cesar. 
ib nemac nob netar 
ime nüwit widirstreben ; 
des müz ib ime gisel geben. 
Pylätus sol der gisel sin, 
430 sus bebaldib daz kmt min 
unde des keiseris bulde 

404) sune 415) zvein 417) zv 



284 WEINIIOLD 

umbe dl gesciilde." 

daz er wol irdahte. 

Pylatiim man blähte 
435 ze Rome. als er waz gesant, 

fursten soue er da vant, 

manigeii sconen jungeliuc, 

dl umbe dt selbe dinc 

ze Rome wären comen. 
440 der hete sih einer vor genomen 

von allir hande hobischeit 

an Sterke unde an wisheit. 

der keiser sin wol plegen liez. 

Paynus der gisel biez; 
445 ir nebein uewas sin gliche, 

in bete von Frankriche 

sin vater gesant ze gisele dar, 

alse geboten hete Cesar. 
Paynus nam sih vore. 
450 er bete wünsch unde köre 

under in allen. 

er mohte wol gevallen 

von liebe von lobe 

in des keiseris höbe. 
455 P}iätus sih ouh vorn am, 

unz er kriechende quam 

an eine snode ere. 

di dwanc er also sere 

unz er si üf baz getreib. 
460 niet lange er därinne bleib, 

er steich hoer ein teil. 

di wile breite sih sin heil, 

des quam er vorbaz. 

also lange treib er daz 
465 unz er dar was gestigen, 

da erz glich beguude wigen 

mit herren Payno. 

ze jungist quam er also ho 

daz Paynis geswigit wart. 
470 Pj'lätus h . . . . in hart 

436) sune 441) hubischeit 447j ze gisele gesant 450) wnsch 

453) Übe 456) kriechend 462) breitte 



ZUM PILATÜSGEDICHT 285 

iinz er gwau suIIk^h uamen 
daz bor sih siu müste scamen. 

Den bulorbtMi man liazzet 
swenii er di tiigint vuzzet. 
475 Pyläto also gescah. 
Payno was ungoniab 
daz er siiUi lob bete, 
iiit linde unc^erete 
liüb sili iindir in zweiu, 
4öO si wolden zsamene ubir ein. 
also lang iz sib getrüc 
imz Pylätus in erslüc. 
daz was den von ROme leit 
durb ir beider frumicbeit. 
485 si spracben al glicbe 

daz der kuninc von Frankriebe 
sin dieuist solde keren 
von den Römeren 
unde daz er solde clagen 
490 daz sin sun was irslagen 
in fride unde in trüwen. 
si begunde Paynus rüwen. 
manige rede si täten, 
dob wart da geraten, 
495 Pylätus bete den tot verscolt, 
do were rebt an ime irvolt. 
do entlinen si dem rebte, 
si vorbten sin gesiebte 
unde tütiscb volk mere 
500 dan die Karlingere. 

Si würfen iz bere unde dare, 
wenne weme oder wäre 
Pylätum si versenten, 
wä si ein volk irkenten 
505 so berte unde so uneben 
da er verlure daz leben, 
dö irdäbten si ein lant 
daz was Pontus genant, 
von Rome harte verre. 

474) sweu 47G) ungcmach 479) zvein 480) zesamene 492) begun- 

den pavn 495) uerscült 

19 

ZEITSCTin. P. nEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VIII. -^ «^ 



2^^ WEINHOLD 

51 u strit im de werre 

was da naht iiiide tac. 
in eirne gebirge daz laut lac 
iu einem imgeverte. 
daz Yolk was s6 harte, 
515 iz en wart nie keiser so stark 
noh so swiude noh so ark, 
di sih daz au zohte, 
daz er si bedwingeu mohte 
durh augist und durli uöte. 
520 in di geiuote 

Pylätum si brähten, 
wände si daz irdähten, 
mobter si bedwingeu 
mit dicheinen dingen, 
525 daz sis beten ere; 

unde dähten noh mere, 
ob er da blibe tot, 
daz si von grozer not 
got gelideget bete. 
530 gut was ir gerete. 

Si santenen üfife sulb bescheit, 
ob siner manheit 
ze Pontos gelunge 
daz er si bedwunge 
535 das si in wurden zinsbaft; 
si wisteu daz siner craft 
niet nekunde vor bestän. 
daz iz durh gut were getan, 
wänete der jungelinc. 
540 manlichen erz anevinc 
unde vür in eilende 
halt unde behende, 
wol geringe unde gerat, 
er was gwassen an di stat 
545 daz er wol wiste 
gut unde arge liste, 
er was swinde unde los. 

512) einem 519) unde 521) bracliten 528) an groze 531) santen 
540} ane nenc 541) uor 546) argeliste 



ZUM PaATUSGEDICHT 287 

des quam er ze Poiitos. 

Pilatus uudc sin bere 
550 von Kom vur u))ir more. 

da was er alsO lange 

unz von sinem dwange 

undi' von siner frevilhcit 

des volkis herticheit 
555 se lezist vil gebouge wart. 

er was bart wider bart. 

da er ze grozze sterke vaut. 

mit gifte er si ubirwant. 
Mit drowe, mit bete, 
5G0 mit gelubede er tete 

daz er gwaldiclicbe saz. 

do treib er si vorbaz. 

er wart in so s winde 

daz di müter mit dem kinde 
5G5 unde» de vater dämite 

irbibeten sine unsite. 

also sere er si dwanc 

daz sin ougew^anc 

uude sin vinger gebot 
570 an ir lib unde an ir tot. 

er gescüf in kurzen jären 

daz si undertänic wären 

an di romiscbe gwalt. 

barde snel unde balt 
575 flouc ze Rome dat mere 

wi deme dinge were. 

Si froweten sibis in ribte 

durb zwivalt gescbibte, 

daz ir unde sin mabt 
580 also verre was gestrabt. 

daz mtjre quam witen. 

iz quam in den ziten 

ze Judeam in daz laut, 

da Cristus unser beilant 
585 geborn wart von einer magit, 

von dem ib vor bän gesagit. 

550) v're 552) gedwange 555) ze lezist von mir ergänzt 559) Dit 

drowe 573) gewalt 579) daz er 

19* 



288 WEINHOLD, ZUM PILATUSGEDICHT 

Des laudes kuuinc Herodes 

irliorte daz mere imdir des, 

daz her Pylätus 
590 dl von Pontos alsiis 

hoe liete iibirstigen 

uude daz si an sin wort nigen. 

des dähter daz der forste 

wunder tun dorste, 
595 wandiz gröz wundir was 

daz P5'lätus da genas 

unde daz nie nehein man 

sulhen gwalt da gwau 

wen er allis eine. 
600 daz endülite im nüwit deine, 

wand iz was ein gröz tat. 

Herodes quam zo dem rät, 

er woldin besenden 

unde mit ime verenden 
605 harte vil sinis fromen. 

er was von fremeden laude comen 

in daz laut ze Judeä. 

er hete ein volk vonden da 

herte unde ungebouge, 
610 ze strite unde ze urlouge 

vil freislich unde ark. 

di Juden waren so stark, 

so mülich unde so drete, 

daz er angist hete 
615 daz si in frevilliche 

von deme riebe 

gar vertriben seiden 

swenne so si wolden. 

dann in abe was sin gedanc 
620 manige zit vil lanc 

wi er di Juden ... 

M ist üz xnlätus. 

592) sine 593) furste 598) gewalt 600) ime 602) zv den 604) unde 
wölde 612) weren 613) unde so mulich 615) infreuilliche 

BRESLAU, IM HERBST 1876. K. WEINHOLD. 



289 



DIE SYNTAX DER GOTISCHEN PARTIKEL EL 

(Schluss.) 

Ich wende mich uuu einer andern gruppe von nebensätzen zu, 
die alle das mit einander f,'emein haben, dass ihr inhalt mit dem des 
hauptsatzes durch irgend einen causalnexus verbunden ist; je nachdem 
derselbe ein tinaler, causaler oder consecutiver ist, ergeben sich final-, 
causal- und consecutivsätze. Betrachten wir zunächst die ersteren. 

Finalsiitze. 

Auch im gotischen stehn, wie in den verwanteu sprachen — wo 
aber noch der conjuuctiv in dieselbe function eintritt — die finalsätze 
im optativ. Durch diesen modus und durch ihren inhalt ist ihre 
abhängige Stellung zum hauptsatze schon genügend gekenzeichnet. 
Wenn nun noch ei als regelmässiger exponent dieser satzart erscheint, 
so hat es auch hier keinen andern wert als den s. 144 angegebenen und 
frilher bei gelegenheit des anord. at erörterten : es trat als farblose exple- 
tivpartikel vor, um die lücke zwischen haupt- und nebensatz auszufül- 
len und so einen glatteren fortgaug der rede zu ermöglichen, während 
es doch gleichzeitig die hauptgelenkstelle des aus haupt- und neben- 
satz bestehenden satzkörpers scharf markierte. Diese form des final- 
satzes — Optativ mit ei — findet sich 279 mal. 

Dass durch Versetzung von jKda (inneres object) vor ei eine noch 
straftere bindung möglich war, lässt sich nicht bezweifeln, um so weni- 
ger als ja sowohl im ahd. wie im as. und ags. dieselbe demonstrativ- 
form zur einleitung von finalsätzen dient. Aber wir mssen bereits zur 
genüge, dass der Gote in optativsätzen eben mit ei ausreichte, ohne 
eine demonstrative hinw^eisung auf den nebensatz zu hülfe nehmen zu 
müssen. So ist denn auch patei vor absichtssätzen wirklich nirgends 
nachweisbar. — Dagegen finden wir 2mal/>ee/, durch dessen ersten 
teil natürlich angedeutet werden soll, dass der folgende satz zum haupt- 
satze in irgend einem der in den bedeutungsumfang des instrumentalis 
fallenden Verhältnisse steht. Es scheint aber diese ausdrucksweise weni- 
ger darauf berechnet zu sein, dass das satzverhältnis deutlicher her- 
vortrete, als vielmehr darauf, die aufmerksamkeit energischer auf den 
nebensatz zu lenken. Die fraglichen stellen sind: J. 6, 38 unte usstaiy 
US himinaj nih peei taujau viljau meinana, ak viljan pis sandjandins 
mikj nnd 2. K. 2, 4 gamclida izvis pairh managa tagra, ni peei saur- 
gaipj ak ei friapva kunneip; vergleicht man nun hierzu die dritte und 
lezte stelle, an welcher peei vorkomt, nämlich J. 12, 6 patup pari 
qap, ni peei [or/ oti j non (iuia\ — kara vesi, ak unie piidjs vas, so 



290 KLINGHARDT 

erkent man, dass J)c vor finalen ez-sätzeu speciell zu dem bebufe 
gebraucbt wurde , um auf eiue absiebt oder einen grund , den man als 
motiv des liauptgedankeus ausdrücklieb abiebnen wolte, kräftig binzu- 
weisen. — pei stebt nur 4 mal vor finalsätzen: J. 6, 7. 12; 13, 34; 
16, 33, und gibt zu keiner besondern bemerkung veranlassung: es 
bestätigt sieb einfacb , was wir sclion frülicr saben , dass nämlicb pei 
im ganzen sebr selten ist, übrigens aber seiner function nacb sieb nicbt 
merklicli von ci resp. patcl unterscbeidet. 

Es bleibt mir nur uocb übrig, von einigen scbeinbaren oder wirk- 
lichen ausnahmen zu sprechen. E. Schulze in seinem got. wörter- 
buche s. 74 führt nämlich 7 fälle auf, wo griech. 'Iva c. conj. übersezt 
ist durch got. indicativ mit e^. Es sind aber nicht weniger als 6 die- 
ser falle aus dem ev. Job., und dieses zeichnet sich gerade durch einen 
besonders freien gebrauch von na aus , welches hier keineswegs nur 
final erscheint (vgl. Winer, gramm. d. neutestam. sprachidioms s. 317. 
318); folglich braucht ihm auch in der got. Übersetzung nicbt durch- 
gehends finalconstruction zu entsprechen. In der tat bilden drei der 
von Schulze angeführten sätze nicht finalsätze , sondern appositionssätze 
zu substanti\-is (vgl. oben s. 177), nämlich J. 16, 2 qimip liveila, ei 
paggliip; 16, 32 qimip hveila ^ ei distahjada; 15, 13 maimn pizai 
friapvai manna ni habaip, ci hvas lagjip usw. Und J. 9, 2 rig r^i-ictq- 
rer, oitoq ^j ol yorelg aiTOv, %vu xvcflög yspvrid^fj; vermag ich trotz 
Winers erklärungsversucb (1. c. s. 428) nicht final zu fassen; dass es 
dem got. Übersetzer ebenso gieng, darauf weist eben der indicativ des 
verbums hin: hvas frauaiirhta ^ ei hlinds (jabaurans varp , und wahr- 
scheinlich ist, dass ei — varp von ihm causal gemeint ist, als begrün- 
dung der fragestellung (vgl. M. 8, 27, Mc. 6,2, L. 8, 25 u. ö.). So 
bleiben nur noch drei sätze übrig, von denen nun allerdings zwei 
(J. 14, 3 franima izvis du mis silbin , ei, parei im iJcy J>aruli sijup 
jah jus; J. 15, 16 ik gavalida izvis, ei jus suivaip Jah aJcran hairaip, 
jah aJcran izvar du aivai sijai , eij pafalivah pei hidjaij) attan in namin 
meinammaj gihip izvis) jedeufals final sind, aber auch zugleich eine 
einfache erklärung der abweichung im modus dadurch an die band 
geben, dass beide male zwischen ei und das verbum ein Zwischensatz 
eingeschoben ist, sodass man begreift, wie der Übersetzer den finalen 
Charakter des satzes aus den äugen resp. aus dem gefühl verlieren 
konte. Zu dem lezten der in frage stehenden sätze: Mc. 11, 28 jah 
hvas pus pmta valdufni atgaf, ei pata taujis? (ymI zig ooi Tt)v i^ov- 
oiav Tcnrr^v l'd('jy.ev, 'Iva raira 7coif^g;) bemerkt Bernh. : „der indicativ 
stebt singemäss von dem, was sich wirklich volzieht.'' Ich kann das 
nicbt gelten lassen ; denn sobald überhaupt ei pata taujis eine absieht 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 201 

enthält, ist diese vom Standpunkte des (hier erfragten) subjects im 
hauptsatze aus zu verstehn; für das subject aber der hier noch 
dazu der vergani^eiihoit angehörigen liauptliandlung ist die absieht 
eben absieht, d. h. noch niclit verAvirkliclite, sondern erst in der Vor- 
stellung vorseliwebt'ude idee. Aus diesem gründe müste hier notwen- 
dig, wie sonst überall, (in 285 fällen gegen 2 leicht erklärliche aus- 
nahmen), der Optativ stehn, und wenn anstatt dessen der indicativ statt 
hat, so beweist dies mit Sicherheit, dass ein finalsatz nicht vorliegt. 
Nun fragt es sich aber: wie sollen wir dann ei pata taiijis verstehn? 
ich meine, so wie die werte dastehn, kann man sie nur als apposition 
zu i'uldiifui fassen: „die gewalt, nämlicli diejenige, das zu tun"; ob 
dabei der Übersetzer sich einer ab weichung vom griechischen texte 
bewust war, oder ob er aus lezterem den sinn seiner eigenen werte 
herauslesen zu können glaubte, ist nicht auszumachen. 

Hiernach darf als sicher festgestelt gelten, dass gotische final- 
sätze immer im optativ mit cl, sehr vereinzelt auch mit pci, pcel stehn; 
der zweimal aufstossende indicativ beruht auf anakoluthie. 

Die causalsätze. 

Während die logische Stellung der finalsätze zum hauptsatze 
wenigstens noch durch den modus ihres verbums angedeutet wird , fehlt 
bei den causalsätzen jeder äussere ausdruck des causalen moments; der 
hauptumstand wird einfach ausgesprochen, und dann folgt ohne weite- 
res die begründung desselben durch einen andern umstand, der sich, 
weil nicht um seiner selbst willen angeführt, eben dadurch als neben- 
umstand charakterisiert; die partikel ei, von der er regelmässig einge- 
leitet wird, ist zu beurteilen, wie in allen andern nebensätzen, und hat 
mit der causalen natur des satzes nichts zu schaffen. 

AVir finden solche causalsätze mit ei an folgenden stellen: M. 8, 27 
hvileiks ist sa, ei (griech. oci) jah vindos jah marei iifhaiisjand imma? 
L. 8, 25 hvas siai sa, ei jah vindam faiirhiudfp jah vatnam, jah 
ufhausjand imma? (vgl. Mc. 4, 41 hvas panmc sa sijai, unte jah 
vinds jah marei ußausjand imma?) Ebenso Mc. 1, 27; 6, 2; 11, 28; 
J. 8, 22; 9, 2 (vgl. oben s. 200); 9, 17; 14, 22. In allen diesen fällen 
dient ei, um zu begründen, warum man die vorausgehende frage über- 
haupt stelle; dass diese auffassung richtig ist, zeigt der gebrauch von 
unte an der angezogenen parallelstelle. Im algemeinen aber mochte dem 
Goten unter solchen umständen unte ebenso schwerfällig sein , wie unserm 
Luther das deutsche „weil;'' dieser sezt nämlich durchgehends dafür 
„dass," eine conjunction, die zwar nicht in ihrer genesis, wol aber in 
ihrer farblosigkeit dem got. ei nahe entspricht; nur L. 8, 25 gebraucht 



292 KLIXGHARDT 

er „denn/' indem er der leichtigkeit wegen zur beiordnenden con- 
struction übergeht, und Mc. 1, 27 sowie 6, 2 fohlte 3tl überhaupt in 
seinem griechischen texte. Der grund aber, warum sowol Luther wie 
VultiLi in den obigen lallen eine wuchtigere markierung des satzverhält- 
nisses vermeiden, scheint mir darin zu liegen, dass eine kräftigere cau- 
salconjunction eher zu dem misverständnisse veranlassung geben konte, 
dass der causalsatz den Inhalt der frage begründe, also mit zur frage 
gehöre, während er doch nur die anfstellung der frage rechtfer- 
tigen, die veranlassung dazu angeben soll. Ausschliesslich ist aller- 
dings für diesen zweck der gebrauch von ci nicht; denn wie oben 
Mc. 4, 41 unte (vielleicht gleich Luthers „denn'' beiordnend gemeint) 
sich fand, so steht unter gleichen umständen J. 7, 35 pei, vgl. wei- 
ter unten. 

Die beiden causaleu ci-sätze: 1. K. 1, 14 avilindo gupa, ei ain- 
iwhun izvara ni daupida niba Krisjni jah Gahij und G. 1, 6 s'ddaleihja, 
ei sva sjyrdnto afvandjanda usw. sind insofern besonders zu stellen, 
als sie einmal nicht , wie die vorhergehenden , eine fragestellung begrün- 
den , andrerseits überhaupt zu den am wenigsten causal gefärbten 
Sätzen gehören; man könte sie allenfalls auch als objectssätze verstehn. 
Noch deutlicher zeigt sich diese enge berührung causaler neben- 
sätze mit objectssätzen in dem beiden gattungen gemeinsamen gebrauch 
der conjunction patei; und da nun ausserdem die entsprechenden accu- 
satinschen conjunctionen der verwanten sprachen, wie ahd. daz, lat. 
quod, griech. oti ebenfals beide Satzarten umfassen, so können wir 
nicht in zweifei sein, dass diese innerlich in naher verwantschaft ste- 
hen müssen. Indes scheint mir dieselbe sich zunächst nur auf einen teil 
der causalen nebensätze bezogen zu haben. Die causalsätze sind näm- 
lich in zwei gruppen einzuteilen: l) in solche, welche ein persönliches 
motiv (subjectiven grundj, 2) in solche, welche eine Ursache (objecti- 
ven grund) angeben. Es ist nun mit bezug auf die erstere klasse klar, 
dass beispielshalber in dem satze: ,,ich tadle dich, dass du gelogen 
hast," der Inhalt des nebensatzes ebensowol als object des tadelns wie 
als grund desselben aufgefasst werden kann; ebenso in sätzen wie 
„freut euch, dass ich mein lamm widergefunden habe" u. a. m. Nicht 
anders ist zu urteilen bei fällen wie J. 10, 33 stainjam puJc, patei 
taujis puJc sdhan du giipa , nur dass der nebensatz hier nicht das object 
schlechthin, sondern, um mich des ausdrucks von Curtius zu bedie- 
nen, das ,. innere object" der handlung des hauptsatzes darstelt. Auch 
wo der nebensatz den grund einer fragestellung (L. 1, 21 pahta is, hve- 
leiM vesi so goleins, patei sva piupida izai), eines Urteils (Otfr. I, 17. 64 
rehtes sie githaJitun, thas sie imo (jeba brahtuUj cf. Erdm. I § 109), 



SYNTAX DES GOTISCHEN /:/ 293 

eines Effectes der seele (Otfr. 1 , 4 , 85 ivas slh harto scamenti , tJiaz 
sin scolta in dii mit kinde gmi in lirnti) ausdrückt, lässt er sich 
immer mit gleiclior leiclitigkeit als inneres object auffassen , d. li. als 
derjoni<(e umstand, in bezu<,' auf welchen die handlung des hauptsatzes 
sich vollzieht; man kann daher diese sätze auch passender weise als 
bezugssätze bezeichnen. Weil nun also die suhjeetiven causalsätze 
immer auch gleichzeitig das object, sei es object im eigentlichen sinne 
oder inneres object der haupthandlung, darstellen, deshalb konte die 
spräche hier immer auch die conjunctionen der ol)jectssiltze anwenden. 

Konte sie dasselbe tun bei denjenigen Sätzen, die einen objectiven 
grund, d. i. eine Ursache angeben? wol nicht; denn wenn man sagt: 
die dächer glänzen, weil es geregnet hat/' so bildet doch der neben- 
satz weder eigentliches object noch inneres object der handiung des 
hauptsatzes ; oder sagen wir : „ der fluss bricht den dämm , weil er sehr 
angeschwollen ist," so gilt dasselbe. So komt es denn auch, dass das 
deutsche die conj. des objectssatzes das vor causalsätzen der Ursache 
nicht gebraucht, sondern nur vor solchen des persönlichen motivs; und 
das latein. quod beschränkt sich in ähnlicher weise auf causalsätze 
subjcctiven Charakters. Wenn dagegen das griechische und das goti- 
sche diesen unterschied nicht machen, sondern Iki und patel so wol für 
objective wie für subjective causalsätze verwenden, so kann man hierin 
nur ein unberechtigtes übergreifen dieser conjunctionen in eine aller- 
dings nah verwante satzart erblicken. 

In der hier auseinandergesezten engen verwantschaft zwischen 
causal- und objectssätzen dürfte auch das widerholt angezweifelte pata 
J. 16, seine erklärung und berechtigung linden. Es heisst nämlich 
da von v. 8 ab : jah qimands is gasakip J)o manasep hi fravaurht jah 
hi (jaraihtipa jah hi sfaiia; hi fravaurht raihtis pata, J)atei ni galauh- 
jand du mis (/tegl aj-iaoiiag fiir, oii ov /cioreioioir eli; ffit); ip hi 
(jaraihtipa^ patei du attin meinamma gagija jah ni pauaseips saihvip 
mik; ip hi staua, patei sa reiJcs afdomiJ)S vas. GL. glauben, pjata sei 
hier zu tilgen, und Bernhardt scheidet es tatsächlich aus. Allein der 
accusativ hat hier als casus des bezugs seine volle berechtigung, indem 
er den folgenden P)atei -satz als bezugsgegenstand von gasakip charak- 
terisiert. Ginge das regierende verb unmittelbar vorher, so wäre pata 
allerdings überflüssig ; denn das obwaltende Verhältnis würde sich dem 
Verständnisse von selbst aufdrängen. So aber ist dasselbe von seinem 
bezugsgegenstande durch mehre sazteile und eine starke pause getrent, 
und es konte daher einem an auffassung längerer, zumal geschriebener 
Perioden nicht geübten leser das Verhältnis des patei - satzes zu gasakip 
in der tat dunkel erscheinen; darum fand es der Übersetzer angemes- 



294 XLLNGHAKDT 

sen, durch das eini:^eschaltete J)ata den Charakter des satzes als beziigs- 
satz — der mm natürlich zu nichts als zu gasahip gehören kann — 
deutlicher zu kenzeichnen. Dass der accusativ pata Avirklich in diesem 
sinne verwant werden koute , zeigt ja eben der gebrauch von pat - ci 
vor causalsatzen, wo es. wie auseinander gesezt, nicht anders verstan- 
den werden kann . ausser als accusativ des bezugs. Man hat aber kein 
recht anzunehmen, zur zeit des Vulf. müsse diese function des accusa- 
tivs — es handelt sich natürlich nur um das neutrum der pronomina — 
im bewusten leben der spräche schon erloschen gewesen sein ; ja 
ich bin sogar überzeugt, dass dieselbe noch heute fortlebt und dass 
ein deutscher bauer den sinn des ganzen recht wol, wo nicht besser 
fassen wird, wenn man analog dem gotischen sagt: „und wenn er komt 
wird er die weit strafen um die sünde, um die gerechtigkeit und um 
das gericht; um die sünde, das dass sie nicht glauben an mich usw." 
Man vergleiche übrigens lat. kl opcram do, ut ...., woneben id mun- 
du))i arguef, quod ... in keiner weise auftauend erscheinen kann. — 
Dass der got. Übersetzer nach pata sich nicht mit ci als exponenten 
des nebensatzes begnügte, sondern pcUeij worin doch eigentlich eine 
pleonastische widerholung des pata steckt, sezte, zeigt, wie sehr man 
schon aufgehört hatte, die Zusammensetzung und den ursprünglichen 
sinn dieser coujunction zu empfinden. 

Ich lasse nun zwei pafei- sd.tze folgen, deren causale natur, ähn- 
lich wie bei den s. 292 besprochenen ez- Sätzen, nur sehr schwach her- 
vortritt: L. 1 , 29 palita siSj hveleiJca vesi so goJeins, pat ei sva piupida 
izai (Itala: quod sie heuedixlsset eam); L. 4, 36 Jiva vaurde pata, pa- 
iei mip vaJdufnja jali mahtai amihiudip patm unlirainjam ahmam jah 
tisgaggand? Beide Sätze geben vor allem an, w^orauf sich die frage 
bezieht.^ und erst in zweiter linie fühlt man zugleich schwach durch, 
dass darin auch der gruud der fragestellung liegt; man kann das leicht 
erproben, indem msm patei mit weil übersezt: wir nehmen notwendig 
anstoss daran, da es viel zu wuchtig ist. 

Von den noch übrigen acht causaleu ncbensätzen mit patei ent- 
halten fünf ein persönliches motiv, und zwar zwei die ablehnung eines 
solchen: J. 6, 26 amen, amen qipa izvis , soJceiJ) mik, ni patei sehvup 
taikyiins jah fauratanja, ah usw. 2. K. 3, 5 appan trauain svaleika 
haham Jßairh Xristic du gupa, ni patei vairpai sijaima pagkjan 
hva af uns silham^ ah usw. Zwei andere fälle sind positiver art: 
.J. 6, 26 ni pcäei sehvup) taiknins jah fauratanja, ak patei matite- 

Y) In der zweiten stelle ist freilich das Verhältnis des nebensatzes zum Haupt- 
sätze nicht ganz klar: man könte es auch als appositionelles fassen; im ganzen 
scheint mir aler obige aiislegung vorzuziehn. 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 295 

dup pizc hlaibc jah sadai vaurpup ; J. 10, 33 in godis vaurstvis ni 
stainjam puli , aJc in vajamereins , jah Pate i pu manna visands täte- 
jis puJc silban du gitpa. Der lezte unter deu fünf causalsützen dieser 
art findet sich G. 4, 6: appan pafei sijup jus siinjus gitps , insandida 
gup ahnuin sitnaus scinis in hairtond izvara hrojijandau: ahha fadar. 
Bernhardt erklärt: „dass ihr kinder seid, ist daraus zu erkennen, dass." 
Aber die vulgate hat quoniam, Luther weil denn, und Winer im 
capitel von der ellipse ganzer sätze §64, 7, I erwähnt dieser stelle 
nicht; auf diese autoritäten gestützt, darf ich wol , ohne mich näher 
auf die exegese dieser stelle einzulassen, für vorliegenden nebensatz 
causalen charaktcr in anspruch nehmen. \\'as Bernhardt in dieser hin- 
sieht anstoss gab, war wol der umstand, dass hier der causale neben- 
satz mit pafci t:einem hauptsatze vorangeht. Unserm deutschen Sprach- 
gebrauch nach ist dies freilich aulfallend; wir können nicht wol einen 
causalsatz mit dass voranstellen. Allein ich habe schon ausgesprochen 
und werde sofort belegen, dass sich der gebrauch von deutsch dass 
und got. patri niclit decken, sondern lezterer umfiissender ist als erste- 
rer; man darf ihn also aucli hier nicht nach jenem bemessen. 

Drei nebensfitze mit patci geben einen objoctiven grund, eine 
Ursache an; es sind: J. 15, 5 ik im ptata vcinatrlu ip jus veinatainos: 
saei visip in nus jah iJc in imma, sa (B. für lids. sva) hairip akran 
manag, pjatei inuh mik ni magup taujan ni vaiht; J. 14, 10 ip jus 
saihvij) mik, patei ik Uha, jah jus lihaip; Phil. 2, 22 jr^v 6i Soy.ifti]v 
aiTOÜ' ynwa/.eie, patei sce attin harn mip)skalkinoda mis in aivaggcljon. 
Auch dieser leztangeführte nebensatz enthält keinen subjectiven grund, 
wie man auf den ersten blick annehmen möchte; schon die vulg. 
{quoniam) deutet dies an, und bei näherer betrachtung ergibt es sich 
von selbst. Unser deutsches dass könten wir an allen drei stellen 
nicht brauchen, da wir, wie gesagt, diese coujunction nicht gleich dem 
Goten über das gebiet der mit den objects- und bezugssätzen zusam- 
menstossenden causalsätze hinausgeführt haben. 

P)ci stösst vier mal auf, nämlich zwei mal vor nebeusätzen, die 
ein persönliches niotiv enthalten; und zwar begründet der eine die 
fragestellung : J. 7, 35 hvadre sa skuli gaggan, pei veis ni higitaima 
ina? der andre ein urteil: 1. K. 11, 2 hazjup-pan izvis, hroprjus, pci 
allata mein gamunandans sijuj), Jas-svasve anafalh izvis, anahusnins 
gafastaip; Luther hat beide mal dass. An deu zwei andern stellen 
wird uns ein objectiver grund geboten: R. 10, 9 J)ei (begründung des 
vorhergehenden satzes), jahai andhaitis in munpa p>einamma fraujin 
Jesu jah galauhis in hairtin peinamma, patei gup ina urraisida us 
daupaim, ganisis (L. denn usw.); 1. K. 15, 50 Jjata auk qip)a, hropr- 



296 KLINGIL\RDT 

jus, pci lei'k jah hJop p(ucli)inssu giips ganiman ni magun, nili riurei 
unriurcins arhjo vairßip; viilg. quoniam, Avie mir scheint richtiger als 
Luthers dass, wie>vol die auffassung als appositionssatz nicht gerade 
ausgeschlossen ist. 

Endlich erscheint auch einmal /^eci; J. 12, 6 patnp-pan qap, ni 
feei iiw, pkc Jmrhane lara vcsi, ah tinte pnuhs vas jah arka habaida 
jah pata inn vaurpano bar, ein objectiver grund, weil nicht aus dem 
sinne des subjects der handlung qap heraus gesprochen. Es scheint 
aufl'allend , dass die instrumentale conjuuction J)eel , die am geschick- 
testen zu sein scheint für den ausdruck des causalen Verhältnisses, nur 
einmal gebraucht wird, wogegen die viel vageren conjunctionen ci, 
patei, pei um so viel häufiger sich darbieten. Vielleicht aber wurden 
leztere bevorzugt eben weil sie vag und algemein waren. Es fält dem 
Volke schwer, sich immer sofort klar zu machen, ob ein causalver- 
hältnis existiert oder nicht, und ob es final oder causal im engern 
sinne ist; eine partikel wie ei oder patei ^ die unter allen umständen 
passt, bei deren gebrauch es also einer Überlegung nicht bedarf, ist 
ihm darum lieber, als eine solche wie peci, die, weil bestimter, auch 
von eingeschränkterem gebrauch ist und so leichter der gefahr aussezt, 
ein misverständnis zu veranlassen; und für offenkundige, ungemischt 
causale falle hatte man ja nute. 

Doch dem sei, wie ihm wolle, greifbar fest ergeben sich aus 
dem obigen folgende punkte: 

peei komt nur einmal vor. 

pei nur vier mal. 

ei (11 mal) und patei (9 mal) halten sich numerisch die wage, 
ohne dass ein durchschlagender unterschied stattfände. Doch lässt sich 
soviel bemerken, dass ei mit entschiedener Vorliebe gebraucht wird, 
um zu rechtfertigen, warum überhaupt eine frage gestelt wird; patei 
ist von dieser Verwertung fast ausgeschlossen, während ei sich selten 
anders als in der genanten weise findet. Dagegen steht patei (2 mal) 
neben peei ( 1 mal) , um ein motiv abzulehnen (vgl. die entsprechende 
function bei den subjectssätzen s. 169), niemals so ei. Ein objectiver 
gnind (Ursache) wird gotisch so wenig mit ei eingeführt, wie deutsch 
mit dass, wol aber dienen ^afei und ^ei dieser function. Der modus 
des verbums beinflusst bei den causalsätzen die wähl der conjunction 
nicht. 

ei nicht vor consecutivsätzen. 

Das consecutive Verhältnis wird regelmässig durch svaei^ svasve und 
einmal auch durch einfaches sve ausgedrückt. Nur einen einzigen fall gibt 



SYNTAX DES GOTISCHEN El 297 

es, in welchem man consecutive beziebung durch ei ausgedrückt ver- 
muten könte, nämlich R. 9, 20: pannu nu jaij manna,pu hvas is, ei 
andvaurdjais gupa? fievoirye, Co livv^Qio/rE, or n'g el 6 chTcc/ro'/.Qti'uue- 
vog TCO 0^8(7) ; vulg. o honio, U(, quis eSj qui rcspondeas dco? Luther: 
ja lieber mensch, wer bist du (h'un dass du mit gott rechton wilst? — 
Man könte versucht sein, die gotische Übersetzung so zu verstehn: 
„was bist du denn, mensch, für ein mächtiges wesen, dass du (in folge 
davon) mit gott rechtest?" und GL., die ut respondcas deo übersetzen, 
haben es in der tat so gefasst. Aber offenbar soll 6 avTa/coy.Qiv6u€vog 
nicht eine unterscheidende bestimmung zu ov gewähren, sondern viel- 
mehr den grund an die band geben, weshalb der sprechende die ver- 
wunderte frage zig el : aufwirft, eine deutung, der Luthers übertratnano- 
vollkommen entspricht. Wir haben also hier einen causalsatz vor uns, 
der eine vorausgehende fragestellung motiviert, ganz in der art wie die 
oben s. 291 zusammengestelten beispiele. Wenn aber der Gote für das 
verbum den optativ wählt (vgl. vulg. respo7idcas) , so will er offenbar 
nur andeuten, dass ihm der gedanke mit gott zu recliten so absurd 
erscheint, dass er ihn, obgleich er soeben (v. 19) verwirklicht worden 
ist, doch nicbt als realisiert und wirklich ausgeführt anerkennen kann, 
sondern ihn nur als ein nicht zur Verwirklichung kommendes hirn- 
gespinst betrachten will; keinen andern sinn hat es, wenn Luther das 
modale hülfsverb wilst gebraucht. 

ei nicht vor indirecten fragesätzen. 

GL. wie Heyne führen in ihren glossariei. et als conjunction indi- 
recter fragen auf. Aber von den bei GL. gegebenen belegsteilen kom- 
men Mc. 14, 44 und 1. K. 1, 16 von vorn herein nicht in betracht, da 
sie sich von selbst als einfache objectssätze zu dem voraufgehenden 
sildnlcikida und ni vait ergeben. Es ist ja bekant, dass der Grieche 
nach O^urucuetv indirecte frage folgen lässt, der deutsche aber nach 
dem entsprechenden verbum objectssatz, und so auch der Gote, wie 
wir sehen; nach 7ii vait hätte er freilich wol auch indirecte frage 
anwenden können, aber er hat es eben, wie ei zeigt, nicht getan; denn 
dadurch, dass griechisch indirecte frage steht, wo der got. Übersetzer 
einen e^-satz bietet, wird lezterer doch noch lange nicht zum indirec- 
ten fragesatz gestempelt; Bernhardt z. d. st. übersezt daher ganz rich- 
tig: „dass ich getauft hätte." Die andern von GL. citierten stellen 
Mc. 11, 13 (afiddja, ei aufto bigcti hva ana imma, Pjld^ev el uqu tl 
eio/joei iv cnhco)] R. 11, 14; Phil. 3, 11 und 12 enthalten Sätze, welche 
logisch als finalsätze zu bezeichnen sind, aber nach der bei Lateinern 
{ut) wie Griechen (b/rojg, wg) beliebten weise die form der indirecten 



298 KLINGHARDT 

frage tragen. Audi dem germaiiisdu'ii ist solche ausdrucksweise nicht 
fremd, aber sie ist nie die herschende geworden, und wir können uns 
daher nicht wundern, dass der Gote bei seiner gewöhnlichen form, 
Optativ mit eij bleibt; zudem hat ibai, wenn final, nur negativ finalen 
werth: „dass nicht," doch stand ja auch das interrogative suffix -u zu 
geböte. 

Andrer art ist 1. K. 7, 16 Jiva nu T:annt , qino , ei ahan ganas- 
jais? aippau hva lannf, guma, patei qen peina ganasjais? ti yaQ 
oidag, yirat , ei rbv arögcc Gcuoeig; li) tl oiöceg, äveo, el Tjyr yvvaiy.a 
Gioaeig: diese beiden objectssätze sind als solche nicht leicht nachzu- 
empfinden, auch lässt sich schwer sagen, warum der Gote nicht die 
griechische fassung des gedaukens beibehalten hat; doch komt hierauf 
bei der entscheidung über die natur des d-satzes nicht eben viel au, 
denn niemand kann sich der folgerung entziehu, dass, vfenn patei ff. ein 
objectssatz ist — und es ist nicht möglich ihn anders zu deuten — 
auch der ganz parallele satz ei ff. als solcher verstanden werden muss. 
"Wir können daher nur übersetzen: ,,was weisst du, manu, dass du 
deine frau vielleicht wirst selig machen?" Weiterer begründung mei- 
ner Interpretation vorliegender stelle darf ich mich enthoben erachten, 
da sich auch Bernhardt z. d. st. ganz in meinem sinne ausspricht: 
„patei ist ebensowenig fragwort wie vorher ei^ sondern heisst dass." 

Dies war die lezte der von GL. beigebrachten stellen; da nun 
keine derselben stich hält und weitere nicht aufzufinden sind, so ist 
hiermit festgestelt, dass ei als fragepartikel überhaupt niclit gebraucht 
wird. 

ei in zusammengesezten praepositionellen 

coujunctionen. 

Die hierher gehörigen nebensätze fallen eigentlich sämtlich in die 
klasse der appositionssätze. Bisher haben wir aber deren nur solche 
kennen gelernt, die in einem einfachen Casusverhältnisse (nom. acc. dat. 
instr.) zum hauptsatze stehn und demgemäss durch voraufgehendes 
demonstrativum bezeichnet werden. Es kann jedoch ein nebensatz zu 
seinem hauptsatze auch in einem Verhältnisse stehn , welches die zuhülfe- 
nahme einer präposition nötig macht; dann tritt eben eine solche vor 
das den nebensatz voraufnehmende pron. demonstr. , dieses folgt im 
erforderlichen casus nach, und darauf schliesst sich der mit dem alge- 
meinen exponenten ei versehene nebensatz an, immer im werte eines 
appositionssatzes. Im laufe der zeit rückt nun das demonstrativum und 
mit ihm die praeposition in den nebensatz über, und allmählich ver- 
schmelzen beide mit ei zu einem einheitlich empfundenen mittel der 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 299 

satzbinduug und satzbezeiclmiing. ^ Diese entwicklungsstufe ist gotisch 
im ganzen schon erreicht, wie sich aus der apokope des a {jKimm-ei, 
pat~ei) und der erweichung des s zu s (/nz-el) erkennen lässt; denn 
die praeposition und ihr casus bihhMi an sich schon eine eiuheit; ver- 
rät nun die gestalt des leztern, dass Verschmelzung mit ei eingetre- 
ten ist, so ist damit zugleich die innigste Verbindung aller drei bestand- 
teile angedeutet. Wegen dieser engen Verbindung habe ich nun auch die 
in rede stehenden von den oben behandelten appositionssätzen abge- 
trent; die fraglichen conjunctionellen bildungen bringen nämlich einen 
gesamteindruck hervor, der den nachfolgenden satz viel eher als adver- 
bialsatz denn als appositionssatz erscheinen lässt. Es zerfallen al)er 
diese zusammengesezten coujunctionen in drei gruppen : temporale, cau- 
sale, finale. 

1) temporale conjunctionen: und patci = bis zudem, dass; 
bis dass, fwc: aV. M. 5, 18 und 25; R. 11, 25; 1. K. 15, 25. N. 7, 3. 
— während dem, dass; während dass Mc. 2, 19 {ev oß); auch unte 
vereinigt in sich die beiden bedeutungen „während dass" und „bis 
dass," von denen die erstere als die ältere zu betrachten ist. 

afar patei = nach dem, dass Mc. 1, 14, /nerä t6 c. inf.; Sk. 
VIT, c. 

fram pammei = seit dem, dass (dcf' Tjg) L. 7, 45. 

in J)ammei = in dem, dass (ev xG c. inf.) L. 9, 34. 51. 

2) causale conjunctionen: in pizei = des wegen, dass {öiu, 
t6 c. inf.) Mc. 4, 5. 

hl patei = des wegen, dass {diu lo c. inf.) L. 19, 11. 
in pammei = in dem, dass; weil L. 1, 78 (abweichend vom griech. 
text); 10, 20 (Jhi); 2. K. 2, 13 (rw c. inf.). 

ana pammei = an dem, dass; wegen des, dass; weil 2. K. 5, 4 

du peei = weil L. 1, 13. 20. 35; 2, 4; 1. K. 15, 9 (öiÖti , diu, 
öiä t6 c. Inf., dvO^ ojv). 

in pis ei = wegen dessen, dass Sk. II, b. Aus dem unveränder- 
ten s sieht man, dass die drei werte nicht als in eine einheit ver- 
schmolzen zu betrachten sind; wahrscheinlich empfand der Schreiber 
noch deutlich das alte Verhältnis des c?*-satzes als appositionel^^n 
iuhaltssatzes zu J)is. 

3) finale coujunctionen: du J)eei = damit M. 4, 21 (Vm); 
2. K. 3, 13 (^n-QÖg t6 c. inf.). 

1) Vgl. deutsch z. b. ,, trotzdem dass," franz. parce qne u. a. , sowie Kocli, 
Hist. gr. d. engl. spr. II, § 516. 



300 fcLINGHAtlDT 

in pis ci = wegen dessen, dass; damit N. 5, 18; Sk. IV d. 

in J>ize {l. pizei) ei = wegen dessen, dass; damit T. 1, 5 (/Va). 
Über -ei (hier -e) als urgierendes suffix s. oben s. 146. 

du pammei = in bezng auf das, dass, L. 18, 1 (/r^oi^ i6 c. inf.), 
gehört in keine der drei categorien temporal, causal und final, schliesst 
sich aber nach seiner natur als praepositionelle conjunction ganz den 
vorhergehenden an. 

ci in zusammengesetzten adverbiellen conjunctionen. 

Wir haben oben s. 177 fgg. gesehen, dass ei nicht nur appositio- 
uellen inhaltssätzen zu subst. pronominibus, sondern auch solchen, welche 
zu substantivis gehören, zum keuzeichnen dient; hier sind nur noch 
ein paar lalle nachzutragen, wo es appositionssätze zu adverbiis ein- 
leitet; ich gebe dieselben deshalb erst an dieser stelle, weil bei ihnen 
wie bei den praepos. conjunctionen allem anscheine nach eine enge Ver- 
schmelzung des adverbiums mit ei stattgefunden hat und daraus neue 
conjunctionen hervorgegangen sind. 

Zwei adverbien sind es, die uns in solcher Verbindung mit ei 
begegnen, faurpis und suns, und die auf ihnen und ei beruhenden 
conjunctionen sind faurpizei und sunsei. Da faurjns „eher" und sims 
„ sogleich " heisst , und es der hauptsatz ist , welcher im vergleich zum 
nebensatz eher oder sogleich eintritt, so kann keine frage sein, dass 
beide adverbia ursprünglich als solche dem hauptsatze angehören, um 
die zeit seiner handlung zu bestimmen, und dass der nebensatz anzu- 
sehen ist als appositioneller inhaltssatz zu ihnen, gekenzeichnet durch 
ei. Mit der zeit sind dann beide adverbia in den nebensatz gerückt 
und ist ei mit ihnen zusammengewachsen.^ 

faurpjizei = ehe dass, ehedass, bevor M. 6, 8; 14, 72; L. 2, 21. 
26; J. 8, 58; 13, 19; 14, 29; 17, 5; G. 2, 12. 

sunsei = sogleich dass, sobald als L. 1, 44; 19, 41; J. 11, 20. 
29. 32. 33. 

Über faurjns und suns s. Bezzenb. 1. c. p. 120 und 123. 

"Wir stehen jezt am Schlüsse eines hauptteiles unserer Unter- 
suchung, in welchem wir alle die functionen von ei zusammenfassten, 
in denen es, allein oder verstärkt, der satzbindung dient. Halten wir 
an dieser stelle einen augenblick inne, um die bisher gewonnenen ergeb- 
nisse zusammenzufassen : 

1) Vgl. deutsch: „ehe dass, sobald dass u. a." 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 301 

Auf vergleichendem wege waren wir zu dem Schlüsse gelangt, 
dass ei dem anaphorischen prouominalstamme ja- angehört, und zwar 
als neutraler accusativ. Wir fanden aber, dass die angestamte einfach 
ana[>horisclie functiüa dem got. d wenigstens zur zeit unsrer denkmäler 
bereits geschwunden war; dagegen konten wir eine, an jene sich unmit- 
telbar anschliessende bedeutung, die urgierende, noch in pafain-ei, 
vaif-ei, usw. nachweisen, und neben dieser noch die satzverbindende, 
die aber nicht direct. sondern erst über die vermittelnden zwisclien- 
gli'der indefiniter und expletiver function hinweg aus der anaphorischen 
abzuleiten ist; nur die coordinierende function des satzbiiulenden ei 
beruht vielleicht direct auf der anaphorischen. Der umfang dieses 
conjunctionellen gebrauches hat sich dann im verlauf der Untersuchung 
als ein selir weiter gezeigt, was seine leichte erklfirung darin findet, 
dass ei ursprünglich nur den ganz allgemeinen zweck hatte, die zwi- 
schen zwei zusammengehörigen sätzen natürlicher weise entstehende 
lücke auszufüllen und so zum flüssigen hingleiten der rede mitzuwirken. 
Für solche falle natürlich, wo zwei sätzo zwar zu einander in bezie- 
hung stehn, diese beziehung aber so beschaffen ist, dass sie nicht von 
sel])st in die äugen springt, sondern einer deutlichen kenzeichnung 
bedarf, für solclie fälle hat auch die gotische spräche specielle rede- 
mittel geschaffen, um als exponenten des Satzverhältnisses zu die- 
nen : und indem diese satzexponenten naturgemäss ihre Stellung in der 
mitte zwischen beiden Sätzen nahmen, falten sie zugleich die zwischen 
beiden verschiedenen begriffscomplexen sonst eintretende lücke aus, wur- 
den also gleichzeitig satzbindemittel, coujuuctionen , und die eigentliche 
satzconjunction par excelleiice ei war nun, weil überflüssig, von sol- 
chen satzverhältuissen ausgeschlossen. Um so algemeiner war der 
gebraucli von ei für solche satzpaare , bei welchen sich die art ihres 
Zusammenhanges ersichtlich genug darijietet, um eine ausdrückliche 
bestimmung desselben überflüssig zu machen. Dahin gehören die ein- 
fach angereihten (copulierten) sätze, sowie die sogenanten inhaltssätze 
(subjects-, objects-, appositions-, prädicatssätze) und die causalsätze 
(finalsätze und eigentliche causalsätze), deren Zusammenhang mit dem 
correspondierenden bei- oder übergeordneten satze durchgängig so offen- 
bar ist, dass sie in den meisten sprachen geradezu unverbunden stehn 
können. So hat auch das gotische zur bezeichnung der verschiedenen 
inhaltssätze gar keine speciellen satzexponenten ausgeprägt, und in den 
finalsätzen macht es äusserst selten von solchen gebrauch, wogegen 
allerdings in den copulativen und causalen sätzen die Verwendung der 
charakteristischen partikel die regel ist. Wolte und konte man nun 
aber auf den satzexponenten verzichten, so ist doch, wenigstens im stil 

ZEITSCHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VIII. 20 



302 KLINGHARDT 

unserer bibelübersetzuug, asyudetische redeweise nicht beliebt, und wir 
finden überall, wo der satzexpouent fehlt, wenigstens die satzconjunc- 
tion, eben unser ei. 

Dass ei nicht die fabigkeit besizt, coiisecutivsätze zu binden, wie- 
wol diese doch aucli zu der algemeiuen kategorie der causalsätze gehö- 
ren , hat keinen zwingenden grund , kann aber nicht wunder nehmen, 
da die spräche überhaupt nicht liebt sich an das Schema zu binden, 
sondern gern die regel durchbricht. 

Die ansieht, dass ei auch vor indirecten fragen auftrete, war abzu- 
lebnen; der gedanke hatte freilich von vorn herein wenig Wahrschein- 
lichkeit für sich , da , wenigstens soweit ich sehe , in den verwanten 
sprachen überhaupt eine berührung der hier in rede stehenden sätze 
mit den indirecten fragesätzen nicht stattfindet. 

Neben ei her gehen patei und pei, zusammengesetzte bildungen, 
deren Ursprung genugsam erörtert ist, von denen aber die zweite nur 
wenig in betracht komt, da sie nur sehr vereinzelt gebraucht wird. 
pafei hinget nicht coordinierte sätze, weil da sein demonstrativer bestand- 
teil nicht gut in der construction unterzubringen und auch zu wuchtig 
wäre. Bei den inhaltssätzen gewährt patei offenbar die stärkere bin- 
dung, denn es wird entschieden vor indicativischen sätzen bevorzugt, 
während solche, deren satzverhältnis schon im optativ augedeutet ist, 
mit ei noch auskommen. Für die causalsätze gilt dieselbe beobachtung, 
indem die stets optativischen finalsätze patei nie zu hülfe nehmen, 
sondern sieh mit ei begnügen , während andrerseits bei den eigentlichen 
causalsätzen für die am schärfsten causal gefärbten sätze ei nicht aus- 
reicht, sondern pjatei gewählt wird; im vergleich aber zu den übrigen 
german. dialekten ist der gebrauch der leztern conjunction in causal- 
sätzen ein ausgedehnterer. — pei steht gelegentlich für ei oder für 
pei, ohne zu einem von beiden besonders nahe beziehung zu ver- 
raten. 

pat-ei, und pi-ei sind gegenüber ei-J)an und ei-pau als unechte, 
leztere als echte Verstärkungen von ei zu betrachten. 

Die zusammengesezten praepositionellen und adverbiellen con- 
junctionen, welche wir zuletzt besprachen, sind hervorgegangen aus 
der engen Verbindung von bestandteilen des hauptsatzes mit ei als 
zeichen des nachfolgenden appositionssatzes und haben sich almä- 
lich zu neuschöpfungen als exponenten für specielle Satzverhältnisse 
entwickelt. 



SYNTAX DES GOTISCHEN KI 303 

II. ei als conjunctionelle enclitica. 

Als niclitsatzvorbiiuleiRlo enclitica haben wir ei unter A kennen 
gelernt, als satz verbindende proclitica (mit ihren echten Verstärkungen 
ei-pan, ci-pau und der unechtj-n Jutt-ei sowie dem zweifelhaften />e/) 
unter lU; jetzt fassen wir diejenige gebrauchsweise ins äuge, wo es 
als enclitica mit satzverbindeuder function auftritt. 

Dies geschieht in den sogenanten relativsätzen, einer satzart, welche 
in neuerer zeit vielfach gegenständ eingehender Untersuchung gCAve- 
sen ist, deren eigentliche natur a])er sowie gerade im germanischen 
äusserst mannigfaltige ersclieinungsformen trotz alledem noch nicht als 
endgültig festgestelt betrachtet werden können. Ich bin daher genötigt, 
ehe ich mich den gotischen relativsätzen zuwende, meine auffassung 
der relativsätze im algemeiuen sowie insbesondere in den germanischen 
sprachen mit möglichster kürze darzulegen , um dann die hier klar 
gestelten und begründeten gesichtspunkte für die betrachtung der goti- 
schen Verhältnisse zu verwerten. 

Man solte meinen , dass das wesen der relativsätze längst erkant 
sein müsse, da diese satzart sich nicht nur in fast allen bekant gewor- 
denen sprachen vorfindet, sondern auch besonders im lateinischen und 
griechischen, den uns vertrautesten idiomen, klar und ])reit entwickelt 
ist. Allein gerade die gewohnheitsmässige Vertrautheit mit leztern spra- 
chen, verbunden mit der unkentnis anderer, hat lange eine unbefangene 
Würdigung des Sachverhaltes verhindert. Man sah im griechischen für 
die relative satzfügung einen besondern pronomiualstamm ausgescliieden, 
der nur bei so verbundenen Sätzen gebraucht wurde, sonst nicht; und 
was das lateinische betrift, so verschloss man sich da, unter der her- 
schaft der trennenden categorien der graramatiker, selbst die äugen 
vor der Identität des relativen pronominalstammes mit dem indefiniten 
und interrogativen. So fand man dort das relativpronomen als eine 
isolierte erscheinung, hier machte man es selbst dazu; und da in der 
spräche, wie überall, erst die vergleichung licht bringt, jede Isolierung 
dagegen das Verständnis ausserordentlich erschwert, so können wir uns 
nicht wundern, wenn lange zeit die eigentlichen gründe der bei rela- 
tiver construction eintretenden engern satzbindung verkaut und in einer 
besondern mysteriösen befäliigung des betreffeüden pronominalstammes 
gesucht wurden. 

Dazu kam noch ein anderes: in der weit überwiegenden mehr- 
zahl der falle waltet innerhalb der relativisch verknüpften satzpaare 
Subordination ob, und in folge dessen sah man in diesem Verhältnisse 
das eigentliche wesen der relativen Satzverbindung. Dass relativprono- 
mina auch an der spitze von hauptsätzen auftreten und auch da satz- 

20* 



304 KLINGHARDT 

bindend zu wirken scheinen, konte freilich nicht unbemerkt bleiben, 
aber man betrachtete es als eine curiose abnormität der classischen 
sprachen, dass sie conjunctionelle subordinierende adjectiva — denn 
als solche betrachtete man die relativpronomina — auch vor coordi- 
nierten Sätzen verwenden könne, wo sie dann den wert eines mit einer 
copula verbundenen demonstrativpronomens hätten. Indem man so das 
wesen der relativen hauptsätze in der Vorstellung ganz von dem der 
relativen nebensätze abtrente, entzog man sich die möglichkeit, natur 
und Ursprung der leztern vermittelst ableitung aus und vergleichung 
mit jenen zu erkennen. 

Die nähere beschäftigung mit den germanischen sprachen, wo 
vielfach die dinge klarer ^ liegen — JoUy nent sie deshalb mit recht 
die lingua classica für die ganze syntaktische erscheinung der relativ- 
sätze — hat auch hier dazu beigetragen, die richtige erkentuis zu 
fordern; das hauptverdienst aber um das Verständnis des Ursprunges 
und Werdens sowohl der relativpronomina wie der relativsätze hat sich 
Windisch erworben durch seino bekante Untersuchung über das relativ- 
pronomen in Curt. Stud. II, 2. 

Doch kann ich mich seiner s. 416 gebotenen bestimmung derjeni- 
gen äusseren momente, welche den relativsatz als eine besondere 
Satzart erscheinen lassen, nicht völlig anschliessen. Nach ihm sind 
nämlich diese merkmale folgende: 

1) gebrauchsbeschränkuug eines gewöhnlichen anaphor. pronomens 
auf den fall, dass die zwei zu ihm gehörigen sätze in beson- 
ders engem zusammenhange stehn. 

2) Voranstellung des relativpronomens. 

3) Veränderung der sonst üblichen Wortfolge auch der übrigen Wör- 
ter im relativsätze. 

1) Klarer insofern, als hier noch mehrere abschnitte der historischen ent- 
wicklung des relativen Satzgefüges nach und neben einander erhalten sind: wir kön- 
nen von den ersten anfangen ab verfolgen, wie das pron. indefin. in die sogenante 
relative function eintritt; ferner hat unser eigentliches und ältestes pron. relativ, 
(vom ia- stamme) bis auf den heutigen tag noch seine ältere demonstrative kraft 
bewahrt und daneben sich noch ausserdem schon längst zum geschlechts- und casus- 
eiponenten (artikel) geschwächt; die nnserii nebensatz später charakterisierende 
Wortstellung ist im gotischen auch noch nicht spurenweise vorhanden und zeigt in 
den verschiedenen andern dialekten eine mannigfaltige , immer sehr belehrende ent- 
wicklung. — Unklarheit freilich komt über die relative satzfügung der Germanen 
nicht nur dadurch, dass dieselbe ausser dem i>ron. demonstr. noch das indefinite zu 
hülfe nirat , sondern auch dadurch , dass sie einerseits ein pron. relat. überhaupt 
nicht zu setzen braucht, andrerseits dasselbe durch eine charakteristische enclitica 
verstärken, und endlich diese enclitica (dann proclitica) anwenden kann, auch wenn 
das (adjectivischej pron. relat. fehlt. Wie viel einfacher das griechische und lateinische ! 



SYNTAX DES GOTISCHEN El 305 

Hiervon lässt sich gegen 1) sagen, dass alle germanischen dia- 
lekte, in jüngerer zeit wenigstens, zwei pronomina, das demoustr. und 
das indefinite, in relativer lunclion verwenden — wobei aber deren ältere 
functionen fortdauern - in früherer zeit aber auch noch die persön- 
lichen pronomina relativ gebrauchten: unter allen diesen pronominibus 
ist aber keins anaphorisch, nur eins ein anajdiorisches demonstrativum; 
gegen 2) ist zu erwidern, dass relative iicbensätze im germanischen 
von anfang an das relativpronomen haben entbehren können; gegen 3) 
dass diese bedinguug erstens nur eine facultative, zweitens aber nicht 
die einzige facultative ist. 

Zutreflender scheinen mir folgende bestimmungen : ' 

I. inneres wesen der relativsätze: 

relative haupt - w ie nebensätze ^ müssen mit einem correspon- 

direnden satze in engem gedankenzusammenhange stelm und 

einen begriff mit ihm gemeinsam haben. 
IL äussere merkmale derselben: 

A. notwendige merkmale: 

1) für die relativen hauptsätze: 

a) bezeichnung des gemeinschaftlichen begriffs durch einen 
bestirnten^ pronominalstamm, der allein, mit ausschluss 
anderer stamme, für diese function verwertet wird, dabei 
aber andere functionen festhalten kann. 

b) Stellung dieses pronomens an die spitze des satzes.* 

2) für die relativen nebensätze: 

griechisch und lateinisch, dieselben wie für die haupt- 
sätze ; 
germanisch, gar keine notw^endigen merkmale; die merk- 
male 1) a. und b. sind nur facultativ. 
Im griechischen und lateinischen sehen also coordinierte und sub- 
ordinierte relativsätze — da beide sprachen facultative merkmale nicht 
kennen — immer gleich aus, im germanischen nicht immer. Lezteres 

1) Ich fasse dabei ausser den german. diall. nur das griech. und das latein. 
ins äuge. 

2) Windisch a. a. o. s. 416 gebraucht die ausdrücke ,, nicht notwendige" und 
„notwendige"; am besten unterscheiden sie sich in latein. oratio obliqua: jene tre- 
ten da in den acc. c. inf. , diese in den conj. 

3) Griech. ja-; lat. ka- {ki-); german. ta- (sa-) , woneben freilich später 
auch ka-, ohne tiefgreifende Unterscheidung von jenem. — „fater unser, du in 
himile bist'' ein relativer hauptsatz? wol nicht; und kaum wird man ein anderes 
beispiel auftreiben können , das obiger bestimmung widerspräche. 

4) Einen hübschen beleg für die bindende (^conjunctionelle) kraft der Wort- 
stellung bietet der sog. chiasmus. 



306 KLINGHABDT 

zeichnet sieb aber vor jenen spracben nicht blos dadurch aus, dass in 
seinen relativen uebensätzen die merkmale A. 1) a. und b. fehlen kön- 
nen, sondern auch andrerseits durch eine ausserordentliche fülle und 
mannigfaltigkeit von Sprachmitteln , die neben jenen notwendigen nierk- 
maleu oder an ihrer stelle noch statthaft sind ; selbst innerhalb des ein- 
zelnen dialektes ist bis heute noch nirgends eine durchaus einheitliche 
behandlung der relativen Satzverbindung durchgedrungen. Jene sprach- 
Diittel sind aber folgende: 

B. facultative ^ merkmale : 

1) für relative haupt- und nebensätze gemeinsam: 

a) Verstärkung des relativprouomens durch eine enklitische 
Partikel (so got -e/, selten -uh; ahd. thar, der usw.). 

b) anweudung einer besondern , im übrigen nur für die 
subordinierten sätze geltenden Wortfolge ^ (im deutschen). 

2) für relative nebensätze insbesondere: 

a) gebrauch der persönlichen pronomina statt des gewöhn- 
lichen, in den hauptsätzen ausschliesslich üblichen pron. 
relativum (ahd.). 

b) Verstärkung auch dieser pronomina durch eine enkli- 
tische Partikel (got. -ei ; ahd. thar, der usw ). 

c) gebrauch derselben partikel an der spitze des satzes, 
wenn der gemeinsame begriff im relativsatze überhaupt 
nicht ausgedrückt ist, d. i. wenn das pron. rel. fehlt 
(so got. ei, ahd. as. ags. the, an. er). 

d) gebrauch dieser partikel an der spitze des satzes und 
bezeichnung des gemeinschaftlichen begriffes innerhalb 
des satzes (ahd. as. ags. aengl. vgl. Tobler, Germ. 17, 293). 

3) für relative hauptsätze insbesondere: 

keine ausser den unter l) angegebenen. 

Als ein „äusseres merkmal des relativen nebensatzes'' kann man 
es natürlich nicht bezeichnen, wenn in verschiedenen germanischen dia- 
lekten der gemeinschaftUche begriff im nebensätze unbezeichnet bleiben 
darf (F. Kölbing, untersuch, über d. ausf. d. rel. pron.; Erdmann, a. a. o 
§ 85 fgg.)] ebensowenig dies, dass im correspondierenden satze der 

1) D. h. nicht für alle dialekte oder alle sprachepochen obligatorische; für 
einzelne mögen sie es sein. 

2) Es scheint diese merkwürdige tatsache , dass im deutschen relative haupt- 
sätze nebensatzwortstellung haben , noch gar nicht beachtet worden zu sein , z. b. 

„ der übrigens nicht sein einziger freund war; was keinen günstigen 

eindmck machte " ; die sache ist bedeutsam genug für eine richtige urteilsfassung 
über die abweichende Wortfolge unserer nebensätze. 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 307 

gomeinschaftliclie begriff sowol durch ein subst. als diircli ein pron. 
angegeben werden, aber auch gloichfals oline ausdruck bleiben kann; 
und dass derselbe gern dem ndativsatze nahe rückt, besonders wenn 
mittels eines pronomens auf ihn hingewiesen wird; ferner dass, wenn 
er in einem am anfimge oder in der mitte des satzes stehenden Sub- 
stantiv (seltener pronomen) enthalten ist, dieses Substantiv (oder pron.) 
gern am ende des satzes durch ein demonstratives pronomen wider 
aufgenommen wird, worauf dann unmittelbar der relativsatz folgt, usw. 
usw. Es sind dies aber eigentümlichkeiten der relativen satzfügung, 
die ich der volständigkeit halber wenigstens flüchtig berührt haben will. 

Nur noch bei einer algemeinen, auf das ganze relative satzpaar 
und seine bindung bezüglichen frage, muss icli mich noch einen momeiit 
aufhalten, ehe ich speciel auf die gotischen relativsätze eingehe; es ist 
diese: wenn der gemeinschaftliche begriff am Schlüsse des mit dem 
relativsätze correspondierenden satzes durch ein pron. dem. ausgedrückt 
oder — nachdem er vorher schon mit einem Substantiv (pronomen) 
ausgesprochen war — wieder aufgenommen wird und darauf der rela- 
tivsatz folgt, zu welcher der beiden rhythmischen einheiten, die der 
relativsatz und sein correspondierender satz bilden,^ gehört dann das 
pron. dem.? jedermann, der veranlassung gehabt hat, mit achtsamkeit 
laut vorzulesen oder auf lautes lesen scharf zu achten, wird bezeugen, 
dass solche demonstrativa , wenn nicht ausnahmslos, so doch in der 
Aveit überwiegenden mehrzahl der fälle zur rhythmischen einheit des 
nebensatzes zu ziehen sind , wiewol sie grammatisch der construction 
des correspondierenden satzes angehören, dass also nicht zwischen den 

prouominibus ,,der, welcher ; derselbe, der ...; dem, der ...," 

sondern vor ihnen die beide rhythmische einheiten trennende pause 
eintreten muss; ebenso wenn ein früher genantes Substantiv wider auf- 
genommen wird, z. b. „er reiste mit seinem bruder mit dem, den 

ich dir damals vorgestelt habe" u. a. Das zeichen des kommas ist 
also vor relativem nebensatze (d. i. notwendigem relativsätze) kein 
tactzeichen, sondern ein rein grammatisch logisches; es wäre abei^ um 
irtum zu vermeiden weil es ja sonst immer rhythmische eins(»iitte 
andeutet — besser, man sezte es gar nicht, wie das schon längst bei 
den Franzosen sitte ist. 

Besonders -wichtig ist eine correcte auffassung dieser Sachlage für 
das Verständnis der relativen Satzverbindung im nordischen. In ältester 
zeit wHirde dort in einem durch verwantschaft der gedanken und gemein- 
schaft eines begriffes zusammengehörigen satzpaare lezterer nur im 

1) Ist der relativsatz sehr klein, so macht das ganze satzpaar nur eine ein- 
zige rhythmische einheit aus, und dann kann obige frage natürlich nicht statt haben. 



308 KLINGHARDT 

ersten satze ausgedrückt, blieb aber im zweiten satze, weil er von sei- 
ner nennung im ersten satze her noch in der Vorstellung lebendig war, 
ohne eigene bezeichnung; weiterhin fieng man an, um die zwischen 
beiden sätzen vorhandene pause zu mildei-n und zugleich um die sätze 
noch ohrenialliger zu trennen , dem zweiten satze die indetiiiite partikel 
er vorzuschieben, und dies wurde alniä blich die regel; endhch, um kei- 
nen Zweifel zu lassen, welcher von den im ersten satze vorhandenen 
begriffen der mit dem zweiten gemeinsame sei, nantc man denselben 
stets mit verliebe an der dem zweiten satze zunächst stehenden stelle, 
d. h. am Schlüsse des ersten, oder, hattt^^ man ihn schon vorher aus- 
gesprochen (durch subst oder pron.). so wurde er dort nochmals nach- 
drücklieh mit einem pron. dem. wider aufgenommen; diese anwendung 
und Stellung des pron. dem. wurde schliesslich die herschende. Zu wel- 
cher der rhythmischen einheiten beider Sätze gehörte nun aber dasselbe? 
ohne zweifei auch hier zur zweiten,' und zwar von anfang an, nicht ist 
dieses Verhältnis erst secundärer art , wie Erdmann (Synt. Otfr. I , §89; 
Wiss. monbl. III , 3 , 54 fgg.) annimt. 

Auch das gotische besizt relative satzfügungen dieser art, sie sind 
aber im ganzen selten, und ich habe daher vorgezogen, ihr wesen lie- 
ber am nordischen, wo sie die regel bilden, klar zu machen; denn wo 
eine auffallende erscheinung massig auftritt, nötigt sie uns eher ihre 
richtige erklärung auf, als wo sie sich uns nur in einzelnen verspreng- 
ten beispielen darbietet. Sodann habe ich die sache schon hier zu erle- 
digen gesucht, um mich nachher nicht wider unterbrechen zu müssen, 
wenn ich bei der zusammenhängenden darstellung des gebrauchs von ei 
in der relativen satzfügung des gotischen , der ich mich jezt zuwende, 
auf die betreffende constructionsweise zu sprechen komme. 

Das gotische nun kent sowol relative haupt- wie relative neben- 
sätze (nicht notwendige und notwendige relativsätze). 

I. Relative hauptsätze. Als beispiel sei gewälilt Eph. 5, 6: 
ni mamm izvis usluto lausaim vaurdam^ Jjairh poei quimip hatis gtips 
anaj^unum ungalaubeinais ; inr^deig v/näg dTraTccTio y^vöig koyoig ' did 

1) Stelt man sich vor, dass mit hülfe des pron. dem. das Casusverhältnis 
angedeutet war, welches der relativsatz, wenn als nominaler begriff ausgedrückt, 
hätte annehmen müssen, und dass das pron. dem. auf diese weise in ein artikel- 
artiges Verhältnis zum relativsatz trat, so kann man den umstand, dass das- 
selbe zugleich rhythmisch zum relativsätze und syntaktisch zum correspondiertnden 
(d. i. haupt-) .satze gehört, nur höchst einfach und natürlich finden, und noch 
mehr wird die nordische redeweise unserm gefühle nahe treten , wenn wir uns 
erinnern, dass auch deutsch die corjanctionen ,,dass, nachdem u. a.*' und gotisch 
pat-ei. paiHjn-ei sich syntaktisch zum hauptsätze, rhythmisch zum nebensatze stel- 
len, und auch sie eine art satzartikel bilden. 



SYNTAX DES GOTISCHEN LI 309 

Tuvra ydg I'qx^cli i) OQyt) rov xHov frn Tovg r/ott; tfjg d/ceid^e/ctc;. Wir 
haben hier ein satzpaar, das dnrch engen Zusammenhang der gedanken 
verknüpft ist und einen wesentlichen bcgrilV gemeinsain liat; dies sind 
die eigentünilielikciti'ii, welche das innere wesen der relativen satz- 
fiigung ausmachen (s. o. s. 305, T). Trotzdem kann der zweite der grie- 
chischen Sätze nicht als relativsatz bezeiclinet werden , da ihm das oben 
unter II. A. 1) a. angegebene äussere merkmal fehlt: bezeichnung des 
gemeinschaftlichen begrifies durch das im griechischen für die relative 
Satzverbindung ausgeschiedene pronomen oc, /y, o. Wol aber ist der 
zweite gotische satz als relativsatz zu charakterisieren; denn das für 
gotische relative liauptsätze bestimte pronomen ist sa, so, pata; dabei 
steht noch die enklitische partikel ei, welche der gotische Sprachgebrauch 
ein für alle mal als zeichen der relativsätze festgesetzt hat. 

Nun handelt es sich aber darum, festzustellen, worin das innere 
plus besteht, welches ei zur bezeichnung des relativen Verhältnisses 
hinzubrachte und durch welches dasselbe allmählich stehender exponent 
des relativsatzes wurde. % 

Es hat offenbar eine zeit gegeben, wo man im got. zwar pro- 
nominale Satzverbindung" kante , deren wesen eben das oben unter I. 
geschilderte ist , aber noch nicht relative sätze (wie den obigen) von 
demonstrativen (beispiele: L. 9, 31 und der angeführte griechische 
satz dia laiTu yuQ usw.) unterschied. Dann muss man allmählich 
angefangen haben, wenn man einen besonders engen Zusammenhang 
der gedanken empfand und andeuten wolte, eine partikel zu hülfe zu 
nehmen , die man natürlich , wenn anders sie eine für den ganzen satz 
charakteristische Wirkung ausüben wolte , au die spitze desselben zu 
bringen hatte. Diese partikel war nun ei, und zwar trat dasselbe dem 
einleitenden pronomen nach: sie hätte wol auch vortreten können (vgl. 
the in Hei. v. 1 , und ags. pe pa his . . . = got. pizei pu . . . ., aber 
wörtlich ei pu is; ags. pe pu = got. puei, wörtlich ei J)U, s. Tobler, 
Germ. 17, s. 293), aber diese construction ist gotisch ebensowenig 
beliebt geworden , wie die gleiche Stellung entsprechender partikeln in 
den andern dialekten.^ Als nun die anwendung von ei bei besonders 
eng verbundenen pronominalsätzen überhand genommen hatte und end- 
lich zur regel geworden war, da fanden sich so zu sagen die relativ- 
sätze geboren, d. h. ihre gattung war als eine besondere von den 
demonstrativsätzen geschieden. Von jezt ab aber, wo ei den Charakter 
eines bewust angewanten mittels der Satzverbindung trug, verhärtete 

1) Nur so tritt in ahd. relatizsätzen vor das einleitende wer: so -wer = 



310 KLINGHARDT 

es sich tillmählich in dieser functiou, und seine ursprünglichen eigen- 
schaflen , die es erst für dieselbe beföhigt hatten , schwanden im bewust- 
sein, um so mehr, als es auch von einem ganz andern punkte aus, 
besonders vor inhalts- und cansalsätzen, syntaktisches formwort gewor- 
den war, wie wir unter B. I. sahen. Suchen wir nun diesen ursprüng- 
lichen eigenschaften von ei auf den grund zu kommen. 

Zur zeit unserer Vulfilanischen denkmäler waren nur noch geringe 
bruclistücke der alten bedeutung von ci aus seiner vorconjunctionellen 
entwicklungsperiode her übrig, die wir s. 145 fgg. aufgezählt haben. 
Genügen dieselben, um uns klar zu machen, wie ei dazu kam, cha- 
rakteristicum des relativsatzes zu werden? kaum; denn da wir ei in 
jenen resten im algemeinen als urgierende partikel kenzeichnen musten, 
so würden wir zu dem Schlüsse gedrängt werden, dass ei nur deshalb 
zur markierung gewisser pronominaler sätze herbeigezogen worden sei, 
damit es die demonstrative kraft des prouomens verstärke. Dieser 
gedanke wäre aber falsch; denn wir sehen, dass das griechische einen 
schon damals verhältnismässig sehr geschwächten rein anaphorischen 
stamm als relatives pronomen verwendet, das lateinische und das ger- 
manische in seinen spätem Zeiten geradezu den indefiniten^ pronomi- 
ualstamm; liegt es da nahe, anzunehmen, dass das gotische die deu- 
tende* kraft seines pronomen demonstr. noch durch eine partikel habe 
erhöhen müssen, um ein pron. relativum zu gewinnen? Dazu komt, 
dass im deutschen das relativ gebrauchte pron. dem. „der, die, das" 
zu allen zeiten offenbar tonlos war; denn es hat nicht die kraft, gleich 
den andern demonstrativis das verbum an sich zu ziehn ; überdies braucht 
ja in den relativsätzen aller germanischen dialekte ein pron. rel. über- 
haupt nicht angewant zu werden.^ Unter solchen umständen ist es 
unmöglich, zu behaupten, dass ei in sa-eij so-eij pat-ei bestimt sei, 
die demonstrative wucht des pronomens zu verstärken; im gegenteil, 
die hinweisende kraft des ta- (sa-) stammes ist in der relativen func- 
tiou nachweislich geringer als in der demonstrativen. 

Es kann jedoch auch nicht zweck von ei sein, die in relativer 
function eintretende Schwächung der deutekraft des ta- (sa-) Stammes 

1) Ich bin mit Erdmann (a. a. o. § 127) und Kvicala (Unters, auf d. geb. d. 
pron. s. 79 fgg.) der Überzeugung, dass die relative function des fca-stammes im 
lateinischen wie im deutschen sich aus der indefiniten entwickelt hat. — Das lat. 
hat wol sein demonstrativum wie sein indefinitum verstärkt (so hi-ce, quis-que), 
aber daraus sind keine relativa entsprungen. Auch im englischen ergeben prono- 
minale häufungen der Volkssprache wie in „that there man, this here hotise^' 
nichts weniger als relativa. 

2) Vorausgesezt , dass es, wenn gesezt, als nora. oder accus, einzufügen wäre. 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 311 

ZU markieren ; in solchem falle ist eher lautliche corruptioii wahrschein- 
lich, als hiiiziilui,^UMg eines sut'fixes. Wirkt aher ci weder stärkend 
noch schw^ächend, so können wir seine ursprüngliche aufgäbe zunächst 
nur in einer der kategorien temporal, modal, local suchen. Welche 
von den dreien nun die meiste Wahrscheinlichkeit für sich hat, darüber 
kann uns nicht wol das gotische aufschluss geben; denn nur analogien 
und paralhden werfen licht auf praehistorische Verhältnisse, und solche 
bietet das gotische nicht, wol aber finden wir sie im deutschen. Doch 
muss ich im voraus bemerken , dass für eine ursprüngliche temi>orale 
function von ci weder innere gründe noch irgend welche verwante 
erscheiuungen sprechen; so bleibt nur modal und local, für welche 
kategorien allerdings analogien vorhanden sind. " 

Und zwar ist für crstere ahd. so anzuführen. Wie nämlich im 
got. suffigiertes ei die durch vorangesteltes sa, so, pata bewirkte pro- 
nomiualconstruction als relative kenzeichnet , so ahd. so die vermittelst 
der iufinita wer, waz, gebildete ; und zwar herscht hier dieselbe strenge 
regel wie dort: so wenig got. sa, so, pata ohne ei als satzbindendes 
relativ fungieren kann, so wenig haben teer, waz ohne praefigiertes so 
die fähigkeit, relativsätze einzuführen. Dass aber so hier wirkliches 
tonloses praefix ist, ersieht man daraus, dass es in den handschriften 
niemals accentuiert wird, wol aber iver, waz, (Grimm III, s. 44); auch 
erklärt sicli nur so das im mlid. vollendete zusammenschwindeu von 
so -wer, so-wdz, (so- wer ^ so-ivd^) zu swer, swaz, und der weiterhin 
endlich stattfindende völlige abfall von s-. Es ist demnach so -wer, 
so-wdz, seiner bildung nach als ein umgekehrtes sd-ei zu bezeichnen.^ 

Ganz entspricht gotischem sd-ei, so- ei, pat-ei auch in der folge 
der bestandteile die ahd. relativbildung mittels des localen adverbs 
dar (geschw. der, dir): der- dar, diu -dar, ddz,-dar {ili-dar, du -dar 
u. ä.), nur dass dieses suffix nicht ein unbedingtes erfordernis ist, 
vielmelir der, diu, daz, auch ohne dasselbe relativ fungieren können, 
unterstüzt von der mehr und mehr als charakteristisches merkmal sich 
befestigenden Wortfolge (Grimm 111, 20—22). 

Wie sind nun so und dar als significante prae- und suifixe des 
relativ gebrauchten pronomens zu verstehn? wenn dieses auf den gemein- 
schaftliehen begriff hinweist, was tun jene? ich meine^ sie wollen an 
die modalen und örtlichen Verhältnisse erinnern, unter denen der Inhalt 
des Satzes stattfindet. Z. b. 0. I, 27, 56 so -wer so in laute ist furisto, 
thes ist er heristo, das soll heissen: „irgend einer ist so (in der 

1) Das in der ältesten zeit hinter sö-iver, sö-wa^ angefügte zweite so ist 
eine einfache doppelung, wie in so -so st. einfachen so. 



312 KLINGHARDT 

gewöhulicheii , uns allen bekannten weise; in irgend einer weise) im 
lande fürst: dessen oberherr ist er"; beide sätze verhalten sieh also 
zu einander wie Setzung und gegensetzung, ein Verhältnis , bei dem wir 
jezt inversion anzuwenden pflegen: „ist irgend einer so fürst im lande: 
dessen oberherr ist er." Man darf aber den zuerst gesezten gedanken 
uiclit geradezu conditional nehmen und so als conditionalpartikel ; denn 
dann gienge der parallelismus mit dem suffix dar verloren, dessen 
erklärung ofteubar auf derselben basis mit so erfolgen muss ; ausserdem 
ist so als conditionale partikel bei 0. noch gar nicht üblich , Erdmann 
weiss nur einen beleg dafür anzuführen (§ 185). Vielmehr sind beidö 
gedanken einfach parallel neben einander hingestelt, coordiniert; das 
dem pron. indef voraufgehende so aber hat mit der bindung beider 
Sätze zunächst gar nichts zu tun, sondern gehört lediglich dem ersten 
au . auf dessen modale Sphäre es hinweist. Freilich ist diese hinwei- 
sung eine äusserst algemeine, umfasst alle denkbaren fälle, und tritt 
somit aus dem demonstrativen in das indefinite über; aber doch deckt 
sie sich darum noch nicht mit „irgendwie," vielmehr wird durch 
diese algemeine, des bestimten objectes ermangelnde hinweisung der 
hörende veranlasst, sich sämtliche modalitäten, unter denen ein fürst 
im lande walten kann , vorzustellen , um dann den Inhalt des gedankens 
gleichsam mitten in sie hinein zu versetzen; sein vorstellungsvermögen 
findet sich genötigt, die begriffe wer, furisto, lant in ihrer einzelheit 
und ihrer Verbindung gewissermassen aus der abstraction herauszuheben 
und an eine fülle bekanter realer Vorstellungen anzuknüpfen. Es leidet 
keinen zweifei , dass auf diese weise der eindruck des gedankens ausser- 
ordentlich an sinlich plastischer lebendigkeit gewint, und solche eben 
hervorzurufen, darin sehe ich den ursprünglichen zweck des praefigier- 
ten so. 

Man könte auch annehmen, die deutende kraft von so gehe nur 
auf die modale Sphäre des durch das pron. indef. vertretenen begrif- 
fes — was übrigens nur eine unwesentliche modification meiner erklä- 
rung wäre — indessen glaube ich doch, dass die obige auffassung den 
Vorzug verdient; denn, wenn anders mein gefühl mich nicht täuscht, 
so ruft auch das noch im uhd. sprachbewustsein lebendige dar (da) 
nicht nur die örtlich - reale Wortstellung des pronominalbegriffes , son- 
dern die des ganzen satzes wach, wie z. b. „die seele, die da reichlich 
segnet, wird fett (Sprüche Sal. 11, 25); wer da gutes sucht, dem 
widerfahrt gutes (ibid. v. 27)"; und dasselbe wird auch bei dem jezt 
als relativpraefix erstorbenen so der fall gewesen sein. Auch der ähn- 
liche gebrauch von frz. y in il y a und engl, there in there is, there 
are lässt sich vergleichen: denn auch da weisen y und there auf die 



SYNTAX «f:^ GOTISCHEN EI 313 

locale realität des ganzen gedankens liin; und ganz so bedienen wir 
uns auch in hauptsätzen des localadverbs dciy besonders bei einfülirung 
von beispielen , wie : ,, da finden wir z. b. manchen , der . . . ." 

Die Wirkung von dar als significantem merknial des relativsatzes 
ist ganz dieselbe wie die von so , nur aus dem modalen ins locale über- 
trai^en. Z. b. 0. V, 20, 31 : thie sceklit er in loär mhi, iagiwcdar hall) 
sin, so hirfij thcr-thar hcltit, joh sines fehes weltit, d. i. „wie ein 
hirte, der da (in den bekanten örtlichen verluiltnissen; an irgend einer 
der stellen, wie sie .als zur weide dienlich bekant sind) hütet und sei- 
nes viehes waltet"; der augeredete wird durch thar genötigt, sich den 
hirten unter den bekanten localen umständen vorzustellen: die folge ist 
wider „sinliche lebendigkeit." 

Fragt man, warum die spräche solche lebendigkeit der Vorstel- 
lung gerade bei relativsätzen zu wecken strebte, so bescheide ich mich 
mit einem „ich weiss es nicht''; sie ist früher und später ohne solche 
Partikeln ausgekommen, also lag ein zwingender grund für ihren 
gebrauch nicht vor; der möglichen freilich gibt es genug, doch ist es 
zwecklos, sie hier aufzuzählen. 

Allmählich verlor so als präfix seine vocallänge, dann den vocal 
selbst und endlich fiel auch s ab; dar schwächte sich zu der, dir, und 
da zu de^ was noch im volksmunde lebt. Viel früher aber meine ich, 
hat schon die spräche das deutliche bewustsein von der ursprünglichen 
modalen und localen natur dieser partikelu verloren, nämlich seit der 
zeit, wo sie zu ständigen begleitern des satzverbindenden pronomens 
geworden waren; nur die sinlich belebende kraft haben sie wol nie ganz 
aufgegeben. 

Kommen wir nun auf unser gotisches ei zurück : nach vorstehen- 
der erörterung über so und dar werden wir mit bestimtheit vermuten, 
dass auch diese partikel, indem sie zum relativsatze hinzutrat , die Wir- 
kung hatte, der Vorstellung seines Inhaltes plastischere sinlichkeit zu 
verleihen. Allein sie kann zu dieser function weder von modaler noch 
von localer basis aus gelangt sein , weil solche dem ursprünglichen acc. 
*y«p] nicht eignete; es ist also noch zu ermitteln, in welchem andern 
sinne ci in den relativsatz getreten ist, um die genante Wirkung zu 
erzielen. 

Auch hier sind wir zum glück nicht auf blosses conjicieren ange- 
wiesen, sondern können uns einer schlagenden analogie bedienen, ich 
meine die bekante ahd. as. ags. partikel tlie^ die ohne zweifei auf ein 
tha zurückzuführen ist, das sich als suffixloses neutrum zu that verhält 
.. .c ja zu '^jat (an. at) und got. hva zu an. hvat, und von dem the 
eine Schwächung bildet wie ei (ji) von ja; beide aber, HJia me ja, 



314 KIJNGHARDT 

siuil als alte accusative auzusebn (vgl. oben s. 167 — 168). Was nun 
ihre ursprüngliche bedeutung betrift . so ist zunächst festzustellen, dass 
dieselbe nahezu identisch sein muss für beide, da es ihre bezielumgs- 
form (aec. neutr.) wirklich ist, und ilire stamme nur insofern von ein- 
ander abweichen, als der eine rein anaphorisch ist, der andere ausser- 
dem noch demonstrative fähigkeit besitzt. Zweitens ist es jedenfals 
eben diese ihnen beiden eigentümliche anaphorische eigenschaft, welche 
sie zu exponenten der relativsätze geschickt machte. Drittens müssen 
wir uns. wie schon bemerkt, ilire Wirkung als solche exponenten der- 
jenigen der gleich gebrauchten aber um vieles verständlicheren Parti- 
keln so und dar entsprechend denken, d. h. wir haben anzunehmen, 
dass sie eine hinweisung enthalten, durch welche die Vorstellung des 
relativsatzes an bekante algemeine dinge und zustände geknüpft wird. 
Und zwar geschieht dies, genauer bestimt, so, dass der Inhalt des 
Satzes, in dem die accusative ja und '^tlia (ei, tlie) stehn, durch diese 
in der beziehungsform des accusativs auf die ganze gruppe schon bekan- 
ter, mit dem satzinbalte verwanter begriffe und gedanken bezogen 
wird; die fragliche beziehungsform des accusativs aber hat Curtius 
(chronol. d. indog. sprachst, s. 252) treffend als die eines algemeinen 
casus obliquus bezeichnet, wenigstens für eine älteste casusepoche, aus 
der dieser casus jedoch noch eine reihe eigentümlichkeiten in weit jün- 
gere Zeiten herübergenommen hat, besonders bei den neutris der pro- 
nomina. Solche ganz algemeine geltung nun nehme ich auch für 
unsere accusative ja^ und "^tha an, die demnach, wenn meine Vermu- 
tung richtig ist, nicht nur auf modale und locale, sondern auf sämt- 
liche jemals durch casus ausdrückbare Verhältnisse des bezugsbegriffes 
(d. i. der als bekant vorausgesezten verwanten einzelbegriffe und gedan- 
ken) hinweisen würden, um so dem Inhalte des speciel vorliegenden 
Satzes mit hilfe der von ihnen angeregten phantasie lebensvollere fär- 
ben zu verleihen. Diese hiuweisung ist also noch weit algeraeineren 
und darum unbestimteren Charakters als jene, welche wir noch heute 
mit unserm modalen so erzielen in sätzen wie: „wir giengen so zusam- 
men spazieren: wir sassen so da und arbeiteten; die blume sieht so 
rot und gelb aus u. ä.," wo doch dieses einem ganz indefiniten „irgend- 
wie" nahe komt und vor diesem nur die widerholt geschilderte ver- 
sinlichende kraft voraus hat; doch wird leztere wol bei alle dem in ei 
niclit geringer gewesen sein als in so. 

Nun kann und wird man aber mit rücksicht auf sätze wie den 
oben citierten, Eph. 5, 6 ni mayma izvis usluto lausaim vaurdam^ pairh 

1) Vgl. griech, 6- d. i. ja- in o-noaog usw. 



SYNTAX DES GOTISCHEN /:■/ 315 

poei quimij) hafis gups ana siinum unijnlauheinais ,^ fragen, warum 
ich uiclit lieber l'ür ei das gleiche bezugsobject mit po annehme , also 
l. vaurdam. Ich antworte: dann würde ei eine Verstärkung des pro- 
nomens bilden: ich habe aber sclion oben s. ülO nachgewiesen, dass dies 
niclit anzunelimen ist. Und dazu komt ein zweiter grund : so als prae- 
fix in so- wir kann nicht auf den correspondierendcn satz bezogen wer- 
den, dann aber audi niclit das syntaktisch gleiclisteliende r/r/r, und 
wemi diese beiden nicht, dann auch nicht ihc und ei; denn die erkhi- 
rung dieser in gesclilossoner sippc zusammengehörigen partikeln muss 
auf gleicher grundlage erfolgen. 

Noch al)er ist ein umstand aufzuklären: wenn das pronomen und 
ei verscliiedene bezugsgegenstände haben — jenes den gemeinscliaft- 
lichen begrifi", dieses alle mit dem relativsatze verwanten einzelbegrifte 
und gedanken — warum ist denn lezteres so unauflöslich au jenes 
gebunden? auch hierfür ist uuschwer der grund zu finden. Da näm- 
lich ei eine für den ganzen satz geltende bestimmung entliält, so kann 
es nicht wol einen scliicklicheren platz einnehmen als an der spitze 
desselben: und wirklicli finden wir auch ci (wie the), wenn der gemein- 
schaftliche begrifi' im relativsatze nicht ausgedrückt ist, an erster stelle: 
ihai managiseins taiknins taujai paim,^ ei sa tavida? J. 7, 31. Wird 
nun aber der gemeinschaftliche begriff' durch ein pron. rel. , das ja auch 
auf die erste stelle anspruch macht, bezeichnet, dann muss eins dem 
andern weichen, und es ist begreifiich, dass das ton- und bezugs- 
kräftigere pronomen den Vorrang vor der partikel erhält, mit unbe- 
dingter notwendigkeit freilich nicht, das zeigt deutsch so -wer. Mög- 
lich immerhin, dass ei eine zeit laug im satze hin und her vagierte; 
aber als man sich seiner erst als charakteristicura einer bestimten satz- 
art bewust geworden war, da trat jedenfals die neigung ein, es mit 
deren anderm merkmale, dem pron. rel. zu verbinden, und diese Ver- 
bindung wurde durch den gebrauch — usus est tyrannus — mit der 
zeit eine notwendige. 

Ich glaube nun genug getan zu haben, um die natur von ei als 
significantem merkmal der relativsatze möglichst klar zu stellen: es ist 
eine partikel, welche keinen constructionsbestandteil des satzes bildet 
und nur sehr geringen eigenwert besizt, aber die Wirkung ausül>t, dass 
der Satzinhalt in der Wortstellung sinlich lebendiger hervortritt. In 
dieser function — als sozusagen coloristische pari explet. - wurde es 

1) „Wegen deren komt so der zorn gottes auf die söhne dos Unglaubens." 

2) Der logisch - syntaktische , beide gätzo trennende einschnitt fält hinter ^am, 
der rhythmische, d. h. die pause vor paim s. s. 70. 



316 KLINGHARDT 

aus unbekanteu gründen allmählich für den relativsatz bevorzugt, end- 
lich ausschliesslich in demselben verwant. Dadurch orewaun es den 
wert eines charakteristiselien kenzeichens desselben, und nalim nun, 
wenn nicht schon vorher, seine Stellung an der spitze des satzes, resp. 
unmittelbar hinter dorn relativpronomon. 

ei ist also ursprünglicli nicht nierknial des relativpronomens, 
sondern des relativsatzes , erst mit der zeit mag man gelernt haben, 
es mit in ersterem sinne zu empfinden; ' ferner ist es nicht satzbinde- 
mittel, sondern satzkenzeichen. 

Was den gebrauchsbostand von ei betrift, so findet es sich noch 
in folgenden relativen liauptsätzen: Eph. 3, 1 {in Jmozei vaihtais, tov- 
roi y/iQir)'^ 2. K. 12, S (hi patei, hceg tovtov); M. 27, 46 {patei ist, 
TovT tOTir), alle drei griechischen denionstrativsätzen entsprechend. 

Dagegen stehen in nachstehenden fällen auch im griechischen 
relative hauptsätze gegenüber: 1. T. 1, 6 (af paimei sumai, ^ov tiveq)] 
2. Th. 1, 11 (du pammeij elg o); Eph. 4, 19 (paiei, ohiveg); Col. 4, 9 
(paiei, oY); Phil. 3, 19 (piseei andeis , cor zö zelog). — Anderorts 
wird og vor hauptsätzen durch sah vertreten; L. 17, 12; 16, 20; 2, 37; 
Phil. 11, wo Luther überall demonstrativ construiert. — L. 9, 31 wird 
01^ mit einfachem j>ai übersezt, ei fehlt. 

II. ei als charakteristisches merkmal in relativen 
nebens ätzen. — Die relativen nebensätze unterscheiden sich von 
den relativen hauptsätzen innerlich nur darin, dass sie für das Ver- 
ständnis und die Würdigung des correspondierenden satzes notwendig 
sind, also nicht aus eignem rechte, sondern um dieses willen dastehn; 
man könte sie daher auch „unselbständige relativsätze" nennen. Äusser- 
lich sind sie vor den hauptsätzen dadurch ausgezeichnet, dass sie eine 
weit grössere manuigfaltigkeit der merkmale aufweisen. Und zwar zer- 
fallen sie in dieser hinsieht zunächst in zwei klassen: 1) solche, in 
denen der gemeinschaftliche begriff" ausgedrückt ist, 2) solche, in 
denen er nicht ausgedrückt ist. Die existenz von relativsätzen der zwei- 
ten art ist von Erdniann für das ahd. , von Kölbing für alle germ. 
dialekte nachgewiesen, und die erklärung dieser für den ersten augen- 
blick befremdenden erscheinung von Erdmann (S. 0. I § 85) gegeben 
worden : der im hauptsatz (correspondierenden satze) genante begriff" ist 
nämlich in der Vorstellung noch mächtig genug, um einer zweiten 
nennung nicht zu bedürfen; Tobler, in dieser zs. VI, s. 244, schliesst 

1) wobei aber die Wirkung auf den ganzen satz gewiss nie aufgehört hat. 

2) Es liegt allerdings nahe, hier Verwechslung von oV mit ot anzunehmen, 
s. Bernhardt z. d. st. 



SYNTAX DES GOTISCHEN ET 317 

sicli Erdmaiins erklärung an. — Ich wende mich jezt der ersten 
gruppe zu: 

1) relative nebensfitze, in welclien der gemeinschaft- 
liche begriff ausgedrückt ist. Diese zerfallen wider in zwei Unter- 
arten , je iiachdem der gemeinschaftliche begriH' durch den stannn ta- 
(sa-) oder durch personalpronomina bezeichnet wird. 

a) Der gemeinschaftliche begriff ist durch sa, so, pata bezeich- 
net. Hier finden sich nun wider verschiedene Spielarten der Satzverbin- 
dung, unter denen die einftichste und natürlichste wol die ist, wo der 
gemeinschaftliche begrilf im correspondierenden (liaupt-) satze mit einem 
substantivum ausgedrückt und im unmittelbar nachfolgenden relativ- 
satze durch den von lezterem erforderten casus des pronomens wider 
aufgenommen wird, z. b. Mc. 15, 46 yalagida ita in hlaiva , patei vas 
gadraban iis staina, eigentlich „er legte ihn in ein grab, das war so 
aus stein gehauen,'' doch ist die hinweisung mit cl viel algemeiner, 
als dass wir sie mit unserm speciel modalen so nachahmen könten ; 
L. 1, 25 sva mis gatavida frcmja in dagain, paimei insahv afniman 
idvcit mein in mannam; L. 5, 17. 29; 6, 19; J. 8, 40; 18, 1; 1. K. 
16, 19; M. 8, 4; Mc. 10, 38; Eph. 1, 9; Col. 1, 12 u. ö.^ — Selten 
ist der vorantritt des relativsatzes und nennung des gemeinschaftlichen 
begriftes durch ein Substantiv im nachfolgenden hauptsatze: J. 8, 16 
ik jah saei insandida mik, atta, und ebenso die eiustellung zwischen 
artikel und Substantiv: L. 1, 4 ei gakunnais Jnze, hi poei galaisips is 
vaurde astap; 2. T. 1, 5; Sk. I, b vgl. L. 3, 19; 19, 37.2 _ Ofj^ei- 
dagegen finden wir den gemeinschaftlichen begriff im voraufgehendeu 
hauptsatze gleichfals mit einem pronomen angedeutet: J. 17, 11 fastai 
ins in namiu Jyeinamma^ panzei atgaft mis; L. 5, 21 livas ist sa, saei 
rodeip naiteinins? L. 2, 33; 6, 3; 7, 49 u. ö. — Bemerkenswert sind 
hier besonders die pronomina indefinita: 1) hvazuh: M. 11, 6 audags 
ist hvazuh, saei ni gnmarzjada in mis; J. 6, 1(J; 8, 34. M. 5, 28. 
31. 32. R. 10, l;3 u. ö. 2) hvarjizuh: L. 14, 33 svah nu hvarjizuh 
izvara , saei ni afqip'i]) allamma aigina seinamma , ni mag visan meins 
siponeis. 3) J)ishvazuh: Mc. 4, 2b pishvammeh saei hahaiP), gihada 
imma; Mc. 7, 11; M. 10, 33; 3, 17. 23; Phil, i, 8. 4) sahvazuh: 
L. 7, 23 audags ist sahvazuh, saei ni gamarzjada in mis; M. 10, 32; 
Mc. 9, 37. 42; 10, 11. 43; Lc. 9, 48; 18, 4. 

1) Die volständitre Zusammenstellung der hierhergchörigeD sätzo findet sich 
bei Eckardt in dessen genanter dissert. § 38. 

2) Eckardt § 36. 

ZEIT3CHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VIII. 21 



318 KLIKGHARDT 

Bei dieser gelegeuheit sei ein kurzes wort eingeschaltet über die 
leztgeuanten iudefinita. Was hvaziih und hvarjkuh betrift, so ist der 
Übergang der bedeutung „irgend einer'' iu die von „jeder beliebige" 
ebenso bekant wie verständlich: wenn ich erkläre, dass eine gewisse 
aussage geltung hat für irgend ein beliebiges Individuum einer bestirn- 
ten gattung, so liegt darin, dass sie auf jedes einzelne angewendet 
werden darf; so wird lat. aus qiäs „irgend wer" im verstärkten qtiis- 
qi(e ein „jeder" (ausführlicheres bei Kviöala, unters, s. 107 fgg.); eng- 
lisch any bedeutet im algemeinen zwar „irgend einer," oft aber auch 
„jeder," und deutsch meinen wir, indem wir z. b. sagen „das muss 
einen doch ärgern," soviel als wenn wir sagten „das muss doch jeden 
ärgern." Schwieriger ist die mit praefigiertem Jus- gebildete Zusam- 
mensetzung piS'hvazuh zu erklären, doch scheint mir unzweifelhaft, 
dass pis- als gen. partitivus resp. qualitatis auf die gattung hinweist, 
von der man mit hvaziüi ein beliebiges Individuum heraushebt. Anders 
dagegen ist salivazuh zu beurteilen. Bernhardt zu M. 10, 32 meint 
zwar „5a tritt zu hvazuh,"' versteht die Zusammensetzung also ganz wie 
die \on pis-hvazuh; ich kann ihm aber nicht beipflichten, denn wenn 
er auch für sa den ausdruck „demonstrativ" in seiner erklärung 
gebraucht, so kann man es, seiner trennung folgend, tatsächlich doch 
nicht anders denn als artikel zu livasuh fassen ; wie soll aber der 
bestimte artikel dazu dienen, die unbestimtheit des pron. infinitum noch 
zu verstärken? Ich teile vielmehr sahvaz-uli und nehme an, dass 
wir hier eine veralgemeinerung des pron. dem. durch angefügtes pron. 
indef. vor uns haben, wie das pron. rel. mit hvas ähnlich veralgemei- 
nert wird in J. 14, 13 patei-hva (bri av) bidjip in namin nieincmima, 
pata tauja, und ähnlich 2. K. 11 , 21 ip in pammei-hve hvas (iv u) 
S'av Tig) anananpeip, gadars jah ik; wir haben also in sa-hvas eine 
analoge bildung zu griech. bo-rig, wo gleichfals das pron. indef. nicht 
das bestimte ist , sondern das bestimmende (nämlich verallgemeinernde) ; 
-uh aber tritt hier im selben sinne wie an hvas an.^ 

Voranstellung des relativsatzes , wenn der gemeinschaftliche begriff 
im nachfolgenden hauptsatze durch ein pronomeu ausgedrückt ist, findet 
sich nicht alzuselteu: J. 18, 9 panzei atgaft mis, ni fraqistida ise 
alnummehun: Mc. 8, 38; L. 8, 18; 20, 18; J. 7, 38; Mc. 3, 35; J. 3^ 
26. 32; 6, 46. 57 u. ö. 

Bemerkenswert ist noch der von Erdmann (I § 89) für das ahd. 
zurückgewiesene fall, dass das pron. rel. attributiv mit einem Substan- 
tiv verbunden wird: Mc. 4, 24 in [nzaiei mitap mitip, mitada izvis 

4) Demnach wäre zu betonen : sdhvazuh gegen pishväzuh. 



3YNTAX DES GOTISCHEN FI 319 

{ev 0} f^drgoj (.leToelre . . .); L. 9, 4 /n panei gard gaygcüp ^ Jtar saJjip 

(elg i}v av ohiar eiail^Te ); 1. K. 11, 23; L. 17, 27. 29. Doch 

macht schon Eckardt, dessen samlung ich übrigens für die meisten 
der hier beigebrachten beispiek^ verpliichtet bin — darauf aufmerksam, 
dass in andern fallen der Gote dieser construction durch anwendung des 
gen. part. ausweicht: L. 10, 8 in ])oei haurgc gfiggalp jnh (imhiimaina 
izvis, mafjaip . . . {eig /;»• uv rohv) vgl. v. 10; ibid. v. 5 in panei gardc 
inn gdggdip, fnimist qipuip ... {eu; TjV d' «V ol/Jav da^QXt^o&e . . .); 
endlich 1. K. 12, 22 paiei pugJcjand Upivc leikis lasivostni visan (zä 
öo/MiiTct (.lehj Tov awiiatOQ doO^EViOTSQa hraQxsiv)', es scheint also doch 
die attributive construction dem gotischen Sprachgefühl nicht ganz 
genehm gewesen zu sein, sowenig sich auch a priori gegen ihre mög- 
lichkeit sagen lässt. 

b) Der gemeinschaftliche begriff ist durch personalpronomina 
bezeichnet. 1. K. 15, 9 ik auk im sa smalista apmisfaule , ikci (og) ni 
im vairP)S, ei ... 2. K. 10. 1 ; 1. T. 1, 13; L. 3, 22 Jm is simns nieins 
sa liuha, in piizei (Iv (o) vaila gaJeikaida; M. 1, 11; R. 14, 4 ; 2. K. 
8, 10; Eph. 2, 13. 17; 1. TL 2, 13; G. 3, 1; 5, 4. 

Solche relative Satzverbindung mit anwendung der persönlichen 
pronomina findet sich in den meisten germanischen dialekten, die bei- 
spiele aus Otfrid stehen bei Erdmann § 213 und 214; vgl. auch Grimm 
gr. III, 17. Unsere gotischen beispiele bedürfen kaum einer erklärnng: 
gedankenzusammenhang und begriffsgemeinscbaft mit einem correspon- 
dierenden satze charakterisieren sie innerlich als relativsätze , und als 
äussere merkmale der Zusammengehörigkeit dienen erstens vorausstel- 
lung des auf den gemeinschaftlichen begriff hinweisenden pronomens, 
zweitens die significante partikel ei; ihr wesen als nebensätze ist ledig- 
lich bedingt durch das Verhältnis ihres inhaltes zu dem des correspon- 
dierenden satzes. 

über izei und sei werde ich weiter unten reden. 

2) Relative nebensätze, in welchen der gemeinschaft- 
liche begriff nicht ausgedrückt ist. — a) Der gemeinschaftlicbe 
begriff ist im hauptsatze durch ein substantiy widergegeben; dies ist 
entweder dags: L. 1, 20 und pana dag, ei vairpai pata (lexQig fj^lqag, 
Ijg yevr/iai TaPra) Col. 1,9; Neh. 5 , 14; L. 17, 30; oder haidus: 
2. T. 3, 8 app)an pamma haidau, ei J. jah M. andstopun Mozeza {ov 
TQonrov di 7. Yxxt M. dvxioT\(iav Movoel). — Ich habe diese Sätze 
schon oben s. 177 — 178 besprochen, bringe sie aber hier nochmals unter 
einer andern rubrik, weil sie allerdings doppelseitig sind und für ihre 
auffassung als relativsätze der gegenüberstehende griechische relativsatz 

21* 



320 KLINGHARDT 

spricht. Immerhin scheint es mir richtiger, sie als appositionssätze 
der früher geschiklerten art und nicht als eigentliche relativsätze zu 
behandeln, und ich will hier noch ein paar gründe zur stütze meiner 
ansieht nachbringen. Erstens nämlicli kann, soweit sich nach dem 
jetzigen stände der Untersuchung urteilen lässt, dt'r gemeinschaftliche 
begriff im relativsätze nur dann unausgedrückt bleiben, wenn er als 
nom. oder acc. zu ergänzen ist; das gilt für alle germanischen dialekte 
und so auch für das gotische (Kölbing, ausf d. rel. pron. s. 49); in 
allen anirei^ebenen sätzen aber würde nicht nom. oder acc, sondern 
dativ einzutreten haben. Zweitens aber fragt es sich, ob selbst dessen 
erganzuug statthaft ist. Wie wir nämlich deutsch wol sagen können: 
„desselben tages wo du widerkomst, wirst du usw.," auch wol „wel- 
ches tages du widerkomst, desselben tages usw." aber nicht „der 
tag, dessen" für „der tag, an welchem"; so finden wir auch gotisch 
Zeitangaben zw^ar gleichfalls durch einfache casus (dativ, seltner geni- 
tiv) ausgedrückt, aber immer nur durch ein einfaches Substantiv (dagis, 
iiahfs)j oder subst. mit abhängigem genitiv {mcla gahaurpais), oder 
mit einem pronomen (pizai naht), oder von einem pronomen abhängig 
(jera hvammch)^ nirgends dagegen wird ein alleinstehendes adjectiv 
oder pronomen zu Zeitangaben gebraucht. Beruht diese erscheinung 
nun, wie wahrscheinlich, auf festem gotischen Sprachgebrauch, so 
erhellt, dass Vulf. Luc. 1 , 20 (axgig fjfueQag, fjg yevrfiai zaüta) und 
Neh. 5, 14 {d:cd Tr^g tji^eQag^ i^g ivEVEilaTo (xoi) gar nicht pcumnei sagen 
konte , sondern eine präposition (in, ana) hätte brauchen müssen. Rela- 
tivpronomen mit präposition kann aber niemals fehlen, also dürfen wir 
es hier auch nicht ergänzen, und mithin liegen keine relativsätze vor; 
ist das aber der fall, so können wir die sätze wol nur als appositions- 
sätze bezeichnen, me ich das oben getan habe. In den übrigen fällen 
Col. 1, 9 (dq" /}g i]LdQug), L. 17, 30 Qj W^QC(), 2. T. 3, 8 (ov tqÖtiov) 
liegen die dinge gerade so , nur dass Vulf. hier einen erkenbaren grund, 
von der griechischen construction abzuweichen, darin hatte, dass ihm 
die attributive Verwendung des pron. rel. allem vermuten nach unbe- 
haglich war (vgl. 8. 319). 

b) Der gemeinschaftliche begriff ist im hauptsatze durch ein pro- 
nomen (sa. so, pata) widergegeben. Steht dieses pronomen am Schlüsse 
des hauptsatzes, und hat der gemeinschaftliche begriff im nebensatze 
die logische geltung eines subjects oder objects, so kann er im neben- 
satze unbezeichnet bleiben, weil seine unmittelbar vorhergehende nen- 
nung im hauptsatze noch fortwirkt und auch die einfachheit seines bezie- 
hungsverhältnisses (nom., acc.) eine erneute nennung überflüssig macht; 
das charakteristicum ei (J>ei), welches niemals fehlen darf, rückt in 



SYNTAX DES GOTISCHEN ET 321 

diesem falle aü die spitze des satzes. So ist der gemeinschaftliche 
begiiif als nominativ zu ergänzeu Col. 4, 16 jah pan ussiggvaidau at 
izvis so aipistaulc, fanjaip, ci jah in Laudekaion aiJcklesjon tissiggvai- 
dan, jah ßo,^ ei ist us Laudehiion , jus ussiggvaid (ymi tijv fy. A. 
/V« •/.«/ viLÜc, drayrtjjze); ildd. :i, 2 paim, ci iupa sind, fhipjaip, ni 
paim , poei ana airpai sind: L. 3, 13 ni vaiht ufar pafei garaid sijai 
izvis, lausjaip, ist zweifelhaft, dem\ pat- kann sowol acciisativ zu ufar, 
als subject zu sijai sein. Als aceusativ ist der gemeinschaftliche begriff 
zu ergänzen J. 7, 31 Xrisfus, pan qimip, ibai managizeins taihiins 
faujai paim , ei sa tavida? 6, 20 paf ist vaurstv gups, ei galauhjaijt 
pamm\ ei insandida jains. Mc. 15, 12; 2. T. 3, 14; Mc. 7, 5, Col. 1, 
24; L. 9, 36; 2. K. 12, 17. 

Fordern beide , haupt - und nebeusatz den nom. oder acc. , und 
steht das pronomen (sa, so,pata) nur einmal, so lässt sich nicht ent- 
scheiden, ob es zum haupt- oder zum nebensatz gehört, z. b. Lc. 14, 15 
audags ist saei mafjip . . (/.icr/.doiog, dg ffdyercu . .); doch spricht im 
algemeinen mehr Wahrscheinlichkeit für das leztere, weil „nichtsetzung" 
des pronomens im relativen nebensatze für das gotische ebensosehr die 
ausnähme bildet, wie für das nordische die regel. Erfordern beide 
Sätze den dativ (genitiv), so ist das pronomen zum relativsatze zu 
ziehn: J. 18, 26 sah nipjis ras, pammei afmaimait Paitrus auso {oiy- 
yEvi^g lüv, ol djrUoxl'Ev Wtqoi; tb toTiov); 2. T. 2, 4; G. 2, 2 ; R. 10, 14; 
L. 6, 34; K. 7, 6 u. ö. 

Erdniann (I § 85) erachtet ,, einmalige bezeichuung des gemein- 
schaftlichen begriffes vermittels pronomens am Schlüsse des hauptsatzes, 
worauf unmittelbare folge des relativsatzes (ohne nennung des gemein- 
schaftlichen begriffes)" für die älteste form der ahd. relativen Satzver- 
bindung und die grundlage unserer heutigen construction, die sich 
unorganisch aus jener entwickelt habe, indem das am Schlüsse des 
hauptsatzes stehende pronomen sicli erst rhythmisch dem nebensatze 
angeschlossen habe und weiterhin per attractionem in dessen construc- 
tion eingetreten sei (§ 87). Und zwar glaubt er unserer jetzigen rela- 
tiven satzfügung aus zwei gründen organische ursprünglichkeit abspre- 
chen zu müssen. Erstens nämlich bewirke der, diu, daz,, wenn es 
als deiktisches oder anaphorisches pronomen an die spitze eines satzes 
trete, Inversion der regelmässigen Wortfolge; wäre nun der, diu, daz, 
von anfang an in der weise des griech. oc;, i], b als anaphorisches pro- 
nomen vor den relativsatz getreten, so hätte es notwendig Inversion 
veranlassen müssen; dies sei aber nicht geschehen, und darum habe 

1) Das komma ist nur syntactisches zeichen, nicht rhythmisches, s. oben. 



322 KLINGHASDT 

mau auzuiielimeii , der, di'n, da.;, habe iirsprüuglich gar uicbt au der 
spitze des relativsatzes ge^tauden und sei erst später in uuorgauischer 
weise iu desseu satztuLj^uusr fijezoLieu wordou, wo es deuu natürlich nicht 
habe invertiereii könuen. Zweitens sei bei der, diu, daz, durchaus kein 
Verlust der demonstrativen kraft oder beschräukung auf den relativen 
nebensatz eingetreteu, wie sich dies bei oc, //, 6' zeige, also müsse seine 
geschichte eine andere gewesen sein , müsse es vou demonstrativer nicht 
von anaphorischer functiou aus sich zum pron. rel. entwickelt haben. 

Auf den ersten einwand entgegne ich: der, diu, daz als pron. 
rel. ist tonlos, wie klärlich daraus erhellt, dass es vielfach fehlen darf; 
genügte es in vielen fällen (^bei Otfrid in den meisten), den gemein- 
schaftlichen begriff nur einmal im hauptsatze zu nennen, so kann man 
nicht annehmen, dass, falls man doch einmal die nennung im relativ- 
satze widerholte, das die erneute hinweisung tragende pronomen die 
volle wucht demonstrativen worttones getragen liabe. War aber der^ 
diu, daz. als anaphorisches pronomen des relativsatzes tonlos, so konte 
es auch nicht wol auf die Wortfolge einwirken. Gegen den zweiten ein- 
wand erwidere ich, dass zunächst, was griechisch geschieht, für das 
deutsche nicht massgebend ist; ausserdem ersieht man leicht, dass das 
griechische bei der fülle noch übrig bleibender pronomina (6 fj to, 
öiTOtj, ovToq, ovTOoi y e/Mvog, ode) bequem die demonstrative function 
von og, rj, aufgeben konte, das deutsche aber nicht, denn es besitzt 
nur noch dieser, jener, er. Auch liefert uns dasselbe der, diu, daz, 
einen gegenbeweis, denn es ist von seiner demonstrativen function aus 
als artikel zum tonlosen formwort geworden und hat doch keinen Ver- 
lust seiner alten demonstrativen kraft und einschränkmig auf die jün- 
gere function erfahren. Fasst man aber Erdmanns satz algemein: „ein 
pronomen kann nicht in der einen function seine deiktische kraft auf- 
geben und sie in der andern festhalten," so dürfte er noch weniger 
haltbar sein. 

Meine ansieht über die geschichte der relativen satzfügung im 
germanischen ist vielmehr diese: 1) zur zeit wo sich das germanische 
als besonderer sprachstamm ablöste, bestand eine eigentliche relative 
satzfügung noch gar nicht; 2) diese hat sich erst auf dem boden des 
germanischen vor der dialekttrennung in ihren hauptgrundzügen ent- 
wickelt, aber nicht in einer einzigen bestimten form, sondern in meh- 
ren neben einander; so hat sich damals schon festgesetzt: Setzung des 
pron rel. im relativsatze neben nichtsetzung , benutzung der persön- 
lichen pronomina als pron. relat. neben den demonstrativen, anwen- 
dung coloristischer partikeln als significanter merkmale; 3) nach der 
dialekttrennung hat eine Schöpfung neuer principien nicht stattgefun- 



SYNTAX UKS GOTISCHEN LI 323 

deu/ sondern nur fortentwicklung der einen, absterben der andern, in 
einem für jeden dialekt veischiedenen verliältnisse. 

Ich glaubte , in dieser hinsieht meinen standirnnkt wahren zu müs- 
sen, um eine anwendung des Erdmannschen prinzips auf das gotische 
abzuweisen ; jetzt wende icli mich zurück zu unserer form 2 b) und hole 
noch diejenigen sätze nach, wo ]m für ci auftritt. Dies tindet statt, 
wenn der gemeinschaftliche begrifl im hauptsatze durch ein unmittel- 
bar vorliergubendes veralgemeinerndes prunomen ausgedrückt ist; so 
nach sdhvazHh: J. 15, 7 Jndcüivah, pcl (o idv) vihip^ ^(^j'P, jcih 
vairpip izvis; ibid. v. IG; nach pishvdzuli: Mc. 6, 2:'» pishuah, Jwi 
(o icii') hidjais ni'ik , g'iba pus; J. 11, 22 Jtishvah ^ pci (ooa av) bidjis 
gupy gibip Jms gup; 16, 23; Meli, 24 allata pishvah, pei (-rdvra 
boa) hidjandans sokcip, galanheij) patcl nimip; ibid. v. 23, L. 4, 6 pis- 
hvammch y J)ei (o) ecn>) viljau, giha pata; M. G, 22 hidei mik pishvizuh, 
pei (o mv) vileis, jali giha Jms. Nur einmal, Mc. 11, 23, i'&i pei mit 
ei vertauscht, Jnslivazuh, ci (ot; «V) qijjui ...., vairpip imma pishvah, 
pei qipip. Man hat bisher wol algemein (vgl. auch Beruh, zu Mc. 11, 23) 
in den angeführten constructionen die formen von sahvazuh und pis- 
hvazuh als teile des hauptsatzes betrachtet, und demgemäss habe ich 
sie auch an dieser stelle eingeordnet. Aber ich will nicht verschwei- 
gen, dass mir die Sachlage wenigstens zweifelhaft erscheint; denn ganz 
gewiss evinneTt J)is-hvdz-uh an ahd. so- wer- so, welches ohne zweifei 
dem nebensatze angebört (vgl. qui, quae, quod; Erdmann a. a. o. § 94, 
freilich anders), und auch Mc. 11, 24 legt die beziehung zum neben- 
satz nahe, ganz besonders aber Mc. 6, 22 und L. 4, 6, weil da, sobald 
mr pishvizuh, pishvammeh mit dem hauptsatxe verbinden, im neben- 
satze der dativ resp. geuitiv des pron. rel. zu ergänzen ist, ein harter 
fall, der gegen die sonst algemein beobachtete regel verstösst. Ich 
möchte darum die frage wenigstens noch als eine offene betrachtet 
wissen. 

c) izei, sei. Über izei habe ich mich schon in der einleitung 
s. 137 atiiygsprochen : es bildet keine Zusammensetzung des geschl. pron. 
der 3. pers. mit ei, sondern es entspricht sein erster teil dem an. er 
und beide gehen auf den geuitiv des ^«-Stammes '^jas zurück; und 
zwar ist nicht iz- Verstärkung zu ei, sondern lezteres trat, als is (iz) 
unverständlich geworden war, zur Verdeutlichung an dieses an ^ (vgl. 

1) Wenn nicht die einführung des indetiniten pronomens in relative function 
erst dieser zeit angehört. 

2) In ähnlicher weise geschah der anschluss von ei an ßa (ßi), das gewiss 
auch einst selbständig fungiert hat. 



324 KLING HAJRDT 

Tobler, Germ. 17, 283); ü- als gesclil. pron. der 3. pors. zu nehmen, 
verbietet der umstand , dass isci iudeeliuabel ist (nom. sing, und plur.). 
Wir haben demnach i^ei als charakteristische partikel des relativsatzes 
wie €1 und pci zu betracliten . in bezug auf deren gebrauch zunächst 
hervorzuheben ist, dass sie nur angewant wird, wenn der gemeinschaft- 
liche begriff (sing, oder plur.) das subject des nebeusatzes bildet, und 
dass lezterer sich nur einige male neben izei ausgedrückt findet; meist 
steht izei in sätzeu, wo der gemeinschaftliche begriff nicht genant ist. 
So finden wir es nach sa: J. 11, 37 niu malita sa, izei uslauh augona 
Jjamma blind in, gatanjan ei usw.? 2. K. 5, 21 pana , izei ni hunpa 
fravaurht; 1. K. 15, 27 (sg.); Eph. 2, 17 (pL); G. 6, 13 (pl); L. 8, 13 
(pl.j; nach sahvazuh J. 16, 2 (sg.); 19, 12 (sg.); nach einem Substan- 
tiv; 2. K. 8, 16 aviliup gupa, izei gaf . . .; G. 1, 6 Jesu Xristau, izei 
gaf . . .; 2. K. 1 , 10 (sg.): 3, 6 (sg.); Eph. 1, 3 (sg.); M. 7, 15 
(plur.j, u. ö. 

Nur an drei stellen ist der gemeinschaftliche begriff im nebensatz 
genant und doch daneben izei gebraucht: Mc. 9, 1 sind sumai pize her 
standandane, pai izei ni kausjand daupaus (oliTiveg ov iirj yevocovTm 
-ifaioTOv)] L. 8, 15 pai sind, pai izei .... pafa vaiird gahaband (ovzol 
eioir, oiTiveg .... ■/xiTixovoiv)] M. 5, 32 sa izei afsatida liugaijj {og 
iav yafit^arj). 

Aber nun sei? ich meine, ob izei partikel ist oder nicht, kann 
vielleicht noch bestritten werden , das aber wird niemand leugnen , dass 
sei der erklärung von izei mit notwendigkeit folgen muss, so oder so. 
Es wäre mehr wie wunderbar, wenn der gotische sprachusus aus allen 
formen des noch durchaus lebendigen geschlechtigen pron. der 3. pers. 
nur die eine, nom. sing. fem. si, als zum relativen gebrauch geeignet 
herausgehoben hätte ; erhält sei wenigstens noch izei als schwesterform, 
die nur missbräuchlich in den nom. plur. gedrungen sei, so wird der 
anstoss doch um einiges gemildert, und wir können etwa sa, so her- 
beiziehn, die gleichfalls ein von ihren stammesgenossen abgesondertes 
Schicksal erfahren haben. Nun aber halte ich izei für völlig verschie- 
den vom pron. is und kann mich daher nicht der consequenz entziehn, 
auch sei als partikel erklären zu müssen; und das scheint mir in der 
tat nicht alzuschwer zu sein. Ich meine nämlich : wenn is als colo- 
ristische part. explet. des relativsatzes schon so unverständlich gewor- 
den war, dass man es sozusagen mit angefügtem ei wider auffrischen 
muste. so konte es weiterhin leicht geschehen, dass der erste vocal 
dieser etymologisch nicht klaren neubildung (izei) sich abschliff" und so 



I 



SYNTAX DES GOTISCHEN EI 325 

sei eutstand. Falsche aber begreifliche Volksetymologie war es dann, 
die izei und sei zu den noniinativl"t»rnicn des geschl. pronomens in 
beziehung sezte und nun luiberechtigter weise jenes auf den nuni sing. 
und plur. masc. izei konte alleufalls noch als ein corrumpiertea 

eizei gelten - dieses auf den noni. sing. fem. einschrankte, einschrän- 
kungen, die sich um so leichter volzogen, als /m, sei, die stntzformen 
des schwindenden /.s . u ol überhaupt nie in sehr algemeinem gebrauche 
standen. 

Beispiele: L. 1 , 26 in haurg Galeilaias, sei haitada Nazaraip; 
2, 4; 8, 2; H. 12, 3 pairh anst gicps^ sei gihana ist mis ; ICph. 3, 2; 
2. T. 1, 6. 9; 1. T. 4, 14: 1, 11: Ph. 3, 16; T. 1, 3; L. 2, lU u. ö. 
Autlallend ist der gebrauch von seiy wenn der relativsatz dem haupt- 
satze vorangeht: L. 15, 12 gif mis, sei undrinnai mih, dail aiginis ; 
denn „nichtsetzung" des pron. rel. kann doch eigentlich nur bei vor- 
ausgang des hauptsatzes stattfinden ; aber die Volksetymologie nahm ja 
eben izei und sei für pronomina relativa; so auch Ph. 3, 1>: R. 7, 20; 
vgl. 2. T. 1, 5; Sk. la. 

Was den gebrauchsunterschied von izei, sei einerseits, saei, soei 
andrerseits betrift, so bestimt er sich nach Eckardts (§ 19) von Bern- 
hardt (in dieser zs. 6 , 484) anerkanten resultaten dahin , dass jene von 
geringerer inhaltlicher geltung sind, daher nie des ausdrücklichen 
bezugswortes entbehren, und nach einem Substantiv, das stets einen 
bekanten begrift" bezeichnet, einen weniger bedeutungsvollen epexegeti- 
scheü nebensatz einleiten. 

3) Der gemeinschaftliche begriff ist ein adverb. — 
Zwei Sätze können auch in der art relativisch mit einander verbunden 
sein, dass sie einen adverbiellen begrift' gemeinsam haben; derselbe 
kann in beiden Sätzen genant werden (M. 6, 19), oder nur im rela- 
tivsatze (J. 7, 34), oder nur im correspondierenden satze (nur zwei mal: 
Mo. 6, 55; J. 6, 62). 

a) ei (pei) neben relativen adverbiis des ortes, und zwar «) in 
hauptsätzen J. 18, 1 Jtata qipands Jesus usiddja mip siponjam seinaim 
ufar rinnon po Kaidron; Jmrei (ottov) vas aurtigards: in panei galaip 
Jesus j all siponjos is. Col. 3, 10 — 11 (parei); Ph. 3, 20 (paproei). — 
(i) in nebensätzen: M. 6, 19 ni kuzdjaip izvis huzda ana airpaij parei 
mcdo jah nidva fravardeip , jah parei Jnuhos afgrahand jah hlifand; 
ibid. V. 20. 21; Mc. 1, 15; 9, 44. 46. 48; 14, 14; 16, 6; L. 4, 16. 17; 
J. 6, 23; 7, 34. 42 u. ö. ; Mc. 14, 14 padei inngaleipai, qipaits pamma 
heivafraujin^ patei usw.; L. 10, 1; J. 8, 21. 22; 13, 33. 36; 14, 4. — 



326 KLINOBLVRDT 

Nur im correspondierendeii , nicht im relativsatze ist der gemeiuschaft- 
liche adverbialbegriff ausgedrückt Mc. G, 55: dmjunmin ana hadjam 
paus uhil hahandans hairan päd, ci haiisidedun ei is vesi; ebenso 
J. 6, 62. 

Ist der gemeinschaftliche ortsbegriff ein algemeiner, und wird er 
als solcher cliarakterisiert . so können wideruni zwei fälle eintreten: 
1) er wird zweimal bezeichnet, z. b. M. 8, l'J laistja puJc pishvaduh, 
Jjtidti ffücigts; Mc. G, 56; L. 9, 57 (vgl. oben pishvazuhj Saei s. 317); 
M. 6, 10 pishvaduh pei gaijgaip in gard, J)ar saljaip. Lezterer fall ist 
sehr bemerkenswert, weil wir bei der divergenz der localen beziehungs- 
form sehr deutlich sehen, dass das durch Jns- und -uli bestirnte pron. 
indetinitum zum relativsatze zu ziehen ist , was ein wesentliches momeut 
mit abgibt zur beurteilung der s. 323 erörterten frage. 2) Der gemein- 
schaftliche begriff wird nur einmal bezeichnet: Mc. 9, 18 pishvaruh pei^ 
itia gafahip, gavairpip ina; 14, 9; 1. K. 16, 6; welchem von beiden 
Sätzen er hier zuzuzählen ist, darüber walten gleichfalls die ebendaselbst 
s. 89 besprochenen zweifei ob. 

b) ei neben relativen adverbiis der zeit — nur in nebensätzen 
nachweislich. So findet sich ei neben pan in panei: J. 9, 4 qimip nahtSj 
Panei (bre) ni manna mag vaurhjan; ferner M. 25 , 40. 45 , in wel- 
chen beiden fällen griech. l(p ooov gegenübersteht; im übrigen hat ^an 
in allen relativen zeitsätzen niemals ein ei neben sich , worüber sofort 
noch ein paar worte zu sagen sind. Eine modification von panei stelt 
mipfpanei (d. i. mip-J)dn-ei) dar, indem mip die gleichzeitigkeit des 
durch ^an angedeuteten Zeitabschnittes noch ausdrücklich hervorhebt: 
M. 9, 18 mipjpjanei is rodida pata du im, Jjaruh reiks ains qimands 
invait ina {xavra avrov laXovrToq)] 27, 12; Mc. 4, 4; L. 1, 8; 2, 6. 
27. 43; 4, 40: 5, 1. 12; 8, 5. 40. 42 u. ö. 

Ob auch in imte und Jjande unser ei stecke , wie Bezzenberger 
(advv. und partt. s. 64 — 65) will, lasse ich dahiugestelt ; wäre es so, 
so könte ei hier jedenfals keine andere function haben, als die bisher 
unter B II beobachtete. 

Die ursprüngliche bedeutung von ei in der Verbindung svaei (üots) 
ist nicht ganz klar , wird aber im ganzen und grossen nicht wesentlich 
von der in saei, soei, Jjatei geschilderten differiert haben: es war eben 
ganz algemein zeichen solcher sätze geworden, die mit einem andern 
in engem zusammenhange stehn, und trat in dieser eigenschaft nach 
befinden an die erste oder die zweite stelle des satzes. Übrigens leitet 

1) Vgl. ßishvaznh pei. 



SYNTAX DES OOTlbCHüN EI 327 

svaci liiiuptsätze wie nebeiisätze ein; beiapiele der ersten bieten Mo. 2, 27; 
K. 7, 3; 13, 2; 1. K. 11, 22; 15, 58; 2. K. 4, 12 u. a. , solche der 
leztern: 11. 7, G; 2. K. 3, 7; H, 5; 2, 7; 2. Tb. 2, 4. 

AVie ist die temporale eonjunction pan = InE zu verstehen? die 
betreffenden tumporalsätze sind jedenfalls als relativsätze zu bezeiclmen, 
und müsten also das charakteristicum ci haben; sollen wir nun anneh- 
men, dieses sei abyeiallen oder es sei noch nicht angetreten? Ich 
möcdite mich für das leztere entscheiden; denn al)l'allen konte es nur, 
wenn ci überhaupt anlieng- ausser gebrauch zu kommen, oder wenn es 
durch lautliche corruption schwand; wir haben aber weder vom einen 
noch vom andern anzeichen ; hinter keinem andern relativum schwankt 
Setzung und nichtsetzung von ei, nirgends linden wir etwa eine Schwä- 
chung -/. Deshalb vermute ich, dass in />aM- Sätzen der gebrauch von 
ei, der jedentals nur schrittweise zur herschatt über ein so ausgedehn- 
tes gebiet der satzfügung gelangt war , sich noch nicht eingeführt hatte. 

Die belege im pan anzuführen, ist wegen seines ausserordentlich 
häutigen gebrauches unnötig. 

Die lezte der hierhergehörigen bildungen ist svepauhei: fyu) de 
tjöiüTct (iaTTavt^ow ym} fy.dct7cavr>D^iiGoi.iai hrtg t(jjv xpi^^v vikjjv, et /.at 
7reQioaoitQü)g v(.iäQ dyajtCov i)tiov dya7rcduat ' appan ik lapaleiko fra- 
qima jah fraqimada faiir saivalos izvaros, svepauhei ufarassau izvis 
frijonds mins frijoda (2. K. 12, 15). GL. schreiben hier getrent: sve- 
Jxiuh ei und übersetzen tarnen ut, und ihnen folgt auch Bernhardt 
z. d. st., der die got. Übersetzung von el vml mit „doch so, dass" 
widergibt. In der grammatik III § 281 freilich zählen GL. svepaiih ei 
mit unter den concessivpartikeln auf in der bedeutung von obgleich. 
Und dies ist ohne zw^eifel das richtige, denn nur eine solche hat an 
der gegebenen stelle einen sinn — wäre die partikel ausgefallen, so 
könte man keine andere als eine concessive ergänzen; tarnen ut aber 
lässt sich nicht in concessivem sinne verstehn, ganz abgesehn davon, 
dass , wie wir früher sahen , ei überhaupt in consecutivsätzen nicht 
gebraucht wird. 

Wir haben also einfach festzuhalten , dass svepauhei — dessen ei 
man hier nicht durch Umstellung kann beseitigen wollen, wie das ei 
in ibaiei J. 7, 31 — die sowol durch den griechischen text als durch 
den sinn des gedankens erforderte concessivconjunction bildet. Unsere 
aufgäbe kann demnach nur darin bestehn , durch analyse der form nach- 
zuweisen , wie svepauhei zu dieser seiner function gelangt ist ; und dies 
ist eben nicht schwer. Zunächst unterliegt es wol keinem zweifei , dass 
paiih gleich pan dem ^a- stamme angehört und mit SLgs.pedh, as. thöh. 



328 • KLINGHARDT 

ahd. äoh, lezteres im vocal verkürzt, identisch ist. Die demonstrative 
bedeutuug der partikel im ahd.. as. und ags. ist die, auf entgegenste- 
hende, dem betreffenden gedanken zuwiderhiufende Verhältnisse hinzu- 
deuten, also gleich unserm heutigen „doch, dennoch"; kein andrer 
wert eignet ihr im gotischen, und nur dadurch unterscheidet sich die- 
ser dialekt von den andern, dass Xüqy pauh immer proklitisches sve vor 
sich hat; dass nämlich in svcpauh der zweite bestandteil der haupt- 
sächliche ist und nicht etwa sve^ ergibt die vergleichung mit den 
schwesterformen der partikel in den andern dialekten; es ist demnach 
svepduh zu betonen. Übrigens ist hier sve jedenfals noch in seinem 
alten , demonstrativen werte angetreten , vgl. ags. pedh , welches ebenfals 
öfter, wenn auch nicht in der regel svä vor sich nimt. — Nun findet 
sich aber pauh in allen genanten dialekten auch in sogenanter relativer 
oder conjunctioneller function, wo es obgleich bedeutet; doch ist 
dabei nicht anzunehmen , dass es nach art von faurpis und sn7is aus 
dem hauptsatze unorganisch in den nebensatz übergetreten sei, sondern 
es gehört wie pan von haus aus dem nebensatze an. Auch im goti- 
schen erscheint pauh in dieser concessiven function, es ist aber zu 
bemerken, dass es nirgends allein auftritt, sondern einmal (J. 11, 25) 
von nachfolgender euklitika -ha, sonst von gleichfals nachtretendem 
jabai begleitet ist : aus der vergleichung aber mit den verwanten dia- 
lekten einerseits und mit jenem einmaligen pauh . . .ha andrerseits, 
geht hervor, dass in Jjauhjdbai der erste teil der eigentliche träger der 
bedeutung, mithin auch des hauptaccentes ist, nicht umgekehrt.^ End- 
lich finden wir, gleichfals nur einmal, an der oben citierten stelle die 
Verbindung svepauhei. welche sich von selbst in svepauh-ei zerlegt, 
wovon svejtauli die besprochene adversative partikel ist, welche ledig- 
lich durch den umstand, dass sie an der spitze eines nebensächlichen 
gedankens steht, aus der bedeutung doch, dennoch in die von 
obgleich übergleitet; in ei erkennen wir das gewöhnliche charakteri- 
sticum des nebensatzes. 



1) Ist dies richtig, so ergibt sich für jahai mit mehr oder weniger Wahr- 
scheinlichkeit, dass dieses, gleichviel welches seine herkunft ist, eine von haus 
aus ziemlich inhaltlose partikel sein muss, welche ursprünglich nur ein unwesent- 
hches accedens der conditionalsätze — die in allen germanischen dialekten der con- 
junction entbehren können — war, und erst almählich durch den gebrauch fixiert 
und zur charakteristischen conjunction erhoben wurde; nicht dürfte das wort de- 
mente enthalten , welche an sich geeigne*^ waren , auf ein conditionales Verhältnis 
hinzuweisen; vgl. mnl. al. 



SYNTAX DES GOTISCHEN FT 329 

Vorstehende abhandlung war schon geschrieben, als Kölbings 
aufsatz in der Germ. 21 , s. 2H fgg. erschien. Ich freue mich zu finden, 
dass auch Kölbing Erdnianns theorie von der licrkunft des pron. rel. 
aus dem hauptsatze und seiner unorganischen Stellung im nebensatze 
entschieden zurückweist. Doch kann ich mich der von ihm in seinen 
Untersuchungen durchgeführten und, wie es scheint, auch in seiner 
neuesten auslassung festgehaltenen annähme einer attraction des rela- 
tivpronomens nicht anschliessen, möchte vielmehr den von ihm Germ. 21, 
s. 314 geäusserten satz : „wenn das pronomen noch den ihm im haui»t- 
satze gebührenden casus trägt, so ist es eben notorisch nicht mit dem 
nebensatze verschmolzen," auf alle relativsätze ausgedehnt wissen; das 
pron. ist sicherlich zu allen Zeiten als constructionsbestandteil des- 
jenigen Satzes empfunden worden, zu dem es eben construiert ist, 
gleichviel ob es durch eine pause oder sonst von demselben getrent 
erscheint. — Weiterhin bin ich aber nicht einverstanden mit Kölbings 
leitender idee , dass im gesamtgermanischen und wol noch in der ersten 
zeit der einzeldialekte Setzung des relativpronomens das ursprüngliche 
und allein zulässige gewesen, und dass erst in jüngerer zeit auslassung 
des pronomeus eingetreten sei. Vielmehr halte ich, wie gesagt, für wahr- 
scheinlich, dass im germanischen von vorn herein ein pronomen in appo- 
sitionellen (relativen) nebensätzen nicht immer unbedingt erforderlich war, 
andrerseits freilich auch vom ersten anfange relativer satzbildung ab 
relativpronomina gebraucht wurden; und wenn Kölbing die almählich 
immer weiter greifende auslassung des pron. rel. im nord. und engl, 
als beweismittel für sich benuzt, so lässt sich ja die entgegengesezte 
erscheinung im ahd. und as. , nämlich almähliches volständiges ver- 
schwinden der unverbundenen sätze nach früher häufigerm gebrauch 
dagegen anführen; ja diese beiden in schnurstracks entgegengesezter 
richtung verlaufenden entwicklungen sprechen eben für meine Vermu- 
tung, dass die ganze fülle verschiedenartiger relativer satzbindungen, 
die wir in den germanischen dialekten finden, nicht aus einer einzigen 
quelle abzuleiten ist. 

OUMPERDA B. KAIILA, AUG. 187G. \l. KLINCUIAKDT. 



330 



MITTELDEUTSCHE GLOSSEN. 



tbl. 1'. 

Aapis eyn pyne 

aliiear pyußogk oder hu 

construx ivifcl 

examen fwarm 
5 avaiie fpynne 

mellicide ccydder 

afpis [lange 

alilus h irczne h irnifsc oder ivifpel 

actatus vefel 
10 bybio eyn hormieheyn daz da 
weffet in dem wein 

bafilicus eyn liniworm 

brucus kefer 

bombix eyn hormleyn das dy 
feydyn fpi[7it] 

buffo erthrote 
15 cjcada heyme oder heufclirecke 

candiades ghjmiehein 

coutarda (?) lauhpfrofch 



cunex haneze 
ceraftes hornigflange 
20 ciiiitus hundesfliege cinomia 
idem 
cistella maltmufz 
concha [necke 
coruna ha[elmu[z 

fol. 1\ 

melampus heczcze hunt 

molofus ßogk rüde velt . . . 

sprata eyn tvinden [pH 

venaticus jage hunt 
5 aper her urfus idem 

aries ßere 

armentum rinder[ye 

agafo e[eUreiher 

afpriolus eychliorn 
10 balatus [chaf vel clamor eius 

bideiis idem 



Fol. 1*. Z. 1 halb abgeschnitten, sodass nicht zu erkennen ist, ob der 
erste buchstabe A oder H gewesen ist. — 2. hu sehr undeutlich. — 3. Df. 
154». — 5. 1. aranea. — 6. 1. mellicida. Vor cetjdeler ein durchstricheuer 
buchst. — 8. Df. 54*. Mit wefpel wird bei Df, 615 '^ vespa glossiert. — 9, So 
oder attatns, 1. attacus, Df. 58*. vefel scheint sonst unbelegt, wol verschrieben 
aus irefpel oder wibel. — 11. 1. bafililcus. — 13. Die eingeklammerten buchstaben 
abgeschnitten. — 16. Df. SSI*" belegt die form candicides, nachfelclikl ^ surmen- 
wendvogel usw. — 17. contarda kann ich nicht nachweisen, sonst wird laubfrosch 
durch froudator, rubeta glossiert (Gff. III, 834. Voc. opt. 45, 47). — 18. 1. cimex. — 
21. Df. 123'' (s. V, cisimus): cist-ella, -roUa i. mus silvestris , wald-, feldmus. 
n. gl. 93^: cistella eyn tcolt mus. — 23. So oder cornua, 1. corula. Df. 153". 
Die Verwechslung von hafelnuz und hafelmüs auch bei Df. (n. gl. 116*) nach- 
gewiesen. 

Fol. 1 ^. 2. Das wort hinter velt ist ganz erloschen ; doch scheint weder hunt, 
noch bracke , noch riide dort gestanden zu haben. — 3. 1. sparta. Df. 548". — 
5. Der Schreiber hat ber und 6er zusammengeworfen. — 9. Das lat. wort ist durch 
Verderbnis aus sciurus entstanden. Df. 54*^. — 10. Wie der schreiber zu dem 
irtum gekommen ist, balatus auch durch /chaf zu glossieren, ist mir unerfindlich. 



GERING, MITTELDEUTSCHE 0L08SKN 



331 



boilar ochßn krippe 

buciilus ochfcle [in] 

bubulus wefand 
15 camelus camel 

capta (?) caprile czeuynfhil 

spiriltum czcgcnhart 

caprea czigyngeifz 

caper hoch oder Icderfack (?) 
20 capriolus rech 

capricornus ßei)ihock 

tbl '2\ 

lupa lüolffinne 

martalus marder 

meliis hermcl 

moiiecerus eynhorn oiiiocerus 
idem unicornuus idem 
5 rauriceps kathir 

murilogus idem 

muto fchups hemel ovis idem 

[ue J fre [n] s fpencferkel 

membris hindenvel 
lU unager walt hcfzel 

mandrum fchaff crippe 

omex eher 

porcus varch 



ollogramus idem 
15 panthera panther 

pecus. dis cleyne vye 

pecus. oris grofvie 

linter vye troyk 

porcellus ferkelein 
20 rancor phinde 

symea äffe 

[sc]ropha fue 

foi. 2 ^ 

subligiir imdergurte 

optadrum keginleder oder taf (?) 

antela vm'hoge 

pollela aftirreife 
5 strepa ßeget-eif 

epiredum ßeigklcder 

capülrum hcdftir 

lupatum est lorum gei^ifz] 

biga karre 
10 habema est chamus cogcl 

pfelbora rofzdecke 

flagelluiu geifelle 

strigilis ßraj^e 

calcar fp)oryn 
15 cm'rifex tvayner 



12. Df. 79^. — 13. Die eingeklammerten buchstaben sehr erloschen. — 
14. 1. bubalus. — 16. Ist capta aus caula verschrieben? Lezteres wort wird frei- 
lich sonst nur durch fchafstal glossiert, Df. 108^. Gff. VI, 674. Hoffmann, ahd. 
gl. 11, 7. — 17. 1. sterillum. Df. 547'". — 19. Df. n. gl. 72': caper, boc, bog, 
i. q. eustos 1 possessor burse wlg. bursier. (?) 

Fol. 2\ 2. Df. 349-^ s. v. mardarius. — 3. Df. Söo-^. — 4. eiuocerus ist 



wol lesefehler für rhinocerus. 



5. 6. Df. 372 ^ — 7. Df. 374^ m (in muto) 



und ö sind durch wurmfrass fast ganz zerstört. — 9. membris ist wahrscheinlich 
aus griech. vißQ(g verderbt. — 11. Df. 346''. Hinter fchajf sind die buchstaben 
hir ausgestrichen. — 12. Df. 396": omex ebersweyn l lapis in medio terre (!) — 
14. hs. ostogrmus. Solte in diesem worte vielleicht das griech. y^o/LKfäg stecken? 
Df. 403'': ostrogamus (animal) elntis (d. i. iltis: Lexer, mhd. wb. I, :'>41). — 
20. Df. 484*. Zs. f. d. a, V, 414. — 22. Die eingeklammerten buchstaben weg- 
gefressen. 

Fol. 2^. Die zeile über subligur abgeschnitten. — 1. 1. subligar. — 2. 1. 
sapracedrum. Df. 568 '^. Hinter taf ist das blatt abgeschnitten. — 6. 1. epirhe- 
dium. — 8. Die eingeklammerten buchstaben weggefressen, lupati frena asper- 
rima, champrittil Germ. XIX, 435. — 10. 1. habena. — 11. 1. phalera. Df. 223=. 



332 



GERING 



ceda vyncicayn 
redageum vayncol 
vehiculum flite 
pylentum rosharc 
20 agitator vaynfurcr 
auriga idem 
feetor furmann 
elicinuini rayngcfrh irre 

fol. 3V 

bubo huhe 

aurirtceps cyfzvoijd 

ciromellus dißdvwgk 

cicidia holcznwyfe 
5 ciconia ftorch 

ibis idem figiiificat 

cigims fwan 

cronopodia ftorclifnahcl 

cornix krae 
10 coruus rahc 

corduellus ßigelicz 

coturnix brachvogel 



cucalus l'ucl'ugl' 

curriculus wafferlmn 
15 erodius valke 

egippia trappe 

fuliaims (?) vayßrad (?) 

frigellus dißelvmcke 

frandiola golfhan 
20 ficedula grafzemuckc 

lilomena naclitig(d 

lustiua idem 

fol. 3\ 

efax lachs iiellus (?) fmerl 

pfota mcrkalp oder fmerl . . 

pfundiciilus grundcling 

[g]ladipis iviU fisch 
5 [gjracius kreffe 

sula plocscze 

[gjubius ßrencz 

luceus hecht 

limbriiis xjreffe 
10 lutir ottir 



16. L reda. ryne- ist vielleicht verschrieben für renne- (Df. 488''). — 
19. Df. 434*^ belcet die formen ros-pare J par, rofzbare. — 22. 1. vcctor. — 
23. Df. 198*». 

Fol. 3*. 1. Graff IV, 835. — 3. Die form ciromellus ist bei Df. nicht belegt 
aber caromellus und coromellus (s. 100'^ s. v. carduelis). — 4. Bei Df. 117'' die 
formen cicida, cycida, cydida usw. — 8. Df. 159*'. — 11. aus carduelis verderbt. 
Df. ICKJ^ — 12' hs. cotfiix. — 14. Df. 164^ — 1(5. Df. 196^ — 17. Da weder 
das lat. noch das deutsche wort einen sinn geben, auch sonst die wunderlichsten 
Schreibfehler in unseren glossen vorkommen, so bin ich geneigt anzunehmen, dass 
zu lesen sei: fafianus vufant (vgl. Germ. IX, 20: fasianus fesant). — 18. Df. 247^ — 
19. Df. 24e^ s. V. fraudula. - 20. Df. 233^ — 21. Df. 235". — 22. Df. 340^ 
belegt nur die formen luscinia, lustinia, luscina, luscinus, lucinia, lucinta, lucina, 
luciraa. 

Fol. 3^ I. Die zeile ist halb abgeschnitten. — 1. esox. — nelhis kann ich 
sonst nicht belegen. Hinter fmerl noch einige unleserliche buchstaben. — 2. 1. 
phoca. Df. n. gl. 178" belegt die form fota. — Hinter fmerl noch einige unleser- 
liche buchstaben. — 3. Df. 252»». — 4. Das g ist weggefressen. Df. 264*»: gla- 
dipis (aus gladius piscis) wunt vifch. — 5. Das g weggefressen. — Hinter gra- 
cius steht in der hs. noch ein dnrchstrichenes g. — Df. 267''. — 6. Df. .040*^: 
solea schölle \ meerhotte, hliec. Df. n. gl. 355^: suilla merswin, swillus smerle. — 
7. 1. Stint. Df. 270 ^ Im n. gl. s. XXIII belegt Df. noch die form stinz. — 
9. Df. 330": limbrius peysker. — 10. Df. 340 ^ 



JnTTELDEUTSCHE GLOFSEN 



333 



muremuLi muicncchm oder 
ncnn(}f(j(' 

nullius ^vcU 

oftnim idoni 

murox mrr/ifich 
15 [MMcka pcrcz 

polipus vchrJn 

roilila mfaiu/r liiuula (?) iJoni 
iii])0cuhi idom 

riibiis ftorc 

spini(a czerte 
20 hiifpiira (?) lialhfifeh 

saxatilis Ihinpciifc 

salnio jahnvifclis 

staiignile}His merhafc 

ibl. r. 

ornix hcrglclmn 
otuiis JcncJicl 
onorcetiilus rordummcl 
ortimoirotra aurrlnin oder hm 
f) paluml)US '/t'VVr/*:' tuhc 
parix ?^//7//c 
pauo vel pauus iDliahe 



p[e]ll[ica]nus pelJkan 

pordix rrpliun 
lö pyca agerhiMcr 

picus fprcht 

pitrilculns l:oni(il\nn] 

rct,^ulus idt'in <iddrr f/fuiffc 

por])liirio (im oder ndrlcr quod 

idoni 
15 strucio ftrnfz 

piillus hu)i 

quadragama irnchtde 

qiüscula idcm 

sparulus Juifelhun 
20 speriliis hugilgnns 

sunpliarius (?) ftar 

spillecula raffrrßrlcse 

tordela irojzfzcl 

i fol. 4'". 

I 

[naulliim fchi/Jon 
nauimathia (?) fchifßngk 
naiif ragiuni fch ifbrurh 
uavipreda fcln'fraid) 



11. 1. inuremila. Df. 372^ - 13. Df. 403''. — 14. Df. 372\ — 15. Df. 
424''. — 10. Df. 445": i^o\i\n\ü ociceley l ßnndir. — 17. Df. 49fr. huiula ist 
sonst lüclit zu belegen. Hinter ideni noch einige unleserliche hucljstaben. — 



IS. 1. rhomhus. Df. 500 ''. 



19. Df. 547*: spi-, sphi-, .si-nga, mer-hizza. 



l>isd.s: czcrte, sert. — 20. buspura vermag ich nicht zu belegen. — 21. l)f. 514''. 
Graft' III, 231. — 23. Df. 550*^: stagnilepus (piscis) mer haß. 

Fol. 4'^ 1. Df. 401\ — 2. otnus verderbt aus gr. oyxog , lat. iincus; huchel 
uiul hiochd sind verwechselt, vgl. Df. 393". — 3. Df. 39G'' belegt zwar nidit «li«' 
form onoroetnlu.s , aber viele ähnliche. — 4. Auch hier eine genau entsprechonth' 
form bei Df. 40l '^ nicht belegt. — 8. Die eingeklammerten buchstaben weggefres- 
sen. — y. (1 und i halb weggefressen. — 12. Df. 413'" s. v. paristulus. — Die 
eingeklammerten buchstaben ganz erloschen. — 13. Df. 490''. — 14. Df. 448"^ 
wird porphirio glossiert mit is-aro, isunfogal , stainrap2h siticJi. — 17. Genau 
entsprechende form bei Df. 480'' 3. v. (^uiscula nicht belegt. — 20. 1. hiiffihfrois. 
Df. 544*= belegt sparulus und sperilus. — 21. sunpliarius vermag ich sonst nicht 
zu belegen. Ist etwa an furfurio , dornduifjü (Tloffmann , aiid. glossen s. 5) , fur- 
fario (Germ. IX, 20) zu denken? — 22. Df. 233* s. v. ficedula belegt keine genau 
entsprechende form. Ein Mainzer glossar (s. den excurs) hat spiscedula. 

Fol. 4^*. 1. Die eingeklammerten buchstaben weggefressen. — 2. natiimatlira 
kann ich sensit nicht belegen. Solte in dem zweiten teil des compositums das 
griech. TtoOniog stecken? 

ZrTT.^CUn. F. DKUTSCIIE PUILOLOCIE. BD. VIII- ^- 



334 GERING 



5 nauugium /chiffunge 
nauigacio idein 
carina fclii ff brück 
pirata raff errauher 
piro fchiffranhcr 
10 lembus fnrJlefchi/f' 

libuima fnchelecht fchiff 

legia l'raugkfchiff 

forma vel per v vorma fnclle 

V. et fchiff 
scafa hegoffen fchiff 



15 scaudea egn fchif vorn enge 
tmde hinden hreyte 
tryeres eijn fchif mit freien 

fcg\e\Ii)amc\n\ 
fafelus fcholh 
tiiuüus fliifz 
riuus jicich 
20 ripa vfer 

poligranimi rogen 

lactis fifchcmilch oder lmalc[2?] 

braiicea fifchore 



5. 1. nauigium. — 7. fchiffbruch lesefehler des schroibers st. fcJiiff'hanch 
(so der eine Mainzer vocabular, Df. 101"). — 9. Df. 437'\ — 10. Df. 323 ^ — 
11. 1. libunia. Df. 327^ — 12. Df. 322"=: legia , eyn kräng- crancJc- 1 trand: fchiff 
usw. — 13. forma aus ahd. mhd. farm, varm, celox, genus navis, Gff. III, 574. 
Schm. I-, 75G. D. wb. III; 1332. — fchiff steht in der oberen zeile; die lezten buch- 
staben des vorhergehenden Wortes auf fol. 3 '', welches mit 4 ^ ein quartblatt bildete. 
Es kann höchstens ein buchstabe ausgefallen sein. — 14. Df. 51G*=: sca-pha, -fa, 
-ffa, -pa. kan, schiffgin, schypp, be-czogen I gössen fchiff (so der Mainzer vocab.) 
usw. — 15. Df. 516'': scandea, -ia, (i. navis stricta in anteriori parte et in poste- 
riori parte ampla) schiff forn enge, hinden loit. — 16. Df. 596*. pame (das n 
abgeschnitten) steht in der oberen zeile , das l von fegel auf fol. 3 ", e ist durch 
das abschneiden verloren gegangen. — 17. Df. 226*^; faselus, schiff, schiffelein, 
zolle. — 22. Df. 315**: lact-es. -is, vi fch- milch, -micl, -smacz \ -milcz (so der 
eine Mainzer voc.) — 23. 1. brancliia. Df. 80"^: brancia, fiscli-oi', -kyioe. 



Vorstehendes brucbstück eines lateinisch - deutscheu vocabulars 
wurde im jähre 1871 vou herrn kaplan Raabe in Hundeshagen bei 
Worbis im Eichsfelde aufgefunden und herrn prof. Zacher zur mittei- 
lung in dieser Zeitschrift übersant. Dasselbe besteht aus vier papier- 
blättern in klein - octav , doch haben sie dieses format erst durch den 
buchbinder erhalten, der sie zerschnitt und zu einem buchdeckel ver- 
waute, in welchem sie herr Raabe entdeckte. Fol. 3 und 4 haben 
nämlich zu einem blatte gehört, da einzelne buchstaben, die zu 4" 
gehören, auf 3'' stehen (s. zu fol. 4\ 13 und 16). Die ursprüngliche 
handschrift war also in quart, (nicht in fol., denn am unteren ende 
aller blätter ist ein sehr breiter rand übriggelassen und fol. 1* begint 
mit einem grossen roten initialen); jede seite bestand aus 2 columnen, 
die durch verticale striche geschieden waren, ebenso war der linke 
rand durch rote und schwarze striche vou der schrift getrent. Unsere 
blätter enthalten also auf jeder seite nur je eine columne. Kam der 
Schreiber nicht mit der zeile aus, so sezte er, fals dort noch platz 



MITTELDEUTSCHE GLOSSEN 335 

geblieben war, einzelne woite oder silben in die nächst höhere und 
markierte die Zusammengehörigkeit durcli lesezeicheu. Seltener sind 
zwei ganze zeilen für ein lateinisches wort und die glossierungen in 
anspruch genonmien. Die bliitter sind sein* vergilbt und wurmzertVes- 
sen, einzelne buchstaben bis y.ur unleserliclikcit erloschen. Sonst ist 
die sclirift fest uml deutlich und meist bequem zu lesen. Abkürzungen 
sind wenige und nur die gewölmlichsten angewant. 

Das bruclistück gehört dem 15. jalirhundert an und steht in naher 
verwantsi'liaft zu zwei Mainzer vocabularien , die Dieft'enbach in seinem 
glossarium hitino-germanicum (Frankfurt a. M. 1857. 4.) benuzt und 
mit 8 und 1» bezeichnet hat. Diese verwantschaft bezeugt einmal die 
ähulichkeit des dialekts, ja sogar der Orthographie, ferner auch der 
umstand, dass mehrere Wörter, die Dieftenbach nur aus jenen beiden 
vocabularien (meist nur aus 9) belegt, auch in unserem fragment sicli 
widertinden. So werden ostrogamus (in unserem bruchstück 2* 14 
ostogfmus) und stagnilepus (S*" 23) bei Dieffenbacli nur aus y 
belegt, die formen pitrisculus (4" 12) und construx (1* 3) haben 
nur 8 und 9, palumbus (4* 5) wird nur in 8 und 9 durch wild taubj 
ivihle duher glossiert, sonst durch holz- und ivaldtauhe; 8 und 9 (sowie 
einige andere zu derselben familie gehörige vocabularien) glossieren 
carina durch schiff'bauch, -buch, wofür unser fragment (4'' 7) irtüm- 
lich Schiffbruch schreibt (sonst schiff'boden, schiff bäum) '^ ebenso sind 
die erklärungen von scandea und tryeres (4'' 15. IG) unserem brucli- 
stück und den genanten vocabularien gemeinsam usw. Gegen diese 
vielen Übereinstimmungen sind einzelne Verschiedenheiten von geringe- 
rem belang. — Einige Wörter unseres fragments, die wol meist Schreib- 
fehler enthalten werden, habe ich sonst nicht belegen können, so 1** 16 
capta (statt caula?) 2* 9 membris (aus veßQiL;?) '6" 17 fulianus, 
vaystrad (fasianus, vafant?) 3^ 20 buspura, 4* 21 sunpharius, 
4'' 2 nauimathra Hofl'entlich ist einer oder der andere der herren 
fachgeuossen im stände, über diese Wörter auskunft zu erteilen. 

Der dialekt des l)ruchstücks ist ein mitteldeutscher. Von 
den charakteristischen eigentümlichkeiteu desselben hebe ich folgendes 
hervor : 

Im anlaute wechseln b und 7), ohne dass ein bestimtes gesetz 
über diest'U Wechsel aufzustellen wäre, pync^ j>^>i - s/or//j , gc-insz^ 
presse, x)crcz , stein- pcysc, pach ^ plocsczc stehen neben hu, bcr, hock, 
vor-hoge, ros-harc, brach -vogel, herglc-hiiUy schif-hruch, breylCy hart. 
Die Partikel he- wird consequent mit h geschrieben. — Auch im aus- 
laute wechseln h und 2^; lauh-pfrosch , halb-f/sch, schif-raub stehen 

22* 



33G GERING 

neben mer-Jcalj), rcp-lmn. Inlautend stehen h und p nach algeraein 
hochdeutschem lautstande. 

3 mal stellt h anlautend für iv , in horuiichcj/ii , hormlciu, hanczc 
neben icisel, ivispcl, tvesset , wein, Jint-worm^ walt-mui^;-, winden- 
spih icesajuL wolffiune, walf usw. 2 mal komt h für iv auch inlau- 
tend vor, in huhc für hmve (bubo) und phahc (pavo). 

(I und h folgen im ganzen dem algemein hochdeutschen lautstande, 
nur einmal steht licgin statt gegin (auch bei Nicolaus von Jeroschin ist 
diese Schreibung des wertes consequent durchgefülirt, Pfeiffer s. LXVII). 
Auslautend ist gh statt Z: oder cÄ* regel , lezteres steht nur in hoeh und 
sarlc neben stogk, ringJc, JcueJcugl', sirighj kraiigJ: (?). Im Inlaute steht 
immer eJc: heti-schrecJiCj cckelei usw. Für auslautendes g steht gJc in 
trogJ: , sfeigk, hergl' neben hornig - slange , gnmdeling , j/coniglein. Die 
silben -agc- sind in ar (hs. aj/) contrahiert: nm/ncr, vync-ivayn, vayn- 
col, rai/v -furer, vayn-gcschirre. 

An- und inlautend folgen d und t dem algemein hochdeutschen 
lautstande mit ausnähme von treien. Auslautend steht nur t, mit aus- 
nähme von tvesand. Statt t steht inlautend einmal tli in Icatliir. 
Unorganisch steht d in pliindc (mhd. phinne vom lat. pinna). Diese 
form ist auch sonst noch belegt: 2)hindiges sivm, Mhd. Wb. II, 1, 495" 

Das harte s- wird durch c^, anlautend auch durch e widergege- 
ben. Für das weiche .^ (5) steht s.Zj nur in dem worte das steht 
einfaches z. Doch steht für weiches ^ auch häufig s und umgekehrt 
für s auch sz: vasser, begossen, gros neben hessel (daneben aber 
esel-treihcr). grasze-mueke , troszszel, musz , rosz (daneben auch ros- 
hare), eysz. 

f und V wechseln im anlaute, während in- und auslautend nur 
f steht. 

Das breite getrübte s fnhd. seh) lässt sich aus der schrift noch 
nicht nachweisen, es steht einfaches sn, sm, sp, st, sl, sw. 

h ist unorganisch einmal vorgetreten in heszel (neben esel-treiher). 

Für anlautendes iv wird zuweilen ?' geschrieben in vasser^ vayn 
neben icasser, loayner usw. 

eh folgt dem algemein hochdeutschen lautstande. 

l'ber den vocalismus bemerke ich folgendes: 

d ist noch nicht zu au diphthongisiert: hü, müsz , süe, tühe, 
strüsz. Dagecren steht für ahd. mhd. uo resp. üe einfach n in hün, 
fürer^ furmann. 

Für u resp. ä steht in hormieheyn, hormleyn, worm^ eogel. 

2 ist meist zu ei geworden: ceydeler (ahd. zalaläri), hormieheyn, 



MITTELDETTSCHE üLOiSSEN 337 

tvein, sef/di/n, f reiber, ferlcelein, stcighlcder, eyszvogel , koniglein, treicn. 
Erlialton ist / nur in gUmlchcf/n (alul. gJcimo neben glnno) und unscl. 

Der unilaut des au erscheint als ey {= nilul. öu) einmal in dem 
compositum ncgn-cggc (d. h. nfiuiängig Mlid. ^VI». 11, 1, 152 **) neben 
rot-augc. ai (hs. ny) steht ausser in den oben besproelienen '/usam- 
menziehungi'U aus -agc nur in raystrad, wo wii" einen sclircibrcliler 
vermuteten. 

In ableitun^b- und llexionssilben steht statt des tonlosen c häufig 
/; seydyn (acc. sg.), ochslii-krippc, cscgyn-sial, cz'igyn-gtisz (neben 
czegen-hart)^ kathir, kcg'uij aßir- reife y halftir^ ottirj morcnechyn, 
hagd - gaus , sporyn. 

Eigentümlich ist die Schwächung des a zu e in hemcl (ahd. hamaiy 
Dem sjjcne - ferkel entspricht schon ahd. spcne-varch (Graft" 111, 681); 
das Mhd. Wh. II, 2, 177* zieht das wort zu spen, milch. 

Schliesslich ist zu benn^rken , dass ich die abkürzungen der hand- 
schrift aufgelöst, sonst aber die orthogra[diie streng beibelialten habe. — 
lu den noten bezeichnet Df. das oben genante glossar von Dieft'enbach 
(Fiankt'urt a. M. 1857. -1.), Df. u. gl. dessen novuni glossarium lat. - 
germ. Frankfurt 1867. 8. 

HALLE, HUGO GElilJS'G. 



EINE ANWEISUNG ÜBER FINKENZUCHT AUS DEM 

15. JAIIPiKUNDERT. 

1. Si quis vult conseruare tigellas usque ad autumpnum, talis 
tempore medii ieiunii debet eas cum caueis exponere , ut cantum debite 
acquirant. 

2. Item quindena post pasce debent poni ad cameram tenebrosam 
et cibari feniculo et papauere mixto modice. 

3. Item circa festum Viti ^ debent plumari et ungute praecidi.'** 
I. Item circum festum assumptionis virginis Marie ^ debent tegi 

et exponi cum caueis et tunc debent bono pabulo cibari videlicet feni- 
culo vel papauere et canapo simul coctis cum melle et debet eis dari 
granum^ vel sex (?). 

5. Item cum figella incipit habere tysim proprie dy darre j^ 
tunc pone eam de cauea et retro insuffla, ut valeas videre cutem 

1) = 15. juni. 2) cod. pcindi. 3) = 15. aiigust. 4) cod. ^nü. 

5) vgl. Deut. Wörterb. II , 876 = phthisis , tabes. 



338 BECK 

nüdam, et ibi viclebis quaiulam pustulain pleuam iusanio et illam 
pustulam cum acu aperi et fac exire insauiem, qua deposita repone ad 
caüeam, et pabuletur canapo modico cocto et sicco. 

G. Item cum non vult aut potest edere, tunc strumat* se et 
stercorisat storcus viride et liquidum; contra lioc ciba cam aqua smig- 
matisata mixta cum cveta. Si hoc non potest competenter haberi, 
recipiatur tunc argilla sicca de furuo veteri, et talis bene et minute 
trita in potum sibi ministretur. 

7. Item cum figella habet cantum fugatum proprio pentscht,^ 
tunc modicum sal aspergatur super eius cibuni una vcl vice trina. 

8. Item cum tigella nimis calescit, tunc recipiantur urtice, pro- 
prio cf/ferncsscin, et comprimantur ad emissionem succi; qui succus 
coletur per peplum et appouatur vua vel due gutte aquo et detur ei 
hoc ad potandum. 

9. Item cum figellus cum cantu aseendit, proprio iiffstbst, tunc 
nimis est pig^vis, et ergo illo tempore non debet delicato cibari cibo. 

10. Item cum figella se mouet excellenter, proprio sc/^o^^d, con- 
tra hoc recipe herba ^ jusquiami, proprio pilsscn cntth, et exprime suc- 
cum et apposita gutta aquo et (so!) da ei ad potaudum, vel da pro 
cibo semen herbe ejusdem. 

11. Item cum figella fricat oculos, tunc acetum acre ponatur ei 
ad oculos et circumquaque et sie saluatur cet. cet. 

Vorstehendes ist einer papierhandschrift der hiesigen domherren- 
bibliothek entnommen, welche die im jähre 1433 geschriebenen werke 
des Boethius enthält, nr. XII, fol. 252 \ 

ZEITZ. FEDOR BECII. 



Die aufzeiclmung eiuer anweisung zur pflege des finken in einer 
thüringischen handschrift aus der ersten hälfte des 15. Jahrhunderts 
hat ein kultm-historisches Interesse, sofern sie zeigt, dass die Vorliebe 
der Thüringer für den gesang des finken, und die daraus entspringende 
neigung den finken als stubenvogel zu halten, schon vor vierhundert 
jähren im schwänge war. Trefliche auskunft über diese thüringische 
liebhaberei in ihrer heutigen beschaffenheit hat der thüringische forst- 
rat dr. J. M. Bechstein gegeben in seiner zuerst 1794 erschienenen, 
zulezt in vierter aufläge durch dr. Lehmann 1840 (Halle, bei Heyne- 

1) Cod. st'mat. ftmmat se, er kröpft sich. 2) Vgl. pantschen, durchein- 
ander mengen, bei Schmeller- Frommann I, 397. [ist fufjatum etwa thiiring. aus- 
spräche st. fucatum? Z.] 3) Vor herba ist seme durchstrichen im cod. 



thCringeb finkenzücdt 339 

mann) besorgten „Naturgeschichte der Stuben vögel.*' Aus diesem Bech- 
steinschen buche, was wol nur wenigen lesern dieser Zeitschrift zur 
band sein wird, erL^ube ich mir einige angaben hier beizutügen, welche 
der alten lateinischen Naumburger aufzeiclinung teils zur bestätigung, 
teils zur erläuterung dienen können. 

Nach Bechsteins Versicherung (s. IDl) geht „auf dem Thüringer- 
walde die liobliaberei zu diesen vögeln so weit, dass man auf dem 
ganzen Thüringerwalde jezt nur selten noch einen linken hört, der 
einen guten gesang hat, so sehr wird ihnen nachgestelt. Sobald sich 
aus einer fremden gegend ein vogel mit einem guten schlag bei uns 
niederlasst, so sind auch schon eine menge Vogelsteller da, die ihm 
nachstellen, und nicht eher ruhen, bis sie ihn gefangen haben. i]s 
jdlanzen sich daher aus leicht zu erkennenden Ursachen auch lauter 
schlechte gesänge fort, da die jungen teils von ihren eitern, teils von 
allen andern finken in ihrer gegend nichts schönes hören." 

Der erste absatz der alten Zeitzer aufzeichnung erhält volles licht 
durch die nachfolgenden angaben Bechsteins, welche wegen des reizes 
ihrer unbefangenen natürlichen ausdrucksweise unverkürzte herübernahme 
verdienen (s. 205): „der fink ist so gelehrig, dass er, jung aufge- 
zogen, nicht nur die gesiinge eines andern linken, wenn er sie allein 
hört, annimt, sondern auch, wenn er bei einer nachtigal oder einem 
kanarienvogel hängt, abgebrochene Strophen aus ihren liedern, aber 
freilich nichts volkommenes lernt, da seine gurgel nicht gebaut ist, 
anhaltend zu singen. Aber auch unter ihnen bemerkt man, so wie bei 
andern gezähmten vögeln, die Verschiedenheit des gedächtuisses: denn 
einer hat zuweilen ein halbes jähr nötig, um einen einzigen gesang zu 
studieren, da hingegen ein anderer ihn gleich beim erstenmalhören 
gefasst hat und nachsingen kann. Einer lernt mit mühe einen, ein 
anderer, wenn man will, drei, ja \'ier finkenschläge ; einer fasst ihn 
unvolkommen, ein anderer volkommen, sezt auch wol noch einige Sil- 
ben zu und verschönert ihn. 

Etwas besonderes liegt auch darin, dass diese vögel ihren gesang 
alle jähre auf eine ganz eigene art von neuem lernen müssen. Es 
geschieht dies unter einem schnurrenden und zischenden geräusche, 
das sie vier wochen und länger machen, unter welches sie ganz leise, 
erst einige, dann mehrere silben ihres Schlages mit einmischen. Man 
nent es ihr zirpen, und diejenigen gehören aucb wider unter die genies, 
die nur acht oder vierzehn tage zirpen, und alsdann schon laut schla- 
gen. Andere vögel, die nur zu bestimten Jahreszeiten singen, lassen 
sich auch ganz leise hören, und veimischen auch ihren gesang mit 
fremden und vorzüglich unreinen tönen: allein keiner bringt so ganz 



34:0 ZACHEK 

eigene, mit dem eigentlichen gesang gar nicht zusammenluingende töne 
hervor. Bei geringer aulmerksamkeit bemerkt man , dass dies zirpen 
nicht sowol ein lernen des gesanges, als vielmehr eine geschmeidig- 
machmig oder ein in gangbriugen der gesaugtöne ist, die ein ganzes 
jähr hindurch der giirgel ungewohnt geworden sind. 

Diejenigen, die im freien wohnen , rani;-en bald nach ihrer aidamft 
im tVühjahr [im märz] an zu zirpen, die stubenhidven noch früher, 
schon zu anfang des februar, sie pro])ieren aber auch länger, zuweilen 
fast zwei mouate lang, ehe sie recht laut werden. Gewöhnlich dauert 
die singzeit nur bis zu ende des junius; einige jung aufgezogene stu- 
benfinken aber singen auch wol bis Michaelis und Martini." 

Zu '2. Über das aufhängen der stubenlinken an einem dunklen 
orte belehrt Bechstein s. 105 fg.: „Wenn man will, dass die jung aus 
dem neste genommenen und in der stube aufgezogenen tinken den vor- 
gepfiftenen gesang bald und gut lernen sollen, so müssen sie immer 
an einem dunklen orte hängen, und dürfen nicht eher, als bis im mai 
aus fenster kommen. Dies ist das natürlichste mittel, keine stümper 
zu bekommen. "Wenn man es so macht, so verlassen auch gewöhnlich 
die Jacobifiuken [Jopfsfinken, die, nachdem sie bereits flügge gewor- 
den waren , erst um Jacobi , gegen ende Julis , gefangenen linken | ihren 
alten angenommenen gesaug und lernen den guten , den ihnen ein vor- 
sängerhnk vorpfeift. Ein dunkles, verstecktes hängen des käfigs unter 
einem pult oder unter einer bank ist also bei aufgezogenen linken, 
wenn sie gute schläger werden sollen, die hauptsache." 

Zu 3. Über das beschneiden der nägel gibt Bechstein s. 192 
folgende auskunft: „Die nägel der linken sind sehr scharf und spitz, 
und müssen daher alle sechs wochen abgeschnitten werden, weil sich 
der YOgel sonst leicht daran aufhängt, und, wenn man es nicht bald 
gewahr wird, urakomt." 

Zu 5. Unter da* „darre" ist nach Bechstein die Verstopfung der 
auf dem steisse, oberhalb des Schwanzes, befindlichen fettdrüsse zu 
verstehen, welcher die in der stube gehaltenen finken nach Bechstein 
s. 196 ., oft unterworfen" sind. Über das im lateinischen texte ange- 
gebene mittel sagt Bechstein s. 25: „Das gewöhnliche mittel, welches 
man anwendet, ist das aufstechen mit einer nadel, oder abschneiden 
der verhärteten drüse. Dies mittel hebt zwar, wie natürlich, die Ver- 
stopfung, allein zerstört auch die drüse, und die vögel sterben gewölm- 
lich in der mauser , da ihnen die fettigkeit zum einschmieren der federn 
fehlt." Deshalb gibt Bechstein andere zweckmässigere mittel an. 

Zu 6. Auch den durchfall bezeichnet Bechstein s. 106 als eine 
häufige krankheit der stubenfinken, und empfiehlt als mittel dagegen, 



THÜRINGEH FINKENZÜCHT 341 

einen verrostetiMi uagel oder ein wenij^" salVau ins triiikgescliirr zu tun. 
Smii^'nui oder snieguui ist das herüber^cnoiunienu griechische a^ur^yua 
(salbe, seife u. dgl.). Johannes de Janua erklärt: Smitjuia est quoddam 
miguentiDii, vel confectio ungucnU, vcl saponis, vcl idiquarum cdlaium 
rcnim hont odorls, und diese erkliirung wird im Voeahulariuni ex (juo 
und anderen Wörterbüchern jener /eil widerholt. Daraus lässt sich nur 
im alj»-emeinen entnelimen, dass unter aquii smigmatisatii ein mit wol- 
rieehender salbe oder seile angemachtes wasser zu verstcdieu ist. Ob 
aber hier eine bestimto art von wolriechendem wasöcr gemeint sei, und 
welche, bleibt dahingestelt. 

HAI.LK. J. ZAClllJl. 



Zu dem vorsiehenden füge ich in bezug auf die lezten nummern 
der alten auweisung (nr. 7 — 11) einige ergänzende oder erläuternde 
bemerkungen liinzu, welche liauptsäclilicli den gegenwärtigen stand der 
tinkenzucht betreuen und auf die unmittelbar aus dem volke gcschöpl- 
ten mitteilungeil meiner gütigen freunde, superint. B. Müller in Kuhla 
und dr. med. H.Hesse in bad Liebenstein, für Kulila und Steinbach 
''egründet sind. Diese beiden nicht weit von eiiuiuder al)liegeuden Tliü- 
ringer gebirgs<lörfer sind alte sitze des tinkeiifanges und der tinken- 
erziehung, alier in beiden orten wie auch überall im mitlern und 
östlichen teile unseres waldgebirgs ist die lange volkstümlich gewesene 
lieblingsbeschäftigung bereits seit einigen jahrzehenden in starken ver- 
fall geraten und geht ihrem gänzlichen aussterben in nicht ferner zeit 
mit sichcrheü; entgegen. Von der immer weiter und ausnahmsloser 
fortschreitenden hast des erwerbens und geniessens ergrill'en und mit- 



gerissen, sind die jüngeren generationen unserer waldbewohuer der harm- 
losen fiuklerleidenschaft ihrer altvordern schnell fremd geworden, — 
sie schämen sich derselben als einer torheit, zu der sie auf ihrer höhe- 
ren bildungsstufe weder lust noch müsse mehr haben können, und mit 
den wenigen greisen, welche die alte neigung ihrer frischen jugendtage 
unverln-üchlich bis zum grabe festhalten, wird auch dieses stück unse- 
res Volkstums aus dem lid)en verschwunden sein und nur etwa durch 
L. Storchs und cantor Burckiiardts mundartlicln; dichtungen (vgl. meine 
Kuhlaer Mundart s. 302-311 und Alex. Ziegler, der Kennsteig des 
Thüringerwaldes s. 319) noch in der erinnerung fortbestehen. Von der 
ein ganzes dasein beherschenden , alles verzehrenden leidenschaft der 
frühereu zeit für einen linken von reinem und seltenem schlag ist 
unter den geschlechtern der gegenwart kaum noch eine spur voihan- 
den, und während sonst eine ganze reihe von eigentümlich verschie- 



342 REGEL 

denen, bocbgeschätzten fiiikenschlägon gezählt luid eine fülle von mei- 
stern derselben als muster lur die eiuüliung der jungen linken gefun- 
den und gehalten wurden (vgl. darüber besonders A. Ziegler, Kennsteig 
s.1'2 — 75), so bat man z. b. in Steinbach jezt nur zwei eigentliche 
kuusttinken, welche einen dieser vielen alten kunstschläge („den guten 
weingesang **) als mustergültige Vorbilder für die lernenden linken schla- 
gen, ausserdem aber nur naturalisten („wilde"), welche nichts als den 
einfachen waldgesang zu singen verstehen. Also befindet sich die alte 
kunst bereits in der tiefsten gesunkenheit , auf dem geraden wege zur 
ärgsten Verwilderung! 

Nach diesen algemeinen uotizen wende ich mich zur besprechung 
der von Zacher nicht berührten nummern der lateinischen aufzeichnung. 
Zu nr. 7. 

1. Der dunkle ausdruck cum figcUa hahd cantum ftigatumkann ver- 
standen werden von dem flüchtigen, übereilten, stümperhaften gesang 
der jungen lernenden finken, welche den kunstschlag, den sie lernen 
sollen, ganz unvolkommcu, nur zum teil und mit fremdartigen weisen 
durchsezt widergeben; diese unart der in der erziehung begriifenen 
finken ist ein vvolbekanter gegenständ der aufmerksamkeit auch der 
jetzigen finkenzüchter, doch ist dafür der ausdruck d'r fäinh jicntscM, 
welcher von F. Bech in einer den bezeichneten fehler genau treffenden 
weise gewiss richtig aus dem begrifte „durch einander mengen" erklärt 
wird, weder in Ruhla noch in Steiubach erhört. In beiden orten sagt 
man vielmehr für eine solche stümperei: cVr fäinJc macht stöclcer^ der 
fink macht stücke, d. h. bruchstücke, fragmente, — er singt eine 
mischuug verschiedener schlage; — in Steinbach sagt man auch: ä 
pfifft stöcker, oder ä säut (er schlägt unsauber), oder es is en stommel 
(er ist nur ein verstümmeltes stück von einem Sänger, ein stümper), 
ä kon nech off's kuir geträt , ä moss herab in de roincling j er kann 
nicht wie ein guter sänger auf das chor in der kirche treten, sondern 
gehört herunter in das schiff der kirche unter die grosse menge. An 
beiden orten sieht man aber diese neigung zu schlechtem gesang nicht 
als eine krankheit, sondern nur als eine unart an, welche man indes- 
sen doch aus zu guter „hitziger" fütterung (mit hanf) erklärt, wenig- 
stens in Kuhla, und daher auch durch herabsetzung des finken auf 
schmalere kost (angefeuchteten rübsamen) zu beseitigen sucht. Schon 
dieses mittel scheint mehr pädagogisch als medicinisch gemeint zu sein, 
was ganz entschieden der fall ist bei dem sowol in liuhla als in Stein- 
bach fast ausschliesslich gebrauchten hauptmittel, nämlich dem stüm- 
pernden jungen vogel eine zeit lang das licht zu entziehen: man ver- 
hült den kleinen käfig (fähiJcenbuir) mit einem starken tuche und sezt 



THÜRINGER FINKENZUCHT 343 

denselben, wenn dies allein noch nicht helfen will, in eine ganz dunkle 
ecke der stube, tief unter di<' baiik der werkstatte, von wo man ihn 
nach einiger zeit wider hervorholt, um zu hören, oh der tinkenschüler 
in seiner einzelhaft mehr aufmerksamkeit und Stetigkeit gelernt hat; 
dieses verfahren sezt man so lange fort, bis der gewünschte schlag 
sicher von dem vogel erlernt ist, wo dann der Steinbacher mit stolz 
zu sagen [dlegt: ä pfifft cn duirch, er pfeift den rechten schlag bis zu 
ende. Von dem bespritzen des futters mit Salzwasser oder der bei- 
mischung von salzkörnern in dasselbe will der heutige Thüringer linkm- 
erzieher durchaus nichts wissen , sondern verwirft dieses mittel gegen 
den stümperhaften gesang der lernenden vögel entschieden als zu 
gewaltsam. 

2. Wenn man aber in dem werte fugatum einen Schreibfehler 
s.tatt raucatum oder raiidatiun annimt (vgl. Dfb. gloss. s. v. raucus und 
raucare s. 485''), so würde die stelle unserer handschrift auf die bei 
den stubenünkcn nicht selten vorkommende heiserkeit zu beziehen sein, 
welche auch der jetzige iinkenzüchter in Ruhla wie in Steinbach sehr 
wol kent und durch den schmerzlichen ausdruck mi fäink is heisch 
bezeichnet. Man schreibt diese krankheit übereinstimmend der einwir- 
kung des luftzugs zu, welcher den linken leicht trift, wenn ihn der 
eitle besitzer, wie dies oft geschieht, in das oil'ene fenster hängt, damit 
sein guter schlag weithin durch das dorf vernommen werde; als heil- 
mittel wird auch hiergegen das salz nicht angewendet, sondern an bei- 
den orten gibt man den heiseren fiuken eine abkochung von den blät- 
tern des brombeerstrauchs, oder man legt ihnen einen verrosteten nagel 
in das saufuäpfchen , oder man füttert sie mit in milch geweichter 
semmel, welcher man in Kuhla berbisbeerensaft , in Steinbacli lieber 
safran {säfferme iingcr das ivächjcbräckes) beigemischt hat, — der 
Ruhlaer insbesondere gibt auch dem futter leinsamen bei oder wendet 
reine milch an, der Steinbacher empfiehlt sogar menschlichen urin und 
steht damit völlig auf dem Standpunkte der mittelalterlichen arz- 
neikunst. 

3. Eine dritte art von mangelhaftem gesang der linken, welche 
aber mit dem cantus fiKjatiis unserer handschrift wol schwerlich gemeint 
sein wird , besteht darin , dass ein solcher vogel sich nicht nur einen 
ganz unedlen, gemeinen schlag angewöhnt hat, sondern dass er densel- 
ben auch mit einer lästigen, keifenden aufdringlichkeit den ganzen tag 
unaufhörlich widerholt: davon sagt man in Kulila dar fü.inlc schärpcrtj 
ä IS ä schärper, — ausdrücke, welche nicht selten auch auf menschen 
angewendet werden, indem man auch von einem zanksüchtigen manne 
sagen kann: hä ts ä rächter schärper, und von einer unermüdlich 



oA4 REGEL 

scheltenden, unangenehm zungenfertigen Irau: sc schärpcrt. Man kent 
und branclit diese ausdrücke auch in Steinbach, aber nur als ruhlaisch: 
der heimische name für einen in dieser weise stümpernden linken ist 
in Steinbach ä stock (ein stück, d. i. ein arges, verächtliches geschöpf, 
ein schlimmer geselle), oder ü nnUer (ein "wilder gänzlicli unkünst- 
lerischer YOgel\ Übrigens ist dieses ruhl. scMrjicr merkwürdig genug 
und dürfte sich, da es seinem begriffe nach einen deutlich bestimten 
charaktertvpus einschliesst, am ersten auf ein zu gründe liegendes con- 
cretum von ganz speciel localer färbung, also für diesen sitz des indu- 
striellen tleisses etwa auf einen liandwerkernamen zurückführen lassen, 
wie sich derselbe bei Schmell. 3, 403 aus gesetzbüchern des 17. Jahr- 
hunderts wirklich darbietet: den Schcrpern , Schmidcu und Andern^ 
ivdehc sich des Kohns gebrauchen, — Scherpersclimid , — Waffen- 
und Scherpcnschmid. Wenn nun hieraus aucli nicht hervorgeht, welche 
specielle gattung von metallarbeitern mit diesem bair. Scherper oder 
Schcrpcnschmid bezeichnet ist, so ist doch klar, dass irgend eine art 
der geräuschvoll hämmernden schmiede damit gemeint sein muss und 
dass sich daraus der ruhl. schcbpcr (mit dem davon geleiteten Zeitwort 
schärpern) als ausdruck für den lautzankenden polterer und das unab- 
lässig keifende weih oder für den in seinem, das feine ohr beleidigenden 
gesang unermüdlichen linken vollkommen anschaulich erklärt. 

4. Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass beide gesanges- 
fehler der finkeu, sowol dieses schärpern als das zuerst besprochene 
stöckcrmachen (j)enf scheu) , durchaus verschieden sind von jenem unvoi- 
kommenen anfangsgesang der schon erzogenen finken im Vorfrühling 
zur widereinübung des alten Schlages; von jenem zirpen, über welches 
oben von Zacher gehandelt worden ist. kh^x es muss ausdrücklich 
hervorgehoben werden, dass auch unsere jetzigen Ruhlaer und Stein- 
bacher finkenzüchter diese erscheinung ganz wie der alte Bechstein 
auflassen und mit einem besondern namen unterscheiden. In Stein])ach 
(nicht in Ruhla) sagt man dafür allerdings noch : cVr fäinJc merrf (zirpt), 
aber der eigentlich specifische ausdruck ist daneben auch in Steinbach 
(Tr fäinh Icierrt , und in Ruhla kent man nur diese bezeichnung; denn 
der Ruhlaer finkenbesitzer bezeichnet dieses frühlingszirpen seines Schlä- 
gers lediglich mit den worten: nn fäinh kirrt, — ä het ünze kirrn. 
Das hübsche zeitwort, welches die mundart sauber gegen das von ihm 
ganz verschiedene girren in der mündlichen ausspräche abgränzt (z. b. 
JV dühhert girrt, de du wen girrn), entspricht dem älteren kerren, kir- 
ren Schmell. 2, 324. Frisch 1, 511" garrire cherren Dil), gl. 2r)7'', 
s. besonders Gr. d. wb. 5, 613 f. 841 f. und hat in dem vogelnamen 
kerj äichelker eine treffliche stütze, vgl. d. Uuhl. Mda. s. 214. 



THÜRINGER FINKENZÜCHT 345 

Zu nv. s. 
Der zustand, welchen die Zcitzer aufzeiclimmg in den werten 
andeutet: cum fUfella nimls calcscit , ist unter dorn nanien de hitx den 
finkenzüclitern beider orte wol bekant und wird liauptsäcblicb an den 
eben geüm^eneu fmken beobachtet; die Steinbaclier suchen die veranlas- 
sung zu dieser krankliafton Heberhitze h'diglich darin , dass der schon 
durcli <li(' leidenschaft des stossens auf den angelmndonen iiukon und 
durch den phUzlichon schrerk über die eigne gefangenschaft unnatür- 
lich aufgeregte vogel von dem Vogelsteller häufig in der blossen band 
nach hause getragen und so bei erhöhter angst in dem drückend engen 
gewahrsam ganz übermässig erwärmt werde, indem sie behaupten, dass 
der in (nnem tuche {im läiijum) heimgebrachte fink nur sehr selten 
von dieser krankheit befallen werde. Dieselbe nimt oft einen tötlichen 
verlauf, und in Steinbach sucht man die heilung vornchmlicli durch 
das aufstechen der bläschen zu bewirken, die sich am bauch des kran- 
ken vogels zu bilden pHegen ; in Eulila aber wendet man dagegen teils 
schmale kost an, teils gibt man dem paticnten vogelmiere (Alsine 
media) oder heiternessel (Urtica urens), doch nicht, wie unser ms. 
vorschreibt, den ausgepressteu saft, sondern die blätter der frischen 
pflanze. 

Zu nr. 9. 
Die tinkenzüchter beider orte kennen sehr wol die neigung man- 
cher finken, beim singen im käfig etwas nach oben zu flattern (cum 
ftgrJJus cum cantu asccndit), aber sie leugnen entschieden , dass dies 
von zu grosser fettleil)igkeit des vogels herrühre, und denken daher 
auch nicht daran ihm deshalb das o'ute futter zu entziehen. Sowol in 
Ruhla als in Steinbach halten die finkenkenner diese erscheinuug weder 
für einen fehler noch für eine krankheit, sondern vielmehr für ein 
erfreuliches zeichen gesunder kraft und lust zu eifrigem energischem 
schlagen, und tun also nichts dagegen. Der in der handschrift ange- 
führte volksausdruck {ct(m fitjclhis proprie — ?///' sfost), welcher an 
sicli ganz verständlich ist und wie eine der Jägersprache entnommene 
bezeichnuug klingt, da ja der Vogelsteller auch ganz gewöhnlicli von 
dem herabstossen des finken wie bei einem raub vogel spricht, — ist 
doch für dieses emporflattern des schlagenden finken im bauer jezt 
ganz unbekant: in Ruhla hat man dafür überhaupt keine besondere 
phrase, in Steinbach aber sagt man mit deutlicher hinweisung auf diese 
überkräfti^^e, liall» mutwillige oder übermütiije bewetrunij des vo<?els: 
d'r fäinJ: hat das spiel , \s es ä Spieler j oder auch : ä es tvinghäl- 
sig, d. h. beweglich wie ein Wendehals {ygh windhcds Frisch 1, 402''; 
iynx torquilla der Wendehals , halswinder Nemn. 3, 275). 



346 REGEL 

Zu iir. 10. 
Die Worte cum figcUa sc moiiet cxccllenicr, j^roprie schottet, mit 
welcher der Schreiber oftenbar einen von der eben besprochenen erschei- 
nung deutlieh verschiedenen, unreg'clmässigen zustand bezeichnen will, 
können nichts anderes meinen als: „wenn der link sich auf eine auf- 
tallige weise bewegt/* d. h. in seinem bauer gravitätisch hin und her 
stolziert oder sonst mit leidenschaftlicher unruhe und Ungeduld ein 
ungewöhnliches kraftgefühl zur schau trägt (vgl. excoUenter vherswenc- 
tich, höchlich, excellentia vherswanch, vbercraft, hochfertcJceit , hocheit 
Dfb. gloss. 214*"), und ein solches aufgeregtes benehmen der stuben- 
tinken wird wirklieh auch von den jetzigen Züchtern in Steinbach, — 
aus Kuhla konte ich darüber nichts erfahren , — und zwar während der 
Paarungszeit im früliling nicht selten wahrgenommen. Man fasst es 
entschieden nur als eine starke äusserung des paarungstriebes auf und 
sagt dann: cVr fäinh is reiisch, was im sinne des volkes geradezu 
bedeutet: „er ist begattuugslustig." Wenn man für die erklärung die- 
ses dunkeln adjectivs von der annähme einer volkstümlichen Weiterbil- 
dung oder entstelluug eines ihm zu gründe liegenden alten wertes aus- 
gehen will, so kann man mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlich- 
keit an viele lautlich me begriflich näher oder ferner stehende aus- 
di'ücke erinnern, — namentlich an ahd. rä^i rabidus, ferox, truculen- 
tus Graff 2, 556; mhd. rae;^e scharf, hitzig Ben. 2\ 584\ Lex. 2, 354. 
bair. schwäb. raess scharf, heftig Schm. .3, 125, oder an ahd. mJ, reidi 
crispus Grff. 2, 474; mhd. reitf reide gedreht, gekräuselt, gelockt 
Lex. 2, 397. Ben. 2^ 697^; altnord. reiär iratus, ira concitatus, ala- 
cer, magno ardore rem administrans Egilss. 654*; ags. vrää ira con- 
tortus, iratus, urgens, vehemens Grein gloss. 2, 737; alts. tvrcd kum- 
mervoll, zornig, böse Heyne Hei. 378; nd. tvreet atrox, ferox, saevus 
Dfb. gloss. 58*. 231*. 531^ — oder an rawschen lascivia Dfb. nov. 
gloss. 229*; mhd. ansehen (rnischen) stn. die geräuschvolle bewegung, 
das rauschende, tobende wesen Ben. 2S 822^ Lex. 2, 557, — oder 
endlich an reisser, rcyser, rayser procax Dfb. gloss. 461*. nov. gloss. 
304*; mhd. reisaerc^ reiser stm. Ben. 2^ 666*. Lex. 2, 354. Schm. 3, 
126; altnord. raesir m. Egilss. 658''; — aber obwol besonders der 
erste und zweite dieser erkläiiingsversuche sich recht anschaulich und 
glaubhaft machen Hessen, so bleiben sie doch sämtlich nur unsichere 
Vermutungen, und man muss sich daher begnügen die mundartliche 
form des merkwürdigen adjectivums, wie sie vorliegt, als eine ablei- 
tung von mhd. rcie schwm. tanz mit gesang, tanzaufzug im frühliug 
Ben. 2\ 655*. Lex. 2, 386 aufzufassen, bei dessen ausgelassener lust 
in den eigentlich volksmässigen kreisen es besonders für die zeit der 



THÜRINGER FINKENZUCUT 347 

verfallenden guten zuclit und strengen sitte nahe liegt au eine Verbin- 
dung dieses begrift'es mit dem der unlauteren begierde und bilden 
lascivität zu denken, so dass unser rciisch nicht nur tan/lustig, son- 
dern sehr wol auch mutwillig, üppig, brünstig bedeuten konte.^ 

Der in der Zeitzer aufzeichnung gebrauchte deutsche ausdruck 
schottet, welcher sich, mit ergänzung vou Sdc/i oder durch die anmilime 
einer sonst ungewöhnlichen intransitiven verwemhmg, aus alid. ^cutjan, 
scuttau, mhd. sthittoi, schütten, md. schoten, schotten, Schottin, scho- 
thcH quassare, qnatero, vibrare Grtt" G, 42;'). Ben. 2-, 229'. Lex. 2, 83:3. 
Dfb. gloss. 478''. 617 **. Nov. gloss. 311'' unschwer = „schüttelt sich, 
schwingt sich, bewegt sich unruhig'* verstehen lässt, — ist sowol in 
Ruhla als auch in Steinljach für jenes aulVällig(} verhalten der linken 
gänzlich unbekant; ebenso wenig will man in einem der beiden orte 
etwas von dem saft oder den Samenkörnern des bilsenkrauts als heil- 
mittel dieser krankhaften aufregung wissen: vielmehr halten die Stein- 
bacher Züchter in solchen zeiten sich und andre personeu von dem 
bauer ihres brünstigen vogels geflissentlich fern^ weil sie behaupten, 
dass derselbe sich bei der annäherung eines menschen ganz besonders 
rciisch zeige. 

Zu nr. 11. 

In bezug auf das reiben der äugen (cum figella friccit oculos) 
wüste man in Ruhla nichts zu berichten, aber mein gewähi'smann für 
Steinbacli teilt mir bestimt mit, dass die dortigen tinkenhalter eine 
solche neigung ihrer linken , mit den äugen zu blinzeln , sie zuzudrücken 
und am bauer zu reiben als Symptom einer schmerzhaften empfind ung 
in den äugen gar nicht selten beobachten, und dass sie diese erschei- 
nung teils dem einflusse zu hitzigen futters (namentlich zu reichlicher 
gaben von hanf) , teils auch dem umstände zuschreiben , dass die finkon, 
welche die gewonheit haben nach genossenem futter immer den Schna- 
bel an den Stangen des kätigs abzuwetzen, dabei an denselben etwa 
vorhandene unsaubere elemente leicht in ihre äugen bringen und dadurch 
einen entzündeten zustand derselben veranlassen. Aufschläge von schar- 
fem essig (t'unc acctum acre ponatur ei ad oculos usw.) wendet man 
dagegen nicht an, sondern man ist nur eifrig darauf bedacht die 
Ursachen des Übels hinwegzuräumen , indem man sowol die qualität des 
futters herabsezt als auch sich mit verdoppelter Sorgfalt der volkom- 
mensten reinhaltung des finkenbauers befleissigt. 

Für ganz unabhängig von diesem meist schnell vorübergehenden 
augenleiden der finken gilt ihre blindheit, welche, wie die finkenzüch- 



1) rciisch = luhJ. reinisch'^ Z. 



348 BECH, AUS ZEITZER HSS. 

ter beider orte übereiiistimmoml ])ezeiigeii, zuweileu bei alten fiiiken 
vorkünit und keinen andern grnnd zu liaben scheint als eben die 
sch^väcbe des hüliern alters; der singlust und singfähigkeit eines sol- 
chen vogels tut aber seine erblinduug gewölnilich gar keinen abbruch, 
und so hat auch das finkengeschlecht seine alten l)]inden säufrer 

GOTHA IM DECEÄIBER 1875. KAüL REGEL. 



EIN FRAGMENT AUS MUSCATBLUT. 

lle eyn bitt' galle 

ist ind' werlde Ir namt das gelt 

vnd lot dy vntraw prangen. 

n das sult ir wern 

das thut ir nicht, das gotlicli liclit 

ge'th genczlich n. 

der kristen glob vnd das reclit 

get gnicken uff der ftelczeu 

traw vnd vorheith n knecht. 

Vorstehende zeilen finden sich tiuf einem schmalen streifen papier, 
von alter (15. jahrh.) band geschrieben, eingelegt in den Codex uo. 17 
der Zeitzer stiftsbi]»liothek. Sie sind aus dem anfange des 75. lie- 
des von Muskatblut fed. Groote) entlehnt. Vor genczlich in dem 6. verse 
stellt noch gnihen, aber durchstrichen. Das ganze ist in unabgesezten 
Zeilen geschrieben; zur linken ist ein stück davon weggeschnitten. 



REGULAE DE MODO SCINDENDI PENNARUM. 

Prima, quod prima scissura debet transire ad medium penne. 
Secunda, quod rostrum debet liabere dimiditatem longitudinis penne 

scissure. \ 

Tertia, quod ab uua parte debet esse ita lata sie ab alia. 
i^uarta, quod scissure debent esse equales. 
Quinta, quod non debet directe incidi sed ol)lique. 
Sexta, quod scissura debet habere dimiditatem tocius rostri. 
Septima, quod non debet acuari directe sed oblique. 
Octrua, quod debet in dorso perspicualitea incidi. 
Nona, rostrum debet intrare (?j ad lineam penne. 

Aus einem Codex der Zeitzer domherrenbibJiotbek (IT), jahrli.), 
von alter Hand. 

ZEITZ. FEDUli iJECJI, 



349 



LITTEEATÜR. 

Willielin von »Viuloii , v\u Gedicht Ulrichs von Escbenbaeh, hrs^. von 
Wendelin Toiseher. Gedruckt auf Kosten des Vereins für Gesch. der 
Deutschen in Höh nie n. Praj; 1S7G. Connuission bei F. A. Brockhaus iu 
Leipzi{,'. XXXIV und 22:3 s. G M. 

Wir botjTüssen mit der ausgäbe des W. v. W. ein neues unternehmen, beti- 
telt ,, B iblio tliek der nilid. Litteratur in Böhmen, hrsg. von Ernst Mar- 
tin, mit Unterstützung des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen.^' 
Martin selbst hat schon im „Neuen Reich" 187G nr. 45 s. 721 fg. („Ein deutscher 
Dichter am bölimischen Königshofe") auf den vorliegenden I. Band hingewiesen 
und in treffenden Worten die Verhältnisse am böhmischen hofe und die bezüge 
desselben zur deutschen litteratur skizziert. Ulrich von Eschenbach in seinem 
W. V. W. bearbeitet eine legende Chrestiens von Troye für Wenzel II und flicht 
Züge aus seinem loben hinein. ,,Man erkont leiclit," sagt Martin, „in der mil- 
den auifassung des raubrittertums den stand des dichters, in der bezeichnung der 
Wenden als beiden ^ die meinung , welche die Deutschen an Wenzels hof von dem 
bildungssüinde der einheimischen Slaven hatten. Die neue wendung des stoftes 
aber sezt die mönchische gesinnung voraus, die Wenzel II von seinem geistlichen 
biograjihcn nachgerühmt wird und welche er allerdings vor allem durch die Stif- 
tung der abtei Königsaal bestätigte. 

Damit verband aber der könig eine ausgesprochene Vorliebe für die deutsche 
dichtung, wie sie auch sein grossvater Wenzel I und sein vatcr Ottocar II in 
hohem masse bewiesen hatten. War doch jener der beschützer Reinmars von Zwo- 
ter gewesen, dieser vom Tanuhuser und von Fridrich von Sunnenburg gepriesen, 
und auch im tode noch von deutschen sängern beklagt worden. Ulrich v. d. Tür- 
lin hatte seinen Willehalm, eine Vorgeschichte zu dem gleichnamigen gedichte 
Wolframs, König Ottokar zugeeignet. 

Wenzel II Hess sich von seinem landeskinde Ulrich von Eschenbach auch 
dessen Alexandreis widmen , unter ihm dichtete Heinrich von Freiberg seine fort- 
setzung des Tristan, seine crzählung vom h. kreuz, seine ritterfahrt des von 
Michelsberg, sowie ein ungenanter die kreuzfahrt Ludwigs von Thüringen. Bei 
seiner krönung 1297 bezahlte, wie eine elsässischc quelle berichtet, der könig sei- 
nen hofleuten alle geschenke zurück, die sie den spielleuten gegeben hatten. Wen- 
zels tod ward von Frauenlob beklagt. Und so werden wir wol auch in dem könig 
Wenzel, der als dichter dreier minnelieder genant wird, eben Wenzel II sehen 
dürfen; hat man doch als grund gegen diese annähme nur die kirchliche richtung 
Wenzels angeführt, als ob diese sich nicht mit sinn für dichtung und frauenschön- 
heit vertrüge." 

Der dichter der kreuzfahrt hat dem lobe der Böhmenkönige bekantlich etwa 
150 Verse gewiduiet. Er rühmt Wenzel I und seineu söhn Ottokar, dessen taten 

1) Auch Sarr.izenen werden sie oft im gedichte genant, Wilhelm selbst vers 3211 
im Morgenlande. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VIII. 23 



350 KINZEL 

er selbst sah (5469), besonders aber Wenzel II, auf den er Luc, 18, 14 anwendet: 
er lüirt gehöhet sicer so nidcrt sich seihen. Neben den algemeinon worten des 
Preises, die auf ihn gehäuft werden, linden sich auch genauere historische züge, 
wie 549G dö er was lomoi ze fremder haut, doch im gewarten riche lant, in kin- 
des wesene, ich liabe gehört von im siner klage tcort, um daz ei' niht ze gehene 
Jiet . we im daz von herzen tet. Im "Wilh. v. Wenden ist „die für Wenzel so 
ausserordentlich traurige zeit vom tode seines vaters bis zu seinem 12, jähre über- 
gangen — der konig hörte wol nicht gern davon erzählen" (Toischer vorr. XVI), 
Krzf. 5510 in hitziger liehe ger gotes dienst vor zucket er; allen orden geistlich in 
grözer demüt zu neiget er sich (vorgl. vorr. XXXIIl). Und 5534 fg. handeln von 
der ausdelmung seines reiches. 

Die historischen momente, welche Ulrichs gedieht enthält, bespricht Toi- 
scher in der einleituug s, XXIII fg. Quelle für dasselbe war der Guillaume d'Engle- 
terre des Crestiens (s. XIV). Bei der vergleichung . die Toischer anstelt, ergeben 
sich starke abweichungen von der quelle, die zu guusten zeitgeschichtlicher färbung 
gemacht sind. Eine dieser stellen hat Toischer nur erwähnt, oline sich auf den 
inhalt einzulassen, und doch fordert diese grade um so meJir zur beachtung auf, 
als sie lehrt , wie gewisse Vorstellungen gemeingut der zeit geworden waren und 
wie gewisse grosse ereignisse des vergangenen Jahrhunderts in dieser zeit, welche 
des historischen sinnes noch vielfach entbehrte, sich in der auschauung dieser dich- 
ter bis auf die naraen typisch gestalten. Wir haben an andrer stelle nachzuwei- 
sen versucht, wie der Verfasser der kreuzfahrt vermutlich nicht nur ein bearbeiter 
eines älteren gedichtes, sondern selbständiger compilator alles dessen war, was er 
an nachrichten über die kreuzzüge vorfand oder in eignem gedächtnisse bewahrte. 
Dazu gehört auch jener dunkle könig von Ubia, der nun einmal bleibenden ein- 
druck auf die gemüter gemacht hatte und in dem wir mit .Jänicke keinen andern 
als Leo von Armenien zu sehen vermögen, obgleich noch immer der nach weis zu 
fähren bleibt, woher ihm der name von Ubia zugekommen sei. Wir finden ihn 
im Wilh. von Wenden wider. Hier wird folgendes berichtet: 

Wilhelm komt zum patriarchen nach Jerusalem. Zu dieser zeit liegen (3316) 
die beiden im kämpfe mit den Christen: van Bahilön der soltän, der riche voget 
von Baldac, der von Hallap. zwüschen in doch was gesprochen ein fride etlich 
icochen. Er wird getauft: zugegen ist der bischof von BetlehOm (3411), Der 
Patriarch beredet ihn, am kämpfe gegen die gröz üherfluot der heidenschaft (3452) 
teil zu nehmen. Fiale er, so sei ihm die Seligkeit gewis, wie den beiden die 
höUe. Ulrich bemerkt: 3478 mich zuo erharmen diz hat, ivan sie sint gotes hant- 
getät. Vergl. Krzf. 7289 sie 2cären oiich lüte, got sie hat und sin almehtige kraft 
als menschen geschaft. — Wilhelm nimt das kreuz. Da lässt der sultan den frie- 
den aufsagen (3523). Es wird allen verkündigt: 3529 den werden hruodern er ez 
klaget von unser vrouwen spitül. die bruoder erz ouch niht verhal von dem spi- 
iäl sunt Johannes, des vil heiligen mannes. der künec von Uhiäne was siner 
brieve nicht äne. die herren von dem Tempel heten derselben rede exempel. Auch 
ein kreuzheer von jenseit des meers komt (3542). 

Ebenso heisst der könig im herzog Ernst (D). (4401 dem künege Uhiäne 
ißt von ausgelassen). Derselbe reim Uhiäne : äne 4534. 4554. 4468. : tväne 4401. 
:i)län€ 4841. 4877. 4926. Uhiän (auch dat.) : man 4411. 4933. 4955. 4753. : an 
4831. voti Uhiän (im verse) 4729. 4916. von Uhiäne 4818. Uhiän ist name des 
landes 4534. daz hiez Uhiäne 45.54. Dagegen heisst es in der Krzf. 606. 8154 



ÜBER WILH. V. WENDEN ED. T0I8CHER 351 

Uhia. Einfach entlehnung eines irtums anzunehmen verbietet also die tatsache, 
dass W. V. W., der dem Ernst sonst fern steht, zwar dieselbe form hat, umgekehrt 
aber der dichter der Krzf. , der überaus viele berührungen mit dem Ernst hat, in 
der namenforiii von ihm abweicht. 

Willielm ziert der Templeise rotte (358G). Das heidnische beer zieht heran: 
der soldän von liahilö uml der hcrrc von IJamusco nnd von llallap der voget 
(3595).' Ihre j^ötter uf kurratscheyi: Jupiter, Apollo, Machmet, Tervij,Mnt (3625); 
die beiden nach ininne geltes Jöne.^ Sie hofften die Christen gänzlich zu besiegen: 
WiUeludm daz nnderreit 3G47. (Dieser gebrauch von nndcrriten ist nicht häufig, 
vergl. Krzf. 7318. doch het den keiner der bestriten üf den tot, het ez niht under- 
riten der lantgrdve). 

Hier fehlt leider ein blatt wie noch 11 in der handschrift, und im folgenden 
erfahren wir nur noch im algemeinen, wie tapfer und siegreich Wilhelm war. Ein 
abschluss der episode fehlt. Erst später erzählt ein heimkehrender pilger der 
gemahlin des herzogs von seinem siege über des soldunes mite (iGK) — 470üj. Ein 
soldiuies naher mäc s})ielt auch in der Krzf. G582 eine rolle. 

Im übrigen gibt Toischer in der einleitung eine sorgfältige Untersuchung 
über die abfassungszeit des gedichtes (XXVIII fg.), ferner die nachweise über die 
einzige handschrift,^ die seinem texte zu gründe lag und über die abweichungen, 
welche er sich in der Schreibung einzelner formen und laute von der handschrift 
gestattete. Wir vermissen eine darlegung der sprachlichen Verhältnisse und der 
metrik, auf der die textgcstaltung Toischers beruht. Da er aber am ende ver- 
spricht, ein ander mal „über spräche und vcrs Ulrichs von Eschenbach, über sein 
leben und seine heimat zu handeln ," so muss man sich vorläufig eines entschei- 
denden Urteils begeben. Es genügt zu bemerken, dass wir das bisher ungedruckte 
gedieht, das einer Veröffentlichung wol wert war, in leserlicher gcstalt vor uns 
haben. 

Der dichter hat im ganzen verstanden , seinen stoff anmutig und interessant 
zu bearbeiten. Er ist an gewantheit dem geistlichen Verfasser der kreuzfahrt weit 
überlegen. Wie dieser rühmt er Wolfram, der von Dürngen Hermaii besser zu 
preisen verstanden habe , als er seinen fürsten (4364 Krzf. 1802). Er scheint in sei- 
nen lebensschicksalen mit dem grossen dichter ähiilichkeit gehabt zu haben, Vers 
2656 weist er auf seine dürftigkeit hin , wie sein Vorbild ; er verrät wie dieses, 
dass er verheiratet war (1595. cf. 690. 1256 fg.) , und dass er kinder hatte schliessen 
wir aus der liebe, mit der er von der erziehung der beiden söhne spricht und aus 
den Worten v. 6415 — 17. Wie sehr Wolfram sein Vorbild war, beweist jede seite. 
Er ahmt ihm nach bis auf Verwendung und construction der ihm eigentümlichen 
negativen verba und die Verbindungen mit zil ; aber immer durchaus geschickt, 
ohne dadurch im geringsten glätte und gleichförmigkeit seines stils zu beeinträch- 
tigen. Fast nirgends hat er zerhackte verse, in denen zusammengehörende worte 
getrent sind, wie der wenig jüngere Verfasser der kreuzfahrt. Dem gemäss sind 
dieselben auch glätter und strenger nach den gesetzen der mhd. metrik. Senkun- 

1) Babilo : Lamasco reimt Ernst 4G15. : au Krzf. 7700 neben Babilon. 

2) 3636 : schone, ebenso Krzf. 1320 u. ü. Vgl. auch W. v. W. 3705 WiUehal- 
tves überktr wibcn siufzec herzemtr gap. Krzf. 3129 an manegen Heiden herzenaer er 
fritmte werdem tcibe. ^^ 

3) Von den handscnrmen der Alexandreis handelt eine anni. s. XII. 

23* 



352 BERNHARDT 

gen fehlen seltener und anch kürzungen sind weniger häufig als dort. Leztere 
sind im vorliegenden texte bisweilen ausgeführt wie 3911 war>i usw. 4317 iccer, 
G4G2 iiKTr. noch dazu vor anlautendem vokal in der Senkung, während sie sonst 
meist dem leser überlassen sind wie 431G usw. — G470 der rar wesent rri scheint 
zu beweisen (vergl. 1G85 der rare fri) . dass das fem. gebraucht ist, also im reime 
dve rar kürzung anzunehmen. Hier war demnaeli wol vdre zu schreiben. Die 
eigentümlichkoit^n des dichters werden am ende der einleitung als mitteldeutsclie 
bezeichnet ; warum dann zwei mal tnon : suon (2602. 4712) gegen einen so gewich- 
tigen reim wie barnn : tuon 18G0 geschrieben ist? 

Doch für diese und ähnliche fragen warten wir auf des herausgebers ver- 
sprochene gäbe. 

BERLIN, JAN. 1877. KARL KINZEL. 



Absolute Participia im Gotischen und ihr Verhältniss zum griechi- 
schen Original, mit besonderer Berücksiclitiguug der Skeirein.s. 
Inauguraldissertation zur Erlangung der philosophischen Doc- 
torwürde auf der Georgia Augusta von Otto Lücke. Magdeburg 1876, 
58 selten. 8. 

Der Verfasser dieser scharfsinnigen und gründlichen Untersuchung will bewei- 
sen, dass die absoluten participialconstructionen „nicht ein natürlicher, urwüchsiger 
spross der gotischen spräche, sondern ein künstlich darauf gepfropftes reis" seien, 
dass sie nur dem genauen anschlusse des Übersetzers an sein original ihre entste- 
hung verdanken. Er weist zuerst nach, dass der Übersetzer sich keiner solchen 
fügung ohne Vorgang des Griechischen bedient hat; an zwei stellen, wo man dies 
vermuten könte, hat einfluss der Itala stattgefunden. Sodann folgt ein Verzeich- 
nis der 89 stellen, an denen im Griechischen gen. abs. steht, und es wird nun 
weiter gefragt, wie Vulfila diese stellen widergegeben habe. Zunächst ist 16 mal 
Umschreibung durch eine conjunction dafür eingetreten; gründe, die den Übersetzer 
zum umgehen des absoluten particips hätten nötigen oder veranlassen können , hat 
der Verfasser nicht zu entdecken vermocht. Dann werden die fälle erörtert, in 
welchen der gen. abs. „durch allerhand fügungen'' beseitigt ist, insbesondere stel- 
len, wie gaqumanaim Jmn im qap im PeilaUis awrjyfx^vojv aviüv alnev airrolg; 
hier sieht der Verfasser überall das sogenante participium coniunctum. Auf seite 23 
werden dann die 23 absoluten dative aufgezählt , dann die übrigen absolut gebrauch- 
ten casus, von denen einmal der genitiv, einmal der nominativ, zweimal der accu- 
sativ erscheint. Nun folgen auf s. 28 die 27 fälle, die at mit folgendem dativ und 
particip zeigen, in welchen der Verfasser „keine rein absolute structur des Goti- 
schen , sondern eine — wenn auch immer noch nicht völlig dem deutschen idiome 
angemessene, so doch bereits mehr angepasste — art der widergebung des grie- 
chischen gen. abs.*' erkent. 

Die grosse mannigfaltigkeit dieser constructionen , in Verbindung mit dem 
umstände, dass der griechische gen. abs. häufig, und zwar ohne ersichtlichen grund 
beseitigt, nie aber von dem Goten die absolute structur ohne griechischen Vorgang 
angewant sei , dies alles führt den Verfasser zu dem oben angegebenen Schlüsse, 
dass die absoluten participia nicht echt gotisch, sondern aus der nachahmung des 
griechischen textes hervorgegangen seien. 



ÜBER LÜCKE, ABSOL. PART. IM GOT. 353 

Hierf,'egen ist folgendes rinziiwendcu. Der gruiul , weshalb Viiltila die 
Umschreibung mittels der conjunetion vorzog , ist in vielen füllen allerdings erken- 
bar. Öfters hat er das zusammentreffen zweier dative vermeiden wollen, wie 
Lc. XV, 15, 11 bipc pan fracas allamma dcinavt]a(ivrng ui^oO niiria, XVIII, 40 
hipe nchva vas pan immu ^yyi'am'Tos uvroC. Ferner widerstrebt es ihm das 
unpersönliche rairßan absolut zu construieren; er sagt also zwar amlaualdja 
vaurpanamma ,,als der abend eingetreten war," geht aber vairpan dem dann als 
prädicat fungierenden nomen voraus, so tritt die eonjunction ein: hipch fian varp 
dags „als es tag ward." Über vaurpans ilags (jatils s. unten. So erklärt sich 
die Umschreibung Mt. XXVII, 57. Lc. IV, 42. XIX, 37. Mc. VI, 2. XV, 33. In 
anderen lallen mag doch der wünsch das zeitverhältiiis genauer zu bestimmen, 
auch wol eine blosse laune des Übersetzers die Umschreibung herbeigeführt haben. 

Ferner mag man immerhin in fällen wie (jaqmnanaim pan im, (mp im Pei- 
latus particij)ium conjunctum annehmen, obwol es sich nie wird beweisen lassen, 
dass Vultila nicht die absolute construction des Griechischen ebenso habe wider- 
geben wollen; aber Mc. V, 21 (usleipandin lesua, (faqeinun sik du imma (ha- 
ntofcaccvTog tov 'itjoov — tri «tTw) und Mt. IX, 27 müssen wir, wenn wir nicht 
der spräche unerhörte gewalt antun wollen, den dat. abs. anerkennen, und ebenso 
dann, wenn der zweite dativ von einer präpositiun abhängt, wie Mt. XXVII, U» 
sitandin pan imma ana staiiastola , insandida du imma qens is y.((x'h)(xtrov uvtov — 
TTQog itvTÖv. So noch Lc. VII, 6. XIX, 33. Mc. XI , 27, aber auch Mt. VIII, 1 
dalap pan atgaggandin imma — laistidedun afar imma y.cTußuvji avio) (so KL^, 
xKTußdvjog UVTOV BC) — r,y.oXovi^iiaav avjiö, wo demuacii wahrscheinlich eine 
selbständige absolute construction des Goten anzuerkennen ist. 

Auch aus den sogenanten absoluten nominativen, genetiven und accusativen 
ist kein beweis für des Verfassers behauptung zu entnehmen. Gieng nämlich der 
dat. abs., wie mir unzweifelhaft scheint, von dem temporalen gebrauche dieses 
casus aus, so ist der genet. abs. ebenso denkbar, da auch der genetiv temporal 
gebraucht ward, vgl. Neh. V, 18 vas fraquman dagis hviztih stiurains, Mc. XVI, 2 
fihi air pis dagis afarsahhate usw. Also invisandins sahbate dagis (Mc. XVI, 1) 
„als der sabbat bevorstand" (natürlich nicht ,,am bevorstehenden sabbat"). Von 
den zwei fällen des acc. absol. lässt der eine, Mt. VI, 3 Pak taujandan armaimi 
ni viti hleidiimei peimi hva taujip taihsvo peina, eine andere orklärung zu, der 
andere Mc. VI, 22 ist, wie ich jezt glaube, durch änderung [dauhtr für daiihtar) 
zu beseitigen , obgleich sich aus der temporalen anwendung des accusativs, wie 
Lc.VITI, 29 manag mel {noXXoTg /oövoig) fravalv ina, auch ein acc. abs. ableiten 
Hesse. Es bleibt der rätselhafte nominativ Mc. VI , 21 vaurpans dags gatils , für 
den ich keine andere erklärung weiss, als Ungeschick und nachlässigkeit des Über- 
setzers. 

Der Verfasser hat wol gefühlt, welches die achillesferse seiner dcduction sei; 
wenn Vulfila nur, um buchstäblich zu übertragen, den dativus absolutus erfand, 
warum wählte er denn nicht den casus, den ihm das Griechische bot? Die erklä- 
rung, die Lücke für die wähl des dativa gibt, der dativ sei ,,der dehnbarste casus 
des Gotischen," genügt nicht. Die structur mit at vollends vennag ich in keiner 
weise dem einflusse des Griechischen auf die gotische redeweise zuzuschreiben. 
Vulfila muss diese structuren vorgefunden haben , wenngleich vielleicht in beschränk- 
terer anwendung. Im Ahd. liegt die frage anders und bedarf überdies noch einge- 
hender Prüfung, bevor sie zu beantworten ist. 



354 SEILER 

Über den zweiten teil der abhandlung, der sich mit der Skcii'eins beschäftigt, 
kann ich mich kürzer fassen. Der Verfasser stclt sich hier auf den couservativen 
Standpunkt und meint die Ungeheuerlichkeiten des überlieferten textes durch die 
annalime erklären zu können, dass die Skeireins aus dem Griechischen übersezt sei 
und dass der ungeschickte Übersetzer sich in den constructionen seiner vorläge ver- 
wirrt habe. ,,Man versuche nur irgend ein stück der Skeireins ins original zurück- 
zusetzen , und man kann kein besseres hewcismittel für die richtigkeit der annähme 
einer Übersetzung überhaupt und speciell einer Übersetzung aus dem Griechischen 
in bänden haben." Dies hat der Verfasser für mohrerc stellen versucht; man kann 
aber nicht sagen . dass der beweis sehr einleuchtend ausgefallen sei , vgl. z. b. s. 46 
Infi^i] 6 vofiog ruiv ctyvoovvTMV tiiutoTtjuctTÖg rivog vöf.LOV iO^tro anodov dcifxctktiog 
xrti'(^eiot]g ticü r^f nanfußokijg, ,ufT« tovto avrtöv Tavrtjv dg viSmq ßalXövTiov xad^u- 
oöv X. T. X.. Glaubt der Verfasser wirklich, dass ein Grieche je geschrieben haben 
könne o vöuog f(h€To rouov und einen gen. abs. so ungeschickt würde angeknüpft 
haben? Welchem kirchenvater wird er sätzc zuschreiben wollen, wie tov xvqiov 
rroög äifeaiv ci/uanricüv xccl rijv öiüqeccj' tov ccyiov 7TVfi\u(iTog xcä {hSövrog avToTg 
xixvtt ßttGiUi'ng ytvtaS^ai? Doch auf nachforschungen nach dem griechischen origi- 
nale lässt sich der Verfasser wolweislich nicht ein. Er wird mir wol gestatten vor 
der band bei meiner annähme eines gotischen Verfassers stehen zu bleiben , der 
zwar hier und da ungeschickt schrieb, hier und da ein particip y.aTa auveaiv con- 
struierte, wie Homer und die tragiker unzählige male, aber doch nicht solche Unge- 
tüme von Sätzen hervorbrachte, wie jahai aiiJc diabiilau fr am anastodeinai nih 
naupjandin ak uslutondin mannan — ßatiih vesi vißra ßata gadoh, dessen 
werk dann jedoch das Unglück hatte einem überaus unwissenden und gedanken- 
losen abschreiber in die bände zu fallen. Dass diese eigenschaften des abschreibers 
sich nicht nur durch die verworrenen participialconstructiouen verraten, glaubte 
ich in meiner ausgäbe s. 618 fgg. für jedermann einleuchtend nachgewiesen zu haben. 

Ist nun aber die Skeireins ursprünglich gotisch verfasst, so fallen ihre abso- 
luten dative mit und ohne at gegen des Verfassers behauptung schwer ins gewicht, 
wenn auch die möglichkeit zugegeben werden muss, diese structuren könten 
sich durch Vulfilas Vorgang in der gelehrten spräche der gotischen geistlichkeit 
einigermassen eingebürgert haben, ohne ursprünglich gotisch zu sein. 

Wenn ich somit auch dem ergebnisse der vorliegenden Untersuchung meine 
Zustimmung verweigern muss, so widerhole ich doch zum Schlüsse ausdrücklich 
meine anerkennung ücs fleisses und des Scharfsinns, die der Verfasser dabei bewie- 
sen hat. 

ERFURT, AM 21. MJvBZ 1877. BERNHARDT. 



Quellen und Forschungen zur Sprach- und Culturgeschichte der 
germanischen Völker. Herausgegeben von Bernhard Ten Brink und 
Wilhelm Scherer, seit heft VIII auch von Elias Steinmeyer. Strass- 
burg, Karl J. Trübner. 1874 fgg. gr. 8. 

Diese saralung ist zunächst nur für die an der Universität Strassburg unter- 
nommenen arbeiten bestirnt, und verfolgt einen zweifachen zweck, einmal den, 
tüchtige doctordissertationen, seminararbeiten, gekrönte preisschriften u. dgl. der 
Vereinzelung zu entreissen , in den regulären buchhändlerischen betrieb aufzuneh- 
men und dadurch algemeiner bekant zu machen, zweitens den, ein gesamtbild auf- 



ÜBER QUELLEN UND FORSCHUNGEN 355 

zustellen dessen, was auf der jüngsten deutschen Universität für die deutsche phi- 
lologie geleistet wurde. Sie soll ein Zeugnis dafür ablegen-, dass auch die Univer- 
sität Strasshurg redlich mitgewirkt hat zur Versöhnung der })arteien, dass sie 
gekämpft hat im dienste der walirheit, die über der Scheidewand der nationen 
steht (heftVI, o5). Das unternehmen muss nach diesen beiden selten hin als ein 
durchaus zweckmässiges und zeitgeniässes bezeichnet werden. Indessen ist neben 
den Universitätsschriften das hinzutreten auch anderer arbeiten keineswegs aus- 
geschlossen und so finden wir unter den Verfassern auch altbewährte namen : Sche- 
rer, Heinzel , Schmoller. Das hauptcontingent freilich besteht aus jungen, bis 
dahin noch unbekanten aber zum grossen teil viel verheissenden kräften. Sie sind 
wol alle mehr oder weniger von Scherer herangel)ildet worden und arbeiten auf 
seine anregung hin und in seinem geiste. Scherer scheint mithin als die eigent- 
liche seele des Unternehmens angesehen werden zu müssen. Und man muss sagen, 
es ist eine reihe von tüchtigen leistungen , die )ins hiermit geboten wird . und ein 
ehrenvolles Zeugnis für die bestrebungen der jungen deutschen Universität und für 
die anregende Wirksamkeit Scherers an derselben. Mit — ich darf sagen — bei- 
spielloser rührigkeit ist das werk in angriff genommen , mit ungemeiner Schnellig- 
keit der druck von statten gegangen. Die vorrede des ersten heftes ist unterzeich- 
net am 2. juli 1874, bis ende 1876 lagen bereits 16 hefte vor. Der zweck der fol- 
genden Seiten ist, die ersten 12 hefte kurz zu charakterisieren, eins davon, das 8te, 
ausführlicher zu besprechen. Die samlung wird eröfnet durch eine arbeit Sche- 
rers selbst: 

I. Wilh. Scherer, Geistliche poetcn der deutschen kaiserzeit. 
Heft I. Zu Genesis und Exodus. X, 77 s. M. 2,40. 
Zunächst wird das Verhältnis zwischen der Wiener, Milstätter und Vorauer 
bearbcitung der Genesis erörtert. Scherer hält M. für eine bearbeitnng (um rei- 
nere reime herzustellen) , V. für eine totale Umarbeitung von W. — Das erste 
wird , so viel ich weiss , algemein zugegeben , betreffs des zweiten sind Wackerna- 
gel, litteraturgesch. s. 158. Diemer, Joseph (beitrage V) s. V und Vogt, PB bei- 
trage II, 210 fgg. andrer ansieht. — Weiter nimt Scherer für die Genesis sechs 
verschiedene Verfasser an. Gründe: an einzelnen stellen sind die nähte zu erken- 
nen, ferner verschiedene art der benutzuug des biblischen grundtextes. ver- 
schiedene stilmanicren , verschiedene anschauungcn und Interessen. Scherer sucht 
jeden der sechs dichter scharf in seiner eigentümlichen weise aufzufassen. Wei- 
ter geführt und neu begründet ist diese teilung durch Rödiger: Zeitschr, f. d. 
alt. XVIII, 263 fgg., den eine genaue Untersuchung der reime zu demselben 
resultate führt , nur dass er den I. teil , den Scherer auf zwei vortrage berech- 
net sein lässt, zwei Verfassern zuschreibt. Entgegengetreten der Schercrschen 
teilung ist Vogt PB II, 288 fgg. — Bei behandlung der Exodus weist Sckerer 
besonders darauf hin, dass sie das einzige alte umfangreiche denkmal mit regel- 
mässig viermal gehobenen Zeilen ist. Er empfiehlt daher dringend eine erschöpfende 
erörterung der metrik des gedichtes, verbunden mit einer kritischen ausgäbe, als 
grundlage einer mhd. metrik. 

Von Scherer sind in der samlung noch zwei arbeiten erschienen, die wir 
hier gleich anschliesscn: 

VII. Geistliche poeten der deutschen kaiserzeit. Heft 11. Drei 
samlungen geistlicher gedichte. 90 s. M. 2,40. 
Diese drei samlungen sind 1) die Milstätter. 2) Karajans fragmente (Sprach- 
denkmäler 109 — 112) die zwei verschiedenen gedichten angehören, 3) die Vorauer. 



356 SEILER 

Das princip der anordnung in der ersten und dritten * samlung wird klargelegt und 
ausserdem jedes in diesen drei samlungen enthaltene gedieht, besonders was den 
'poetischen stil und die lehensansehauuug und -Stellung der dichter betrift, genau 
charakterisiert. Überall werden die quellen, die tendenz, abfassuugsort und -zeit 
der gedichte nachzuweisen gesucht, auch die beziehungeu zu andern deutschen 
denkiuiilern aufgedeckt. Von einzelnem will ich hervorheben, dass der aus Köln 
stammende pfaffe Lamprecht seinen Alexander in Baiern verfasst haben soll, dass 
das gewönlich der frau Ava zugeschriebene leben Jesu ihr abgesprochen und in 
drei gedichte zerlegt, und dass das gedieht des priesters Arnold in 7 — 8 verschie- 
dene gedichte aufgelöst wird. 

XII. Geschichte der deutscheu dichtung im 11. und 12. Jahrhun- 
dert. 14G s. M. 3.50. 
Diese arbeit ist von den dreien die umfangreichste und bedeutendste, in die 
auch die resultate der beiden andern, sowie der deutschen Studien heft I. II auf- 
genommen sind. Abgesehen von der gleich zu besprechenden art der behandlung 
zeichnet sich diese litteraturgeschichte vor den andern durch zwei dinge wesentlich 
aus. Erstens ist die herkömliche einteilung des stoffes nach dichtungsarten und 
Unterarten, wobei immer innerlich zusammengehöriges äusserlich auseinander 
gerissen wird und man nur sehr schwer ein zusammenhängendes bild von den litte- 
rarischen bestrebungen einer bestirnten zeit und eines bestirnten ortes bekomt, fal- 
len gelassen. Die einteilung geschieht nach landschaften, so dass man deut- 
lich erkent. welche Interessen, neigungen und anschauungen in den einzelnen teilen 
Deutschlands vorwalteten, und wie sich dieselben wechselseitig ergänzten, befeh- 
deten und durchdrangen. Hiermit im Zusammenhang steht zweitens die genaue 
Scheidung des anteils, den die einzelnen stände, geistliche, spielleute, ritter an 
der litteratur hatten. Wenn dies auch in andern litteraturgeschichten keineswegs 
unberücksichtigt bleibt, so habe ich es doch zuerst hier in zusammenhängender 
und wirklich lebensvoller weise erörtert gefunden. Als besonders gelungen möchte 
ich den abschnitt II hervorheben, der die lebensgeschichte des deutschen spiel- 
manns und seinen daseinskampf mit dem geistlichen poeteu schildert. Über ein- 
zelne in dieser schrift behandelte denkmäler ist nähere auskunft gegeben von Sche- 
rer in der Z. f. d. alt. XX, 198 fgg. und 341 fgg. — Vgl. auch die rccension von 
Steinmeyer Z. XX, a. 234 fgg. 

Bei der kctüre der Schererschen Schriften muss man von vornherein fest- 
halten, dass es keineswegs Scherers absieht ist, nach allen seiten hin festbegrün- 
dete, unumstösslich sichere resultate zu liefern. Er spricht sich selbst einmal dahin 
aus, dass er sich stets bemühen werde, den mut des fehlens zu wahren. Diesen 
mut besizt er aber deswegen, weil es überall das endziel seines strebens ist, in 
den kern des geistigen lebens, sei es ganzer Völkerstämme, sei es einzelner dich- 
ter, einzudringen. Er betrachtet die dichterwerke nicht bloss x>bilologisch, sondern 
ebensowol ästhetisch und besonders — psychologisch. Daher finden wir bei ihm 
überall neue gesichtspunkte , ungeahnte zusammenhänge, glänzende Streiflichter. 
Nun ist es freilich leicht, ohne selbst gedanken zu haben, vom Standpunkte höhe- 
rer Solidität aus jemanden, der gedanken hat, anzugreifen und zu verhöhnen und 

1) Eins der zu dieser samlung gehörigen denkmäler, die sündenklage, ist seit- 
her mit anmerkungen und ergänzxmgen versehen und von ausführlichen erörterungen 
begleitet herausgegeben von Ködiger in der Z. f. d. alt. XX 255 — 323. 



ÜBER QUELLEN UND FORSCHUNGEN 357 

ich zweifle nicht, dass dies vielfach j^eschehen ist und geschehen wird. Und wer 
wolte leugnen, dass bei näherem eingehen vieles sich anders darstellen wird, als 
es Scherer tut? Er selbst gewiss am wenigsten. Aber wie sehr ist eine Wissen- 
schaft zu beglückwünschen, wenn sie einen Vertreter findet, der nicht nur kent- 
nisse und forschenden Scharfsinn, sondern der wirklich einmal gedankcn hat und 
dazu einen unifa>sendeu bliek , mag er auch unter umständen etwas kühn zu wcrko 
gehen. Alles dies trift bei Scherer zu. Es ist billig, dass dies ancrkant werde. 
Und wenn selbst keiner von seinen gedanken das riclitige träfe, so bräciiten seine 
Schriften doch den unschätzbaren vorteil lebendiger anregung, die von ihnen aus- 
gegangen ist und weiter von ihnen ausgehen wird. Dass insonderheit die lezte 
jener drei besprochenen Schriften auch von nichtgermanisten mit dem grüstcn 
Interesse gelesen ist, kann ich bezeugen. Ich glaube, dass an die Schererschen 
gedanken eine ganze reihe von höchst methodisch - statistischen abhandlungen über 
reim, versbau, stil, Sprachgebrauch usw. der einzelnen dichter anschiessen wird, 
wie es ja schon teilweise geschehen ist. Der streit dieser mag dann entscheiden, 
was richtig, was falsch ist. Das verdienst, einen lebendigen schwung in die deut- 
sche Philologie gebracht zu haben, wird Scherer bleiben. 

II. Ungedruckte briefo von und an Johann Georg Jacobi mit 

einem abrisse seines lebens und seiner dichtung heraus- 
gegeben von Ernst Martin. 00 s. M. 2,00. 
Ein interessanter beitrag für unsere neuere litteraturgeschichte. Von alge- 
meinerem Interesse als die briefe ist der lebensabriss des dichters (1740 — 1814), 
der — jezt wol ziemlich vergessen — damals durch die milde und Sanftmut seines 
Wesens aller mänrer herzen bezauberte und mit den hervorragendsten koryphäen 
unserer classisclien litteraturperiode in mehr oder weniger enger berührung stand. 
Wie für Freiburg, wo er seit 1784 lebte, ist er auch für Halle von besonderm 
interesse, wo er von 1766 — 69 das amt eines professors der philosophie und schö- 
nen Wissenschaften bekleidete; bei den hallischen damen machte er damals wegen 
seines alzuweiblichen wesens wenig glück. — Nicht hinreichend klar wird der Inhalt 
des bühnenspiels „Wallfahrt nach Compostell" durch die darstellung auf s. 19. — 
Weiteres über J. G. Jacobi siehe Z. f. d. altert. XX, 324 fgg. (Martin und Scherer). 

III. Liber die Sanctgallischen Sprachdenkmäler bis zum todo 
Karls des Grossen von Rudolf Henning. 159 s. M. 4,00. 

Eine aus der Schererschen schule hervorgegangene schrift, die des neuen 
und interessanten viel bietet. Ich werde nur die hauptjiunkte ihres Inhalts heraus- 
heben. In erster linie beschäftigt sich die schrift mit dem Vocabularius Set. 
Galli. Die geschichte der römischen cncyklopädistik wird kurz skizzirt und die 
deutsche mittelalterliche glossographie auf dieselbe zurückgeführt. Auch der Voca- 
bularius Set. G. stamt daher , aber nicht aus dem uns erhaltenen hauptwerke der 
römischen tncyklopädie, Isidors etymologien, sondern aus einer älteren schrift, die 
Suetons pratis noch näher gestanden haben muss. Diese herkunft des Vocabulars 
verführt Henning dazu, ihm auch denselben zweck unterzuschieben, den die römi- 
schen encyklopädisten verfolgten, nämlich sachliche belehrung. Da es nun an 
rein gelehrten begrifsreilien im Vocabular gänzlich fehlt, so soll Orientierung über 
die realen Verhältnisse in der geselschaft, in räum und zeit, in deren mitte der 
mensch hineingestelt ist, die absieht des Verfassers gewesen sein. Als ob es über 
derartige dinge einer Orientierung bedürfte oder je bedurft hätte. Der vocabular 
ist vielmehr (wie längst anerkant, vgl. Wrackem, liter. -, 44) ein hilfsbüchlein für 



358 SEILEE 

den Unterricht im lateinischen. Die novizen solten es sich einprägen, nicht um 
leichter die autoren zu verstehen, sondern um desto eher der lateinischen conver- 
sationssprache des klosters mächtig zu werden. Daher die bescliränkung auf das 
reale leben, daher die vielen vulgärausdrücke, daher die sachliche auorduung. Dass 
iler Verfasser die anordnung einer latcinisclien quelle entnahm , hat seinen grund ein- 
fach in der bequemlichkeit; er brauchte sich nun nicht selbst eine auszudenken. — 
Die handschriftliche Überlieferung wird genau abgedruckt und die innere Unordnung 
in der zweiten hälfte des vocabulares aufgedeckt. Lediglich durch annähme von 
blattversetzung , verkehrter falzung und Umschreibung (d. h. Verschiebung des 
blattschlusses um je eine seite) wird auf höchst scharfsinnige weise der Arche- 
typus reconstruicrt , oder vielmehr umgckeht vom Archetypus aus durch vier 
Zwischenstufen der überlieferte text abgeleitet. Der durch diese Operation gewon- 
nene urs}irüngliche text wird abgedruckt und mit erläuternden anmerkuugen 
versehen, denen ein genauer statistischer abriss der laut- und flexionslehre des 
Voc^ibulars folgt. Das zweite capitel untersucht zum zweck der Chronologie 
der litteraturdenkmäler den lautstand der deutschen eigennamen in den Set. Gal- 
lischen Urkunden, soweit dieselben sicher datierbar sind. Die bedenken, die 
referent PB beitr. I, 481 gegen die benutzbarkcit der eigennamen zu besagtem 
zwecke ausgesprochen hat , werden zurückgewiesen. Latinismen werden abgesehen 
von den endungen nicht zugelassen und das längere haftenbleiben altertümlicher 
fonncn grade in den eigennamen bestritten. Altertümliche namensformen werden 
teils dadurch erklärt, dass die betreffenden altertümlichkeiten zur zeit noch nicht 
aus der spräche aller redenden verschwunden waren; teils — und das ist die haupt- 
sache — werden sie auf rechuung romanischer Schreiber gesezt. Referent bekent, 
dass es ihm nicht klar ist, wie Romanen „die hochdeutsche lautentfaltung hem- 
men" können; auch verstehe ich nicht, wie ein romanischer Schreiber dazu kom- 
men soll, längst veraltete atavismen wider einzuführen, da er doch täglich die 
moderne ausspräche der laute hörte. Diese fragen bedürfen jedesfals noch einer 
eingehenden Untersuchung, der es dann auch vielleicht gelingt, zu durchgehenden 
resultaten über die auffassung deutscher laute durch romanische obren zu gelangen. 
"Wenn aber auch referent diese seine bedenken nicht als völlig gehoben ansehen 
"kann, so gesieht er doch zu, dass die im algemeinen durchgehende cntwickelung, 
die sich nach Hennings genauen Zusammenstellungen für den lautstand der eigen- 
namen ergibt, selir wol die Verwendbarkeit der urkundlichen eigennamen für die 
Chronologie gestattet. Somit sind also die resultate der Henningschen forschung 
über die entstehungszeit der litteraturdenkmäler anzuerkennen: Vocabularius 780, 
Paternoster und Credo zwischen 780 und 793, Benedictinerregel zwischen 800 und 
8<>4. Die Scherschen datierungen der beiden lezten denkmäler, der sie auf 789 und 
nach 802 sezt (D^ 519), sind damit bestätigt. 

In summa: die Henningsche arbeit ist eine durchaus gediegene leistung, von 
grossem fleiss und Scharfsinn zeugend und von keineswegs unbedeutenden resultaten. 

IV. Reinmar von Hagenau und Heinrich von Rugge. Eine litterar- 
historische Untersuchung von Erich Schmidt. 122 s. M. 3,60. 
Diese arbeit ist ebenfals auf Scherers anregung entstanden (vgl. Z. f. d. alt. 
XVII, 561 fgg-) und in seinem sinne gearbeitet. Sie entnirat ihren stoff dem 
grossen arsenal für litterarhistorische probleme und dissertationen , aus dem noch 
mancher schöpfen wird, des Minnesangs Frühling. Als einleitung wird die von 
dem Strassburger theologen Karl Schmidt 1873 zuerst ausgesprochene, höchst 



ÜBER QUELLEN UND FORSCHUNGEN 359 

wahrscheinliche Vermutung Aviderholt, dass Rcinniar nicht — wie man bisher 
annahm — aus Hag^enau, sondern aus Strasshurp^ stamme aus dem gcschlccht derer 
von Hagenouwe, Dann folgt eine analyse der gedichtc Heinrich von Ruggcs 
und eine kurze Charakteristik dieses dichters , sodann ein gleiches bei Keinmar. 
Nachdem so die beiden dichterischen persönlichkeiten in ihrer eigentümlichkeit 
einander gcgonüljergcstelt sind , werden eine ganze reihe von liedcrn und strojiben 
nach eingeliender psychologischer betrachtung von Keinmar auf Uuggc übertragen. 
Dann folgen anraerkungen und recht lesenswerte und interessante cxcurse über ein- 
zelne sprachliche und sachliche punkte, die in der deutschen lyrik bemerkenswert 
sind. Hierbei wird lobenswerter weise nicht unterlassen, auch aus der romanischen 
und lateinischen lyrik verwantes heranzuziehen. Zum schluss sezt sich Schmidt mit 
Kegel (Germ. XIX, 149 fgg.) auseinander. 

V. Die vorreden Friedrichs des Grossen zur histoiro de mon 

temps von Wilhelm Wiegand. 86 s. M. 2,00. 
Auch diese arbeit ist wesentlich psychologischer natur. Friedrichs bedeu- 
tung als geschichtschreiber ist bisher (trotz der trcflichen akademicausgabe seiner 
werke von 1846 — 1857) noch nicht gebührend gewürdigt worden. Der Verfasser 
wählt, um einen boitrag zur abhilfe dieses mangels zu liefern, ein kleines eng 
begrenztes feld, die beiden Avant-propos zu den beiden 1746 und 1775 entstan- 
denen redactionen der Histoire de mon temps. Scheinbar ist das nur wenig; beide 
vorreden sind nur kurz. Aber wie viel weiss der Verfasser aus der vergleichung 
beider herauszuentwickeln , allerdings mit hinzuziehung der werke selbst und der 
correspondenz des königs. Nicht nur die wandelung, die 30 jalire der schwersten 
sorgen und arbeiten in dem wesen des königs hervorgebracht haben, wird an der 
band der beiden Avant-propos dargelegt, auch ziel und methodo seiner geschicht- 
schreibung, seine Stellung zur französischen und deutschen historiographio wird 
erörtert und reiche und lebendige cinblicke in den charakter des grossen königs 
selbst eröfnct. Besonders gelungen sind die partien über die dankbarkeit des 
königs gegen seine Offiziere , die überall in seinen Schriften so schön hervortritt. 
Über seine riesige arbeitslust und arbeitskraft , über seine unbestechliche Wahrheits- 
liebe (nachgewiesen speciell an seiner vielfach angegriffenen darstcllung der pol- 
nischen teilung), endlich über seine Verachtung des Volkes und der von diesem aus- 
gehenden geschichtlichen bewegungen. — Am Schlüsse stelt Wiegand eine reihe 
von fragen auf über Friedrichs geschichtsschrcibung, die ihm besonders der Unter- 
suchung wert scheinen. Möge sein beispiel baldige und ebenso geschickte nach- 
folge finden ! Der riesengeist Friedrichs ist es wert , dem deutschen volke , das 
ihm so unendlich viel zu verdanken hat, nach allen selten hin erschlossen zu 
werden. 

VI. Strassburgs blute und die volkswirtschaftliche revolution im 
XIII. Jahrhundert von Gustav Schiiioller. "35 s. M. 1,00. — Dazu 
von demselben Verfasser: 

XI. Strassburg zur zeit der zunftkämpfe und die reforni seiner 

Verfassung und Verwaltung im XV. Jahrhundert. Mit einem 

anhang, entlialtend die reformation der stadtordnung von 1405 und die 

Ordnung der Fünfzehner von 1433. M. 3,00. 

Diese beiden höchst anziehend geschriebenen Schriften (von hause aus an der 

Strassburger Universität gehaltene rectoratsreden) führen uns auf ein gebiet, das 

von niemandem , der sici. mit dem erkentnis des mittelalterlichen lebens nach 



360 SEILER 

irgend einer seite hin beschäftigt, vcruaclilässigt werden solte. Die Überzeugung 
bricht sich ja allerdings täglich mehr balin, dass das geistige leben, und somit 
auch die litterarischen denkmäler, irgend einer zeit nicht voll gewürdigt werden 
können, ohne kentnis der gleichzeitigen volkswirtschaftlichen verliältnisse, die für 
die gesamten geistigen erscheinungen die materielle grundlage abgeben und das 
leben jedes einzelnen bestimmend gestalten. Nun fehlt es aber auf diesem gebiete 
noch sehr an handlichen, auch für den philologen, der seine hauptkraft auf andere 
gegenstände zu verwenden hat, geeigneten hilfsmitteln. Um so dankenswerter ist 
es, dass die beiden akademischen reden des berühmten nationalökonomen in die 
quellen und forschungen aufgenommen sind. In klarer und durchsichtiger spräche 
bieten sie ^-iel des wissenswerten (höchst anschaulich ist z. b. das Verhältnis der 
ministerialen zu ihren herren und ihre allmähliche loslösung von denselben dar- 
gestelt): die Verhältnisse Strassburgs , als einer der ersten städte des reichs (nach 
Schmoller war — im anfang des 14. Jahrhunderts — nur Köln grösser) sind schon 
an sich so interessant, dass man gerne bei ihnen verweilt. Nun sind aber die 
algemeinen Verhältnisse Deutschlands, wie das ja kaum anders möglich ist bei 
einem derartigen stoffe, überall in die darstellung mit hineingezogen, und die 
erscheinungen auf andern gebieten mit den volkswirtschaftlichen in Innern Zusam- 
menhang gebracht, so dass vor unsern äugen ein wirkliches bild der cultur entfal- 
tet wird. Um so grösser wird das Interesse und der nutzen, mit dem man beide 
Schriften liest. 

ES. Über Ulrich von Lichtenstein. Historische und litterarische 
Untersuchungen von Karl KnoiT. 104 s. M. 2,40. 

Nachdem der Verfasser die Lachmannsche Chronologie der gedichte Ulrichs 
durch eine exacte Untersuchung aller einschlagenden momente bestätigt hat, wen- 
det auch er sich einer psychologischen aufgäbe zu. Die dichterische persön- 
lichkeit Ulrichs wird durch eine eingehende betrachtung aller derjenigen ein Wir- 
kungen, durch die sie wesentlich bestirnt vrurde, analysiert. Der höfische minne- 
dienst trat ihm schon in früher Jugend nahe, seine moral war von der landläufigen, 
wie sie sich in den di'laktischen gediehten der zeit ^viderspiegelt , nicht verschieden, 
sein Verhältnis zur höfischen epik war ein sehr vertrautes , zur deutschen heldensage 
dagegen gleich null. Zur religion hatte er keinen innern zug, er raaclite sie äusser- 
lich mit, für den pabst war er dagegen eingenommen. Seine meister waren haupt- 
sächlich Wolfram. Reinmar und Walther, dem er nach Knorr auch den daktylischen 
rh}i;hmus entlehnt hat. Daran schliessen sich eingehende betrachtungen über reim 
und metrik Ulrichs. Nach einer auseinandersctzung über die bildliche spräche 
überhaupt und speciell über den unterschied zwischen vergleichen und metaphern 
folgt am schluss eine Zusammenstellung und besprechung derselben, wie sie sich 
bei Ulrich finden. 

X. Über den stil der altgermanischen poesie von Richard Heinzel. 
54 8. M. 1,60.1 

Die ältesten poesien verschiedener germanenstämme zeigen gewisse gemein- 
same eigentümlichkeiten der poetischen spräche. Diese können entweder bei jedem 
Volksstamme besonders .sich entwickelt haben und ihre gleichheit wäre dann die 

1) Das referat über diese schrift von Zimmer (Z. f. d. alt. XX, a, 294 — 300) 
zieht, ohne auf den Inhalt des buches selbst näher einzugehen, einige interessante paral- 
lelen zwischen alt- germanischem und alt -indischem loben. 



ÜBER QUELLEN UND FORSCHUNGEN 361 

folge gleicher naturanlage und ähnlicher geschicke der verwanten Völker. Sie kön- 
nen aber schon in der gemeinsamen Urheimat vorhanden gewesen sein; dann sind 
sie den einzelnen Völkern vererbt. Heinzel ist der lezteren ansieht. Um sie zu 
erhärten zieht er daher, indem er die ältesten germanischen poesien auf gewisse 
Stileigentümlichkeiten hin vergleicht, überall die Veden heran und weist nach, dass 
dieselben eigentümlichkeiten auch schon in ihnen sich fanden. 

Diese eigentümlichkeiten sind: 1 a) ersetzung der jironomina durch Syno- 
nyma; 1 b) trennung der apposition von dem dazugehörigen worte durch andere 
Satzteile : 1 c) ein an sich unverständliches pronomen ist vorangesezt , das eigent- 
liche wort folgt erst später. Hierbei sind die stellen Hildebr. 4 und Beov, 3111 
meines eraciitens von la auf Ib zu übertragen; denn heJidOs ist apposition zu 
sumifaturungds , folcägende zu hie. Ludw. 8: thia czcda wunniono ist übersezt: die 
reihe der freuden; es heisst wol in noch concreter bedeutung ,,die fülle der ein- 
künfte," 2) widerholung eines gedankens in paralleler form mit andern ausdrücken, 
also a a, womit die im ags. häufige durchkrouzung zweier gedanken nach der for- 
mel a b a b zusammenhängt. 3) trennung der attribute vom nomen durch andere 
Satzglieder und der zusammengehörigen Satzteile durch ganze ncbensätze. — Darauf 
werden die nordische, angelsächsische und deutsche poesie in hinsieht ihres reich- 
tnms an vergleichen und malerischen Umschreibungen zusammengehalten , es ergibt 
sich, dass die nordische poesie sehr reich an beiden ist, die angelsächsische schon 
viel ärmer, ganz arm die deutsche. Dieser reichtum der nordischen poesie an 
malerischen Umschreibungen (sog. kenningar) und die springende, stossweise dar- 
stellung (die Heinzel „lyrisch" nent) selbst soll nun nach H. aus der alten, der 
epischen vorangegangenen hymnenpoesie stammen, ja die lieder der Edda selbst 
erklärt er für Überreste jener alten hymnenpoesie. Ich glaube nicht, dass 
dieses richtig ist. Zwischen den ags. und nordischen Umschreibungen besteht ein 
wesentlicher unterschied. Jene sind in der regel einfach, poetisch schön und au 
sich verständlich, diese sind meistenteils künstlich, unverständlich, oft unpoetisch. 
Wogengänger, schwanenstr a sse, helmträger versteht man und es gefält; 
wer soll aber wissen, was ein brandungstier, ein habichtstände r, ein 
kampfap feibau m sein soll? Heinzel gibt selbst zu, dass später mit diesen 
kenningar durch die skalden entsetzlicher misbrauch getrieben ist, aber die anfange 
dieses misbrauches finden sich schon in der Edda. Auch jene springende manie- 
rierte art der darstellung entspricht nicht den begriffen, die wir uns von uralter 
hymnischer poesie zu machen pflegen. Die edda scheint viel eher ein product 
späterer kunstdichter oder wenigstens stark durch ihre bände gegangen zu 
sein. Sie haben den Eddaliedern wol auch erst ihre stro])hische form gegeben, die 
Heinzel freilich ebenfals für alt und ursprünglich erklärt. — Dass der mangel au 
vergleichen und Umschreibungen in der deutschen poesie auf rechnung römischen 
einflusses gesezt wird, erscheint mir erst recht als unwahrscheinlich. Erstens ist 
der mangel gar kein so absoluter (man vergleiche nur Otfrids sunnun päd, ster- 
rötw sträza, wega wolkono), zweitens können doch verschiedene, wenn auch ver- 
wante Völker den geschmack in verschiedener richtung entwickeln. — Den Angel- 
sachsen allein wird im folgenden die ausbildung eines epischen Stiles zuge- 
schrieben; diq deutsche poesie (Hildebr. Ludw., auch der Heliand) soll denselben 
ebensowenig bWitzen als die skandinavische. Der grund ist nach Heinzel das wol- 
behagen und die sieghafte freudigkeit der angelsächsischen edeln nach völliger nie- 
derwerfung der Briten. Nun zeigt sich aber schon bei dem geistlichen interpolator 
des Beovulf, noch mehr bei Kädmon und Kynevulf eine gewisse sentimentale 



362 SEILER 

erweichung des gemütes, von der die andern germanischen poesien ebeiifals 
nichts wissen. Diese erklärt Hoinzel durch die frühe und wirklich innerliche auf- 
nähme des Christentums. Den alten, urgermanischen typus sollen auch hier die 
Skandinavier, für die Heinzel überhaupt grosse Vorliebe hegt, bewahrt haben, näm- 
lich wilde, raasslose leidenschaftlichkeit. Die deutsche poesie kernt also 
bei Heinzel in jeder beziehung am schlechtesten weg. Die Skandinavier bewahren 
beinahe alles altüberlieferte, grundcharakter der seele, rhetorische formen , poetische 
ausdrucksweise, strophischen bau. Die Angelsachsen verlieren zwar vieles davon, 
besonders die altgermanische leidenschaftlichkeit, bilden dabei aber neue Vorzüge 
heraus, epischen stil und idealisierende Weichheit der empfindung. Die Deutschen 
dagegen verlieren nahezu alles alte gut und gewinnen nichts neues; sie sind arm 
und bloss. Zum glück fordern alle diese beobacbtungen, so feinsinnig sie an sich 
sind, doch sehr zur weiteren und eingehenderen prüfung heraus, der ich mich 
freilich zur zeit nicht zu unterziehen vermag. Entbehrt denn aber wirklich — um 
nur einige fragen aufzuAverfen — unser Hildebrandslied, unser Ludwigslied, unser 
Heliand (der ja — wie Sievers nachgewiesen — den Angelsachsen sogar als muster 
diente) des epischen stiles? sind die Eddalieder wirklich in allen jenen dingen so 
echt und urgermanisch? Haben nicht vielmehr wir Deutsche den alten einfachen 
stil, den die angelsächsische poesie nach seite der ausschmückenden widerholun- 
gen und der epischen breite, die nordische nach seite der Umschreibungen und 
der lyrischen abgerissenheit übertrieb? Ist nicht endlich sowol angelsächsische 
gefühlsweichheit als nordische Schroffheit erst eine weiterentwickelung jener ruhi- 
geren, gleichmässigeren , eine woltuende mitte haltenden art, die die Deutschen 
zeigen ? 

YIII. Ecbasis captivi, das älteste tierepos des mittelalters, her- 
ausgegeben von Erust Voigt. 150 s. M. 4,00. 

Der Verfasser , der schon früher im programme des Friedrichsgymnasiums zu 
Berlin von 1874 Untersuchungen über den Ursprung der Ecbasis veröflFentlicht hatte, 
bietet uns hiermit eine weitere , bedeutendere frucht seiner studien. Er verspricht 
femer in der vorrede, auch die ticrdichtungen des XII. Jahrhunderts herausgeben 
zu wollen. Es ist sehr erfreulich, dass in den lezten jähren die beschäftigung m.it 
der mittellateinischen litteratur, die einerseits an sich für die erkentnis des mittel- 
alterlichen geistes von grösserer Wichtigkeit ist, als jede einzelne nationallitteratur 
für sich genommen, andrerseits jede nationallitteratur auf schritt und tritt beein- 
flusst hat, einen tüchtigen aufschwung genommen hat. Freilich sind dieses erhöh- 
ten interesses bis jezt mehr diejenigen denkmäler teilhaftig geworden, die eigent- 
lich als Produkte der deutschen nationallitteratur anzusehen sind, als diejenigen, 
die über der nation stehend sich an die gelehrten des ganzen abendlandes wanten. 
Indess wird die fortsetzung des Ebertschen Werkes auch für diese lezteren viel tun. 
Gehen wir nun gleich zu der erwähnten, auf langen studien beruhenden, äusserst 
fleissigen und im ganzen durchaus gelungenen arbeit über. 

Der verfass.er hat es sich zur aufgäbe gestelt, die Ecbasis nach der kriti- 
schen, exegetischen, formal- und sachlich -genetischen und biogi'aphischen seite hin 
neu zu bearbeiten; sein buch zerfält in einleitung, text und glossar. 

Die einleitung begint mit dem zustande der westfränkischen klöster im 9. 
und 10. Jahrhundert. Der Verfasser berichtet von der von Clugny ausgehenden 
reform, wie sich dieselbe sehr bald auch über Lothringen verbreitet und im 
10. Jahrhundert unter dem bischof Gauzlin in das hauptkloster der ganzen TuUer 



ÜBER QUELLEN UND FORSCHUNGEN 363 

diöcese Set. Evre (Aper) eingeführt sei. Dann folgt der beweis, dass die Ecbasis 
wirklich dieser zeit (X. jahrh.) und diesem orte (Tüll) an^^ehüre. Hierbei wären 
einige arguinente besser weggeblieben. Da.ss die Normannen v. 1075 erwähnt wer- 
den , soll für das X. jahrh. beweisen , weil ihre raubzüge im XL schon aufgehört 
hätten. Indessen aus einer blossen erwähnung der Nuriuannen folgt doch nicht, 
dass ihre raubziigc zu der zeit, wo sie erwähnt werden, nocli fortgedauert haben 
müssen. Es ist doch einem schriftstoller erlaubt, auch Völker zu erwähnen, die 
mit dem seiuigen nicht in unmittelbarer berührung stehen; in demselben verse lOTf) 
kommen ja auch die Inder vor, die zu Deutschland nie irgend welchen bezug 
gehabt haben. 

Ferner folgert der Verfasser aus v. 685, wo von der in Lothringen gelegenen 
bürg des igels gesagt ist: 

Opjyida Chuonradi coguntur ad Jmnc famulari, 

dass diese igelburg feindlich hin überschaue auf die deutschen burgfesten im Elsass, 
dass also Lothringen damals niclit unter Konrad habe stehen können , was dann 
weiter nur auf Konrad I passen würde. Das folgt aber nicht aus der stelle. Der 
sinn ist einfach: die bürgen Konrads müssen ihr sich neigen, sind geringer als sie. 
Auf ein feindliches Verhältnis oder auf eine benachbarte läge der Konradischeu bür- 
gen darf aus v. 685 ebensowenig geschlossen werden, wie dies aus v. 683 für die 
Alpen möglich wäre. Zwingender ist das s. 12 vorgetragene argument: Die ecba- 
sis verdankt — wie sich aus dem prolog ergibt — aller walirscheinlichkeit nach 
einer durchgreifenden reform ihren Ursprung. Von den drei refurmen aJjer, die das 
kloster Set. Evre l)etrolien haben , passt — wie aus den im gedichte erwähnten und 
nicht erwäiinten deutschen königen folgt — nur die vom jähre Ö36. Folglich muss 
das gedieht bald nach diesem jähre al)gefasst sein.^ 

Der dichter ist ein Deutscher. Das folgt daraus, dass er auf die Franken 
(das sind die Westfranken-) nicht gut zu sprechen ist (284. 1140), und aus seiner 
liebe zu könig Heinrich. Die andern beweise, die Voigt noch anfülirt, halten nicht 
stich. Die von Grimm s. 325 beigebrachten germanismen sind fast sämtlich höchst 
zweifelhafter natur und beweisen um so weniger, da ihnen ebensoviel romanismen 
gegenüberstehen. Zu den drei von Voigt 14, 3 aufgezählten können hinzugefügt 
werden ille als artikel (36. 333. 560), ebenso iste 1176; s. darüber Raynouard: 
choix des poesies originales des troubadours I, 47 — b'd) , properare pi'O piscihus 
151 (s. Diez Gr. III, 173, der aus Gregor. Turon. anführt pi'operure pro episcoj)atu 
petendo, vgl. frz. partir pour), truita forelle 301 (frz. truite; vgl. Diez Gr. I», 44), 
vielleicht auch tultus für ablatus. Wäre es nicht eine fruchtbare aufgal^e, einmal 
die auf romanischem Sprachgebiet entstandenen mittellatein. denkmäler hinsichtlich 
des Wortschatzes, der bedeutungslehre uud der syntax mit den auf germanischem 
Sprachgebiet entstandenen einer genauen vergleichung zu unterziehen? Jezt, scheint 
mir, wird mit angeblichen germanismen und romanismen noch mancher unfug 
getrieben. Sodann sagt «ler Verfasser 8.14: ,,Der dichter verrät sich ganz deut- 
lich, wenn er den igel, der sich als einen wälschen grafen Cato aufspielt, den 
namen seiner bürg dem leoparden teutonice angeben lässt." Allein das tentonice 
687 ist nicht im gegensatz zum romanischen gesagt, sondern zum lateinischen; 

1) [Wilhelm Grimm, zur geschichte des Reims, s. 184 fg. sezt es wegen der 
beschatfenheit seiner reime in das elfte Jahrhundert. Z.] 

2) Der Verfasser citiert dazu Richer historia, leider aber weder Seitenzahl noch 
eapitel, so dass mau mit dem oitat gar nichts anfangen kann. 



364 SEILER 

der dichter denkt sieh die durch und durch mönchisch aufgefasste tierversamlung 
(vgl. unten s. 368) als lateinisch rodend. Dass der igel sich als einen grafen Cato 
aufspielen soll, ist wol nur ein versehen; er sagt (661), er sei vom goschlechte des 
srrossen Cato. Wenn er weiter 675 sich für einen markgrafen der Rutuler und für 
einen fahnenträger der Römer erklärt, so folgt daraus nicht, wie Grimm und Voigt 
meinen, dass er ein Italiäner ist. Es ist das ebensogut fabelei, wie der Esauhund 
332 und der Asaphschwan iU5 , im munde des aufsässigen igels zugleich heillose 
reuommisterei. V. 1140 erscheint er als Franzose , hier als Deutscher. Denn wie 
solte die bürg eines Franzosen deutschen uamen haben? Die namen der bürg und 
kammer sucht Voigt abweichend von Grimm nördlich von Luxemburg. Wie aber 
daraus die Wahrscheinlichkeit hervorgehen soll, dass des diehters wiege in der 
umgegeud von Luxemburg gestanden habe, ist unklar. Der dichter identificiert 
sich doch nicht mit dem igel, sondern mit dem kalbe, stamt also doch wol aus 
den Vogesen (71). Es folgt nun von seite 16 an eine Vorgeschichte des diehters 
in sehr farbenreicher spräche, wie man sie sonst in wissenschaftlichen büchern 
nicht eben gewohnt ist. Man vergleiche s. 17: ,,Die muntere forelle durfte nun 
sorglos in der sonne spielen, die hohen eichen und buchen schüttelten nicht mehr 
ihre bedächtigen häupter über den schläfer auf mosigem waldesgrund, nachtigall 
und amsel hatten den andächtigsten zuhörer ihrer süssen töne, den sie oft in lieb- 
liehe träume gewiegt hatten, verloren: er sass daheim, in die clausur gebaut, im 
schlaf- und bet-, im arbeits- und Speisesaal ein pflichtgemässes leben beginnend: 
ringsum feierliche stille, nur unterbrochen durch die stimme des lehrers und Vor- 
lesers, welcher die brüder zur ernsten feier der Hören berief, und äuge wie magen 
labten sich nach langem fasten an gepfeffertem bonenbrei." Diese glänzende dar- 
stellung steht mit der tendenz Scherers und seiner schüler, überall lebendig anre- 
gen zu wollen , im volsten einklange ; ich kann sie von diesem Standpunkte aus nur 
billigen; freilich hat hier die phantasie und freie combination des Verfassers die 
hauptarbeit getan ; denn überliefert ist von diesem ganzen idyll so gut wie nichts. 
Sehen wir nun zu, wie nach Voigt das leben des diehters, bevor er dichter wurde, 

verlaufen ist. 

Durch die reform des klosters von 936 wird dem „fidelen bummelleben," 
den fischzügen und waldstreifereien des jungen mönches ein plötzliches ende berei- 
tet. Da er sich indess nicht an ernste arbeit gewöhnen kann, wird er nach man- 
nigfachen geringeren strafen auf anordnung des abtes im klosterkerker eingespert. 
Er entflieht jedoch eines schönen tages, als „die sonne drausseu so lustig schien 
und alles, was im kloster lebte, die reiche weizen- und Weinernte einsammelte." 
Die folgenden Schicksale kann Voigt nicht mehr ganz sicher reconstruieren; er ver- 
mutet aber, dass der dichter entweder in weltliche gefangenschaft geraten oder 
von dem in der reform begriffenen nachbarkloster in haft genommen sei. Jedes- 
fals wurde er von seinem abte requiriert und betrat bald dieselben kerkerräume, 
die er vor kurzem verlassen , unter sehr verschlimmerten umständen von neuem ; 
„denn nach einer tüchtigen tracht prügel war ihm lebenslängliche einsehliessung 
als strafe bestirnt worden, wovon er bloss in dem einen falle entbunden wurde, 
wenn er den volgiltigen beweis seiner sitlichen und geistigen widergeburt erbringe, 
worüber sich der abt durch zwei oder drei ältere brüder, die als Vertrauensmänner 
und ärzte den kranken fortwährend beobachteten, bericht erstatten Hess."' Der 

1) Dieser (stilistisch mislungene) satz kann als treffendes beiapiel dienen, wie 
Voigt combiniert. Von alledem ist nämlich weder im gedieht selbst noch im prolog 



ÜBER QUELLEN UND FORSCHUNGEN 3G5 

unglückliche gefangene will nun die verlorene freih(;it wider erlangen durch eine 
tat, die der beredteste zeuge seiner Wandlung ist; so greift er zur feder und dich- 
tet die Ecbasis, die uns ja sowol in der aussenfabel von der errettung des kalbes 
als in der innenfabel von der geuesung des löwen eine art widergebui-t vorführt. 
So weit Voigt. Sehen wir nun , wolier der Verfasser diese ganze gcschichte hat, 
was an ihr richtig, zwcifelhait und falsch ist. Die quelle ist eine doppelte: erstens 
die ausdrückliclu-n angaben des pmloges, zweitens die allegorische aussenfabel. 

Im prolog beriihtet uns der dichter, er sei ursprünglich ein taugenichts und 
vagaut gewesen und habe daher den beinanien des esels erhalten. Diesen wünschte 
er los zu w^erden (8) und begann daher zu dichten , so schwer es ihn ankam und 
so sauer ihm die verse wurden, anfangs einen erhabenen stotF (30 — 33), dann, da 
er sein Unvermögen einsah, eine erdichtete fabel, die jedoch cbenfals viel nütz- 
liches enthalte. Er schildert uns dann den r